Wie schnell so ein Jahr vergeht, merkt man vor allem, wenn man für jeden Monat ein Mixtape zusammenstellt. Jetzt ist 2025 also zu drei Vierteln durch. Okay.
Ich hoffe, die Musik hilft:
Wie schnell so ein Jahr vergeht, merkt man vor allem, wenn man für jeden Monat ein Mixtape zusammenstellt. Jetzt ist 2025 also zu drei Vierteln durch. Okay.
Ich hoffe, die Musik hilft:
Die ARD wird beim deutschen Vorentscheid zum ESC 2026 nicht mit Stefan Raab kooperieren. Das hat der Senderverbund gestern der Deutschen Presse Agentur (dpa) bestätigt.
„Spiegel Online“ nahm diese Meldung unter einer Überschrift auf, die so rätselhaft, referenziell und fremdsprachig ist, dass ich für einen Moment dachte, ich hätte sie vielleicht geschrieben:

Der Text schließt mit diesem Absatz:

Der letzte Satz ist Quatsch.
In den bald 70 Jahren des ESC hat es viele unterschiedliche Voting-Verfahren gegeben und das aktuelle, das seit 2016 gilt, ist tatsächlich ein bisschen unübersichtlich, deswegen erkläre ich es gern noch einmal in Ruhe: Zunächst wird der Reihe nach in die Teilnehmerländer (dieses Jahr: 37) geschaltet, wo eine sogenannte spokesperson die Jurypunkte aus dem jeweiligen Land bekannt gibt — und zwar namentlich nur für das Land, das zwölf Punkte erhalten hat; der Rest (1–8 und 10 Punkte) wird eingeblendet. Danach verlesen die Moderator*innen die akkumulierten Publikumspunkte für jedes einzelne Land — und zwar in der umgekehrten Reihenfolge des Jury-Ergebnisses.
Dieses Jahr hatte Island keinen einzigen Jurypunkt bekommen, war also als erstes mit den Publikumspunkten dran:
Nun ist es möglich, dass ein Land keinen einzigen Publikumspunkt bekommt (was nicht bedeutet, dass niemand für dieses Land abgestimmt hat, sondern dass es nirgendwo auch nur einmal in die Top 10 des Publikums gekommen ist, denn jedes Land gibt immer nur den beliebtesten zehn Songs/Acts/Ländern Punkte). In diesem, für alle Beteiligten unschönen, Fall müssen die Moderator*innen dann so etwas sagen wie: „Country XY, we’re sorry, but you received zero points!“. Es folgen kurz fassungslose Stille, dann Buhrufe, dann frenetischer Aufmunterungsapplaus. (Ich weiß, wovon ich spreche, ich saß 2021 in der deutschen Kommentatorenkabine in der Ahoy Arena von Rotterdam, als vier Länder in Folge null Punkte bekamen.)
Für Deutschland ist der Fall der öffentlich verkündeten null Publikumspunkte in neun Jahren bisher erst zweimal eingetreten: 2019 und 2021.
Dass man „häufig »zéro point pour l’Allemagne«“ hören könnte, ist beim aktuellen Voting-Verfahren ausgeschlossen, denn dessen Prozedere führt dazu, dass es pro Song Contest maximal exakt ein Mal vorkommen kann, dass ein Land „zero points“ erhält. Übrigens ausschließlich auf Englisch.
Nach dem Sieg der deutschen Mannschaft im Finale der Basketball-Europameisterschaft der Herren überkam mich gestern Abend – nicht zum ersten Mal – die Frage, was zum Henker eigentlich der Begriff „Unterpfand“ ausdrücken soll, der da in der deutschen Nationalhymne so herrlich sperrig herumsteht.
Dieses Mal hab ich einfach gegoogelt und die meisten prominent platzierten Suchergebnisse bezogen sich explizit auf die Frage, was dieses Wort in der Hymne ausdrücken soll.
Die Internetseite der Gesellschaft für deutsche Sprache erschien mir eine angemessen seriöse Quelle zu sein. Allerdings ließ mein Vertrauen in den Erklärtext insgesamt deutlich nach, als ich das hier las:

Eine „Olympiade“ ist der Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen. Ich weiß das seit der sechsten Klasse, als es mir Herr Lehrfeld in einer Vertretungsstunde erklärt hat, aber ich würde sagen, dass man es nicht zwingend wissen muss, wenn man nicht gerade als Sportreporter*in arbeitet — oder halt für die Gesellschaft für deutsche Sprache.
Die Gesellschaft für deutsche Sprache hätte es allerdings auch leicht nachlesen können. Zum Beispiel auf ihrer eigenen Website.
Wenn es doch nur irgendwelche Liedzitate gäbe, die beschreiben, wie schnell so ein August dann auch wieder vorbei ist. Naja. Die Schule hat wieder begonnen, der Sommer dreht ein paar Abschlussrunden — und ich hab ziemlich viel zu tun.
Trotzdem sollt Ihr natürlich Euer monatliches Mixtape bekommen. Wie es der Zufall will, sind diesmal einige meiner absoluten Lieblings-Acts darauf: Ben Folds hat ein paar Songs für das „Peanuts“-Musical bei Apple TV+ geschrieben; Jack’s Mannequin haben zum 20. Jubiläum ihres Debütalbums eine EP veröffentlicht, die fünf Songs von „Everything In Transit“ enthält, die nur mit Gesang, Klavier, Streichern und Percussion eingespielt wurden; Demi Lovato beginnt, nachdem sie ihre Dämonen mit reichlich Punk-Pop ausgetrieben hatte, eine neue Powerpop/EDM-Ära; Maro hat eine Akustik-EP veröffentlicht (und das zauberhafte niederländische Duo Lumi, mit dem sie im letzten Jahr auf Tour war, hat damit seinen ersten offiziellen Release); Herbert Grönemeyer ist für den Moment auch ganz akustisch und dann bringt Carly Rae Jepsen auch noch eine Special Edition ihres Albums „Emotion“ raus, die einige bisher unveröffentlichte Tracks enthalten wird.
Ich sag mal so: Viel Spaß damit!
Vorher laufen Songs von Taylor Swift. Ich bin wahnsinnig schlecht im Schätzen von Menschenmengen, aber es mögen schon an die 300 Leute sein, die da in der Bochumer Innenstadt auf dem Dr.-Ruer-Platz, benannt nach einem früheren jüdischen Oberbürgermeister, der von den Nazis in den Suizid getrieben wurde, in der prallen Mittagssonne stehen und warten.
Fast scheint es denkbar, dass das alles, die Musik und das überwiegend junge Publikum, nur hier ist, damit die Lokalpresse später schreiben kann, Heidi Reichinnek sei „empfangen worden wie ein Popstar“. Und tatsächlich hat die 37-Jährige, seit der Bundestagswahl Gesicht und Stimme der Linken, das Wirken junger, erfolgreicher Frauen in der Popkultur beobachtet und verstanden, während man beim Rest der bundesdeutschen Politik immer das Gefühl hat, irgendwo zwischen Andreas Gaballier, Heinz-Rudolf Kunze und The BossHoss rumzugründeln. Zumal, seit Robert Habeck, der Herbert Grönemeyer der Politik, das Gebäude verlassen hat.
Ein Mann wirft kleine Tütchen in die Menge; für einen Moment ist unklar, ob es sich um Gummibärchen oder Kondome handelt. Es sind Gummibärchen. Wenn sie vegan sind, könnte sich Ulf Poschardt trotzdem empören. Wenn sie nicht vegan sind, würden die Fans – und so kann man die Allermeisten hier wohl bezeichnen – sicherlich ein Auge zudrücken.
Das Publikum ist natürlich so, wie man es sich an einem Werktag in den Schulferien um 13:30 vorstellt: Sehr viele junge Menschen, aber nicht nur Schüler*innen. Es gibt sie noch, die schwarzen Punk-Rucksäcke mit vielen Buttons dran; dazu viele Hipster aus dem Ehrenfeld oder der Speckschweiz, die ausstrahlen, dass sie es zeitlich einrichten konnten, den Co-Working-Space oder Third-Wave-Coffeeshop vorübergehend zu verlassen; dazu die erwartbaren Veteran*innen von Hofgarten, Startbahn West und Wackersdorf.
Bevor es wirklich losgehen kann, bittet Ratsmitglied Horst Hohmeier darum, Rettungswege freizuhalten und sich „mehr in die Mitte zu orientieren“. Entschuldigung, wir sind doch hier, weil das mit der Mitte zuletzt eher als Holzweg erschien?!
Dann, endlich: Der erwartete Auftritt. Heidimania, in der Nachbarstadt erwägen sie schon die Umbenennung in Reichinnekkirchen. Ratskandidat Batıkağan Pulat, der mit Heidi (sie möchte geduzt werden und nach 30 Jahren Klum ist es ja wirklich an der Zeit, sich den Kinderbuchklassikernamen mal zurückzuholen) auf die Bühne kommt, ruft entzückt: „Ihr seid so sweet, hier ist so viel Liebe. Mega!“, und ich — nun, ich bin 41 Jahre alt und hier nur bedingt die Zielgruppe.

Auch Heidi ist natürlich „geflasht“ und komplimentiert das Publikum in jetzt wirklich perfekter Popstar-Aneignung: „Sowohl die Sonne als auch Ihr blendet!“ Vor ihr auf dem Platz zwinkert ein Plakat der Linken für die Kommunalwahl der Gen‑Z freundschaftlich zu: „Geht Wählen, ihr Mäuse“. Ich bin ein bisschen verunsichert (und habe eh eine irrationale Angst, dass Susanne Daubner an jedem noch so abgelegenen Ort plötzlich auftauchen und „Cringe, Digger!“ sagen könnte), möchte mich aber vehement nicht wie Thomas Gottschalk fühlen und wähne mich daher mitgemeint.
Sie freue sich, hier zu sein, erklärt Heidi, würzt diese Politiker*innen-Klischee-Äußerung aber mit einem Rundumschlag gegen den Nahverkehr in NRW, diese Acht-Bit-Simulation existierender Infrastruktur, der auch wechselnde Verkehrsminister und lässige Social-Media-Strategien der ca. 200 verschiedenen Nahverkehrsanbieter nichts von ihrer abscheulichen Unterdurchschnittlichkeit nehmen können. Bei ihr ist es nur ein Halbsatz, aber es ist ein sehr emotionales Thema, bei dem sie mich sofort hat.
Schnell singt sie noch das Loblied des Ruhrgebiets; Malochertum, Strukturwandel. Es erinnere sie hier an ihre Heimat im Osten, sagt sie, weil es da ähnlich aussähe, und das durchaus wohlwollende Publikum ist jetzt für einen Moment wirklich verunsichert, ob das irgendwie als Kompliment durchgehen kann und wenn ja, als ein toxisches.
Es würde absolut niemand erwarten und auch gar nicht passen, aber: Heidi Reichinnek hält hier keine Bierzeltrede. Per Social Media hatte man im Vorfeld Fragen mit den Schwerpunkten Bochum und Junge Leute einreichen können, von denen Batıkağan jetzt eine Auswahl vorliest. Das ist natürlich doppelt clever, bringt es doch Nähe und geht gleichzeitig auf Nummer Sicher, denn niemand ist so doof, im Jahr 2025 noch ein Mikrofon ins Publikum zu halten — noch dazu bei einer Klientel, wo die Stimmung zwischen zwingend notwendiger Kritik an der israelischen Regierung von Benjamin Netanjahu und stumpfem Antisemitismus, der aber natürlich „antikolonial“ und „aufklärerisch“ gelesen werden möchte, schwankt. Vor mir steht ein ca. 15-jähriges Mädchen in einem T‑Shirt, dessen schlichte Symbolik eigentlich nur so verstanden werden kann, dass sie die Abschaffung Israels zugunsten eines Palästinenserstaats fordert. So unschön wie alltäglich dieser Tage.
Es soll also bitte nicht um geopolitische Großthemen gehen, die lösen zu können wollen schon die unendliche Schlichtheit eines Donald Trump erfordert. Stattdessen: Wie kann man Jugendliche davon abhalten, rechtsradikal zu werden? Keine ganz schlechte Frage an eine studierte Politikwissenschaftlerin, die lange in der Jugendhilfe gearbeitet hat.
Die Antwort, nicht wirklich überraschend, aber eben auch naheliegend und nachvollziehbar: Breite Angebote für Jugendliche, direkt vor der Haustür. Schulsozialarbeit, die jungen Menschen das Gefühl gibt, gesehen zu werden, bevor es rechtsradikale Grillabende und Social-Media-Accounts tun. Soziale Infrastruktur als Absicherung gegen den Rechtsruck. Also das, was marktradikalisierte Durchoptimierungsfetischisten am Liebsten immer als Erstes kürzen.
Und dann, ein Hauch wohldosiertes Barack-Obama-Gedächtnispathos, das aber auch die ganz simple Wahrheit ist: „Wenn Ihr Euch umguckt, verbindet Euch mit den Menschen um Euch viel mehr, als Euch trennen könnte.“ Natürlich greift Heidi den politischen Gegner immer mal wieder an, aber Christian Lindner und Friedrich Merz bleiben die einzigen Vertreter, die sie namentlich nennt. Die AfD erwähnt sie als solche nur einmal; recht spät, als sie über deren Social-Media-Strategie spricht, die ja leider ziemlich erfolgreich sei. Anders als gewisse bayrische Ministerpräsidenten, die erst glücklich scheinen, wenn sie anderen Parteien minutenlang Unfähigkeit unterstellt haben wie ein Trinker in der Eckkneipe, der sich immer über seine „Alte“ aufregt, versucht sie es lieber mit konstruktivem Optimismus, der sich um etwas mehr bemüht, als „Zuversicht“ zu sagen. Gleichzeitig betont sie, dass Fortschritt immer Zeit brauche: „Wir versprechen Euch nicht das Blaue vom Himmel“. Na gut, Willy Brandt hatte es, hier im Ruhrgebiet, auch am Himmel versprochen. Und gehalten.
Die Frage, ob sie wegen ihrer hohen Sprechgeschwindigkeit mal über eine Rap-Karriere nachgedacht habe, verneint sie: kein Flow. Rhetorisch wäre sie den allermeisten Deutschrappern weit überlegen und man ahnt, dass sie das weiß. Leuten, die mit 1.500 Euro netto in TikTok-Kommentaren Milliardäre verteidigen, ruft sie zu: „Du musst die Stiefel, mit denen Du getreten wirst, nicht auch noch lecken!“, um dann, weltoffen und humoristisch durchaus gelungen, hinzuzufügen: „Nicht falsch verstehen: No Kink-Shaming!“ Und es scheint zu exakt gleichen Teilen plausibel, dass sie diesen Gag schon mehrfach gebracht hat, oder er gerade einfach so aus ihr herausgesprudelt kam.
Man kann sich vorstellen, warum diese Frau Menschen triggert, die ungelenk vor iPads sitzen und versuchen, locker oder auch nur menschlich zu wirken, während sie in eine Handykamera Social-Media-Fragen von jungen Menschen beantworten — und zwar möglichst ohne „Tagesschau“-taugliche Worthülsen, also quasi nackt.
Es erscheint überflüssig, das bei einer Millennial, die Social Media so gut beherrscht, noch einmal zu betonen, aber Heidi ist natürlich auch selbstironisch: „Wenn wir was können als Linke, dann ist es Papiere schreiben“, sagt sie und bezeichnet sich selbst als „Kommunalnerd“. Sichtlich begeistert steigert sich in die Details hinein, wie man die dauernden Mietpreissteigerungen beenden könnte, und bricht doch das Meiste sehr gut runter und formuliert zielgruppenoptimiert — also jung und akademisch angehaucht.
Wenn sie mal eine Vokabel aus dem Fremdwörterlexikon holt, wird die so anmoderiert, dass die alleinerziehende Kassiererin aus Hofstede dabei noch was lernen kann. Wie das Wort „Femizid“: „Das ist kein ‚Beziehungsdrama‘ oder eine ‚Familientragödie‘, sondern das ist ein verfickter Mord.“ Und irgendwo fällt wieder einem Boomer das Monokel runter.
Nach einer halben Stunde ist das Q&A beendet, es soll noch genug Zeit für Fotos und Autogramme bleiben: „Stellt Euch bitte in einer Reihe auf!“ Ich habe mir im Alter von elf Jahren mal die Unterschrift von Heiner Geißler auf dem Neutorplatz in Dinslaken geholt, weil ich den aus der Zeitung kannte, und verwahre das Autogramm von Willy Brandt, das mir ein Kollege meines Vaters mal überlassen hat, wie einen Schatz (in dem Sinne, dass ich es erstmal suchen müsste), aber das hier heute ist nicht meine Party.
Man kann es seltsam finden, dass Heidi derart abgefeiert wird („Wie ein Popstar“, kommt, schreibt es, „WAZ“!), aber wenn man kein mittelalter, weißer Mann ist, mit Hemd, Krawatte und Anzug verwachsen, findet man in der Politik immer noch auffallend wenige Menschen, die so aussehen wie man selbst. Solange in der Union (und durchaus auch an anderen Stellen) niemand merkt, wie wenig repräsentativ die immergleichen Gruppenfotos voll geklonter stellvertretender Sparkassenfilialleiter sind; solange Philipp Amthor so etwas wie frischen Wind verkörpern soll; solange die SPD, Regierungspartei in 23 der vergangenen 27 Jahre, sich wie ein ideenloser nasser Sack durch jede Manege und jeden Ring schleifen lässt; so lange werden es diese Parteien schwer haben, auch nur annähernd so einen Hype zu erzeugen wie Heidi Reichinnek es gerade für die Linke tut.
Sie schließt mit „Auf die Barrikaden!“, dann läuft wieder Taylor Swift.
Christoph Kramer ist mir grundsätzlich schon mal sympathisch, denn er hat sowohl für den VfL Bochum (2011–2013) als auch für Borussia Mönchengladbach (2013–2015, 2016–2024) gespielt. Das haben an namhaften Spielern sonst eigentlich nur Kevin Stöger und Michael Frontzeck geschafft — und über Letzteren redet in Städten, in denen er mal unter Vertrag gestanden hat, niemand gern.
Außerdem ist Christoph Kramer einer der wenigen Fußball-Experten im deutschen Fernsehen, die ich nicht bei jedem zweiten Satz schütteln möchte, 1 und der bisher einzige Mensch, der Fußballweltmeister wurde und einen Roman auf Platz 1 der „Spiegel“-Bestsellerliste hatte.
In einer Welt, in der es Sportmedien erwähnenswert erscheint, wenn ein Fußballprofi Bücher liest, gibt es natürlich schnell ein großes Hallo, wenn einer ein Buch schreibt. Die Öffentlichkeit – Sport- und Kulturmedien in seltener Eintracht Braunschweig, sowie der durchschnittliche Dulli auf Social Media, der ja einem weit unterdurchschnittlichen Dulli in der Eckkneipe entspricht – wittert ein weiches Ziel. So wie wir Musiker bei Benefiz-Fußballturnieren für selbstverständlich halten, aber bei Fußballern, die im Trainingslager oder andernorts zur Gitarre greifen, schon mal in vorauseilender Fremdscham zusammenzucken, soll der Herr Millionär bitteschön bei seinem Leistungsdruck bleiben. 2
Kramers Roman „Das Leben fing im Sommer an“, jedenfalls, erschien Mitte März und es ist nicht dem Umfang oder der Komplexität des Werks geschuldet, dass ich erst jetzt mit dem Rezensionsexemplar fertig geworden bin, sondern allein meiner eigenen Verplantheit. Es ist allerdings auch angemessen, dieses Buch auf einer Campingdecke in der Junisonne zu lesen, trägt es den Sommer (die Jahreszeit, nicht Yann — oh, bitte!) doch schon im Titel.
Hauptfigur und Erzähler ist der 15-jährige Chris Kramer aus Solingen, der gerade aus der Jugendabteilung von Bayer Leverkusen geflogen ist, und alle, die an dieser Stelle fragen: „Häää, also ist das eine Autobiographie und gar kein Roman?!“, haben in den letzten ca. 15 Jahren offenbar nicht viel vom Literaturbetrieb (Knausgård, Meyerhoff, Stuckrad-Barre) mitbekommen. Aber das ist natürlich auch ein schöner Nebeneffekt, wenn so ein Fußballer mal ein Buch schreibt: Dass das plötzlich ganz viele Menschen lesen, die sonst vielleicht nur zum „Kicker“-Sonderheft zum Saisonbeginn greifen. Da muss man als kulturpessimistischer Bildungsbürger schon mal seine Prioritäten straffen.

Chris spielt Fußball, hängt mit seinen besten Freunden Johnny und Salvo rum, himmelt seine Mitschülerin Debbie an, fühlt sich aber viel zu uncool und zu hässlich, um sie anzusprechen. Er ist also ein ganz normaler Teenager in einer Zeit, in der sich junge Männer noch nicht via TikTok und Männlichkeits-Podcasts radikalisiert haben, denn der Roman spielt im Sommer 2006.
Also: Der Roman gibt vor, im „Sommermärchen“-Sommer von 2006 zu spielen, aber nahezu jede Popkultur-Referenz ist anachronistisch: Songs wie „Apologize“, „The Way I Are“ und „After Tonight“ und der Film „Nachts im Museum“, die allesamt erwähnt werden, kamen erst später raus und im Buch beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft, als in NRW schon Sommerferien sind. Das lässt sich mit Schludrigkeit nicht erklären, das muss Absicht sein, um eine kleine Nebenwirklichkeit zu erschaffen, die eben Roman ist und nicht Tatsachenbericht. Was ja auch total okay ist — selbst wenn man in jedem Freundschaftsbuch „Popkultur“ und „Fakten checken“ als liebstes Hobby einträgt.
In drei Tagen entspinnt sich auf einer Party im Vereinsheim, im Freibad, im Kino, auf dem Hoffest der eigenen Eltern und in einem fremden Auto eine Geschichte, wie wir sie so oder so ähnlich fast alle erlebt haben: Freundschaften, Alkohol, die (natürlich große und einzig wahre) erste Liebe, maximale emotionale Aufgewühltheit und ein Abenteuer, das einem hinterher keiner glauben wird. Da kann man jetzt oberlehrerhaft am Rand stehen und meckern, dass das aber alles ganz schön generisch sei, aber so ist das Leben ja nun wirklich meistens in dem Alter und nur die, die so etwas nicht erlebt haben (oder erfolgreich verdrängt haben, dass sie selbst mal jung waren), stehen hinterher am Rand und meckern oberlehrerhaft rum.
Die Schilderungen kamen mir sogar so bekannt vor, dass ich mich irgendwann gefragt habe, ob eigentlich alle Jungs gleich sind oder wir nur alle die gleichen Bücher, Filme und Songs konsumiert haben und deshalb alle die gleichen Gedanken hatten, was Mädchen 3 anging. Kramer schafft es dankenswerterweise, seinen Protagonisten ausreichend reflektieren zu lassen: „Ich hasste es eigentlich, so zu reden, aber alle Jungs sprachen so über Mädchen.“ Stellt sich raus: Werdende Männer hatten schon vor TikTok und Männlichkeits-Podcasts den Hang zu problematischem Verhalten, peer pressure sei Dank.
Ich habe genug Romane gelesen und abgebrochen, in denen mir die Sprache zu manieriert erschien, die Charaktere zu unerträglich oder das ganze Werk zu uninteressant. Das war hier alles nicht der Fall. Natürlich ist es mindestens fraglich, ob der Roman veröffentlicht worden wäre (und dann noch mit einem derartigen medialen Bohei) und ich ihn gelesen hätte, wenn der Autor nicht Christoph Kramer geheißen hätte, aber ich würde behaupten, dass ich Werk und Autor ausreichend trennen kann, um das Buch auch so gut zu finden.
Klar: Kramer ist nicht Wolfgang Herrndorf (und der Gedanke, dass er „Tschick“ gelesen hat und mochte, klopft mehr als einmal an) und ein Buch, das ich mit 41 lese, wird mich nicht mehr so beeindrucken wie es Jochen Tills „Der Junge Sonnenschein“ mit 16 oder eben „Tschick“ mit 27 tat, aber verglichen mit einem weiteren Coming-of-Age-Roman, den ich mit Anfang Zwanzig irgendwie mochte, vor einigen Jahren aber mit einer Mischung aus Ratlosigkeit und Ablehnung noch einmal gelesen hatte („Rocktage“ von Dana Bönisch), habe ich mich mit seinem Buch immer wohl gefühlt. Was vielleicht auch daran liegt, dass der Hauptcharakter im Laufe der Geschichte sehr viel mehr zum Akteur wird als die Schluffis in vielen vergleichbaren Büchern und man das mit fortgeschrittenem Alter und nach erfolgreicher Therapie dann doch zu schätzen weiß.
Wenn der Schriftsteller Christoph Kramer mit 15 wirklich schon so weit war wie sein Chris im Roman, kann man ihn jedenfalls nur beglückwünschen: Der weint und spricht davon, wie er seinen besten Freund liebt („Nicht Liebe im klassischen Sinne. Eine andere, aber, glaubte ich gerade, vielleicht ja die einzig wahre.“). Der redet zu keinem Zeitpunkt davon, dass er seinen Crush gerne „ficken“, „bumsen“, „nageln“, „vögeln“ oder sonstwie beschlafen möchte (ungefähr das einzige, was ich aus Benjamin Leberts „Crazy“ erinnere). Der nicht so cool und abgeklärt tun will wie die anderen Jungs.
Trotzdem gibt es in „Das Leben fing im Sommer an“ die Frau bzw. das Mädchen als erratisches und unlogisches Wesen, diesen John-Green-Topos. Eigentlich müsste man dafür die augenrollende Gesellschaftskritikvokabel „schwierig“ hervorholen, wenn einem nicht genug Frauen aus dem eigenen Umfeld einfielen, deren Verhalten zumindest an irgendeinem Punkt erstaunliche Ähnlichkeit zu dem der weiblichen Romanfigur aufgewiesen hätte. Aber bei kurzem Nachdenken: Männer eben auch. Hier greift das Ave Maria für die etwas rumpeligeren Begegnungen innerhalb unserer Generation: „Ich hoffe, da war in der Zwischenzeit mal ein Therapieplatz frei“.
Für mich ist die Handlung der meisten Bücher zweitrangig. Entscheidend ist, wie es geschrieben ist, und wie man sich beim Lesen fühlt. 4 Und in diesen Kategorien ist das Buch mehr als ein schmutziger Sieg, denn Kramer hat ein Auge für Details und ein Talent für originelle Vergleiche und Formulierungen. Er muss kein großes world building betreiben, es reichen ein paar grobe Striche: Feld, Freibad, Trinkhalle — sofort läuft der Assoziationsfilm; wobei erstmal unklar ist, ob man die eigene Jugend erinnert oder Filme wie „Crazy“, „Schule“ oder „Tschick“.
Am Ende geht alles ganz schnell: Statt eines Zeitsprungs wie am Ende von „Dawson’s Creek“, „O.C. California“ oder „Harry Potter“ gibt es drei. Eine spektakuläre Kurz-vor-Schlusspointe 5 hält das Buch noch bereit, dann sehen wir dem pensionierten Fußballprofi Christoph Kramer beim Schreiben zu und sollen all das glauben, was er uns auf den 240 Seiten davor erzählt hat, obwohl der legal disclaimer am Ende des Buchs natürlich das Gegenteil behaupten muss. Wer die Frage, ob das, was in einem Roman steht, jetzt der Wahrheit entspricht (und wieweit), für spielentscheidend hält, kann sich an diesem Beispiel unnötig in Rage denken.
Für alle anderen ist eine im besten Sinne total okaye Sommerlektüre.
Die Sonne machte sich gerade bereit, sich das Präfix „Abend-“ überzuwerfen und, wenn auch schon tief stehend, den Tag würdevoll abzurunden. Am Strand wäre es sicherlich noch mal bedeutend schöner gewesen (so wie es am Meer immer schöner ist) als am Rande der Bochumer Innenstadt, aber da wären wir jetzt nicht so schnell hingekommen, außerdem war Abendessenszeit und als wir uns an den Tisch setzten, fragte ich also meinen Sohn, ob er jetzt bereit sei für mein kleines Impulsreferat über Brian Wilson und die Beach Boys.
Eine Stunde zuvor war die Nachricht auf meinem Smartphone eingegangen, dass Wilson, einer der Pioniere der Popmusik im 20. Jahrhundert; einer der allergrößten Künstler der Popkultur; ich zögere nicht zu sagen: einer der Götter der schönen Künste, im Alter von 82 Jahren gestorben war. Die Spotify-Playlist „This Is The Beach Boys“ hatte also schon die Zubereitung unseres Abendessens lautstark untermalt.

Während wir Hähnchenbrust mit Thymian und Gnocchi mit Lauch – ein angemessen sommerliches Gericht – aßen, musste das Kind nun erdulden, wie ich ihm von der Gründung der Beach Boys durch die Gebrüder Wilson und ihren Cousin berichtete; davon, wie Brian Wilson Einflüsse aus Rock ’n‘ Roll, R&B und Barbershop-Gesang auf bisher unbekannte Art kombiniert und damit die moderne Popmusik mindestens mit-erfunden hatte; wie wir Einflüsse von Beach-Boys-Kompositionen auch heute noch in den Songs unserer Lieblings-Cartoon-Serie „Phineas & Ferb“ wiederfinden könnten. Ich erzählte von Brian Wilsons psychischen Problemen, seinem Ausstieg aus dem Tour-Leben und den Jahren, die der Musiker quasi nur im Bett verbracht hatte — ein so absurder und popkulturell bedeutsamer Fakt, dass die Barenaked Ladies ihm in den Neunzigern einen ganzen Song widmeten, den Wilson selbst, einigermaßen genesen, einige Jahre später covern sollte.
Die Musik der Beach Boys war in meiner Kindheit so allgegenwärtig, dass ich gar nicht sagen könnte, wo sie mir erstmals begegnet ist. Vielleicht im „Babybel“-Werbespot der frühen 1990er Jahre, in dem der wachsverkleidete Minikäse auf die Melodie von „Barbara-Ann“ (übrigens keine Wilson-Komposition) besungen wurde; vielleicht durch die eingedeutschten Versionen ihrer Hits durch eine Band namens – I kid you not – Strandjungs, die damals im Radio liefen (aus „Surfin‘ USA“ wurde etwa „Surfen auf’m Baggersee“ — übrigens mit meinem heutigen „MoMa“-Kollegen Peter Großmann am Mikrofon); vielleicht durch „Kokomo“, diesen objektiv furchtbaren – und Brian-Wilson-freien – Ohrwurm aus dem Tom-Cruise-Film „Cocktail“; vielleicht durch die maximal unseriöse „Super Hits“-CD aus den Wildwest-Tagen der Musikindustrie, die mein Vater besaß und die sich extrem auf das Surf-lastige Frühwerk der Band fokussierte. Verdammt: Sogar bei „Hallo Spencer“, der NDR-Antwort auf die „Muppet Show“, tauchte eine Band auf, die Quietschbeus hieß!

Als ich dann selbst tief eintauchte in die Welt der Popkultur führte natürlich gar kein Weg mehr an Brian Wilson und den Beach Boys vorbei: In den Soundtracks von „Almost Famous“, „Vanilla Sky“ und sogar „Das Experiment“, in den Musikzeitschriften, die ich verschlang, erst recht in der Musik, die ich hörte und liebte. Ben Folds Five, The Ramones, Travis und so viele andere Bands würden nicht so klingen, wie sie klangen, wenn sie nicht auf die Wilson’schen Chor-Arrangements und Harmonien hätten zurückgreifen können.
Ihre Songs waren so groß und teilweise synonym mit Liebe, dass Neil Hannon von The Divine Comedy in seinem Mehrfach-Meta-Liebeslied zwei bedeutende Zutaten für den „Perfect Lovesong” ausmachte: „A divine Beatles bassline / And a big old Beach Boys sound“. Mir ist genau heute aufgefallen, dass „Remember“ von Air ausgiebig den Beach-Boys-Song „Do It Again“ samplet.
Man kann eigentlich fast jeden Song aus ihrem Gesamtwerk hören – und glaubt mir, ich arbeite seit gestern Abend intensiv daran! – und wird immer einen anderen, späteren Song finden, der mehr oder weniger deutlich daran erinnert (allerdings auch etliche frühere Songs, bei denen sich Brian Wilson und seine Bandmitglieder bedient hatten).
Ich hab mich immer schon mindestens so sehr für die Hintergründe und Entstehungsprozesse von Popkultur interessiert wie für das eigentliche Werk und Brian Wilson ist da in den 1960er Jahren etwas gelungen, was in dieser Form sonst eigentlich nur die Beatles beherrschten: Die Produktionstechniken immer zu erweitern und die Grenzen des Konzepts „Popsong“ permanent zu verschieben und dabei immer noch Musik zu erschaffen, die einen einfach nicht kaltlassen kann. Das, was bei anderen in unschönem Mucker-Vokabular wie „Rock-Oper“ oder „Konzeptalbum“ gipfelte, waren bei ihm immer noch Popsongs — unendlich kompliziert, so dass sie Menschen, die sich mit Musikproduktion oder Komposition beschäftigen, noch heute als Anschauungsmaterial dienen, dabei aber immer noch so eindeutig Pop, dass ich von den eigenen Großeltern bis zu meinem damals neugeborenen Sohn widerspruchslos alle damit beschallen konnte.
Jan Wiele ist für seinen Wilson-Nachruf bei FAZ.net auf die – vielleicht nicht wahnsinnig originelle, aber wichtige – Idee gekommen, den Tod von Brian Wilson (und den von Sly Stone wenige Tage zuvor) mit der aktuellen Situation in Kalifornien zu verschneiden: Dass diese beiden Musiker, „die beide auf ihre Weise für kalifornische Träume standen“, nun ausgerechnet in jenen Tagen sterben mussten, in denen Donald Trump die Nationalgarde im freiheitsliebenden „Golden State“ aufmarschieren und Proteste gegen seine unmenschliche Abschiebepolitik niederschlagen lässt, muss einem schon symbolisch vorkommen.

Kalifornien – der einzige USA-Bundesstaat, der bis heute einen eigenständigen deutschen Namen hat – prägt für die meisten von uns Ausländern das Amerikabild wie maximal noch New York City. Der Staat ist gleichzeitig pars pro toto für die USA und unendlich weit weg von den rednecks im fly-over country. Es ist die Geschichte des Goldrauschs, der Entertainment-Industrie, des Internets in all seinen befreienden und beunruhigenden Aggregatformen, die vom Pacific Coast Highway und die vom Strand. Die Beach Boys haben – auch wenn jetzt wieder überall zu lesen ist, dass ja nur Brians Bruder Dennis, der Schlagzeuger der Band, wirklich Surfer war – Kalifornien und damit die USA auf eine Art erfunden und zur Marke gemacht.
In den ersten Zeilen von „Fun, Fun, Fun“ – einem Song, der den Spaß derart ernst nimmt, dass er ihn gleich dreimal im Titel trägt – singt Mike Love „Well, she got her daddy’s car / And she cruised through the hamburger stand now“ und skizziert damit – von der unendlich genialen Phrasierung von „hamburger stand now“ mal ganz ab – das, was Menschen, die sich nicht näher für die USA interessierten, über Jahrzehnte über die USA dachten: Autos und Fast Food. Wenn Du hier einen Pflock in die Erde schlägst, bildet er eine Linie mit George Lucas‘ „American Graffiti“ und weiten Teilen von Quention Tarantinos „Pulp Fiction“. Dass der Song im Frühjahr 1964 erschien, zweieinhalb Monate nach der Ermordung von John F. Kennedy, zu einer Zeit, als der Vietnamkrieg gerade anfing, richtig unschön zu werden, ist Kontext, der das Amerika-Klischee perfekt macht. Studierendenproteste an kalifornischen Universitäten? The Beach Boys got you covered.
Mein Kalifornien-Bild ist geprägt von den Besuchen bei meiner Familie, die in der San Francisco Bay Area, in NorCal, lebt, weit weg von den oberflächlichen Showbiz-Leuten in SoCal (natürlich ist auch Kalifornien noch einmal in sich gespalten, wenn auch nicht so tief wie der Rest der USA). Ich hab’s – von einem Ausflug nach Disneyland per Flugzeug mal ab – nie weiter südlich geschafft als Big Sur. Und gleichzeitig ist der Mythos Südkaliforniens natürlich auch tief in mein Herz eingebacken — durch „The O.C.“, die Red Hot Chili Peppers und die Bands von Andrew McMahon. Der ist gerade auf Tournee, um das 20. Jubiläum von „Everything In Transit“ zu feiern, und postete gestern sogleich ein Instagram-Reel, in dem er Wilson gedachte und dessen Einfluss auf sein eigenes Album würdigte. Sollte ich jemals mit meinem vor vier Jahren begonnenen Soloalbum fertig werden, wird darauf ein Song enthalten sein, der „California Girls“ heißt, den Mythos Kalifornien feiert und sich im Refrain natürlich schamlos bei den Beach Boys bedient — man kann das Wort „California“ ja nur im Satzgesang singen.
Ich bin mir relativ sicher, dass ich das Meer auch ohne die Beach Boys lieben würde (ich fahre nach Holland, seit ich zwei Jahre alt bin!), aber die Melancholie, die jeden Strandbesuch umweht, die kommt wahrscheinlich zu einem guten Teil von der Band.
Jens Balzer schafft es in seinem Nachruf bei „Zeit Online“, wirklich jeden Winkel von Wilsons Schaffen auszuleuchten und doch persönlich und menschlich zu schließen. Ann Powers, die große Pop-Erklärerin bei „NPR Music“, erinnert auch noch mal ausführlich an die vielen Herausforderungen und Tiefschläge im Leben des Mannes, dessen Musik für sehr oberflächliche Beobachter*innen vor allem für „Sonne, Strand und gute Laune“ stand.

Dabei muss man ja nicht einmal zu „God Only Knows“, „I Just Wasn’t Made For These Times“ (schon der Titel!) oder „Surf’s Up“ greifen: Selbst „Fun, Fun, Fun“ hat eine bedrohlich an eine Sirene erinnernde Hintergrundmelodie und der ganze Spaß endet, wenn Vati dem übermütigen Mädchen die Autoschlüssel wegnimmt. Diese Widersprüchlichkeit des Lebens wird in „God Only Knows“ besonders deutlich: Die erste Zeile lautet – für ein Liebeslied eher ungewöhnlich – „I may not always love you“; eine Trennung bedeute zwar nicht das Ende der Welt, aber ob und wie der Sprecher hernach weiterleben könne, dass wisse nur Gott allein.
Bei Bob Dylan hatte die Antwort auf alle wichtigen Fragen ein paar Jahre zuvor schon deutlich irdischer im Wind geweht.
Asche in Vinyl. Jazz/Afrobeat-Fusion. Indierock. Americana. Robbie Williams. Das sind die 5 Songs, die Ihr im Mai 2025 gehört haben solltet:
Diese und noch mehr Songs gibt’s im Coffee And TV-Mixtape:
Ein Song, bei dem ich mich immer erinnern werde, wo ich ihn das erste Mal gehört hat; ein überraschendes Comeback; ein Song, der für und gegen schlechte Laune geeignet ist, und mehr — das sind die 5 Songs, die Ihr im April 2025 gehört haben solltet:
Noch mehr Songs gibt’s wie immer auf unserem Coffee-And-TV-Mixtape:
PS: Ja, wir sind ein bisschen spät dran, aber ein paar technische Herausforderungen, Feiertage und die ESC-Vorbereitung sind schuld!
Es war im Sommer 2000, der 12. August: Mein bester Freund hatte herausgefunden, dass in Rees-Haldern, rund 40 Kilometer von Dinslaken entfernt, ein Musikfestival stattfand, auf dem unter anderem Embrace, Soulwax und K’s Choice auftreten würden — und zwar heute, am letzten Samstag der Sommerferien! Da wollten wir hin, also druckte ich bei meiner Mutter in der Stadtbibliothek eine Wegbeschreibung aus und das, was wir damals noch nicht „Timetable“ nannten. Ich besorgte Getränke und ein paar Snacks und mein bester Freund überzeugte seine große Schwester, uns dorthin zu fahren und abends wieder abzuholen („Um halb Elf, an der gleichen Stelle!“ — klingt wie Mittelalter, es gibt aber vereinzelte Hunde, die damals schon lebten und es heute auch noch tun). Es sollte mein erstes von zwölf Haldern Pop Festivals werden und mich, dem butterfly effect folgend, von Dinslaken nach Bochum bringen.
Einer der zahlreichen Acts, deren Namen uns nichts sagten, war ein Typ mit verknautschtem Gesicht und Akustikgitarre. Das Programmheft klärte uns auf, dass es sich um Tom Liwa aus Duisburg handle, bisher bekannt als Sänger einer Band namens Flowerpornoes, jetzt auf Tour mit seinem Solo-Debüt mit dem etwas schnulzig klingenden Titel „St. Amour“. Wir waren anfangs nicht überzeugt, aber irgendwie gelang es diesem Mann, uns während seines knapp 40-minütigen Sets auf seine Seite zu ziehen. Die Songs waren eigentümlich interessant, sowas kannten wir nicht aus dem Radio und noch nicht mal von Viva II. Wir waren als Skeptiker gekommen und gingen als Fans.

Das war insofern bemerkenswert, als ich damals nicht nur nichts von deutschsprachiger Musik wissen wollte, sondern mir sogar englischsprachige Acts aus Deutschland suspekt waren. Ja, okay: Die Fantastischen Vier existierten, aber ich hatte gerade erst angefangen, mich vorsichtig mit Tocotronic und den Sternen zu beschäftigen; eine Rückkehr zu Herbert Grönemeyer oder der Münchener Freiheit, mit denen ich aufgewachsen war, erschien noch undenkbar.
Es ist für Menschen, die heute jung sind, unvorstellbar und selbst für uns, die wir dabei waren, manchmal überraschend, aber: Man konnte damals nicht einfach sofort jede Musik hören, die man hören wollte. Schon gar nicht in niederrheinischen Kleinstädten. Theoretisch hätte ich das Album noch am selben Abend bei Amazon bestellen können, praktisch hatte ich noch nicht mal ein Girokonto, von dem aus ich es hätte bezahlen können. Es dauerte also bis zu den Herbstferien, bis ich im Mediamarkt in der Kölner Hohen Straße nach dieser „Platte“, wie man damals rätselhafterweise auch zu CDs sagte, suchen konnte.
Die ersten Zeilen des Albums, „Dies ist kein Brief / Nur eine Straßenkarte /Auf der ich mit dem Finger entlangfahr / Während ich auf Antwort warte“ im Song „Eskimo“, waren aufregender als neun Jahre Deutschunterricht am Gymnasium. Und dann so lapidar dahingeworfene Zeilen wie „All meine Geschwister sind Einzelkinder“, „Diese Welt ist ein seltsamer Platz, an dem man immer wieder vergisst, wie traurig man ist“, „Und jetzt sitzt Du da mit Deinem Streichquartett und ich hab Kopfschmerzen vom Telefonieren“ — wow!
Die Texte haben genau jenes Mischungsverhältnis aus konkret und kryptisch, dass man sich in nahezu Lebensphase darin wiederzufinden glaubt: „Und was denkt ein Pinguin / In seinem Käfig im Zoo / Im Herbst, wenn die Vögel zieh’n / In die Sonne?“ Ja, klar: Fühl ich. Und das vorgetragen mit dieser leicht knarzigen, aber trotzdem sehr warmen Stimme, die einfach klingt wie die eines Freundes, den „alt“ zu nennen man sich verbieten würde, weil man doch ein Jahrgang ist, der aber am Ende eben dann doch genau das ist. Bei „The Voice“ kommt man damit nicht weit, aber das ist ja – neben der textlichen Qualität – eben genau das, was Tom Liwa von heutigen wiederverwertbaren Deutschpopmusikern unterscheidet.
„Gib ihnen was sie wollen“ klingt wie eine brutale, aber nicht unempathische Abrechnung mit Babyboomern — aber das kann eigentlich nicht sein, die waren doch erst Mitte 40, als das Album erschien, und Liwa gehört selbst dazu. Also doch? Wahnsinnig viel passiert auch auf der Rückbank irgendwelcher Autos — oder: Es passiert eben nicht, es wird immer nur angedeutet, dass dort in der Vergangenheit irgendetwas passiert ist. Das ist für einen 17-Jährigen, der seinen Führerschein nicht so bald machen sollte, natürlich wahnsinnig aufregend!
Wie das oft so ist bei Songs, die man schon sehr lange kennt: Wenn man sie nach vielen Jahren wieder hört, kann man immer noch jedes Wort mitsingen — was einen aber nicht unbedingt näher an den Inhalt der Texte heranbringt, weil man über diese eben gar nicht mehr nachdenkt, egal ob auf Englisch oder Deutsch. Wovon handeln also die ganzen Lieder? Von Menschen und ihren Problemen; von Beziehungen, die daraus entstehen und darunter leiden; von schlaflosen Nächten, eigenen Unzulänglichkeiten, Leidenschaften und Einsamkeiten.
Das könnte man ehrlicherweise über wahrscheinlich 90% aller Popsongs sagen, aber irgendwie war Tom Liwa hier etwas gelungen, was bis heute nur wahnsinnig wenige deutschsprachige Texter geschafft haben: so zu formulieren, dass es für mich – und ich bin ja hier die einzige Instanz, wenn es um meinen Geschmack geht! – nicht peinlich, gestelzt oder ausgedacht klang, sondern wie im Gespräch dahergesagt. Marcus Wiebusch und Reimer Bustorf von kettcar und Thees Uhlmann sind für mich die Einzigen, die mich seit Jahrzehnten begleiten, aber ihre Qualitäten liegen ein bisschen woanders; Muff Potter, Wir Sind Helden und Jupiter Jones haben vor rund 20 Jahren jeweils ein paar Alben lang zu mir gesprochen, aber Tom Liwa ist wirklich ein Solitär: Ich würde auch heute noch nicht sagen, dass er meine Lebenswirklichkeit abbildet, und die Situationen, in denen sich seine Ich-Erzähler befinden, sind in den seltensten Fällen erstrebenswert, aber es bleiben Geschichten, die mich anrühren und interessieren — etwas, was anderen deutschsprachigen Acts ungefähr nie gelingt (it’s not you, it’s me).

Für einen 17-Jährigen, der gerade dabei war, sich die ersten paar Male unglücklich zu verlieben, bot dieses Album reichlich Projektionsfläche: Ein Song, der „Seltsames Mädchen“ hieß; Geschichten von offenbar dramatisch geendeten Liebschaften; eine Erzählstimme, die offenbar schon mehr wusste (Tom Liwa war bei Veröffentlichung des Albums 38 Jahre alt), aber uns kleine Holden Caulfields mitnehmen konnte durch diese Erwachsenenwelt, an deren Tür wir gerade anklopften (oder von deren Tür von uns erwartet wurde, dass wir an sie anklopfen wollen würden oder müssten).
Unter den zwölf Tracks des Albums gibt es nicht einen schwachen, einer der besten Songs wurde noch nicht mal von Liwa selbst geschrieben: „Zuhause“ stammt von Florian Glässing, mit dem Tom Liwa 2002 ein gemeinsames Album aufnehmen sollte, und auf dessen Durchbruch ich seit über 20 Jahren warte. Nachdem sich dieser Song in ein Pearl-Jam-ähnliches Finale hochgeschraubt hat, erklingt plötzlich die Stimme von Christian Brückner (oder, wie wir schon damals sagten: „die deutsche Stimme von Robert de Niro“) und rezitiert einen Liwa’schen Text, der „Wir haben die Musik“ heißt und clevererweise eben genau auf selbige verzichtet.
Wenn es auf „St. Amour“ einen Hit gibt, dann „Für die linke Spur zu langsam“: Ein Song, dessen volles Ausmaß ich erst im Lauf der Jahre langsam zu erfassen begann. Die erste Strophe handelt von den Ansprüchen an sich selbst, vom „Geschenk für die Welt“, an dem man arbeitet. Die dritte Strophe schleicht sich nebensächlich an, um im letzten Moment ihre volle, fast metaphysische Wucht zu entfalten: „Und dann fahr ich ans Meer raus / So wie ich’s immer mach / Wenn ich allem entflieh’n will / Das ich nicht mehr etrag / Park den Bus in den Dünen / Und setz mich irgendwohin / Seh raus aufs Wasser und warte / Bis ich jemand anders bin“.
Treffendere Worte sind selten über Männer geschrieben worden. Dieses ganze „Born To Run“-Dingen (also: Motorrad oder Auto nehmen und los) wird hier einmal kurz dekonstruiert: Es ist halt einfach immer eine ganz banale Flucht. Vor dem, was der Mann „nicht mehr erträgt“. Ich kenne kaum einen Mann, egal welcher Generation, auf den diese Strophe nicht passen würde: Wenn meinem Großvater seine Familie zu viel wurde oder ihm Konflikte unlösbar erschienen, fuhr er einfach weg. Ich hab mich als Teenager auf mein Fahrrad geschwungen und bin zum Rheindeich gefahren; später, in Bochum, bin ich ins Auto gestiegen und zum Kemnader See gefahren. Das Meer, das mich noch heute beruhigt wie sonst nichts auf der Welt, war mir dann doch immer ein bisschen zu weit weg, aber Hauptsache Wasser! Ruhe finden im Fluss, panta rhei. Das hier einmal so ausformuliert zu finden, in seiner ganzen heroischen Lächerlichkeit der Konfliktvermeidung und Kapitulation — das hat schon eine sehr entwaffnende, ernüchternde Macht. Bis heute fühle ich mich oft so, wie es Tom Liwa im Refrain beschreibt: „Für die linke Spur zu langsam / Für die rechte Spur zu schnell“. Eigentlich müsste es der Slogan aller Millennials sein.
In den Jahren 2000 und 2001 sahen mein bester Freund und ich Tom Liwa vier Mal live. Meist stand er allein mit seiner Akustikgitarre auf der Bühne und spielte das, was er – in Anlehnung an die damals populären „Dogma 95“-Filme – augenzwinkernd als „Dogma-Konzert“ bezeichnete. Was aus den tollen bis grandiosen Songs ein rundherum großartiges Album macht, ist jedoch auch die Produktion Marcus Holzapfel, die mir auch Jahrzehnte später noch wahnsinnig „undeutsch“ erscheint: sehr klar, alle Instrumente haben viel Raum, neben den dominierenden Akustik- und den begleitenden E‑Gitarren erklingen Querflöten, Vibraphone, Orgeln und Akkordeons, gleichzeitig hat das Schlagzeug einen fast absurden Stadionrock-Appeal. Im Nachhinein denke ich, dass die Vorbilder für diesen Sound vielleicht k.d. lang („Casanovas Rückkehr zum Planet der Affen“ klingt in den ersten Takten buchstäblich wie ein „Constant Craving“-Cover), Jeff Buckley und Wilco geheißen haben könnten. In jedem Fall ist es, neben all seinen inhaltlichen Stärken, immer noch eines der bestklingenden deutschsprachigen Alben aller Zeiten.
Texte, die gleichzeitig auf magische Art zugänglich und sperrig sind, fand ich auch auf den früheren Flowerpornoes-Alben, die ich mir nach und nach erschloss, während viele Liwa-Alben nach „St. Amour“ oftmals in buchstäblich sehr anderen Sphären spielten. Zwischendurch hat er mal sehr gute Alben beim Grand Hotel van Cleef veröffentlicht, aber sein Output und seine Wechsel von Labels und Vertriebswegen haben ähnlich hohe Schlagzahlen. Liwas aktuellste Alben sind hochgelobt, aber weil er es sich erlauben kann (oder zumindest erlauben will), sie ausschließlich außerhalb der Streamingdienst-Ausschlachtungsketten anzubieten, sind sie ehrlich gesagt auch ein bisschen an mir vorbei gegangen. Das wenige, was ich im vergangenen Jahr aus „Primzahlen aus dem Bardo“ gehört habe, erinnerte aber durchaus an alte Glanzzeiten. „Eine andere Zeit“ wurde von der Redaktion des deutschen „Rolling Stone“ 2022 zum „Album des Jahres“ gewählt. Klar: Ich käme heute sehr viel leichter an seine Musik als vor 25 Jahren, aber ich bin eben auch Teil des Problems der Musikindustrie (bzw. hier vor allem: der Künstler*innen), dessen bin ich mir bewusst.
So ist auch „St. Amour“ bis heute nicht zum Streamen verfügbar. Man kann das Album zwar bei iTunes kaufen, aber weder bei Apple Music noch bei Spotify hören. Da sowohl das Label (Detlef Diederichsens Moll Tonträger) als auch der Vertrieb (Energie für Alle) inzwischen nicht mehr existieren, kann man gebrauchte CDs im Internet bestellen, aber die Aura des etwas mystischen, nur mühevoll zu beschaffenen, die das Album damals für mich hatte, umgibt es interessanterweise bis heute.
Am 7. April 2000 ist es erschienen, heute vor 25 Jahren.
Das Jahr nimmt langsam richtig Fahrt auf, was man an der Zahl der Veröffentlichungen im März merkt. Ich versuche mal, für Euch den Durchblick zu behalten, und empfehle neue Songs von HAIM, Clipping, Car Seat Headrest, Case Oats und Kae Tempest.
Noch mehr Songs gibt’s wie immer auf unserem Coffee-And-TV-Mixtape:
Mit dem Begriff „Clipping“ wird in der Tontechnik das Übersteuern bezeichnet, also wenn ein Audio-Signal so laut ist, dass seine Kurve gekappt wird und Verzerrungseffekte auftreten. So gesehen haben Clipping einen der passendsten Bandnamen seit den Beatles (zumindest in deren Anfangsphase) oder Metallica.
Wer, wie ich, so alt ist, sich noch an die Geräusche erinnern zu können, die ein Modem machte, wenn man sich ins Internet einwählte, wird immer wieder zu diesem Rauschen zurückkommen, wenn es um die Musik von Clipping geht — und das nicht nur, weil das Intro ihres neuen, fünften Albums „Dead Channel Sky“ buchstäblich einen solchen Modem-Sound verwendet: Nahezu alle Sounds (Instrumente sind es in den seltensten Fällen) des Albums quietschen, kratzen, zirpen, rauschen und kreischen so digital, wie Songs, die man sich mit 56k-Verbindung über den Real-Player angehört hat.
Die Landesmusikräte der Bundesrepublik haben die menschliche Stimme zum „Instrument des Jahres“ 2025 ernannt. Dass sie, als sie dies taten, an Daveed Diggs dachten, ist unwahrscheinlich, aber der Mann, den wir „Hamilton“-Fans als Marquis de Lafayette und Thomas Jefferson in der Erstaufführung des Musicals kennen, setzt seine Stimme ein wie ein Maschinengewehr, einen Presslufthammer oder einen Industrietacker — wenn diese Werkzeuge mehr grooven würden. Er schafft mehr Silben pro Minute als die meisten Menschen Buchstaben auf der Schreibmaschine und mehr unterschiedliche Stimmungen als ein Teenager, der gleichzeitig Fan des VfL Bochum ist.
Diggs‘ Sprechgesang ist so beeindruckend und eigenständig, dass man schon total geflasht ist, bevor man auch nur versucht hat, auf den Text zu achten. Man merkt aber auch sofort, dass das hier kein Sonnenschein-Hip-Hop mit glitzernden Felgen und geölten Körpern ist: Alles klingt nach Science-Fiction- und Horror-Filmen, man sollte unbedingt das Wort „Dystopie“ nennen und „Cyberpunk“ sagen.
Spätestens, seit ich bei „All Songs Considered“ die zweite Vorab-Single „Keep Pushing“ gehört hatte, war ich so gespannt und vorfreudig wie lange nicht mehr bei einem Album. Und als „Dead Channel Sky“ dann letzte Woche endlich rauskam, war ich sofort hooked: In der U‑Bahn, im Regionalexpress, auf der Autobahn, im Fitness-Studio, beim Zugucken beim Fußball-Training — das Album ist seitdem immer mit dabei. Dabei ist es wirklich kein Album zum Nebenbei-Hören; kein Track dürfte es auf eine dieser „Ungestört Arbeiten“-Playlisten schaffen (was natürlich auch kein Ort ist, an dem die meisten Musiker*innen das Ergebnis ihrer Arbeit gerne sähen).
Ich bin auch nach einer Woche noch nicht vollständig in die lyrische Tiefe des Albums eingetaucht, aber es geht um Kapitalismus, digitale Gefahren, Klassenkampf, verspiegelte Sonnenbrillen, Drogenhandel, Tod und Apokalypse. Man könnte es also durchaus großzügig von der US-amerikanischen Gesellschaft finden, dem Album zu seiner Veröffentlichung soweit entgegengekommen zu sein, aber Daveed Diggs und seine Produzenten William Hutson und Jonathan Snipes denken eh in viel größeren Dimensionen; alles ist Intertextualität und Mixed-Media-Installation, der Albumtitel eine Referenz an William Gibsons Roman „Neuromancer“.
Ich weiß, dass sich das wahnsinnig anstrengend und verkopft anhört, nach Röhrenbildschirmen in städtischen Museen. Aber wir reden hier über drei Typen aus Kalifornien, da kommt immer noch von irgendwo ein bisschen fun, fun, fun um die scharfkantige Ecke. Und so ist „Dead Channel Sky“ ein Album, aus dem man sich das nehmen kann, was man gerade braucht.
Der closer „Ask What Happened“ paart Diggs‘ Schnellfeuerwaffenrap in der ersten Hälfte mit so etwas wie Klangschalen, ehe ein galoppierender Drum-’n‘-Bass-Beat erscheint, der zwar zum Sprechtempo passt, aber durch die Ambient-Geräusche fährt wie eine Kreissäge durch Aromaöllampen. Danach fühlt man sich, als wäre man aus einem wilden Traum hochgeschreckt. Nur, dass man dann eher selten „Nochmal!“ schreit.

Clipping – Dead Channel Sky
(Sub Pop Records, 14. März 2025)
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