The World Was A Mess But His Hair Was Perfect

Von Lukas Heinser, 19. September 2008 19:31

Die Kommentare zu meiner Frisur unter dem Kai-Diekmann-Eintrag haben mich schwer verletzt.

Nee, Quark. Anders: Meine wichtigste Beraterin, sonst für IT-Fragen und Nahrungsaufnahme zuständig, riet mir, mich frisurtechnisch ein wenig zu veränden.

Nee, auch doof. Ich hatte ein Problem: Ich konnte nicht mehr Kaffee trinken, ohne dass ich meine eigenen Haare in der Tasse, im Mund oder irgendwo dazwischen hatte. Es gab also zwei Möglichkeiten: jeden Tag zu Starbucks und coffee to go mit praktischem Trinkstutzen ordern oder zum Friseur gehen. Friseur entspricht drei kleinen Cappuccini.

Es gibt da allerdings noch ein Problem: Friseure und ich sprechen oft nicht dieselbe Sprache, egal woher sie kommen. Vor drei Jahren war ich mal bei einem Fachmann in Bochum, den ich nach dem Befehl „Nachschneiden!“ mit einem gewagten Kurzhaarschnitt verließ, und auch der hippe Mitte-Schnippler, den ich während der re:publica in Berlin aufsuchte, machte irgendwas, nur nicht das, was ich mir so grob vorgestellt hatte. Von Frauen lasse ich mich sowieso äußerst ungern frisieren — woher sollen die denn wissen, wie ein Herrenhaarschnitt zu sitzen hat?

Für alle diese (zugegebenermaßen marginalen) Probleme gibt es eine Lösung: „Salon König“ in Dinslaken. Diese Institution der Haupthaarkorrektur ist das exakte Gegenteil dieser hippen Läden mit lauter Musik, Latte Macchiato und Kopfhautmassage: es ist ein Friseursalon.

Der Laden sieht schon seit Jahrzehnten gleich aus, sogar die Poster mit den aktuellen Modeschnitten hingen schon an der Wand des Herrensalons, als ich dort vor sechzehn, siebzehn Jahren zum ersten Mal zu Gast war. Vor sieben Jahren habe ich Herrn König mal gefragt, wie lange er den Salon schon betreibt und die Antwort war irgendwas um die vierzig Jahre herum. Laut meinem Vater sieht Herr König auch schon so lange so aus: er hat eine angenehme Nicht-Frisur, die einem versichert, beim kompetentesten Friseur der Stadt gelandet zu sein.

Ich nutzte also den Besuch bei meinen Eltern, um auch Herrn König einen solchen abzustatten. Zur Sicherheit hatte ich ein Foto mitgebracht, das mich in einem der raren Momente ansehnlicher Frisierung zeigt. Er guckte kurz drauf und wusste dann genau, was zu tun war. Er fuhr mir einige Male mit einem Kamm durch die Haare, es machte in einer besorgniserregenden Frequenz „Schnippschnippschnipp“ und schon waren weite Teile des Island-Pony verschwunden. Szenefriseure brauchen drei Mal so lange, um quasi nichts zu schneiden.

Der Spruch, wonach man etwas seinem Friseur erzählen solle, zieht bei Herrn König nicht: Smalltalk kann, muss aber nicht. Es ist meistens das Unterhaltsamste, dem zu lauschen, was da so an Gesprächen aus dem Damensalon herüberweht. Dafür ermöglicht es Herrn König seine jahrzehntelange Erfahrung, die Frage, ob man mit der Frisur zufrieden sei, so zu stellen, dass man sich auch mal traut, sie wahrheitsgemäß mit „noch nicht so richtig“ zu beantworten. Er schneidet dann klaglos weiter, bis man wirklich ganz ehrlich zufrieden ist — oder eine Glatze hat.

Ich war aber irgendwann zufrieden. Sehr zufrieden. Es sah wieder (und damit erstmalig seit zwei Jahren) wie eine Frisur aus. Allerdings sah es auch irgendwie nach Liam Gallagher aus, was sich allerdings mit einer anschließenden Dusche und ein bisschen Fingerspitzengefühl lösen ließ.

Und jetzt denken Sie vermutlich: „Boah, Kerle, laber nich! Wie sieht Dein Haarschnitt, über dessen Entstehung Du uns hier einen vom Pferd erzählst, denn jetzt aus?“

Na, so (rechts):

Haarschnitt: Vorher Haarschnitt: Nachher

28 Kommentare

  1. Johannes
    19. September 2008, 19:36

    Hast du dir zusätzlich auch noch die Haare gefärbt oder sind das die ersten grauen Haare? ;)

  2. meistermochi
    19. September 2008, 19:59

    mal ehrlich: zufrieden?

  3. der nils
    19. September 2008, 20:09

    und ich bin also doch nicht der einzige, der des „friseusischen“ nicht mächtig ist…

    daher gilt bei mir auch irgendwie: „wo man schon immer hingegangen ist, wird am besten geschnitten.“

  4. Felix
    19. September 2008, 20:28

    „Frech“ würden wohl die Dorf-Friseure bei uns dazu sagen.

    Vielleicht ist ja hier irgendwas für dich dabei, wenn du mal nicht mehr weiter weißt:

    http://musikmitte.blogspot.com.....uchen.html

  5. Sebastian
    19. September 2008, 22:20

    Es gibt auch noch eine Steigerung von „frech“ auf friseusisch: „Irgendwie frech“.

    Friseur ist für mich so schlimm wie Zahnarzt, 2 mal im Jahr trau ich mich aber hin.

  6. der andere niels
    19. September 2008, 22:26

    Ich schneide selbst seit ein paar Monaten, aber das sieht dann eher dalailamamäßig aus.

  7. MainP
    19. September 2008, 22:30

  8. MainP
    19. September 2008, 22:31

    Okay, im Kommentar hiervor sollte eigentlich das Bild erscheinen.

  9. Philip S.
    19. September 2008, 23:29

    Hum also in Mitte zu irgendeinem Friseur zu gehen ist natürlich genauso wie zu irgendeinem Friseur uffem Dorf.

    Also manche Frisuren kann man da gleich selbst schneiden <.<

  10. Lukas
    19. September 2008, 23:34

    mal ehrlich: zufrieden?

    Wenn sie trocken runterfallen, sehe ich aus wie eine alte, lesbische Frau. Aber da kann man ja („Ein bisschen Gel, ein bisschen Spray?“, wie Herr König fragen würde) nachhelfen.

  11. David
    19. September 2008, 23:37

    Gibts schläge wenn ich jetzt schreibe, dass ich´s vorher besser fand ? ;-)

    Habe selber auch so meine (negativ)Erfahrungen mit FriseurInnen gemacht – gehe bzw. ging seit ich Haare aufm Kopf habe/hatte auch immer zur selben. Seit Anfang diesen Jahres habe ich aber ein Riesenproblem. Als ob es nicht schon reichen würden, dass ich seit einem Jahr nicht mehr in derselben Stadt wohne wie meine Stammfriseurin. Nein. Jetzt ist meine Lieblingsfriseurin auch noch umgezogen und selbst mit nem Tagesausflug zu meinen Eltern nicht mehr zu verbinden. Die übriggebliebenen in dem Laden verstehen mich nicht (habe alle 5-6 „durchprobiert“)… Stehe also, neben der (inzwischen erfolgreich abgeschlossenen) Berufswahl, vor einer der offenbar größten Herausfordeungen meines gerade einmal 20-Jährigen Lebens – der Wahl eines neuen Friseurs meines Vertrauens…

    Was ich eigentlich wissen wollte. Wer kennt denn nen tollen Friseur in Köln?

  12. Hobelbruder
    20. September 2008, 6:29

    Mal ehrlich: An der Frisur lags nicht. Kleinstes Problem und so…

  13. SvenR
    20. September 2008, 11:11

    Frisörgeschichten – super!

    Ich schäme mich ein bisschen, dass ich das überhaupt thematisiert habe, aber mit dem Ergebnis (lesenswerter Blogeintrag plus sehenswertes Gesicht wieder sichtbar) bin ich sehr zufrieden.

    Ich selbst gehe jetzt seit 24 Jahren zum gleichen Friseur, nur unterbrochen durch meine Bundeswehrzeit und kurz danach. Da wollte ich mir die Haare lang wachsen lassen. Nach 3 Monaten habe ich aber kapituliert und wieder alles kurz schneiden lassen. Jetzt gehe ich ziemlich genau alle vier Wochen. Das hat den Vorteil, dass ich mir nie so vorkomme, als ob ich mal wieder dringend zum Frisör müsste und hinterher ich nicht von allen Kollegen, Bekannten und Freunden „Ach, warste ma‘ wieder beim Frisör“ anhören muss.

    Ich bin jetzt in einem Alter, wo die grauen Haare langsam Oberhand gewinnen. Und mehr werden es auch nicht mehr, wobei eigentlich nur die Geheimratsecken wirklich ein wenig gewachsen sind. Wenn man das immer schön kurz hält und das von einem gescheiten Frisör geschnitten wird, sieht man bei weitem nicht so alt und verbraucht aus. Es gibt nichts schlimmeres, als Männer mit ergrautem Resthaar, was vor sechs Monaten kurz geschnitten wurde!

    Mein Frisör wäscht, kopfmassiert, schneidet, fönt, schäumt, rasiert und gelt immer so eine knappe Stunde an mir herum. Jedes einzelne Haar wird durchschnittlich zweimal geschnitten. Es werden mindestens drei verschiedene Scheren, Maschine und das Messer eingesetzt. Jedes mal ist es anders. Nur ein bisschen, aber dadurch wird es auch nicht langweilig.

    Letztes Jahr war ich auf einer Hochzeit am Comer See eingeladen, ganz in der Nähe von George Clooneys Hause (wie mir mein Frisör berichtete). Daraufhin schnitt er es „genauso“ wie in Ocean’s 13. Gut, ich bin gut 10 cm kleiner, knapp 10 Jahre jünger und genau 10 Kilo schwerer (das ist zu meinen Gunsten gelogen) als George, aber unser Grauwert ist schon ähnlich.

    Außerdem erfahre ich immer das Neueste von (oder über) zwei Schulfreunden, mit denen ich wenig Kontakt habe, weil deren Väter zu seinem Vater kommen.

    Merkt man, dass ich gerne zum Frisör gehe?

  14. Felix
    20. September 2008, 12:23

    Ich war gestern auch wieder da. Aber irgendwie sind die immer alle so tierisch unkommunikativ, dass denen noch nicht mal langweiliger Wetter-Smalltalk über die Lippen geht.
    Ich verwikel sie dann immer in etwas anspruchsvollere Diskussionen und erheitere mich an ihrer nicht ganz von der Hand zu weisenden Inkompetenz. Aber sie werden ja fürs Schneiden bezahlt. Nicht fürs Reden.

  15. sub
    20. September 2008, 13:34

    @David

    Köln, seine Friseure und ich… never ending story, enttäuschend noch dazu – mehr für mich als für die diversen Künstler, denen man ja immer versichert, man habe sich das *genau* so vorgestellt, nur um nachher doch wieder mit Mütze rumzulaufen…

    bis, ja bis ER in mein Leben trat: Der Laden „Haarlust“ auf der Luxemburger… nachdem ich mich einmal überwunden hatte, mich nicht von der, äh, merkwürdigen „bekannt aus RTL-Serien und Big Brother“-Werbung im Schaufenster abschrecken zulassen, war es die beste Kölner Frisurenerfahrung.

  16. Jeeves
    20. September 2008, 13:38

    Tipp: zu einem türkischen Friseur gehen. Und zwar in einer un-schicken, also in einer ganz normalen Gegend. Zum Beispiel Erkan & Tarkan (o.s.ä.) in Berlin-Lankwitz, neben Woolworth („Lankwitz-Kirche“, kennt jeder Berliner Taxifahrer). Einmal Haarschneiden: 10 Euros. Getränk umsonst. Besonderer kostenloser Service: Man fackelt auch die Haare in den Ohren ab.

    Mit Dank an Max Goldt.

  17. Andreas
    20. September 2008, 14:27

    Ich habe noch eine Steigerung von „frech“:

    „pfiffig“.

    Und das Gallagherige, das hättste wohl gern… ;-)

  18. Floeckchen
    20. September 2008, 15:56

    Vorher sahs besser aus =)

  19. David
    20. September 2008, 17:58

    @Sub,

    mich haben gerade die ganzen Herzen auf deren Internetseite und der um 10€ teuere Preis im Vergleich zu meinem aktuellen – den ich bislang schon immer für Teuer gehalten habe (also im Vergleich zu den ganzen 5Euro-Läden) – etwas „abgeschreckt“ ;)

    Aber danke für den Tipp, werd den Laden mal ausprobieren… Gibts ne Empfehlung zu wem am besten? Kleine Anmerkung – ich Rede bein Friseur äußerst ungern – also zumindest ungern über belangloses Zeug :)

    Grüße und Danke

  20. SvenR
    20. September 2008, 20:28

    Ich zahle vierundzwanzigfünfzig. Ich sage immer vierfünfzig für den Haarschnitt und zwanzig für die neuesten Infos.

    Meine Frau war heute morgen da gewesen. Ihre Verwandlung ist größer als Deine, Lukas.

    Leider habe ich dadurch erfahren, dass es meinem Freund in München schlecht geht. Seine Freundin – nachdem er die letzten 10 Jahre nur häufig wechselnde Geschlechtspartnerinnen hatte endlich mal was festes, solides, gutes, nettes – hat Krebs im Endstadium. Mit 41 hat sie noch drei bis sechs Monate vor sich. Und er weiß nicht, wie er damit umgehen soll. Ich habe gerade mit ihm telefoniert. Und mit ihm geheult. Jetzt gehe ich meinen jüngsten wickeln, vielleicht lächelt er mich ja an, dann kann ich bestimmt heute Nacht doch noch schlafen. Hoffentlich.

  21. baddiel
    21. September 2008, 17:39

    Zitate raten:

    The World Was A Mess But His Hair Was Perfect
    The Rakes

    „Boah, Kerle…“
    Neulich den kleinen Bruder von Regener gelesen?!

  22. Matthias Sch.
    21. September 2008, 22:27

    supergeiler Beitrag, YMMD :-)

  23. Lukas
    21. September 2008, 22:33

    Zitate raten:

    The World Was A Mess But His Hair Was Perfect
    The Rakes

    “Boah, Kerle…”
    Neulich den kleinen Bruder von Regener gelesen?!

    Männer Blogger sind so vorhersehbar popkulturgeschädigt.

    Wichtige Zusatzinformation: Der Herrenhaarschnitt im „Salon König“ kostet seit Einführung der (aktuellen) Währung 10 Euro.

  24. Daniel
    21. September 2008, 22:40

    Lukas, Liam Gallagher ist Dir jetzt schon wieder einen Schritt voraus: Voila.

    (Früher hätte man das wohl „Pilzkopf“ genannt, aber heute heißt es scheinbar „Die Puddingschüssel“. Auch nicht schlecht.)

  25. Lukas
    21. September 2008, 22:44

    Ich will doch gar nicht wie Liam aussehen!!!1 Allenfalls wie Noel, aber selbst das muss nicht sein.

  26. bingobongoausm
    22. September 2008, 20:02

    läuft.

  27. Stefan
    25. September 2008, 14:30

    Und ich dachte immer, nur ich bin derjenige der einen Friseurbesuch mit dem eines Zahnarztbesuchs vergleicht…
    Mit letzterem habe ich allerdings überhaupt keine Probleme.

    Übrigens finde ich auch, dass es vorher besser war, aber vielleicht liegts ja auch am Fotografen ;)

    Vielleicht kann ja auch mal jemand nen Wörterbuch Friseur-Mann (oder -Blogger oder …) rausbringen; ich würde zumindest mal reinschauen!

  28. Coffee And TV: » Das ästhetische Wiesel
    20. Dezember 2008, 14:01

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