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Leben Gesellschaft

Fakin’ It

In der aktu­el­len Debat­te um aka­de­mi­sche und wis­sen­schaft­li­che Ehre ist mir eine Geschich­te wie­der in den Sinn gekom­men, die sich vor eini­ger Zeit an mei­nem ehe­ma­li­gen Gym­na­si­um ereig­net haben soll und an deren Wahr­heits­ge­halt ich kei­nen Grund zu Zwei­feln habe:

In einem Eng­lisch-LK war eine Schü­le­rin am Tag der Klau­sur krank gewe­sen und muss­te die­se nach­schrei­ben. Wie all­ge­mein üblich wur­de sie dafür allei­ne in einen unge­nutz­ten Raum (ich glau­be, es war der Erd­kun­de-Kar­ten­raum) gesetzt, wo ihr die Auf­ga­ben­stel­lun­gen vor­ge­legt wur­den. Ent­ge­gen der übli­chen Vor­ge­hens­wei­se und ver­mut­lich auch ent­ge­gen zahl­rei­cher Vor­schrif­ten gab ihr der Leh­rer exakt die glei­chen Arbeits­an­wei­sun­gen, die er schon dem Rest der Klas­se kurz zuvor bei der „ech­ten“ Klau­sur aus­ge­hän­digt hat­te.

Inter­es­san­ter­wei­se hat­te die Schü­le­rin in ihrem Ruck­sack die bereits kor­ri­gier­te und zurück­ge­ge­be­ne Klau­sur eines Mit­schü­lers, die sie nun über die nächs­ten Stun­den aus­führ­lich abschrieb – ent­ge­gen aller schu­li­schen Regeln und jed­we­der Moral, ver­steht sich.

Theodor-Heuss-Gymnasium

Dem Leh­rer scheint das Kom­plett-Pla­gi­at nicht auf­ge­fal­len zu sein, jeden­falls wer­te­te er die Klau­sur nicht als Täu­schungs­ver­such, son­dern kor­ri­gier­te sie ganz nor­mal. Oder: fast, denn er hat­te die Ori­gi­nal-Arbeit des Schü­lers deut­lich bes­ser (die genau­en Details sind nie­man­dem mehr erin­ner­lich, aber die Rede war von min­des­tens sechs Punk­ten, was zwei Noten ent­sprä­che) bewer­tet als die der Schü­le­rin.

Die Schü­le­rin, die sich die gan­ze Zeit von dem Leh­rer unge­recht behan­delt gefühlt hat­te, konn­te natür­lich nicht zum Rek­tor gehen, um sich über ihre Note zu beschwe­ren. Aber eine bemer­kens­wer­te Geschich­te war es doch.

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Leben Unterwegs

Vandalen auf der Durchreise

Gera­de im Regio­nal­ex­press die viel­leicht bes­te Durch­sa­ge ever gehört:

Ver­ehr­te Fahr­gäs­te, wir wis­sen selbst, dass das heu­te alles etwas beschei­den ist, aber lei­der hat­ten wir heu­te auf dem Weg von Aachen nach Hamm eine Schul­klas­se im Wagen 3, die die Sit­ze auf­ge­schlitzt und mit Flüs­sig­keit über­gos­sen hat. Wir muss­te den Wagen des­we­gen lei­der abschlie­ßen.

Der Rest der Durch­sa­ge ging im Geläch­ter der Fahr­gäs­te unter.

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Leben

Out Of Time

Ich war vor­hin mit Tom­my Fin­ke beim Zoll­amt Bochum, um die gemein­sam bestell­ten Son­der­edi­tio­nen des neu­en Ben-Folds-Albums abzu­ho­len. Schon beim Betre­ten des Gebäu­des merk­ten wir, dass etwas nicht stimm­te: Die Zeit, die ja bekannt­lich rela­tiv ist, begann, sich gen Unend­lich­keit zu deh­nen. Alles. Wur­de. Lang­sa­mer.

Ein Mann, der auf­grund sei­nes Arbeits­plat­zes wohl als Zoll­be­am­ter inter­pre­tiert wer­den darf, schlurf­te zu uns her­an und beweg­te sei­nen Mund. Wer ganz auf­merk­sam war, konn­te Lau­te erken­nen, die das mensch­li­che Gehirn, in der­lei Auf­ga­ben geschult, zu ein­zel­nen Wor­ten und gan­zen Sät­zen zusam­men­set­zen konn­te. Ich reich­te ihm das Anschrei­ben, das mich dar­über in Kennt­nis gesetzt hat­te, dass die von mir bestell­ten Ton­trä­ger in jenem klei­nen Haus kurz vor dem Rand der Erd­schei­be abzu­ho­len sei­en, und der Mann ver­schwand in einem Raum, in dem ver­mut­lich meh­re­re Ton­nen Elfen­bein, Koka­in und Anthrax-Viren seit vie­len, vie­len Jah­ren ihrer Abho­lung har­ren.

Ich dreht mich zu Tom­my – eine Bewe­gung, die für die Men­schen in die­ser Zeit­bla­se wie der Flü­gel­schlag eines Koli­bris gewirkt haben muss – um „Hier sieht’s genau­so aus, wie ich es mir vor­ge­stellt habe“ zu sagen, doch da hat­te Tom­my schon „Hier sieht’s genau­so aus, wie ich es mir vor­ge­stellt habe“ gesagt. An der Pinn­wand hin­gen foto­ko­pier­te Hin­wei­se aus einer Zeit, als die Olym­pia ES 200 gera­de frisch auf den Markt gekom­men war, auf einem Schreib­tisch stand ein Wim­pel des FC Schal­ke 04, auf den Fens­ter­bän­ken: Büro­be­gleit­grün.

Der Zoll­be­am­te kehr­te mit einem Paket zurück, das uns sag­te, dass es eine gute Idee gewe­sen war, mit dem Bul­li vor­bei­zu­kom­men. Umständ­lich hol­te er ein Tep­pich­mes­ser, mit dem ich das Paket öff­nen durf­te. „Tep­pich­mes­ser“, dach­te ich, „haben damit nicht die Atten­tä­ter des 11. Sept…“ Wei­ter kam ich nicht: In der unfass­bar ruhi­gen Atmo­sphä­re des Zoll­amts war mein Gehirn ein­fach ein­ge­schla­fen.

Eine Putz­frau wir­bel­te um uns her­um in einem Tem­po, in dem ich für mei­ne eige­ne Woh­nung zwar zwei Tage bräuch­te, das in die­sem Hau­se aber als hek­tisch emp­fun­den wer­den muss­te. „Sie machen ja alles nass“, sag­te der Zoll­be­am­te, wobei sein mono­to­ner Ton­fall offen ließ, ob es sich dabei um einen Vor­wurf oder nur um eine Fest­stel­lung han­del­te. Er bat uns in einen Neben­raum und riet uns, auf dem feuch­ten Unter­grund vor­sich­tig zu gehen – nicht aus­zu­ma­len, wenn sich einer von uns auf die Fres­se gelegt hät­te.

Wäh­rend ich eini­ge Zet­tel unter­schrei­ben muss­te, durch­brach Tom­my die Gra­bes­stil­le mit einem Small­talk­ver­such:

Fin­ke: „Das ist aber ganz schön ruhig hier bei Ihnen …“
Zoll­be­am­ter: „Das täuscht.“
Fin­ke: „Ah. Vor Weih­nach­ten ist wahr­schein­lich am meis­ten los, ne?“
Zoll­be­am­ter: „Seit eBay. Seit­dem ist hier die Höl­le los. Frü­her war’s ruhig.“

Tom­my und ich sahen uns an und sogleich wie­der weg. Jetzt bit­te nicht los­brül­len vor Geläch­ter. Ruhig blei­ben! Kein Pro­blem an einem Ort, gegen den in einem Zen-Tem­pel ein Tru­bel wie in der Grand Cen­tral Sta­ti­on herrscht. Ich bezahl­te die Mehr­wert­steu­er und bekam mein Wech­sel­geld wie­der, kurz bevor es auf­grund der nor­ma­len Infla­ti­ons­ent­wick­lung völ­lig wert­los gewor­den war. Wir durf­ten gehen.

„Dann wün­sche ich Ihnen noch einen geruh­sa­men Arbeits­tag“, sag­te Tom­my zu unse­rem Sach­be­ar­bei­ter und rief zum Abschied ein auf­mun­tern­des „Gehen Sie ver­ant­wor­tungs­voll mit unse­ren Steu­er­gel­dern um!“ in das fas­sungs­lo­se Groß­raum­bü­ro. Ein Mann blick­te kaum merk­lich von sei­nem Com­pu­ter­bild­schirm auf und hob miss­bil­li­gend die Augen­braue.

Die­ser Text ist eine Ergän­zung zu mei­ner “Ämter”-Trilogie (bestehend aus dem Sing­spiel “Kreis­wehr­ersatz­amt”, dem klas­si­schen Dra­ma “Finanz­amt” und dem absur­den Frag­ment “Arbeits­amt”).

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Leben Unterwegs

Broder und ich

Ich hat­te mir ehr­lich gesagt gar kei­ne gro­ßen Gedan­ken gemacht. Mei­ne Freun­de hat­ten mich gewarnt und mir wert­vol­le Tipps gege­ben. Man kön­ne ja stän­dig im Fern­se­hen sehen, wie das endet. Dabei soll­te ich doch nur mit Hen­ryk M. Bro­der dis­ku­tie­ren.

Die Frei­schrei­ber, der Berufs­ver­band frei­er Jour­na­lis­ten, hat­ten mich zu ihrem Kon­gress ein­ge­la­den und weil ich es immer lus­tig fin­de, wenn sich Jour­na­lis­ten aus­ge­rech­net von mir etwas erzäh­len las­sen wol­len, und der Kon­gress in Ham­burg statt­fand, habe ich zuge­sagt.

Neben Hen­ryk M. Bro­der und mir saßen noch der frü­he­re Polit­be­ra­ter und heu­ti­ge Blog­ger Micha­el Spreng und die frü­he­re „Bunte“-Chefredakteurin und heu­ti­ge Blog­ge­rin Bea­te Wede­kind auf dem Podi­um, das im Wort­sin­ne kei­nes war, weil wir genau­so hoch saßen wie die Zuhö­rer. In unse­rer Mit­te saß Gabi Bau­er, die die Dis­kus­si­on mode­rie­ren soll­te und ers­tes diplo­ma­ti­sches Talent prä­sen­tier­te, als sie Bro­der und mir die jeweils äuße­ren Plät­ze in unse­rer klei­nen Sitz­grup­pe zuteil­te.

Vor Beginn der Dis­kus­si­on führ­te ich ein biss­chen Small­talk mit den Frau­en Bau­er und Wedek­eind und Herrn Spreng, der übri­gens rie­sen­groß ist. Hen­ryk M. Bro­der gab ich nur kurz die Hand, aber er ist so klein, wie er im Fern­se­hen immer aus­sieht und trägt ein Her­ren­hand­täsch­chen bei sich. Die Raum­tem­pe­ra­tur sinkt aller­dings nicht, wenn er neben einem steht, und es wird auch nicht plötz­lich dun­kel.

The­ma der Dis­kus­si­on soll­te Leser­be­tei­li­gung in allen For­men sein und wir vier soll­ten ver­schie­de­ne Posi­tio­nen ein­neh­men. Ich erzähl­te also, wie wich­tig die Leser­hin­wei­se unse­rer Leser beim BILD­blog sind und hör­te, wie ich die glei­chen Bei­spie­le abspul­te wie bei ähn­li­chen Ver­an­stal­tun­gen, zu denen ich gele­gent­lich ein­ge­la­den wer­de. Es ist mir schlei­er­haft, wie Schau­spie­ler, Musi­ker und Poli­ti­ker Inter­view­ma­ra­thons und Talk­show-Tou­ren über­ste­hen kön­nen, ohne vom Wahn­sinn oder vom Selbst­hass auf­ge­fres­sen zu wer­den. „Wir haben bei Cof­fee And TV mit acht Autoren ange­fan­gen, was den Vor­teil hat­te, dass jeder Text schon mal min­des­tens sie­ben Leser hat­te …“ Siche­rer Lacher. Letzt­lich sind wir alle klei­ne Mario Barths.

Hen­ryk M. Bro­der ist noch ein biss­chen mehr Mario Barth, nur dass sei­ne tod­si­che­ren Lacher nicht „Schu­he“ hei­ßen, son­dern „Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger“ — die Reak­tio­nen sind aller­dings auch kein hys­te­ri­sches Geki­cher, son­dern so ein dump­fes „Hoho­ho“. Bro­der aber war am Sams­tag nicht in Form: Sein Geät­ze wirk­te halb­her­zig, sei­ne Pole­mik von sich selbst gelang­weilt, er brauch­te gan­ze 25 Minu­ten, bis er bei Hit­ler ange­kom­men war. Twit­ter und Face­book fän­de er schreck­lich, erklär­te Bro­der, ohne eines von bei­dem mit einem KZ zu ver­glei­chen, und irri­tier­te damit Bea­te Wede­kind, die sich sicher war, bei Face­book mit ihm befreun­det zu sein. „Das bin ich nicht!“, mach­te Bro­der deut­lich und stif­te­te damit all­ge­mei­ne Hei­ter­keit.

Es war eine ange­neh­me Gesprächs­at­mo­sphä­re, in der jeder jedem irgend­wann mal bei­pflich­ten oder müde den Kopf schüt­teln muss­te. Jeder konn­te ein bis zwei gro­ße Lacher lan­den. Gabi Bau­er lei­te­te die Run­de char­mant und inter­es­siert und nahm sich Zeit für jeden. Kurz­um: Als ARD-Talk­show wären wir ein völ­li­ges Desas­ter gewe­sen. Allein der Erkennt­nis­ge­winn war ver­gleich­bar nied­rig. Wenn wir noch Zeit gehabt hät­ten, ein Fazit zu zie­hen, hät­te es ver­mut­lich lau­ten müs­sen: Ja, Leser sind die Höl­le — und das Größ­te, was wir haben. Das kann ja nun wirk­lich jeder Sport­ler oder Künst­ler über die eige­nen Fans sagen, jeder Poli­ti­ker über die Wäh­ler und alle Eltern über ihre Kin­der.

Ent­spre­chend rat­los war ich, als mich ein jun­ger Mann anschlie­ßend instän­dig bat, ihm doch mit­zu­tei­len, was ich aus der Ver­an­stal­tung denn nun mit­näh­me. Gabi Bau­er, Bea­te Wede­kind und Micha­el Spreng lesen jeden Tag etwa vier Tages­zei­tun­gen, was ich erstaun­lich fin­de, Bea­te Wede­kind ver­bringt viel Zeit in Face­book, was Micha­el Spreng erstaun­lich fin­det, und Gabi Bau­er sieht sich unter dem Namen einer Freun­din bei Face­book um, was nun wirk­lich alle erstaun­lich fan­den. Hen­ryk M. Bro­der hat­te schlecht zu Mit­tag geges­sen.

Mein Blut­druck bekam an die­sem Tag aber doch noch Gele­gen­heit, besorg­nis­er­re­gend zu stei­gen. Aber da stan­den wir alle um das iPho­ne von Jens Wein­reich her­um und guck­ten auf die Bun­des­li­ga-Ergeb­nis­se.

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Rundfunk Leben Fernsehen

Im Fernsehen

Das sind mehr Rän­der als Augen, die ich da sehe. Es sind mei­ne Rän­der, da im Spie­gel, was mir an jedem ande­ren Tag reich­lich egal wäre, heu­te aber nicht. Heu­te bin ich in einer Fern­seh­sen­dung zu Gast und woll­te dabei ungern aus­se­hen wie Vat­ter Hein per­sön­lich.

Seit ich im Janu­ar „Chef“ vom BILD­blog gewor­den bin, kamen immer wie­der Inter­view-Anfra­gen von ver­schie­dens­ten Medi­en und wenn man sol­che Auf­merk­sam­keit nicht gewohnt ist, kei­ne Sekre­tä­rin hat, aber gut erzo­gen ist, sagt man erst jedem Anru­fer zu und anschlie­ßend immer wie­der das Glei­che. Am Sym­pa­thischs­ten waren meist die Gesprä­che mit den Cam­pus­ra­di­os, aber ab dem fünf­ten Inter­view wuss­te ich, dass ich nie einen Hol­ly­wood-Film dre­hen wür­de – bei den inter­na­tio­na­len Inter­view-Mara­tho­nen wür­de ich mich irgend­wann selbst ver­let­zen, weil ich mich selbst viel zu oft das­sel­be sagen gehört hät­te.

Aber Fern­se­hen, das woll­te ich dann doch mal mit­ma­chen. Zumal die Anfra­ge von einem die­ser ARD-Digi­tal­sen­der kam, die auch nicht viel mehr Zuschau­er haben als Dins­la­ken Ein­woh­ner. „Da kann man ja erst mal üben, bevor man irgend­wann unvor­be­rei­tet bei Gott­schalk auf der Couch sitzt“, dach­te ich und fuhr nach Köln.

Das heißt: Bis ich nach Köln fah­ren durf­te, muss­te ich erst mal einen Fra­ge­bo­gen mit sen­sa­tio­nell unbe­ant­wort­ba­ren Fra­gen („Haben Sie ein Lieb­lings­buch?“, „Wie wür­den Sie sich beschrei­ben?“) beant­wor­ten, auf des­sen Grund­la­ge dann eine Redak­teu­rin ein ein­stün­di­ges tele­fo­ni­sches Vor­ge­spräch mit mir führ­te, aus dem dann die Fra­gen für das eigent­li­che Inter­view kon­den­siert wur­den.

Man macht sich als Zuschau­er ja kei­ne Gedan­ken, wie viel Auf­wand dahin­ter steckt, ein paar reden­de Köp­fe auf die hei­mi­sche Matt­schei­be zu pro­ji­zie­ren. Also von dem gan­zen tech­ni­schen Kram inklu­si­ve Erfin­dung der Braun’schen Röh­re und den Rund­funk­wel­len mal ab.

Stilleben in einer WDR-Garderobe.

Und jetzt sit­ze ich hier in der Gar­de­ro­be im (geschätzt) vier­ten Unter­ge­schoss des Film­hau­ses des West­deut­schen Rund­funks in Köln, sehe aus wie Man­ny Cala­ve­ra und wer­de von einer Gar­de­ro­bie­re gefragt, ob ich „das“ (mei­nen roten Kapu­zen-Swea­ter) anlas­sen wol­le.

„Ich hät­te auch noch ein Hemd“, fan­ge ich vor­sich­tig an, „aber ich weiß nicht, ob das nicht zu klein­ge­mus­tert ist.“

Das hat­te man mir näm­lich gesagt, mehr­fach: Kein Grün, kein Gelb, nicht zu viel Weiß und um Him­mels Wil­len bit­te nicht klein­ge­mus­tert. Die net­te Gar­de­ro­bie­re (nett sind sie über­haupt alle hier unten, obwohl sie hier ohne Tages­licht und fri­sche Luft arbei­ten müs­sen und man es durch­aus ver­stün­de, wenn sie sich des­halb von Blut ernähr­ten) geht mal fra­gen und weil mein Hemd nicht zu klein­ka­riert ist, geht sie es gleich auch noch auf­bü­geln. Das letz­te Mal, als irgend­ei­nes mei­ner Hem­den auf­ge­bü­gelt wur­de, leb­te ich noch bei mei­nen Eltern.

Dann darf ich in die Mas­ke und die ist natür­lich bit­ter nötig: „Es tut mir sehr leid, aber mei­ne Augen­rin­ge sind heu­te noch tie­fer als sonst“, begin­ne ich ent­schul­di­gend, „dabei war ich ges­tern extra früh im Bett.“
„Krie­gen wir hin“, sagt die net­te Mas­ken­bild­ne­rin und beginnt mit umfang­rei­che­ren Stu­cka­ti­ons­ar­bei­ten, wie man sie von der Decken­sa­nie­rung Ber­li­ner Alt­bau­ten aus der Grün­der­zeit kennt.

Neben mir sitzt Anja Back­haus, die Mode­ra­to­rin der Sen­dung, die mit ihrer Mas­ke schon durch ist, und betreibt Small Talk. Wir spre­chen über den öffent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehr, Wup­per­tal und den dro­hen­den Abriss des Köl­ner Schau­spiel­hau­ses. Bloß nichts aus dem Inter­view vor­weg­neh­men, damit der Talk­gast spä­ter nicht gleich im ers­ten Satz irgend­was mit „wie gesagt“ ant­wor­tet.

Nach ein paar Minu­ten guckt mich ein fri­scher jun­ger Mann aus dem Spie­gel an und ich über­le­ge kurz, wie lan­ge ich wohl üben müss­te, bis ich es sel­ber hin­krieg­te, mich so zu schmin­ken. So für jeden Tag. Mei­ne Haa­re darf ich, wie jeden Tag, selbst ver­strub­beln, was ich sehr gewis­sen­haft und lan­ge tue, bis es so aus­sieht, als hät­te ich exakt nichts dar­an getan. „Eitel­keit ist eine der sie­ben Tod­sün­den“, höre ich mei­ne katho­li­sche Groß­mutter sagen, dre­he mich um, sehe aber nie­man­den.

Dann geht es ins Stu­dio, wo Anja und ich in sty­li­schen Lounge-Ses­seln Platz neh­men, in denen man ganz phan­tas­tisch lie­gen kann. Nur auf­recht sit­zen geht schlecht, wäre aber im Ide­al­fall wich­tig. Wir haben viel Zeit, um die Posi­tio­nie­rung unse­rer Bei­ne aus­zu­tes­ten, denn zunächst ein­mal müs­sen wir rich­tig ein­ge­leuch­tet wer­den. Wäh­rend wir unse­re Bei­ne mal links, mal rechts anein­an­der vor­bei­schie­ben und dabei ver­su­chen, weder ver­krampft zu wir­ken noch uns die Hüf­ten aus­zu­ku­geln, wer­den über unse­ren Köp­fen vie­le Schein­wer­fer ein­ge­schal­tet, von denen jeder ein­zel­ne aus­reicht, um eine Tief­kühl­piz­za auf­zu­ba­cken. Ich ver­su­che, nicht nach oben zu star­ren, aber sonst sind da nur eine rie­si­ge grü­ne Wand und drei Kame­ras, in die ich auch nicht gucken soll­te. Wenigs­tens kann man sei­ne Hän­de bequem so auf den Ses­seln plat­zie­ren, dass ich nicht Gefahr lau­fe, die gan­ze Zeit über wüst zu ges­ti­ku­lie­ren, wie ich das sonst tue, wenn ich rede.

Anja redet hin und wie­der mit dem Regis­seur, den ich aber nicht hören kann, weil er sich in einem Knopf in Anjas Ohr ver­steckt hat. Als er über die Stu­dio-Laut­spre­cher spricht, sagt er „Vor­war­nung fürs Stu­dio“ und das klingt ein biss­chen nach Rake­ten­start.

Beim ers­ten Ver­such stimmt etwas mit Anjas Anmo­de­ra­ti­on nicht, beim zwei­ten läuft irgend­was ande­res schief, aber da habe ich die ers­te Fra­ge schon beant­wor­tet. Jetzt also noch mal, wobei ich so tun muss, als wür­de ich die Fra­ge zum ers­ten Mal hören und beant­wor­ten. Aber wozu war ich in der Unter­stu­fen-Thea­ter-AG mei­nes Gym­na­si­ums?

Dies­mal klappt alles und wir befin­den uns plötz­lich mit­ten in einem Gespräch. Ich gucke Anja kon­zen­triert an (was für sie ziem­lich sicher beun­ru­hi­gend wir­ken muss), wäh­rend ich die Fra­gen beant­wor­te, die stel­len­wei­se ech­tes Nach­den­ken erfor­dern. Da zeigt sich dann auch der Sinn und Nut­zen des Vor­ge­sprächs: Man­che Fra­gen spie­len gezielt auf eine Ant­wort an, die ich der Redak­teu­rin vor drei Tagen am Tele­fon gege­ben habe und jetzt idea­ler­wei­se wie­der­ho­len soll­te, wenn ich mich noch an sie erin­nern wür­de.

Dass das hier eine Auf­zeich­nung sein wür­de ist klar, aber wir pro­du­zie­ren vor für in drei Wochen. Bezug­nah­men zum Zeit­ge­sche­hen gilt es also eher zu ver­mei­den – ein biss­chen schwie­rig, wenn man über Medi­en spre­chen soll. Die Fra­ge „Was war in den letz­ten Wochen beson­ders krass in den Medi­en?“, beant­wor­te ich ele­gant mit einem Ver­weis auf einen BILD­blog-Ein­trag von ges­tern. Also: „vor ein paar Wochen“. Hol­ly­wood, ich kom­me!

Der Talk ist schnell vor­bei, aber zwölf­ein­halb Minu­ten sind mehr, als einem als ein­zel­ner Gast in der „NDR Talk­show“ zuste­hen. Ich bin also ganz zufrie­den mit dem, was wir alles abge­han­delt haben. Es wird noch ein Extra-Clip fürs Inter­net gedreht, den wir vier Mal wie­der­ho­len, weil immer irgend­was schief läuft. Dann darf ich gehen.

In der (Nein: mei­ner) Gar­de­ro­be packe ich has­tig zusam­men und ver­ges­se dabei prompt die unan­ge­bro­che­ne Packung Kek­se, die dort für mich bereit­stand. Dabei hat man doch so sel­ten Gele­gen­heit, sich sei­ne Rund­funk­ge­büh­ren der­art direkt zurück­zu­ho­len.

Als ich in den Köl­ner Nie­sel­re­gen tre­te, bin ich noch geschminkt, aber wie­der allei­ne. Nie­mand um mich, der fragt, ob ich zufrie­den bin, ob ich irgend­was brau­che, ob alles in Ord­nung ist. Nie­mand, der mir freund­lich zunickt. Die ers­ten Minu­ten ist das – nach gera­de mal zwei­ein­halb Stun­den im Fern­seh­stu­dio – ziem­lich irri­tie­rend. „Hol­ly­wood- oder Rock­stars wür­den jetzt Dro­gen neh­men“, den­ke ich und gehe statt­des­sen Freun­de besu­chen.

EINS­WEI­TER­ge­fragt
Frei­tag, 16. April 2010
Um 20.01 Uhr auf Eins Fes­ti­val

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Boulevardjournalismus-Mäander

Es gibt Tex­te, die neben ihrem eigent­li­chen Inhalt auch ihre eige­ne Ent­ste­hungs­ge­schich­te trans­por­tie­ren. In der heu­ti­gen „Bild am Sonn­tag“ gibt es min­des­tens zwei die­ser Sor­te:

Zehn Kol­le­gen haben Ste­fan Hauck (der als Exper­te auf dem Gebiet der Exis­tenz­ver­nich­tung zu gel­ten hat) bei sei­nem Ver­such unter­stützt, das Pri­vat­le­ben von Jörg Kachelm­ann aus­zu­lo­ten.

Sie haben dabei kei­ne gro­ßen Erkennt­nis­se gewon­nen und die Ent­täu­schung dar­über schwingt mit:

Viel genau­er geht es nicht, denn auch am Ende von lan­gen Gesprä­chen mit Weg­ge­fähr­ten, Freun­den, Gelieb­ten, Kol­le­gen und Fein­den des Beschul­dig­ten, hat zwar jeder über Jörg-Andre­as Kachelm­ann gespro­chen – aber immer einen ande­ren Men­schen geschil­dert.

Da betreibt man so einen Auf­wand und am Ende sitzt man vor einem Berg aus Puz­zle­tei­len, die alle nicht so recht­zu­sam­men­pas­sen wol­len. Aber wenn man sie doch gewalt­sam zusam­men­häm­mert, ent­steht da das Bild eines Men­schen – oder, wie Hauck schreibt, einer „wider­sprüch­li­chen Per­son“.

„Herz­li­chen Glück­wunsch!“, möch­te man fast aus­ru­fen, „Sie haben soeben begrif­fen, dass die wenigs­ten Men­schen zwei­di­men­sio­na­le Wesen sind!“ Aber das wäre Quatsch. Hauck hat nichts begrif­fen, wie er gleich zu Beginn sei­nes Tex­tes selbst her­aus­po­saunt:

Bis ver­gan­ge­nen Mon­tag hat sich kein Mensch ernst­haft dafür inter­es­siert, was der Fern­seh­star Jörg Kachelm­ann, 51, für eine Bezie­hung zu Frau­en hat. Und ob über­haupt. Kachelm­ann ist ein Star des Fern­se­hens, ist aber, was den „Glam-Fak­tor“ anbe­langt, also die Maß­ein­heit, in der man das Glit­zern­de eines Fern­seh-Men­schen misst, natür­lich kein Rober­to Blan­co, wer ist schon wie Rober­to Blan­co?

Wenn sich bis letz­te Woche „kein Mensch ernst­haft“ für das Intim­le­ben die­ses angeb­lich so ung­la­mou­rö­sen Fern­seh­stars inter­es­siert hat, war­um soll­te man es jetzt tun? Weil es hel­fen wür­de, als Außen­ste­hen­der zu beur­tei­len, ob Kachelm­ann die Tat, die ihm vor­ge­wor­fen wird, began­gen haben könn­te? (Und was hat das Wort „ernst­haft“ über­haupt in die­sem Satz zu suchen?)

Die Suche nach Erklä­rungs­mus­tern ist zutiefst mensch­lich, aber wäh­rend es bei Amok­läu­fern oder Ter­ro­ris­ten, 1 die ihre Taten in und an der Öffent­lich­keit began­gen haben, noch ein gerecht­fer­tig­tes Inter­es­se an ihrer Vor­ge­schich­te geben könn­te – um im Ide­al­fall in ähn­lich gela­ger­ten Fäl­len Taten zu ver­mei­den – geht es im „Fall Kachelm­ann“ um das exak­te Gegen­teil: Ein mög­li­ches Ver­bre­chen im denk­bar intims­ten Rah­men, in des­sen Fol­ge nicht nur der mut­maß­li­che Täter der Öffent­lich­keit prä­sen­tiert wird, son­dern auch das poten­ti­el­le Opfer, not­dürf­tig anony­mi­siert.

* * *

Die ande­re Geschich­te hat nur eine Autoren­nennung, aber schon der ers­te Satz deu­tet an, dass auch Nico­la Pohl nicht allein war, als sie im pri­va­ten Umfeld der deut­schen Grand-Prix-Hoff­nung Lena Mey­er-Land­rut wühl­te:

Einen weh­mü­ti­gen Jun­gen mit dün­nem Bart. Eine Tanz­leh­re­rin, die abhebt. Einen Fri­seur, der der Neun­jäh­ri­gen die Spit­zen schnitt. Sie alle tra­fen wir, als wir zwei Tage durch Lena Mey­er-Land­ruts Leben spa­zier­ten und uns frag­ten: Wo lebt, lacht, liebt, lüm­melt Lena?

Die Recher­che muss noch ent­täu­schen­der ver­lau­fen sein als die bei Kachelm­ann: Aus der Über­schrift „Wie heil ist Lenas Welt?“ tropft förm­lich die Hoff­nung auf Fami­li­en­dra­men, Dro­gen, Sex und Schum­meln bei den Vor­abi­klau­su­ren, aber nichts davon hat die Autorin gefun­den. Jetzt muss sie unüber­prüf­ba­re und belang­lo­se Aus­sa­gen wie „Für 7,90 Euro ließ sie sich Spit­zen schnei­den“ als Sen­sa­ti­ons-Mel­dung ver­kau­fen. Wenn man schon sonst nichts gefun­den hat und extra hin­ge­fah­ren ist.

* * *

Mal davon ab, dass ein Fri­seur, der mit irgend­wel­chen wild­frem­den Men­schen über mich redet, mir die längs­te Zeit sei­nes Lebens die Haa­re geschnit­ten hät­te, habe ich nie ver­stan­den, was so inter­es­sant sein soll am Pri­vat­le­ben von Pro­mi­nen­ten. Ich bin mir sicher, wenn man die Nach­barn, Freun­de und Fami­li­en­mit­glie­der eines belie­bi­gen Men­schen befragt, wer­den die meis­ten nicht viel mehr als zwei, drei Sät­ze über die betref­fen­de Per­son berich­ten kön­nen – wohl aber erstaun­li­che Details aus dem Pri­vat­le­ben von Brad Pitt, Ange­li­na Jolie, San­dra Bul­lock und Tiger Woods.

Es ist mir egal, wie oft Ben Folds schon ver­hei­ra­tet war, wel­che Dro­gen Pete Doh­erty gera­de nimmt und wel­che Haar­far­be Lily Allen im Moment hat. Ich wün­sche die­sen Pro­mi­nen­ten wie allen ande­ren Men­schen auch, dass es ihnen gut geht. 2 Mich inter­es­siert ja offen gestan­den schon nicht, was die meis­ten Men­schen so machen, mit denen ich zur Schu­le gegan­gen bin. 3

* * *

Es sind Tex­te wie die­se zwei aus „Bild am Sonn­tag“, bei denen man hofft, bei der Aus­wahl der eige­nen Freun­de das rich­ti­ge Fin­ger­spit­zen­ge­fühl bewie­sen zu haben, auf dass die­se nicht mit irgend­wel­chen daher­ge­lau­fe­nen Jour­na­lis­ten plau­dern, wenn man selbst mal zufäl­li­ger­wei­se unter einen Tank­las­ter gera­ten soll­te. Gleich­zei­tig ahnt man natür­lich auch, dass die Men­schen, die reden wür­den, nur das Schlech­tes­te über einen zu berich­ten wüss­ten: Frü­he­re Mit­schü­ler, mit denen man nie etwas zu tun hat­te; Ex-Kol­le­gen, die man im Eifer des Gefechts mal eine Spur zu hart ange­gan­gen hat; Inter­net-Nut­zer, die glau­ben, auf­grund der Lek­tü­re ver­schie­de­ner Blog-Ein­trä­ge und ‑Kom­men­ta­re einen Ein­druck von der eige­nen Per­son zu haben.

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Über­haupt soll­te man bei die­ser Gele­gen­heit und für alle Zei­ten noch mal auf den Rat­ge­ber „Hil­fe, ich bin in BILD!“ zu ver­wei­sen, den die Kol­le­gen vor mehr als drei Jah­ren zusam­men­ge­stellt haben, aber der natür­lich immer noch gül­tig ist, wenn „Bild“-Reporter, Men­schen, die sich als sol­che aus­ge­ben, oder ande­re Medi­en­ver­tre­ter bei einem anru­fen.

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Wenn ein Ver­kehrs­mi­nis­ter sei­nen Füh­rer­schein wegen Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung abge­ben muss, ist das eine inter­es­san­te Infor­ma­ti­on, weil sei­ne pri­va­te Ver­feh­lung mit sei­nem öffent­li­chen Amt kol­li­diert. Wenn dage­gen ein Land­wirt­schafts­mi­nis­ter beim Rasen erwischt wür­de, sähe ich kei­nen Zusam­men­hang zu sei­nem Amt und somit auch kei­nen Grund für öffent­li­che Ver­laut­ba­run­gen. 4

Im Fal­le Kachelm­ann haben die Vor­wür­fe gegen ihn nichts mit sei­nem Beruf zu tun. Zwar ist es durch­aus denk­bar, dass ein öffent­lich-recht­li­cher Sen­der auf die Diens­te vor­be­straf­ter Mode­ra­to­ren ver­zich­ten wür­de (schon, um Schlag­zei­len wie „Unse­re Gebüh­ren für den Ver­ge­wal­ti­ger!“ zu ver­mei­den), aber dar­über kann die ARD ja immer noch ent­schei­den, wenn es ein rechts­kräf­ti­ges Urteil eines ordent­li­chen Gerichts gibt.

Allein über die irri­ge (und oft gefähr­li­che) Annah­me, man müs­se immer sofort los­be­rich­ten, wenn man von einer Sache Wind bekom­men hat, könn­te ich mich stun­den­lang aus­las­sen. Das Inter­net und der her­bei­phan­ta­sier­te Anspruch, man müs­se nicht der Bes­te, son­dern nur der Schnells­te sein, hat Jour­na­lis­mus zu etwas wer­den las­sen, was mit „work in pro­gress“ mit­un­ter noch schmei­chel­haft umschrie­ben wäre. „Work in pre­pa­ra­ti­on“ wäre mit­un­ter pas­sen­der.

* * *

Von der Arbeits­wei­se man­cher Medi­en­ver­tre­ter konn­te ich mich in den letz­ten Tagen selbst über­zeu­gen, als mich ein Mit­ar­bei­ter der Zeit­schrift „Der Jour­na­list“ anrief, die aus­ge­rech­net vom Deut­schen Jour­na­lis­ten-Ver­band her­aus­ge­ge­ben wird: Es ging um Vor­wür­fe, ein Kol­le­ge, der auch für BILD­blog schreibt, habe Zita­te erfun­den. Der Mann vom „Jour­na­lis­ten“ woll­te die Han­dy-Num­mer des Kol­le­gen, die ich ihm nicht geben konn­te, und erklär­te mir dann, er wol­le auf alle Fäl­le erst mal mit dem Betrof­fe­nen selbst spre­chen, bevor er etwas ver­öf­fent­li­che. Der Zeit­druck sei ja auch nicht sooo groß, zumal bei einer Monats­zeit­schrift.

„Das ehrt Sie schon mal“, hat­te ich sagen wol­len, es dann aber doch nicht getan, weil es mir albern erschien, ver­meint­li­che Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten zu loben. Glück gehabt, denn ich hät­te mein Lob zurück­neh­men müs­sen, wie sich als­bald zeig­te.

* * *

Doch noch ein­mal zurück zu Jörg Kachelm­ann: Wenn sich die Redak­ti­on der „Tages­schau“ nach lan­gen Dis­kus­sio­nen ent­schei­det, nicht über die Vor­wür­fe gegen ihn und sei­ne Ver­haf­tung zu berich­ten, kriegt sie dafür einen auf den Deckel.

Die sel­ben Medi­en, die sich im Ver­gleich zum bösen, bösen Inter­net (das neben hun­dert ande­ren Gesich­tern natür­lich auch sei­ne häss­li­che Frat­ze zeigt) immer wie­der ihrer „Gatekeeper“-Funktion rüh­men (die also wich­ti­ge von unwich­ti­gen, rich­ti­ge von unrich­ti­gen Mel­dun­gen unter­schei­den zu kön­nen glau­ben), haben ihre eige­nen Scheu­nen­to­re sperr­an­gel­weit offen und lei­ten ihre Ver­pflich­tung (mit einer Berech­ti­gung ist es nicht getan) zur Bericht­erstat­tung dar­aus ab, dass auch die Jus­tiz aktiv gewor­den ist.

Franz Baden auf sueddeutsche.de:

Im Fall Kachelm­ann hat eine Frau Straf­an­zei­ge erstat­tet – und das Amts­ge­richt Mann­heim Haft­be­fehl erlas­sen, als sich der Tat­ver­dacht erhär­tet habe. Dar­über wird berich­tet wer­den müs­sen.

Wenn sich ein Jour­na­list hin­stellt und zu Beson­nen­heit auf­ruft, wie es Mich­a­lis Pan­te­lou­ris in sei­nem Blog „Print Würgt“ getan hat, kommt der Chef­re­dak­teur des Medi­en­diens­tes des Trash-Por­tals von Meedia.de vor­bei und wirft ihm in einem Kom­men­tar vor, sol­che Blog­ein­trä­ge sei­en „ruf­schä­di­gend für den Jour­na­lis­mus“.

Mir ist nach der letz­ten Woche ehr­lich gesagt nicht ganz klar, auf was für einen Ruf er sich da eigent­lich noch bezieht.

  1. Der Kaba­ret­tist Vol­ker Pis­pers sag­te ein­mal über die Repor­ter, die nach den Anschlä­gen des 11. Sep­tem­ber 2001 in Ham­burg das Umfeld des Anfüh­rers Moham­med Atta aus­ge­fragt hat­ten: „Sol­che Men­schen kön­nen Sie nur zufrie­den­stel­len, indem Sie sagen: ‚Ja, so ein biss­chen nach Schwe­fel gero­chen hat er schon ab und zu.‘ “[]
  2. Auch wenn Musi­ker meist die bes­se­ren Songs schrei­ben, wenn es ihnen schlecht geht, aber so ego­is­tisch soll­te man als Hörer dann auch nicht sein.[]
  3. Selbst eini­ge Sachen, die mir gute Freun­de über sich erzählt haben, hät­te ich am liebs­ten nie erfah­ren. Aber mit die­ser Last muss man in einer Freund­schaft irgend­wie klar­kom­men.[]
  4. Dass sich gene­rell jeder an die Ver­kehrs­re­geln hal­ten soll­te, steht dabei außer Fra­ge.[]
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Leben

Hinter all diesen Türen

Bei Recher­chen stößt man manch­mal auf Din­ge, die nichts mit dem aktu­el­len The­ma zu tun haben, aber so außer­ge­wöhn­lich, kuri­os oder toll sind, dass man sie trotz­dem gern mit der Welt tei­len möch­te.

So wie die­se Pres­se­mit­tei­lung der Bre­mer Poli­zei:

Unglaub­lich aber wahr

(9. März 2010) Die Geschich­te fing damit an, dass ges­tern Mit­tag eine älte­re Dame im Bun­ten­tor­stein­weg ihren Abfall aus dem Haus brin­gen woll­te. Nach Erle­di­gung muss­te sie aber fest­stel­len, dass ihre Haus­tür zuge­fal­len und sie kei­nen Haus­tür­schlüs­sel mit­ge­nom­men hat­te. Die Frau wand­te sich dar­auf­hin hil­fe­su­chend an ihren Nach­barn, der sei­ne Schutz­manns­kol­le­gen infor­mier­te. Die sehr auf­ge­reg­te 88 Jah­re alte Frau konn­te den uni­for­mier­ten Hel­fern ledig­lich mit­tei­len, dass ihre Toch­ter im Besitz eines Ersatz­schlüs­sels sei. Deren Adres­se und Tele­fon­num­mer fie­len ihr in der Auf­re­gung nicht mehr ein. Nach­dem die­se Lücke schnell durch die Poli­zei­be­am­ten geschlos­sen wer­den konn­te, wur­de ein Ein­satz­fahr­zeug zur Adres­se der Toch­ter ent­sandt. Die 55-Jäh­ri­ge wur­de auch ange­trof­fen und um Hil­fe gebe­ten. Nach eini­gen Minu­ten muss­ten die Beam­ten aller­dings über Funk ihren Kol­le­gen bei der Mut­ter mit­tei­len, dass es mit der Hil­fe noch dau­ern wird, weil der Toch­ter bei dem Gespräch mit ihnen die Haus­tür zuge­fal­len sei. Einen Ersatz­schlüs­sel hät­te nur die Mut­ter! Dar­auf­hin order­ten die Beam­ten einen Schlüs­sel­dienst zum Bun­ten­tor­stein­weg. Als die Toch­ter sich jetzt auf den Weg machen woll­te, um ihren Ersatz­schlüs­sel bei der Mut­ter abzu­ho­len, fiel ihr sied­end­heiß ein, dass sie das Mit­tag­essen auf dem Herd hat­te. Logi­sche Kon­se­quenz – ihre Haus­tür wur­de jetzt von der eilig infor­mier­ten Feu­er­wehr geöff­net. Außer einem leich­ten Brand­ge­ruch wur­den kei­ne wei­te­ren Schä­den fest­ge­stellt. Nach­dem der Schlüs­sel­dienst die Haus­tür der Mut­ter geöff­net hat­te, wur­de auch hier leich­ter Brand­ge­ruch wahr­ge­nom­men. Auch die Mut­ter hat­te ihr Essen auf dem Herd gehabt. Die Mit­tag­essen bei Mut­ter und Toch­ter waren nach Anga­ben der Ein­satz­kräf­te gut durch­ge­kocht.

Eine Ver­fil­mung mit Inge Mey­sel in der Haupt­rol­le ist angeb­lich bereits in Pla­nung.

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Digital Leben

Still wird das Echo sein

In mei­nem direk­ten Umfeld gibt es eini­ge Men­schen, die seit län­ge­rem glaub­haft vor­ge­ben, mich zu mögen. Sie haben mich unab­hän­gig von­ein­an­der auf­ge­for­dert, mit der Lek­tü­re von Tex­ten aus der Spar­te „Ero­tik“ auf Bild.de auf­zu­hö­ren. Irgend­was wer­de davon sicher in Mit­lei­den­schaft gezo­gen: Augen, Hirn, Rücken­mark – man ken­ne das ja.

Ande­rer­seits ist es auch immer wie­der ein Quell der Freu­de, sich die­se Tex­te vor­zu­neh­men – und sie sind häu­fig auf der Start­sei­te ver­linkt.

Zum Bei­spie­le die­ser hier über „15 selt­sa­me Lie­bes­krank­hei­ten“. Dass in dem Arti­kel irgend­wel­che gänz­lich unko­mi­schen Zita­te abge­feu­ert wer­den, die einen nicht gera­de dazu brin­gen, das Buch zu kau­fen, dem sie ent­stam­men, soll uns hier mal nicht inter­es­sie­ren.

Ent­schei­dend ist der Ein­stieg:

Paa­re beneh­men sich manch­mal schon selt­sam: Da kon­trol­liert SIE ihren Part­ner, ob er die Spül­ma­schi­ne in ihrem Sin­ne ein­räumt. Da wird ER miss­trau­isch, wenn ihr Orgas­mus nicht mul­ti­pel ist. Manch­mal ant­wor­ten ER und SIE frei­mü­tig vor Freun­den auf nicht gestell­te Fra­gen zu ihrem Sex­le­ben. Und dann

Ich unter­bre­che da gera­de mal und fra­ge Sie, wie es wohl wei­ter­geht mit jenem Satz, der da mit „Und dann“ durch­aus span­nungs­taug­lich anmo­de­riert wird.

Naa, haben Sie eine Idee?

Tada­aa:

Und dann wie­der star­ren bei­de schwei­gend in einen kar­gen Misch­wald.

Ich fürch­te, ich wer­de heu­te die gan­ze Nacht wach lie­gen und mich fra­gen, was das nun wie­der soll …

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Leben

Alles was Du siehst gehört Dir

Wenn es Welt­meis­ter­schaf­ten im Mul­ti­tas­king gäbe – ich dürf­te nicht teil­neh­men. Ich wür­de mich noch nicht ein­mal für die Bezirks­li­ga qua­li­fi­zie­ren. Ich bin so hoff­nungs­los schlecht im gleich­zei­ti­gen Erle­di­gen von meh­re­ren Auf­ga­ben, dass ich noch nicht ein­mal wäh­rend des Essens trin­ken kann.

Jeden Abend fin­de ich in mei­nem Brow­ser Tabs, die ich irgend­wann gegen Mit­tag geöff­net und seit­dem nicht mehr zu Gesicht bekom­men habe. Begon­ne­ne E‑Mails, denen nur noch eine Gruß­for­mel und ein Klick auf den „Absenden“-Button fehlt. Text­an­fän­ge in irgend­wel­chen Edi­to­ren, die ein­mal irgend­was hät­ten wer­den kön­nen: Jour­na­lis­mus, Lite­ra­tur, Lyrics. Aber die Idee, der die­se Anfän­ge ent­wach­sen sind, ist längst ver­glimmt und die Zei­len, die da ste­hen, irri­tie­ren mich selbst am meis­ten.

Wenn man eine Woh­nung mit meh­re­ren Zim­mern hat, wird jedes irgend­wann zum Tab im Brow­ser des Lebens: In der Küche steht das Was­ser in der Spü­le und wird lang­sam kalt, weil ich eben ins Bad rüber­ge­gan­gen war, um die Wasch­ma­schi­ne aus­zu­stel­len, und dabei gese­hen hat­te, wie dre­ckig Wasch­be­cken und Spie­gel eigent­lich schon wie­der sind. Wäh­rend­des­sen steht die nas­se Wäsche im Schlaf­zim­mer und war­tet dar­auf, dass sie jemand auf­hängt. Die­ser Jemand soll­te ich sein, aber ich bin gera­de im Wohn­zim­mer, um die E‑Mails zu che­cken. Da mich wäh­rend mei­ner Abwe­sen­heit vom Rech­ner fünf Freun­de in drei ver­schie­de­nen Chats ange­schrie­ben haben, blei­be ich erst mal am Com­pu­ter, der­weil mein frisch auf­ge­wärm­tes Mit­tag­essen in der Mikro­wel­le wie­der erkal­tet. Als ich kurz ins Bad gehe, über­ra­schen mich dort ein offe­nes Fens­ter und ein halb geputz­tes Wasch­be­cken.

Neben mei­nem Bett, in das ich mich regel­mä­ßig viel zu spät zurück­zie­he, weil ich mich wie­der irgend­wo auf­ge­hal­ten habe, lie­gen drei Bücher: Ein Roman, der mir aber viel mehr Auf­merk­sam­keit abver­langt, als ich zu so spä­ter Stun­de zu leis­ten imstan­de bin; eine bereits mehr­fach gele­se­ne Text­samm­lung, aus der man kurz vor dem Weg­däm­mern noch mal eben ein paar Sei­ten weg­le­sen kann; ein Klas­si­ker, von dem ich nie­mals nie und unter gar kei­nen Umstän­den mehr als die ers­ten drei Sät­ze lesen wer­de. Aber er liegt da ganz gut.

Wenn ich mich mit Freun­den tref­fe, fal­len sie zumeist im Rudel ein. Dann sit­zen wir in Knei­pen, in denen die Musik lau­ter ist als die Sum­me unse­rer Gesprächs­fet­zen, und füh­ren Gesprä­che. Meh­re­re. Gleich­zei­tig. Manch­mal kom­men Men­schen vor­bei, eini­ge ken­ne ich selbst. Man plau­dert kurz, dann müs­sen die­se Men­schen zurück in ihre eige­nen Gesprächs­ar­ran­ge­ments. Oder drin­gend aufs Klo. Die ein­zi­gen, die den Über­blick behal­ten, sind die Kell­ner. Sie haben klei­ne elek­tri­sche Gerä­te, mit denen sie die Bestel­lun­gen auf­neh­men kön­nen, und die immer wis­sen, was wohin muss.

Im Hei­mat­ur­laub sit­ze ich meist in mei­nem alten Kin­der­zim­mer und fra­ge mich, wen ich besu­chen könn­te. Dann gehe ich kurz in die Küche, wo ich nichts zu essen fin­de, wes­we­gen ich in den Kel­ler gehe, um im Vor­rats­raum nach­zu­se­hen, wobei ich an unse­rem alten Pro­ben­kel­ler vor­bei­kom­me und mei­ne E‑Gitarre sehe. Wäh­rend ich sie in die Hand neh…

*pling*

Ver­zei­hung, das ist mein Mit­tag­essen. Glaub ich.

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Digital Leben

Hang On To Your IQ

Als ich bei CT das radio anfing, gab es eine fes­te Regel: Pro Nach­rich­ten­block wur­de eine Welt­nach­richt, eine Deutsch­land­nach­richt, eine aus NRW/​Ruhrgebiet und eine aus dem Hoch­schul­we­sen benö­tigt. Hoch­schul­nach­rich­ten began­nen meist mit der For­mu­lie­rung „For­scher der Ruhr-Uni­ver­si­tät haben her­aus­ge­fun­den …“ und ende­te nicht sel­ten mit schla­fen­den Hörern. 1 Manch­mal auch mit schla­fen­den Nach­rich­ten­spre­chern.

Irgend­wann wur­den die gelang­weilt abge­le­se­nen Mit­tei­lun­gen der Uni-Pres­se­stel­len zum Hor­mon­haus­halt von Karp­fen und zur Anzie­hungs­kraft weit ent­fern­ter Pla­ne­ten in ein eige­nes Pro­gramm­seg­ment ver­frach­tet, des­sen Bum­per 2 den Hörern deut­lich macht, dass sie jetzt gefahr­los zwei Minu­ten auf Klo gehen kön­nen, ohne ihren aktu­el­len Lieb­lings­song zu ver­pas­sen. Aber was will man tun? Hoch­schul­nach­rich­ten gehö­ren halt zum Sen­de­auf­trag von Cam­pus­ra­di­os …

Medi­en gehen kaum weni­ger lieb­los mit den Ent­de­ckun­gen und Erkennt­nis­sen gro­ßer For­scher um: Wis­sen­schaft­li­che Inhal­te sind nur dann span­nend, wenn „wir“ 3 mal wie­der Nobel­preis „sind“ oder sich zu kna­cki­gen Schlag­zei­len im „Panorama“-Ressort bürs­ten las­sen.

In den letz­ten Wochen also in etwa so:

Studie: Niedriger IQ schlecht fürs Herz

Herz-Kreislauf-Erkrankung durch niedrigen IQ - Gesundheitszustand vom IQ abhängig

Areale im Gehirn - Wo die Intelligenz sitzt

Und wenn man Ursa­che und Wir­kung ver­tauscht, kommt schon mal so etwas her­aus:

Die neu­es­ten Erkennt­nis­se sind auch wie­der beru­hi­gend:

Intelligenz und Evolution - Konservative haben geringeren IQ

Sato­shi Kana­za­wa von der Lon­don School of Eco­no­mics and Poli­ti­cal Sci­ence will eine gan­ze Men­ge her­aus­ge­fun­den haben:

In the cur­rent stu­dy, Kana­za­wa argues that humans are evo­lu­tio­na­ri­ly desi­gned to be con­ser­va­ti­ve, caring most­ly about their fami­ly and fri­ends, and being libe­ral, caring about an inde­fi­ni­te num­ber of gene­ti­cal­ly unre­la­ted stran­gers they never meet or inter­act with, is evo­lu­tio­na­ri­ly novel. So more intel­li­gent child­ren may be more likely to grow up to be libe­rals.

Mehr noch:

„Humans are evo­lu­tio­na­ri­ly desi­gned to be para­no­id, and they belie­ve in God becau­se they are para­no­id,“ says Kana­za­wa. […] „So, more intel­li­gent child­ren are more likely to grow up to go against their natu­ral evo­lu­tio­na­ry ten­den­cy to belie­ve in God, and they beco­me athe­ists.“

Und schließ­lich:

And the theo­ry pre­dicts that more intel­li­gent men are more likely to value sexu­al exclu­si­vi­ty than less intel­li­gent men, but gene­ral intel­li­gence makes no dif­fe­rence for women’s value on sexu­al exclu­si­vi­ty.

All die­se Erkennt­nis­se 4 gerin­nen bei den Online-Medi­en des Axel-Sprin­ger-Ver­lags schließ­lich zu Schlag­zei­len wie die­sen:

Britischer Forscher behauptet: Fremdgeher haben einen niedrigeren IQ!

Sex-Studie: Fremdgeher haben niedrigen IQ

Hmmmm. Was könn­te wohl pas­sie­ren, wenn es die Mel­dung bis nach Öster­reich schafft?

Untreue Männer sind dümmer

Ob die im Volks­mund weit ver­brei­te­te The­se, wonach Dumm bes­ser ficke, auch für Män­ner gilt, steht lei­der nicht im Arti­kel.

Wäre aber doch ein schö­ner Aus­gleich, denn:

Wer einen niedrigen IQ hat, stirbt früher

Mit Dank auch an Peter B., Lukas S. und noir

  1. Mut­maß­lich, für eine Media-Ana­ly­se fehl­te das Geld.[]
  2. Fach­be­griff für „Eine gut gelaun­te Stim­me ruft den Namen der Rubrik, dann läuft jene Hin­ter­grund­mu­sik, die die ver­rück­ten Radio­men­schen ‚Bett‘ nen­nen …“[]
  3. Also Sie, ich und Kai Diek­mann – das gan­ze deut­sche Volk halt.[]
  4. Ein höhe­rer IQ führt zu mehr Pro­gres­si­vi­tät, weni­ger Reli­gio­si­tät und höhe­rer Mono­ga­mie.[]
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Leben Kultur

Schwanzvergleich des Tages

Abends an der The­ke. Als Rück­geld für das bezahl­te Bier gab es unter ande­rem ein uns völ­lig unbe­kann­tes 2‑Eu­ro-Stück. Wir scher­zen. „Haha, das Bild auf der Rück­sei­te sieht ja aus wie ein… Penis.“ Gro­ßes Geläch­ter, wir eini­gen uns dar­auf, dass dem so sei.

2-Euro-Münze mit Motiv "Idol von Pornos"

Einen Tag spä­ter. Aus rei­ner Neu­gier­de, woher die Mün­ze stammt, ein­fach mal die all­wis­sen­de Inter­net­such­ma­schi­ne ange­wor­fen und bei Wiki­pe­dia gelan­det. Und mit gro­ßen Augen und her­un­ter­ge­klapp­ter Kinn­la­de auf die Beschrei­bung star­rend. Wie beun­ru­hi­gend gut die­se auf unse­re Scher­ze pass­te: Die (übri­gens zyprio­ti­sche) Euro-Mün­ze zeigt das soge­nann­te „Idol von Por­nos“…

oder auch nicht. Es ist aber auch hunds­ge­mein, dass die Buch­sta­ben­kom­bi­na­ti­on „rn“ dem „m“ so ähn­lich ist…

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Leben Gesellschaft

Möbeltransport im ÖPNV – Eine Fallstudie

Men­schen mit ent­spre­chen­den Erfah­run­gen erklä­ren ger­ne, ein Kind zu bekom­men wür­de die Sicht­wei­se auf die Welt völ­lig ver­än­dern. Ich bin weit davon ent­fernt, dem wider­spre­chen zu wol­len (oder zu kön­nen), aber ich kann die­sen Men­schen zuru­fen: “Für einen Per­spek­tiv­wech­sel braucht’s kei­nen unge­schütz­ten Geschlechts­ver­kehr. Es reicht auch, mit vier Alu­mi­ni­um­stüh­len unterm Arm U‑Bahn zu fah­ren.“

Und das kam so:

Ich hat­te kurz vor mei­nem Umzug in einem Geschäft in der Bochu­mer Innen­stadt mei­ne Traum­sitz­mö­bel ent­deckt: Nach­bau­ten des Design­klas­si­kers „Navy Chair“, her­ab­ge­setzt auf einen Preis, der nahe­zu unan­stän­dig nied­rig war. Als mein Vater mei­ner neu­en Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de ansich­tig wur­de (und den dazu­ge­hö­ri­gen Preis erfuhr), rief er aus: „Sohn, gehe hin und hole mir davon, so viel Du tra­gen kannst!“

Das gan­ze Pro­ze­de­re dau­er­te etwas län­ger, die Stüh­le muss­ten erst bestellt wer­den, aber dann waren sie da: Schön, sta­bil, leicht und unfass­bar bil­lig. Pro­blem: Mei­ne Fuh­re hat­te ich bequem mit einem Auto abho­len kön­nen, das zum Zwe­cke der Umzugs­vor­be­rei­tun­gen gera­de bei mir auf dem Park­platz rum­ge­stan­den hat­te. Aber das war jetzt weg.

Da zu den oben auf­ge­führ­ten her­vor­ste­chen­den Eigen­schaf­ten der Möbel auch das gerin­ge Gewicht zählt, war ich aber unbe­sorgt, die Situa­ti­on trotz­dem meis­tern zu kön­nen. Kurz bevor Bochum zum sie­ben­und­neun­zigs­ten Mal in die­ser Sai­son unter einer geschlos­se­nen Schnee­de­cke ver­sank, mach­te ich mich also auf den Weg, kauf­te die bestell­ten Stüh­le und klemm­te sie mir unter dem angst­er­füll­ten Blick der Mit­ar­bei­ter unter den Arm. Wür­de ich es schaf­fen, das Geschäft zu ver­las­sen, ohne ande­re Tei­le der Pro­dukt­pa­let­te in Mit­lei­den­schaft zu zie­hen? Ich schaff­te es. Eine freund­li­che Kun­din hielt mir sogar die Tür auf.

Der Weg hin­ab in die U‑Bahn-Sta­ti­on war kurz und soweit kein Pro­blem. Zwar nahm ich auf der Roll­trep­pe eini­gen Platz ein, aber die weni­gen Men­schen, die vor­bei woll­ten, beschie­den mir gera­de­zu aus­ufernd, dass das schon pas­se.

Die U35 stell­te kein Pro­blem dar: Die Wagen sind groß und geräu­mig, und da ich eh nur eine Hal­te­stel­le fah­ren und auf der gegen­über­lie­gen­den Sei­te aus­stei­gen muss­te, konn­te ich mich direkt vor die Tür stel­len. Hei­kel wur­de es, als sich eine Kon­trol­leu­rin näher­te und die Fahr­aus­wei­se sehen woll­te. Auf kei­nen Fall woll­te ich die genau aus­ba­lan­cier­ten Sitz­ele­men­te abstel­len müs­sen, um mein Porte­mon­naie zu zücken. Es war wie bei Hitch­cock: Sie kam immer näher, wäh­rend die Bahn schon für den Halt am Haupt­bahn­hof abbrems­te. Glück­li­cher­wei­se schaff­te ich es, den Zug zu ver­las­sen, bevor ich mein Ticket vor­zei­gen muss­te.

Im Bahn­hof kämpf­te ich mich – etwas in Wen­dig­keit und Tem­po gehemmt – zur unter­ir­di­schen Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­le vor. Dort traf mich die Erkennt­nis mit der Wucht einer auf dem Büh­nen­bo­den des New Yor­ker Pal­la­di­ums zer­trüm­mer­ten Bass­gi­tar­re: Die Rush Hour ist nicht der idea­le Zeit­punkt, um den öffent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehr als Möbel­trans­por­ter zu miss­brau­chen.

Meh­re­re Hun­dert­tau­send Men­schen (Schät­zung von mir) stan­den am Gleis und scharr­ten mit den Füßen, auf dass sie sich in eben jene Stra­ßen­bahn des Todes zwän­gen kön­nen wür­den, um mög­lichst schnell bei Fami­lie, Abend­brot und/​oder TV-Unter­hal­tung zu sein. Das wür­de ein har­ter, bru­ta­ler Kampf wer­den.

Inner­lich berei­te­te ich mich schon dar­auf vor, Gal­le gei­fern­de Tex­te über zu klei­ne Ver­kehrs­mit­tel, dumm glot­zen­de Mit­men­schen und die gene­rel­le Schlech­tig­keit der Welt ins Inter­net zu kot­zen. Dann kam die Bahn, eine stark gegen unend­lich ten­die­ren­de Anzahl Men­schen stieg aus und eine eben­sol­che ein. Ich auch.

Es war mir etwas unan­ge­nehm und ich hat­te auch Angst, Men­schen mit den Leicht­me­tall­mö­beln zu ver­let­zen. Aber zum Glück ist ja immer noch Polar­win­ter und alle Men­schen sind gut ver­packt. Ent­schul­di­gend mur­mel­te ich in die Run­de, ich hät­te halt kein Auto und die Stoß­zei­ten außer acht gelas­sen. „Ach, Sie haben sich dazu ent­schie­den, jetzt und hier mit der Bahn zu fah­ren und damit ist es gut“, erklär­te mir eine Frau mitt­le­ren Alters zu mei­ner eige­nen Ver­wun­de­rung mei­ne momen­ta­ne Situa­ti­on.

Erstaun­li­cher­wei­se waren alle Men­schen in einem Maße hilfs­be­reit, dass mich sofort das schlech­te Gewis­sen über­kam, vor­her jemals etwas ande­res erwar­tet zu haben: Soll ich Ihnen das mal abneh­men? Wo müs­sen Sie denn raus? Wis­sen Sie, auf wel­cher Sei­te der Aus­stieg ist?

An mei­ner Hal­te­stel­le trug mir ein jun­ger Mann zwei zwi­schen­zeit­lich doch mal abge­stell­te Stüh­le auf den Bahn­steig und frag­te, ob er mir tra­gen hel­fen sol­le, er woh­ne hier ja auch in der Gegend. Vie­len Dank, sag­te ich, geht schon.

Auf der Roll­trep­pe nach oben starr­te mich eine jun­ge Frau mit einer Mischung aus Mit­leid und Ent­set­zen an und frag­te, ob ich Hil­fe brau­che. Nein, sagt ich, kein Pro­blem, wiegt ja nix.

Drei Minu­ten spä­ter war ich zuhau­se. Ich hat­te nicht nur mei­ne Hei­mat­stadt mit ganz neu­en Augen gese­hen, son­dern auch die Men­schen dort.

Nächs­te Woche brin­ge ich mei­ne alte Leder­couch mit der Bahn von Dins­la­ken nach Bochum.