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Musik

Deutschland, Deine Backstageräume (1)

Heu­te: Dins­la­ken, Stadt­hal­le

Wolf Maahn Libero Tour 95/96 - Aftershow

Halb zehn, sagt die zusammengegaffate Bühnenuhr

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Das ästhetische Wiesel

Ich kom­me im Moment nicht so recht zum Blog­gen, was ein biss­chen mit dem übli­chen Weih­nachts­stress zu tun hat, 1 ein biss­chen mit neu­en und alten Jobs, ein biss­chen mit Zahn­arzt- 2 und Fri­seur­be­su­chen, 3 ein biss­chen hier­mit und damit – und ein biss­chen auch mit einer Erkäl­tung, die in Sachen Rück­zug und Wie­der­kehr offen­sicht­lich in paki­sta­ni­schen Ter­ror­camps aus­ge­bil­det wur­de.

Na gut: das sind alles halb­her­zi­ge Ent­schul­di­gun­gen.

Ich möch­te Ihnen trotz­dem einen wei­te­ren Favo­ri­ten bei der Wahl zur „Über­schrift des Jah­res“ vor­stel­len. Die heu­ti­ge head­line ent­stammt der Lokal­re­dak­ti­on der NRZ in Dins­la­ken und wur­de im – für kunst­vol­le Über­schrif­ten bekann­ten – Por­tal „Der Wes­ten“ ver­öf­fent­licht:

Aale senden Signale

Die heu­ti­ge Über­schrift ist bei Chris­ti­an Mor­gen­stern geklaut.

  1. Es war ein grau­sa­mer Moment, als ich fest­stell­te, das es zwar noch sie­ben Tage bis Weih­nach­ten sind, aber nur drei­ein­halb Werk­ta­ge.[]
  2. Mei­ne Kran­ken­ver­si­che­rung erwar­tet von mir, dass ich ein­mal im Jahr zur Vor­sor­ge­un­ter­su­chung gehe. Dies geschieht meist am letz­ten mög­li­chen Ter­min.[]
  3. Herr König sagt, vor Weih­nach­ten kämen sie alle noch mal vor­bei, vom Opa bis zum Enkel, weil nie­mand von der Fami­lie hören wol­le, wie unge­pflegt man aus­se­he.[]
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Digital Leben

Zettel-Traum

Tho­mas schrieb in den Kom­men­ta­ren zum Bei­trag über mein selbst­ge­mal­tes Schild im Trep­pen­haus:

Ein­fach noch einen Zet­tel schrei­ben. Mit Recht­schreib­feh­lern, mehr Unter­strei­chun­gen und WICHTIGEN WÖRTERN IN GROSSBUCHSTABEN!!!!! So ähn­lich wie die Zet­tel am Dins­la­ke­ner Bahn­hof bit­te.

Damit konn­ten Sie als Nicht-Dins­la­ke­ner ver­mut­lich wenig anfan­gen.

Das macht aber nichts, denn es gibt ein wun­der­ba­res Blog, das die geheim­nis­vol­len Zet­tel am Dins­la­ke­ner Bahn­hof minu­ti­ös doku­men­tiert. Seit andert­halb Jah­ren foto­gra­fiert und kom­men­tiert der mir unbe­kann­te Blog­ger alle neu­en Bot­schaf­ten, die man am Bahn­steig und in der Ein­gangs­hal­le lesen kann.

Mein bis­he­ri­ges Lieb­lings­mo­tiv:

Verbot!! Wer besitzt die Unverschämtheit und bringt von zu Hause Mülltüten hier mit und wirft diese in die Behälter der DB? Nur für Reiseabfall. Benutzen Sie zu Hause für Ihren Müll. Ihre Restmülltonne.

Aber nicht nur die Expo­na­te selbst sind sen­sa­tio­nell, auch die dazu­ge­hö­ri­gen Kom­men­ta­re sor­gen immer wie­der für Lacher.

So wie die­ser hier:

Was auf den ers­ten Blick wie ein altes, bekann­tes Hin­weis­schild­chen aus­schaut, ent­puppt sich bei genau­er Betrach­tung als ein Hin­weis­schild­chen der vier­ten oder fünf­ten Gene­ra­ti­on. Immer wie­der neu muss hier also mit Hil­fe von Freund Tesa­film für den frei­en Zugang zum Abfall­be­häl­ter gekämpft wer­den.

Hin­ter die­sen omi­nö­sen Zet­teln steckt ver­mut­lich Man­fred Rei­ners, ein Rent­ner, der sich seit eini­gen Jah­ren ehren­amt­lich um den ansons­ten völ­lig her­un­ter­ge­kom­me­nen Dins­la­ke­ner Bahn­hof küm­mert und es damit immer­hin schon zu Erwäh­nun­gen im Lokal­teil der „Rhei­ni­schen Post“, in der „Wirt­schafts­wo­che“ und beim WDR gebracht hat.

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Politik Digital

Barack Obamas schlimme Folgen für die Weltpolitik

„Was kön­nen wir vom Wahl­kampf von Barack Oba­ma ler­nen?“ hat­te ein Dele­gier­ter auf dem Grü­nen­par­tei­tag den zu die­sem Zeit­punkt noch desi­gnier­ten Par­tei­vor­sit­zen­den Cem Özd­emir gefragt. Özd­emir ant­wor­te­te irgend­was Klu­ges, Abwar­ten­des, von wegen das sol­le man jetzt nicht alles nach­ma­chen und man müs­se auch mal sehen und so …

„Ist eine Inter­net-Kam­pa­gne wie die von Barack Oba­ma auch in Deutsch­land mög­lich?“ hat­te Mar­kus Becke­dahl schon kurz nach Oba­mas Wahl­sieg gefragt und sowohl eine kur­ze („Ja und Nein“), als auch eine lan­ge Ant­wort dar­auf gege­ben.

Aber wie das immer so ist: auf beson­ne­ne Poli­ti­ker hören genau­so vie­le Per­so­nen, wie läng­li­che Blog-Ein­trä­ge lesen – also kaum einer. Und so kommt es, dass die zwei­te bis drei­ßigs­te Rei­he (so vie­le Sitz­rei­hen hat das Bochu­mer Ruhr­sta­di­on, viel­leicht bie­tet jemand mehr) der Poli­ti­ker jetzt vor den Fett­näp­fen Schlan­ge steht, um auf eine neue Lis­te zu kom­men.

Sie heißt:
„Yes, may­be we could try to, but come to think of it: we defi­ni­te­ly can’t“

Los ging es mit die­sem Meis­ter­werk:

Yes we can -  Klausurtagug der SPD Havixbeck

[via Jens]

Eine wei­te­re gewag­te Kom­bi­na­ti­on aus Slo­gan und miss­glück­ter deut­scher Spra­che fand ich dann bei Face­book:

Wir machen's: Mit Heiko Maas, muss einer neuer Mann an die Spitze der saarländischen Landesregierung. Unterstützt Heiko Maas für Gute Arbeit, Faire Chancen und Neue Energie im Saarland.

Und den fina­len Aus­lö­ser, die Num­mer von einer Twit­ter-Serie zu einer Blog-Serie zu machen (hof­fent­lich nicht), fand ich dann im Dins­la­ke­ner Lokal­teil der „Rhei­ni­schen Post“:

Dinslaken: 
Köse dreht Wansing-Wahlspot. Dinslaken (RP) Reportage am Montag "Wansing on Ice" hieß es am Sonntagmittag in der Dinslakener Eishalle. Dort drehte CDU-Bürgermeisterkandidat Heinz Wansing gemeinsam mit Regisseur Adnan Köse seinen Wahlwerbespot.

Der auf­stre­ben­de Lokal­po­li­ti­ker Heinz Wan­sing hat sich vom Dins­la­ke­ner Regis­seur Adnan Köse („Lauf um Dein Leben – Vom Jun­kie zum Iron­man“) über­re­den las­sen, einen Wahl­wer­be­spot zu dre­hen, der ab Janu­ar als zehn­mi­nü­ti­ge Ver­si­on auf sei­ner Home­page und spä­ter als Zwei­mi­nü­ter in der Dins­la­ke­ner Licht­burg lau­fen soll.

Die „RP“ zitiert den Regis­seur wie folgt:

Man muss die neu­en Medi­en nut­zen. Mir gefällt sei­ne Hal­tung und ich will mit dem Film errei­chen, dass neben dem Poli­ti­ker und Ver­wal­tungs­fach­mann auch der pri­va­te, der Mensch Heinz Wan­sing fokus­siert wird.

Und wenn Sie jetzt fra­gen: „Ja, was sol­len die armen deut­schen Poli­ti­ker denn jetzt machen, ohne dass Ihr Inter­net-Jung­spun­de Euch immer über deren Unbe­hol­fen­heit lus­tig macht?“, dann ant­wor­te ich mit mei­ner glo­cken­klars­ten Engels­stim­me, die sonst für Fami­li­en­be­su­che und mei­nen Bank­be­ra­ter reser­viert ist: „Poli­tik!“

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Politik Gesellschaft

„Mit größter Präzision“

Mahnmal in Dinslaken, geschaffen von Alfred Grimm

Zu den ganz gro­ßen Rät­seln der Mensch­heits­ge­schich­te, die einem den Glau­ben an Zufäl­le eini­ger­ma­ßen madig machen, zählt der 9. Novem­ber. Zu dem Umstand, dass so vie­le wich­ti­ge Ereig­nis­se an jenem 9.11., dem „Schick­sals­tag der Deut­schen“, statt­fan­den (wobei die Ereig­nis­se von 1923 und 1938 natür­lich auf die von 1918 auf­bau­ten), kommt auch noch hin­zu, dass die ame­ri­ka­ni­sche Schreib­wei­se des 11. Sep­tem­bers „9/​11“ lau­tet. Dar­über haben sich über­haupt noch nicht genug Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker Gedan­ken gemacht.

Anläss­lich des sieb­zigs­ten Jah­res­tags der Novem­ber­po­gro­me von 1938 möch­te ich Sie heu­te auf einen Text auf­merk­sam machen, den ich vor eini­ger Zeit im Inter­net gefun­den habe. Yitz­hak Sopho­ni Herz, der zu die­ser Zeit Direk­tor des jüdi­schen Wai­sen­hau­ses in Dins­la­ken war, hat ihn geschrie­ben.

At 9:30 A.M. the bell at the main gate rang per­sis­t­ent­ly. I ope­ned the door: about 50 men stor­med into the house, many of them with their coat- or jacket-col­lars tur­ned up. At first they rus­hed into the dining room, which for­t­u­na­te­ly was emp­ty, and the­re they began their work of des­truc­tion, which was car­ri­ed out with the utmost pre­cis­i­on.

Hier errichteten 1885 die Juden unserer Stadt ein Waisenhaus. Bis zur Zerstörung durch die Naziverbrecher wurden hier jüdische Vollwaisen betreut.

Herz beschreibt dar­in mit erstaun­li­cher Sach­lich­keit die Zer­stö­rung des jüdi­schen Wai­sen­hau­ses und der Syn­ago­ge, also von zwei Gebäu­den, von denen ich nicht viel mehr weiß als dass sie dort stan­den, „wo jetzt die Boh­len-Pas­sa­ge ist“ und „da, wo jetzt die Spiel­hal­le ist“. Und er schreibt über Leu­te, mit denen ich noch im glei­chen Super­markt ein­ge­kauft oder in der glei­chen Kir­che geses­sen haben kann, ohne von ihrer Geschich­te zu wis­sen:

[T]he seni­or poli­ce offi­cer, Frei­hahn, shou­ted at us: „Jews do not get pro­tec­tion from us! Vaca­te the area tog­e­ther with your child­ren as quick­ly as pos­si­ble!“ Frei­hahn then cha­sed us back to a side street in the direc­tion of the back­yard of the orpha­na­ge. As I was unable to hand over the key of the back gate, the poli­ce­man drew his bayo­net and forced open the door. I then said to Frei­hahn: „The best thing is to kill me and the child­ren, then our ordeal will be over quick­ly!“ The offi­cer respon­ded to my „sug­ges­ti­on“ mere­ly with cyni­cal laugh­ter.

Der frühere Standort der Synagoge in DinslakenIch hal­te sol­che Schil­de­run­gen aus der eige­nen Hei­mat­stadt für aus­sa­ge­kräf­ti­ger als jede Tabel­le mit abs­trak­ten Zah­len. Man beginnt zu begrei­fen, was da in der Stadt los war, in der man sel­ber 45 Jah­re spä­ter leb­te.

Aber auch wenn Sie noch nie in Dins­la­ken waren, sei Ihnen „Descrip­ti­on of the Riot at Dins­la­ken“ von Yitz­hak Sopho­ni Herz drin­gend zur Lek­tü­re emp­foh­len.

Eine gekürz­te deut­sche Über­set­zung des Tex­tes und wei­te­re Augen­zeu­gen­be­rich­te aus jener Nacht in Dins­la­ken fin­den Sie auf der Web­site der Städ­te­part­ner­schaft von Dins­la­ken mit dem israe­li­schen Arad.

Wei­te­re Fak­ten zur jüdi­schen Gemein­de in Dins­la­ken gibt es hier, einen Aus­zug aus einem Buch des Dins­la­ke­ner Holo­caust-Über­le­ben­den Fred Spie­gel kön­nen Sie hier lesen.

Das Foto ganz oben zeigt das Mahn­mal für die Opfer der Pogrom­nacht in Dins­la­ken, geschaf­fen von Alfred Grimm.

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Leben

The World Was A Mess But His Hair Was Perfect

Die Kom­men­ta­re zu mei­ner Fri­sur unter dem Kai-Diek­mann-Ein­trag haben mich schwer ver­letzt.

Nee, Quark. Anders: Mei­ne wich­tigs­te Bera­te­rin, sonst für IT-Fra­gen und Nah­rungs­auf­nah­me zustän­dig, riet mir, mich fris­ur­tech­nisch ein wenig zu ver­än­den.

Nee, auch doof. Ich hat­te ein Pro­blem: Ich konn­te nicht mehr Kaf­fee trin­ken, ohne dass ich mei­ne eige­nen Haa­re in der Tas­se, im Mund oder irgend­wo dazwi­schen hat­te. Es gab also zwei Mög­lich­kei­ten: jeden Tag zu Star­bucks und cof­fee to go mit prak­ti­schem Trink­stut­zen ordern oder zum Fri­seur gehen. Fri­seur ent­spricht drei klei­nen Cap­puc­ci­ni.

Es gibt da aller­dings noch ein Pro­blem: Fri­seu­re und ich spre­chen oft nicht die­sel­be Spra­che, egal woher sie kom­men. Vor drei Jah­ren war ich mal bei einem Fach­mann in Bochum, den ich nach dem Befehl „Nach­schnei­den!“ mit einem gewag­ten Kurz­haar­schnitt ver­ließ, und auch der hip­pe Mit­te-Schnipp­ler, den ich wäh­rend der re:publica in Ber­lin auf­such­te, mach­te irgend­was, nur nicht das, was ich mir so grob vor­ge­stellt hat­te. Von Frau­en las­se ich mich sowie­so äußerst ungern fri­sie­ren – woher sol­len die denn wis­sen, wie ein Her­ren­haar­schnitt zu sit­zen hat?

Für alle die­se (zuge­ge­be­ner­ma­ßen mar­gi­na­len) Pro­ble­me gibt es eine Lösung: „Salon König“ in Dins­la­ken. Die­se Insti­tu­ti­on der Haupt­haarkor­rek­tur ist das exak­te Gegen­teil die­ser hip­pen Läden mit lau­ter Musik, Lat­te Mac­chia­to und Kopf­haut­mas­sa­ge: es ist ein Fri­seur­sa­lon.

Der Laden sieht schon seit Jahr­zehn­ten gleich aus, sogar die Pos­ter mit den aktu­el­len Mode­schnit­ten hin­gen schon an der Wand des Her­ren­sa­lons, als ich dort vor sech­zehn, sieb­zehn Jah­ren zum ers­ten Mal zu Gast war. Vor sie­ben Jah­ren habe ich Herrn König mal gefragt, wie lan­ge er den Salon schon betreibt und die Ant­wort war irgend­was um die vier­zig Jah­re her­um. Laut mei­nem Vater sieht Herr König auch schon so lan­ge so aus: er hat eine ange­neh­me Nicht-Fri­sur, die einem ver­si­chert, beim kom­pe­ten­tes­ten Fri­seur der Stadt gelan­det zu sein.

Ich nutz­te also den Besuch bei mei­nen Eltern, um auch Herrn König einen sol­chen abzu­stat­ten. Zur Sicher­heit hat­te ich ein Foto mit­ge­bracht, das mich in einem der raren Momen­te ansehn­li­cher Fri­sie­rung zeigt. Er guck­te kurz drauf und wuss­te dann genau, was zu tun war. Er fuhr mir eini­ge Male mit einem Kamm durch die Haa­re, es mach­te in einer besorg­nis­er­re­gen­den Fre­quenz „Schnipp­schnipp­schnipp“ und schon waren wei­te Tei­le des Island-Pony ver­schwun­den. Sze­ne­fri­seu­re brau­chen drei Mal so lan­ge, um qua­si nichts zu schnei­den.

Der Spruch, wonach man etwas sei­nem Fri­seur erzäh­len sol­le, zieht bei Herrn König nicht: Small­talk kann, muss aber nicht. Es ist meis­tens das Unter­halt­sams­te, dem zu lau­schen, was da so an Gesprä­chen aus dem Damen­sa­lon her­über­weht. Dafür ermög­licht es Herrn König sei­ne jahr­zehn­te­lan­ge Erfah­rung, die Fra­ge, ob man mit der Fri­sur zufrie­den sei, so zu stel­len, dass man sich auch mal traut, sie wahr­heits­ge­mäß mit „noch nicht so rich­tig“ zu beant­wor­ten. Er schnei­det dann klag­los wei­ter, bis man wirk­lich ganz ehr­lich zufrie­den ist – oder eine Glat­ze hat.

Ich war aber irgend­wann zufrie­den. Sehr zufrie­den. Es sah wie­der (und damit erst­ma­lig seit zwei Jah­ren) wie eine Fri­sur aus. Aller­dings sah es auch irgend­wie nach Liam Gal­lag­her aus, was sich aller­dings mit einer anschlie­ßen­den Dusche und ein biss­chen Fin­ger­spit­zen­ge­fühl lösen ließ.

Und jetzt den­ken Sie ver­mut­lich: „Boah, Ker­le, laber nich! Wie sieht Dein Haar­schnitt, über des­sen Ent­ste­hung Du uns hier einen vom Pferd erzählst, denn jetzt aus?“

Na, so (rechts):

Haarschnitt: Vorher Haarschnitt: Nachher

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Digital

Überraschende Klickstreckenverweigerung

In Dins­la­ken fin­den zur Zeit die „DIN-Tage“ statt, das Stadt­fest in Dins­la­ken. Da ich aus gutem Grund nicht in Dins­la­ken bin, 1 woll­te ich mich im Inter­net bzw. bei den bei­den füh­ren­den Lokal­zei­tungs­por­ta­le der Regi­on, ach was: Deutsch­lands 2 ein wenig dar­über infor­mie­ren, was im Welt­zen­trum der Selbst­iro­nie so „geht“. 3

Die „Neue Rhein Zei­tung“ beant­wor­tet die­se Fra­ge mit einer 79-teil­i­gen Bil­der­ga­le­rie, die vor allem durch ihre unkon­ven­tio­nel­le Sor­tie­rung und eine gewis­se Läs­sig­keit besticht: Hard­rock, Shan­ty- und Kin­der­chor wech­seln sich auf ver­stö­ren­de Wei­se ab, 4 die sowie­so mehr als halb­her­zi­ge Betex­t­ung reißt mit­ten­drin ein­fach ganz ab.

Natür­lich nicht, ohne vor­her noch die Gren­zen des tech­nisch Mach­ba­ren auf­ge­zeigt zu haben:

Din Tage 2008 , Achim [...] machte seiner großen Liebe, Ramona [...] auf der Bühne am Neutorplatz Foto:Heinz Kunkel Honorarpflichtig

Was Achim Ramo­na dort mach­te, kann der Leser lei­der nur erra­ten. Der Blu­men­strauß auf dem dazu­ge­hö­ri­gen Foto legt aller­dings nahe, dass es sich um einen Hei­rats­an­trag gehan­delt haben könn­te.

Dann fol­gen wie­der Trö­del- und Mit­tel­al­ter­markt, Kir­mes, ange­hei­ter­te Her­ren­run­den und Fra­gen Sie mich nicht, ich habe kei­ne Ahnung, was das mit den Toten­köp­fen sein soll in mun­te­rer Rei­hen­fol­ge. Das alles ist zwar etwas wüst und halb­gar, 5 aber die­se 79 Bil­der vom Sams­tag las­sen kei­nen Zwei­fel: in Dins­la­ken herrscht das, was man „Volks­fest­stim­mung“ nennt.

Kom­men wir nun zu „RP Online“, bzw. zur Lokal­re­dak­ti­on der „Rhei­ni­schen Post“: dort gibt es einen Arti­kel aus der gest­ri­gen Print-Aus­ga­be, der auf den Frei­tag zurück­schaut:

Mit dem fai­ren Kul­tur­ca­fé und dem Kaba­rett-Duo „The­ken­tratsch“ im Burg­in­nen­hof sowie einem Senio­ren-Nach­mit­tag mit Wie­ner Kaf­fee­haus­mu­sik im Dach­stu­dio star­te­ten ges­tern die 34. DIN-Tage.

Dazu gibt es eini­ge Fotos 6, die ich hier ger­ne voll­stän­dig und in Ori­gi­nal­grö­ße wie­der­ge­ben möch­te:

Im Dachstudio gab es Kaffeehaus-Atmosphäre und Operettenmelodien. Im Kulturcafé gab es fair gehandelten Kaffee und Kuchen. Luftballons statt Fassanstich: Auf dem Altmarkt ließen Kinder gestern zur DIN-Tage-Eröffnung mit Bürgermeisterin Sabine Weiss bunte Luftballons mit ihren Wünschen für das Wochenende in Richtung Himmel fliegen. RP-Fotos (3): Kazur

Als wäre man selbst dabei­ge­we­sen, nech?

Ande­rer­seits will ich nicht meckern: auf der Dins­la­ke­ner Start­sei­te hat „RP Online“ dann doch noch so eini­ges an Bil­der­ga­le­rien im Ange­bot. Zum Bei­spiel den nur acht Wochen alten Klas­si­ker „Toter in Sack gefun­den“.

Nach­trag, 23:28 Uhr: Naja. Zu früh gelobt, irgend­wie:

  1. Dort fin­den näm­lich zur Zeit die „DIN-Tage“ statt – außer­dem bin ich da eh schon oft genug.[]
  2. Der Welt![]
  3. i.e. Wie vie­le Jugend­li­che wur­den bereits mit Alko­hol­ver­gif­tung in die ört­li­chen Kran­ken­häu­ser ver­bracht? Wer hat die tra­di­tio­nel­le Teckel­zucht­schau auf dem Schul­hof mei­nes frü­he­ren Gym­na­si­ums gewon­nen? Fin­de ich pein­li­che Fotos von jeman­dem, den ich ken­nen könnte/​sollte?[]
  4. Ich kann das lei­der nicht direkt ver­lin­ken, in die­ser Bezie­hung liegt der „Wes­ten“ weit hin­ter „RP Online“ zurück.[]
  5. „Nicht schön, aber sel­ten“, wie mei­ne Mut­ter sagen wür­de.[]
  6. Noch mal zur Erin­ne­rung: Wir spre­chen von „RP Online“![]
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Leben

Alea iacta est

Ich woll­te nicht mehr so viel über Dins­la­ken blog­gen. Wirk­lich, ich woll­te mich lösen. Roger Wil­lem­sen hat­te ja eh alles gesagt.

Aber dann pas­sier­te das hier:

Bei einer Inven­tur stell­te die Stadt vor Kur­zem fest, dass ein rie­si­ges Kunst­werk, das seit sie­ben Jah­ren im Stadt­park mit­ten in der Stadt hing, ver­schwun­den war. Man ging an die Pres­se, befürch­te­te Dieb­stahl.

Ges­tern stell­te sich her­aus: Der Wür­fel aus Edel­stahl­roh­ren war vor grob einem hal­ben Jahr bei einem Unwet­ter abge­stürzt, von den Mit­ar­bei­tern der städ­ti­schen Ent­sor­gungs­be­trie­be ein­ge­sam­melt und sicher weg­ge­schlos­sen wor­den. Sogar das Hin­weis­schild wur­de abmon­tiert. Seit Febru­ar oder März war nie­man­dem das Feh­len des Objekts auf­ge­fal­len und auch bei den Ent­sor­gern hat­te nie­mand mehr dar­an gedacht. Der Moment, als der Chef des Betriebs in der Zei­tung von dem ver­schwun­de­nen Wür­fel las, muss ein gro­ßer gewe­sen sein.

(Und wie beson­ders anstren­gen­der und iro­ni­scher Lokal­jour­na­lis­mus geht, zei­gen Ihnen heu­te mal die Kol­le­gen von der „NRZ“.)

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Die ungelegten Blues-Eier des Milchkaffee-Gedächtnisses

Wer auch immer den Sack mit den Stil­blü­ten in der Dins­la­ke­ner Lokal­re­dak­ti­on der „Rhei­ni­schen Post“ ver­ges­sen hat: er soll­te ihn schleu­nigst abho­len!

Der Umzug des Stadtarchivs ins Johannahaus hätte sicher Charme. Die historische Bedeutung des Gemäuers, das noch dazu im Herzen der Altstadt und in unmittelbarere Nähe zum städtischen Museum Voswinckelshof liegt, passte hervorragend für die Unterbringung des „städtischen Gedächtnisses“. Doch noch handelt es sich bei dieser Lösung um ein völlig ungelegtes Ei.

 Dinslaken (RP) Tango schmeckt nach Sommer und duftet nach bitter-süßem Milchkaffee, zumindest wenn „Quadro Nuevo“ ihn spielen. Bei der Fantastival-Jazznacht im Burginnenhof lud das Quartett zu einer sinnlichen Reise durch Europa ein.  In Polen hat die Sonne den Blues. Sie ist müde, und so schwermütig, dass der anschließende Spaziergang durch die engen Gassen Neapels im beinahe verklungenen Italien der 20er Jahre geradezu verträumt daher kommt, federleicht, warm, zärtlich.

Dis­clo­sure: Genau dort habe ich mei­ne ers­ten jour­na­lis­ti­schen Geh­ver­su­che unter­nom­men.

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Digital

Mehr Selbstreferentialität kann ich nicht

Für ihre Juni-Aus­ga­be ihres Maga­zins hat­ten mir (und drei ande­ren Medi­en­schaf­fen­den) die Redak­teu­re des Medi­en­ma­ga­zins „Insight“ die Fra­ge „Wie stop­fen Sie das Som­mer­loch? gestellt“

Damals hielt ich fol­gen­de Ant­wort für wit­zig:

Da ich viel über Medien schreibe, gibt es bei mir kein Sommerloch. Die zahlreichen "lustigen" Reportagen und Schalten, mit denen Zuschauer und Leser so qequält werden, bieten genug Stoff bis September. Und falls ich doch ein Sommerloch verspüre, erzähle ich einfach dem nächsten Reporter, ich hätte einen Pottwal im Baggerloch gesehen, und warte ab.

Ich wür­de die Fra­ge heu­te anders beant­wor­ten.

Unter Bezug­nah­me auf mei­nen Ein­trag von letz­ter Woche und nach loser Rück­spra­che mit mir ver­öf­fent­lich­te die Pres­se­stel­le der Stadt Dins­la­ken am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag fol­gen­de Pres­se­mit­tei­lung:

Dins­la­ken in den Medi­en
Selbst­iro­nie ist gefragt – auch Gelas­sen­heit

Dinslaken/​München/​Frankfurt. Pünkt­lich zur Rei­se­zeit erschien kürz­lich in der renom­mier­ten Süd­deut­schen Zei­tung (SZ) unter „Hip­pen­stocks Stra­te­gien“ ein Car­toon: Vor der Rezep­ti­on eines offen­bar über­buch­ten Hotels ein Ehe­paar mit Kof­fern. Der Por­tier dahin­ter zu den Tou­ris­ten: „In der ers­ten Woche tei­len Sie Ihr Zim­mer mit einem Ehe­paar aus Dins­la­ken – ich den­ke, des­halb der Rabatt.“

In der aktu­el­len Aus­ga­be des Sati­re­ma­ga­zins „Tita­nic“ geht es in einem ande­ren Car­toon auch um die­se Stadt. Der hier gebo­re­ne Lukas Hein­ser, der­zeit in Bochum woh­nend, befürch­tet, durch die bun­des­weit kurz hin­ter­ein­an­der ver­brei­te­ten Kari­ka­tu­ren sei Dins­la­ken in der Medi­en­land­schaft offen­bar „end­gül­tig irgend so ein hin­ter­wäld­le­ri­sches Kaff“ gewor­den.

Der jun­ge Mann, der in sei­nem Block (www.coffeeandtv.de) gele­gent­lich aus und über sei­ne Hei­mat­stadt schreibt, teil­te der Stadt­pres­se­stel­le über­dies mit, Wet­ter­ex­per­te Jörg Kachelm­ann und TV-Plau­de­rer Roger Wil­lem­sen hät­ten sich läs­ternd über die Stadt im Grü­nen aus­ge­las­sen. Unter ande­rem soll Wil­lem­sen die Star-Sopra­nis­tin San­dra Schwarz­haupt gefragt haben, war­um sie in New York und nicht zum Bei­spiel in Dins­la­ken stu­diert habe.

Was Jörg Kachelm­ann, der Inten­dant der Dins­la­ke­ner Burg­hof­büh­ne und ich dazu zu sagen haben, kön­nen Sie drü­ben bei Ste­fan in den Kom­men­ta­ren lesen.

Ich war­te der­weil auf einen Anruf auf­ge­reg­ter Lokal­re­dak­teu­re, die ein gro­ßes Por­trät über mich brin­gen wol­len. Ist ja Som­mer­loch.

PS: Ich bin gar nicht in Dins­la­ken gebo­ren.

Nach­trag, 9. August: Mehr Selbst­re­fe­ren­tia­li­tät kann ich wohl

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Digital Gesellschaft

Sommerschlussverkauf mal anders

Die Waren­haus­ket­te Her­tie hat heu­te beim Esse­ner Amts­ge­richt den Insol­venz­an­trag ein­ge­reicht. Was mich als Wirt­schafts­laie immer ein biss­chen über­rascht: Dies geschieht, damit der Betrieb der 73 Waren­häu­ser der frü­he­ren Kar­stadt-Kom­pakt-Grup­pe (dar­un­ter Häu­ser, die frü­her schon ein­mal Her­tie hie­ßen, bevor Kar­stadt Her­tie auf­ge­kauft und die Läden umbe­nannt hat­te) auf­recht­erhal­ten wer­den kann. Der eng­li­sche Mut­ter­kon­zern Dawnay Day war in erheb­li­che Schief­la­ge gera­ten, wes­we­gen die Zukunft von Her­tie kei­ne andert­halb Jah­re nach der Umbe­nen­nung nun in den Ster­nen steht.

Die Mel­dung wird (neben den Ange­stell­ten) auch die Stadt­obe­ren von Dins­la­ken sehr beun­ru­hi­gen – deren Plä­ne, ein neu­es Ein­kaufs­zen­trum in der Innen­stadt zu bau­en, fuß­ten näm­lich unter ande­rem auf der vagen Hoff­nung, dass Her­tie sich am Bau betei­li­gen wür­de. Jetzt könn­te es pas­sie­ren, dass es in Dins­la­ken bald nicht ein­mal mehr das alte Her­tie-Kauf­haus gibt.

Die vie­len An- und Ver­käu­fe, Um- und Rück­be­nen­nun­gen bei Kar­stadt und Her­tie sind natür­lich unglaub­lich ver­wir­rend. Als man sich bei „RP Online“ dar­an mach­te, „Zehn Fak­ten über Her­tie“ auf­zu­schrei­ben (natür­lich nicht etwa in einer Lis­te, son­dern in einer ver­damm­ten Klick­stre­cke) schlug das Schick­sal unbarm­her­zig zu:

Die Zulieferung der Waren vom Karstadt-Quelle-Konzern hat Hertie nach und anch eingestellt. Heute kommen 80 Prozent der Waren von der Arcandor AG

Um die gan­ze Trag­wei­te die­ser zwei Sät­ze zu ver­ste­hen, müs­sen Sie zwei Din­ge wis­sen:
Ers­tens sind die „80 Pro­zent“ offen­bar aus der Wiki­pe­dia abge­schrie­ben – aber lei­der genau falsch:

Bis Mit­te 2007 soll­ten 80 Pro­zent des Sor­ti­men­tes auf ande­re Zulie­fe­rer als die Arcan­dor AG umge­stellt wer­den.

Und zwei­tens ist „Arcan­dor“ seit 2007 der neue Name von … nun ja: Kar­stadt-Quel­le.

Nach­trag, 22:51 Uhr: Aus den „Zehn Fak­ten zu Her­tie“ sind neun „Fak­ten zu Her­tie“ gewor­den. Wer die Zulie­fe­rer sind oder nicht sind, erfährt der Leser jetzt nicht mehr.

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Mit „D“ wie „Provinz“

Ich habe ja, wie ich schon mehr­fach erzählt habe, die ers­ten zwan­zig Jah­re mei­nes Lebens in Dins­la­ken ver­bracht – nicht durch­gän­gig, aber eben doch „wohn­haft“.

Für Roger Wil­lem­sen war „Dins­la­ken“ eine Zeit lang ein Syn­onym für „irgend so ein total hin­ter­wäld­le­ri­sches Kaff“, und ich erin­ne­re mich, dass er das min­des­tens zwei Mal in „Wil­lem­sens Woche“ unter Beweis stell­te: Als Jörg Kachelm­ann zu Gast war, for­der­te Wil­lem­sen, das Kli­ma­phä­no­men El Niño möge doch Dins­la­ken holen, und die Sopra­nis­tin San­dra Schwarz­haupt frag­te er, war­um sie in New York Gesangs­un­ter­richt genom­men habe und nicht zum Bei­spiel in Dins­la­ken.

Jetzt scheint Dins­la­ken end­gül­tig zum Syn­onym für „irgend so ein total hin­ter­wäld­le­ri­sches Kaff“ gewor­den zu sein – wie sonst ist es zu erklä­ren, dass der Orts­na­me inner­halb weni­ger Wochen gleich in zwei Car­toons füh­ren­der deut­scher Car­too­nis­ten auf­tauch­te?

Den Anfang mach­ten „Hip­pen­stocks Stra­te­gen“ in der „Süd­deut­schen Zei­tung“ vom 5. Juli:

"In der ersten Woche teilen Sie Ihr Zimmer mit einem Ehepaar aus Dinslaken - ich denke deshalb der Rabatt"

Die Ver­wen­dung hier erfolgt mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Zeich­ners Dirk Meiss­ner.

Und in der aktu­el­len „Tita­nic“ ist ein zwei­sei­ti­ger Car­toon von Katz & Goldt, in dem unter ande­rem fol­gen­des Bild vor­kommt:

"Ach je, in Dinslaken regnet's"

Die Ver­wen­dung hier erfolgt mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Comic­du­os Katz & Goldt.

[unter ande­rem via mei­nen Vater]

Nach­trag, 29. Juli: Wie ich gehört habe, soll sich der Inten­dant des Lan­des­thea­ters Burg­hof­büh­ne (aus Dins­la­ken) bei der Redak­ti­on der „Süd­deut­schen Zei­tung“ über die obe­re Kari­ka­tur beschwert haben.

Nach­trag, 5. August: Wie der Inten­dant das Lan­des­thea­ters Burg­hof­büh­ne sich bei der Redak­ti­on der „Süd­deut­schen Zei­tung“ über die obe­re Kan­di­da­tur beschwert hat (und wie man in Mün­chen dar­auf reagier­te) steht heu­te in der Lokal­aus­ga­be der „Rhei­ni­schen Post“.