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Musik

„Spalter!“

Ja, ja, das neue Radio­head-Album. Jetzt ist es also bald eine Woche drau­ßen und fast alle haben dar­über geschrie­ben: der „NME“, der „Rol­ling Stone“, „Pitch­fork Media“, aber auch bei laut.de, alternativenation.de war man schnell mit den Bespre­chun­gen, intro.de hat­te immer­hin ein Forum zum Sam­meln der ers­ten Hör­ein­drü­cke ein­ge­rich­tet.

Die Rezen­si­on bei „Spie­gel Online“ ver­eint mal wie­der alles, was ich am Musik­jour­na­lis­mus nicht aus­ste­hen kann:

Dabei ist „In Rain­bows“ kein Enig­ma, kein Vexier­bild und kei­ne Kipp­fi­gur, son­dern die zugäng­lichs­te Plat­te, die Radio­head seit „OK Com­pu­ter“ ver­öf­fent­licht haben. Wer hier noch ernst­haft von „sper­rig“ spricht, ver­dient 48 Stun­den Dau­er­be­schal­lung mit Muse und Pla­ce­bo, ange­ket­tet.

Und bei „Plat­ten­tests Online“ erklärt man via News­let­ter, war­um es auch fünf Tage nach der Ver­öf­fent­li­chung des Albums im Inter­net noch kei­ne Rezen­si­on in die­sem Inter­net-Medi­um gibt:

Einen hal­ben Tag, teils sogar nur weni­ge Stun­den nach dem Down­load-Start ver­öf­fent­lich­ten eini­ge Online-Maga­zi­ne stolz ihre Rezen­sio­nen und fühl­ten sich als Sie­ger, nur weil sie die ers­ten waren. Sie hat­ten das Album zwei‑, viel­leicht drei­mal unter Zeit­druck gehört. Und sie sehen das als Grund­la­ge, den Wert eines Albums zu beur­tei­len, das jeden Hörer über Mona­te her­aus­for­dern, beschäf­ti­gen und in neue Zwei­fel stür­zen wird.

Wir möch­ten jetzt nie­man­den dis­sen oder über Kol­le­gen her­zie­hen, aber unter Serio­si­tät ver­ste­hen wir was ande­res. Und unter­wer­fen uns mit http://www.plattentests.de/ nicht die­sem von fal­schen Gel­tungs­drang getrie­be­nen Wett­be­werb. Wenn wir gewollt hät­ten, hät­ten wir Euch locker nach fünf Stun­den – oder wenigs­tens jetzt, nach fünf Tagen – eine Rezen­si­on raus­hau­en kön­nen. Und natür­lich ist auch unse­re Ver­gan­gen­heit nicht frei von über­stürz­ten, zu vor­ei­li­gen Rezen­sio­nen. Doch gera­de ein Radio­head-Album braucht mehr Zeit, um sich zu ent­fal­ten, wes­we­gen wir Euch aufs nächs­te Update ver­trös­ten müs­sen

Und was sag ich?

Ich fin­de nach wie vor, dass das Album gut ist, aber es ist wie mit so man­chem „guten“ Buch oder so man­chem „guten“ Wein: Ich erken­ne, dass das Werk von einer hohen Qua­li­tät sein muss, aber es sagt mir per­sön­lich nichts. Wie alle ande­ren Radio­head-Alben nach „Kid A“ auch, lässt mich „In Rain­bows“ weit­ge­hend kalt. Ich habe nicht das Gefühl, dass es mei­nem Leben oder dem Gesamt­werk der Band irgend­et­was hin­zu­fügt, und ob ich es höre oder nicht, macht für mich kei­nen Unter­schied. Mit „15 Step“ kann ich eben­so wenig anfan­gen wie mit Thom Yor­kes Solo­al­bum und von den zehn Songs ist „Video­tape“ der ein­zi­ge, der mich per­sön­lich anspricht.

Und damit ste­he ich vor einem Dilem­ma, denn es scheint fast, als müs­se man „In Rain­bows“ unbe­dingt in den Him­mel loben. Schrei­ben, es sei das zugäng­lichs­te Album seit „OK Com­pu­ter“ („In Rain­bows“ ist zugäng­lich, aber „OK Com­pu­ter“ ist für mich zum Bei­spiel so zugäng­lich wie Haru­ki-Mura­ka­mi-Bücher, also: gar nicht). Erzäh­len, dass man Frau und Kin­der ver­las­sen habe, um sich ganz der Rezep­ti­on die­ses Albums zu wid­men.

Radio­head ste­hen – wie sonst eigent­lich nur R.E.M., Bob Dylan, John­ny Cash und Joni Mit­chell – eh schon über allem, mit der Ver­öf­fent­li­chungs­tak­tik ihres neu­en Albums schei­nen sie sich völ­lig unan­greif­bar gemacht zu haben. Oder zumin­dest schei­nen die Leu­te zu den­ken, dass Radio­head jetzt unan­greif­bar sind. Ich wüss­te ger­ne, wie vie­le Musik­jour­na­lis­ten ver­zwei­felt vor ihrem Com­pu­ter saßen und dach­ten: „Aha. Und?“. Und dann schrie­ben sie, es sei ein Mei­len­stein, ein Meis­ter­werk, die Musik­wer­dung des Herrn.

Ich habe so vie­le CDs im Regal, so vie­le MP3s auf dem Com­pu­ter, da höre ich lie­ber Musik, die mich anspricht, die mir per­sön­lich etwas „gibt“. Und über­las­se „In Rain­bows“ denen, die auch sonst zu Archi­tek­tur tan­zen.

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Designern gibt’s der Herr im Schlaf

Was ist denn hier beim „Spie­gel“ los?

“Der Spiegel” KW 42/2007

  • „Reichs­tags­brand!“ Jetzt dreht Her­man völ­lig frei!
  • Nach Atta­cke auf Köh­ler: Ber­lin-Tou­ris­ten abge­schos­sen
  • „Tag der Deut­schen Ein­heit“ – Ers­te Bil­der von Flo­ri­an Hen­ckel von Don­ners­marcks neu­es­tem Film
  • Nina Hagen geht in die Poli­tik
  • End­lich: Schäub­le kehrt heim!

Die Wahr­heit ist – wie so oft – noch alber­ner

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Politik Gesellschaft

Uschis Spy Kids

Lan­ge nichts mehr von der Bun­des­re­gie­rung gehört, was? Um dar­an zu erin­nern, dass es immer noch eine gibt, hat Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Ursu­la von der Ley­en der über­rasch­ten Welt­öf­fent­lich­keit einen neu­en Vor­schlag unter­brei­tet: Kin­der und Jugend­li­che soll­ten als „ver­deck­te Ermitt­ler“ in Geschäf­ten aus­pro­bie­ren, ob man ihnen Alko­hol, Ziga­ret­ten oder „Gewalt­vi­de­os“ ver­kau­fen wür­de.

Das Ziel der Akti­on ist klar und durch­aus begrü­ßens­wert: Es geht um die Ein­hal­tung des Jugend­schutz­ge­set­zes. Auch wenn ich per­sön­lich nichts gegen Alko­hol und Spiel­fil­me habe („Kil­ler­spie­le“ ste­hen sicher auch auf der Lis­te), so gibt es für all das doch bestimm­te Alters­gren­zen. Und auch wenn die­se oft belie­big erschei­nen („Mama, war­um darf ich heu­te noch kein Bier trin­ken, mor­gen aber schon?“ – „Weil der Alko­hol ab dem 16. Jah­res­tag Dei­ner Geburt weni­ger schäd­lich ist, mein Kind!“), ist ihre Ein­hal­tung schon eine okaye Sache. Mei­net­we­gen sol­len mich die Kas­sie­re­rin­nen auch mit 24 noch nach mei­nem Aus­weis fra­gen, wenn ich Bier kau­fen will – nur wenn die bär­ti­gen 15-Jäh­ri­gen nach mir ohne Pro­ble­me ihre Spi­ri­tuo­sen kau­fen kön­nen, wer­de ich etwas unge­hal­ten.

Von der Ley­ens Vor­schlag aber ist aus meh­re­ren Grün­den schwie­rig: Ers­tens wür­den die Kin­der die Händ­ler direkt zu einer Straf­tat anstif­ten, da sie ohne ech­te Kauf­ab­sicht an die Kas­se gehen. Klar, die Händ­ler dür­fen nicht an an zu jun­ge Per­so­nen ver­kau­fen, wenn sie es doch tun sind sie im Prin­zip „selbst schuld“. Aber ich sehe zumin­dest einen mora­li­schen Unter­schied zwi­schen einem Geset­zes­ver­stoß und einem pro­vo­zier­ten Geset­zes­ver­stoß. Das ist ja, als ob einen Zivil­po­li­zis­ten nachts auf einer ent­le­ge­nen Stra­ße ver­fol­gen, bedrän­gen und einen anschlie­ßend wegen Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung anhal­ten.

Viel schwe­rer wiegt aber, dass der Vor­schlag bes­tens ins Gesamt­bild der Bun­des­re­gie­rung passt, im Land ein Kli­ma der Angst zu schü­ren. Über­all wird man von Video­ka­me­ras über­wacht, der Bun­des­in­nen­mi­nis­ter will wis­sen, wann man wie lan­ge mit wem tele­fo­niert hat, und bald soll man nicht mal mehr Kin­dern trau­en kön­nen? Die Voll­endung des Über­wa­chungs­staa­tes stün­de kurz bevor.

Und was, wenn Kin­der erst­mal erfolg­reich Ver­stö­ße gegen das Jugend­schutz­ge­setz auf­de­cken? Was, wenn dann der nächs­te Poli­ti­ker vor­schlägt, man könn­te Kin­der doch auch als „Lock­vö­gel“ im Kampf gegen Kin­der­por­no­gra­phie ein­set­zen? Das dien­te doch auch der „guten Sache“ …

Noch was:

Wer einem Min­der­jäh­ri­gen in Zukunft Schnaps, Ziga­ret­ten oder ein Gewalt­vi­deo ver­kauft, muss danach mit Geld­bu­ßen bis zu 50.000 Euro rech­nen.

(Quel­le: sueddeutsche.de)

Nun ist es gene­rell mög­lich, dass die For­mu­lie­rung „in Zukunft“ irgend­wie von den Agen­tu­ren in die Mel­dung rein­ge­dich­tet wor­den ist und nicht aus dem Fami­li­en­mi­nis­te­ri­um selbst stammt. Wir wol­len es hof­fen, denn im Jugend­schutz­ge­setz (Abschnitt 6: Ahn­dung von Ver­stö­ßen, § 28 Buß­geld­vor­schrif­ten) steht schon seit län­ge­rem:

(5) Die Ord­nungs­wid­rig­keit kann mit einer Geld­bu­ße bis zu fünf­zig­tau­send Euro geahn­det wer­den.

Nach­trag 21:59 Uhr: Jens weist in den Kom­men­ta­ren dar­auf hin, dass der Vor­schlag schon wie­der vom Tisch ist. Jetzt „regie­ren“ die schon schnel­ler als ich blog­gen kann …

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Musik Digital

Long tail, short breath

Vor einem hal­ben Jahr hat­te ich mal über die Rei­he „Top Of The Blogs“ bei „Spie­gel Online“ geschrie­ben und mich dar­über gewun­dert, dass dort zwar Musi­ker vor­ge­stellt wur­den, die zuvor in Blogs gelobt wor­den waren, aber kein ein­zi­ges Blog ver­linkt war.

Gera­de fiel mir die Geschich­te wie­der ein und ich woll­te mal nach­schau­en, was die­se zukunfts­wei­sen­de Rubrik eigent­lich so macht. Sie­he da: Sie ist sang- und klang­los vor fünf Mona­ten aus­ge­lau­fen, nach zehn Epi­so­den.

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Musik Digital

Knives Out

Am Mitt­woch erschien also das neue Radio­head-Album „In Rain­bows“ als Down­load. Angeb­lich hat die Band schon am ers­ten Tag 1,2 Mil­lio­nen Alben zu einem durch­schnitt­li­chen Preis von 4£ ver­kauft – und hät­te damit knapp sie­ben Mil­lio­nen Euro ver­dient.

Da es noch kein offi­zi­el­les Art­work gibt, hat visions.de sei­ne Leser zu einem Mal­wett­be­werb auf­ge­ru­fen – und kam damit zwei Tage zu spät.

Wie auch immer das mit der Musik­in­dus­trie wei­ter­ge­hen mag: „In Rain­bows“ und das Drum­her­um sind schon jetzt etwas ganz beson­de­res.

P.S.: Das Album ist gut. Viel­leicht schreib ich noch mal mehr dazu.

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Musik Rundfunk Sport Radio

Die Schönheit des Scheiterns

Bei man­chen Musi­kern sind die Inter­views, die sie zur Ver­öf­fent­li­chung eines neu­en Albums geben, span­nen­der als die Musik selbst. Bei ande­ren Musi­kern ist die Musik so toll und ein­zig­ar­tig, dass sie gar nichts mehr zu sagen bräuch­ten – und manch­mal auch gar nichts zu sagen haben.

Die­se Erfah­rung muss­te auch Luke Bur­bank von NPR machen, der Sigur Rós im Stu­dio hat­te. Zuge­ge­ben: Sei­ne Fra­gen waren nicht unbe­dingt die bes­ten (man lernt doch am ers­ten Tag, dass man kei­ne Fra­gen stel­len soll, auf die man mit „Ja“ oder „Nein“ ant­wor­ten könn­te), aber das, was sich aus die­sem „Gespräch“ ent­wi­ckelt, ist schon ziem­lich desas­trös und somit unter­halt­sam.

Any­way, last Fri­day the band show­ed up prompt­ly at 11am (EDT) and com­men­ced to give what is pos­si­bly the worst inter­view in the histo­ry of elec­tro­nic media.

Serious­ly.

It was that bad.

Zwar bin ich mir nicht sicher, ob Bur­banks Ein­schät­zung rich­tig ist, aber „nicht son­der­lich gut“ war das Inter­view auf alle Fäl­le.

Und weil NPR so mul­ti­me­di­al und zukunfts­wei­send ist, kann man sich das Radio-Inter­view nicht nur anhö­ren, son­dern auch anse­hen. Und das alles hier.

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Unterwegs

Lukas und die Lokomotivführer: Liveblog

Extre­me Situa­tio­nen erfor­dern extre­me Mit­tel: Ich muss heu­te Abend in Dins­la­ken auf einer Hoch­zeit tan­zen sein. Im Moment bin ich aber noch in Bochum. Zwi­schen mir und mei­nem Ziel steht also der Lok­füh­rer­streik der Gewerk­schaft von dem Mann mit der Bata-Illic-Mas­ke.

Und weil ich nun mal Bahn­fah­ren muss, dach­te ich mir, ich mache mir den Spaß und blog­ge drü­ber – live und … äh: live halt. Da ich kein blog­fä­hi­ges Mobil­te­le­fon habe, wird mei­ne rei­zen­de Assis­ten­tin Kath­rin mei­ne (ver­mut­lich irgend­wann ver­zwei­fel­ten) Anru­fe, SMSen und Rauch­zei­chen hier für mich nie­der­schrei­ben.

Und jetzt geht’s los …

16:29: Bochum Haupt­bahn­hof: Es ist nicht son­der­lich voll und die Anzei­gen­ta­fel sieht auch nor­mal aus. Die wer­den doch nicht etwa ohne mich strei­ken?

16:35: Sit­ze im fah­ren­den Regio­nal­ex­press nach Düs­sel­dorf. Ent­we­der kam der zu früh oder 59 Minu­ten zu spät.

16:46: Ste­hen seit eini­gen Minu­ten in Wat­ten­scheid, weil uns „schon wie­der“ ein ICE über­holt. Auf dem Gegen­gleis: Der Regio­nal­ex­press nach Min­den. Ent­we­der pünkt­lich oder eine vol­le Stun­de zu spät.

16:55: Essen Haupt­bahn­hof: So sieht kein Frei­tag­nach­mit­tag-Fei­er­abend­ver­kehr aus, es sind kaum Leu­te unter­wegs. Und wir fah­ren wei­ter.

17:11: Duis­burg Haupt­bahn­hof: Hier fällt mehr aus, die weni­gen Rei­sen­den wir­ken lethar­gisch. Mein Regio­nal­ex­press nach Dins­la­ken ist mit 5 Minu­ten Ver­spä­tung ange­schla­gen. Seit wann gibts hier eigent­lich Star­bucks?

17:25: Mein neu­er Freund bei Star­bucks mein­te eben, heu­te mor­gen sei der Laden voll mit Gestran­de­ten gewe­sen. Hof­fent­lich haben die da nicht auch schon ihren neu­en Kol­le­gen ein­ge­ar­bei­tet… Mein Regio­nal­ex­press ist da und und auch nur 5 Minu­ten zu spät.

17:40: Schon in Ober­hau­sen-Hol­ten. Letz­te Chan­ce, mich auf­zu­hal­ten, lie­be GDL!

17:46: Dins­la­ken Bahn­hof. Da brauch ich ja län­ger für den Fuß­weg zu mei­nen Eltern als von Bochum hier­hin. Was für eine Live­blog-Bla­ma­ge!

18:16: Honey, I’m home! Ich, der ich bei jeder zwei­ten Bahn­fahrt einen cho­le­ri­schen Anfall krie­ge, des­sen Züge grund­sätz­lich Ver­spä­tung haben, bin sel­ten ruhi­ger und ent­spann­ter Zug gefah­ren. Wenn ein Streik der Lok­füh­rer so aus­sieht, kön­nen die mei­net­we­gen jetzt jeden Tag strei­ken …

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Politik

Al Gore Galore

Es wird nicht vie­le Män­ner geben, die als Erfin­der des Inter­nets, gewähl­ter (aber unver­ei­dig­ter) US-Prä­si­dent, Oscar-Preis­trä­ger, Kon­zert­ver­an­stal­ter, Emmy-Preis­trä­ger und Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger in die Geschich­te ein­ge­hen.

Al Gore ist jetzt die­ser Mann. Herz­li­chen Glück­wunsch!

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Literatur

Das blinde Redaktionshuhn der „Süddeutschen Zeitung“

Dass ich das noch erle­ben darf: Die „Süd­deut­sche Zei­tung“ (oder wenigs­tens deren Maga­zin) haut eine Bil­der­ga­le­rie raus, die sogar mal sinn­voll und unter­halt­sam ist. Recht­zei­tig zur Frank­fur­ter Buch­mes­se wird dem lite­ra­tur­in­ter­es­sier­ten Zei­tungs­le­ser eine Hil­fe an die Hand gege­ben, um ver­schie­de­ne, viel zu oft ver­wech­sel­te Autoren aus­ein­an­der­hal­ten zu kön­nen: z.B. Ben­ja­min Lebert und Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re; Jona­than Fran­zen, Jona­than Safran Foer und Jona­than Lethem; Mar­tin Wal­ser und Robert Wal­ser.

[via mei­ne Mut­ter, mal wie­der]

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Leben

And now for something completely different

Okay, Schluss mit dem Blöd­sinn.

Ich war ges­tern mit zwei char­man­ten jun­gen Damen alko­ho­li­sche Geträn­ke ver­nich­ten, als ein jun­ger Mann an unse­ren Tisch trat und einen Spruch auf­sag­te, des­sen genau­er Wort­laut mir lei­der nicht erin­ner­lich ist. Er sprach für sich und sei­nen Kame­ra­den vor, der in der Außen­gas­tro­no­mie sel­bi­ges tat, denn es han­del­te sich um Hand­wer­ker auf der Walz.

Da ich durch­aus ein Freund sol­cher Tra­di­tio­nen bin, leis­te­te ich mei­nen beschei­de­nen Bei­trag zur Rei­se­kas­se der Bei­den und frag­te, wo sie denn so her­kä­men. Der Kol­le­ge stam­me aus Ber­lin, erzähl­te mir der Gesel­le, er selbst aus dem All­gäu. Wie lan­ge er denn schon unter­wegs sei, woll­te ich wis­sen. Bei­na­he drei Jah­re, in zwei Mona­ten dür­fe er wie­der heim, ent­geg­ne­te er und erzähl­te noch ein wenig von der beson­de­ren Erfah­rung, die man mache, und dem Neu­en, das man ken­nen­ler­ne.

Drei Jah­re und ein Tag von zuhau­se weg, nur unter­wegs mit dem, was man tra­gen kann, (ver­mut­lich) fern von Inter­net und Mobil­te­le­fon – das klingt nach einer har­ten Zeit, aber auch nach einem irgend­wie roman­ti­schen Dasein. Ich habe bei­na­he Angst, dass das irgend­wann eine Trend­sport­art für Mana­ger mit Burn-Out-Syn­drom wird, und dann in zwei Jah­ren bei „Poly­lux“ lan­det.

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Film

Eva Herman – Der Film

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Gesellschaft

Im Stechschritt in den Fettnapf

Ich woll­te nichts mehr über Eva Her­man schrei­ben, wirk­lich nicht. Die Frau war für mich unter DBDDHKPUAKKU1 ein­sor­tiert und ich woll­te zum Tages­ge­schäft über­ge­hen. Doch dann stol­per­te ich bei den Ost­hes­sen News über einen Ton­mit­schnitt ihrer Rede beim Forum Deut­scher Katho­li­ken, die ja auch schon für etwas Wir­bel gesorgt hat­te.

Um nicht als bös­wil­lig, sinn­ent­stel­lend und gleich­ge­schal­tet zu gel­ten, habe ich mir mit den Zäh­nen in der Tisch­plat­te die gan­ze Rede ange­hört. Danach wuss­te ich zumin­dest, war­um sie bei Ker­ner nicht auf die Argu­men­te der ande­ren Gesprächs­part­ner ein­zu­ge­hen ver­moch­te: Sie woll­te gera­de ihre Rede vom Wochen­en­de aus­wen­dig auf­sa­gen und war nicht auf Impro­vi­sa­tio­nen ein­ge­stellt.

Aus der Rede wird eines deut­lich, noch deut­li­cher als aus ihrem Auf­tritt bei Ker­ner: Eva Her­man wird nie als gro­ße Rhe­to­ri­ke­rin in die Geschich­te ein­ge­hen. Da beschwert sie sich erst, ein Halb­satz von ihr sei falsch und sinn­ent­stel­lend zitiert wor­den und sie wür­de ja eh immer schnell in die rech­te Ecke gerückt, und dann sagt sie allen Erns­tes Sät­ze wie die­se:

„Wir mar­schie­ren im Stech­schritt durch einen anstren­gen­den All­tag vol­ler Wider­sprü­che. Wir seh­nen uns ver­zwei­felt nach Gebor­gen­heit, Heim und Fami­lie, und kämp­fen täg­lich unser ein­sa­mes Gefecht in der männ­lich gepräg­ten Arbeits­welt.“

„Mar­schie­ren“! „Im Stech­schritt“! „Ein­sa­mes Gefecht“! Wer auch immer der Frau sei­nen Meta­phern-Duden gelie­hen hat: Er soll­te ihn schnells­tens zurück­for­dern.

Kei­ne zwei Minu­ten spä­ter:

„Sofern jemand das Wort erhebt und sich für die­se Wer­te ein­setzt, wird er bom­bar­diert, es wird Nazi­lob in ihn pro­je­ziert und gleich­zei­tig wird er als Sym­pa­thi­sant die­ser Ideo­lo­gie öffent­lich ver­ur­teilt.“

Er wird „bom­ba­diert“? Ja hal­lo, geht’s denn noch? Muss sich eine Frau, der die brau­ne Kacke nur so am Schuh klebt, denn auch noch hin­stel­len und aus dem rie­si­gen Strauß sprach­li­cher Bil­der aus­ge­rech­net die­je­ni­gen her­aus­pi­cken, auf denen „Explo­si­ve devices, do not touch“ steht?

Ali­ce Schwar­zer bezeich­net sie als „Chef-Femi­nis­tin“, die mit­ver­ant­wort­lich sei für eine der „bei­spiel­lo­ses­ten Abtrei­bungs­kam­pa­gnen auf die­ser Erde“ und man freut sich, dass man sich an dem Super­la­tiv der Bei­spiel­lo­sig­keit fest­bei­ßen kann und gar nicht erst auf die inhalt­li­che Ebe­ne hin­un­ter­klet­tern muss.

Frau Her­man fürch­tet allen Erns­tes, dass „wir“ aus­ster­ben und ange­sichts der immer schnel­ler wach­sen­den Welt­be­völ­ke­rung müss­te sie sich eigent­lich fra­gen las­sen, wer zum Hen­ker denn da aus­ster­ben soll. Sie kann von Glück reden, dass gera­de kein böser, gleich­ge­schal­te­ter Jour­na­list vor­bei­kam, der ihr zyni­scher­wei­se „das deut­sche Volk“ unter­stel­len woll­te.

Bald sieht sie sich und die Ihri­gen gar ver­folgt und spä­tes­tens in die­sem Moment wäre ich wohl auf­ge­sprun­gen und hät­te sie los­ge­schickt, mal fünf Minu­ten mit jeman­dem zu reden, der wirk­lich ver­folgt wur­de oder wird. Egal ob im Drit­ten Reich, in der DDR oder in Chi­na.

Noch was rich­tig unglück­lich For­mu­lier­tes? Bit­te­schön:

„Die Sta­tis­ti­ken, die ernüch­ternd sind, die Dis­kus­si­on, die Ursa­chen und die Fol­gen der heu­ti­gen Kin­der­lo­sig­keit wer­den mich auch wei­ter­hin dazu bewe­gen, die­se Dis­kus­si­on zu füh­ren – da hilft auch kein Berufs­ver­bot.“

„Berufs­ver­bot“?! Nee, sicher: Gab’s auch alles schon vor den Nazis und hin­ter­her natür­lich auch. Zum Bei­spiel für die viel­ge­schol­te­nen Acht­und­sech­zi­ger.

In den USA wür­de man spä­tes­tens hier den Umstand beto­nen, wie toll es doch sei, in einem frei­en Land leben zu kön­nen, wo jeder frei spre­chen kön­ne – auch Eva Her­man. Und viel­leicht soll­te man wirk­lich mal die Gold­waa­ge weg­pa­cken, die sprach­li­che Ebe­ne auf der eh nichts mehr zu holen ist, ver­las­sen und sich dem Inhalt­li­chen zuwen­den.

So erzählt Eva Her­man die Geschich­te, wie sehr die Geburt ihres Kin­des ihr Leben ver­än­dert habe, und wie unver­ein­bar Fami­lie für sie plötz­lich mit einem Beruf schien. Man glaubt ihr das ja, man ahnt, dass man hier ganz nah dran ist an dem Knacks, den die­se Frau irgend­wann mal erlit­ten haben muss. Nur schließt sie dabei wie so oft von ihrer per­sön­li­chen Erfah­rung auf ande­re und selbst, wenn ihr statt 700 Katho­li­ken 700.000 zuge­ju­belt hät­ten, wür­den mir immer noch genug Frau­en ein­fal­len, die Beruf und Fami­lie unter einen Hut bekom­men haben – offen­bar ohne dar­an zu zer­bre­chen.

Man soll­te ihre Mei­nung und vor allem ihren Glau­ben respek­tie­ren, soll­te sie bemit­lei­den für die Kar­rie­re, die sie tra­gi­scher­wei­se gemacht hat, und sie beglück­wün­schen dafür, dass sie für sich die „Wahr­heit“ ent­deckt hat – so, wie man jedem Men­schen wünscht, dass er nach sei­ner Fas­son glück­lich wer­de. Aber sie macht es einem so schwer, indem sie ihre Ansich­ten als unum­stöß­li­che Fak­ten dar­stellt, das Sin­gle­da­sein als unvoll­ende­ten Schöp­fungs­wil­len betrach­tet und in einer Tour von einem „Wir“ spricht, ohne je zu sagen, wer das sein soll: Alle Frau­en, alle kon­ser­va­ti­ven Frau­en, alle para­no­iden Ex-Fern­seh­mo­de­ra­to­rin­nen?

Eva Her­mans Welt­sicht ist eine der­art ver­quas­te­te Melan­ge aus Kapi­ta­lis­mus­kri­tik, Schöp­fungs­leh­re und Fort­schritts­feind­lich­keit, dass ich mir dage­gen wie ein neo­li­be­ra­ler Athe­ist vor­kom­me – und so will ich mich nie wie­der füh­len. Fast wäre man geneigt zu sagen, sie habe einen Urknall, wenn man sich nicht sicher sein könn­te, dass sie genau den nicht hat.

1 Doof bleibt doof, da hel­fen kei­ne Pil­len und auch kei­ne kal­ten Umschlä­ge.

Nach­trag 13:14 Uhr: Irgend­wie scheint der gan­ze The­men­kom­plex ver­un­glück­te Meta­phern regel­recht anzu­zie­hen. Dies­mal ist es Franz Josef Wag­ner, der Ker­ner vor­wirft, mit Her­man über­haupt über das The­ma Natio­nal­so­zia­lis­mus gespro­chen zu haben.

Mit die­sen Wor­ten:

Das Mons­ter Hit­ler sprengt unse­re Tafel­run­de.