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Digital Gesellschaft

Old man yells at cloud

Seit mei­ne Fami­lie ihre Som­mer­ur­lau­be in den Nie­der­lan­den ver­bringt (also seit kurz nach Ende des Wie­ner Kon­gress), ist es lieb gewon­ne­ne Tra­di­ti­on, bei Aus­flü­gen ins Nach­bar­land die dor­ti­gen Super­märk­te auf­zu­su­chen und all jene klei­nen Köst­lich­kei­ten in gera­de noch haus­halts­üb­li­chen Men­gen raus­zu­schlep­pen, die in Deutsch­land rät­sel­haf­ter­wei­se nicht zu haben sind: Pinda­kaas, Pas­ta Cho­ca, Kren­ten­bol­len, Vla und Hagels­lag. Erst letz­ten Monat nutz­te ich eine Fami­li­en­fei­er im Grenz­ge­biet, um anschlie­ßend noch mal ordent­lich was fürs hol­län­di­sche Brut­to­in­lands­pro­dukt zu tun. 1 In Zei­ten der Glo­ba­li­sie­rung sind die­se gro­cery shop­ping sprees aller­dings zuneh­mend sym­bo­li­scher gewor­den: Scho­ko­la­denstreu­sel bekommt man hier schon lan­ge, seit eini­ger Zeit auch Vla und seit kur­zem bekommt man bei jedem Dis­coun­ter abge­pack­te Rosi­nen­bröt­chen, die den nie­der­län­di­schen Ori­gi­na­len zumin­dest in Kon­sins­tenz und Optik zum Ver­wech­seln ähneln. Das nimmt den Pro­duk­ten den Reiz der begrenz­ten Ver­füg­bar­keit und sorgt neben­her für so ernüch­tern­de Erkennt­nis­se wie die, dass ich eigent­lich gar kei­nen Pud­ding mag.

Holländische Spezialitäten.

Ich habe Pro­ble­me, mich zu ent­schei­den. Des­we­gen mei­de ich Restau­rants mit gro­ßen Kar­ten, 2 Kauf­häu­ser und die­se Bars mit 246 Sor­ten Gin. Noch schlim­mer sind Früh­stücks­büf­fets und „All you can eat“-Läden, weil ich da immer das Gefühl habe, ich müss­te jetzt wirk­lich alles pro­bie­ren und ver­zeh­ren – ich hab ja schließ­lich dafür gezahlt und das Zeugs steht da jetzt rum und darf eh nicht zurück in die Küche. Und wäh­rend ich beim Betre­ten von Buch­hand­lun­gen seit jeher leicht depres­si­ve Schü­be bekom­me, weil ich den­ke: „Das wer­de ich bis zum Ende mei­nes Lebens nie­mals alles lesen kön­nen“, sind Leih­bü­che­rei­en noch schlim­mer, denn da kann ich ja nicht mal mehr auf eine Inter­ven­ti­on mei­nes Kon­to­stands hof­fen. Lau­ter offe­ne Türen, also Zeit, klaus­tro­pho­bisch zu wer­den.

Und so kom­me ich dann auch mit dem Kon­zept „Strea­ming“ über­haupt nicht klar: Seit ich Kun­de bei Musik­strea­ming­diens­ten bin (erst Spo­ti­fy, dann Apple Music) habe ich weni­ger Musik gehört als je zuvor in mei­nem Leben. Jede Woche wer­den mir dut­zen­de neue Songs und Alben ange­zeigt, von denen ein Algo­rith­mus glaubt, dass sie mir gefal­len könn­ten – also höre ich lie­ber das, was ich ken­ne, und kau­fe die neu­es­ten Wer­ke der Künst­ler, von denen ich sonst schon alles habe. 3 Natür­lich auf CD, denn das ist ja mein ande­res Dilem­ma: Ich will den gan­zen Kram natür­lich auch besit­zen. Ins Regal stel­len. Anfas­sen kön­nen. Haben. MP3s waren irgend­wie auch noch okay, denn da „habe“ ich ja die Datei auf der Fest­plat­te. Strea­ming ist da wie Auto lea­sen: zah­len, aber am Ende nichts besit­zen.

Glei­ches Dilem­ma bei Fern­seh­se­ri­en: Weil ich es mag, wenn mei­ne Ama­zon-Bestel­lun­gen noch am sel­ben Tag ver­schickt wer­den, damit ich sie am über­nächs­ten Werk­tag im Post­amt abho­len kann, bin ich „Prime“-Kunde – und bekom­me unge­fragt die Opti­on, hun­der­te Fern­seh­se­ri­en jeder­zeit kos­ten­los anschau­en zu kön­nen. So könn­te ich die Stun­den, in denen Pro­Sie­ben kei­ne Wie­der­ho­lun­gen von „The Big Bang Theo­ry“ zeigt, mit Wie­der­ho­lun­gen von „The Big Bang Theo­ry“ über­brü­cken. Wenn ich denn „The Big Bang Theo­ry“ gucken wol­len wür­de – oder irgend­ei­ne ande­re Fern­seh­se­rie.

Fern­se­hen ist für mich wie für ande­re Leu­te Sport: Wenn jemand mit­kommt und mich dazu zwingt, ist es meist ganz okay. Allei­ne fal­len mir meist hun­dert Sachen ein, die ich drin­gen­der erle­di­gen müss­te. 4 Dann möch­te ich aber ger­ne auch, dass die Pro­gramm­pla­ner mir gna­den­los vor­ge­ben, was ich wann zu gucken habe. So wie frü­her, als ich jeden Mon­tag­abend zu mei­nen Groß­el­tern gegan­gen bin, um „Akte X“ zu gucken, weil mei­ne Eltern kei­ne Satel­li­ten­schüs­sel hat­ten. Der 50 Meter lan­ge Rück­weg durch einen nächt­li­chen Gar­ten gewinnt für einen 12-Jäh­ri­gen deut­lich an Span­nung, wenn er sich vor­her mit Ali­ens, Zom­bies oder Ver­schwö­run­gen beschäf­tigt hat. Wenn ich Fern­se­hen nicht line­ar (oder, wie ich es nen­ne: „nor­mal“) gucken kann, will ich es gar nicht sehen. Und dann die­se Men­gen! „Guck Dir ‚Brea­king Bad‘ an!“ – alles klar: 62 Fol­gen, 5 sehe ich aus, als hät­te ich so viel Zeit?! Ich habe bei mei­nen Eltern noch einen lau­fen­den Meter VHS-Kas­set­ten mit über hun­dert Fol­gen „Nash Bridges“ ste­hen, die ich Ende der 1990er Jah­re auf Vox mit­ge­schnit­ten habe!

Die­se moder­nen Fern­seh­se­ri­en sind aber eh nichts für mich: Hand­lungs­strän­ge, die sich über Wochen und Mona­te ent­fal­ten, „hori­zon­ta­les Erzäh­len“, Chro­no­lo­gie­sprün­ge – urgs! Genau­so schlimm wie die­se unend­li­chen Kino­fil­me von Chris­to­pher Nolan und Zack Sny­der! Ich lese auch am liebs­ten Bücher mit weni­ger als 300 Sei­ten, dann kann ich mehr ver­schie­de­ne lesen. Wie dem älte­ren Herrn im War­te­zim­mer beim Arzt, der sehr detail­liert, aber völ­lig poin­ten­frei erzählt, was er neu­lich im War­te­zim­mer beim Bür­ger­bü­ro erlebt hat, möch­te ich sonst immer rufen: „Komm zum Punkt!“ Aber ich schwei­fe ab.

Neu­lich woll­te ich „Sols­bu­ry Hill“ von Peter Gabri­el hören. Zu Schul­zei­ten hät­te ich dazu erst mei­nen Vater befragt und wäre dann in die Stadt­bi­blio­thek gefah­ren. 6 Wenn das ent­spre­chen­de Album dort auch nicht ver­füg­bar gewe­sen wäre, hät­te ich nach­ein­an­der die – mitt­ler­wei­le natür­lich alle geschlos­se­nen – Plat­ten­lä­den mei­ner Hei­mat­stadt abklap­pern müs­sen. Ich erin­ne­re mich, wie ich Anfang 2000 bei bit­te­rer Käl­te mit mei­nem Fahr­rad jeden Ort in Dins­la­ken ansteu­er­te, an dem ich Ton­trä­ger hät­te käuf­lich erwer­ben kön­nen – sogar den Kar­stadt und die drei Video­the­ken. 7 Nir­gend­wo gab es den Sound­track zu „Fight Club“. Andert­halb Wochen spä­ter fuhr ich mit mei­nen Freun­den mit dem Zug nach Essen, um die CD dort, in der gro­ßen Stadt, end­lich zu erwer­ben. Das glei­che ein paar Mona­te spä­ter mit dem Album „St. Amour“ von Tom Liwa. Was mei­nen Sie, wie eupho­risch ich jeweils war, als ich die CDs end­lich nach hau­se schlep­pen und dort hören konn­te? Heu­te: drei Klicks – Mega-Span­nungs­bo­gen! Und so habe ich dann neu­lich auch blitz­schnell das (wirk­lich phan­tas­ti­sche) ers­te selbst­be­ti­tel­te Album von Peter Gabri­el 8 hören kön­nen. Und seit­dem nie wie­der, denn es wäre ja theo­re­tisch jeder­zeit ver­füg­bar, genau­so wie fast jedes ande­re Album der Musik­ge­schich­te. Kein „Ich hab das jetzt gekauft, da muss ich es auch jeden Tag hören“-Rechtfertigungszwang mehr, kein „Ich hab doch nur sound­so vie­le CDs“-Ressourcenmangel. Kein Wun­der, dass Kon­zep­te wie Poly­amo­rie und Offe­ne Bezie­hung plötz­lich näher lie­gen als auf dem Dorf.

Musiksammlung.

Dou­glas Adams hat über das Ver­hält­nis von Men­schen und Tech­no­lo­gie geschrie­ben:

I’ve come up with a set of rules that descri­be our reac­tions to tech­no­lo­gies:

1. Any­thing that is in the world when you’­re born is nor­mal and ordi­na­ry and is just a natu­ral part of the way the world works.

2. Any­thing that’s inven­ted bet­ween when you’­re fif­teen and thir­ty-five is new and exci­ting and revo­lu­tio­na­ry and you can pro­ba­b­ly get a care­er in it.

3. Any­thing inven­ted after you’­re thir­ty-five is against the natu­ral order of things.

Die Zahl „thir­ty-five“ kann man bei mir bequem durch „twen­ty-five“ erset­zen. Mit 13 war ich online, 9 es ist für mich so nor­mal wie elek­tri­scher Strom oder ana­lo­ges Anten­nen­fern­se­hen. Mit 15 habe ich mei­ne ers­ten Tex­te ins Inter­net geschrie­ben und das war so, wie eine eige­ne Zei­tung her­aus­zu­ge­ben: toll. Des­we­gen habe ich dann mit 23 einen Blog auf­ge­macht. Und obwohl ich hier in den nach unten offe­nen Kom­men­tar­spal­ten 10 eini­ge Freun­de gefun­den habe, muss ich zuge­ben, dass ich die­sen Rück­ka­nal gar nicht zwin­gend gebraucht hät­te. Und hier sind ja zumeist total ver­nünf­ti­ge Leu­te unter­wegs! Stel­len Sie sich mal vor, Sie arbei­ten für die „Tages­schau“, hal­ten Ihre Zuschau­er für eini­ger­ma­ßen auf­ge­klärt und müs­sen dann erle­ben, was die auf Ihrer Sei­te oder gar bei Face­book kom­men­tie­ren. Da wird der Betreu­ungs­schlüs­sel nahe­ge­le­ge­ner The­ra­pie­ein­rich­tun­gen schnell über­reizt!

Ich hät­te des­halb ger­ne mein Inter­net von 2010 zurück: Blogs statt Face­book, ICQ statt Whats­App und E‑Mail statt Slack. Auch die Com­pu­ter waren damals noch bes­ser: Mac­Books hat­ten ver­schie­de­ne Anschlüs­se für ver­schie­de­ne Gerä­te und ein CD/DVD-Lauf­werk, Mobil­te­le­fo­ne pass­ten noch in Hosen­ta­schen und auch die Betriebs­sys­te­me waren noch bedeu­tend bes­ser als nach dem 17. Upgrade. „Online gehen“ setz­te, wenn schon nicht mehr die leicht umständ­li­che Ein­wahl per Modem, so doch zumin­dest einen Com­pu­ter vor­aus, der zumeist auch noch an einen Platz gebun­den war. Heu­te „geht“ man ja nicht mehr online, man ist es. Immer, über­all. Kein drin­nen und drau­ßen mehr. 11 Das Foto, gera­de gemacht, ist jetzt schon auf allen Gerä­ten, die mit dem Kon­to ver­bun­den sind – oder, wenn Sie pro­mi­nent sind, beim Hacker.

Neu­es­ter Trend: Live-Vide­os. Jour­na­lis­ten, glei­cher­ma­ßen geblen­det vom Moment des Dabei­seins und den neu­en tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten, strea­men wie besof­fen von Par­tei­ta­gen, Kon­fe­ren­zen und Fes­ti­vals, 12 die sie eigent­lich besu­chen, um zu beob­ach­ten, zu ana­ly­sie­ren und ein­zu­ord­nen. Posi­ti­ver Neben­aspekt von so viel Live-Leben aller­dings: Der frü­her oft so gefürch­te­te Dia- oder Video­abend nach einer gro­ßen (oder auch klei­nen) Rei­se ist zurecht fast kom­plett aus­ge­stor­ben.

Mag sein, dass ande­re Men­schen mit die­ser per­ma­nen­ten Ver­füg­bar­keit von allem, inkl. ihrer selbst, bes­ser klar­kom­men als ich. Gesprä­che mit Psy­cho­lo­gen und Sozio­lo­gen legen aller­dings nahe, dass dem nicht so ist. Aber man kann sich ja jeder­zeit sein Ent­schleu­ni­gungs-Maga­zin mit Land­haus­flair und Laven­del­duft auf dem iPad angu­cken oder die Medi­ta­ti­ons-App star­ten. Oder halt ein­fach durch­dre­hen, die Möbel aus dem Fens­ter schmei­ßen und den Kopf gegen die Wand schla­gen.

  1. Wie das unge­fähr aus­sieht, hat­te ich vor sie­ben Jah­ren hier im Blog schon­mal gezeigt.[]
  2. Ich ver­fü­ge näm­lich auch nicht über eine die­ser Lebens­mit­tel­un­ver­träg­lich­kei­ten, die einem die Aus­wahl mas­siv ein­grenzt – solan­ge kei­ne Wal­nüs­se im Essen sind oder es sich um gefüll­te Nudeln han­delt, kann und mag ich alles essen.[]
  3. Tol­le neue Alben von Weezer und den Pet Shop Boys, übri­gens![]
  4. Sport, zum Bei­spiel.[]
  5. Und damit noch für ame­ri­ka­ni­sche Seri­en noch ver­gleichs­wei­se wenig.[]
  6. Musik aus der Stadt­bi­blio­thek ging übri­gens immer total in Ord­nung, die konn­te man ja erst auf Kas­set­te und spä­ter dann auf die Fest­plat­te kopie­ren, also „haben“ – ver­su­chen Sie das mal mit einem Buch![]
  7. Video­the­ken! „Wie Net­flix, nur mit Kos­ten für Mie­te und Per­so­nal.“[]
  8. Oder „Car“, wie wir Nerds sagen.[]
  9. Wenn auch anfangs nur sehr wenig, sehr lang­sam, dafür aber sehr teu­er.[]
  10. Die Älte­ren erin­nern sich viel­leicht noch an die­ses Bon­mot aus der guten, alten Zeit.[]
  11. Vie­le Leu­te wis­sen dabei nicht mal, dass sie das Inter­net nut­zen, die nut­zen nur Face­book.[]
  12. Wenn’s gut läuft. Wenn’s schlecht läuft, strea­men sie live aus Poli­zei­ope­ra­tio­nen.[]
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Literatur

Hinter dem Horizont geht’s weiter

„lit.COLOGNE zählt nicht: Da ist über­all aus­ver­kauft!“

Ist das Koket­te­rie, Under­state­ment oder ech­ter Selbst­zwei­fel? Bei Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re weiß man ja nie. Ver­mut­lich hät­ten die Mit­ar­bei­ter vom Ver­lag und vom WDR allei­ne den Sen­de­saal („Ist das eigent­lich der gro­ße?“) voll­ge­macht, aber es gibt wohl auch genug zah­len­de Gäs­te und auch noch genug zah­lungs­wil­li­ge, für die dann aber lei­der echt kein Platz mehr ist. Qua­si-Heim­spiel, Come­back, jetzt aber wirk­lich!

Stuck­rad-Bar­re hat, das war in den letz­ten Tagen viel­leicht gele­gent­lich mal in den Feuil­le­tons und Kul­tur­sen­dun­gen ange­klun­gen, ein neu­es Buch geschrie­ben, das „Panik­herz“ heißt, von ihm selbst kon­se­quent als „Memoir“ bezeich­net wird und eine Bestands­auf­nah­me der ers­ten vier­zig Jah­re Leben ist, die auch Stoff für acht­zig Jah­re gebo­ten hät­ten. Jetzt sind’s eben 564 Sei­ten gewor­den.

Im ers­ten Kapi­tel, das hier heu­te Abend live vor­ge­le­sen wird, geht es um die Zeit in der Redak­ti­on der kurz­le­bi­gen ARD-Sen­dung „Pri­vat­fern­se­hen“ mit Fried­rich Küp­pers­busch. Das ist inso­fern lus­tig, weil Fried­rich selbst auf der Büh­ne sitzt und vor­liest, was da über ihn, Küp­pers­busch, in der drit­ten Per­son geschrie­ben steht. Ich habe mehr als 15 Jah­re spä­ter in der Redak­ti­on sei­ner (von vorn­her­ein als kurz­le­big geplan­ten) WDR-Sen­dung „Tages­schaum“ gear­bei­tet und neben mir sitzt der Redak­ti­ons­lei­ter bei­der Sen­dun­gen und ich ver­su­che, alle sei­ne Reak­tio­nen zu deu­ten. Hal­lo, Her­me­neu­tik!

Es geht dann aber recht schnell auch um das, was „Panik­herz“ für die etwas bou­le­var­desker ein­ge­stell­ten Jour­na­lis­ten inter­es­sant macht: um Dro­gen, Abstür­ze und Selbst­zwei­fel. In einer lan­gen, aber gran­dio­sen Pas­sa­ge erklärt Stuck­rad-Bar­re, war­um er unter kei­nen Umstän­den zu sei­nem 20-jäh­ri­gen Abi­tref­fen gehen konn­te – dass jeder sei­nen Auf­stieg und Fall, wenn schon nicht live medi­al mit­er­lebt, in der Wiki­pe­dia nach­le­sen kann, spielt dabei kei­ne Rol­le, er fin­det genug ande­re Grün­de.

In den vor­ge­le­se­nen Kapi­teln sind Selbst­zwei­fel und Maxi­mal­ab­stür­ze mit­un­ter schon auf Poin­te gebürs­tet, das hilft hier natür­lich, denn über zwei Stun­den Elends­beich­te wären dann – lit.COLOGNE hin oder her – viel­leicht doch ein biss­chen zu viel. Kann man ja dann zuhau­se noch mal nach­le­sen und fest­stel­len, dass es eigent­lich gar nicht lus­tig ist. Und ohne Stuck­rads Udo-Lin­den­berg-Imi­ta­tio­nen (es geht in dem Buch viel um Udo Lin­den­berg, den Hel­den seit Kind­heits­ta­gen und Ret­ter in den dun­kels­ten Stun­den) fehlt bei der Lek­tü­re im Lehn­stuhl dann auch was.

Zwi­schen­durch den­ke ich: Da sit­zen jetzt echt der Mann, des­sent­we­gen ich schon als Kind zum Fern­se­hen woll­te, und mit dem ich heu­te ab und zu Pod­casts pro­du­zie­re, und der Mann, des­sent­we­gen ich als Teen­ager mit dem Schrei­ben ange­fan­gen habe, auf einer Büh­ne und lesen aus einem Buch, das zwar eigent­lich eine Auto­bio­gra­phie – Ver­zei­hung: ein Memoir! – ist, das aber auch super als Atlas der Pop­kul­tur der letz­ten 20 Jah­re taugt. Tell me more, tell me more!

Zwi­schen dem Auf­tritt mit Rock­star­ges­te zu „Sub­ur­bia“ von – natür­lich! – den Pet Shop Boys und der Ver­ab­schie­dung mit völ­lig auf­rich­tig wir­ken­der Dank­bar­keit lie­gen vie­le Sei­ten des Buches und eini­ges an Geplän­kel zwi­schen den bei­den Vor­tra­gen­den. Wer alles deu­ten und inter­pre­tie­ren will, sieht das geal­ter­te ADHS-Kind wäh­rend die­ser Zeit siche­rer – und damit weni­ger albern – wer­den. Wer bei der lan­gen Umar­mung, bevor Fried­rich Ben­ja­min die Büh­ne zur Zuga­be über­lässt, nicht schlu­cken muss, hat ein frit­tier­tes Herz.

Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re ist wie­der da und es sieht aus, als pla­ne er zu blei­ben. Aber jetzt ent­schul­di­gen Sie mich bit­te: ich hab noch über 400 Sei­ten vor mir.

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Rundfunk Fernsehen

In memoriam Roger Willemsen

Elf Jah­re sind nicht das Alter, in dem ich mei­nen Sohn abend­li­che Talk­shows sehen las­sen wür­de, aber so alt war ich, als „Wil­lem­sens Woche“ auf Sen­dung ging, und ich war von Anfang an dabei — war­um auch immer. Ich weiß, dass ich an jenem Wochen­en­de bei mei­ner Oma über­nach­tet habe und wir die ers­te Aus­ga­be gemein­sam gese­hen haben. Die meis­ten wei­te­ren habe ich dann mit mei­nen Eltern geschaut oder auch allei­ne. Merk­wür­di­ges Kind, das ich war.

Die Sen­dung hat wie weni­ge ande­re mei­ne Erwar­tungs­hal­tung an gutes Fern­se­hen geprägt und ganz stark dazu bei­getra­gen, dass ich auch „was mit Medi­en“ machen woll­te. Roger Wil­lem­sen hat­te Men­schen zu Gast, die noch etwas zu erzäh­len hat­ten, und er wuss­te, wie man sie erzäh­len lässt. Sein Inter­view mit Hel­mut Mark­wort mag man heu­te eitel oder gar etwas bös­ar­tig fin­den, aber es zeigt, was ein Mode­ra­tor mit einer Hal­tung ist, und soll­te Stan­dard­werk an Jour­na­lis­ten­schu­len sein. Nicht min­der legen­där: Wie Wil­lem­sen und Fried­rich Küp­pers­busch, ein Mann, der mei­ne Vor­stel­lung von gutem Fern­se­hen eben­so mit­be­stimmt hat und den ich inzwi­schen mei­nen Freund nen­nen darf, die letz­te Aus­ga­be von Fried­richs ARD-Maga­zin „Pri­vat­fern­se­hen“ so lan­ge eigen­mäch­tig ver­län­ger­ten, bis die zen­tra­le Sen­de­lei­tung ent­nervt den Ste­cker zog.

Ich bin Roger Wil­lem­sen zwei Mal bei der Auf­zeich­nung sei­ner (natür­lich auch nicht sehr erfolg­rei­chen) WDR-Sen­dung „Nacht­kul­tur“ begeg­net (Anläs­se, bei denen ich auf Wim Wen­ders und Tom Tykwer traf — die ganz nor­ma­le Frei­zeit­be­schäf­ti­gung 16-jäh­ri­ger Ado­les­zen­ten) und habe ein paar Mal mit ihm gemailt. Ein­mal ging es um einen Bei­trag fürs BILD­blog, ein­mal um den sehr kom­pli­zier­ten und heu­te nur noch schwer nach­voll­zieh­ba­ren Vor­gang der Pres­se­stel­le der Stadt Dins­la­ken, die es irgend­wie geschafft hat­te, O‑Töne von Wil­lem­sen, Jörg Kachelm­ann, Ste­fan Nig­ge­mei­er und mir zu einem Pot­pour­ri der Klein­stadt-PR zu remi­xen (fra­gen Sie nicht).

Es ende­te jeden­falls mit die­sem Kom­men­tar Wil­lem­sens in Ste­fans Blog:

Wis­sen Sie, ich bin erleich­tert, dass es jetzt raus ist. Schon jah­re­lang lau­fe ich mit der Schuld durch die Welt, San­dra Schwarz­haupt gefragt zu haben, war­um sie in NY und nicht in Dins­la­ken woh­ne. Die­ser unrei­fe und ehr­ab­schnei­den­de Kom­men­tar zum Welt­zen­trum der Selbst­iro­nie hat mit frei­er Mei­nungs­äu­ße­rung nichts zu tun, er ist schäd­lich und dumm, bie­tet er doch der Pres­se­stel­le der Stadt Dins­la­ken die fei­ge Mög­lich­keit, sich zu bla­mie­ren. Es soll wie­der vor­kom­men.

Das Zitat schaff­te es 2008 noch ein­mal in den Jah­res­rück­blick der Lokal­aus­ga­be der „Rhei­ni­schen Post“ und „Es soll wie­der vor­kom­men“ ist seit­dem fes­ter Bestand­teil mei­nes rhe­to­ri­schen Werk­zeug­kas­tens.

Im letz­ten Jahr hat Roger Wil­lem­sen wegen einer Krebs­er­kran­kung alle Ter­mi­ne abge­sagt. Ich weiß, dass Krebs der „größ­te Wich­ser im gan­zen Land“ (Thees Uhl­mann) ist, aber aus der Fer­ne hat­te ich ein­fach gehofft, dass Roger Wil­lem­sen das über­ste­hen wer­de. In kind­li­cher Nai­vi­tät hat­te ich mir sogar aus­ge­malt, dass wir ihn nach sei­ner Gene­sung bei Lucky & Fred zu Gast haben wür­den. Es schmerzt mich, dass die­ser ego­is­ti­sche Wunsch jetzt nicht in Erfül­lung gehen wird, aber noch mehr schmerzt es mich, dass Roger Wil­lem­sen nun im Alter von gera­de ein­mal 60 Jah­ren gestor­ben ist. Men­schen wie ihn könn­ten wir die­ser Tage mehr denn je gebrau­chen.

Erhe­ben Sie sich also bit­te mit mir für den (immer noch unfass­bar gei­len) Titel­song von „Wil­lem­sens Woche“:

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Musik

Eine Liebe zur Musik, eine Liebe zu den Tönen

Ich hab’s ver­passt: Am Sonn­tag jähr­te sich zum zehn­ten Mal das Tom­te-Kon­zert im Düs­sel­dor­fer Zakk, weni­ge Tage vor Ver­öf­fent­li­chung der „Buch­sta­ben über der Stadt“. Ich war zum Inter­view mit Thees Uhl­mann ver­ab­re­det und ent­spre­chend früh da, war aber trotz­dem etwas erstaunt, als mich der Künst­ler dann höchst­selbst auf dem Han­dy anrief und zum Gespräch bat.

Als er die Tür zum Back­stage­raum öff­ne­te, trug er einen Blink-182-Kapu­zen­pull­over, hat­te ein Rot­wein­glas in der Hand und grins­te mich an. Es war unser zwei­tes Inter­view, wovon er aber ver­mut­lich nichts wuss­te. Ich hat­te das Album schon seit Anfang des Jah­res und war schwer begeis­tert, muss­te aber erst noch was ande­res los­wer­den:
„Hi, ist Simon nicht da? Ich hät­te hier ein Demo für ihn. Sind Bekann­te von mir, die machen so Strokes-mäßi­gen Indie­rock.“

Und Thees sag­te so was wie: „Zeig mal hier“, guck­te auf die Track­list und sag­te tri­um­phie­rend: „Gott sei Dank, sie sin­gen Eng­lisch!“ Dann leg­te er die CD in sei­nen Lap­top und drück­te auf Play. Zu den ers­ten Tak­ten von „At All“ sang er „Ein Volk steht wie­der auf …“, weil der Beat was von kett­cars „Dei­che“ hat. Er skipp­te sich durch die sechs Songs und sag­te die gol­de­nen Wor­te: „Wenn ich die mor­gen noch geil fin­de, wenn ich wie­der nüch­tern bin, dann sign ich die!“ Dann erst konn­te ich mein Inter­view begin­nen.

Als Ger­ne Poets, der Mana­ger, wäh­rend des Inter­views kurz vor­bei­schau­te, erklär­te ihm Thees im Über­schwung, er habe gera­de ein Demo gehört und wer­de eine neue Band beim Grand Hotel van Cleef unter Ver­trag neh­men. Ger­ne dach­te ver­mut­lich das glei­che wie ich: „Ja, klar. Laber­la­ber!“ Acht Wochen spä­ter stand ich im E‑Werk in Erlan­gen und sah die Kili­ans im Vor­pro­gramm von Tom­te spie­len.

Seit­dem ist viel pas­siert: Die Bands gibt es nicht mehr, eini­ge von uns sind Väter gewor­den, die meis­ten Leu­te habe ich seit Jah­ren nicht gese­hen. Aber die­se vier Tage, die ich mit Tom­te und den Kili­ans auf Tour war, als wir in Stutt­gart im Copy Shop hun­der­te von CD-Book­lets nach­dru­cken las­sen muss­ten und auf allen ver­füg­ba­ren Lap­tops die­se EP gebrannt haben (teil­wei­se am Merch­stand: „Hi, ich hät­te ger­ne die CD von der Vor­grup­pe!“ — „Ja, klei­nen Moment, gleich ist wie­der eine fer­tig!“), als ich die Songs von Tom­te Abend für Abend gehört habe, als sich mein Leben wie „Almost Famous“ anfühl­te und wir für eine kur­ze Zeit über­zeugt davon waren, dass es im Leben nichts wich­ti­ge­res, bedeut­sa­me­res und grö­ße­res geben kön­ne als Rock­mu­sik, das alles wird für immer blei­ben. Auf einem Platz in mei­nem Herz steht Dein Name an der Wand und ich will, dass Du es erfährst.

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Film Print Kultur

In memoriam Hellmuth Karasek

Mei­ne ers­te Begeg­nung mit Pro­fes­sor Kara­sek liegt fast exakt zwan­zig Jah­re zurück: Mein Vater hat­te mich zu einer Ver­an­stal­tung mit­ge­nom­men, wo Kara­sek sein Buch „Mein Kino“ vor­stell­te und mit immer noch glü­hen­den Augen Namen wie Alfred Hitch­cock, Bil­ly Wil­der oder Mar­le­ne Diet­rich refe­rier­te, von denen ich über­wie­gend noch nie gehört hat­te. Ich hat­te damals noch nichts ande­res als Zei­chen­trick­fil­me und Fami­li­en­ko­mö­di­en aus Hol­ly­wood gese­hen.

Drei Jah­re spä­ter las ich sei­ne Bil­ly-Wil­der-Bio­gra­phie, die mich zu einem glü­hen­den Ver­eh­rer der bei­den mach­te: Wil­der wegen sei­ner Fil­me und sei­nes Humors, Kara­sek wegen sei­ner Fähig­keit, so zu schrei­ben, dass man beim Lesen immer sei­ne etwas quiet­schi­ge Stim­me zu hören glaub­te. Die Lesung von „Das Maga­zin“, zu der mich mei­ne Eltern mit­nah­men, habe ich nur besucht, um mir das Wil­der-Buch signie­ren und mit ihm kurz über „Eins, Zwei, Drei“ fach­sim­peln zu kön­nen. (Was man mit 15 auf dem Dorf halt so macht.) Es war dann jetzt lei­der auch unse­re letz­te Begeg­nung.

Für Lukas, viel Spaß! Herzlich, Hellmuth Karasek

Kara­seks Buch „Karam­bo­la­gen“, in dem er sei­ne Begeg­nun­gen mit berühm­ten Zeit­ge­nos­sen beschreibt (natür­lich auch mit Wil­der), wird eines Tages Vor­bild für mei­ne Text­samm­lung zum sel­ben The­ma sein. Hell­muth Kara­sek bekommt dann sein eige­nes Kapi­tel.

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Leben Familie

Nachtgeschichte

Heu­te Nacht ist er das ers­te mal plötz­lich wach. Er hat nicht geweint.
Ich schla­ge die Augen auf und er liegt neben mir. Zieht mir, wenig zärt­lich, an den Haa­ren und lacht, als gehe die Son­ne auf.
Es ist aller­dings erst zwei Uhr. Nachts. Die Son­ne hat noch nicht ein­mal dar­an gedacht, wie­der auf­zu­ge­hen.
„Dada bab­aba da“, höre ich.
„Genau“, den­ke ich bene­belt.
Zunächst ver­su­che ich, mich schla­fend zu stel­len. Viel­leicht schläft er ja dann auch wie­der ein. Er brab­belt und lacht aber ein­fach fröh­lich wei­ter und will mir offen­sicht­lich mit­tei­len, wie schön er es fin­det, gera­de so wach neben mir rum­zu­stram­peln. Das ist ja auch ne ganz neue Erfah­rung. Alles so dun­kel und ruhig.
Schla­fend stel­len funk­tio­niert also nicht. „Ich kann aber nicht schla­fen wenn er nicht schläft“, den­ke ich und döse weg. 10 Minu­ten spä­ter mache ich die Augen wie­der auf. Naja eher das eine Auge, das ande­re will nicht, das schläft ein­fach wei­ter.
Ich ste­he auf, neh­me ihn auf den Arm und lau­fe wip­pend durchs Zim­mer.
Wipp Wipp Wipp, Schu­ckel Schu­ckel Schu­ckel.
Und lau­fe voll vor die Wäsche­ton­ne. Ver­dammt.
Wir zucken bei­de erschro­cken zusam­men und sind aus der Ent­span­nung geris­sen. Naja, müder ist er offen­sicht­lich eh nicht gewor­den. Er strahlt mich von mei­nem Arm aus an und betrach­tet auf­merk­sam die dunk­le Umge­bung. Zwi­schen­durch ver­sucht er im Vor­bei­ge­hen, Din­ge von der Kom­mo­de zu schnap­pen.
Wir legen uns wie­der ins Bett. Mitt­ler­wei­le ist es 3 Uhr. Ich sehe neben mich. Er liegt auf dem Bauch und trom­melt mit bei­den Hän­den begeis­tert auf mei­nem nack­ten Unter­arm. Mein per­sön­li­cher Applaus.
3 Uhr 15. Er liegt auf dem Rücken neben mir und ist mitt­ler­wei­le dazu über­ge­gan­gen, sei­ne Hän­de im Dun­keln zu betrach­ten. Ich muss unwill­kür­lich lächeln. Das ist so ein fried­li­ches, voll­kom­me­nes Bild. Er betrach­tet die Hän­de kon­zen­triert und dreht sie hin und wie­der her, hin und her, hin und her, hin und her und gähnt.
Er gähnt.
Ha!
Ich schnap­pe ihn mir erneut und lau­fe wip­pend und Kind-schu­ckelnd durch den Raum. Er sieht mich an und lächelt breit. Kein Anzei­chen von Müdig­keit mehr vor­han­den. Viel­leicht hat­te ich mir das Gäh­nen auch nur erträumt.
Ich lege ihn wie­der neben mich ins Bett. Es ist halb 4. Lang­sam wer­den sei­ne Augen dann doch müde und er reibt sie mit sei­nen klei­nen Händ­chen.
Ich neh­me ihn in den Arm und wie­ge ihn leicht.
Die Augen schlie­ßen sich.
Sein Atem wird gleich­mä­ßi­ger, mei­ner auch.
Ich schlie­ße die Augen.
Stil­le.
Etwas zieht mich an den Haa­ren.
Ein „Bab­aba“ kämpft sich in mein müdes Bewusst­sein.
Mei­ne Augen kämp­fen erneut, um sich zu öff­nen.
Er lacht mich an.
Ich schaue auf die Uhr.
Es ist zwan­zig vor 4.
Nachts.
Gut ange­täuscht.
Ich ste­he auf, um wach zu wer­den, und spie­le kurz mit dem Gedan­ken, den Tag ein­fach zu begin­nen und Kaf­fee zu kochen, ent­schei­de mich aber aus zwan­zig vor vier Grün­den dage­gen.
Ich set­ze mich zu ihm ins Bett, set­ze ihn in mei­nen Schnei­de­sitz und wie­ge mich mit ihm hin und her. Ich ver­su­che zu sin­gen, aber sogar mei­ne Stim­me und mein Mund sind zu müde, es ist eher ein Kräch­zen. Ihm und mir zulie­be las­se ich das lie­ber.
Es ist 4 Uhr.
Er wiegt sich neben mir im Dun­keln hin und her, stram­pelt, lacht, kaut auf sei­nem Nil­pferd rum.
Ich mache die Affen­spiel­uhr an.
La Le Lu erfüllt den Raum.
Bei mir funk­tio­niert das super, ich wer­de direkt noch müder.
Er lacht mich an und freut sich über die Musik. So lie­gen wir da.
Abwar­tend.
Es ist 4 Uhr 15, als er end­lich beginnt, allei­ne die Augen zu schlie­ßen. Ich sehe ihm beim Ein­schla­fen zu. Ich betrach­te das klei­ne, völ­lig fried­li­che, wun­der­schö­ne Gesicht.
Es ist 4Uhr 30. Er schläft und ich bin müde, müde, müde und voll mit Lie­be für die­ses klei­ne Wesen.
Mor­gen ist Kaf­fee mein bes­ter Freund.

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Musik

The music that saves you

Bei den meis­ten wirk­lich guten Freund­schaf­ten kann man sich ja noch dar­an erin­nern, wie man sich ken­nen­ge­lernt hat. Einen mei­ner bes­ten und lang­jäh­rigs­ten Freun­de lern­te ich am ers­ten Schul­tag auf dem Gym­na­si­um ken­nen, als wir uns gegen­sei­tig aufs Maul hau­en woll­ten.

Die Musik von Andrew McMa­hon lern­te ich im Som­mer 2003 ken­nen, als das Debüt­al­bum sei­ner Band Some­thing Cor­po­ra­te in Deutsch­land erschien. Wie es damals so üblich war, besorg­te ich mir ein paar Songs („Hur­ri­ca­ne“ und „If You See Jor­dan“, wenn ich mich rich­tig erin­ne­re) in soge­nann­ten Tausch­bör­sen, hör­te sie eini­ge Male, pack­te sie auf Mix­tapes und kauf­te mir ein paar Mona­te spä­ter dann end­lich auch „Lea­ving Through The Win­dow“. Der ers­te Song, den ich (eher zufäl­lig) hör­te, nach­dem mei­ne Eltern mich im Stu­den­ten­wohn­heim abge­setzt und allei­ne auf den Heim­weg gemacht hat­ten, war „The Astro­naut“. Sowas prägt.

Ich wuss­te damals nicht, wie die Band­mit­glie­der von Some­thing Cor­po­ra­te hie­ßen, und habe auch nicht all­zu sehr auf die Tex­te geach­tet. Als das Zweit­werk „North“ (wie­der­um mit eini­ger Ver­spä­tung) in Deutsch­land erschien, besorg­te ich mir wie­der ein paar Songs, dach­te aber nicht wei­ter an die Band. Irgend­wann las ich bei visions.de, dass der Sän­ger an Leuk­ämie erkrankt sei, dach­te „Puh“ und ver­gaß auch das wie­der.

„North“ kauf­te ich mir schließ­lich bei Ras­pu­tin Records, als ich im Herbst 2006 für drei Mona­te in San Fran­cis­co leb­te. Gemein­sam mit eini­gen ande­ren Alben bil­de­te das Album den Sound­track mei­nes Auf­ent­halts. Aber rich­tig los ging die Geschich­te erst drei Jah­re spä­ter.

Im Som­mer 2009 stol­per­te ich bei WDR 2 (of all places) über einen Song mit viel Kla­vier, der mir sehr gefiel. Wie sich raus­stell­te, war es „The Reso­lu­ti­on“ von Jack’s Man­ne­quin von denen ich wuss­te, dass es die Zweit­band des Some­thing-Cor­po­ra­te-Sän­gers war. Andrew McMa­hon. Im Som­mer und Herbst 2009 habe ich „The Glass Pas­sen­ger“ qua­si unun­ter­bro­chen gehört. Mein Leben war damals sehr im Umbruch und die Musik beglei­te­te mich dabei. Ich hör­te auch wie­der die alten Some­thing-Cor­po­ra­te-Alben und ach­te­te dies­mal auch auf die Tex­te — und es klingt doof und nach Selbst­hil­fe­grup­pe, aber da sprach jemand zu mir. Andrew McMa­hon sang über Mäd­chen, die jede Nacht mit einem ande­ren Typen nach hau­se gin­gen und die er ret­ten woll­te; über betrun­ke­ne Mäd­chen, die er (also: das Lyri­sche Ich, so viel Lite­ra­tur­stu­di­um muss sein) geküsst hat­te, obwohl er es nicht hät­te tun sol­len; und dar­über, den Kopf über Was­ser zu hal­ten und wei­ter zu schwim­men, bis man den Hori­zont erreicht. Und ich dach­te: „Krass. Ja. Kenn ich.“

Andrew McMa­hon war gegen die schon erwähn­te Leuk­ämie ange­schwom­men, er sang „I’m alive/​ I don’t need a wit­ness /​ To know that I sur­vi­ved“. Mit der Geschich­te im Hin­ter­kopf (Lyri­sches Ich am Arsch!) singt man ein biss­chen vor­sich­ti­ger mit, weil man sich das Aus­maß gar nicht vor­stel­len kann. Man bekommt aber eine Ahnung davon in dem Film „Dear Jack“, in dem Andy (ich ken­ne sei­ne Musik jetzt so lan­ge, ich nenn’ ihn ein­fach mal so) sei­ne Kran­ken­ge­schich­te doku­men­tiert. Ich habe mir das nur ein­mal anse­hen kön­nen, aber es war sehr bewe­gend und – ent­schul­di­gen Sie das Ekel­wort – inspi­rie­rend.

Lan­ge Rede, kur­zer Sinn: Ich glau­be, ich habe inzwi­schen alle Auf­nah­men, an denen Andrew McMa­hon jemals betei­ligt war. Er lös­te nach dem drit­ten Album auch Jack’s Man­ne­quin auf und ver­öf­fent­lich­te die­ser Tage ein neu­es Album, das wie sein neu­es Pro­jekt heißt und damit fast wie er selbst: Andrew McMa­hon In The Wil­der­ness.

Andrew McMahon (Pressefoto)

Nach den ers­ten Hör­pro­ben war ich skep­tisch. „Ceci­lia And The Satel­li­te“ war eine durch­aus schö­ne Hym­ne an die neu­ge­bo­re­ne Toch­ter, aber irgend­wie klang das alles sehr pop­pig und damit mei­len­weit von zumin­dest Some­thing Cor­po­ra­te weg. Aber das ist offen­sicht­lich Absicht und kon­se­quent zu Ende gedacht: „Dri­ving Through A Dream“ etwa könn­te bis ins kleins­te Detail der Pro­duk­ti­on ein Song von Phil Coll­ins sein. Als jemand, der mit Phil Coll­ins auf­ge­wach­sen ist und sei­ne Musik bis heu­te liebt, füh­le ich mich dort sofort sehr zuhau­se.

Nor­ma­ler­wei­se ist man zwi­schen 15 und 20 Jah­re alt, wenn man sich von Musik direkt ange­spro­chen fühlt — ich habe kürz­lich noch mal „Hin­ter all die­sen Fens­tern“ von Tom­te gehört und – hell, yeah! – ich weiß, wovon ich spre­che. Dass ich mit 31 noch ein­mal ein Album auf Dau­er­schlei­fe lau­fen las­sen wür­de, hät­te ich – gera­de vor dem Hin­ter­grund, dass ich im Moment eher wenig zum Musik­hö­ren kom­me – nicht gedacht. Und doch läuft „Andrew McMa­hon In The Wil­der­ness“ bei mir jetzt seit zwei­ein­halb Wochen rauf und run­ter. Ich ken­ne Andrew McMa­hon nicht per­sön­lich und habe kei­ne Ahnung, ob wir uns ver­ste­hen wür­den, wenn wir uns mal in einer Bar trä­fen, aber auf eine völ­lig bizar­re Art, die ich sonst nur von aus­ge­wähl­ten deutsch­spra­chi­gen Tex­tern ken­ne, füh­le ich mich ihm sehr ver­bun­den — was auch damit zusam­men­hän­gen mag, dass er nur ein Jahr älter ist als ich und wir bei­de die­ses Jahr zum ers­ten Mal Väter gewor­den sind (wor­auf er gleich in zwei Lie­dern – dem schon erwähn­ten „Ceci­lia And The Satel­li­te“ und dem etwas schwa­chen „See Her On The Weekend“ – ein­geht).

In fast jedem Song des Albums gibt es min­des­tens eine Zei­le, die ich mir sofort täto­wie­ren (oder zumin­dest rah­men) las­sen würde:„Take all your trou­bles, put them to bed /​ Burn down the mis­si­on, the maps in your head“ („Can­yon Moon“), „I’ve loved some girls that I bare­ly knew /​ I’ve made some fri­ends, and I’ve lost some too“ („Ceci­lia And The Satel­li­te“), „You dance with your head­pho­nes on and I /​ Could watch you all night long /​ Dancing to someone else’s song“ („High Dive“), „There’s only two mista­kes that I have made /​ It’s run­ning from the peo­p­le who could love me best /​ And try­ing to fix a world that I can’t chan­ge.“ („All Our Lives“), „Do you ever rewind to the sum­mer you knew me?“ („Black And White Movies“), „No cash in the bank /​ No paid holi­days /​ All we have is /​ Gas in the tank /​ And maps for the geta­way“ („Maps For The Geta­way“).

Das Gefühl von „Ich ver­ste­he Dich“ bzw. „Da ist jemand, der mich ver­steht“ ist so stark, dass ich mich in weni­ger auf­rich­ti­gen Momen­ten fast selbst beru­hi­gen möch­te: Ist ja nur Musik. Nee, ist mehr.

Andrew McMahon In The Wilderness (Albumcover)In Zeit­schrif­ten und Blog­ar­ti­keln wer­den wir bom­bar­diert mit Gene­ra­ti­ons­be­schrei­bun­gen, Labels und Ansprü­chen, von denen wir uns gleich­zei­tig ganz schnell frei machen sol­len. Unse­re Frau­en sol­len Fami­lie und Beruf nicht nur unter einen Hut krie­gen, son­dern das auch wol­len — wäh­rend sie dabei wie Hol­ly­wood-Stars und ganz natür­lich aus­schau­en. Unse­re Kin­der sol­len drei Fremd­spra­chen ler­nen, die ver­pass­ten Chan­cen von uns und unse­ren Eltern nach­ho­len und sich dabei frei ent­fal­ten kön­nen. Und wir Män­ner sol­len gleich­zei­tig ein­fühl­sam, stark, sport­lich und krea­tiv sein. Vor allem aber, immer wie­der: „wir“, die­ser lächer­li­che Fra­ter­ni­sie­rungs­ver­such von zehn­tau­sen­den Ertrin­ken­den, die sich anein­an­der klam­mern. Mit Gefüh­len, die irgend­wel­che Slam-Poe­tin­nen in (geborg­te) Wor­te fas­sen, wor­auf­hin dann alle andert­halb Tage sehr emo sind, bis Jan Böh­mer­mann eine Par­odie dar­auf ver­öf­fent­licht und alle wie­der total iro­nisch sein kön­nen.

Da höre ich lie­ber die Songs von Andrew McMa­hon.

Ich weiß nicht, wie Men­schen die­ses Album hören, die vor­her gar nichts oder nur wenig von ihm kann­ten — als eher okayes Pop-Album, ver­mut­lich. Wirk­lich über­all sind Key­board­flä­chen, auf vir­tuo­ses Kla­vier­spiel ver­zich­tet Andy hier eben­so wie auf Gitar­ren. In eini­gen Tex­ten ver­ar­bei­tet er der­art deut­lich sei­ne eige­ne Lebens­ge­schich­te, dass ich den meis­ten Musi­kern raten wür­de: „Nimm Dich mal zurück, leg hier nicht alles offen, sei doch auch mal lite­ra­risch“. Bei man­chen Leu­ten ertra­ge ich das nicht (mehr), bei Andrew McMa­hon aber füh­le ich mich zuhau­se, auch wenn er über Din­ge singt, die mit mei­nem Leben eher gar nichts zu tun haben.

In sei­nen Tex­ten geht es – dar­an hat sich nicht viel geän­dert – um Welt­raum, Was­ser und Stra­ßen, auf denen er unter­wegs ist, also um Men­schen in Iso­la­ti­on und in Bewe­gung. Das ers­te Jack’s‑Mannequin-Album hieß ja nicht umsonst „Ever­y­thing In Tran­sit“. Bemer­kens­wert ist da eher, dass Mar­cus Wie­busch, der Sän­ger von kett­car, der die­ses Jahr auch ein sehr, sehr tol­les Solo­al­bum auf­ge­nom­men hat, in sei­nem Song „Sprin­gen“ so ein­deu­tig auf Jack’s Man­ne­quins „Swim“ Bezug nimmt, dass das eigent­lich kein Zufall sein kann: „Halt den Kopf oben“ singt er da („Just keep your head abo­ve“) und benennt, wie Andy, eini­ge Grün­de, war­um man wei­ter­schwim­men soll­te: „Schwim­men für die Songs, die noch geschrie­ben wer­den“. Zum Bei­spiel von Andrew McMa­hon.

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Musik

Song des Tages: Toploader – Dancing In The Moonlight

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Zum ers­ten Mal gehört:

Irgend­wann im Som­mer 2000, als der Song im Radio rauf und run­ter lief.

Wer musi­ziert da? Eine Band aus East­bourne, die damals vor allem im Ver­ei­nig­ten König­reich unfass­bar erfolg­reich, aber nie wirk­lich kre­di­bel war. Die Band gibt’s übri­gens wie­der. Bei dem Song han­delt es sich um ein Cover, das Ori­gi­nal stammt von der ame­ri­ka­ni­schen Band King Har­ve­st.

War­um gefällt mir das? Heu­te vor allem aus nost­al­gi­schen Grün­den. Es errin­nert mich an den Spät­som­mer und Herbst 2000, als ich mich an den Wochen­en­den abends mit mei­nen Freun­den am Rhein getrof­fen habe. Die­ses Lied lief damals stän­dig im Radio, auf Kas­set­te oder MD (Mini Disc, das waren so klei­ne Plas­tik­din­ger, wo man Musik drauf auf­neh­men konn­te – kei­ne Ahnung, was das soll­te) und spä­ter auch auf CD, weil ich das Album zum Geburts­tag bekam. Musik hat­te damals noch eine viel län­ge­re Halt­bar­keit und so haben mich „Dancing In The Moon­light“ und „Onkas Big Moka“ lan­ge beglei­tet.

Der Song und das Video sind auch Doku­men­te einer Zei­ten­wen­de: Das hier sind, obwohl das Album im Jahr 2000 erschien, ein­deu­tig noch die Neun­zi­ger. Die Pro­duk­ti­on (Das Orgels­o­lo! Die Con­gas! Das Schlag­zeug!) und der Look (Die Leder­ja­cke! Die Kote­let­ten! Sogar das ver­damm­te Haus, in dem die­ses Video spielt und in dem ich damals unbe­dingt woh­nen woll­te!) atmen noch voll den Geist von Cool Bri­tan­nia, der hier aller­dings schon deut­lich ange­staubt ist und schon bei­na­he aus­schließ­lich als Zitat (nicht) funk­tio­niert. Das waren Zei­ten!

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Film

Hebt die Gläser für John Keating

Ges­tern, auf dem Weg nach hau­se, hat­te ich die Idee, „Reiß die Trau­er aus den Büchern“ von Jupi­ter Jones zum heu­ti­gen Song des Tages zu machen. Zum einen, weil es auch nach zehn Jah­ren immer noch ein unglaub­lich guter Song ist, aber auch ein biss­chen, um mich und alle ande­ren dar­an zu erin­nern, wie die­se Band mal ange­fan­gen hat. Und wegen der Text­zei­le „Hebt die Glä­ser für John Kea­ting“.

Heu­te erwach­te ich zu der Nach­richt, dass Robin Wil­liams, der den Leh­rer John Kea­ting in Peter Weirs „Der Club der toten Dich­ter“ gespielt hat­te, gestor­ben ist.

Wir haben „Der Club der toten Dich­ter“ in der zehn­ten Klas­se im Deutsch­un­ter­richt gele­sen, was inso­fern ein biss­chen absurd ist, weil es sich um ein ursprüng­lich eng­lisch­spra­chi­ges Buch han­del­te, das auf Grund­la­ge des Dreh­buchs zu einem Hol­ly­wood-Film geschrie­ben wur­de. Und „gele­sen“ habe ich es, wie unge­fähr alle Lek­tü­ren in der Schul­zeit, allen­falls quer. Natür­lich haben wir uns auch den Film ange­se­hen, von dem ich weni­ger über Lite­ra­tur gelernt habe (noch heu­te wer­de ich mit Lyrik nicht so rich­tig warm), aber viel über unpas­sen­de Syn­the­si­zer-Klän­ge und über Pathos.

Die Schluss­sze­ne, wenn die Schü­ler auf ihre Tische stei­gen und die ers­te Zei­le aus Walt Whit­mans „O Cap­tain! My Cap­tain!“ rezi­tie­ren, wäh­rend Ihr Leh­rer John Kea­ting abbe­ru­fen wird, traf mich mit unge­heu­rer Wucht ins Herz. Sie sorg­te dafür, dass ich im Real Life häu­fig von Abschie­den etwas ent­täuscht war, weil sie mit die­ser Fik­ti­on nicht mit­hal­ten konn­ten. Ich sehe eine direk­te Linie zwi­schen die­ser Sze­ne und mei­ner Begeis­te­rung für leicht melo­dra­ma­ti­sche ame­ri­ka­ni­sche Pop­kul­tur („Dawson’s Creek“, Springsteen, Bücher von John Green) und für die Lie­der von Tom­te. Schon an nor­ma­len Tagen kann ich die­se Sze­ne nicht anschau­en, ohne Gän­se­haut und feuch­te Augen zu bekom­men.

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Mei­ne ers­te rich­ti­ge „Begeg­nung“ mit Robin Wil­liams lag zu die­ser Zeit schon fünf Jah­re zurück: Mit zehn hat­te ich „Mrs. Doubt­fi­re“ gese­hen und für eini­ge Jah­re zu mei­nem Lieb­lings­film erko­ren. Ich muss den Film in die­ser Zeit buch­stäb­lich Dut­zen­de Male gese­hen haben.

Robin Wil­liams spielt dar­in den Vater Dani­el Hil­lard, der sei­ne Kin­der nach der Tren­nung von sei­ner Frau zu sel­ten sehen darf und sich des­halb als Kin­der­mäd­chen ver­klei­det, um ihnen den­noch nahe sein zu kön­nen. Ich bezweif­le, dass mir das als Zehn­jäh­ri­gem auf­ge­fal­len ist und es ist schon Jah­re her, dass ich den Film zuletzt gese­hen habe, aber in der Erin­ne­rung ist es eine unglaub­li­che Mischung aus Kla­mauk und Warm­her­zig­keit, die die­sen Film aus­macht — und aus schreck­li­chen 90er-Jah­re-Kla­mot­ten.

Die jetzt zitier­ten essen­ti­el­len Robin-Wil­liams-Fil­me wie „König der Fischer“ oder „Hook“ habe ich nie gese­hen, aber vie­le ande­re: „Juman­ji“, „Good Mor­ning, Viet­nam“, „Good Will Hun­ting“ und die deut­lich düs­te­re­ren „One Hour Pho­to“ und „Insom­nia“, in denen er den Psy­cho­pa­then hin­ter der Mas­ke des net­ten Jeder­manns gab. Wer, wie ich, die Fil­me über­wie­gend der deut­schen Syn­chron­fas­sung ken­nen­ge­lernt hat, für den ist Wil­liams‘ Gesicht untrenn­bar mit der Stim­me von Peer Augus­t­in­ski ver­knüpft, der zwi­schen­durch nach einem Schlag­an­fall lan­ge pau­sie­ren muss­te. Es ist sicher­lich nicht ein­fach, jeman­den wie Wil­liams zu spre­chen, der in den alber­nen Sze­nen selbst stän­dig die Stim­me wech­sel­te und in ande­ren Momen­ten eine unge­heu­re Weis­heit, Ruhe und Melan­cho­lie aus­strah­len konn­te, aber Augus­t­in­ski hat dies meis­ter­haft gemacht.

Robin Wil­liams war irgend­wie immer in Sicht­wei­te, so wie der etwas merk­wür­di­ge Onkel in einer Fami­lie, von dem man mal gute, mal schlech­te Nach­rich­ten hört: in den letz­ten Jah­ren las man von einem Ent­zug, einer Herz-OP und von einem Come­di­an, der nach Jahr­zehn­ten des Strau­chelns mit sich selbst im Rei­nen schien. Sei­ne neue TV-Serie „The Cra­zy Ones“ – von der ich Dank der Kurz­at­mig­keit von Pro­Sie­ben eine Fol­ge gese­hen habe – wur­de nach nur einer Staf­fel ein­ge­stellt, aber es gab wohl recht kon­kre­te Plä­ne für eine Fort­set­zung von „Mrs. Doubt­fi­re“.

Robin Wil­liams ist im Alter von 63 Jah­ren gestor­ben. Er litt offen­bar an Depres­sio­nen, was einen Rei­gen von „Trau­ri­ger Clown“-Artikeln nach sich zie­hen dürf­te. Dabei war er deut­lich mehr als nur das.

Hebt die Glä­ser für Robin Wil­liams!

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Musik

Song des Tages: Ben Folds – Still Fighting It

Sor­ry, da ist die Serie jetzt mal ganz amt­lich geris­sen. Aber es gibt ein­fach auch wich­ti­ge­re Din­ge, als irgend­wel­chen Kram ins Inter­net zu schrei­ben!

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Zum ers­ten Mal gehört: Am Mit­tag des 24. August 2001, als ich end­lich das Rezen­si­ons­exem­plar von „Rockin‘ The Sub­urbs“ in den Hän­den hielt, des für den 11. Sep­tem­ber ange­kün­dig­ten Solo­de­büts von Ben F… aber das hab ich ja alles schon mal auf­ge­schrie­ben.

Wer musi­ziert da? Ben Folds, damals frisch geba­cke­ner Ex-Band­lea­der des inzwi­schen wie­der­ver­ei­nig­ten Tri­os Ben Folds Five, und einer mei­ner ganz gro­ßen musi­ka­li­schen Hel­den.

War­um gefällt mir das? It’s Ben Folds, stu­pid! Außer­dem ist „Ever­y­bo­dy knows it sucks to grow up /​ But ever­y­bo­dy does“ eine der bes­ten, all­ge­mein­gül­ti­gen Zusam­men­fas­sun­gen vom Erwach­sen­wer­den, aber gleich­zei­tig auch sehr trös­tend. Und auch musi­ka­lisch ist das ja wohl aller­ers­te Güte – vor allem wenn man bedenkt, was jun­ge Eltern sonst so ver­zap­fen. Fast 13 Jah­re lang hab ich davon geträumt, den Song eines Tages mei­nem Sohn vor­zu­spie­len oder ‑sin­gen. Er fand’s glaub ich ganz okay.

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Song des Tages: The Beatles – All My Loving

Hier im Blog pas­siert in letz­ter Zeit nicht so rich­tig viel: Arbeit und Leben brau­chen schließ­lich auch ihre Zeit. Das ärgert mich trotz­dem – vor allem, weil wenn ich dann mal was blog­ge, der Grund meis­tens ist, dass ich mich über irgend­et­was Jour­na­lis­ten auf­re­ge. So wird das hier auf Dau­er die Abraum­hal­de für mei­ne schlech­te Lau­ne.

Aber das soll sich ändern.

Der Plan ist, jetzt jeden Tag ein Lied zu pos­ten. Ob alt oder neu, bekannt oder unbe­kannt, Indie, Hip­hop oder ESC ist dabei völ­lig wum­pe. Das ein­zi­ge Kri­te­ri­um ist: Es muss mir gefal­len oder für mich irgend­ei­ne Bedeu­tung haben, die ich in zwei, drei Sät­zen erklä­re.

Begin­nen wol­len wir mit einem Vor­schlag von Cap­tain Obvious:

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Zum ers­ten Mal gehört: Kei­ne Ahnung. Irgend­wann vor 1993, als ich mei­ne ers­ten eige­nen CDs geschenkt bekam, die tat­säch­lich von den Beat­les waren – wenn auch kei­ne Ori­gi­nal-Alben, son­dern wüs­te Umsor­tie­run­gen der ers­ten fünf Alben durch eine Kaf­fee­rös­te­rei. Ich kann­te das Stück vor­her schon, denn als Instru­men­tal­ver­si­on war es die Titel­me­lo­die der WDR2-Ver­brau­cher­sen­dung „Quint­essenz“, die jeden Tag im Auto­ra­dio lief, wenn unse­re Mut­ter uns Kin­der zu Freun­den, zu Arzt­ter­mi­nen oder zum Ein­kau­fen fuhr.

Wer musi­ziert da? Die Beat­les. Ich bin nicht bereit, das näher zu erklä­ren. Die sind ja kei­ne Tele­fon­zel­le.

War­um gefällt mir das? Na ja, es sind die Beat­les. Es ist sicher­lich nicht ihr bes­ter Song, es ist nicht mal der bes­te Song der frü­hen Pha­se. Aber es ist tat­säch­lich der Song, der mir mir nach lan­ger Über­le­gung als der­je­ni­ge ein­fiel, an den ich die ältes­ten Erin­ne­run­gen habe (von irgend­wel­chen Kin­der­lie­dern jetzt mal ab). Und irgend­wie gefällt mir auch die rüh­ren­de Schlicht­heit der Lyrics: Hey, Dar­ling, mor­gen bin ich weg, aber ich schick Dir jeden Tag einen Brief mit all mei­ner Lie­be. Post von McCar­teny, sozu­sa­gen.

Und jetzt bin ich mal gespannt, wie lan­ge ich durch­hal­te …

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Digital

Internetmäander

Ich habe ein wich­ti­ges Jubi­lä­um ver­passt: Irgend­wann Ende Novem­ber, Anfang Dezem­ber muss es sich zum 15. Mal gejährt haben, dass der ers­te von mir geschrie­be­ne Text im World Wide Web ver­öf­fent­licht wur­de. 1 Es han­del­te sich um eine Kri­tik zum Film „Jackie Chan ist Nobo­dy“, an den ich mich heu­te kein biss­chen erin­nern kann, und sie erschien auf „Schrö­ders klei­ne Film­sei­ten“. Weil das Inter­net damals noch ver­ges­sen konn­te, müss­te ich die NSA um eine Siche­rungs­ko­pie des Tex­tes bit­ten, wenn ich ein ent­fern­tes Inter­es­se dar­an hät­te, mei­ne Rezen­si­on noch ein­mal nach­zu­le­sen.

Das heißt auch: In ein paar Mona­ten wer­de ich mein hal­bes Leben ins Inter­net schrei­ben.

Ich glau­be nicht, dass ich das Inter­net damals als Offen­ba­rung, Chan­ce oder Sen­sa­ti­on begrif­fen habe. Mir war damals klar, dass die Zahl mei­ner Leser nicht signi­fi­kant stei­gen wür­de, ver­gli­chen mit den Tex­ten, die ich in den sie­ben, acht Jah­ren zuvor in mei­ne Schreib­ma­schi­ne gehackt habe. Und mei­ne Ver­wand­ten in den USA hät­ten mei­ne Tex­te ja auch lesen kön­nen, wenn ich sie ihnen gefaxt hät­te. Das Inter­net wur­de erst rich­tig cool, als ich begriff, dass ich dort Fotos von mei­nen Lieb­lings­schau­spie­le­rin­nen und obsku­re B‑Seiten mei­ner Lieb­lings­bands her­un­ter­la­den konn­te. Ich fand den Ein­gangs­ka­nal immer beein­dru­cken­der als den Aus­gangs­ka­nal.

Dar­an hat sich auch in den vie­len Jah­ren, die ich auf ver­schie­dens­ten Platt­for­men im Inter­net publi­ziert habe und in denen ich damit teil­wei­se mei­nen Lebens­un­ter­halt bestrit­ten habe, nicht groß geän­dert. Natür­lich weiß ich theo­re­tisch, dass die mehr als 70.000 Zugrif­fe, die etwa unse­re Oslog-Fol­ge mit Lena Mey­er-Land­rut und Hape Ker­ke­ling hat­te, deut­lich mehr sind als die maxi­mal 50, 60 Zuschau­er, die mei­ne Freun­de und ich im Jahr 1999 mit unse­ren selbst gedreh­ten Action­fil­men errei­chen konn­ten. Und 2.000 Zuhö­rer hät­te ich mit mei­nen Bands auch nie erreicht. Aber ich hab die­se Sachen ehr­lich gesagt immer in ers­ter Linie für mich gemacht – ob sie hin­ter­her auch Rezi­pi­en­ten fin­den, war min­des­tens zweit­ran­gig.

Ich habe ins Inter­net geschrie­ben, bevor ich je das Wort „Blog“ gehört hat­te. Mei­ne Schul­freun­de und ich hat­ten eine Sei­te, auf der wir uns über unse­re Erleb­nis­se aus­ge­tauscht haben, lan­ge bevor wir wuss­ten, was ein „Social Net­work“ ist, und bevor Face­book – oder auch nur MySpace 2 – gegrün­det wur­de. Für mich ist das Inter­net so selbst­ver­ständ­lich wie flie­ßend Warm­was­ser und elek­tri­scher Strom und ich habe nie ver­stan­den, war­um man­che ein gro­ßes Gewe­se dar­um machen, das Inter­net zu kri­ti­sie­ren oder zu ver­tei­di­gen. Man kann mit Was­ser sei­ne Hän­de waschen oder sein Kind in der Bade­wan­ne erträn­ken und man kann mit elek­tri­schem Strom Kar­tof­fel­sup­pe nach altem Fami­li­en­re­zept kochen oder „Taff“ auf Pro­Sie­ben gucken – und so ist das Inter­net auch genau das, was man draus macht.

Viel­leicht ist das auch der Grund, war­um ich nie so ein Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl ent­wi­ckelt habe, wie es auf Bar­camps und Tref­fen wie der re:publica 3 zele­briert wird. Ich habe das Inter­net immer für ein sehr prak­ti­sches Werk­zeug gehal­ten und ich fin­de es schön, dass ich dort Din­ge machen und kon­su­mie­ren kann, die nie im Fern­se­hen oder Radio lau­fen und nie von einem Ver­lag gedruckt wer­den wür­den, aber ich hal­te auch mein Schwei­zer Taschen­mes­ser, 4 mei­nen Staub­sauger und mei­nen Dosen­öff­ner für sehr prak­ti­sche Werk­zeu­ge und wür­de den­noch nie zu einem Tref­fen von Taschenmesser‑, Staub­sauger- oder Dosen­öff­ner­fans gehen. 5

Ich will das hier jetzt gar nicht im Ein­zel­nen auf­drö­seln, aber wenn ich sehe, was Geheim­diens­te, Regie­run­gen und Anwalts­kanz­lei­en mit dem Inter­net ver­an­stal­ten, macht mich das betrof­fen und wütend. Der Gene­ral­ver­dacht gegen­über der Bevöl­ke­rung, der sich in der Samm­lung qua­si aller Kom­mu­ni­ka­ti­ons­da­ten mani­fes­tiert, ist uner­träg­lich und auch irgend­wie unlo­gisch: Schon seit Jahr­zehn­ten wer­den Häm­mer ver­kauft, mit denen man wahl­wei­se Rega­le zusam­men­bau­en oder jeman­den erschla­gen kann, 6 von der viel­sei­ti­gen Ein­satz­mög­lich­keit von Mes­sern und Autos ganz zu schwei­gen. Ich bin nicht der Mei­nung, dass man alles über­wa­chen muss, weil Ter­ro­ris­ten „Tech­nik nut­zen“, und ich hän­ge auf der staats­theo­re­ti­schen Ebe­ne der huma­nis­ti­schen Idee an, die Tim Ber­ners-Lee kürz­lich for­mu­liert hat:

Any demo­cra­tic coun­try has to take the high road; it has to live by its prin­ci­ples. I’m very sym­pa­the­tic to attempts to increase secu­ri­ty against orga­nis­ed crime, but you have to distin­gu­ish yours­elf from the cri­mi­nal.

Und weil Tim Ber­ners-Lee der Mann ist, der das World Wide Web erfun­den hat, nut­ze ich die­sen Zir­kel­schluss, um zum Schluss zu kom­men:

Ich mag das Inter­net, macht es nicht kaputt!

  1. Die lächer­li­chen „Home­pages“, die mei­ne Freun­de und ich in den Mona­ten zuvor bei AOL bzw. Tri­pod (Kin­der, fragt Eure Groß­el­tern, was das war) hoch­ge­la­den hat­ten, zäh­len nicht als Text.[]
  2. Kin­der, bit­te wie­der die Groß­el­tern fra­gen.[]
  3. Allein die Schreib­wei­se schon![]
  4. Seit Weih­nach­ten 1994 in mei­nem Besitz.[]
  5. Das mag frei­lich auch damit zusam­men­hän­gen, dass ich ein grund­sätz­li­ches Pro­blem damit habe, Teil einer Grup­pe zu sein.[]
  6. In eini­gen Haus­hal­ten soll es zu Situa­tio­nen gekom­men sein, wo bei­des mehr oder weni­ger zeit­gleich statt­ge­fun­den hat.[]