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Songs des Jahres 2025

In Zei­ten wie die­sen hel­fen ja vor allem Tra­di­tio­nen und Ritua­le: Jedes Jahr sit­ze ich also im Janu­ar vor mei­nem Mac­Book, schie­be zuneh­mend hilf­los Tracks in einer Spo­ti­fy-Play­list hin und her und ver­su­che, Hun­der­te Songs, die ich im ver­gan­ge­nen Jahr gehört habe, in irgend­ei­ne belast­ba­re Rei­hen­fol­ge zu brin­gen. Das neue Jahr kann, ja: darf, nicht rich­tig begin­nen, ehe ich nicht das alte mit einer mög­lichst objek­ti­ven, all­um­fas­sen­den Rück­schau abge­schlos­sen habe.

Aus der ers­ten Kalen­der­wo­che wird die zwei­te, drit­te und vier­te, lang­sam wer­de ich gestresst — und obwohl ich weiß, dass das hier nie­mand ernst­haft von mir erwar­tet, erscheint mir die­ses Hob­by-Pro­jekt, das eigent­lich harm­los, posi­tiv und lebens­be­ja­hend sein soll­te, zuneh­mend wie eine Last; eine Art musi­ka­li­sche Steu­er­erklä­rung. Mehr noch: Weil ich weiß, dass ich mir die­sen Druck aus­schließ­lich selbst mache, habe ich beson­ders schlech­te Lau­ne — so einen intrin­si­schen Stress ken­ne ich von den ande­ren Män­nern in mei­ner Fami­lie und dafür bin ich nicht in The­ra­pie gegan­gen!

Die­ses Jahr ist es zumin­dest ein biss­chen anders: Ich habe mich Anfang Dezem­ber bei Apple Music ange­mel­det — das ist ethisch immer­hin ein biss­chen bes­ser zu ver­tre­ten als Spo­ti­fy, außer­dem ist die Sound­qua­li­tät so viel bes­ser, dass ich Anfangs dach­te, ich hät­te ein neu­es Paar Ohren, und alle mei­ne Lieb­lings­al­ben erst­mal neu – also qua­si: zum ers­ten Mal – hören muss­te. Wenn man Musik die letz­ten 19 Jah­re als MP3s mit 160 kb/​s gehört hat, hat man kei­ne Musik gehört!

Die ande­ren Pro­ble­me aber blei­ben: So vie­le Songs, aber die meis­ten nicht öfter als drei, vier Mal gehört. Zumin­dest im Strea­ming — man­che Songs habe ich bei BBC Radio 6 Music bestimmt 20, 30 Mal gehört und sie sind mir damit auto­ma­tisch ver­trau­ter, lie­ber und wer­den am Ende ver­mut­lich höher gerankt wer­den. Und damit zeigt sich ja die gan­ze Absur­di­tät der ver­meint­li­chen Qua­li- und Quan­ti­fi­zie­rung: Es gehört eben­falls zur Tra­di­ti­on, dass ich zu irgend­ei­nem Zeit­punkt den Sinn des gan­zen Unter­fan­gens hin­ter­fra­ge. Und wen genau will ich mit so einer Rang­lis­te, die ich nun – mit Unter­bre­chun­gen – seit dem Jahr 2000 jedes Jahr anle­ge, eigent­lich noch beein­dru­cken?

Mit zuneh­men­dem Alter erscheint mir das Pro­jekt also immer sinn­lo­ser und trotz­dem mache ich erst­mal wei­ter (was auch eine sehr schö­ne Beschrei­bung für das Kon­zept „Leben“ an sich wäre). Weil es mir eben auch hilft, zurück­zu­bli­cken, zu sor­tie­ren, und so ein Jahr dann in einen Kar­ton zu packen und ins Schwer­last­re­gal zu stel­len.

Wenn ich die gro­ßen Trends und The­men von 2025 her­aus­ar­bei­ten soll­te, wür­de ich sagen: Die 1990er Jah­re sind wie­der da — und sie gehen nicht mehr weg. Von Brit­pop (und da rech­nen wir die Oasis-Reuni­on und das neue Rob­bie-Wil­liams-Album glei­chen Namens nicht mit rein) über Alter­na­ti­ve Rock ist alles zurück; jun­ge Acts erin­nern an Beck, Blur, Hole, Smas­hing Pump­kins und so wei­ter. Und was nicht nach den Neun­zi­gern klingt, klingt nach The War On Drugs.

Ansons­ten war ich sti­lis­tisch weit unter­wegs: Ich sehe in mei­ner Lis­te neben Nahe­lie­gen­dem wie Indie, Ame­ri­ca­na und Elec­t­ro auch fran­zö­si­schen Hip­Hop, Jazz, Klas­sik; ich zäh­le sechs deutsch­spra­chi­ge Songs (davon zwei in den Top 10), was es so ver­mut­lich auch lan­ge nicht mehr gege­ben hat, zwei nie­der­län­di­sche und was auch immer Rosalía da alles in „Berg­hain“ abfeu­ert. Zwei Cover-Ver­sio­nen des glei­chen Songs! Der längs­te Song ist 10:52 Minu­ten lang, der kür­zes­te 1:56.

Es sind 100 Songs, alle sehr gut, vie­le davon rich­tig, und ich hät­te sicher­lich noch viel mehr fin­den und auf die Lis­te packen kön­nen. Ihr könnt sie auf Shuff­le hören, aber das hier sind – Stand Jetzt – mei­ne Top 10 des Jah­res 2025:

10. Jalen Ngonda – Just As Long As We’re Together

Erst Anfang des letz­ten Jah­res bin ich durch mei­nen Kum­pel Ste­phan Kochs auf Jalen Ngon­das Debüt-Album „Come Around And Love Me“ (Dap­to­ne; Apple Music, Spo­ti­fy, Ama­zon Music, Tidal, You­Tube Music, Band­camp) aus dem Jahr 2023 auf­merk­sam gewor­den — und da haben wir gleich einen wei­te­ren Grund, die­se gan­zen Jah­res­bes­ten­lis­ten in Fra­ge zu stel­len, denn im Nach­hin­ein wür­de ich die­se fei­ne Soul/R&B/Motown-Platte ger­ne in mei­ne Top 10 jenes Jah­res packen (die aller­dings eh nicht so rich­tig exis­tiert).

Die gute Nach­richt: Jalen Ngon­da hat auch 2025 Musik ver­öf­fent­licht und „Just As Long As We’­re Tog­e­ther“ ist Son­nen­schein auf Vinyl (wenn man Musik noch auf Vinyl hört). Man ist sich beim ers­ten Hören sicher, die­sen Song schon seit der eige­nen Kind­heit von Mar­vin Gaye, The Tempt­a­ti­ons, The Four Tops, The Spin­ners oder The Jack­son 5 zu ken­nen, und stellt dann fest: Nee. Aber es fühlt sich genau­so an!

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9. Kae Tempest – Statue In The Square

Bis zum letz­ten Jahr war Kae Tem­pest immer nur am Ran­de mei­nes Sicht­felds auf­ge­taucht: span­nen­de Per­son (die Kar­rie­re begann weib­lich gele­sen, 2020 hat­te Kae Tem­pest ein coming out als nicht-binä­re Per­son, seit letz­tem Jahr spricht er von sich selbst als trans Mann), die Gedich­te, Roma­ne, Thea­ter­stü­cke, Essays und eigent­lich alle Arten von Tex­ten schreibt, span­nen­de Musik, aber näher beschäf­tigt hab ich mich nie damit.

Dann kam „Sta­tue In The Squa­re“, die ers­te Sin­gle des Albums „Self Titled“ (Island; Apple Music, Spo­ti­fy, Ama­zon Music, Tidal, You­Tube Music): Breit­bei­nig stellt sich der Song kon­ser­va­ti­ven Evo­lu­ti­ons­brem­sen und dem Nar­ra­tiv eines reak­tio­nä­ren Back­lashs ent­ge­gen; im Hin­ter­grund schwillt ein Beat, irgend­wie bedroh­lich, aber mit­rei­ßend. „They never wan­ted peo­p­le like me round here /​ But when I’m dead, they’ll put my sta­tue in the squa­re“, rappt Kae Tem­pest und errich­tet denen, die nie rein­ge­passt haben, die beäugt, ver­spot­tet und aus­ge­grenzt wur­den, eige­ne Denk­mä­ler. Eine Faust, die auf den Brust­korb trom­melt, an der Stel­le, wo das Herz ist.

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8. KORD – Das ist nicht New York

Auf deutsch­spra­chi­ge Tex­ten reagie­re ich in aller Regel sehr kör­per­lich: Ent­we­der will ich mich vor lau­ter Fremd­scham selbst ent­lei­ben oder mein Herz wird direkt frei­ge­legt, weil es zu groß für mei­nen Brust­korb gewor­den ist.

„Das ist nicht New York“ von KORD fällt in letz­te­re Kate­go­rie. Ich weiß gar nicht, bei wie vie­len Text­stel­len ich Gän­se­haut bekom­me. Es ist die Geschich­te einer Kind­heit in der deut­schen Pro­vinz im Wis­sen um das Kon­zept „USA“ (im Springsteen’schen Sin­ne, nicht im poli­ti­schen) bei gleich­zei­ti­ger Nega­ti­on des­sel­ben. Drauf gesto­ßen bin ich durch den Auf­tritt bei „Inas Nacht“, aber die gan­ze EP (War­ner; Apple Music, Spo­ti­fy, Ama­zon Music, Tidal, You­Tube Music, Deezer) gefällt mir sehr gut. Klingt, als hät­te Adam Gran­du­ciel von The War On Drugs Annen­May­Kan­te­reit pro­du­ziert, ist aber geil!

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7. Clipping – Keep Pushing

Das ein­zi­ge, was ich lan­ge über Clip­ping, jenes expe­ri­men­tel­les Hip­Hop-Trio aus Kali­for­ni­en, wuss­te, war, dass Dave­ed Diggs, Mar­quis de Lafayette/​Thomas Jef­fer­son aus „Hamil­ton“, dort sei­ne maschi­nen­ge­wehr­ähn­li­chen rap skills abfeu­ert.

Dann kam „Keep Pushing“ als Vor­ab-Sin­gle ihres fünf­ten Albums „Dead Chan­nel Sky“ (Sub Pop Records; Apple Music, Spo­ti­fy, Ama­zon Music, Tidal, You­Tube Music, Band­camp): Ein hyp­no­ti­scher Track, der sich immer wei­ter stei­gert und einen mit­reißt wie in einen Stru­del. Und jeder Stru­del führt nach unten: Es ist ein Song dar­über, in einer Welt, die um einen zer­fällt, immer wei­ter zu machen. Wobei die­ses „wei­ter machen“ im Text kon­kret bedeu­tet: Dro­gen­han­del.

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6. HAIM – Relationships

„Bezie­hun­gen: Oder soll man es las­sen?“, ist eine Fra­ge, die (mei­nes Wis­sens, aber ich hab auch bes­se­res zu tun) bis­her noch kein Medi­um gestellt hat. Dabei gäbe es in Zei­ten, in denen die kör­per­li­che Selbst­be­stim­mung von Frau­en in vie­len US-Bun­des­staa­ten wie­der ein­ge­schränkt wird; in denen das Mutt­chen am Herd als frag­wür­di­ger Social-Media-Trend „Trad­wi­fe“ eine über­ra­schen­de Renais­sance fei­ert; in denen meh­re­re Stu­di­en zu dem Ergeb­nis kom­men, dass die jüngs­te geschlechts­rei­fe Gene­ra­ti­on, Z, weni­ger Sex hat als die Gene­ra­tio­nen vor ihr; in denen Paartherapeut*innen zu Social-Media-Stars wer­den, genug Anläs­se, Bei­spie­le und Gele­gen­hei­ten, mal inten­si­ver über zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen nach­zu­den­ken.

HAIM machen das auf ihrem vier­ten Album „I Quit“ (Poly­dor; Apple Music, Spo­ti­fy, Ama­zon Music, Tidal, You­Tube Music), über das ich für die „Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Sonn­tags­zei­tung“ geschrie­ben habe, unter vie­len Aspek­ten; vor allem tun sie es in der ers­ten Sin­gle „Rela­ti­onships“, die Jahr­zehn­te (ehr­li­cher­wei­se: Jahr­tau­sen­de, aber mit sol­chen Kate­go­rien ist man ja hier­zu­lan­de lie­ber vor­sich­tig) gesell­schaft­li­cher Kon­ven­tio­nen in Fra­ge stellt und dabei so ver­gnügt klingt wie eine TLC-Sin­gle aus den 1990er Jah­ren: „Oh, this can’t just be the way it is /​ Or is it just the shit our par­ents did /​ And had to live with it in their rela­ti­onship?“

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5. Deep Sea Diver – Shovel

„Sho­vel“ von Deep Sea Diver aus Seat­tle wird schon des­halb immer einen beson­de­ren Platz in mei­nem Her­zen haben, weil wir damit unse­re kurz­le­bi­ge Musik-Video­blog-Serie „5 Songs, die Ihr die­sen Monat gehört haben soll­tet“ eröff­net haben.

Die­ser Wech­sel zwi­schen Stro­phe und Refrain, zwi­schen Selbst­zwei­feln und trot­zig-opti­mis­ti­schem „It’s taken care of“ reißt mich auch ein Jahr spä­ter immer noch mit.

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4. Lucy Dacus – Best Guess

Das ist einer die­ser Songs, die bei BBC Radio 6 Music rauf- und run­ter­lie­fen: Ein Lie­bes­lied dar­über, dass bei­de Part­ne­rin­nen altern wer­den; dass es viel­leicht nicht für immer hal­ten wird; dar­über, was man sucht und fin­det, und dass letzt­lich alles, was mit der Zukunft zu tun hat, immer auch eine Wet­te ist.

So abge­klär­te Gedan­ken zu einem wun­der­schö­nen, roman­ti­schen Love­song zu for­men, ist die gro­ße Stär­ke von Lucy Dacus. Nicht als trotz­dem, son­dern als des­halb. Was soll man denn auch sonst machen?

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3. Taal – Schwerelos

Auf deutsch­spra­chi­ge Tex­ten reagie­re ich …

Sor­ry, ich komm noch mal rein: Taal sind ein jun­ges FLIN­TA-Duo aus Köln. Cla­ra hat schon unter dem Namen Mar­ya­ka Musik gemacht und in der aller­al­ler­ers­ten Fol­ge unse­rer klei­nen Musik­sen­dung haben wir Mar­ya­kas Song „Grow“ gespielt. Zusam­men mit Tari ist Cla­ra Taal und die bei­den sin­gen auf Deutsch über gro­ße Gefüh­le.

„Schwe­re­los“ ist erst ihre drit­te Sin­gle, aber es war sehr, sehr unan­ge­foch­ten mein Som­mer­hit des Jah­res 2025. „Bei Dir den­ke ich, ich kann das“, ist – hands down – eines der auf­rich­tigs­ten, pas­sends­ten und süßes­ten Kom­pli­men­te, das je in einem Lie­bes­lied gemacht wur­de.

Text­li­che Ver­spre­chen knal­len natür­lich umso mehr, wenn sie auch musi­ka­lisch ein­ge­löst wer­den — und hier ist tat­säch­lich alles schwe­re­los, indi­go und so groß: Älte­re wer­den sich an Wir Sind Hel­den oder Mia erin­nert füh­len, ganz Alte viel­leicht an Nena, es ist auch ein Hauch von The War On Drugs zu erken­nen (wie eigent­lich aktu­ell über­all), vor allem ist es aber ein wun­der­schö­ner, unpein­li­cher, quee­rer Love­song!

Und wenn man ein­mal gese­hen hat, wie Cla­ra und Tari die­sen Song live mit einer Cho­reo unter­le­gen, die man nur als „selbst­be­wusst awk­ward“ bezeich­nen kann, wird die bei­den eh sofort in sein Herz schlie­ßen!

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2. Ider – Attachment Theory

Die­se merk­wür­di­gen neu­en Ver­öf­fent­li­chungs­kon­zep­te mit „water­fall stra­tegy“ und allem füh­ren dazu, dass Du als Act in zwei auf­ein­an­der­fol­gen­den Jah­ren in mei­nen Top 10 auf­tau­chen kannst: Letz­tes Jahr waren Ider mit „You Don’t Know How To Dri­ve“ auf Platz 6, jetzt sind sie mit „Attach­ment Theo­ry“ auf Platz 2: Ein trei­ben­der Song über Bezie­hun­gen, Rol­len­bil­der, Selbst­er­mäch­ti­gung und dar­über, aus alten Struk­tu­ren aus­zu­bre­chen. (Ich mer­ke gera­de, dass min­des­tens die Hälf­te mei­ner Top-10-Songs mit Bezie­hun­gen und Lie­be zu tun haben. Weiß mein Musik­ge­schmack etwas, das ich nicht weiß?)

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1. Wet Leg – Catch These Fists

Ich weiß noch ganz genau, wo und wie ich die ers­ten Tak­te von „Catch The­se Fists“ von Wet Leg zum ers­ten Mal bei „All Songs Con­side­red“ gehört habe. Ich wuss­te schon nach drei, vier Tönen, dass mich die­ser Song lan­ge beglei­ten und ver­mut­lich mein Song des Jah­res wer­den wird. Es war frü­her Mor­gen, die Son­ne schien und Hei­ko But­scher, der den VfL Bochum in der Sai­son 2023/​24 völ­lig über­ra­schend in der Bun­des­li­ga gehal­ten hat­te, fuhr auf dem Fahr­rad an mir vor­bei.

2025 ist der VfL dann abge­stie­gen, aber dazu passt ein Song, der die gan­ze Zeit damit droht, einem eins aufs Maul zu geben, natür­lich auch sehr schön: Rhi­an Teas­da­le und Hes­ter Cham­bers von Wet Leg wis­sen jeden­falls, wie man einen Span­nungs­bo­gen auf­baut und so rich­tig schön auf die Hörer*innen drauf­knüp­pelt. Man down!

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Und hier sind mei­ne Top 100 — bei Apple Music:

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Und auch noch mal bei Spo­ti­fy:

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Robbie’s Coming Home

„Rob­bie Wil­liams ist bei Take That aus­ge­stie­gen. Der Grund: Er möch­te end­lich mal gute Musik machen.“ Die­sen Witz riss ich im Alter von elf Jah­ren in der damals von mir mode­rier­ten Late Night Show (Publi­kum: mei­ne bei­den jün­ge­ren Geschwis­ter) und auch wenn der dort ent­hal­te­ne Boy­band-Burn der vor­pu­ber­tä­ren Genervt­heit über Klas­sen­ka­me­ra­din­nen, die das alles ganz toll fan­den, geschul­det war (und ich Take That heim­lich auch immer schon ganz gut fand — wenn auch nicht so gut wie East 17), möch­te ich mir mehr als 30 Jah­re spä­ter ein­fach mal attes­tie­ren: Ja.

Ich habe vor unge­fähr zwei Jah­ren schon mal über Rob­bies Früh­werk und des­sen Bedeu­tung für mei­ne eige­ne Musik­bio­gra­phie geschrie­ben. Jetzt hat er die Hei­li­ge Drei­fal­tig­keit des altern­den Pop­stars (Grea­test-Hits-Album mit Orches­ter­be­glei­tung, Net­flix-Doku, Bio­pic mit Affe) hin­ter sich und kann nach vor­ne gucken. Zumin­dest theo­re­tisch, denn das Cover sei­nes 13. Stu­dio­al­bums ziert ein Foto von Rob­bies legen­dä­rem Glas­ton­bu­ry-Wochen­en­de 1995, als er 21-jäh­rig mit den Gal­lag­her Brot­hers sei­nen Abschied von Take That recht zünf­tig beging — hier aller­dings schon muse­ums­reif aus­ge­stellt und von jun­gen Bil­der­stür­mern mit Far­be beschmiert.

Robbie Williams - Britpop (Albumcover)

Dazu der Titel: „Brit­pop“. Jene Par­ty, zu der Rob­bie mit sei­nen ers­ten bei­den Alben „Life Thru A Lens“ (1997) und „I’ve Been Expec­ting You“ (1998) reich­lich spät stieß, zu der er mit Songs wie „Old Befo­re I Die“, „Strong“, „No Reg­rets“, „Lazy Days“ oder „It’s Only Us“ aber durch­aus noch Signi­fi­kan­tes bei­zu­steu­ern hat­te. Er habe das Album erschaf­fen, das er nach sei­nem Aus­stieg bei Take That habe schrei­ben und ver­öf­fent­li­chen wol­len, erklär­te er dann auch beflis­sen bei der Ankün­di­gung im ver­gan­ge­nen Mai — und die Brit­pop-Rob­bie-Fans von damals dach­ten: „Been The­re Then“.

Das Album soll­te zunächst im letz­ten Herbst erschei­nen, wur­de dann wegen Tay­lor Swifts „The Life Of A Show­girl“ auf den Febru­ar ver­scho­ben, und schließ­lich ohne wei­te­re Vor­war­nung doch ver­gan­ge­nen Frei­tag gedroppt. Offen­bar arbei­ten Mega­stars inzwi­schen genau­so erra­tisch wie Behör­den, gro­ße Fuß­ball­ver­ei­ne oder der öffent­lich-recht­li­che Rund­funk. Viel­leicht lag es dar­an, dass Har­ry Styl­es, der Har­ry Kane zu Rob­bies David Beck­ham, letz­te Woche ein neu­es Album für den 6. März ange­kün­digt hat und der Alt­meis­ter dem (auch nicht mehr ganz so) Jung­star aus dem Weg gehen woll­te.

Tat­säch­lich ver­sprü­hen die ers­ten Songs des Albums – die ers­te Sin­gle „Rocket“ mit Tony Iom­mi von Black Sab­bath an der Gitar­re, „Spies“, „Pret­ty Face“ – eine ähn­lich jugend­li­che Luft­gi­tar­ren-Ener­gie wie das Williams’sche Früh­werk. Sie brin­gen aber auch über­ra­schen­de Erin­ne­run­gen an „Esca­po­lo­gy“ mit, das etwas zwei­schnei­di­ge, angeb­lich so „ame­ri­ka­ni­sche“ Album von 2002, das den Abschied von Rob­bies lang­jäh­ri­gem Song­wri­ting-Part­ner Guy Cham­bers (und damit nach Ansicht vie­ler: den Anfang vom Ende) mar­kier­te und die letz­ten wirk­lich gro­ßen Songs („Feel“, „Come Undo­ne“) ent­hielt.

„Pret­ty Face“ zitiert direkt Nir­va­na („Hel­lo, hel­lo, hel­lo, how low“), „Cocky“ (geschrie­ben mit Gaz Coom­bes von Super­grass) erin­nert ans eige­ne „Man Machi­ne“, „Bite Your Ton­gue“ direkt noch mal an „Rocket“. Stö­cke und Stei­ne, die Kno­chen bre­chen und „Human“ eröff­nen, hat­ten wir schon 2001 in „Toxic“, aber das geht ja alles eh auf einen alten Kin­der­reim zurück und über­haupt: War­um denn nicht nach 30 Jah­ren Solo-Kar­rie­re jetzt auch mal flei­ßig Selbst­zi­tat? „Brit­pop“ ist ja eh selbst­be­wusst meta — bis hin zur Idee, als Titel eine Gen­re­bezeich­nung zu neh­men, die zumin­dest damals von allen gehasst wur­de, die damit bedacht wur­den. Wir Alt-Fans aber neh­men dank­bar alles, nur nicht noch mal sowas wie „Rude­box“ oder das zwei­te Swing-Album!

Inhalt­lich wirkt es ein wenig, als sei er bei „Love My Life” aus dem Jahr 2016 hän­gen­ge­blie­ben: Wir waren mal jung und haben da viel (*zwink­er­zwin­ker*) erlebt; jetzt gera­de ist Fami­lie das Wich­tigs­te; wer weiß, wie viel Zeit uns bleibt. Das alles ist ja nun wirk­lich das exak­te Gegen­teil von Rock ’n‘ Roll, aber eben auch Lebens­wirk­lich­keit sei­ner Xen­ni­al fan base und von daher: Bit­te! „Youth is was­ted on the young“, hat­te Rob­bie ja schon 2001 in „Eter­ni­ty“ geklagt und dabei Geor­ge Ber­nard Shaw (mut­maß­lich) nicht zitiert.

Ob es jetzt wirk­lich noch ein Song mit „my life“ im Titel sein muss­te (hier: „All My Life“), sei mal dahin­ge­stellt, aber der Refrain ist schon wie­der so hym­nisch, dass man – das alko­hol­freie Getränk noch in der Hand – schon wie­der die Tanz­flä­che stür­men und sich brom­an­tisch in den Armen lie­gen muss! Außer­dem beschert uns Rob­bie mal wie­der – die Lis­te ist ja inzwi­schen lang – eine groß­ar­ti­ge Selbst­cha­rak­te­ri­sie­rung: „The only thing I’d miss is mis­be­ha­viour /​ I’ve made fri­ends with kno­wing that I’m stran­ge /​ Maso­chi­stic, but I’m always enter­tai­ning /​ And I know l’Il die, but l’Il never lea­ve the stage“. Klar, dass man so einen Song dann nicht etwa mit einem Knall been­det, son­dern 80er-Jah­re-mäßig aus­fa­den lässt.

„Bite Your Ton­gue“ gibt sich so etwas ähn­li­ches wie poli­tisch: „Wham bam, ain’t it a scam /​ Afgha­ni­stan and Viet­nam“. Wenn Rob­bie dann auch noch eine 80er-Jah­re-Band mit dem Todes­schüt­zen von Robert F. Ken­ne­dy gleich­setzt („Duran Duran is a Sir­han Sir­han“), steht fest: „poli­tisch“ in dem Sin­ne wie „Palim, Palim“ — aber auch dort hat ja inzwi­schen eine Umdeu­tung statt­ge­fun­den.

Mit „Mor­ris­sey“ (geschrie­ben mit Gary Bar­low!) lie­fert Rob­bie einen wei­te­ren Bei­trag zum Sub­gen­re „Lie­der über den The-Smit­hs-Sän­ger“, mit dem man inzwi­schen gan­ze Com­pi­la­ti­on-Alben fül­len könn­te, was natür­lich deut­lich erfreu­li­cher ist, als dem kom­plett durch­ge­dreh­ten Ras­sis­ten, Tier­rechts­hy­per­ak­ti­vis­ten und Gele­gen­heits-Musi­ker selbst wei­ter zuzu­hö­ren. 1

„It’s OK Until The Drugs Stop Working“ grüßt im Titel The Ver­ve (Rob­bie muss nach den Auf­nah­me­ses­si­ons Mus­kel­ka­ter vom Zwin­kern und Zuni­cken gehabt haben), erin­nert musi­ka­lisch aber über­ra­schend an den inzwi­schen auch schon 20 Jah­re alten Indiepop-Kra­cher „We’re From Bar­ce­lo­na“ — falls sich da außer mir noch irgend­je­mand dran erin­nern kann.

Klingt der Refrain von „Spies“, als wäre er in den „Cham­pa­gne Supernova“-Kelch gefal­len? Ja, klar. Ande­rer­seits: War­um denn auch nicht? Da könn­te man ja gleich die ver­meint­lich man­geln­de Ori­gi­na­li­tät der Gal­lag­hers kri­ti­sie­ren! Das Album wur­de geschrie­ben und auf­ge­nom­men, bevor Oasis wie­der die Band der Stun­de waren (und Richard Ash­croft und Cast zur Par­ty mit­brach­ten), jetzt passt plötz­lich alles zusam­men bei die­sem gro­ßen Welt­klas­sen­tref­fen.

Dabei gilt über­ra­schen­der­wei­se das, was The Hold Ste­ady in „Stay Posi­ti­ve“ über eine ganz ande­re Musik­sze­ne schrie­ben: „There’s gon­na come a time when the true sce­ne lea­ders /​ For­get whe­re they dif­fer and get big pic­tu­re /​ ‚cau­se the kids at the shows, they’ll have kids of their own /​ The sing along songs will be our scrip­tures“. Wenn „Brit­pop“ wirk­lich die ange­spro­che­ne Selbst­ver­wirk­li­chung ist und dabei noch so soli­den Fan-Ser­vice leis­tet, haben wir doch alle was davon!

Natür­lich gibt es das Album auch in einer „Delu­xe Edi­ti­on“, die die Dra­ma­tur­gie des eigent­li­chen Albums (das mit einer Schlaf­lied-Repri­se von „Pocket“ endet), ad absur­dum führt. Das aller­dings – Rob­bie bleibt Rob­bie – gleich sehr gründ­lich, denn der fina­le Song „Desi­re“, der die Son­der­aus­ga­be nach über einer Stun­de beschließt, ist eine „Offi­ci­al FIFA Anthem“, gesun­gen mit Lau­ra Pausi­ni, und min­des­tens so schreck­lich, wie man es ange­sichts des Fuß­ball­welt­ver­ban­des erwar­ten wür­de. Wenn raus­kä­me, dass der gan­ze Song von einer KI mit dem Auf­trag erstellt wur­de, eine schrei­end kli­schier­te Pathos­quatsch­schleu­der im Sti­le von Ima­gi­ne Dra­gons zu pro­du­zie­ren, wäre man nicht im Min­des­ten über­rascht — es wäre viel­mehr die kon­se­quen­te Fort­set­zung von Rob­bies Auf­tritt bei der Eröff­nung der Fuß­ball-WM 2018 in Mos­kau, bei der er der ver­sam­mel­ten Welt­öf­fent­lich­keit den Mit­tel­fin­ger ent­ge­gen­streck­te. Wenn die FIFA so ver­ant­wor­tungs­los mit Geld umgeht, ist es kein Wun­der, dass sie die Scheich­mil­li­ar­den und das „dyna­mic pri­cing“ braucht.

Wenn man die zusätz­li­chen Tracks aller­dings als Rechts­nach­fol­ger der B‑Seiten sieht – jenem aus­ge­stor­be­nen Medi­um, in dem Rob­bie damals ähn­lich pro­duk­tiv war wie all die gro­ßen Brit­pop-Bands -, dann ergibt es wie­der Sinn. Irgend­wie. „Sel­fi­sh Dis­co“ ist ein Aus­flug in ein ande­res Gen­re; „G.E.M.B.“ (das steht für „Green Eyed Men­tal Boy“) ein wei­te­res Gitar­ren­brett in der Tra­di­ti­on von „The World’s Most Hand­so­me Man“ (auch text­lich); und „Com­ment Sec­tion“ macht sich über Social-Media-Nutzer*innen lus­tig (inkl. gut gelaun­ter Ein­la­dung zum Shit­s­torm: „I’m a fan of K‑Pop and One Direc­tion“). Das haben von Tay­lor Swift über die Pet Shop Boys bis hin zu Mar­cus Wie­busch zwar wirk­lich schon alle durch­ex­er­ziert, aber Pop­kul­tur ist ja immer Spie­gel ihrer Zeit — und Social Media ist eben die Umwelt­ver­schmut­zung der Gegen­wart. 2

„Brit­pop“ ist das musi­ka­li­sche Äqui­va­lent dazu, wenn sich Män­ner über 40 – man­che mit Bier­bauch, man­che frisch getrennt, man­che gera­de wer­den­de Väter – zum gemein­sa­men Fuß­ball­spie­len tref­fen: Es sieht nicht mehr so ath­le­tisch aus wie frü­her; bei man­chen Aus­ru­fen hofft man, dass die eige­ne peer group gera­de nicht zuhört; das kon­su­mier­te Bier wird man mor­gen noch mer­ken — aber in einer Welt, in der man lie­ber gar kei­ne Nach­rich­ten mehr kon­su­miert, gibt die­ses Ritu­al ein Gefühl von Sta­bi­li­tät. Rob­bie Wil­liams hält auch mit 51 das Ver­spre­chen, das er uns im ers­ten Song sei­nes Solo-Debüts gege­ben hat: „And we will have /​ A jol­ly good time“.

Rob­bie Wil­liams – Brit­pop
(Sony Music, 16. Janu­ar 2026)
Apple Music
Spo­ti­fy
Ama­zon Music
Tidal
You­Tube Music
Deezer

  1. Aktu­ells­tes Bei­spiel: „Dear Ste­phen“ von den Manic Street Pre­a­chers, Zeit­ge­nos­sen der gro­ßen Brit­pop-Pha­se und im Jahr 2000 von Rob­bie schon in „By All Means Neces­sa­ry“ nament­lich erwähnt, aus dem ver­gan­ge­nen Jahr.[]
  2. Neben Umwelt­ver­schmut­zung.[]
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Kultur

In memoriam Alfred Grimm

Alfred Grimm war einer der bedeu­tends­ten Künst­ler, die Dins­la­ken je her­vor­ge­bracht hat, 1 er hat als Kunst­leh­rer am Theo­dor-Heuss-Gym­na­si­um zwei Gene­ra­tio­nen Hein­ser unter­rich­tet und er war – um mal die­se wun­der­vol­le For­mu­lie­rung zu ver­wen­den – ein Freund der Fami­lie.

In die­ser Funk­ti­on bin ich mit sei­ner Kunst auf­ge­wach­sen. Mit Tor­ten­stü­cken, die Deutsch­land reprä­sen­tie­ren soll­ten; mit Schach­bret­tern, auf denen sich Abgrün­de auf­ta­ten, und Röh­ren­fern­se­hern, in denen sich gan­ze Wel­ten ent­span­nen. Alles nicht „schön“ im kon­ven­tio­nel­len (also: lang­wei­li­gen) Sin­ne, alles weit ent­fernt von der Hei­me­lig­keit malen­der Arzt­gat­tin­nen, die die Dins­la­ke­ner Kul­tur­sze­ne in den 1990er Jah­ren domi­nier­te. Aber als Kind nimmt man ja erstaun­lich vie­les als gege­ben hin, und inter­es­sant waren sei­ne Objek­te, die in regel­mä­ßi­gen Abstän­den in der Stadt aus­ge­stellt wur­den und in eben­so regel­mä­ßi­gen Abstän­den für Empö­rung sorg­te, über die die Lokal­pres­se dann groß berich­ten konn­te, aus­ufern­de Leser­brief-Aus­ein­an­der­set­zun­gen inklu­si­ve, alle­mal.

Alfred Grimm (als Leh­rer hat­te ich ihn stets gesiezt; bei unse­rem letz­ten direk­ten Kon­takt vor nun­mehr auch erschre­cken­den elf Jah­ren hat­ten wir uns bei der Anre­de in ein aus­weg­lo­ses Ham­bur­ger-Sie-Sze­na­rio manö­vriert) war in Dins­la­ken gebo­ren und auf­ge­wach­sen, hat­te an der Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf stu­diert, was den besag­ten Dins­la­ke­ner Lokaljournalist*innen zeit­le­bens und dar­über hin­aus das Syn­onym „Beuys-Schü­ler“ für ihre Tex­te schenk­te, und war dann als Leh­rer für Kunst und (wenn ich mich rich­tig erin­ne­re) Bio­lo­gie an sein altes Gym­na­si­um zurück­ge­kehrt. Gleich­zei­tig hat er sein Leben lang als Künst­ler gear­bei­tet, Aus­stel­lun­gen gemacht und Mahn­ma­le im öffent­li­chen Raum geschaf­fen.

Mahnmal zum Gedenken an die Dinslakener Juden und deren Vertreibung (Künstler: Alfred Grimm)

Sein Mahn­mal zum Geden­ken an die Dins­la­ke­ner Juden und deren Ver­trei­bung wur­de 1993 ein­ge­weiht. Ich erin­ne­re mich noch an eine Prä­sen­ta­ti­on in sei­nem Ate­lier: Es war ihm ein beson­de­res Anlie­gen gewe­sen, das Grau­en des Natio­nal­so­zia­lis­mus ganz kon­kret begreif­bar zu machen; des­we­gen fin­den sich auf dem Lei­ter­wa­gen, mit dem die jüdi­schen Wai­sen­kin­der bei den Novem­ber­po­gro­men 1938 aus der Stadt gebracht wur­den, auch Kis­ten mit Schu­hen, Kno­chen und Gebis­sen, die an die Opfer in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern erin­nern soll­ten. Die Täter hin­ge­gen wer­den durch das Nega­tiv der Sil­hou­et­te eines uni­for­mier­ten Man­nes sym­bo­li­siert: ein Rah­men, in den man sich hin­ein­stel­len und so buch­stäb­lich in die Per­spek­ti­ve der Täter ver­set­zen kann. Das hat­te schon damals ordent­lich Wums.

Als die Stadt Dins­la­ken noch Geld hat­te und sich eine „Skulp­tu­ren­mei­le“ gönn­te, schuf Alfred Grimm die „Bau­stel­le“, eine Instal­la­ti­on, die auf den ers­ten Blick wie eine bana­le, ver­las­se­ne Stra­ßen­bau­stel­le aus­sah. Auf den zwei­ten lag dar­in ein toter Sol­dat, Gas­mas­ke und Stahl­helm noch auf dem Schä­del. Wie­der ver­such­ten sich Klein­bür­ger in Leser­brie­fen an der seman­ti­schen Ver­mes­sung des Kon­zepts „Kunst“ und ver­wech­sel­ten dabei per­sön­li­chen Geschmack mit Bedeu­tung. Wenn ich mich rich­tig erin­ne­re, wur­de das Werk ursprüng­lich vor der Haus­tür des städ­ti­schen Bau­de­zer­nen­ten auf­ge­baut, der die­sen Gruß auch wenig zu schät­zen wuss­te.

Was man in Zei­ten per­ma­nen­ter Maxi­mal­em­pö­rung im Inter­net ger­ne mal aus den Augen ver­liert: Pro­vo­ka­ti­on ergibt ja nur dann wirk­lich Sinn, wenn sie meh­re­re unter­schied­li­che (idea­ler­wei­se: ansons­ten ver­fein­de­te) Lager auf die Pal­me und so zusam­men­bringt: kon­ser­va­ti­ve Katho­li­ken und Second-Wave-Femi­nis­tin­nen, zum Bei­spiel.

Sein „Mut­ter-Erde-Stuhl“, ein Arran­ge­ment von klei­nen Fabrik­schlo­ten und ande­ren Sym­bo­len der Umwelt­zer­stö­rung im sehr vage ange­deu­te­ten Schoß eines abs­trak­ten weib­li­chen Unter­kör­pers auf einem sehr ech­ten Gynä­ko­lo­gi­schen Stuhl, hat über Jahr­zehn­te immer wie­der zu reflex­haf­ter Empö­rung geführt. Dabei tref­fen Alar­mie­rung und Kunst dort so viel ein­leuch­ten­der auf­ein­an­der als wenn man Kar­tof­fel­brei auf gerahm­te Bil­der wirft.

In sei­ner Kru­zi­fix-Rei­he nahm er den zum Möbel geron­ne­nen Leich­nam Chris­ti und tat ihm mit ver­schie­de­nen Mit­teln (Axt, Strom­ka­bel, Dro­gen) erneut Gewalt an. Hel­le Auf­re­gung unter den loka­len Kon­ser­va­ti­ven (was in einer Klein­stadt ja am Ende fast alle sind)! Ein zu Tode gefol­ter­ter Mann mag völ­lig okay sein (bzw. in Bay­ern drin­gend erwünscht), aber doch bit­te nicht so, dass man sein Leid auch noch erkennt! 2

Legen­där (womög­lich im wört­li­chen Sin­ne) die Geschich­te, wie er, der auf einem Bau­ern­hof leb­te und arbei­te­te, eines Mor­gens ein tot gebo­re­nes Lamm mit zur Schu­le gebracht haben soll, es aufs Leh­rer­pult leg­te und die Schüler*innen auf­for­der­te, es zu zeich­nen. Ich habe nie jeman­den getrof­fen, der per­sön­lich dabei gewe­sen wäre, wes­halb ich für die Wahr­haf­tig­keit der Anek­do­te nicht bür­gen kann, aber es macht Freu­de, mal kurz den Gedan­ken durch­zu­spie­len, was heu­te in Eltern-Whats­App-Grup­pen, auf Social Media und anschlie­ßend in der bun­des­wei­ten Bou­le­vard­pres­se los wäre. (Kann aber natür­lich auch sein, dass die Kin­der ein, zwei Tik­tok-Chal­lenges mit dem Kada­ver durch­füh­ren wür­den und ansons­ten wenig beein­druckt wären — man kann ja heut­zu­ta­ge gar nichts mehr ein­schät­zen oder auch nur unge­fähr mit einem frü­he­ren Jahr­zehnt gleich­set­zen.)

Theodor-Heuss-Gymnasium Dinslaken

Unter den Schüler*innen, die in Kunst-Leis­tungs­kur­sen von Alfred Grimm ihr Abitur abge­legt haben, sind auch mein Onkel Tho­mas, der spä­ter als Foto­graf in San Fran­cis­co Kar­rie­re mach­te, und Andre­as Deja, lang­jäh­ri­ger Chef­zeich­ner bei Dis­ney, der dort qua­si im Allein­gang das Sub­gen­re von gay Dis­ney (Scar, Jafar, Gas­ton) begrün­de­te, 3 wor­über ich auch schon seit Jah­ren schrei­ben woll­te. Zu vie­len ehe­ma­li­gen Schüler*innen hielt er über Jahr­zehn­te Kon­takt, för­der­te sie wei­ter und ver­folg­te ihre Ent­wick­lung mit Wohl­wol­len, womög­lich auch – zu Recht – mit etwas Stolz. Es wird Hun­der­te Men­schen geben, die auf die eine oder ande­re Art von ihm und sei­nem Wesen geprägt wur­den und heu­te in der – Ach­tung, Die­ter-Gor­ny-Wort! – Krea­tiv­wirt­schaft ihr Geld ver­die­nen, vor allem aber eben wei­ter krea­tiv tätig sind. Mein Vater, mei­ne Geschwis­ter und ich gehö­ren dazu.

„Immer wie­der gut, dass das Leh­rer­be­am­ten­tum sehr vie­le Künst­ler zumin­dest öko­no­misch geret­tet hat und das Poten­ti­al wei­ter­trans­por­tiert hat“, wie mein guter Freund und Kol­le­ge Tom The­len sehr gut erkannt hat.

Ich hat­te mei­ne Spiel­wie­se, wenig über­ra­schend, immer eher in den sprach­li­chen Fächern und mei­ne Spar­rings­part­ner in den dor­ti­gen Lehrer*innen gese­hen, aber die weni­gen Jah­re, die ich in der Unter- und Mit­tel­stu­fe bei Alfred Grimm Kunst­un­ter­richt hat­te, haben deut­li­che Spu­ren hin­ter­las­sen. Er woll­te, dass die Kin­der nicht nur „schö­ne“ Bil­der malen, son­dern auch dar­über nach­dach­ten, was sie da tun und war­um. 

Wobei sein Wir­ken weit über die Pro­duk­ti­on von Bil­dern und eine gro­be Ein­füh­rung in Kunst­ge­schich­te und ‑theo­rie hin­aus­reich­te: Ein­mal bot er uns an, ein paar Minu­ten frü­her in die Pau­se zu gehen, wenn wir die Natio­nal­hym­ne sin­gen wür­den. Über­rum­pelt, aber auch auto­ri­täts­er­ge­ben, stimm­ten wir die drit­te Stro­phe des Deutsch­land­lieds an und durf­ten den Klas­sen­raum ver­las­sen — eine ver­schro­be­ne (und damit zu sei­nem Ruf pas­sen­de) Bege­ben­heit, von der ich auch Jahr­zehn­te spä­ter nicht sicher bin, ob sie von ihm als kind­li­cher Spaß gedacht war, als prak­ti­scher All­ge­mein­wis­sens­test für jun­ge Bundesbürger*innen oder als Cha­rak­t­er­prü­fung im Bezug auf Obrig­kei­ten. Selbst die­je­ni­gen, die nach dem Abitur gar kei­ne künst­le­ri­schen Arbei­ten mehr durch­ge­führt haben, wer­den sich immer an ihn und sei­nen mit­un­ter unkon­ven­tio­nel­len Unter­richt erin­nern.

Alfred Grimm konn­te aber auch Geschich­ten erzäh­len: Wie sie als Kin­der im Nach­kriegs­deutsch­land auf einem Acker MG-Muni­ti­on gefun­den 4 und die­se im Klas­sen­raum exakt jenes Gym­na­si­ums, in dem er uns jetzt auch unter­rich­te­te, hin­ter einer Tafel depo­niert hät­ten, fern­ge­zün­det mit einer Lun­te, die sie aus Milch­fla­schen­eti­ket­ten zusam­men­ge­dreht hat­ten. Der Leh­rer habe sich gehö­rig erschreckt, habe empört den Schul­lei­ter geholt und Leug­nen sei sinn­los gewe­sen, weil ja wei­te Tei­le der Wand erheb­li­che, nicht schnell zu besei­ti­gen­de Explo­si­ons­spu­ren auf­ge­wie­sen hät­ten. 

Erst einen Tag vor sei­ner Todes­nach­richt habe ich noch an ihn den­ken müs­sen, als ich mich kurz über einen aggres­si­ven Ver­kehrs­teil­neh­mer in einem knall­bun­ten Opel geär­gert hat­te und mir zum wie­der­hol­ten Mal ein­fiel, wie er sich im Unter­richt mal über einen Mann echauf­fiert hat­te, der mit Akten­ta­sche unter dem Arm und „wip­pen­dem Gang“ die Stra­ße ent­lang gegan­gen sei. Er hat­te sei­ne kur­ze Erre­gung mit dem zeit­los-schö­nen Aus­ruf beschlos­sen: „Kei­ne Haa­re am Sack, aber wip­pen!“ (Über­trie­ben auf­merk­sa­me Zuschauer*innen des Baku­b­logs wer­den die For­mu­lie­rung wie­der­erken­nen. So kön­nen einen Men­schen prä­gen.)

Über Vater und Onkel blie­ben wir in den ers­ten Jah­ren nach mei­nem Abitur in losem Kon­takt, ein­mal – es wird auch schon 20 Jah­re her sein – tra­fen wir uns zufäl­lig in der Stadt und kehr­ten in das Café Mey­er in der Fuß­gän­ger­zo­ne ein, das damals noch exis­tier­te und regel­mä­ßig und ger­ne von ihm fre­quen­tiert wur­de. Jah­re spä­ter kon­tak­tier­te er mich noch ein­mal mit der Bit­te um publi­zis­ti­sche Unter­stüt­zung; ein Vor­ha­ben, das damals irgend­wie im San­de ver­lau­fen ist.

Aus Anlass von Alfred Grimms 80. Geburts­tag ver­an­stal­te­te das städ­ti­sche Muse­um vor zwei­ein­halb Jah­ren eine umfang­rei­che Retro­spek­ti­ve, mit der er es auch in die Regio­nal­aus­ga­be des Kul­tur­kampf­fach­blat­tes „Bild“ schaff­te (gut: es waren ja neben vie­lem Ande­ren auch nack­te Frau­en zu sehen). Ich bekam irgend­wie zu spät davon mit und habe es nicht dort­hin geschafft.

Nun ist Alfred Grimm im Alter von 82 Jah­ren über­ra­schend ver­stor­ben. Am kom­men­den Sonn­tag soll­ten Arbei­ten von ihm Teil einer Aus­stel­lung des Kul­tur­krei­ses Dins­la­ken wer­den, den er mit­be­grün­det hat­te.

Mein Mit­ge­fühl gilt sei­nen Hin­ter­blie­be­nen.

  1. Der Micha­el-Wend­ler-Witz schreibt sich an die­ser Stel­le selbst: []
  2. Wäh­rend ich die­sen Satz schrei­be, fra­ge ich mich, wie ein Kru­zi­fix eigent­lich auf Men­schen wir­ken muss, die nicht mit dem toten Erlö­ser an der Wand auf­ge­wach­sen sind. Wer kommt auf sol­che Ideen?![]
  3. Ja, ja: Es hat­te vor­her auch schon Shir Khan gege­ben.[]
  4. Allein auf den Gedan­ken, dass sowas da – natür­lich! – ein­fach rum­lag, hat­te uns noch kein Geschichts­buch gebracht![]
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Musik

Songs 11/​25

Ent­schul­di­gung, ich weiß, ich bin ein biss­chen spät dran. Aber ich muss­te noch eben ein Buch schrei­ben. Des­halb hab ich auch nicht so viel neue Musik gehört — das Mix­tape ist also ein biss­chen kür­zer als sonst und ent­hält ein biss­chen mehr Jazz und Deep House (mei­ne bevor­zug­te Schreib-Musik).

Es sind aber trotz­dem vie­le schö­ne Sachen dabei:

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Und weil Spo­ti­fy ja böse ist, gibt es die Mix­tapes jetzt auch bei Apple Music:

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Musik

Songs 10/​25

Like Roses covern Cher (und wie!), Haim brin­gen einen Bonus­track mit Bon Iver raus, Tay­lor Swift singt über Holz, Ash klin­gen zusam­men mit Blur-Gitar­rist (und Blog-Namens­ge­ber) Gra­ham Coxon wie Weezer, The Moun­tain Goats haben sich Ver­stär­kung in Form von „Hamilton“-Erfinder Lin-Manu­el Miran­da geholt, Brock­hoff chan­nelt die hal­ben 90er (also: den musi­ka­lisch guten Teil), Hem haben ihr Debüt­al­bum „Rab­bit Songs“ remas­te­red — und noch so viel mehr tol­le Sachen!

Hört ein­fach rein:

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In memoriam Franz Josef Wagner

Die Nach­richt vom Tode Franz Josef Wag­ners hat mich trau­rig gemacht.

Noch im Juli hat­te ich in der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung“ über ihn geschrie­ben und dar­über, wie er im Alter eher nach­denk­li­cher, offe­ner und inter­es­sier­ter wur­de als umge­kehrt.

Zu sei­nem Geden­ken lese ich Wag­ners viel­leicht bes­ten Text — zwei­fel­los aber einen der bemer­kens­wer­tes­ten Brie­fe an eine Kuh, der je in einer deut­schen Tages­zei­tung gedruckt wur­de:

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Nach­trag, 18.48 Uhr: Ich hab bei Über­me­di­en noch ein biss­chen mehr über Wag­ner geschrie­ben.

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Musik

Songs 9/​25

Wie schnell so ein Jahr ver­geht, merkt man vor allem, wenn man für jeden Monat ein Mix­tape zusam­men­stellt. Jetzt ist 2025 also zu drei Vier­teln durch. Okay.

Ich hof­fe, die Musik hilft:

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Fernsehen Digital

Less Than Zero

Die ARD wird beim deut­schen Vor­ent­scheid zum ESC 2026 nicht mit Ste­fan Raab koope­rie­ren. Das hat der Sen­der­ver­bund ges­tern der Deut­schen Pres­se Agen­tur (dpa) bestä­tigt.

„Spie­gel Online“ nahm die­se Mel­dung unter einer Über­schrift auf, die so rät­sel­haft, refe­ren­zi­ell und fremd­spra­chig ist, dass ich für einen Moment dach­te, ich hät­te sie viel­leicht geschrie­ben:

ESC-Vorentscheid ohne Star-Moderator: Next year from public broadcasting, zero points to Stefan Raab

Der Text schließt mit die­sem Absatz:

Der Vorentscheid soll Ende Februar im Ersten ausgestrahlt werden. Der nächste ESC steigt im Mai 2026 in Wien. Wenn alles glattläuft, gibt es nicht so häufig »zéro point pour l'Allemagne«

Der letz­te Satz ist Quatsch.

In den bald 70 Jah­ren des ESC hat es vie­le unter­schied­li­che Voting-Ver­fah­ren gege­ben und das aktu­el­le, das seit 2016 gilt, ist tat­säch­lich ein biss­chen unüber­sicht­lich, des­we­gen erklä­re ich es gern noch ein­mal in Ruhe: Zunächst wird der Rei­he nach in die Teil­neh­mer­län­der (die­ses Jahr: 37) geschal­tet, wo eine soge­nann­te spo­kesper­son die Jury­punk­te aus dem jewei­li­gen Land bekannt gibt — und zwar nament­lich nur für das Land, das zwölf Punk­te erhal­ten hat; der Rest (1–8 und 10 Punk­te) wird ein­ge­blen­det. Danach ver­le­sen die Moderator*innen die akku­mu­lier­ten Publi­kums­punk­te für jedes ein­zel­ne Land — und zwar in der umge­kehr­ten Rei­hen­fol­ge des Jury-Ergeb­nis­ses.

Die­ses Jahr hat­te Island kei­nen ein­zi­gen Jury­punkt bekom­men, war also als ers­tes mit den Publi­kums­punk­ten dran:

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Nun ist es mög­lich, dass ein Land kei­nen ein­zi­gen Publi­kums­punkt bekommt (was nicht bedeu­tet, dass nie­mand für die­ses Land abge­stimmt hat, son­dern dass es nir­gend­wo auch nur ein­mal in die Top 10 des Publi­kums gekom­men ist, denn jedes Land gibt immer nur den belieb­tes­ten zehn Songs/​Acts/​Ländern Punk­te). In die­sem, für alle Betei­lig­ten unschö­nen, Fall müs­sen die Moderator*innen dann so etwas sagen wie: „Coun­try XY, we’­re sor­ry, but you recei­ved zero points!“. Es fol­gen kurz fas­sungs­lo­se Stil­le, dann Buh­ru­fe, dann fre­ne­ti­scher Auf­mun­te­rungs­ap­plaus. (Ich weiß, wovon ich spre­che, ich saß 2021 in der deut­schen Kom­men­ta­to­ren­ka­bi­ne in der Ahoy Are­na von Rot­ter­dam, als vier Län­der in Fol­ge null Punk­te beka­men.)

Für Deutsch­land ist der Fall der öffent­lich ver­kün­de­ten null Publi­kums­punk­te in neun Jah­ren bis­her erst zwei­mal ein­ge­tre­ten: 2019 und 2021.

Dass man „häu­fig »zéro point pour l’Al­le­ma­gne«“ hören könn­te, ist beim aktu­el­len Voting-Ver­fah­ren aus­ge­schlos­sen, denn des­sen Pro­ze­de­re führt dazu, dass es pro Song Con­test maxi­mal exakt ein Mal vor­kom­men kann, dass ein Land „zero points“ erhält. Übri­gens aus­schließ­lich auf Eng­lisch.

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Leben Gesellschaft

Am Lehrgutautomaten

Nach dem Sieg der deut­schen Mann­schaft im Fina­le der Bas­ket­ball-Euro­pa­meis­ter­schaft der Her­ren über­kam mich ges­tern Abend – nicht zum ers­ten Mal – die Fra­ge, was zum Hen­ker eigent­lich der Begriff „Unter­pfand“ aus­drü­cken soll, der da in der deut­schen Natio­nal­hym­ne so herr­lich sper­rig her­um­steht.

Die­ses Mal hab ich ein­fach gegoo­gelt und die meis­ten pro­mi­nent plat­zier­ten Such­ergeb­nis­se bezo­gen sich expli­zit auf die Fra­ge, was die­ses Wort in der Hym­ne aus­drü­cken soll.

Die Inter­net­sei­te der Gesell­schaft für deut­sche Spra­che erschien mir eine ange­mes­sen seriö­se Quel­le zu sein. Aller­dings ließ mein Ver­trau­en in den Erklär­text ins­ge­samt deut­lich nach, als ich das hier las:

Gerade im Kontext eines internationalen Turniers wie einer Fußballmeisterschaft oder einer Olympiade ist der Ausdruck interessant, da er mit ähnlicher Bedeutung in zahlreichen anderen Sprachen existiert:

Eine „Olym­pia­de“ ist der Zeit­raum zwi­schen zwei Olym­pi­schen Spie­len. Ich weiß das seit der sechs­ten Klas­se, als es mir Herr Lehr­feld in einer Ver­tre­tungs­stun­de erklärt hat, aber ich wür­de sagen, dass man es nicht zwin­gend wis­sen muss, wenn man nicht gera­de als Sportreporter*in arbei­tet — oder halt für die Gesell­schaft für deut­sche Spra­che.

Die Gesell­schaft für deut­sche Spra­che hät­te es aller­dings auch leicht nach­le­sen kön­nen. Zum Bei­spiel auf ihrer eige­nen Web­site.

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Musik

Songs 8/​25

Wenn es doch nur irgend­wel­che Lied­zi­ta­te gäbe, die beschrei­ben, wie schnell so ein August dann auch wie­der vor­bei ist. Naja. Die Schu­le hat wie­der begon­nen, der Som­mer dreht ein paar Abschluss­run­den — und ich hab ziem­lich viel zu tun.

Trotz­dem sollt Ihr natür­lich Euer monat­li­ches Mix­tape bekom­men. Wie es der Zufall will, sind dies­mal eini­ge mei­ner abso­lu­ten Lieb­lings-Acts dar­auf: Ben Folds hat ein paar Songs für das „Peanuts“-Musical bei Apple TV+ geschrie­ben; Jack’s Man­ne­quin haben zum 20. Jubi­lä­um ihres Debüt­al­bums eine EP ver­öf­fent­licht, die fünf Songs von „Ever­y­thing In Tran­sit“ ent­hält, die nur mit Gesang, Kla­vier, Strei­chern und Per­cus­sion ein­ge­spielt wur­den; Demi Lova­to beginnt, nach­dem sie ihre Dämo­nen mit reich­lich Punk-Pop aus­ge­trie­ben hat­te, eine neue Power­pop/EDM-Ära; Maro hat eine Akus­tik-EP ver­öf­fent­licht (und das zau­ber­haf­te nie­der­län­di­sche Duo Lumi, mit dem sie im letz­ten Jahr auf Tour war, hat damit sei­nen ers­ten offi­zi­el­len Release); Her­bert Grö­ne­mey­er ist für den Moment auch ganz akus­tisch und dann bringt Car­ly Rae Jep­sen auch noch eine Spe­cial Edi­ti­on ihres Albums „Emo­ti­on“ raus, die eini­ge bis­her unver­öf­fent­lich­te Tracks ent­hal­ten wird.

Ich sag mal so: Viel Spaß damit!

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Politik Gesellschaft

They Knew She Was Trouble.

Vor­her lau­fen Songs von Tay­lor Swift. Ich bin wahn­sin­nig schlecht im Schät­zen von Men­schen­men­gen, aber es mögen schon an die 300 Leu­te sein, die da in der Bochu­mer Innen­stadt auf dem Dr.-Ruer-Platz, benannt nach einem frü­he­ren jüdi­schen Ober­bür­ger­meis­ter, der von den Nazis in den Sui­zid getrie­ben wur­de, in der pral­len Mit­tags­son­ne ste­hen und war­ten.

Fast scheint es denk­bar, dass das alles, die Musik und das über­wie­gend jun­ge Publi­kum, nur hier ist, damit die Lokal­pres­se spä­ter schrei­ben kann, Hei­di Rei­chin­nek sei „emp­fan­gen wor­den wie ein Pop­star“. Und tat­säch­lich hat die 37-Jäh­ri­ge, seit der Bun­des­tags­wahl Gesicht und Stim­me der Lin­ken, das Wir­ken jun­ger, erfolg­rei­cher Frau­en in der Pop­kul­tur beob­ach­tet und ver­stan­den, wäh­rend man beim Rest der bun­des­deut­schen Poli­tik immer das Gefühl hat, irgend­wo zwi­schen Andre­as Gabal­li­er, Heinz-Rudolf Kun­ze und The Boss­Hoss rum­zu­grün­deln. Zumal, seit Robert Habeck, der Her­bert Grö­ne­mey­er der Poli­tik, das Gebäu­de ver­las­sen hat.

Ein Mann wirft klei­ne Tüt­chen in die Men­ge; für einen Moment ist unklar, ob es sich um Gum­mi­bär­chen oder Kon­do­me han­delt. Es sind Gum­mi­bär­chen. Wenn sie vegan sind, könn­te sich Ulf Pos­ch­ardt trotz­dem empö­ren. Wenn sie nicht vegan sind, wür­den die Fans – und so kann man die Aller­meis­ten hier wohl bezeich­nen – sicher­lich ein Auge zudrü­cken.

Das Publi­kum ist natür­lich so, wie man es sich an einem Werk­tag in den Schul­fe­ri­en um 13:30 vor­stellt: Sehr vie­le jun­ge Men­schen, aber nicht nur Schüler*innen. Es gibt sie noch, die schwar­zen Punk-Ruck­sä­cke mit vie­len But­tons dran; dazu vie­le Hips­ter aus dem Ehren­feld oder der Speck­schweiz, die aus­strah­len, dass sie es zeit­lich ein­rich­ten konn­ten, den Co-Working-Space oder Third-Wave-Cof­fee­shop vor­über­ge­hend zu ver­las­sen; dazu die erwart­ba­ren Veteran*innen von Hof­gar­ten, Start­bahn West und Wackers­dorf.

Bevor es wirk­lich los­ge­hen kann, bit­tet Rats­mit­glied Horst Hoh­mei­er dar­um, Ret­tungs­we­ge frei­zu­hal­ten und sich „mehr in die Mit­te zu ori­en­tie­ren“. Ent­schul­di­gung, wir sind doch hier, weil das mit der Mit­te zuletzt eher als Holz­weg erschien?!

Dann, end­lich: Der erwar­te­te Auf­tritt. Hei­di­ma­nia, in der Nach­bar­stadt erwä­gen sie schon die Umbe­nen­nung in Rei­chin­nek­kir­chen. Rats­kan­di­dat Batı­kağan Pulat, der mit Hei­di (sie möch­te geduzt wer­den und nach 30 Jah­ren Klum ist es ja wirk­lich an der Zeit, sich den Kin­der­buch­klas­si­ker­na­men mal zurück­zu­ho­len) auf die Büh­ne kommt, ruft ent­zückt: „Ihr seid so sweet, hier ist so viel Lie­be. Mega!“, und ich — nun, ich bin 41 Jah­re alt und hier nur bedingt die Ziel­grup­pe.

Heidi Reichinnek und Batıkağan Pulat auf einer Wahlkampfveranstaltung der Linken auf dem Dr.-Ruer-Platz in Bochum am 21. August 2025 (Foto: Lukas Heinser)

Auch Hei­di ist natür­lich „geflasht“ und kom­pli­men­tiert das Publi­kum in jetzt wirk­lich per­fek­ter Pop­star-Aneig­nung: „Sowohl die Son­ne als auch Ihr blen­det!“ Vor ihr auf dem Platz zwin­kert ein Pla­kat der Lin­ken für die Kom­mu­nal­wahl der Gen‑Z freund­schaft­lich zu: „Geht Wäh­len, ihr Mäu­se“. Ich bin ein biss­chen ver­un­si­chert (und habe eh eine irra­tio­na­le Angst, dass Susan­ne Daub­ner an jedem noch so abge­le­ge­nen Ort plötz­lich auf­tau­chen und „Crin­ge, Dig­ger!“ sagen könn­te), möch­te mich aber vehe­ment nicht wie Tho­mas Gott­schalk füh­len und wäh­ne mich daher mit­ge­meint.

Sie freue sich, hier zu sein, erklärt Hei­di, würzt die­se Politiker*innen-Klischee-Äußerung aber mit einem Rund­um­schlag gegen den Nah­ver­kehr in NRW, die­se Acht-Bit-Simu­la­ti­on exis­tie­ren­der Infra­struk­tur, der auch wech­seln­de Ver­kehrs­mi­nis­ter und läs­si­ge Social-Media-Stra­te­gien der ca. 200 ver­schie­de­nen Nah­ver­kehrs­an­bie­ter nichts von ihrer abscheu­li­chen Unter­durch­schnitt­lich­keit neh­men kön­nen. Bei ihr ist es nur ein Halb­satz, aber es ist ein sehr emo­tio­na­les The­ma, bei dem sie mich sofort hat.

Schnell singt sie noch das Lob­lied des Ruhr­ge­biets; Malo­chertum, Struk­tur­wan­del. Es erin­ne­re sie hier an ihre Hei­mat im Osten, sagt sie, weil es da ähn­lich aus­sä­he, und das durch­aus wohl­wol­len­de Publi­kum ist jetzt für einen Moment wirk­lich ver­un­si­chert, ob das irgend­wie als Kom­pli­ment durch­ge­hen kann und wenn ja, als ein toxi­sches.

Es wür­de abso­lut nie­mand erwar­ten und auch gar nicht pas­sen, aber: Hei­di Rei­chin­nek hält hier kei­ne Bier­zelt­re­de. Per Social Media hat­te man im Vor­feld Fra­gen mit den Schwer­punk­ten Bochum und Jun­ge Leu­te ein­rei­chen kön­nen, von denen Batı­kağan jetzt eine Aus­wahl vor­liest. Das ist natür­lich dop­pelt cle­ver, bringt es doch Nähe und geht gleich­zei­tig auf Num­mer Sicher, denn nie­mand ist so doof, im Jahr 2025 noch ein Mikro­fon ins Publi­kum zu hal­ten — noch dazu bei einer Kli­en­tel, wo die Stim­mung zwi­schen zwin­gend not­wen­di­ger Kri­tik an der israe­li­schen Regie­rung von Ben­ja­min Netan­ja­hu und stump­fem Anti­se­mi­tis­mus, der aber natür­lich „anti­ko­lo­ni­al“ und „auf­klä­re­risch“ gele­sen wer­den möch­te, schwankt. Vor mir steht ein ca. 15-jäh­ri­ges Mäd­chen in einem T‑Shirt, des­sen schlich­te Sym­bo­lik eigent­lich nur so ver­stan­den wer­den kann, dass sie die Abschaf­fung Isra­els zuguns­ten eines Paläs­ti­nen­ser­staats for­dert. So unschön wie all­täg­lich die­ser Tage.

Es soll also bit­te nicht um geo­po­li­ti­sche Groß­the­men gehen, die lösen zu kön­nen wol­len schon die unend­li­che Schlicht­heit eines Donald Trump erfor­dert. Statt­des­sen: Wie kann man Jugend­li­che davon abhal­ten, rechts­ra­di­kal zu wer­den? Kei­ne ganz schlech­te Fra­ge an eine stu­dier­te Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin, die lan­ge in der Jugend­hil­fe gear­bei­tet hat. 

Die Ant­wort, nicht wirk­lich über­ra­schend, aber eben auch nahe­lie­gend und nach­voll­zieh­bar: Brei­te Ange­bo­te für Jugend­li­che, direkt vor der Haus­tür. Schul­so­zi­al­ar­beit, die jun­gen Men­schen das Gefühl gibt, gese­hen zu wer­den, bevor es rechts­ra­di­ka­le Grill­aben­de und Social-Media-Accounts tun. Sozia­le Infra­struk­tur als Absi­che­rung gegen den Rechts­ruck. Also das, was markt­ra­di­ka­li­sier­te Durch­op­ti­mie­rungs­fe­ti­schis­ten am Liebs­ten immer als Ers­tes kür­zen. 

Und dann, ein Hauch wohl­do­sier­tes Barack-Oba­ma-Gedächt­nis­pa­thos, das aber auch die ganz simp­le Wahr­heit ist: „Wenn Ihr Euch umguckt, ver­bin­det Euch mit den Men­schen um Euch viel mehr, als Euch tren­nen könn­te.“ Natür­lich greift Hei­di den poli­ti­schen Geg­ner immer mal wie­der an, aber Chris­ti­an Lind­ner und Fried­rich Merz blei­ben die ein­zi­gen Ver­tre­ter, die sie nament­lich nennt. Die AfD erwähnt sie als sol­che nur ein­mal; recht spät, als sie über deren Social-Media-Stra­te­gie spricht, die ja lei­der ziem­lich erfolg­reich sei. Anders als gewis­se bay­ri­sche Minis­ter­prä­si­den­ten, die erst glück­lich schei­nen, wenn sie ande­ren Par­tei­en minu­ten­lang Unfä­hig­keit unter­stellt haben wie ein Trin­ker in der Eck­knei­pe, der sich immer über sei­ne „Alte“ auf­regt, ver­sucht sie es lie­ber mit kon­struk­ti­vem Opti­mis­mus, der sich um etwas mehr bemüht, als „Zuver­sicht“ zu sagen. Gleich­zei­tig betont sie, dass Fort­schritt immer Zeit brau­che: „Wir ver­spre­chen Euch nicht das Blaue vom Him­mel“. Na gut, Wil­ly Brandt hat­te es, hier im Ruhr­ge­biet, auch am Him­mel ver­spro­chen. Und gehal­ten.

Die Fra­ge, ob sie wegen ihrer hohen Sprech­ge­schwin­dig­keit mal über eine Rap-Kar­rie­re nach­ge­dacht habe, ver­neint sie: kein Flow. Rhe­to­risch wäre sie den aller­meis­ten Deutschrap­pern weit über­le­gen und man ahnt, dass sie das weiß. Leu­ten, die mit 1.500 Euro net­to in Tik­Tok-Kom­men­ta­ren Mil­li­ar­dä­re ver­tei­di­gen, ruft sie zu: „Du musst die Stie­fel, mit denen Du getre­ten wirst, nicht auch noch lecken!“, um dann, welt­of­fen und humo­ris­tisch durch­aus gelun­gen, hin­zu­zu­fü­gen: „Nicht falsch ver­ste­hen: No Kink-Shaming!“ Und es scheint zu exakt glei­chen Tei­len plau­si­bel, dass sie die­sen Gag schon mehr­fach gebracht hat, oder er gera­de ein­fach so aus ihr her­aus­ge­spru­delt kam.

Man kann sich vor­stel­len, war­um die­se Frau Men­schen trig­gert, die unge­lenk vor iPads sit­zen und ver­su­chen, locker oder auch nur mensch­lich zu wir­ken, wäh­rend sie in eine Han­dy­ka­me­ra Social-Media-Fra­gen von jun­gen Men­schen beant­wor­ten — und zwar mög­lichst ohne „Tagesschau“-taugliche Wort­hül­sen, also qua­si nackt.

Es erscheint über­flüs­sig, das bei einer Mil­len­ni­al, die Social Media so gut beherrscht, noch ein­mal zu beto­nen, aber Hei­di ist natür­lich auch selbst­iro­nisch: „Wenn wir was kön­nen als Lin­ke, dann ist es Papie­re schrei­ben“, sagt sie und bezeich­net sich selbst als „Kom­mu­nal­nerd“. Sicht­lich begeis­tert stei­gert sich in die Details hin­ein, wie man die dau­ern­den Miet­preis­stei­ge­run­gen been­den könn­te, und bricht doch das Meis­te sehr gut run­ter und for­mu­liert ziel­grup­pen­op­ti­miert — also jung und aka­de­misch ange­haucht. 

Wenn sie mal eine Voka­bel aus dem Fremd­wör­ter­le­xi­kon holt, wird die so anmo­de­riert, dass die allein­er­zie­hen­de Kas­sie­re­rin aus Hof­stede dabei noch was ler­nen kann. Wie das Wort „Femi­zid“: „Das ist kein ‚Bezie­hungs­dra­ma‘ oder eine ‚Fami­li­en­tra­gö­die‘, son­dern das ist ein ver­fick­ter Mord.“ Und irgend­wo fällt wie­der einem Boo­mer das Mon­okel run­ter.

Nach einer hal­ben Stun­de ist das Q&A been­det, es soll noch genug Zeit für Fotos und Auto­gram­me blei­ben: „Stellt Euch bit­te in einer Rei­he auf!“ Ich habe mir im Alter von elf Jah­ren mal die Unter­schrift von Hei­ner Geiß­ler auf dem Neu­tor­platz in Dins­la­ken geholt, weil ich den aus der Zei­tung kann­te, und ver­wah­re das Auto­gramm von Wil­ly Brandt, das mir ein Kol­le­ge mei­nes Vaters mal über­las­sen hat, wie einen Schatz (in dem Sin­ne, dass ich es erst­mal suchen müss­te), aber das hier heu­te ist nicht mei­ne Par­ty.

Man kann es selt­sam fin­den, dass Hei­di der­art abge­fei­ert wird („Wie ein Pop­star“, kommt, schreibt es, „WAZ“!), aber wenn man kein mit­tel­al­ter, wei­ßer Mann ist, mit Hemd, Kra­wat­te und Anzug ver­wach­sen, fin­det man in der Poli­tik immer noch auf­fal­lend weni­ge Men­schen, die so aus­se­hen wie man selbst. Solan­ge in der Uni­on (und durch­aus auch an ande­ren Stel­len) nie­mand merkt, wie wenig reprä­sen­ta­tiv die immer­glei­chen Grup­pen­fo­tos voll geklon­ter stell­ver­tre­ten­der Spar­kas­sen­fi­li­al­lei­ter sind; solan­ge Phil­ipp Amt­hor so etwas wie fri­schen Wind ver­kör­pern soll; solan­ge die SPD, Regie­rungs­par­tei in 23 der ver­gan­ge­nen 27 Jah­re, sich wie ein ideen­lo­ser nas­ser Sack durch jede Mane­ge und jeden Ring schlei­fen lässt; so lan­ge wer­den es die­se Par­tei­en schwer haben, auch nur annä­hernd so einen Hype zu erzeu­gen wie Hei­di Rei­chin­nek es gera­de für die Lin­ke tut. 

Sie schließt mit „Auf die Bar­ri­ka­den!“, dann läuft wie­der Tay­lor Swift.

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Einmal gemischte Gefühle, bitte!

Chris­toph Kra­mer ist mir grund­sätz­lich schon mal sym­pa­thisch, denn er hat sowohl für den VfL Bochum (2011–2013) als auch für Borus­sia Mön­chen­glad­bach (2013–2015, 2016–2024) gespielt. Das haben an nam­haf­ten Spie­lern sonst eigent­lich nur Kevin Stö­ger und Micha­el Front­zeck geschafft — und über Letz­te­ren redet in Städ­ten, in denen er mal unter Ver­trag gestan­den hat, nie­mand gern.

Außer­dem ist Chris­toph Kra­mer einer der weni­gen Fuß­ball-Exper­ten im deut­schen Fern­se­hen, die ich nicht bei jedem zwei­ten Satz schüt­teln möch­te, 1 und der bis­her ein­zi­ge Mensch, der Fuß­ball­welt­meis­ter wur­de und einen Roman auf Platz 1 der „Spiegel“-Bestsellerliste hat­te.

In einer Welt, in der es Sport­me­di­en erwäh­nens­wert erscheint, wenn ein Fuß­ball­pro­fi Bücher liest, gibt es natür­lich schnell ein gro­ßes Hal­lo, wenn einer ein Buch schreibt. Die Öffent­lich­keit – Sport- und Kul­tur­me­di­en in sel­te­ner Ein­tracht Braun­schweig, sowie der durch­schnitt­li­che Dul­li auf Social Media, der ja einem weit unter­durch­schnitt­li­chen Dul­li in der Eck­knei­pe ent­spricht – wit­tert ein wei­ches Ziel. So wie wir Musi­ker bei Bene­fiz-Fuß­ball­tur­nie­ren für selbst­ver­ständ­lich hal­ten, aber bei Fuß­bal­lern, die im Trai­nings­la­ger oder andern­orts zur Gitar­re grei­fen, schon mal in vor­aus­ei­len­der Fremd­scham zusam­men­zucken, soll der Herr Mil­lio­när bit­te­schön bei sei­nem Leis­tungs­druck blei­ben. 2

Kra­mers Roman „Das Leben fing im Som­mer an“, jeden­falls, erschien Mit­te März und es ist nicht dem Umfang oder der Kom­ple­xi­tät des Werks geschul­det, dass ich erst jetzt mit dem Rezen­si­ons­exem­plar fer­tig gewor­den bin, son­dern allein mei­ner eige­nen Ver­plant­heit. Es ist aller­dings auch ange­mes­sen, die­ses Buch auf einer Cam­ping­de­cke in der Juni­son­ne zu lesen, trägt es den Som­mer (die Jah­res­zeit, nicht Yann — oh, bit­te!) doch schon im Titel.

Haupt­fi­gur und Erzäh­ler ist der 15-jäh­ri­ge Chris Kra­mer aus Solin­gen, der gera­de aus der Jugend­ab­tei­lung von Bay­er Lever­ku­sen geflo­gen ist, und alle, die an die­ser Stel­le fra­gen: „Häää, also ist das eine Auto­bio­gra­phie und gar kein Roman?!“, haben in den letz­ten ca. 15 Jah­ren offen­bar nicht viel vom Lite­ra­tur­be­trieb (Knaus­gård, Mey­er­hoff, Stuck­rad-Bar­re) mit­be­kom­men. Aber das ist natür­lich auch ein schö­ner Neben­ef­fekt, wenn so ein Fuß­bal­ler mal ein Buch schreibt: Dass das plötz­lich ganz vie­le Men­schen lesen, die sonst viel­leicht nur zum „Kicker“-Sonderheft zum Sai­son­be­ginn grei­fen. Da muss man als kul­tur­pes­si­mis­ti­scher Bil­dungs­bür­ger schon mal sei­ne Prio­ri­tä­ten straf­fen.

Chris spielt Fuß­ball, hängt mit sei­nen bes­ten Freun­den John­ny und Sal­vo rum, him­melt sei­ne Mit­schü­le­rin Debbie an, fühlt sich aber viel zu uncool und zu häss­lich, um sie anzu­spre­chen. Er ist also ein ganz nor­ma­ler Teen­ager in einer Zeit, in der sich jun­ge Män­ner noch nicht via Tik­Tok und Männ­lich­keits-Pod­casts radi­ka­li­siert haben, denn der Roman spielt im Som­mer 2006.

Also: Der Roman gibt vor, im „Sommermärchen“-Sommer von 2006 zu spie­len, aber nahe­zu jede Pop­kul­tur-Refe­renz ist ana­chro­nis­tisch: Songs wie „Apo­lo­gi­ze“, „The Way I Are“ und „After Tonight“ und der Film „Nachts im Muse­um“, die alle­samt erwähnt wer­den, kamen erst spä­ter raus und im Buch beginnt die Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft, als in NRW schon Som­mer­fe­ri­en sind. Das lässt sich mit Schlud­rig­keit nicht erklä­ren, das muss Absicht sein, um eine klei­ne Neben­wirk­lich­keit zu erschaf­fen, die eben Roman ist und nicht Tat­sa­chen­be­richt. Was ja auch total okay ist — selbst wenn man in jedem Freund­schafts­buch „Pop­kul­tur“ und „Fak­ten che­cken“ als liebs­tes Hob­by ein­trägt.

In drei Tagen ent­spinnt sich auf einer Par­ty im Ver­eins­heim, im Frei­bad, im Kino, auf dem Hof­fest der eige­nen Eltern und in einem frem­den Auto eine Geschich­te, wie wir sie so oder so ähn­lich fast alle erlebt haben: Freund­schaf­ten, Alko­hol, die (natür­lich gro­ße und ein­zig wah­re) ers­te Lie­be, maxi­ma­le emo­tio­na­le Auf­ge­wühlt­heit und ein Aben­teu­er, das einem hin­ter­her kei­ner glau­ben wird. Da kann man jetzt ober­leh­rer­haft am Rand ste­hen und meckern, dass das aber alles ganz schön gene­risch sei, aber so ist das Leben ja nun wirk­lich meis­tens in dem Alter und nur die, die so etwas nicht erlebt haben (oder erfolg­reich ver­drängt haben, dass sie selbst mal jung waren), ste­hen hin­ter­her am Rand und meckern ober­leh­rer­haft rum.

Die Schil­de­run­gen kamen mir sogar so bekannt vor, dass ich mich irgend­wann gefragt habe, ob eigent­lich alle Jungs gleich sind oder wir nur alle die glei­chen Bücher, Fil­me und Songs kon­su­miert haben und des­halb alle die glei­chen Gedan­ken hat­ten, was Mäd­chen 3 anging. Kra­mer schafft es dan­kens­wer­ter­wei­se, sei­nen Prot­ago­nis­ten aus­rei­chend reflek­tie­ren zu las­sen: „Ich hass­te es eigent­lich, so zu reden, aber alle Jungs spra­chen so über Mäd­chen.“ Stellt sich raus: Wer­den­de Män­ner hat­ten schon vor Tik­Tok und Männ­lich­keits-Pod­casts den Hang zu pro­ble­ma­ti­schem Ver­hal­ten, peer pres­su­re sei Dank.

Ich habe genug Roma­ne gele­sen und abge­bro­chen, in denen mir die Spra­che zu manie­riert erschien, die Cha­rak­te­re zu uner­träg­lich oder das gan­ze Werk zu unin­ter­es­sant. Das war hier alles nicht der Fall. Natür­lich ist es min­des­tens frag­lich, ob der Roman ver­öf­fent­licht wor­den wäre (und dann noch mit einem der­ar­ti­gen media­len Bohei) und ich ihn gele­sen hät­te, wenn der Autor nicht Chris­toph Kra­mer gehei­ßen hät­te, aber ich wür­de behaup­ten, dass ich Werk und Autor aus­rei­chend tren­nen kann, um das Buch auch so gut zu fin­den.

Klar: Kra­mer ist nicht Wolf­gang Herrn­dorf (und der Gedan­ke, dass er „Tschick“ gele­sen hat und moch­te, klopft mehr als ein­mal an) und ein Buch, das ich mit 41 lese, wird mich nicht mehr so beein­dru­cken wie es Jochen Tills „Der Jun­ge Son­nen­schein“ mit 16 oder eben „Tschick“ mit 27 tat, aber ver­gli­chen mit einem wei­te­ren Coming-of-Age-Roman, den ich mit Anfang Zwan­zig irgend­wie moch­te, vor eini­gen Jah­ren aber mit einer Mischung aus Rat­lo­sig­keit und Ableh­nung noch ein­mal gele­sen hat­te („Rock­ta­ge“ von Dana Bönisch), habe ich mich mit sei­nem Buch immer wohl gefühlt. Was viel­leicht auch dar­an liegt, dass der Haupt­cha­rak­ter im Lau­fe der Geschich­te sehr viel mehr zum Akteur wird als die Schluf­fis in vie­len ver­gleich­ba­ren Büchern und man das mit fort­ge­schrit­te­nem Alter und nach erfolg­rei­cher The­ra­pie dann doch zu schät­zen weiß.

Wenn der Schrift­stel­ler Chris­toph Kra­mer mit 15 wirk­lich schon so weit war wie sein Chris im Roman, kann man ihn jeden­falls nur beglück­wün­schen: Der weint und spricht davon, wie er sei­nen bes­ten Freund liebt („Nicht Lie­be im klas­si­schen Sin­ne. Eine ande­re, aber, glaub­te ich gera­de, viel­leicht ja die ein­zig wah­re.“). Der redet zu kei­nem Zeit­punkt davon, dass er sei­nen Crush ger­ne „ficken“, „bum­sen“, „nageln“, „vögeln“ oder sonst­wie beschla­fen möch­te (unge­fähr das ein­zi­ge, was ich aus Ben­ja­min Leberts „Cra­zy“ erin­ne­re). Der nicht so cool und abge­klärt tun will wie die ande­ren Jungs.

Trotz­dem gibt es in „Das Leben fing im Som­mer an“ die Frau bzw. das Mäd­chen als erra­ti­sches und unlo­gi­sches Wesen, die­sen John-Green-Topos. Eigent­lich müss­te man dafür die augen­rol­len­de Gesell­schafts­kri­tik­vo­ka­bel „schwie­rig“ her­vor­ho­len, wenn einem nicht genug Frau­en aus dem eige­nen Umfeld ein­fie­len, deren Ver­hal­ten zumin­dest an irgend­ei­nem Punkt erstaun­li­che Ähn­lich­keit zu dem der weib­li­chen Roman­fi­gur auf­ge­wie­sen hät­te. Aber bei kur­zem Nach­den­ken: Män­ner eben auch. Hier greift das Ave Maria für die etwas rum­pe­li­ge­ren Begeg­nun­gen inner­halb unse­rer Gene­ra­ti­on: „Ich hof­fe, da war in der Zwi­schen­zeit mal ein The­ra­pie­platz frei“.

Für mich ist die Hand­lung der meis­ten Bücher zweit­ran­gig. Ent­schei­dend ist, wie es geschrie­ben ist, und wie man sich beim Lesen fühlt. 4 Und in die­sen Kate­go­rien ist das Buch mehr als ein schmut­zi­ger Sieg, denn Kra­mer hat ein Auge für Details und ein Talent für ori­gi­nel­le Ver­glei­che und For­mu­lie­run­gen. Er muss kein gro­ßes world buil­ding betrei­ben, es rei­chen ein paar gro­be Stri­che: Feld, Frei­bad, Trink­hal­le — sofort läuft der Asso­zia­ti­ons­film; wobei erst­mal unklar ist, ob man die eige­ne Jugend erin­nert oder Fil­me wie „Cra­zy“, „Schu­le“ oder „Tschick“.

Am Ende geht alles ganz schnell: Statt eines Zeit­sprungs wie am Ende von „Dawson’s Creek“, „O.C. Cali­for­nia“ oder „Har­ry Pot­ter“ gibt es drei. Eine spek­ta­ku­lä­re Kurz-vor-Schluss­poin­te 5 hält das Buch noch bereit, dann sehen wir dem pen­sio­nier­ten Fuß­ball­pro­fi Chris­toph Kra­mer beim Schrei­ben zu und sol­len all das glau­ben, was er uns auf den 240 Sei­ten davor erzählt hat, obwohl der legal dis­clai­mer am Ende des Buchs natür­lich das Gegen­teil behaup­ten muss. Wer die Fra­ge, ob das, was in einem Roman steht, jetzt der Wahr­heit ent­spricht (und wie­weit), für spiel­ent­schei­dend hält, kann sich an die­sem Bei­spiel unnö­tig in Rage den­ken.

Für alle ande­ren ist eine im bes­ten Sin­ne total okaye Som­mer­lek­tü­re.

  1. Man muss da nie­man­den nament­lich her­vor­he­ben und außer­dem ist Stef­fen Freund ja nur für RTL im Euro­pa­po­kal-Ein­satz, also dort, wo kei­ner mei­ner Ver­ei­ne auf abseh­ba­re Zeit spielt.[]
  2. Oder gefäl­ligst wenigs­tens gleich so einen aus­ge­wie­se­nen Trash schrei­ben wie wei­land Bodo und Bian­ca Ill­gner.[]
  3. Es ist ja dann doch eine recht hete­ro­nor­ma­ti­ve Welt.[]
  4. Him­mel: wie ich mich beim Lesen füh­le. Män­ner und ihre Gefüh­le, ey.[]
  5. Tref­fer in der Nach­spiel­zeit, der Mann hat schließ­lich mal für Bay­er Lever­ku­sen gespielt.[]