Heute: Dinslaken, Stadthalle

Heute: Dinslaken, Stadthalle

Ich komme im Moment nicht so recht zum Bloggen, was ein bisschen mit dem üblichen Weihnachtsstress zu tun hat, 1 ein bisschen mit neuen und alten Jobs, ein bisschen mit Zahnarzt- 2 und Friseurbesuchen, 3 ein bisschen hiermit und damit – und ein bisschen auch mit einer Erkältung, die in Sachen Rückzug und Wiederkehr offensichtlich in pakistanischen Terrorcamps ausgebildet wurde.
Na gut: das sind alles halbherzige Entschuldigungen.
Ich möchte Ihnen trotzdem einen weiteren Favoriten bei der Wahl zur „Überschrift des Jahres“ vorstellen. Die heutige headline entstammt der Lokalredaktion der NRZ in Dinslaken und wurde im – für kunstvolle Überschriften bekannten – Portal „Der Westen“ veröffentlicht:
Die heutige Überschrift ist bei Christian Morgenstern geklaut.
Thomas schrieb in den Kommentaren zum Beitrag über mein selbstgemaltes Schild im Treppenhaus:
Einfach noch einen Zettel schreiben. Mit Rechtschreibfehlern, mehr Unterstreichungen und WICHTIGEN WÖRTERN IN GROSSBUCHSTABEN!!!!! So ähnlich wie die Zettel am Dinslakener Bahnhof bitte.
Damit konnten Sie als Nicht-Dinslakener vermutlich wenig anfangen.
Das macht aber nichts, denn es gibt ein wunderbares Blog, das die geheimnisvollen Zettel am Dinslakener Bahnhof minutiös dokumentiert. Seit anderthalb Jahren fotografiert und kommentiert der mir unbekannte Blogger alle neuen Botschaften, die man am Bahnsteig und in der Eingangshalle lesen kann.
Mein bisheriges Lieblingsmotiv:

Aber nicht nur die Exponate selbst sind sensationell, auch die dazugehörigen Kommentare sorgen immer wieder für Lacher.
So wie dieser hier:
Was auf den ersten Blick wie ein altes, bekanntes Hinweisschildchen ausschaut, entpuppt sich bei genauer Betrachtung als ein Hinweisschildchen der vierten oder fünften Generation. Immer wieder neu muss hier also mit Hilfe von Freund Tesafilm für den freien Zugang zum Abfallbehälter gekämpft werden.
Hinter diesen ominösen Zetteln steckt vermutlich Manfred Reiners, ein Rentner, der sich seit einigen Jahren ehrenamtlich um den ansonsten völlig heruntergekommenen Dinslakener Bahnhof kümmert und es damit immerhin schon zu Erwähnungen im Lokalteil der „Rheinischen Post“, in der „Wirtschaftswoche“ und beim WDR gebracht hat.
„Was können wir vom Wahlkampf von Barack Obama lernen?“ hatte ein Delegierter auf dem Grünenparteitag den zu diesem Zeitpunkt noch designierten Parteivorsitzenden Cem Özdemir gefragt. Özdemir antwortete irgendwas Kluges, Abwartendes, von wegen das solle man jetzt nicht alles nachmachen und man müsse auch mal sehen und so …
„Ist eine Internet-Kampagne wie die von Barack Obama auch in Deutschland möglich?“ hatte Markus Beckedahl schon kurz nach Obamas Wahlsieg gefragt und sowohl eine kurze („Ja und Nein“), als auch eine lange Antwort darauf gegeben.
Aber wie das immer so ist: auf besonnene Politiker hören genauso viele Personen, wie längliche Blog-Einträge lesen – also kaum einer. Und so kommt es, dass die zweite bis dreißigste Reihe (so viele Sitzreihen hat das Bochumer Ruhrstadion, vielleicht bietet jemand mehr) der Politiker jetzt vor den Fettnäpfen Schlange steht, um auf eine neue Liste zu kommen.
Sie heißt:
„Yes, maybe we could try to, but come to think of it: we definitely can’t“
Los ging es mit diesem Meisterwerk:

[via Jens]
Eine weitere gewagte Kombination aus Slogan und missglückter deutscher Sprache fand ich dann bei Facebook:

Und den finalen Auslöser, die Nummer von einer Twitter-Serie zu einer Blog-Serie zu machen (hoffentlich nicht), fand ich dann im Dinslakener Lokalteil der „Rheinischen Post“:

Der aufstrebende Lokalpolitiker Heinz Wansing hat sich vom Dinslakener Regisseur Adnan Köse („Lauf um Dein Leben – Vom Junkie zum Ironman“) überreden lassen, einen Wahlwerbespot zu drehen, der ab Januar als zehnminütige Version auf seiner Homepage und später als Zweiminüter in der Dinslakener Lichtburg laufen soll.
Die „RP“ zitiert den Regisseur wie folgt:
Man muss die neuen Medien nutzen. Mir gefällt seine Haltung und ich will mit dem Film erreichen, dass neben dem Politiker und Verwaltungsfachmann auch der private, der Mensch Heinz Wansing fokussiert wird.
Und wenn Sie jetzt fragen: „Ja, was sollen die armen deutschen Politiker denn jetzt machen, ohne dass Ihr Internet-Jungspunde Euch immer über deren Unbeholfenheit lustig macht?“, dann antworte ich mit meiner glockenklarsten Engelsstimme, die sonst für Familienbesuche und meinen Bankberater reserviert ist: „Politik!“

Zu den ganz großen Rätseln der Menschheitsgeschichte, die einem den Glauben an Zufälle einigermaßen madig machen, zählt der 9. November. Zu dem Umstand, dass so viele wichtige Ereignisse an jenem 9.11., dem „Schicksalstag der Deutschen“, stattfanden (wobei die Ereignisse von 1923 und 1938 natürlich auf die von 1918 aufbauten), kommt auch noch hinzu, dass die amerikanische Schreibweise des 11. Septembers „9/11“ lautet. Darüber haben sich überhaupt noch nicht genug Verschwörungstheoretiker Gedanken gemacht.
Anlässlich des siebzigsten Jahrestags der Novemberpogrome von 1938 möchte ich Sie heute auf einen Text aufmerksam machen, den ich vor einiger Zeit im Internet gefunden habe. Yitzhak Sophoni Herz, der zu dieser Zeit Direktor des jüdischen Waisenhauses in Dinslaken war, hat ihn geschrieben.
At 9:30 A.M. the bell at the main gate rang persistently. I opened the door: about 50 men stormed into the house, many of them with their coat- or jacket-collars turned up. At first they rushed into the dining room, which fortunately was empty, and there they began their work of destruction, which was carried out with the utmost precision.

Herz beschreibt darin mit erstaunlicher Sachlichkeit die Zerstörung des jüdischen Waisenhauses und der Synagoge, also von zwei Gebäuden, von denen ich nicht viel mehr weiß als dass sie dort standen, „wo jetzt die Bohlen-Passage ist“ und „da, wo jetzt die Spielhalle ist“. Und er schreibt über Leute, mit denen ich noch im gleichen Supermarkt eingekauft oder in der gleichen Kirche gesessen haben kann, ohne von ihrer Geschichte zu wissen:
[T]he senior police officer, Freihahn, shouted at us: „Jews do not get protection from us! Vacate the area together with your children as quickly as possible!“ Freihahn then chased us back to a side street in the direction of the backyard of the orphanage. As I was unable to hand over the key of the back gate, the policeman drew his bayonet and forced open the door. I then said to Freihahn: „The best thing is to kill me and the children, then our ordeal will be over quickly!“ The officer responded to my „suggestion“ merely with cynical laughter.
Ich halte solche Schilderungen aus der eigenen Heimatstadt für aussagekräftiger als jede Tabelle mit abstrakten Zahlen. Man beginnt zu begreifen, was da in der Stadt los war, in der man selber 45 Jahre später lebte.
Aber auch wenn Sie noch nie in Dinslaken waren, sei Ihnen „Description of the Riot at Dinslaken“ von Yitzhak Sophoni Herz dringend zur Lektüre empfohlen.
Eine gekürzte deutsche Übersetzung des Textes und weitere Augenzeugenberichte aus jener Nacht in Dinslaken finden Sie auf der Website der Städtepartnerschaft von Dinslaken mit dem israelischen Arad.
Weitere Fakten zur jüdischen Gemeinde in Dinslaken gibt es hier, einen Auszug aus einem Buch des Dinslakener Holocaust-Überlebenden Fred Spiegel können Sie hier lesen.
Das Foto ganz oben zeigt das Mahnmal für die Opfer der Pogromnacht in Dinslaken, geschaffen von Alfred Grimm.
Die Kommentare zu meiner Frisur unter dem Kai-Diekmann-Eintrag haben mich schwer verletzt.
Nee, Quark. Anders: Meine wichtigste Beraterin, sonst für IT-Fragen und Nahrungsaufnahme zuständig, riet mir, mich frisurtechnisch ein wenig zu veränden.
Nee, auch doof. Ich hatte ein Problem: Ich konnte nicht mehr Kaffee trinken, ohne dass ich meine eigenen Haare in der Tasse, im Mund oder irgendwo dazwischen hatte. Es gab also zwei Möglichkeiten: jeden Tag zu Starbucks und coffee to go mit praktischem Trinkstutzen ordern oder zum Friseur gehen. Friseur entspricht drei kleinen Cappuccini.
Es gibt da allerdings noch ein Problem: Friseure und ich sprechen oft nicht dieselbe Sprache, egal woher sie kommen. Vor drei Jahren war ich mal bei einem Fachmann in Bochum, den ich nach dem Befehl „Nachschneiden!“ mit einem gewagten Kurzhaarschnitt verließ, und auch der hippe Mitte-Schnippler, den ich während der re:publica in Berlin aufsuchte, machte irgendwas, nur nicht das, was ich mir so grob vorgestellt hatte. Von Frauen lasse ich mich sowieso äußerst ungern frisieren – woher sollen die denn wissen, wie ein Herrenhaarschnitt zu sitzen hat?
Für alle diese (zugegebenermaßen marginalen) Probleme gibt es eine Lösung: „Salon König“ in Dinslaken. Diese Institution der Haupthaarkorrektur ist das exakte Gegenteil dieser hippen Läden mit lauter Musik, Latte Macchiato und Kopfhautmassage: es ist ein Friseursalon.
Der Laden sieht schon seit Jahrzehnten gleich aus, sogar die Poster mit den aktuellen Modeschnitten hingen schon an der Wand des Herrensalons, als ich dort vor sechzehn, siebzehn Jahren zum ersten Mal zu Gast war. Vor sieben Jahren habe ich Herrn König mal gefragt, wie lange er den Salon schon betreibt und die Antwort war irgendwas um die vierzig Jahre herum. Laut meinem Vater sieht Herr König auch schon so lange so aus: er hat eine angenehme Nicht-Frisur, die einem versichert, beim kompetentesten Friseur der Stadt gelandet zu sein.
Ich nutzte also den Besuch bei meinen Eltern, um auch Herrn König einen solchen abzustatten. Zur Sicherheit hatte ich ein Foto mitgebracht, das mich in einem der raren Momente ansehnlicher Frisierung zeigt. Er guckte kurz drauf und wusste dann genau, was zu tun war. Er fuhr mir einige Male mit einem Kamm durch die Haare, es machte in einer besorgniserregenden Frequenz „Schnippschnippschnipp“ und schon waren weite Teile des Island-Pony verschwunden. Szenefriseure brauchen drei Mal so lange, um quasi nichts zu schneiden.
Der Spruch, wonach man etwas seinem Friseur erzählen solle, zieht bei Herrn König nicht: Smalltalk kann, muss aber nicht. Es ist meistens das Unterhaltsamste, dem zu lauschen, was da so an Gesprächen aus dem Damensalon herüberweht. Dafür ermöglicht es Herrn König seine jahrzehntelange Erfahrung, die Frage, ob man mit der Frisur zufrieden sei, so zu stellen, dass man sich auch mal traut, sie wahrheitsgemäß mit „noch nicht so richtig“ zu beantworten. Er schneidet dann klaglos weiter, bis man wirklich ganz ehrlich zufrieden ist – oder eine Glatze hat.
Ich war aber irgendwann zufrieden. Sehr zufrieden. Es sah wieder (und damit erstmalig seit zwei Jahren) wie eine Frisur aus. Allerdings sah es auch irgendwie nach Liam Gallagher aus, was sich allerdings mit einer anschließenden Dusche und ein bisschen Fingerspitzengefühl lösen ließ.
Und jetzt denken Sie vermutlich: „Boah, Kerle, laber nich! Wie sieht Dein Haarschnitt, über dessen Entstehung Du uns hier einen vom Pferd erzählst, denn jetzt aus?“
Na, so (rechts):

In Dinslaken finden zur Zeit die „DIN-Tage“ statt, das Stadtfest in Dinslaken. Da ich aus gutem Grund nicht in Dinslaken bin, 1 wollte ich mich im Internet bzw. bei den beiden führenden Lokalzeitungsportale der Region, ach was: Deutschlands 2 ein wenig darüber informieren, was im Weltzentrum der Selbstironie so „geht“. 3
Die „Neue Rhein Zeitung“ beantwortet diese Frage mit einer 79-teiligen Bildergalerie, die vor allem durch ihre unkonventionelle Sortierung und eine gewisse Lässigkeit besticht: Hardrock, Shanty- und Kinderchor wechseln sich auf verstörende Weise ab, 4 die sowieso mehr als halbherzige Betextung reißt mittendrin einfach ganz ab.
Natürlich nicht, ohne vorher noch die Grenzen des technisch Machbaren aufgezeigt zu haben:
![]()
Was Achim Ramona dort machte, kann der Leser leider nur erraten. Der Blumenstrauß auf dem dazugehörigen Foto legt allerdings nahe, dass es sich um einen Heiratsantrag gehandelt haben könnte.
Dann folgen wieder Trödel- und Mittelaltermarkt, Kirmes, angeheiterte Herrenrunden und Fragen Sie mich nicht, ich habe keine Ahnung, was das mit den Totenköpfen sein soll in munterer Reihenfolge. Das alles ist zwar etwas wüst und halbgar, 5 aber diese 79 Bilder vom Samstag lassen keinen Zweifel: in Dinslaken herrscht das, was man „Volksfeststimmung“ nennt.
Kommen wir nun zu „RP Online“, bzw. zur Lokalredaktion der „Rheinischen Post“: dort gibt es einen Artikel aus der gestrigen Print-Ausgabe, der auf den Freitag zurückschaut:
Mit dem fairen Kulturcafé und dem Kabarett-Duo „Thekentratsch“ im Burginnenhof sowie einem Senioren-Nachmittag mit Wiener Kaffeehausmusik im Dachstudio starteten gestern die 34. DIN-Tage.
Dazu gibt es einige Fotos 6, die ich hier gerne vollständig und in Originalgröße wiedergeben möchte:

Als wäre man selbst dabeigewesen, nech?
Andererseits will ich nicht meckern: auf der Dinslakener Startseite hat „RP Online“ dann doch noch so einiges an Bildergalerien im Angebot. Zum Beispiel den nur acht Wochen alten Klassiker „Toter in Sack gefunden“.
Nachtrag, 23:28 Uhr: Naja. Zu früh gelobt, irgendwie:
Ich wollte nicht mehr so viel über Dinslaken bloggen. Wirklich, ich wollte mich lösen. Roger Willemsen hatte ja eh alles gesagt.
Aber dann passierte das hier:
Bei einer Inventur stellte die Stadt vor Kurzem fest, dass ein riesiges Kunstwerk, das seit sieben Jahren im Stadtpark mitten in der Stadt hing, verschwunden war. Man ging an die Presse, befürchtete Diebstahl.
Gestern stellte sich heraus: Der Würfel aus Edelstahlrohren war vor grob einem halben Jahr bei einem Unwetter abgestürzt, von den Mitarbeitern der städtischen Entsorgungsbetriebe eingesammelt und sicher weggeschlossen worden. Sogar das Hinweisschild wurde abmontiert. Seit Februar oder März war niemandem das Fehlen des Objekts aufgefallen und auch bei den Entsorgern hatte niemand mehr daran gedacht. Der Moment, als der Chef des Betriebs in der Zeitung von dem verschwundenen Würfel las, muss ein großer gewesen sein.
(Und wie besonders anstrengender und ironischer Lokaljournalismus geht, zeigen Ihnen heute mal die Kollegen von der „NRZ“.)
Für ihre Juni-Ausgabe ihres Magazins hatten mir (und drei anderen Medienschaffenden) die Redakteure des Medienmagazins „Insight“ die Frage „Wie stopfen Sie das Sommerloch? gestellt“
Damals hielt ich folgende Antwort für witzig:

Ich würde die Frage heute anders beantworten.
Unter Bezugnahme auf meinen Eintrag von letzter Woche und nach loser Rücksprache mit mir veröffentlichte die Pressestelle der Stadt Dinslaken am vergangenen Donnerstag folgende Pressemitteilung:
Dinslaken in den Medien
Selbstironie ist gefragt – auch GelassenheitDinslaken/München/Frankfurt. Pünktlich zur Reisezeit erschien kürzlich in der renommierten Süddeutschen Zeitung (SZ) unter „Hippenstocks Strategien“ ein Cartoon: Vor der Rezeption eines offenbar überbuchten Hotels ein Ehepaar mit Koffern. Der Portier dahinter zu den Touristen: „In der ersten Woche teilen Sie Ihr Zimmer mit einem Ehepaar aus Dinslaken – ich denke, deshalb der Rabatt.“
In der aktuellen Ausgabe des Satiremagazins „Titanic“ geht es in einem anderen Cartoon auch um diese Stadt. Der hier geborene Lukas Heinser, derzeit in Bochum wohnend, befürchtet, durch die bundesweit kurz hintereinander verbreiteten Karikaturen sei Dinslaken in der Medienlandschaft offenbar „endgültig irgend so ein hinterwäldlerisches Kaff“ geworden.
Der junge Mann, der in seinem Block (www.coffeeandtv.de) gelegentlich aus und über seine Heimatstadt schreibt, teilte der Stadtpressestelle überdies mit, Wetterexperte Jörg Kachelmann und TV-Plauderer Roger Willemsen hätten sich lästernd über die Stadt im Grünen ausgelassen. Unter anderem soll Willemsen die Star-Sopranistin Sandra Schwarzhaupt gefragt haben, warum sie in New York und nicht zum Beispiel in Dinslaken studiert habe.
Was Jörg Kachelmann, der Intendant der Dinslakener Burghofbühne und ich dazu zu sagen haben, können Sie drüben bei Stefan in den Kommentaren lesen.
Ich warte derweil auf einen Anruf aufgeregter Lokalredakteure, die ein großes Porträt über mich bringen wollen. Ist ja Sommerloch.
PS: Ich bin gar nicht in Dinslaken geboren.
Nachtrag, 9. August: Mehr Selbstreferentialität kann ich wohl …
Die Warenhauskette Hertie hat heute beim Essener Amtsgericht den Insolvenzantrag eingereicht. Was mich als Wirtschaftslaie immer ein bisschen überrascht: Dies geschieht, damit der Betrieb der 73 Warenhäuser der früheren Karstadt-Kompakt-Gruppe (darunter Häuser, die früher schon einmal Hertie hießen, bevor Karstadt Hertie aufgekauft und die Läden umbenannt hatte) aufrechterhalten werden kann. Der englische Mutterkonzern Dawnay Day war in erhebliche Schieflage geraten, weswegen die Zukunft von Hertie keine anderthalb Jahre nach der Umbenennung nun in den Sternen steht.
Die Meldung wird (neben den Angestellten) auch die Stadtoberen von Dinslaken sehr beunruhigen – deren Pläne, ein neues Einkaufszentrum in der Innenstadt zu bauen, fußten nämlich unter anderem auf der vagen Hoffnung, dass Hertie sich am Bau beteiligen würde. Jetzt könnte es passieren, dass es in Dinslaken bald nicht einmal mehr das alte Hertie-Kaufhaus gibt.
Die vielen An- und Verkäufe, Um- und Rückbenennungen bei Karstadt und Hertie sind natürlich unglaublich verwirrend. Als man sich bei „RP Online“ daran machte, „Zehn Fakten über Hertie“ aufzuschreiben (natürlich nicht etwa in einer Liste, sondern in einer verdammten Klickstrecke) schlug das Schicksal unbarmherzig zu:
Um die ganze Tragweite dieser zwei Sätze zu verstehen, müssen Sie zwei Dinge wissen:
Erstens sind die „80 Prozent“ offenbar aus der Wikipedia abgeschrieben – aber leider genau falsch:
Bis Mitte 2007 sollten 80 Prozent des Sortimentes auf andere Zulieferer als die Arcandor AG umgestellt werden.
Und zweitens ist „Arcandor“ seit 2007 der neue Name von … nun ja: Karstadt-Quelle.
Nachtrag, 22:51 Uhr: Aus den „Zehn Fakten zu Hertie“ sind neun „Fakten zu Hertie“ geworden. Wer die Zulieferer sind oder nicht sind, erfährt der Leser jetzt nicht mehr.
Ich habe ja, wie ich schon mehrfach erzählt habe, die ersten zwanzig Jahre meines Lebens in Dinslaken verbracht – nicht durchgängig, aber eben doch „wohnhaft“.
Für Roger Willemsen war „Dinslaken“ eine Zeit lang ein Synonym für „irgend so ein total hinterwäldlerisches Kaff“, und ich erinnere mich, dass er das mindestens zwei Mal in „Willemsens Woche“ unter Beweis stellte: Als Jörg Kachelmann zu Gast war, forderte Willemsen, das Klimaphänomen El Niño möge doch Dinslaken holen, und die Sopranistin Sandra Schwarzhaupt fragte er, warum sie in New York Gesangsunterricht genommen habe und nicht zum Beispiel in Dinslaken.
Jetzt scheint Dinslaken endgültig zum Synonym für „irgend so ein total hinterwäldlerisches Kaff“ geworden zu sein – wie sonst ist es zu erklären, dass der Ortsname innerhalb weniger Wochen gleich in zwei Cartoons führender deutscher Cartoonisten auftauchte?
Den Anfang machten „Hippenstocks Strategen“ in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 5. Juli:

Die Verwendung hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Zeichners Dirk Meissner.
Und in der aktuellen „Titanic“ ist ein zweiseitiger Cartoon von Katz & Goldt, in dem unter anderem folgendes Bild vorkommt:

Die Verwendung hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Comicduos Katz & Goldt.
[unter anderem via meinen Vater]
Nachtrag, 29. Juli: Wie ich gehört habe, soll sich der Intendant des Landestheaters Burghofbühne (aus Dinslaken) bei der Redaktion der „Süddeutschen Zeitung“ über die obere Karikatur beschwert haben.
Nachtrag, 5. August: Wie der Intendant das Landestheaters Burghofbühne sich bei der Redaktion der „Süddeutschen Zeitung“ über die obere Kandidatur beschwert hat (und wie man in München darauf reagierte) steht heute in der Lokalausgabe der „Rheinischen Post“.