Am Anschlag auf Charlie Hebdo und die Pressefreiheit führt auch bei uns kein Weg dran vorbei: Wir diskutieren, was Satire darf, und fragen uns, wie man Salafist wird, während Lucky überraschend sein Mitgefühl für Karnevalisten entdeckt.
Über einen Umweg nach Wien gelangen wir nach Griechenland und zur Geldmaschine Olympische Spiele.
Fred hält einen Nachruf auf Altbundespräsident Richard von Weizsäcker und Lucky freut sich auf die Oberbürgermeisterwahl in Bochum.
Als ich kürzlich bei meinen Eltern zu Besuch war, habe ich aus dem Kleiderschrank meines ehemaligen Jugendzimmers zwei popkulturelle Raritäten mitgenommen.
Da hätten wir zum Einen ein froschgrünes T‑Shirt in XXL – eine Größe, die ich vermutlich nie ausfüllen werde, wenn ich mir meine männlichen Vorfahren so anschaue:
Es ist das einzige Stück offizielles Merchandise, das je von etwas erschienen ist, an dem ich beteiligt war: Als wir im Dezember 2000 mit unserer „Punkband“ Zuchtschau das erste offizielle Konzert spielten, hatte das Kulturamt der Stadt Dinslaken im Vorfeld nicht nur einen Sampler mit den beteiligten Bands produzieren lassen, sondern auch größere Mengen dieses flippigen Kleidungsstücks in Auftrag gegeben. Ich bin mir nicht ganz sicher, was weniger Absatz fand.
Das andere T‑Shirt ist noch ein paar Monate älter und noch obskurer:
Als die Smashing Pumpkins im Herbst 2000 auf ihre Abschiedstour gingen (nur, damit Billy Corgan die Band sechs Jahre später mit neuem Personal wiederbeleben konnte), war ich beim Konzert in Oberhausen dabei.
Im Nachhinein nehme ich an, dass es sich bei dem damals von mir am Wegesrand erworbenen T‑Shirt nicht um ein Originalprodukt gehandelt haben könnte. Schließlich gab es die „Zero“-Shirts sonst nur in schwarz und meines Wissens auch nicht mit aktuellen Tourdaten.
Dafür kann mein Exemplar mit ein paar ganz besonderen Schreibweisen aufwarten, die mir seitdem das Leben und den Wortschatz versüßt haben:
Mein Onkel Thomas, der seit 27 Jahren in San Francisco, CA lebt und dort als Fotograf arbeitet, hat vergangenes Wochenende seine Ausstellung „Blickwinkel“ eröffnet, die ich Ihnen auch dann ans Herz legen würde, wenn ich nicht mit dem Künstler verwandt wäre. Zu sehen ist diese Werkschau im Museum Voswinckelshof in Dinslaken, wo wir beide aufgewachsen sind.1 Bei der Eröffnung, bei der das Museum fast aus allen Nähten platzte, sprach die stellvertretende Bürgermeisterin ein Grußwort, in dem sie Thomas Heinser in eine Reihe mit berühmten Ex-Dinslakenern wie Ulrich Deppendorf (Leiter des ARD-Hauptstadtstudios), Udo Di Fabio (Richter am Bundesverfassungsgericht) und Andreas Deja (Chefzeichner bei Disney) stellte. Dinslaken, so erklärte sie, sei „natürlich“ zu klein für die wirklich großen Geister, die die Stadt deswegen für die Metropolen dieser Welt verlassen, aber stets gerne in ihre alte Heimat zurückkehren würden.2
In der Migrationstheorie unterscheidet man zwischen Pull- und Pushfaktoren, wenn es die Menschen aus einer Region in eine andere zieht bzw. treibt. Pullfaktoren für sogenannte Kreative sind etwa Kunsthochschulen und Jobs in Agenturen, die sie in die großen Kulturmetropolen ziehen. Ein Pushfaktor von Dinslaken wäre zum Beispiel Dinslaken.
Im Herbst 2011 eröffnete in einem Ladenlokal in der Dinslakener Innenstadt, das zuvor unter anderem eine Espressobar und ein Schuhgeschäft beherbergt hatte, die Gaststätte Victor Hugo. Ein paar junge Männer, die Dinslaken merkwürdigerweise nicht verlassen hatten, hatten ihre Ersparnisse zusammengeschmissen und eröffneten ohne Unterstützung von Brauereien, Vereinen oder Stadtverwaltung einen Laden, der mehr sein sollte als nur Kneipe: Mit Lesungen, Akustikkonzerten, Pub Quizzes und Poetry Slams sollte ein bisschen studentische Kultur Einzug halten in eine Stadt, deren einzige Verbindung zu Universitäten sonst der Bahnhof ist.
Zur Eröffnung warben die Macher des Victor Hugo mit einem Zitat ihres Namenspatrons: „Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ Die konkrete Idee war vielleicht nicht revolutionär, aber gut, die Zeit war sicherlich gekommen, aber der Ort war definitiv der falsche – zumindest der konkrete.
Von Anfang an gab es Ärger mit den Nachbarn bzw. wenn ich das richtig verstanden habe: mit exakt einem, der sich von den jungen Menschen, die plötzlich auch nach dem Hochklappen der Bürgersteige um 18.30 Uhr in die Dinslakener Innenstadt kamen, um das Victor Hugo zu besuchen. Es ging, wohlgemerkt, nicht um betrunkene Horden, die um 3 Uhr morgens unter dem Abschmettern unflätiger Lieder durch die engen Gassen in der Nähe des Marktplatzes zogen, sondern um weitgehend vernünftige junge Erwachsene, die in gemütlichem Ambiente gemeinsam ein paar Getränke nehmen, sich unterhalten, ein paar Brettspiele spielen oder ein wenig Kultur konsumieren wollten. Gut, einige von ihnen wollten auch vor der Tür rauchen, denn das „Hugo“ war von Anfang an eines der ganz wenigen Nichtraucherlokale Dinslakens. Aber das verlief, soweit ich gehört und bei eigenen Besuchen auch selbst festgestellt habe, in völlig geordneten Bahnen. Oder: In Bahnen, die normale denkende Menschen als „völlig geordnet“ bezeichnen würden.
Im Theodor-Heuss-Gymnasium, das nicht weit vom Victor Hugo steht und wo viele bedeutende Dinslakener (aber auch ich) ihr Abitur gemacht haben, gibt es eine Tafel mit einem Ausspruch des ersten Bundespräsidenten: „Die äußere Freiheit der Vielen lebt aus der inneren Freiheit des Einzelnen.“ Mit ein bisschen Biegen und Brechen kriegt man den Satz auch ex negativo gebildet – oder man schreibt ihn gleich in Schillers „Wilhelm Tell“ ab: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.“
Die Beschwerden gegen das Victor Hugo häuften sich (in Dinslaken entspricht das rund 30 Anrufen bei der Polizei in anderthalb Jahren) und das Ordnungsamt musste tätig werden und ein Bußgeldverfahren gegen die Betreiber einleiten. Die versprachen, in Zukunft für mehr Ruhe zu sorgen, aber es kam schnell, wie es kommen musste: via Facebook erklärten sie gestern das Aus zum 30. April.
Michael Blatt hat das viel zu schnelle Ende des Victor Hugo auf coolibri.de sehr passend eingeordnet:
Für Dinslaken ist das Aus der Bar ein Desaster. Nicht, weil Tag für Tag hunderte von Gäste in die mit viel Liebe zum Detail gestaltete und als Hobby betriebene Kneipe strömten. Das war auch gar nicht der Anspruch. Aber das Hugo war ein Argument, die Stadt nach der Schule nicht fluchtartig zu verlassen und erst mit der Geburt des ersten Kindes wieder zurückzukehren. Von diesen Argumenten hat Dinslaken seit Jahrzehnten nicht sehr viele. Zwischen Konzerten im ND-Jugendzentrum und Vorträgen der Marke „Der vorgeschichtliche Einbaum aus dem Lippedeich bei Gartrop-Bühl“ (am 5. März im Dachstudio der VHS) klafft eine altersbedingte Lücke.
Und die Stadt verliert damit binnen kurzer Zeit die zweite Anlaufstelle für Jugendliche: Erst Ende 2012 hatte der legendäre Jägerhof seine Pforten geschlossen. Der mehr als renovierungsbedürftige Musicclub, in dem sich schon unsere Elterngeneration zum sogenannten Schwoof getroffen hatte, lag zwar nicht in der Innenstadt, aber direkt am Autobahnzubringer, weswegen vor seinen Türen immer wieder Besucher in schwere Verkehrsunfälle verwickelt wurden. Im vergangenen März kam schließlich ein 19-Jähriger ums Leben. Die Betreiber öffneten den Laden am nächsten Abend wie gehabt und sahen sich anschließend mit Pietätlosigkeitsvorwürfen, sinkenden Besucherzahlen und ausbleibenden Einnahmen konfrontiert.
Auch wenn ich vom Jägerhof gerne als „Dorfdisco“ und von den verbliebenen jungen Dinslakenern als „Dorfjugend“ spreche, darf man nicht vergessen, dass Dinslaken mit seinen knapp 70.000 Einwohnern3 anderswo als Mittelzentrum durchginge. Soest, zum Beispiel, hat mehr als 20.000 Einwohner weniger, liegt aber vergleichsweise einsam in der Börde rum und hat deshalb ein relativ normales Einzelhandels- und Kulturangebot.4 Dinslaken liegt am Rande des Ruhrgebiets: Duisburg und Oberhausen sind gleich vor der Tür, Mülheim, Essen, Bochum und Düsseldorf maximal eine Dreiviertelstunde mit dem Auto entfernt. Das einzige Kaufhaus der Stadt hat vor Jahren geschlossen und wurde kürzlich abgerissen. Wenn alles gut geht,5 wird dort irgendwann ein Einkaufszentrum stehen und Dinslaken wird endlich seinen eigenen H&M haben. Streng genommen bräuchte es den nicht mal, weil selbst die Teenager die Stadt mit dem Regionalexpress zum Shoppen verlassen, sobald sie genug Taschengeld beisammen haben.
Was bleibt, sind tatsächlich die alten Menschen, die schlecht zu Fuß sind und schon immer in der Stadt gelebt haben. Aber auch denen geht es schlecht, weil der einzige Supermarkt, den es in der Innenstadt noch gibt, immer kurz vor der Schließung steht. Wenn der Wortvogel fragt, ob man Städte eigentlich „entgründen“ könne, ist das für Dinslaken vielleicht noch keine akute Problematik, aber es sieht aus, als hätte man in der Stadt vorsichtshalber schon mal damit angefangen.
Andererseits ist es kein neues Phänomen, dass die Dinslakener nichts mit ihrer Stadt anzufangen wissen: Bereits im Jahr 1959 beschrieb der „Spiegel“ die Versuche, zu Ehren des designierten Bundespräsidenten Heinrich Lübke, der bis dahin Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Dinslaken-Rees gewesen war, ein rauschendes Fest auszurichten. Es endete damals so:
Nach solcherlei Bekundungen wurde Heinrich Lübke in einem Pferdewagen von zwei Rappen durch die Straßen in Richtung Dinslaken gezogen. Nur wenige nahmen Notiz von dem Mann, der ihnen in quer über die Straße gespannten Transparenten als der „neue Bundespräsident“ angekündigt worden war.
Auf der Freilichtbühne des Burgtheaters begann das eigentliche Fest, das Lübke ersehnt hatte. Irritiert ließ er die Huldigung des Dinslakener Industriellen Meyer über sich ergehen, der ihn mit „Herr Bundespräsident“ begrüßte und ihm als Mitglied des Adenauer-Kabinetts dankte, daß dank seiner Interventionen kein Truppenübungsplatz im Dinslakener Kreis eingerichtet worden sei.
Wenn ich Menschen aus dem Ausland erklären soll, wo ich herkomme, höre ich mich immer noch viel zu oft mit „near Cologne“ antworten. Bei den meisten Amerikanern kann man ja froh sein, wenn sie davon mal gehört haben. Briten hingegen kennen, so sie denn minimal fußballinteressiert sind, natürlich Dortmund und Schalke, manchmal sogar Bochum. Die „Ruhr Area“ allerdings ist eher was für Leute, die im Erdkundeunterricht gut aufgepasst haben, aber so würden eh nur die Wenigsten über ihre Heimat sprechen.
Das Verhältnis der „Ruhris“ zum Ruhrgebiet ist ein zutiefst ambivalentes: Eine unheilvolle Mischung aus Lokalpatriotismus und Selbstverachtung, aus Stolz und Skepsis, Traditionsbewusstsein und Wurzellosigkeit führt dazu, dass sich im fünftgrößten Ballungsraum Europas niemand zuhause fühlt. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht erst ganz langsam, Jahrzehnte nach der Blütezeit der Ruhrindustrie und auch recht widerwillig.
Konrad Lischka und Frank Patalong stammen auch aus dem Ruhrgebiet. Lischka ist 32 und in Essen aufgewachsen, Ptalaong 48 und aus Duisburg-Walsum. Heute arbeiten beide bei „Spiegel Online“ in Hamburg, aber sie haben ein Buch geschrieben über die „wunderbare Welt des Ruhrpotts“: „Dat Schönste am Wein is dat Pilsken danach“.
Der Altersunterschied der beiden und ihre unterschiedliche Herkunft (Lischka kam mit seinen Eltern aus Polen ins Ruhrgebiet, Patalong ist Kind einer Arbeiterfamilie) machen den besonderen Reiz des Buches aus, denn ihre Hintergründe sind gerade unterschiedlich genug, um fast das ganze Ruhrgebiet an sich zu charakterisieren. Lischka ist (wie ich auch) ohne nennenswerte Schwerindustrie vor Augen aufgewachsen, bei Patalong konnte man die Wäsche traditionell nicht draußen trocknen lassen, weil sie dann schwarz geworden wäre. Sie beschreiben eine Region, die binnen kürzester Zeit von Menschen aus halb Europa besiedelt wurde, die jetzt alle in ihren eilig hochgezogenen Siedlungen hocken und feststellen, dass die Goldgräberzeit lange vorbei ist. Für die meisten endet die Welt immer noch an der Stadtteilgrenze, wofür Lischka das wunderschöne Wort „Lokalstpatriotismus“ ersonnen hat. Entschuldigung, ich komm aus Eppinghoven, was soll ich da mit jemandem aus Hiesfeld?1
Das Buch ist geprägt von der so typischen Hassliebe der Ruhrgebietseinwohner zu ihrer … nun ja: Heimat, zusammengefasst im Ausspruch „Woanders is‘ auch scheiße“. Menschen, die sich gottweißwas darauf einbilden, aus einer bestimmten Stadt zu stammen oder dort wenigstens „angekommen“ zu sein, findet man vielleicht in Düsseldorf, München oder Hamburg, aber nicht im Ruhrgebiet. Wir sind nur froh, wenn man uns nicht mit Dingen wie einem „Kulturhauptstadtjahr“ behelligt, und packen alle Möchtegern-Hipster mit Röhrenjeans, asymetrischem Haarschnitt und Jutebeutel in den nächsten ICE nach Berlin. Hier bitte keine Szene, hier bitte überhaupt nichts, Danke!2
Ich fürchte, dass das Buch für Menschen, die keinerlei Verbindung zum Ruhrgebiet haben, deshalb in etwa so interessant ist wie eines über das Paarungsverhalten peruanischer Waldameisen. Es muss von einer völlig fremden Welt erzählen, in der Kinder auf qualmende Abraumhalden klettern, die Leute eine Art Blutpudding essen, der Panhas heißt, und in der eine Sprache gesprochen wird, die im Rest der Republik einfach als „falsches Deutsch“ durchgeht.
Aber wer von hier „wech kommt“, der wird an vielen Stellen „ja, genau!“ rufen – oder sich wundern, dass er die Gegend, in der er aufgewachsen ist, so ganz anders wahrgenommen hat, denn auch das ist typisch Ruhrgebiet. Frank Patalong erklärt an einer Stelle, welcher Ort im Ruhrgebiet bei ihm immer ein Gefühl von Nachhausekommen auslöst, und obwohl ich da noch nie drüber nachgedacht habe, bin ich in diesem Moment voll bei ihm: Auf der Berliner Brücke, der „Nord-Süd-Achse“, auf der die A 59 die Ruhr, den Rhein-Herne-Kanal und den Duisburger Hafen überspannt. Wenn wir früher aus dem Holland-Urlaub kamen, war dies der Ort, an dem wir wussten, dass wir bald wieder zuhause sind, und auch heute ist das auf dem Weg von Bochum nach Dinslaken der Punkt, wo ich meine Erwachsenenwelt des Ruhrgebiets verlasse und in die Kindheitswelt des Niederrheins zurückkehre.
Lischka und Patalong verklären nichts, sie sind mitunter für meinen Geschmack ein bisschen zu kritisch mit ihrer alten Heimat, aber dabei sprechen sie Punkte an, die mir als immer noch hier Lebendem in der Form wohl nie aufgefallen wären. Zum Beispiel das ständige Schimpfen auf „die da oben“, das bei den hiesigen Lokalpolitikern leider zu mindestens 80% berechtigt ist, das aber auch zu einer gewissen Kultur- und Intellektuellenfeindlichkeit geführt hat. Die Zeiten, in denen man sich als Arbeiterkind in seiner alten Umgebung rechtfertigen musste, weil man zur Uni ging, dürften vorbei sein, aber ein Blick in die Kommentare unter einem beliebigen Artikel beim Lokalrumpelportal „Der Westen“ zeigt, dass Museen, Bibliotheken oder Theater zumindest für einige Einwohner des Ruhrgebiets immer noch „überflüssiger Schnickschnack“ sind.
Und während ich darüber nachdenke, dass die Arbeiter in Liverpool, Detroit oder New Jersey irgendwie sehr viel mehr für ihren Stolz berühmt sind und dann teilweise auch noch Bruce Springsteen haben, fällt mir auf, dass ich zumindest selbst natürlich wahnsinnig stolz bin auf diese Gegend. Ja, das, was an unseren Städten mal schön war, ist seit Weltkrieg und Wiederaufbau überwiegend weg, aber wir haben wahnsinnig viel Grün in den Städten3, ein schönes Umland und das beste Bier. Genau genommen isses hier gar nicht scheiße, sondern eigentlich nur woanders.
Und selbst wenn wir Ruhris innerlich ziemlich zerrissene Charaktere sind, die in ihren hässlichen Kleinstädten unterschiedlicher Größe stehen und gucken, wie aus den Ruinen unserer goldenen Vergangenheit irgendetwas neues entsteht: Es tut gut zu sehen, dass wir dabei nicht alleine sind. Willkommen im Pott!
Beides sind Stadtteile von Dinslaken, was schon in Köln keiner mehr kennt. [↩]
Verzeihung, ich bin da etwas vom Thema abgekommen. Aber ich wohne in einem sogenannten „Szeneviertel“ und werde da schnell emotional. [↩]
Im Buch verweist Lischka auf das sogenannte „Pantoffelgrün“, ein Wort, das außer ihm und dem Pressesprecher der Stadt Dinslaken glaube ich nie jemand verwendet hat. [↩]
Es ist womöglich schon mal an der einen oder anderen Stelle angeklungen, dass ich 20 Jahre meines Lebens in einer Stadt verbracht habe, die Dinslaken heißt.
Das lässt sich jetzt nicht mehr ändern, aber ich kann natürlich versuchen, daraus irgendwie Kapital zu schlagen. Deswegen habe ich, als wir fürs Duslog in Düsseldorf waren, Stefan Niggemeier einfach mal kurz nach Dinslaken geschleift und ihm meine alte Heimat gezeigt.
Herausgekommen ist ein etwas spezieller Imagefilm, der bald bei der Dinslakener Stadtinformation käuflich zu erwerben sein wird:
Am Sonntagabend ist die Dinslakener McDonald’s‑Filliale bei einem Brand schwer beschädigt worden.
Die „Rheinische Post“ berichtet vom Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei:
Das gesamte Gewerbegebiet Mitte, indem sich das Schnellraustarant (sic) befindet, wurde in der Zeit von 22.15 bis 0.45 Uhr von Polizisten abgesperrt, um zu verhindern, dass die Löscharbeiten von Schaulustigen behindet (sic) werden.
Das mit der Absperrung scheint nur mittelgut geklappt zu haben. Oder der Fotograf, der für „RP Online“ die 14-teilige Bildergalerie „Hier brennt ein McDonald’s ab“ fotografiert hat, hatte ein sehr, sehr starkes Teleobjektiv dabei.
Sie werden es vermutlich nicht mitbekommen haben und auch die speziellsten Special-Interest-Webseiten schweigen sich zu dem Thema aus, aber heute ist ein ganz besonderer Tag: Der erste öffentliche Auftritt der Band Zuchtschau jährt sich zum zehnten Mal.
Sie werden über diese Band nichts finden, denn damals war das Internet durchaus noch vergesslich, aber es ist ein guter Moment, aus dem Schatten der Anonymität heraus zu treten und zu sagen: Ich war Teil von Zuchtschau.
Die recht kurze und in weiten Teilen ereignislose Geschichte dieser Band begann im Januar 2000 auf dem Schulhof eines Dinslakener Gymnasiums. Matthias, ein langjähriger Schulfreund von mir, plante mit zwei Schülern aus der Stufe über uns, gemeinsam eine Band zu gründen. Nur ein Schlagzeuger fehlte ihnen noch. Da ich von meinem siebten bis zum dreizehnten Lebensjahr Schlagzeugunterricht bekommen hatte und man sowas ja bestimmt nicht verlernt, bot ich mich an. Am darauf folgenden Freitag fand die erste Probe im Keller des legendären ND-Jugendzentrums statt.
Ich wollte gerne eine Band gründen, die nach Ben Folds Five klang, aber danach sah es nicht aus: Wir hatten nicht nur keinen Pianisten, sondern auch keinen Basser. Matthias und Thomas würden Gitarre spielen, Sebastian singen. Unser Saxophonist (!) war nur bei wenigen Proben dabei. Auch vom Genre her musste ich Kompromisse eingehen, denn Thomas und Sebastian wollten eine Punkband gründen. Meine eigenen Erfahrungen mit dem Thema beschränkten sich damals noch auf einige Songs der Toten Hosen und der Ärzte, die ich im Musikfernsehen gesehen hatte, aber das war mir egal: Hauptsache Musik machen, berühmt werden und Mädchen abgreifen.
Beim Bandnamen hatte ich ebenso wenig zu sagen: Er stand fest, seit Thomas und Sebastian im Vorjahr bei einer Teckel-Zuchtschau auf unserem Schulhof ein Hinweisschild mit dem Schriftzug „Zuchtschau“ entwendet hatten, das seitdem Thomas‘ Jugendzimmer schmückte.
Thomas brachte damals zu jeder Probe einen neuen Song mit, die wir alle recht schnell drauf hatten. Ich spielte immer den gleichen Beat, er spielte vier Akkorde, Matthias gniedelte irgendwas dazu und von Sebastian verstand man kaum was, weil er über einen schwachen kleinen Gitarrenverstärker sang. Was sich von der Herangehensweise schwer nach Punk anhört, klang im Ergebnis aber wie vier brave Söhne aus der Mittelschicht, die versuchen, Punk zu spielen.
Nach wenigen Wochen wechselten wir vom Jugendzentrum in den Keller meines Elternhauses, wo ich mich jetzt an meinem eigenen Schlagzeug verausgaben konnte. Stilecht wurden zu jeder Probe Doppelkekse und Eistee gereicht.
Zur Geburtstagsfeier meines Vaters kam es zum ersten Auftritt vor Publikum, den man wohlwollend als „avantgardistisch“ bezeichnen könnte, musikwissenschaftlich präzise als „schlecht“. Alles dröhnte und schepperte, von Sebastians Stimme war so gut wie nichts zu hören. Unterdessen begann sich der drohende Abstieg der Band abzuzeichnen: Der Schlagzeuger (also ich) hatte sich selbst das Gitarrenspiel beigebracht und wollte nun eigene Songs beisteuern – das todsichere Ende jeder Band.
Von Dingen wie MySpace konnte man damals nur träumen: Mit einem einzigen Mikrofon nahmen wir das Geschepper im Proberaum am PC auf und überspielten es anschließend auf eine Musikkassette, die Thomas und Sebastian beim Besuch eines Wohlstandskinder-Konzerts der Band mitgeben wollten.
Einem Auftritt beim Nachbarschaftsfest sollte im August endlich der erste offizielle Auftritt folgen: Wir waren im Nachwuchsprogramm des traditionsreichen Stadtfests „DIN-Tage“ vorgesehen. Das Konzert stand unter keinem guten Stern, denn zunächst mussten wir (um des Familienfriedens willen – sehr punk) auf unseren selbstgebastelten Backdrop verzichten, den unser Bandlogo zierte:
Mein Großvater hatte das Banner zufälligerweise zu Gesicht bekommen und fühlte sich beim Anblick unseres Dackels offenbar an eine Organisation erinnert, die nach seinen Aussagen „Tausend hinterrücks erschossen und in die Luft gesprengt“ habe. Auf gar keinen Fall dürften wir damit in die Öffentlichkeit, sagte er, und wir müssten auch mal an die Karrieren unserer Eltern denken. Wir hätten aber gar kein weiteres Bettlaken bemalen müssen, da das Konzert wegen einer Unwetterwarnung sowieso abgesagt wurde. Das angekündigte Gewitter sollte Dinslaken freilich nie erreichen.
Im Dezember 2000 sollte dann aber wirklich der erste Auftritt stattfinden – beim traditionsreichen „School’s Out“, bei dem nun wirklich jede Dinslakener Band, die länger als ein paar Wochen existierte, irgendwann mal gespielt hat. Für das Konzert hatte sich das Kulturamt der Stadt etwas ganz besonderes einfallen lassen: Es sollte einen Sampler mit Songs von allen auftretenden Bands drauf geben. Die Bands, die – wie wir – keine ordentlichen Aufnahmen vorweisen konnten, bekamen einen halben Tag im Tonstudio spendiert. In Zeiten, wo angesichts leerer Kassen als erstes bei Kultur- und Jugendarbeit gespart wird, klingt diese Anekdote wie eine Geschichte aus einer längst vergangenen sozialdemokratischen Epoche, aber sie ist wirklich erst zehn Jahre her.
Mit einem Demo unseres Songs „Held im Traumland“ fuhren wir in ein kleines Duisburger Studio und versuchten, das Lied irgendwie auf Band zu bannen. Schlagzeug und Rhythmusgitarre wurden gleichzeitig eingespielt (ohne Klickspur natürlich, das hätten wir nie hinbekommen), der Rest später drübergelegt. „Ihr wisst schon, dass Ihr im Refrain schneller werdet?“, fragte unser Produzent (kräftig gebaut, Kette rauchend und schnauzbärtig) besorgt und wir antworteten – leider wahrheitsgemäß – damit, dass das Absicht sei. Am Ende des Tages hatten wir tatsächlich einen fertigen Song, auf dem sogar ein Bass zu hören war – Matthias hatte noch eben eine sehr schlichte Bassspur eingespielt.
Das „School’s Out“ kam und in Sachen Größenwahn konnte uns kaum jemand etwas vormachen: Wie die großen Rockbands, die wir aus dem Fernsehen kannten, hatten auch wir Computergeschriebene Setlisten, eigene Timetables („Dinslaken, GER: Soundcheck 4pm, Doors 4.30pm, Dinner 5pm, Zuchtschau 5.45pm“) und eine schriftliche Drehgenehmigung für unseren Freund mitgebracht, der das Konzert auf Video 8 bannen sollte. Tatsächlich verfolgten einige Leute unseren Auftritt, sogar einige „Fans“ waren angereist: dicke, picklige Jungen aus der Nachbarstadt, die noch uncooler waren als wir.
Wir bretterten durch unser Set, wobei ich im Rückblick annehmen muss, dass wir nicht für fünf Cent Pfennig gerockt haben. Bei unserem Song „Winke, Winke“ (eine von Rammstein inspirierte Hymne auf die Teletubbies – I kid you not) zerschmetterte Sebastian das Kinderkeyboard, auf dem er das Intro gespielt hatte, vor den Augen verwirrter Security-Angestellter auf der Bühne. Am Ende waren wir so schnell gewesen, dass wir noch Zeit hatten, eine (weder geplante noch geprobte) Zugabe nachzuschießen.
Headliner (auch für so etwas gab es im Dinslaken des Jahres 2000 noch Geld) des School’s Out war die Magdeburger Band Scycs, deren Single „Radiostar“ weiland ein kleiner Hit war. Die Musiker gingen auf unseren Vorschlag ein, gemeinsam mit allen Bands des Abends ein Weihnachtslied zu intonieren, doch der Versuch endete in einem riesigen Chaos, dessen Ausmaße ich womöglich noch irgendwo auf Video habe.
Im Jahr 2001 spielten wir bei einem Bandwettbewerb in Moers unseren einzigen Auftritt außerhalb Dinslakens, außerdem bei einem Aktionstag gegen Rechts, beim einzigen Dinslakener Entenrennen, beim hundertsten Geburtstag unserer Schule und tatsächlich (ganz ohne Backdrop) bei den DIN-Tagen.
An einem Freitag im November verließen Matthias und ich die Band. Sebastian hatte sich wenige Stunden zuvor einen Bass gekauft.
Doch wie klang diese Band, der es so ergangen ist wie Tausenden Nachwuchs-Spinal-Taps vor und nach ihnen? Ungefähr so:
Vor vier Jahren sagte ich zum „Visions“-Redakteur Oliver Uschmann: „In fünf Jahren bringt Ihr eine Titelstory über die Musikszene in Dinslaken.“ Wie auch bei anderen Prognosen kann ich im Nachhinein nicht sagen, ob ich das eigentlich ernst gemeint habe, oder mich von einer Mischung aus Optimismus und Größenwahn leiten ließ. Aber: Das könnte hinkommen.
Die nächste Rasselbande, die sich anschickt, Dinslakens Ruf vom deutschen Omaha (oder wenigstens: vom deutschen Borlänge) in die Welt zu tragen, sind The Rumours. Rezensenten schreiben gern, die Musiker sähen aus und klängen, als kämen sie aus England oder den USA, aber das ist natürlich Quatsch. Inzwischen sollte klar sein, dass sie aussehen und klingen wie junge Menschen aus Dinslaken eben so aussehen und klingen. Außerdem benehmen sie sich natürlich auch so, aber das würde jetzt zu privat.
Als ich die vier jungen Herren vor dreieinhalb Jahren zum ersten Mal live gesehen habe, haben sie mir anschließend auf einem Bierdeckel ihre Seelen verkauft. Wie allgemein üblich habe ich auch dieses Dokument verschlampt, was aber auch ganz gut ist, da mir der „Business“-Teil von „Musikbusiness“ nach wie vor Angst macht. Da reicht es mir, sagen zu können, dass Schlagzeuger Samuel Sanders früher in meiner Band Occident getrommelt hat.
Im Juni erschien jetzt das Debütalbum „From The Corner Into Your Ear“, das nicht schlecht, aber leider auch ein bisschen langweilig geworden ist. Nach dem furiosen Opener, der Single „Like A Cat On A Hot Tin Roof“, fällt das Album ab, was nicht unbedingt an den Songs liegt, sondern eher an der doch etwas biederen Produktion.
Live ansehen sollte man sich The Rumours aber auf alle Fälle – zum Beispiel am morgigen Samstag, wenn die kleinen Strolche, die jungen Hüpfer, die wilden Fohlen beim Bochum Total aufspielen. Für umme!
The Rumours
Samstag, 17. Juli 2010
17 Uhr
Eins-Live-Bühne (Ecke Ring/Viktoriastr.), Bochum
Obwohl das Thema „Wetter“ im Moment nicht gerade zu den erfreulichsten zählt, gibt es sensationelle Nachrichten von der Waterkant Wetterkarte:
Niemandsland verschwunden
Dinslaken. Viele größere Städte, schimpften Bürger in Zuschriften an die Stadt, seien auf der Wetterkarte des WDR in der „Lokalzeit Duisburg“ abgebildet, nur Dinslaken nicht. Ein kritischer Bewohner erklärte, ein Kontakt in dieser Sache mit dem WDR sei erfolglos geblieben. Das ließ die städtische Pressestelle nicht ruhen. Eine Mail und ein Telefongespräch, vielleicht auch die kollegialen Kontakte zu Studioleiter Klaus Beck, führten zum Ziel. Auf der regionalen Wetterkarte des Lokalzeit ist Dinslaken jetzt gut leserlich vertreten.
Wenn Kimberly Hoppe nicht gerade von Beerdigungen twittert, schreibt sie in der „Münchner Abendzeitung“ über Leute und in ihrem Blog über ihr Leben als „LEUTE-Kolumnistin“.
Das ist alles nicht schön, aber man muss schon dankbar sein, dass Frau Hoppe nur über Leute schreibt und nicht etwa über Zeitgeist-Themen. Nachdem sie im vergangenen September das Wort „Vorglühen“ für sich entdeckt (und zum „Wort des Jahres“ ernannt) hatte, ist sie nun auf etwas völlig neues, außergewöhnliches gestoßen:
“Was kann ich tun, um Idioten-Männer mit depperten Gefühlsschwankungen zu vergessen?”, frage ich sie.
Ihre Antwort folgt zackig: “Komm mit in den E‑Garten und lass uns Flunkyball spielen!”
Watt???
Muss in der Mini-Martin-Phase schrecklichst gealtert sein und jegliche Neu-Trends verpasst haben. Hilfe!!
Was, bitte, ist Flunkyball!?
Da es schon wieder um Alkohol geht, drängt sich natürlich die Frage auf, ob das diesbezügliche Gefälle zwischen meiner niederrheinischen Heimat und München tatsächlich so groß ist. Vielleicht bekommt, wer Weißbier trinkt, auch sonst nur wenig von der Welt mit.
Meine erste Begegnung mit diesem crazy … äh: „Neu-Trend“ liegt jedenfalls schon geschmeidige vier Jahre zurück und fand – wie es sich gehört – auf einem Dinslakener Kirchhof statt.
Freuen Sie sich also schon jetzt darauf, wenn Kimberly Hoppe, die Frau, die „Polylux“ jung aussehen lässt, nächstes Jahr das „Konterbier“ entdeckt.
Seit einiger Zeit stellt die „Rheinische Post“ in ihren Lokalteilen die „Frage des Tages“: Mehr oder weniger gut aufgehängt an einen Artikel der aktuellen Ausgabe müssen sich die Leser für „Ja“ oder „Nein“ entscheiden. Die Fragen reichen von allgemein („Interessieren Sie sich für die Geschichte Ihrer Heimatstadt?“, „Sind Sie verärgert über den Winterdienst?“) bis hin zu für Außenstehende unverständlich („Bedeutet das Abschneiden der Musikschüler beim Wettbewerb Jugend musiziert einen Imagegewinn für Wesel?“, „Begrüßen Sie die den Beschluss des RAG-Regionalrates?“).
Am nächsten Tag wird das Ergebnis des Vortages bekannt gegeben (ohne Nennung der Teilnehmerzahl) und die nächste egale Frage gestellt. So sind jeden Tag ein paar Quadratzentimeter Zeitung sicher gefüllt und „RP Online“ bekommt auch noch ein paar Klicks ab.
Nachtrag, 11.50 Uhr:Angeregt durch diesen Eintrag hat „RP Online“ die Frage nachgereicht. Sie ist nur minderphilosophisch, für Außenstehende unverständlich und lautet:
Finden Sie es gut, dass die Toilettenanlage im Burgtheater erneuert wird?
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