Alles was Du siehst gehört Dir

Von Lukas Heinser, 3. März 2010 12:21

Wenn es Weltmeisterschaften im Multitasking gäbe — ich dürfte nicht teilnehmen. Ich würde mich noch nicht einmal für die Bezirksliga qualifizieren. Ich bin so hoffnungslos schlecht im gleichzeitigen Erledigen von mehreren Aufgaben, dass ich noch nicht einmal während des Essens trinken kann.

Jeden Abend finde ich in meinem Browser Tabs, die ich irgendwann gegen Mittag geöffnet und seitdem nicht mehr zu Gesicht bekommen habe. Begonnene E-Mails, denen nur noch eine Grußformel und ein Klick auf den „Absenden“-Button fehlt. Textanfänge in irgendwelchen Editoren, die einmal irgendwas hätten werden können: Journalismus, Literatur, Lyrics. Aber die Idee, der diese Anfänge entwachsen sind, ist längst verglimmt und die Zeilen, die da stehen, irritieren mich selbst am meisten.

Wenn man eine Wohnung mit mehreren Zimmern hat, wird jedes irgendwann zum Tab im Browser des Lebens: In der Küche steht das Wasser in der Spüle und wird langsam kalt, weil ich eben ins Bad rübergegangen war, um die Waschmaschine auszustellen, und dabei gesehen hatte, wie dreckig Waschbecken und Spiegel eigentlich schon wieder sind. Währenddessen steht die nasse Wäsche im Schlafzimmer und wartet darauf, dass sie jemand aufhängt. Dieser Jemand sollte ich sein, aber ich bin gerade im Wohnzimmer, um die E-Mails zu checken. Da mich während meiner Abwesenheit vom Rechner fünf Freunde in drei verschiedenen Chats angeschrieben haben, bleibe ich erst mal am Computer, derweil mein frisch aufgewärmtes Mittagessen in der Mikrowelle wieder erkaltet. Als ich kurz ins Bad gehe, überraschen mich dort ein offenes Fenster und ein halb geputztes Waschbecken.

Neben meinem Bett, in das ich mich regelmäßig viel zu spät zurückziehe, weil ich mich wieder irgendwo aufgehalten habe, liegen drei Bücher: Ein Roman, der mir aber viel mehr Aufmerksamkeit abverlangt, als ich zu so später Stunde zu leisten imstande bin; eine bereits mehrfach gelesene Textsammlung, aus der man kurz vor dem Wegdämmern noch mal eben ein paar Seiten weglesen kann; ein Klassiker, von dem ich niemals nie und unter gar keinen Umständen mehr als die ersten drei Sätze lesen werde. Aber er liegt da ganz gut.

Wenn ich mich mit Freunden treffe, fallen sie zumeist im Rudel ein. Dann sitzen wir in Kneipen, in denen die Musik lauter ist als die Summe unserer Gesprächsfetzen, und führen Gespräche. Mehrere. Gleichzeitig. Manchmal kommen Menschen vorbei, einige kenne ich selbst. Man plaudert kurz, dann müssen diese Menschen zurück in ihre eigenen Gesprächsarrangements. Oder dringend aufs Klo. Die einzigen, die den Überblick behalten, sind die Kellner. Sie haben kleine elektrische Geräte, mit denen sie die Bestellungen aufnehmen können, und die immer wissen, was wohin muss.

Im Heimaturlaub sitze ich meist in meinem alten Kinderzimmer und frage mich, wen ich besuchen könnte. Dann gehe ich kurz in die Küche, wo ich nichts zu essen finde, weswegen ich in den Keller gehe, um im Vorratsraum nachzusehen, wobei ich an unserem alten Probenkeller vorbeikomme und meine E-Gitarre sehe. Während ich sie in die Hand neh…

*pling*

Verzeihung, das ist mein Mittagessen. Glaub ich.

32 Kommentare

  1. Daniel
    3. März 2010, 13:10

    Is ja fast unheimlich: musste bei so ziemlich jedem Satz „Geht mir genauso“ denken. Schöner Text!

  2. Herr Olsen
    3. März 2010, 13:12

    Genau so geht’s mir au…
    Oh! Ne Blogroll! Toll!
    *klick*

  3. freiwild
    3. März 2010, 16:25

    und ich dachte schon, ich wäre der einzige, der wo…

    Übrigens schmecken Nudeln mit Tomatensauce auch kalt. Für diesen Geheimtipp werdet Ihr mir ewig dankbar sein.

  4. Seb
    3. März 2010, 19:36

    und in kaltem Spülwasser wird das Geschirr auch noch ordentlich sauber.

    Schließe mich meinen Vorrednern an, toller Text mit hohem Selbstwiedererkennungswert.

  5. birgit
    3. März 2010, 23:14

    …und ich dachte, das liegt bei mir am Alter!

  6. Hannah
    4. März 2010, 0:54

    @birgit: Aus Erfahrung kann ich sagen: es wird mit zunehmendem Alter schlimmer. Ich bin 21.

  7. und die Kugel rollt sich weg unter uns » text gefressen
    4. März 2010, 2:06

    […] [Coffee & TV – Alles was du siehst gehört dir] […]

  8. Lukas J.
    4. März 2010, 2:06

    Immerhin habe ich das Problem mit den vielen Browser-Fenstern und angefangenen E-Mails nicht, da mein Laptop mittlerweile so voller Viren ist, dass er immer nach etwa einer Stunde absürzt und ich ihn neu hochfahren muss. Metaphorisch der Knaller.

    Aber mal ehrlich: Das Leben wäre doch langweilig, ohne die vielen Eisen, die man ständig im Feuer hat.

  9. SvenR
    4. März 2010, 10:07

    Als ich noch jung war, so mit 20, 21, da konnte ich während ich auf der Couch sitzend fernsah telefonieren, die Zeitung lesen, etwas essen und trinken und habe alles mitbekommen und nichts verschüttet. Wirklich!

    Heute fällt mir schon schwer während einer Livefernsehsendung darüber zu Twittern…

    Ich habe mir einfach angewöhnt, zumeist nur noch eine Sache zu machen und die aber auch zu Ende zu bringen. Auf Dauer ist das viel befriedigender – für mich. Aber ich musste ja auch schon über vierzig Jahre üben, um so weit zu kommen.

  10. Multitasking: Die offenen Tabs im Browser des Lebens » imgriff.com
    4. März 2010, 11:37

    […] » Alles was Du siehst gehört Dir (coffeeandtv.de) […]

  11. Regula
    4. März 2010, 12:22

    Nicht zu vergessen die Linsen im Kochtopf, die sich über den ganzen Herd ergiessen, weil man eben mal kurz mit der Nachbarin plaudern wollte… ;-)

  12. Alberto Green
    4. März 2010, 20:21

    HAHA. Das Tollste: Ich muss diesen Artikel irgendwann in meinem Reader angeklickt und doch nicht gelesen haben. Ich sehe ihn jetzt zum ersten Mal.
    Das mit den Chats kenne ich: Kollege SvenR hat mich ja heute in die Kunst des Facebook-Chats eingeweiht. Ich war mit ICQ und Skype eigentlich zufrieden. Ach, und dann dieser Zwang ständig, gute Tips zu geben, wenn jemand bei Ikea war.
    Wo war ich? Achja Fenster: Ich bin gestern von der besseren Hälfte gekreuzigt worden, weil ich über Nacht die Tür vom Balkon offen gelassen haben.
    Du bist also nicht allein. (auch wenn dich das nicht beruhigt)

  13. David
    4. März 2010, 23:24

    Schöne Story :-)

  14. Marcel
    5. März 2010, 1:33

    gefällt mir, guter text. Zeigt doch wie zerissen unser leben immer wieder ist, nie wirklich bei der Sache und immer schon mit dem Gedanken woanders… lol…ich merke grade in diesem augenblick wie ich grade eben durch diesen text mal wieder von meiner hauptbeschäftigung abgelenkt wurde. Zimmer in der Wohnung und offene Tabs, sehr schöner Vergleich und so wahr :)

  15. Der LebensPfadFinder
    5. März 2010, 10:26

    Schöner Text!
    Meine Erfahrung ist: Vor allem unfallfreies Multitasking wird mit zunehmendem Alter immer schwieriger zu bewerkstelligen. Mittlerweile frühstücke ich und habe kein Radio mehr nebenher laufen und die Zeitung bleibt auch öfters zugeschlagen.

  16. Bernie
    5. März 2010, 10:29

    Sehr beruhigend, dass es anderen auch so geht. Ich lass das Tab hier mal offen, bestimmt fällt mir später noch was Gewitztes dazu ein.

  17. Annika
    5. März 2010, 14:56

    wunderbar geschrieben!

    vorallem „Wenn man eine Wohnung mit mehreren Zimmern hat, wird jedes irgendwann zum Tab im Browser des Lebens:…“

  18. Multitasking-fail | Ach!Mist
    5. März 2010, 16:00

    […] gebracht hätte widergeben können. Also erteile ich der Einfachheit halber Lesebefehl bei Lukas' coffeeandtv.de – Artikel, spare Zeit und kann endlich andere Unvollendetheiten vollenden…welche waren das […]

  19. Gedankenblasen » Blog Archiv » Zitat des Tages (1)
    6. März 2010, 14:17

    […] (Lukas Heinser in diesem Blogartikel) […]

  20. zauberweib
    7. März 2010, 14:06

    *wechlach* einfach nur genial! wenn ich das nächste mal irgendwo an irgendwas vorbeikomme, das mich mahnend dran erinnert, dass ich da doch irgendwann mal vorher am tag eigentlich noch schnell irgendwas machen wollte – bin ich ab sofort nicht mehr peinlich über mein vergessen berührt sondern weiss mich in einer großen gemeinde gleichgesinnter vereint *gg*

  21. Restebloggen zum Wochenende (30) « überschaubare Relevanz
    7. März 2010, 18:39

    […] Heinser schildert uns seine Probleme mit Multitasking. Sehr […]

  22. ruediger
    7. März 2010, 19:32

    So gelesen war die Erfindung von Tabs … aber ach, lassen wir das. Ich finde mich auch wieder. Toller Text, mein Beileid. :)

  23. Angelika Stein
    8. März 2010, 10:44

    Klasse, Artikel, vielen Dank ;-)
    Prima beschrieben, was viele Menschen tagtäglich erleben.
    Ich muss sagen: Nachdem ich 20 Jahre lang versucht habe, viel und viel gleichzeitig zu machen, versuche ich heute, wenig, aber das richtig gut zu machen..
    Ich denke, das ist einer der großen Herausforderungen: Selektieren, was ist wichtig und alles igonieren, was mich nicht wirklich weiter bringt oder mich vom Weg abbringt …

    Herzliche Grüße
    Angelika

  24. Hans
    8. März 2010, 12:05

    herrlich.
    aber was können wir zum entschleunigen tun – vorschläge?

  25. Lu
    8. März 2010, 18:42

    so geht es jedem oder?
    also mir kommt das alles sehr bekannt vor..

  26. #bkronauer
    9. März 2010, 14:36

    sorry… wollte den Text noch lesen… zu spät – muss jetzt den Tab schließen… muss ins Bett. Hab morgen einen chaotischen Tag vor mir… ;-)

  27. Mouse
    9. März 2010, 20:11

    Danke für diesen Text. Ich dachte schon, ich wäre
    der einzige Mensch der *so* ist ;)

  28. Jamie
    10. März 2010, 10:25

    Hihi, mein altes Leid… http://littlejamie.com/entry.php?id=98 Bin sehr froh, dass ich nicht alleine so zerstreut bin ;)

    Danke für diesen großartigen Text, sehr gelungen!

  29. razzfazz
    10. März 2010, 20:34

    Das erinnert mich sehr an eine Episode aus Stanislaw Lems ‚Sterntagebücher‘, in
    der der Protaginist mit seinem Raumschiff in Zeitturbulenzen gerät und seinem
    eigenen Ich in den unterschiedlichsten Situationen, zu verschiedenen Zeiten,
    in doppelter, dreifacher, vielfacher Ausführung begegenet. Höchst amüsant!
    Zeitschleifen sind überhaupt DIE Lösung…

  30. Julian
    12. März 2010, 23:52

    Ist der Titel vielleicht ne Anlehnung an den wehrten Herrn Peter Licht?

    http://www.youtube.com/watch?v=nKXrJijFEaI

    Schönes Lied.

  31. monika
    31. März 2010, 14:07

    Kenne ich gut! :-)
    Super Beitrag, tolle Schreibe. Vielen Dank, habe mich sehr amüsiert.

  32. Catlynn
    10. Mai 2010, 12:59

    oooohhhja alles was du in dem Text beschreibst trifft so sehr auf mich zu.

    Aber, WO ist die LÖSUNG???? Was macht ihr damit man sich nicht in sovielen Keinigkeiten verzettelt??????

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