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Programmhinweis: Ein Liveblog für Moskau

Ein Eisbär schießt Konfetti ins Publikum. Eine riesige digitale MatrjoschkaSie wer­den es ver­mut­lich noch nicht mit­be­kom­men haben, aber mor­gen ist wie­der die Ver­an­stal­tung, die seit eini­gen Jah­ren „Euro­vi­si­on Song Con­test“ genannt wird und nie „Grand Prix d’Eurovision de la Chan­son“ hieß.

Im Gegen­satz zu den letz­ten bei­den Jah­ren, als Ste­fan Nig­ge­mei­er und ich uns bereits im Vor­feld durch alle Bei­trä­ge gekämpft haben, habe ich in die­sem Jahr kei­ne Ahnung, was mich beim Fina­le in Mos­kau erwar­tet: Ich habe kei­nes der Halb­fi­nals gese­hen und selbst den deut­schen Titel habe ich bis­her nicht (bewusst) gehört.

Das sind natür­lich die bes­ten Vor­aus­set­zun­gen für einen zünf­ti­gen Grand-Prix-Abend mit Käse­häpp­chen, Metigel und rus­si­schem Wod­ka (auf den ich aus per­sön­li­chen Grün­den aller­dings ver­zich­ten wer­de).

Das gro­ße Live­blog star­tet (wie schon 2007 und 2008) um kurz vor 21 Uhr. Bild und Ton ent­neh­men Sie bit­te dem Pro­gramm des Ers­ten Deut­schen Fern­se­hens oder eurovision.tv.

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Digital

69% aller Statistiken sind fehlerhaft

Es gibt Sät­ze, die liest man, dann stockt man, liest sie noch mal und wun­dert sich. Sol­che Sät­ze gehö­ren meist zu völ­lig irrele­van­ten Arti­keln und ste­hen in gefühlt zwei Drit­teln aller Fäl­le bei „RP Online“.

So auch die­ser:

Sta­tis­ti­ken bele­gen, dass 57 Pro­zent der Japa­ne­rin­nen unter 34 unver­hei­ra­tet sind.

Nun habe ich spon­tan kei­ne dezi­dier­te Sta­tis­tik gefun­den, wohl aber eine Bevöl­ke­rungs­py­ra­mi­de. Deren Zah­len stam­men zwar aus dem Jahr 2000 und bezie­hen sich jetzt auf die Japa­ne­rin­nen unter 35, aber mit ein biss­chen Gra­fik­spie­le­rei wird trotz­dem deut­lich, wie man sich „57 Pro­zent der Japa­ne­rin­nen unter 34“ unge­fähr vor­zu­stel­len hat (grü­ne Linie):

57% der Japanerinnen unter 34

Nach­trag für alle Rot-Grün-Blin­den:

57% der Japanerinnen unter 34

Da ich mal hof­fe, dass die Quo­te der unver­hei­ra­te­ten Japa­ne­rin­nen unter 15 bei 100% liegt, und da die­se Grup­pe schon rund ein Drit­tel der Unter-35-Jäh­ri­gen aus­macht, soll­te klar sein, dass 57% aller Frau­en unter 34 kei­ne auf­fal­lend hohe Zahl für Unver­hei­ra­te­te wäre – eher im Gegen­teil.

Das ein­zi­ge, was ich in die­ser Rich­tung an Sta­tis­ti­ken gefun­den habe, ist ein Satz aus einem „NZZ“-Artikel von 2007, der auch gleich zeigt, wie aus den Zah­len ein Braut­schuh wird:

Heu­te sind in Japan rund sech­zig Pro­zent aller Frau­en im Alter von 30 Jah­ren unver­hei­ra­tet, und bei den 34-Jäh­ri­gen haben noch immer rund vier­zig Pro­zent kei­nen Bund fürs Leben geschlos­sen.

Und wehe, Sie fra­gen jetzt, ob ich eigent­lich nichts bes­se­res zu tun habe!

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Digital

Der Preis des Internets

Sie wer­den es ver­mut­lich noch nicht mit­be­kom­men haben, aber ges­tern wur­den in Düs­sel­dorf die Nomi­nie­run­gen für den Grim­me Online Award 2009 bekannt gege­ben.

Unter den 24 Nomi­nier­ten befin­det sich – das wird die Kri­ti­ker ver­wir­ren – kein ein­zi­ger Ver­tre­ter einer wie auch immer gear­te­ten Ber­li­ner Blog­ger-Sze­ne (aller­dings wie­der jemand mit Wur­zeln in Dins­la­ken, wie mir mei­ne Mut­ter sogleich tele­fo­nisch berich­te­te), und ob die vier Nomi­nie­run­gen für öffent­lich-recht­li­che Pro­jek­te wirk­lich noch jeman­den auf­re­gen, wird sich auch zei­gen.

Bekanntgabe der Nominierten für den Grimme Online Award 2009

Beson­ders erfreut bin ich über die Nomi­nie­rung von freitag.de – an dem neu­en Por­tal der Wochen­zei­tung „Der Frei­tag“, das die Gren­zen zwi­schen Jour­na­lis­ten und Blog­gern auf­he­ben soll, war ich ja anfangs auch als „Netz­wer­ker“ betei­ligt. Ich hal­te die Idee nach wie vor für ein­zig­ar­tig in Deutsch­land und hof­fe, dass die Nomi­nie­rung (und die anste­hen­den Wah­len) dem Pro­jekt wei­ter Auf­trieb geben.

Eben­falls spon­tan erfreut (ich kann­te den Groß­teil der Nomi­nier­ten nicht und möch­te mich da erst mal ein­le­sen) war ich über die Nomi­nie­rung des Sport­jour­na­lis­ten Jens Wein­reich und des Ama­teur­fuß­ball-Por­tals Hart­platz­hel­den. Obwohl bei­de Ange­bo­te sicher schon von ganz allei­ne die Nomi­nie­run­gen recht­fer­ti­gen, kann man ihre Aus­wahl auch als Signal in Rich­tung des Deut­schen Fuß­ball­bunds deu­ten, mit des­sen Ver­tre­tern sowohl Wein­reich als auch die Hart­platz­hel­den schon so ihre Pro­ble­me hat­ten bzw. immer noch haben.

Um Macht­fra­gen ging es Uwe Kam­mann, dem Direk­tor des Adolf-Grim­me-Insti­tuts, des­sen kind­li­che Begeis­te­rung für das Inter­net mich immer wie­der rührt, dann auch in sei­nem Schluss­wort: Das Inter­net sei ein Medi­um der Frei­heit und der Auf­klä­rung und die alten Macht­ha­ber, die mein­ten, ihre Fla­schen­häl­se wei­ter bewa­chen zu kön­nen, wür­den ihre Kon­trol­le bald abge­ben müs­sen. Übri­gens war in die­sem Jahr kein Ver­tre­ter der Poli­tik zur Bekannt­ga­be der Nomi­nier­ten erschie­nen.

Die Ver­an­stal­tung erin­ner­te wie­der ein wenig an die Bilanz­pres­se­kon­fe­renz des Spar­kas­sen­ver­bands West­müns­ter­land, aber der anschlie­ßen­de Ver­such des gemüt­li­chen Her­um­ste­hens im etwas ungast­li­chen Flur der Lan­des­an­stalt für Medi­en taugt ver­mut­lich bes­ser als Sinn­bild des Inter­nets, als es tau­send Sze­ne­tref­fen könn­ten: Da stan­den dann die blog­gen­den Jour­na­lis­ten, die Ver­tre­ter von Sei­ten wie dbna, einem Maga­zin für schwu­le Jugend­li­che, dem Brett­spie­le-Report oder dem digi­ta­len His­to­ri­schen Archiv Köln, aßen Sup­pe und tausch­ten sich aus. Sie sie kom­men aus völ­lig unter­schied­li­chen Berei­chen, haben ganz unter­schied­li­che Moti­va­tio­nen, aber sie eint, dass sie alle etwas im Inter­net machen. Manch­mal hat­te man sich auch nichts zu sagen, aber das ist dann eben so – das Inter­net ist ja nur ein Werk­zeug und sagt noch nichts über die sons­ti­ge Gesin­nung aus.

Uwe Kam­mann bezeich­ne­te das Web als Erwei­te­rung der Öffent­lich­keit, von dem ein gro­ße Öffent­lich­keit nur noch nichts wis­se. Das zu ändern ist eine Auf­ga­be des Grim­me Online Awards, der schon des­halb mehr Auf­merk­sam­keit ver­dient hät­ten.

Die acht Prei­se plus Publi­kums­preis wer­den am 24. Juni in den Köl­ner Vul­kan­hal­len ver­lie­hen – die Preis­trä­ger ent­neh­men Sie bit­te wie immer kurz vor­her dem Inter­net.

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Print Digital

Der Klammeraffenbumerang

Über die Inter­net­kom­pe­tenz von Poli­ti­kern ist gera­de in den letz­ten Tagen viel gespot­tet wor­den und tat­säch­lich habe ich manch­mal den Ein­druck, dass mei­ne 76-jäh­ri­ge Groß­mutter bes­ser mit dem Com­pu­ter umzu­ge­hen weiß als so man­cher Bun­des­mi­nis­ter. (Ver­mut­lich auch bes­ser als eini­ge 25-Jäh­ri­ge, aber dar­um soll es nicht gehen.)

Manch­mal aller­dings ist es um die Inter­net­kom­pe­tenz von Poli­ti­kern (oder ihren Mit­ar­bei­tern) dann viel­leicht doch nicht so schlecht bestellt, wie man­cher Beob­ach­ter das ger­ne hät­te. Das sieht dann zum Bei­spiel so aus wie in der Kolum­ne „Unse­re Woche“ in der Jörg Wer­ner, der Dins­la­ke­ner Lokal­chef der „Rhei­ni­schen Post“, am ver­gan­ge­nen Sams­tag schrieb:

Und zum Schluss noch dies: Dinslakens SPD-Bürgermeisterkandidat Dr. Michael Heidinger hat das Wahlvolk in dieser Woche mit seinem Internet-Auftritt beglückt. Nun wollen wir gar nicht darüber rechten, wie altbacken das von ihm vorgestellte Wahllogo ist. Das ist schließlich Geschmackssache. Eines allerdings gibt uns zu denken. Wer dem Kandidaten eine Mail mailen möchte, sollte dies, so stand es jedenfalls noch gestern nachmittag im Impressum der Seite, unter buergermeister-fuer-dinslaken(ät)arcor.de tun. Mensch, lieber Dr. Heidinger, groß herausposaunen, dass man jetzt einen tollen Internet-Auftritt hat und dann das @-Zeichen nicht finden ... Ist das professionell? Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende.

Ich schrieb mei­nem frü­he­ren Chef am Sonn­tag­abend, dass Hei­din­ger die­se obsku­re Schreib­wei­se ver­mut­lich gewählt habe, damit die E‑Mail-Adres­se nicht so leicht von Spam­bots gefun­den wer­de, die das Inter­net durch­fors­ten. (Das dürf­te zwar heut­zu­ta­ge kaum noch wir­kungs­voll sein, aber die Web­site sieht ja auch nicht gera­de aus, als stam­me sie aus dem Jahr 2009.)

Jörg Wer­ner reagier­te prompt und vor­bild­lich, indem er am Diens­tag auf der ers­ten Sei­te des Lokal­teils schrieb:

Professionelles (ät): Auf ein Wort in eigener Sache: Redaktionsleiter, wer hätte das gedacht, sind nicht unfehlbar. Sie sind, ich habe kein Problem, das zuzugeben, nicht allwissend. Aber sie lernen täglich dazu. Warum ich das erzähle? Na ganz einfach, ich hab was dazu gelernt. Da hab ich doch am Samstag die Frage gestellt, ob der Internetauftritt des SPD-Bürgermeisterkandidaten Dr. Michael Heidinger tatsächlich professionell ist, weil das gewohnte @-Zeichen dort durch ein (ät) ersetzt worden ist. Die Antwort auf diese Frage ist: Ja. Denn dieses (ät) gilt, wie ich mich inzwischen habe belehren lassen, als Mittel, sich vor automatischen Programmen auf der Suche nach Adressen für Spam-Mails zu schützen. Nun gut, das kannte ich bislang nur in der Version (at), ob's tatsächlich effektiv hilft, ist auch nicht unumstritten und über die Frage, ob der Trick nicht eher dazu dient, die Erreichbarkeit des Kandidaten für Otto-Normalcomputerbenutzer zu behindern, ließe sich auch philosophieren Aber hier ist nicht der Platz zum Haare spalten. Also, Asche auf mein Haupt, Herr Dr. Heidinger. Die nächste kritische Anmerkung, ich versprech's, trifft aber wieder mitten ins Schwarze. Jörg Werner.

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Musik Politik

Familiar To Millions

Gallagher Lane in San Francisco, CA

In Man­ches­ter sorgt man sich um eine ord­nungs­ge­mä­ße Abwick­lung der Euro­pa­wahl am 4. Juni.

Der Grund: Um halb Zehn abends, eine hal­be Stun­de vor Schlie­ßung der Wahl­lo­ka­le, wer­den zwei Stra­ßen gesperrt, weil im benach­bar­ten Hea­ton Park ein Kon­zert von Oasis statt­fin­det.

Die Mel­dung in all ihrer absur­den Schön­heit steht bei der BBC.

Ver­mut­lich dürf­ten zu den drei ange­setz­ten Open-Air-Kon­zer­ten in Man­ches­ter mehr Zuschau­er erschei­nen, als sich in ganz Groß­bri­tan­ni­en Wäh­ler an der Euro­pa­wahl betei­li­gen …

[via NME.com]

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Digital

Auswärtsspiel: Sprechen in Münster

Hörsaal 6

Ver­gan­ge­ne Woche war ich in Müns­ter, um auf dem Sym­po­si­um Oeco­no­mic­um jun­gen Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lern etwas zum The­ma Blogs zu erzäh­len.

Wie es mir dort gefal­len hat und was ich von die­ser Ver­an­stal­tung mit­ge­nom­men habe, steht in mei­nem Gast­bei­trag, den ich fürs SOM Blog ver­fasst habe.

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Politik Rundfunk

Voll ins Schwarze betroffen

Mein Arzt und mein Rechts­an­walt haben mir gera­ten, mich zurück­zu­hal­ten. Der Blut­hoch­druck bekom­me mir nicht und die von mir gedach­ten Begrif­fe sei­en alle jus­ti­zia­bel.

Sehen Sie sich also nur den nun fol­gen­den Aus­schnitt der „Tages­schau“ von 14 Uhr an und ach­ten Sie beson­ders auf die Unter­schie­de zwi­schen dem, was Claus-Erich Boetz­kes am Anfang und Nicht-Wil­helm von und zu Gut­ten­berg am Ende sagen:

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Hier kön­nen Sie sich übri­gens den Text der ange­spro­che­nen Peti­ti­on durch­le­sen (was der Minis­ter offen­bar ver­ab­säumt hat­te) und bei Inter­es­se gleich unter­schrei­ben.

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Digital

Die wöchentliche Sendung

Ich wün­sche mir ja schon län­ger ein deut­sches Äqui­va­lent zur „Dai­ly Show“. Eine Sen­dung also, in der aktu­el­le Nach­rich­ten humor­voll kom­men­tiert wer­den und wo man viel­leicht auch noch ein biss­chen was lernt.

Die Behaup­tung, ein sol­ches Äqui­va­lent gefun­den zu haben, wäre irre­füh­rend: Die „Dai­ly Show“ läuft vier Mal in der Woche eine hal­be Stun­de, hat ein gro­ßes Autoren­team und etwa zwei Mil­lio­nen Zuschau­er.

„Das Nach­rich­ten“ läuft ein­mal in der Woche um die sechs Minu­ten auf You­Tube, hat (wenn ich das rich­tig sehe) zwei Autoren und die Zuschau­er­zah­len der ein­zel­nen Fol­gen lie­gen (noch) im drei­stel­li­gen Bereich.

Hin­ter „Das Nach­rich­ten“ ste­cken ONKeL fISCH, bekannt gewor­den durch sehr alber­ne, aber wie ich fin­de auch oft sehr gute Come­dy bei Eins Live und im WDR Fern­se­hen. Und die kom­men­tie­ren jetzt seit eini­gen Wochen die Mel­dun­gen der Woche und machen das mei­nes Erach­tens gar nicht schlecht:

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Es ist – um das noch mal zu sagen – etwas ande­res als die „Dai­ly Show“, aber ich fin­de sowohl die Idee als auch die Umset­zung sehr gelun­gen und habe herz­lich gelacht.

Den Gedan­ken, wel­cher Fern­seh­sen­der das wohl über­neh­men könn­te, habe ich übri­gens wie­der ver­wor­fen: Es braucht kei­nen Fern­seh­sen­der, es steht ja eh schon online.

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Musik

Listenpanik 04/​09

Nor­ma­ler­wei­se könn­te ich im Lau­fe des Monats einen Sta­pel mit allen CDs bil­den und ihn am Ende abar­bei­ten. Dage­gen spricht aber zum einen mein Zwang, neue Ton­trä­ger direkt ins Regal ein­sor­tie­ren zu müs­sen, und zum ande­ren die Tat­sa­che, dass ich immer mehr Musik als Down­load kau­fe.

Ich bin aber der Ansicht, dass sie dadurch nicht schlech­ter wird, und ent­spre­chend gut sind dann auch die Sachen, die ich im April gehört und für erwäh­nens­wert befun­den habe:

Alben
Gre­at Lake Swim­mers – Lost Chan­nels
Begin­nen wir mit einem Nach­trag aus dem März, weil mir nie­mand Bescheid gesagt hat­te: Die Gre­at Lake Swim­mers aus Kana­da machen Folk Rock, was sich als Gen­re schlim­mer anhört denn als Musik. Sie spie­len zer­brech­li­che Bal­la­den, die nur aus der Stim­me von Sän­ger Tony Dek­ker und Gitar­ren­klän­gen bestehen, die ver­mut­lich ent­ste­hen, wenn man die Sai­ten anhaucht oder zu streng anguckt, und etwas schwung­vol­le­re Coun­try-Klän­ge, zu denen man gleich sich gleich auf den Appa­la­chi­an Trail bege­ben möch­te. Das alles ist ihnen auf dem Vor­gän­ger­al­bum „Ongi­a­ra“ zwar noch etwas stim­mungs­vol­ler gera­ten, aber das war vor zwei Jah­ren auch ein Über­al­bum.

Death Cab For Cutie – The Open Door EP
Noch­mal März, aber dies­mal nur kurz: Death Cab (wie man als auf­merk­sa­mer „O.C., California“-Zuschauer ja sagt) haben eine EP mit vier neu­en Songs und einer Demo aus den „Nar­row Stairs“-Sessions zusam­men­ge­stellt. Wie immer auf hohem Niveau und auch etwas pop­pi­ger als die Songs, die es aufs Album geschafft hat­ten.

Kili­ans – They Are Cal­ling Your Name
Über­ra­schung! Ich bil­de mir aber auch dies­mal wie­der ein, dass ich das Album auch dann noch sehr gut fän­de, wenn ich nicht mit den Musi­kern befreun­det wäre. Musi­ka­lisch ist das Album anspruchs­vol­ler und noch etwas abwech­lungs­rei­cher als das Debüt (rich­tig abwechs­lungs­reich wird’s, wenn man sich die Spe­cial Edi­ti­on mit Elek­tro- und Cha-Cha-Cha-Ein­la­gen anhört) und man hört auch genau­er auf die Tex­te. Das führt etwa bei „Used To Pre­tend“ dazu, dass man sich hin­ter­her sicher ist, ein unglaub­lich klu­ges, auf­rich­ti­ges und ein­dring­li­ches Tren­nungs­lied gehört zu haben – und den viel­leicht bes­ten Kili­ans-Song bis­her.

Bob Dylan – Tog­e­ther Through Life
Und noch jemand, den man nicht ernst­haft bewer­ten kann. Auch, wenn ich mich nicht als gro­ßen Dylan-Fan (oder gar ‑Ken­ner) bezeich­nen wür­de, schät­ze ich sei­ne Musik und sei­ne Per­son doch sehr und bin gera­de von sei­nen jüngs­ten Alben schwer begeis­tert. „Tog­e­ther Through Life“ steht „Love And Theft“ und „Modern Times“ da in nichts nach: Blues, der mal tro­cken nach vor­ne stapft, mal melan­cho­lisch am Kla­vier gespielt wird. Bemer­kens­wert ist es dann aber schon, dass Dylan mit dem Album die ers­te UK-Num­ber-One seit 39 Jah­ren gelun­gen ist und die Sin­gle „Bey­ond Here Lies Not­hin‘ “, die ein biss­chen an „Black Magic Woman“ von San­ta­na erin­nert und die es einen Tag als kos­ten­lo­sen Down­load auf Dylans Web­site gab, plötz­lich im Radio rauf und run­ter läuft.

Offi­ci­als Secrets Act – Under­stan­ding Elec­tri­ci­ty
Es gibt Alben, da weiß ich beim ers­ten Hören, dass ich sie mag, aber nicht son­der­lich oft hören wer­de. „Under­stan­ding Elec­tri­ci­ty“ könn­te die­ses Schick­sal blü­hen, obwohl der Indie­rock zwi­schen Maxï­mo Park, We Are Sci­en­tists und The Wom­bats wirk­lich schön ist. Mit­un­ter ner­ven man­che abge­dreh­ten Sounds ein biss­chen, aber Songs wie „Litt­le Birds“ und „Hold The Line“ (hat nichts mit Toto zu tun) sind dann auf der ande­ren Sei­te ein­fach ganz gro­ßer Pop und haben zumin­dest erhöh­tes Mix­tape-Poten­ti­al.

Songs
Kili­ans – Home­town
Hat­te ich nicht gera­de noch „Used To Pre­tend“ als „den viel­leicht bes­ten Kili­ans-Song bis­her“ bezeich­net? Ja, klar. Aber wenn die Kili­ans einen Song namens „Home­town“ schrei­ben, der auch noch so einen cat­chy Refrain hat, dann muss der natür­lich noch ein­mal beson­ders her­vor­ge­ho­ben wer­den. Auch wenn es angeb­lich gar nicht um Dins­la­ken an sich geht, son­dern um das Gefühl, von einer Stadt und ihren Men­schen geprägt wor­den zu sein, emp­fiehlt sich die­ser Song natür­lich als inof­fi­zi­el­le Stadt­hym­ne. Wenn die Dins­la­ke­ner cool wären, wür­de im Som­mer kein ande­res Lied aus Cabri­os und offe­nen Woh­nungs­fens­tern tönen.

Bob Dylan – Life Is Hard
In die Rei­he von „Moon­light“ und „Workingman’s Blues #2“ gesellt sich „Life Is Hard“: Ein ruhi­ger Blues und die Stim­me eines Man­nes, der alles erlebt hat und den nichts mehr erschüt­tern kann. Schlicht und ergrei­fend.

Muff Pot­ter – Nie­mand will den Hund begra­ben
Ich weiß nicht, wie oft ich die neue Muff-Pot­ter-Plat­te „Gute Aus­sicht“ hören müss­te, bis sie mir gefällt. Bei „Ste­ady Fremd­kör­per“ hat’s ja auch irgend­wann geklappt – nur, dass ich die Plat­te seit Ewig­kei­ten nicht mehr gehört habe und mich nur an einen Song erin­nern kann. „Nie­mand will den Hund begra­ben“ könn­te also das dies­jäh­ri­ge „Die Guten“ sein. Dies­mal geht’s aber nicht um Tren­nun­gen son­dern – Super-Song­the­ma – um Land­flucht. Die Schil­de­rung der Hei­mat­stadt, in der es kaum noch jun­ge Leu­te gibt, und in der alles lang­sam stirbt, hat schon Springsteen’sche Dimen­sio­nen und hät­te auch gut auf die letz­te kett­car-Plat­te gepasst. Das war übri­gens auch so ein Album, das ich mir erst schön­hö­ren muss­te, um es dann ganz schnell wie­der zu ver­ges­sen.

[Lis­ten­pa­nik, die Serie]

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Gesellschaft

Von den Autoren von „Koreanische Gebrauchsanleitungen“

Studiengebühren sin sozial GERECHT & NICHT Steine können fliegen

Ich fra­ge das wirk­lich ungern, aber: Wie vie­le Semes­ter Ger­ma­nis­tik müss­te ich wohl noch stu­die­ren, um die­ses Trans­pa­rent an der Bochu­mer Uni-Biblio­thek sinn­ent­neh­mend lesen zu kön­nen?

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Digital Leben

Stilblümchensex

Alle paar Mona­te muss ich bei GMX.de vor­bei­schau­en um zu über­prü­fen, ob mei­ne dort vor über einem Jahr­zehnt ein­ge­rich­te­te E‑Mail-Adres­se noch exis­tiert. Es ist jedes Mal ein freud­lo­ser Akt, der einem zeigt, wie gut man es mit all den Funk­tio­nen von Goo­gle­mail tat­säch­lich hat.

Das Schlimms­te an GMX aber ist das ange­schlos­se­ne Por­tal, bei dem man dann auch tat­säch­lich jedes Mal auf irgend­wel­chen Quatsch drauf klickt und im Bezug auf die zu erwar­ten­de Boden­lo­sig­keit sel­ten ent­täuscht wird. So las ich heu­te ver­se­hent­lich einen Text, der offen­bar ursprüng­lich vom Her­ren­ma­ga­zin „Men’s Health“ stammt und das The­ma „Slow Sex“ behan­delt. Und selbst, wenn das The­ma Sie nicht inter­es­siert: Das soll­ten Sie gele­sen haben!

Los geht es mit ein paar All­ge­mein­plät­zen der Sor­te „Es hilft, wenn Sie min­des­tens zu zweit sind“:

Musi­ka­lisch soll­ten Sie’s zwar ruhig ange­hen las­sen, jedoch ruhig ein paar Drum-Akzen­te set­zen. Die frü­hen Alben von Mas­si­ve Attack oder Air sind dafür her­vor­ra­gend geeig­net.

Dann geht’s aber auch schon schnell zur Sache – zumin­dest was gro­tes­ke Kose­na­men angeht:

Las­sen auch Sie sich von ihr eben­so lang­sam aus­zie­hen. Wird sie dabei zu schnell, brem­sen Sie Ihre Gazel­le, indem Sie ihren Kopf in die Hän­de neh­men und sie küs­sen.

Und dass die „Gazel­le“ kein Aus­rut­scher war, son­dern Teil des Plans, wird schnell deut­lich. Machen Sie auch mal was Ver­rück­tes: Lesen Sie die fol­gen­den Zei­len und ver­su­chen Sie dabei, nicht zu lachen. Den­ken Sie immer dar­an, dass es hier um etwas ent­fernt Sinn­li­ches gehen soll:

Mit einer Hand hält sie sich an Ihrem Ret­tungs­an­ker fest, mit der Hand­flä­che der ande­ren reibt sie fort­wäh­rend und krei­send über Ihre Eichel – etwa so, als wür­de sie einen Apfel polie­ren. Klingt harm­los? Sie wer­den jodeln, Mann!

Jodeln wer­den Sie womög­lich auch, wenn Sie erfah­ren, dass das männ­li­che Geni­tal von den „Men’s Health“-Autoren nicht nur „Ret­tungs­an­ker“ genannt wird, son­dern auch „Ihr bes­ter Freund“, „der klei­ne Don Juan“, „der gute Don“, „Don­ny“, „Don J.“, „Don“ oder schlicht „er“. Für den weib­li­chen Kör­per reich­te die Phan­ta­sie dann nicht mehr, dort ist nur von „Lady K.“ die Rede.

Und wen es nicht abtörnt, sein Glied im Geis­te „Don“ zu nen­nen, der steht bestimmt auch auf syn­tak­tisch kor­rek­ten dir­ty talk:

Und noch ein klei­ner Tipp am Ran­de: Neh­men Sie beim Blo­wjob ihren Kopf nur dann zwi­schen Ihre Hän­de, wenn sie aus­drück­lich zu Ihnen sagt: „Nimm beim Blo­wjob mei­nen Kopf zwi­schen dei­ne Hän­de!“ Genau mit die­sen Wor­ten.

Fast wünscht man sich die Zei­ten zurück, in denen einem die „Bra­vo“ umständ­lich erklär­te, was „Pet­ting“ ist und dass man davon nicht schwan­ger wer­den kön­ne.

Dann kommt’s aber end­lich zum Höhe­punkt und „Men’s Health“ fackelt ein Feu­er­werk der sprach­li­chen Bil­der ab, das garan­tiert das Rücken­mark schä­digt:

Ehe Sie wie Nut und Feder inein­an­der glei­ten, soll­ten Sie die Zügel noch ein­mal stramm­zie­hen, die Geschich­te etwas abbrem­sen.

[…]

Bevor er in tiefs­te Tie­fen vor­dringt, soll er eine Zeit lang am Ein­gang ste­hen und mit der Dame plau­dern. Rei­ben Sie sei­nen Kopf an ihrem Knöpf­chen.

Und plötz­lich beginnt man, Wolf Wond­rat­schek zu schät­zen.

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Digital

Klickbefehl (19)

Wenn man sich heu­te wun­dert, dass der im Regie­rungs­auf­trag Ver­bots­re­geln für das Inter­net ent­wi­ckeln­de Vor­sit­zen­de der Oli­ven­nes Kom­mis­si­on zugleich der Auf­sichts­rats­chef von Frank­reichs grö­ßer Kul­tur­kauf­haus­ket­te FNAC ist, oder in Schwe­den ein Rich­ter über Pira­te Bay urteilt, der nicht nur selbst Mit­glied der loka­len Urhe­be­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen ist, son­dern auch die Pro­zess­ver­tre­te­rin der Film­in­dus­trie in Inter­net-Domain Strei­tig­kei­ten berät, dann ist die Erklä­rung die­sel­be wie vor 123 Jah­ren: Sys­te­me die nicht mit der Zeit gehen und sich umstel­len wol­len, weh­ren sich mit allen Mit­teln. Im Not­fall auch mit wel­chen am Ran­de der Rechts­staat­lich­keit.

Tim Ren­ner schreibt im Motor­blog mal wie­der etwas sehr Klu­ges über Digi­ta­li­sie­rung, Urhe­ber­rech­te und digi­ta­len Wan­del und gibt ganz neben­bei eine klei­ne Geschichts­stun­de zum Tag der Arbeit.

* * *

Wel­chen Ein­druck wird ein nor­ma­ler, unin­for­mier­ter Mensch haben, wenn ein nerdi­ger Typ “Zen­sur!” schreit, wäh­rend Frau von der Ley­en schein­bar gegen Kin­des­miss­brauch kämpft? Wie reagiert ein Fließ­band­ar­bei­ter bei Opel auf Sascha Lobo, der im Fern­se­hen erzählt, dass ohne Social Web bald nichts mehr geht, man auch pri­ma mit dem Lap­top im Café arbei­ten kann und war­um er trotz Auf­schie­be­ri­tis pro­duk­tiv ist? Glaubt jemand, ein Arbeits­lo­ser mit mas­si­ven Selbst­zwei­feln und Angst, nicht mehr dazu­zu­ge­hö­ren, weil er kei­ne Ahnung vom Inter­net hat, fühlt sich ange­spro­chen, den Kampf für Netz­neu­tra­li­tät zu unter­stüt­zen? Mei­nen Sie, Tan­te Han­na von neben­an wird die Anlie­gen einer Par­tei, die sich Pira­ten­par­tei nennt, auch nur ent­fernt seri­ös fin­den kön­nen?

Enno macht sich (wie ich neu­lich auch) Gedan­ken über die Zwei­tei­lung der Welt in On- und Off­li­ner, hält aber sogar Lösungs­an­sät­ze bereit.