Autorenarchiv

Another Decade Under The Influence: 2014

Von Lukas Heinser, 19. November 2019 12:00

Dieser Eintrag ist Teil 5 von bisher 10 in der Serie Another Decade Under The Influence

2014. Das wird unser Jahr! Mit den Nachtfreunden in Berlin. Die erste Folge „Lucky & Fred“. Eine quälend lange Wohnungssuche, eine Renovierung und ein Umzug. Die letzten guten Tage: zu zweit mit Hund in Hamburg. Eigentlich hab ich keinen Stress, Herr Doktor. Are we out of the woods? / Are we in the clear yet? Eine abgesagte Hochzeit. Ein neuer Job, mitten in der Nacht. Der ESC in Kopenhagen, 10 Jahre BILDblog. Noch mehr neue Jobs in Köln. Kinderzimmer einrichten, Babyklamotten kaufen, Babyparty schmeißen. I’ve made some friends / And I’ve lost some, too. Holland wird WM-Dritter. Eine schwere Geburt. Hallo, ich bin Dein Papa! Die Diamant-Hochzeit meiner Großeltern — ob ich 60 Jahre je schaffe? Der erste Spaziergang, das erste Bad. Was genau muss ich tun?! Alles, was ich je wollte: Mama, Papa, Kind & Hund. Immer wieder Diskussionen und Streits. Wer ist dieses Skelett im Spiegel? Das erste Mal Babyschwimmen. Halt den Kopf oben. Eine Taufe am 1. Advent. Zu Besuch bei Harry Potter. Okay, lass uns sagen, das war’s. Statt 200 Abende in der Kneipe vielleicht zehn außer Haus. Das erste Weihnachten als Familie, trotz allem. Write it, write it, write it down / I will read it when the days don’t look so bad.

Ein Jahr wie ein Autounfall in Zeitlupe: überhöhte Geschwindigkeit, Hindernisse auf der Fahrbahn, schlechte Witterungsbedingungen und meine Hände nicht am Steuer. Das hatten wir uns alles anders vorgestellt. Heute weiß ich: Es gibt Situationen, die kann man nicht alleine schaffen. Es ist nie falsch, sich Hilfe zu holen. Irgendwann reicht es nicht mehr zu hoffen, dass alles gut ausgeht. Mittenrein in diese implodierende Liebe wird unser Kind geboren. Und als an dem Tag die Sonne untergeht, ist alles für immer anders. Besser, trotz allem.

Another Decade Under The Influence: 2013

Von Lukas Heinser, 12. November 2019 12:00

Dieser Eintrag ist Teil 4 von bisher 10 in der Serie Another Decade Under The Influence

2013. Ein Anfang zu zweit. Und mit Hund. „Im Schneefall auf der Straße knutschen“ auf der bucket list abhaken. Eine Grimme-Preis-Nominierung fürs Dschungelcamp. Eine Dienstreise nach Budapest: In Ungarn über Pressefreiheit sprechen fühlt sich seltsam an. Partys, Kneipen, Wochenenden. Ein herrenloser Einkaufswagen. We’re up all night ‚til the sun / We’re up all night to get some / We’re up all night for good fun / We’re up all night to get lucky. Renovierungen und Umzüge anderer Leute. Ein neuer Job beim ESC: Plötzlich sitze ich tatsächlich an der Seite von Peter Urban! Noch ein neuer Job: Plötzlich bin ich Social-Media-Hansel bei „Tagesschaum“ mit Friedrich Küppersbusch, den ich noch aus meiner Kindheit aus dem Fernsehen kenne. Ein Sommerurlaub, wie man halt Sommerurlaube macht: in Holland am Meer. Das war die schönste Zeit / Weil alles dort begann. Die Hochzeit meiner kleinen Schwester inkl. Autocorso (schon geil, wenn man Teil davon ist!) und kaum aufwendigem Hochzeitsfilm. Mein 30. Geburtstag auf dem Macklemore-Konzert und eine Party, die sich nach Abschied anfühlt. I don’t care / I love it. Mit dem Hund im Fernsehen. Ein im letzten Moment abgesagtes Travis-Konzert. Eigentlich sollten wir erwachsen werden: Die Kilians auf Abschiedstournee. Gemeinsam auf Wohnungssuche. Ein positiver Schwangerschaftstest. Mit Ansage: Zum letzten Mal Heiligabend feiern in Dinslaken.

Ein Jahr zwischen „growing up“ und „being grown up“, das sich eigentlich schon wieder nach so viel mehr anfühlt. Jede Menge Szenen für den Supercut meines Lebens. Die Erkenntnis, dass alles zu zweit noch bunter, lauter, schöner sein kann — aber auch anstrengender. Ein Tag in Amsterdam mit einer Grachtenrundfahrt in der Abenddämmerung und die Ansage der Reiseleiterin, dass man, wenn man sich unter der Magere Brug küsst, für immer zusammenbleibt. (Spoiler alert: Dies gilt offenbar nicht immer.) Und wir stehen auf unseren Brücken / Unter uns der Strom / Die Aussicht scheinbar endlos / Unser Thron.

Another Decade Under The Influence: 2012

Von Lukas Heinser, 5. November 2019 12:00

Dieser Eintrag ist Teil 3 von bisher 10 in der Serie Another Decade Under The Influence

2012. Ein WDR-Kamerateam in meiner Wohnung, das mich für eine Reportage über „Bild“ interviewt. Eine East-17-Autogrammstunde in einem Kölner Einkaufszentrum. Viel auf Konzerten gewesen, viel im Schauspielhaus Bochum. Bergwerksbesichtigung: Nach vier Generationen Bergleuten über mir bin ich zum ersten und letzten Mal unter Tage. Manche Freundschaften halten länger, als man denkt. Meine kleine Schwester verlobt sich. Ein ESC in Baku und eine Bewerbung für neue Aufgaben. Ein Abend auf Ina Müllers Küchenbank mit Stefan Niggemeier und Michalis Pantelouris. Baby, bitte mach Dir nie mehr Sorgen um Geld! Ein blink-182-Konzert, auf dem bei „All The Small Things“ die Welt stehen bleibt und sich danach in die andere Richtung weiterdreht. Und wenn Du mich küsst / Schreibt Noel wieder Songs für Liam. Ein toter Opa, den ich nicht kannte. Ein Sommer im Stadtpark und ein bisschen in Berlin. Zehn Jahre Grand Hotel van Cleef in Hamburg mit allen, die zur Familie gehören. Die erste Geburtstagsparty zuhause und die Geburtsstunde des Instituts für Apokalyptischen Schlager. „The Fault In Our Stars“, eines der beeindruckendsten Bücher, das ich je gelesen habe. Ein Tagesausflug zum Bewerbungsgespräch nach München. Schon wieder so viele Abende in Kneipen und WG-Küchen. Hearts from hell collide / On fire’s highway tonight / We dreamed it, now we know. Der Weltuntergang fällt (vorerst) aus, aber etwas Neues beginnt. Nicht, was man empfindet / Es ist das, was man tut.

Ein Jahr, in dem alles gleichzeitig stattfand, und das sich anfühlte wie ein Leben: lang, laut, bunt, lustig, traurig, zwischen Pausetaste, Vor- und Zurückspulen. I need time to stop moving / I need time to stay useless. Ein Jahr voller Musik, mit der weitesten Anreise zu einem Konzert ever: Um das 13 Jahre alte Trauma eines verpassten Konzerts zu überwinden, fliege ich bis nach Manchester, um Ben Folds Five endlich live zu sehen. Fresh white snow for miles / Every footstep will be mine.

Another Decade Under The Influence: 2011

Von Lukas Heinser, 29. Oktober 2019 12:00

Dieser Eintrag ist Teil 2 von bisher 10 in der Serie Another Decade Under The Influence

2011. Wie viele Partys kann man in die ersten Wochen eines Jahres packen? Wir bekommen einen Preis fürs Oslog. Florian Ostertag und ich singen „Human“ von den Killers VOR einer Kölner Karaoke-Bar. Ich arbeite als Autor bei der ECHO-Verleihung (mit Ina Müller, Joko Winterscheidt, Gary Barlow und Stefan Niggemeier). Nein, Omi, die Tätowierung hat nicht wehgetan! Ein ESC in Düsseldorf, einer Stadt, die das möchte. Stefan sagt, wir haben den geilsten Job der Welt. Zwei Relegationsspiele, die ich am Liebsten gar nicht angeschaut hätte. So viele Abende hinter den CD-Spielern und vor den Boxen. Eine Jahresmitgliedschaft im Fitness-Studio (und ich bin tatsächlich regelmäßig hingegangen). Ein Haldern Pop, bei dem ich irgendwann gefahren bin, weil ich’s nicht mehr ertragen habe. Freundschaften kommen, Freundschaften gehen. My private life is an inside joke / No one will explain it to me. Auf drei Hochzeiten gewesen, auf keiner getanzt. Mein erster richtiger Urlaub als Erwachsener, so mit Flug und Hotel und so! Eine Reisetasche voller CDs. Journalisten möchten mit mir über den Bundespräsidenten sprechen. Einslive-Krone mit Aftershow-Party. I wanna wring it out / Every ounce / I wanna do the right thing, when the right thing counts. Ein Jahr, das immer noch Vollgas war, aber in dem ich den Fahrtwind kaum noch gespürt habe. Alles judgen, alles umarmen — manchmal gleichzeitig. Ein Jahr zum Vergessen (und tatsächlich musste ich mir das Allermeiste erst wieder anlesen), aber Stefan sagte: „2011, Lukas, war das Jahr, wo Du Lena endlich Dein Mixtape gegeben hast; wo Du mit Lena und mit Ina Müller gesungen hast, …“ — den Rest hab ich dann wieder vergessen, aber der Satz hat damals sehr geholfen.

Und dann war das natürlich das Jahr, wo ich im starken schottischen Wind stand, an Travis dachte und fand: „Das hier gerade jetzt ist schon ganz schön gut!“

Another Decade Under The Influence: 2010

Von Lukas Heinser, 22. Oktober 2019 12:00

Dieser Eintrag ist Teil 1 von bisher 10 in der Serie Another Decade Under The Influence

Heute in zehn Wochen ist Silvester — und mit dem Jahr endet auch das Jahrzehnt. Vor zehn Jahren habe ich das zum Anlass genommen, hier im Blog eine zehnteilige Serie zu veröffentlichen, in der ich sehr, sehr länglich auf jedes einzelne Jahr, seine popkulturellen und persönlichen Momente zurückgeblickt habe. Ich hab nicht mehr so viel Zeit und Nerven, 10.000 Zeichen zu verballern, Ihr nicht mehr die Zeit und Aufmerksamkeitsspanne, das zu konsumieren — also gibt’s für jedes Jahr ein Foto und ein paar Stichworte. Say hello to #anotherdecadeundertheinfluence!

2010. Meine erste Wohnung, ganz für mich allein. Eine unglaublich aufwendige Renovierung (mein Papa hat mal eben neuen Estrich gegossen, bevor wir den Fußboden verlegt haben) und das Gefühl, endlich wieder ein Zuhause zu haben. So viele neue Freund*innen, so viele gute Gespräche, so viele Abende (und Nächte) im Freibeuter (wo ich nur in diesem Jahr, grob überschlagen, einen vierstelligen Betrag zurückgelassen, aber immerhin mehrere Musikquizze gewonnen habe). Zwei Winter wie auf Hoth und ein constructive summer. Ein legendäres Haldern-Festival, eine kaum minder legendäre Geburtstagsfeier, bei der die Leute auf den Tischen getanzt haben, bevor sie umfielen. (Die Tische. Und die Leute. Natürlich alles im Freibeuter.) Ein Kulturhauptstadtjahr mit gesperrter A40 und Loveparade-Katastrophe. Knutschen und Rauchen. Meine ersten Einsätze als DJ (die Leute ham getanzt, die Leute ham geschrien). Dienstreisen nach Oslo (mit Stefan Niggemeier und Lena Meyer-Landrut), London (mit meinem Onkel Thomas) und Rom. Mein neuer Job als BILDblog-Chefredakteur mit Auftritten im Fernsehen und Radio. Ein Jahr mit durchgetretenem Gaspedal (und das, obwohl ich, hahaha, vermutlich nicht mehr als 300 Kilometer mit dem Auto zurückgelegt habe) und exquisitem Soundtrack. And my head told my heart / Let love grow / But my heart told my head / This time no / This time no. You’re a beautiful girl and you’re a pretty good waitress / But Jesse I don’t think I’m the guy. Hallo, ich bin Lukas, 27, ich komme aus Bochum und das ist mein sogenanntes Leben. Ein Jahr, in dem selbst die leisen Momente laut waren. Da ist es gut, wenn man einen Platz hat, an den man sich zurückziehen kann (zum Schlafen und zum Arbeiten, denn was hab ich da wohl sonst noch gemacht?), und an dem einen keine Mitbewohner stören. Endlich wieder ein Zuhause, endlich angekommen und sofort aufgebrochen ins Leben.

Diese Serie läuft parallel hier im Blog und auf Instagram.

Endlich einmal etwas, das länger als vier Jahre hält

Von Lukas Heinser, 19. September 2019 14:16

In „Almost Famous“ warnt der Musikjournalist Lester Bangs seinen jungen Kollegen William Miller davor, sich mit Musikern anzufreunden. Die wollten eh nur, dass man gut über sie schreibe, und wenn die Distanz weg sei, könne man auch gleich aufhören.

So gesehen habe ich meine Musikjournalisten-Karriere im Frühjahr 2006 in den Wind geschossen, als ich Thees Uhlmann nicht nur das Demo einer jungen Nachwuchsband aus meiner niederrheinischen Heimat in die Hand gedrückt habe, sondern acht Wochen später auch noch als Teil des Tomte/Kilians-Trosses durch den Süden der Republik getourt bin.

Das erste Album, das ich Anfang des Jahres bei CT das radio aus dem Berg von Bemusterungspost gefischt hatte, war die „Buchstaben über der Stadt“ gewesen, deren Songs ich dann vier Abende hintereinander live gehört habe, und als ich Anfang November im Central Park am Reservoir (ja, das aus „New York“) stand, dachte ich: Von so einem Jahr kann man sich nur erholen, wenn man beim ESC live vor Ort ist, wenn Deutschland gewinnt.

Jahrelang trafen wir uns immer wieder in den Backstageräumen nordrhein-westfälischer Indierock-Veranstaltungsorte, auf Festivals und im legendären, inzwischen natürlich geschlossenen, Dinslakener Jägerhof, wo Thees mich bei der Kilians-Releaseparty auf die Stirn küsste. (Die genaueren Details sind mir entfleucht und ich möchte diesbezüglich nur Falco paraphrasieren.)

Thees Uhlmann und Lukas Heinser, 2009

Wie es sich für eine ordentliche Freundschaft gehört, wurde unsere aber auch auf eine harte Probe gestellt: Tomte liefen nach jede Menge Line-Up-Wechseln aus und Thees veröffentlichte 2011 ein selbstbetiteltes Soloalbum, mit dem ich auch nach gründlichem Hören irgendwie nicht warm wurde. Auf „Walter & Gail“ hatte er 2006 noch gegen das Mittelmaß angesungen, jetzt feierte er „Das Mädchen von Kasse 2“ und das Leben auf dem Dorf, obwohl doch alle Songs, die wir jemals gut gefunden hatten, davon handelten, das Scheiß-Leben auf dem Land endlich hinter sich zu lassen. Ich fühlte mich betrogen.

Thees war damals weiter als ich: Vater geworden, Beziehung zerbrochen, dabei, das Glück im Kleinen zu suchen. Nun wäre es bescheuert, zum besseren Verständnis von Pop-Platten die eigenen Pläne vom Familienleben zu sabotieren, aber ein paar Jahre stand ich da in seinen Schuhen und als Thees und seine Band vor zwei Jahren in Hamburg auf dem 15. Geburtstag seines Labels Grand Hotel van Cleef spielten, stellte ich fest, dass ich die Songs des ersten Soloalbums mit großer Hingabe und Gänsehaut mitsang („Meine Wahrheit in 17 Worten: Ich hab ein Kind zu erziehen, Dir einen Brief zu schreiben und ein Fußball Team zu supporten“). Dann kam diese Millisekunde, als inmitten dieses Sets mit Solo-Songs das Schlagzeug-Intro zu einem Tomte-Song erklang und noch ehe mein Gehirn exakt erfasst hatte, welcher das eigentlich war, war ich in der Luft und in meiner Erinnerung habe ich für die nächsten 4 Minuten und 20 Sekunden den Boden nicht mehr berührt — ich flog, während ich mir gemeinsam mit dem Text zu „Schreit den Namen meiner Mutter“ die Seele aus dem Leib brüllte, und alles war aus Gold. Fünf Tage zuvor war meine Oma gestorben und das hier war genau das, was ich in diesem Moment brauchte, die letzten drei Jahre gebraucht hätte.

Anfang August kam nun endlich das erste musikalische Lebenszeichen seit sechs Jahren: die Single „Fünf Jahre nicht gesungen“. Mein Sohn und ich waren gerade zu Besuch in Berlin, er schlief neben mir im Bett, als ich um Mitternacht Spotify öffnete und auf „Play“ drückte:

Ich würde nicht behaupten, dass ich komplett verstehe, wovon Thees da singt, aber die Stellen, die ich verstehe, fühle ich sehr hart. Drei Wochen später war ich beim Konzert in Essen, was auf den Tag zehn Jahre nach einem der letzten Tomte-Konzerte war, das ich gemeinsam mit den Kilians besucht hatte. Thees und ich sahen uns nach der Show zum ersten Mal seit Jahren wieder, ich bestellte brav Grüße von meiner Mutter („Der Thees hat mir damals beim Kilians-Konzert den Tipp gegeben, einfach Taschentücher ins Ohr zu stopfen, wenn es zu laut ist. Das ist gut!“ — wenn das nicht Rock’n’Roll ist, weiß ich es auch nicht!) und wir sabbelten über The Clash, „Paw Patrol“ und Berlin, als hätten wir uns vor ein paar Wochen zuletzt gesehen.

Thees Uhlmann und Lukas Heinser, 2019

Eine Woche später bekam ich vom Grand Hotel das zugeschickt, was im Jahr 2019 einer gebrannten Bemusterungs-CD entspricht: Einen personalisierten Streaming-Link, unter dem ich Thees‘ neues Album „Junkies und Scientologen“ hören konnte. Ich klickte drauf, legte den Sound meines MacBooks auf meine Anlage und drückte etwas unsicher auf „Play“. Fünfzig Minuten später saß ich erschöpft (ich hatte ein paar Mal headbangend durch die Wohnung hüpfen müssen) und aufgewühlt (ich hatte ein paar Mal Tränen in den Augen gehabt) auf meiner Couch und verfluchte mich dafür, dass ich an dem Abend verabredet war und das Album jetzt nicht direkt zehn Mal hintereinander hören konnte.

Olli Schulz sagt, „Junkies und Scientologen“ sei das Beste, was Thees seit „Hinter all diesen Fenstern“ gemacht hat, was ich nur deswegen nicht unterschreiben kann, weil deren Nachfolger „Buchstaben über der Stadt“ bei mir eben so eine unglaubliche Sonderstellung einnimmt. Genauso wie kettcar die lange Pause vor „Ich vs. Wir“ so gut getan hat, dass sie mal eben ihr vielleicht bestes Album aufgenommen haben, ist auch Thees nach so langem Warten auf dem Höhepunkt seines Schaffens: Auf „Junkies und Scientologen“ sind er und seine Band musikalisch so tight wie selten, textlich ist er noch besser geworden.

Thees hat ja schon immer versucht, Denkmäler zu errichten, hier beschriftet er die Messingtafeln teilweise ganz schlicht: „Avicii“ ist tatsächlich ein völlig unironisches Loblied auf den verstorbenen DJ, den er gerne gerettet hätte; „Katy Grayson Perry“ schon ein Stück komplexer, weil er sowohl die amerikanische Sängerin als auch den britischen Künstler gemeinsam zu seinem Label holen will. In „Was wird aus Hannover“ feiert er die Stadt, die vor allem für ihre völlige Egalheit bekannt ist, und singt über deren bekannteste Band: „Du hast über die Scorpions gelacht, aber die sind in ‚Stranger Things'“ — da muss man die Serie nicht mal geguckt haben, um zu verstehen, wie er das meint.

Dieses Abkulten von Menschen, berühmten wie unbekannten, erreicht im Titeltrack seinen Höhepunkt: Die Strophen sind eine einzige Aneinanderreihung von Widmungen („Für das Mädchen im Ramones Shirt“, „Für jeden, der in seiner Straße Stolpersteine poliert“, „Für die Vierfaltigkeit der Bobs: Bob Marley, Bob Dylan, Bob Andrews und Bob Ross“), der Refrain ein leuchtender Bengalo im Morgengrauen:

Aber die Zukunft ist ungeschrieben
Die Zukunft ist so schön vakant
Und ich komme dich besuchen
Egal ob Stammheim oder Bundeskanzleramt

Da haben wir in vier Zeilen: Ein Joe-Strummer-Zitat, ein Fremdwort, das sonst kaum in Liedtexten auftaucht, und das Name-Checking von zwei zentralen Orten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Nenn mir einen dieser jungen Deutschpop-Clowns, der etwas Ähnliches hinbekommen würde!

Natürlich konnte man Thees dieses Pathos seiner Texte auch schon immer vorwerfen. Aber es ist ein anderes Pathos als das von „Auf uns“ oder „Tage wie dieser“, denn Thees‘ Lieder taugen nicht zur Untermalung von Fußballturnier-Supercuts. Vielleicht gibt es für Außenstehende auf dem Papier auch gar keinen Unterschied, aber für mich ist es auch eine hermeneutische Kategorie, wer da spricht oder singt. Ich weiß noch, wie ich damals erst die Texte von Tomte und dann Thees selbst kennenlernte und dachte: Da ist jemand, der packt das in Worte, was ich irgendwo in mir drin gefühlt habe und niemals hätte ausdrücken können. Thees gab mir das Vokabular für Liebesbekundungen, Therapiesitzungen und Blog-Einträge.

Morgen erscheint „Junkies und Scientologen“ dann offiziell. Für mich endet damit diese Phase, in der man sich wie ein Mitverschwörer fühlen kann, weil man Songs kennt, die erst wenige Menschen gehört haben. Aber ich bin mir sicher, dass es da draußen Tausende gibt, die diese Lieder genauso lieben werden wie ich und denen sie genauso viel (und gleichzeitig etwas völlig anderes) bedeuten werden.

Im letzten Lied der Platte singt Thees:

Ich bin der Letzte mit einem Bierglas in einer Welt voller Champagner
Die Welt ist von sich selbst besoffen, aber ich bleib beim Bier

Du Astra, ich Fiege! Auf „Junkies und Scientologen“!

Wer sich erinnert, war nicht dabei (1)

Von Lukas Heinser, 5. Juli 2019 16:22

Ich begrüße Sie herzlich zum Auftakt meiner neuen Serie „Songs, die heute außer mir niemand mehr kennt — nicht mal die teilnehmenden Musiker!“ (das geht vielleicht noch knackiger):

Zur Popkomm 2002 war ganz Köln zugekleistert mit Aufklebern, auf denen „It’s Just Porn, Mum“ stand und mit denen dieses Meisterwerk des Pop Punk beworben werden sollte. BFBS Radio spielte die Single damals rauf und runter — mit überschaubaren Auswirkungen auf die – Achtung, antiquiertes Wort – CD-Verkäufe.

„Teenage Dirtbag“ von Wheatus ist ein Evergreen des Genres, „It’s Just Porn, Mum“ hingegen völlig in Vergessenheit geraten.

Songs des Jahres 2018

Von Lukas Heinser, 9. Januar 2019 0:10

Die Alben hatten wir schon, kommen wir nun zu den Songs des Jahres 2018. Da ich neben meinen Hauptquellen für neue Musikentdeckungen, „All Songs Cosidered“ und Radioeins, auch wieder auf die (meist sehr guter) „Das könnte Dir gefallen“-Funktion von Spotify und diverse Zufallsfunde gesetzt habe, ist es wieder eine eher eklektische Liste, bei der ich nicht zu jedem Lied sonderlich viel sagen könnte.

Auch ist es eigentlich eine absurde Idee, diese Songs irgendwie gewichten und sortieren zu wollen — eigentlich ist spätestens ab Position 10 die Reihenfolge ziemlich willkürlich, weswegen man die Liste auch wieder sehr schön im Shuffle-Modus hören kann.

Aber ich dachte mir: Nach fünfjähriger Babypause ist mein Sohn inzwischen so alt, dass er eigene Ranglisten erstellen könnte,1 und weil ich ja auch wieder beruflich viel mehr über Musik schreibe, nehme ich mir jetzt 25 Songs und erkläre die zu einer (wie immer nur 0,3 Millisekunden lang exakt gültigen) Hitparade.

Lukas, stop voting now!

25. Catch Fire – Petrifaction
Autoradio ist schwierig, weil es in NRW natürlich kaum hörbare Radiosender mit Musik gibt. Aber in weiten Teilen der Bochumer Innenstadt empfange ich halbwegs gut CT das radio, meinen Heimatsender, dem ich auf ewig verbunden sein werde. Und da lief dieser Song: Heulende Gitarrenlicks, hämmernde Drums, Geschrei und „Why does everything that I touch turn to stone?“ — ich war sofort wieder 19, die dunkel getönten Haare fielen mir in Strähnen ins Gesicht und ich wollte an irgendeinem Fluss stehen und bedeutungsschwer aufs Wasser starren. Es gibt ihn noch, den guten Emo!

24. The Fratellis – I’ve Been Blind
The Fratellis, waren das nicht diese Indie-One-Hit-Wonder zu einer Zeit, als ich noch in der Musikredaktion von CT das radio tätig war? Was wollen die denn 13 Jahre später wieder (und was haben sie in der Zwischenzeit gemacht)? Nun, warten wir bis zum Refrain, der „Knowing Me, Knowing Me“ von ABBA in eine Mitgröhlhymne für Studentenkneipen, Freitagsmorgens um halb zwei, das letzte Bier in die Luft gereckt, transferiert. Wo war dieser Song, als ich jung war?

23. Hozier feat. Mavis Staples – Nina Cried Power
Wie wirkt dieser Song wohl auf Menschen, die die ganzen Referenzen und das ganze name checking nicht verstehen? Nun: Die jungen Leute haben es millionenfach gestreamt und auf ihren Radiosendern gehört, also wohl ebenfalls gut. Aber wie soll man sich auch diesem Groove und dieser Hymne über Hymnen widersetzen? Extra-Respekt dafür, sich so durch diesen Song zu croonen und dann das Spotlight auf Mavis Staples zu richten, deren Stimme natürlich noch ungefähr zehn mal wirkmächtiger ist! (Übrigens der einzige Song, auf den Barack Obama und ich uns letztes Jahr einigen konnten.)

22. George FitzGerald – Burns
Ich gebe zu, soeben zum ersten Mal gegoogelt zu haben, wer George FitzGerald eigentlich ist (wobei die Informationen da auch nicht üppig sind). Aber dieser hypnotisch pumpende Elektro-Song hat mich seit Mitte März durch das Jahr begleitet. Sind das alles Stimmen? Synthesizer? Egal! Vor meinem geistigen Auge fahren U-Bahnen durch nächtliche Großstädte und alles ist cool und aufregend.

21. Brand New Friend – Seatbelts For Aeroplanes

You’re like a seatbelt on an airplane with me lately
You’re more for making me feel safe than for actual safety
And for every single moment that you made me feel amazing
There were several other times that I felt kinda hazy
But I know I was never your everything, but
I hope I was something, so come on

Das ist exakt die Musik, die ich in 2:42 Minuten von einer Truppe 19-bis-23-Jähriger hören möchte, die ein Demo aufgenommen hatten, das dann „versehentlich“ zum offiziellen Album erklärt und für den Northern Ireland Music Prize nominiert wurde.

20. Oh Pep! – Truths
Bronze bei meinen Alben des Jahres und ein Song, der dieses Album wunderbar zusammenfasst: melancholisch und zerbrechlich, aber auch druckvoll und mit hintergründigem Text.

19. Ariana Grande – No Tears Left To Cry
Schon für sich genommen sind diese drei Songs, die sich hier irgendwie zu einem vereinigen, ja ein echtes Fest. Wenn man dann auch noch mitdenkt, dass hier eine Frau strahlenden Optimismus verbreitet, ein Jahr, nachdem nach Abschluss ihres Konzerts in Manchester bei einem Bombenanschlag 22 Menschen getötet und mehr als 500 verletzt wurden, jagt einem das schon eine ganz schöne Gänsehaut den Rücken runter. So muss man aus so einer Geschichte erst mal wieder rauskommen! One love!

18. Childish Gambino – This Is America
„Welche Rolle spielt das Musikvideo noch im Jahr 2018, wo niemand mehr Musikfernsehen guckt und auch YouTube eher zur Hintergrundberieselung genutzt wird?“ — „Nun, lassen Sie mich so antworten:

Ein politisch-kulturelles Gesamtkunstwerk, das hermeneutisch in tausende Einzelteile zerlegt werden konnte, und bei dem man sich den Song, nachdem man das Video einmal gesehen hat, nicht mehr ohne vorstellen kann. Offene Münder, der Wahnsinn!

17. MILCK – Black Sheep
MILCK, alias Connie Lim, wurde 2017 berühmt mit „Quiet“, der inoffiziellen Hymne des „Women’s March“. „Black Sheep“ könnte man entsprechend als inoffizielle Hymne der „It Gets Better“-Bewegung bezeichnen: eine Liebeserklärung an alle, die anders sind, ausgegrenzt werden und sich alleine fühlen. „Don’t let anyone turn your unique into flaws / Yeah, you know that I love you the way that you are“. Hach!

16. Restorations – St.
Am Tag nach meiner Geburtstagsfeier ging ich, nachdem ich alles so weit aufgeräumt und gespült hatte, im strahlenden Sonnenschein dieses unendlichen Sommers spazieren und hörte bei „All Songs Considered“ diesen Song. Ich habe dann noch ein paar Umwege genommen, um direkt das ganze (24-minütige) Album zu hören. Anschließend musste meine Musikkolumne im „JWD“-Magazin noch mal geändert werden, denn „LP5000“ musste natürlich sofort mit ins Heft!

15. Janelle Monáe – I Like That

A little crazy, little sexy, little cool
Little rough around the edges, but I keep it smooth
I’m always left of center and that’s right where I belong
I’m the random minor note you hear in major songs

Wer braucht noch Musikjournalismus bei dieser Selbstbeschreibung?

14. Tocotronic – Unwiederbringlich
Zwei Wochen nach der Beerdigung meines Großvaters saß ich mit meinem Sohn in seinem sonnendurchfluteten Kinderzimmer und hörte zum ersten Mal das neue Tocotronic-Album „Die Unendlichkeit“. Nach einem langen Kammermusik-Intro sang Dirk von Lowtzow „Dein Tod war angekündigt / Das Leben ging dir aus / Unwiederbringlich / Schlich es aus dir hinaus“. Ich saß da, hörte, biss mir auf die Unterlippe und war unwiederbringlich an dieses Lied verloren. Was da lyrisch abgeht, ist intellektuell kaum zu fassen, das knallt direkt in die Magengrube!

13. Paenda – Paper-Thin
Was haben die Österreicher eigentlich im Trinkwasser, dass sie uns jetzt – obwohl nur ein Zehntel der Einwohnerzahl Deutschlands – seit Jahren vormachen, wie Popmusik noch mal geht? Und damit meine ich nicht nur Wanda und Bilderbuch (und Falco, hohoho), sondern auch weitgehend unbekannte Juwele wie die Wienerin Gabriela Horn alias Paenda, die sich mit ihrem vielschichtigen Elektropop hier irgendwo zwischen Shura, Robyn und Sia einreiht.

12. Mitski – Nobody
Bei manchen Liedern kann ich exakt erklären, warum ich sie liebe, bei anderen eher gar nicht. Aber vermutlich passt hier einfach alles exakt richtig zusammen: vom Text über die Instrumentierung und den Beat bis zur allgemeinen Anmutung, die dann im entscheidenden Moment mehr als nur einen Hauch an „Lovefool“ von den Cardigans erinnert.

11. Andrew McMahon In The Wilderness – House In The Trees
Es brauchte knapp 13 Sekunden. Andrew McMahon hatte noch gar nicht angefangen zu singen, da wusste ich schon, dass ich diesen Song lieben würde: Das Intro, das ein bisschen an „Sky High“ von Ben Folds Five erinnert, die The-War-On-Drugs-Gitarren — und dann dieser Text von Freundschaften, die irgendwann einfach nicht mehr die selben sind. Andrew McMahon hatte einmal mehr einen Song geschrieben, der direkt zu mir sprach — ja, mehr noch: der sich anfühlte, als hätte ich ihn schreiben können, wenn ich nur mehr Talent hätte und mir ein bisschen Mühe geben würde.

10. Marteria & Casper – Champion Sound
Deutschsprachiger Hiphop ist für mich wirklich schwierig: entweder so stumpf, menschen- und frauenverachtend dumm und von allen guten Geistern verlassen wie die Rapper-Karikaturen Kollegah und Cillit Bang, oder so egal gealtert wie die Überlebenden der ersten Welle in den 1990er Jahren (Fanta Vier, Fettes Brot, Beginner). Aber es gibt ja noch Casper und Marteria: Als die „Champion Sound“ vorlegten, dieses feiste Brett, das den „Wir sind die Coolsten“-Gestus mit so viel Witz, Liebe zum Detail und dickem Bläsersatz erträglich machte, dachte ich, dass sie mit ihrem gemeinsamen Album alles in den Schatten stellen würden. Ganz so übermäßig gut war „1982“ dann leider doch nicht, aber dieser Song: meine deutschsprachige Nr. 1, wie ich schon jetzt verraten möchte.

9. Metric – Now Or Never Now
Erinnert sich noch jemand an Briskeby, dieses norwegische Mini-One-Hit-Wonder, das vor … puh: 18 Jahren mal kurzzeitig als nächstes großes Ding gehandelt wurde? Nun, Metric klingen auf „Now Or Never Now“, als hätten sie der Band ein Denkmal setzen wollen — was ja nun echt absurd wäre, weil Metric ja nun wirklich genug eigenes Renommee mitbringen. Aber weil ich das Briskeby-Debüt damals mochte, hat mich dieser Song irgendwie schwer abgeholt. Und dass der Song in der Albumversion volle fünf Minuten braucht, bis er seine Hook (und Titelzeile) erreicht, macht ihn auch noch mal ein bisschen toller!

8. The Go! Team – Semicircle Song
Bläser und Drumline, die noch fetter sind als bei Marteria & Casper, Gesang, bei dem man dreimal nachgucken muss, ob man da nicht gerade die Jackson 5 hört, und Menschen, die ihre Sternzeichen aufzählen — völlig normale Zutaten für einen Song, den man eigentlich nur lieben kann. Und da: ein Glockenspiel!

7. Leoniden – Kids
„Again“, ist, wie gesagt, ein sehr, sehr Album. Und „Kids“ ist der beste unter einer ganzen Reihe sehr guter Songs. Fuck it all, we killed it tonight!

6. DJ Koze – Seeing Aliens
Die „Extended Breakthrough Listen“-Version dauert 8:17 Minuten und wird dabei an keiner Stelle langweilig. Irgendwo zwischen Burial und Underworld stapeln sich hier irgendwelche Sounds über einem treibenden Beat, der immer mal wieder ein- und ausgefadet wird, weswegen der ganze Track mehr nach einer Zug- oder Autofahrt klingt, bis sich dann der eigentliche Song hervorschält, der es schafft, gleichzeitig völlig frisch zu klingen und so, als würde man ihn bereits seit 25 Jahren kennen.

5. Christine And The Queens – 5 Dollars
Definitiv Roséwave, definitiv queer, also definitiv ein Song nach meinem Geschmack!

4. Meg Myers – Numb
Wenn man in einem Seminar erklären müsste, wie man einen Song aufbaut, empfehle ich „Numb“: vorsichtig reingrooven, langsam steigern, dann alle Tore öffnen und alles in einer finalen Refrain-Zeile kulminieren lassen, die das Festival-Publikum im Zweifelsfall auch bei 2 Promille noch mitbrüllen kann. Ach, für diesen Song müsste man das Bizarre-Festival wieder auferstehen lassen!

3. Hayley Kiyoko – Curious
Sie wolle nur wissen, ob es was Ernstes sei, singt Hayley Kiyoko und ihr „If you let him touch ya, touch ya, touch ya, touch ya, touch ya, touch ya / The way I used to, used to, used to, used to, used to, used to“ lässt ferne Erinnerungen an eine der dramatischsten Fragen der Popgeschichte wach werden: „Does it feel the same / When she calls your name?“ („The Winner Takes It All“, natürlich). Dass da eine Frau singt, der neue Partner der/des Besungenen aber ein Mann ist, verwirrt höchstens alternde Englischlehrer*innen, die bei diesem Musikvideo einen roten Kopf bekommen: It’s 20GAYTEEN, remember?

2. Big Red Machine – Hymnostic
Wir unterbrechen diese Galerie junger Frauen kurz für zwei nicht mehr gaaaanz so junge Männer (37 und 42, oh, verdammt!): Justin Vernon (Bon Iver, Volcano Choir, The Shouting Matches, usw. usf.) und Aaron Dessner (The National) haben gemeinsam ein Album aufgenommen, das die Zeit bis zu den neuen Alben von Bon Iver und The National wunderbar überbrückt. Und das mit „Hymnostic“ eine langsam vor sich hin gospelnde Single hat, die die Sonne in jeder noch so tiefen Nacht aufgehen lässt.

1. Rae Morris – Do It
Was zu erwarten war: Im März hatte ich mich in „Do It“ verliebt und seitdem nichts unversucht gelassen, den Song zum Sommerhit des Jahres 2018 zu pushen. Das hat auf offizieller Ebene nicht geklappt, aber mein Sohn singt begeistert den Refrain mit und was will man da noch mehr verlangen? Ein Song, ein Video, ein Album, wo nahezu alles stimmt und deshalb – die Statistiker unter Ihnen hatten schon aufgeregt in ihren Unterlagen gewühlt – gehen die Auszeichnungen für „Album des Jahres“ und „Song des Jahres“ erstmals seit zwölf Jahren („Buchstaben über der Stadt“ und „New York“ von Tomte — und wer mich ein bisschen kennt, weiß, welche Fußstapfen das sind!) wieder an ein und denselben Act. Herzlichen Glückwunsch, Rae Morris!

(Weiterer statistischer fun fact: Rae Morris ist damit der erste Act überhaupt in der 18-jährigen Geschichte meiner persönlichen Bestenlisten, der zum zweiten Mal den Titel „Song des Jahres“ einfahren konnte. Wow!)

Und hier sind alle 60 Songs in einer praktischen Spotify-Playlist, die sehr, sehr gut ist:

  1. Seine Nummer 1, vermutlich: entweder „Africa“ von Weezer oder „Solo“ von Clean Bandit und Demi Lovato, was übrigens auch mein „Peinlichstes Lieblingslied des Jahres“ sein dürfte. []

Alben des Jahres 2018

Von Lukas Heinser, 4. Januar 2019 22:30

In Großbritannien ist der Absatz von CDs im vergangenen Jahr um 23% eingebrochen. Wenn das in Deutschland ähnlich aussehen – und die Zahlen des ersten Halbjahres deuten darauf hin – trifft mich sicherlich eine Mitschuld, denn so wenige CDs gekauft wie im letzten Jahr habe ich bestimmt seit 20 Jahren nicht mehr.

Dafür habe ich (auch weil ich endlich mal wieder richtig musikjournalistisch tätig bin) so viel Musik gehört wie seit vielen Jahren nicht mehr — und zwar über Spotify, was sich für mich immer noch so anfühlt, wie an diesen Hörstationen, die es früher im Saturn gab, kurz in die CD reinzuhören, die man in der Hand hält, ohne die Hülle öffnen zu müssen.

Ich bin, wie schon mal angedeutet, medial konservativ: Ich mag lineares Fernsehen, weil ich mich dort nur zwischen knapp 80 Sendern (realistischerweise für mich: zwölf) entscheiden muss und nicht zwischen zehntausenden Streaming-Angeboten.1 Ich lese Texte am Liebsten auf Papier, weil ich dann hinterher wenigstens noch ungefähr weiß, was drin stand. Und ich habe meine Musik und Filme gerne auf kleinen silbernen Scheiben, die kaputt gehen können, wenn sie in die Hände von Kleinkindern geraten oder 30 Jahre rumstehen.

Und selbst, wenn im letzten Jahr nur wenige CDs zu meiner Sammlung hinzugekommen sind, glaube ich immer noch an die Idee des Albums, also eines in sich geschlossenen Werks, bei dem die einzelnen Stücke in einer Reihenfolge stehen, die die Künstler*innnen kurz vor der Veröffentlichung als definitiv erachtet haben — weswegen es mich auch wahnsinnig macht, wenn auf „Special Editions“ zum x. Jubiläum eines Albums plötzlich die Reihenfolge oder gar die Auswahl der Songs geändert werden.

Lange Rede, kurzer Sinn: Hier sind meine 10 Alben des Jahres 2018!

10. Hayley Kiyoko – Expectations (Spotify, Apple Music)
Am 1. Januar 2018 rief Hayley Kiyoko via Twitter das Jahr „20GAYTEEN“ aus — und tat danach alles, damit sich ihre Vorhersage bewahrheitet. Ihr Debütalbum „Expectations“ ist zu weiten Teilen Roséwave in Reinform und damit genau das, was ich in diesem unendlichen Sommer hören wollte!

9. Tocotronic – Die Unendlichkeit (Spotify, Apple Music)
Viel, viel, viel zu selten gehört: Angekündigt als „Konzeptalbum“ und „Autobiographie in 12 Kapiteln“ (das Album enthält 16 Titel) durfte man vorab ein bisschen besorgt, aber auch gespannt sein. Tocotronic haben alle Erwartungen pulverisiert und ein Werk (ja: ein Werk!) vorgelegt, das in so viele Richtungen geht, in so vielen Farben schillert und doch genau die Essenz dieser Band wiedergibt.

8. Restorations – LP5000 (Spotify, Apple Music)
24 Minuten, sieben Songs — mehr braucht es nicht für ein beeindruckendes Album, das Geschichten aus einem Amerika erzählt, das verwirrt und gespalten ist. Mit heulenden Gitarren, Rock’n’Roll-Gesten und Pathos, mit Bruce Springsteen im Tank und The Gaslight Anthem, The Hold Steady und Japandroids im Rückspiegel (wo die Dinge ja immer ferner erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind).

7. Clueso – Handgepäck I (Spotify, Apple Music)
Da hätte ich jetzt auch nicht unbedingt mit gerechnet: Dass Clueso ein Album rausbringt, das mich so abholt und mitnimmt. Darüber, wie es ist, unterwegs zu sein und an zuhause zu denken, über die Welt und die eigene Rolle darin — sehr reduziert und sehr anrührend. Benjamin von Stuckrad-Barre schwärmte von „Cluesos ‚Sea Change'“, mich hat es in seiner Wirkmächtigkeit an Tom Liwas „St. Amour“ erinnert. (Fun fact: Clueso ist inzwischen ziemlich genau so alt wie Tom Liwa, als der „St. Amour“ aufgenommen hat. Uff!)

6. Andrew McMahon In The Wilderness – Upside Down Flowers (Spotify, Apple Music)
Okay, okay: Andrew McMahon ist mir so nahe wie sonst nur Ben Folds, kettcar und R.E.M. (und vielleicht noch ein, zwei Dutzend andere Acts), aber nach dem letzten Album „Zombies On Broadway“ hatte ich ehrlich gesagt nicht mehr mit viel gerechnet. Umso erfreuter war ich, dass sich „Upside Down Flowers“ als Rückkehr zu alten Höhen entpuppte. Vielleicht habe ich das Album nach seinem Erscheinen im November ein bisschen überdosiert, aber: Es ist auch wirklich gut!

5. Meg Myers – Take Me To The Disco (Spotify, Apple Music)
Sie mochten Garbage, Hole, Fiona Apple, Garbage, Tori Amos und Skunk Anansie und sind traurig, dass die 1990er Jahre vorbei sind? Verzweifeln Sie nicht: Ziehen Sie sich Ihr Holzfällerhemd an, legen Meg Myers‘ zweites Album auf und drehen die Lautstärke hoch! So viel Druck, so viel Intimität und so verdammt kluge Texte! (Letztlich also auch irgendwie für Leute, denen Taylor Swifts „Reputation“ nicht konsequent genug war.)

4. Leoniden – Again (Spotify, Apple Music)
Da hätte ich jetzt auch nicht mit gerechnet: Dass aus Deutschland noch mal ein richtig gutes Indierock-Album kommt — auf Englisch! 32 Minuten, zehn Songs, aber Ideen für knapp 50: Auf „Again“ passiert so viel, dass man eigentlich Buch führen müsste — was leider nicht geht, weil das Album so sehr groovt. Ich scheue mich nicht, Leoniden in der Tradition der ganz großen deutschen Indierocker wie Pale und Miles zu sehen. Vielleicht klappt’s ja diesmal mit dem großen Erfolg!

3. Oh Pep! – I Wasn’t Only Thinking About You… (Spotify, Apple Music)
Irgendwo zwischen Folk und Indierock ruht das zweite Album des australischen Frauenduos Oh Pep! (Fun Fact: Pepita Emmerichs [Violine, Mandoline] hat in der Verfilmung von „Wo die wilden Kerle wohnen“ die große Schwester von Max gespielt — und man muss ja alle Menschen, die irgendetwas mit diesem absolut wundervollen Film zu tun hatten, eigentlich schon deshalb toll finden!) Ich höre Melancholie, Trost, Anflüge von Sarkasmus und Wut und zehn grandiose Songs.

2. DJ Koze – Knock Knock (Spotify, Apple Music)
Während die meisten Alben hier auf meiner Liste die Halbstunden-Marke nicht signifikant überschreiten, ist „Knock Knock“ eher unknackige 78 Minuten lang. So viel Zeit brauchen die Tracks aber auch, um sich aufzubauen, auszubreiten und die Hörer*innen einzuwickeln wie in eine warme Decke. Mit illustren Gästen wie Róisín Murphy, José Gonzales und Kurt Wagner hat DJ Koze ein abwechslungsreiches Album zusammengebaut, das auch schon 20 Jahren alt sein könnte — was hier ausdrücklich als Kompliment gemeint ist.

1. Rae Morris – Someone Out There (Spotify, Apple Music)
Wenn ich im März begeistert bin, kann sich das auch mal bis in den Dezember halten: Rae Morris hat mit ihrem zweiten Album einfach mein Album des Jahres aufgenommen — leicht, verspielt, melancholisch, humorvoll, warmherzig und sexy. Kurzum: Wäre dieses Album ein Mensch, wäre es der perfect crush.

  1. Ich nutze gerade einen Monat lang Netflix, weil ich „Springsteen on Broadway“ sehen wollte, und ich finde diese ganze Plattform so schlimm, dass ich fast schon Angst vor großen, roten „N“s habe, wenn ich sie irgendwo sehe. []

Im Blick zurück entstehen die Dinge

Von Lukas Heinser, 23. November 2018 13:18

Es kommt selten genug vor, aber manchmal, da hört man einen Song zum allerersten Mal und weiß schon nach drei Tönen, dass man ihn lieben wird. „House In The Trees“ ist so ein Song. Gut, dass könnte daran liegen, dass das Intro ein bisschen an „Sky High“ von Ben Folds Five bzw. Hotel Lights erinnert. Oder daran, dass der Refrain vage Erinnerungen an „Razor Boy“ (Steely Dan) und „Follow The Light“ (Travis) wachruft. Oder einfach daran, dass der Song von Andrew McMahon, einem meiner absoluten Lieblingsmusiker stammt.

Andererseits war „Zombies On Broadway“, sein letztes Album, bei aller Liebe nur so mittel zu ertragen gewesen: zu poppig, zu gradlinig, zu cheesy, zu seelenlos. „Then we went off in different directions / Kept in touch but it never was the same“, singt Andrew jetzt in eben jenem „House In The Trees“ über Freundschaften, die den Lauf der Zeiten nicht so gut überstanden haben, und ist damit plötzlich wieder ganz nah dran an meinem Herzen.

Mit The-War-On-Drugs-mäßigen Gitarren schraubt sich der Song seinem jingle jangle Refrain entgegen und da saß ich dann beim Erstkontakt in der nächtlichen S-Bahn und wollte sofort Bengalos anzünden:

When the last of your friends have gone
You learn a whole lot about hanging on and on
But if you crash and nobody sees
Just remember there will always be
A room for you in my house in the trees

Andrew McMahon In The Wilderness - Upside Down Flowers (Albumcover)Das ist zugegebenermaßen nah dran an jener Erbauungslyrik, mit der man von deutschsprachigen Neo-Schlager-Sängern in den letzten Jahren zugeschissen wird. Und dann singt er auch noch ständig von früher, und versprüht dabei diese Damals-mit-dem-Bier-an-der-Bushaltestelle-Nostalgie jener Popmusikanten um die 30, die sich am besten in der Band der Heimatvertrieben zusammentun sollten. Nur: Andy darf das. Er, 36, macht das mit der Musik jetzt sein halbes Leben lang, er hat mit Anfang Zwanzig eine Leukämie-Erkrankung überlebt, und er hat mit seinen Bands Something Corporate und Jack’s Mannequin so viele großartige Songs geschaffen, dass, wenn ich mir nur die wichtigsten Liedzeilen tätowieren ließe, meine gesamte Haut aufgebraucht wäre.

Eröffnet wird „Upside Down Flowers“ (der Albumtitel ist mutmaßlich eine Verneigung vor den Hängenden Gärten von Ehrenfeld — oder so) mit „Teenage Rockstars“, der offiziellen Band-Autobiographie unter all den autobiographischen Songs des Albums. Andy singt über seine Zeit mit Something Corporate, er könnte aber vermutlich auch über ungefähr jede andere junge Band singen:

We signed a deal and made some records
Sold out shows and married young
The money came, we started fighting
We partied hard and had our fun
We blew off deadlines
And forgot to call our friends

Das ist, wenn ich mich richtig erinnere, ziemlich genau die Quintessenz dessen, was Bob Geldof in der Toten-Hosen-Dokumentation „Nichts als die Wahrheit“ über die grundsätzlichen Probleme erzählt, die man als Band so hat. Damit ein Album zu eröffnen ist zumindest entwaffnend ehrlich. Und so geht es auch weiter: alles sehr persönlich, alles sehr autobiographisch. Das muss man als Hörer*in erst mal aushalten wollen.

Beim Sequencing, also der Festlegung der Songreihenfolge für ein Album, passiert es eher selten, dass in der Mitte ein Block mit den besten Songs hervorragt, aber genau so ist es hier mit den Tracks 4 bis 8:

„Monday Flowers“ dürfte der erste Andrew-McMahon-Song überhaupt sein, der ohne Lyrisches Ich auskommt: Er erzählt die Geschichte einer Frau, die von einer unglücklichen Liebschaft in die nächste stolpert, während sich musikalisch eine weiche Souldecke ausbreitet, auf der „Bill Withers, mit den Mitteln weißer Punkrock-Kids nachempfunden“ eingestickt ist.

In „Paper Rain“ träumt ein Pechvogel vom Geldregen, „This Wild Ride“ ist ein Trost-Walzer, den man gerne mit so vielen Menschen teilen würde („Sleep tight / There are dreams you have not dreamed / Doors to worlds unopened“) und in „Goodnight, Rock And Roll“ verneigt sich Andy vor den eigenen musikalischen Helden, die bereits gegangen sind: „If you find life on Mars, you’ve got to let us know“.

Und dann eben „House In The Trees“.

Das heißt nicht, dass der Rest Füllware wäre. Im Gegenteil: „Upside Down Flowers“ ist viel, viel besser, als ich befürchtet hatte. Es ist mindestens so gut wie das selbstbetitelte erste Album als Andrew McMahon In The Wilderness. Auch wenn ich mir mehr als einmal gewünscht hätte, die Musiker und der Produzent Butch Walker (Panic! At The Disco, Fall Out Boy, Pete Yorn, Weezer, Avril Lavigne, Frank Turner, …) hätten mal die Handbremsen gelöst und einen Song auch richtig rocken lassen. Aber gut: Wenigstens klingt es nicht mehr nach den Chainsmokers.

Der November, die Adventszeit und die Zeit „zwischen den Jahren“ sind wunderbare Zeitpunkte für Bestandsaufnahmen: Was ist passiert, in diesem Jahr und in meinem Leben? Wofür sollte ich dankbar sein? Genau in dieser Stimmung ist „Upside Down Flowers“ gehalten und genau diese Stimmung löst es in mir aus. Manchmal lohnt es sich eben, in Kontakt zu bleiben.

Andrew McMahon In The Wilderness – Upside Down Flowers
Spotify
Apple Music

Seite: << 1 2 3 4 5 6 ... 154 >>