Fakin’ It

Von Lukas Heinser, 24. Februar 2011 19:02

In der aktuellen Debatte um akademische und wissenschaftliche Ehre ist mir eine Geschichte wieder in den Sinn gekommen, die sich vor einiger Zeit an meinem ehemaligen Gymnasium ereignet haben soll und an deren Wahrheitsgehalt ich keinen Grund zu Zweifeln habe:

In einem Englisch-LK war eine Schülerin am Tag der Klausur krank gewesen und musste diese nachschreiben. Wie allgemein üblich wurde sie dafür alleine in einen ungenutzten Raum (ich glaube, es war der Erdkunde-Kartenraum) gesetzt, wo ihr die Aufgabenstellungen vorgelegt wurden. Entgegen der üblichen Vorgehensweise und vermutlich auch entgegen zahlreicher Vorschriften gab ihr der Lehrer exakt die gleichen Arbeitsanweisungen, die er schon dem Rest der Klasse kurz zuvor bei der „echten“ Klausur ausgehändigt hatte.

Interessanterweise hatte die Schülerin in ihrem Rucksack die bereits korrigierte und zurückgegebene Klausur eines Mitschülers, die sie nun über die nächsten Stunden ausführlich abschrieb — entgegen aller schulischen Regeln und jedweder Moral, versteht sich.

Theodor-Heuss-Gymnasium

Dem Lehrer scheint das Komplett-Plagiat nicht aufgefallen zu sein, jedenfalls wertete er die Klausur nicht als Täuschungsversuch, sondern korrigierte sie ganz normal. Oder: fast, denn er hatte die Original-Arbeit des Schülers deutlich besser (die genauen Details sind niemandem mehr erinnerlich, aber die Rede war von mindestens sechs Punkten, was zwei Noten entspräche) bewertet als die der Schülerin.

Die Schülerin, die sich die ganze Zeit von dem Lehrer ungerecht behandelt gefühlt hatte, konnte natürlich nicht zum Rektor gehen, um sich über ihre Note zu beschweren. Aber eine bemerkenswerte Geschichte war es doch.

7 Kommentare

  1. lutz
    24. Februar 2011, 19:18

    ich denke, so eine story gab es an jedem gymnasium…aber immer wieder erstaunlich

    ganz beliebt war diese praxis auch bei facharbeiten

    ich glaube fast, die schülerin warst du! :D

  2. lutz
    24. Februar 2011, 19:26

    btw: wenn ich mir die guttenberg-fanpage auf fb anschau` und mich tatsächlich dazu herablasse, die kommentare zu lesen, glaub ich 285.907 (19:21) bild-leser entdeckt zu haben und muss ganz schnell ins bad verschwinden.

    ich warte jeden tag darauf, dass herr huch die besagte werbekampagne ankündigt. werbung für sein i-pad und dessen lesen der nachrichten von bild vor erscheinen auf bild.de hat er ja zu genüge gemacht.

  3. Marc
    24. Februar 2011, 19:47

    nicht unüblich, dass lehrer nach sozialer herkunft bewerten wurde schon hier und da nachgewiesen

  4. Hannah
    24. Februar 2011, 20:58

    Kenne ich aus eigener Erfahrung. Praktischerweise war ich die, die nachschreiben musste – zwar hatte ich die korrigierte Einser-Bio-Klausur meines Mitschülers nicht im Rucksack dabei, aber damals funktionierte mein Gedächtnis noch so gut, dass einmaliges Durchlesen gereicht hat, nur bei einer Frage einen Flüchtigkeitsfehler zu machen, der aus der Vorlage mit 1- meine 2+ gemacht hat. Der Aufsichtslehrer (nicht mein Fachlehrer) hat sich gewundert, dass ich nach ner knappen halben Stunde fertig war, und das war’s dann auch schon.

  5. Julius
    24. Februar 2011, 23:57

    normalerweise streue ich keine links zu mir, aber weil es so schön passt: http://amorphe-welt.blogspot.com/2011/02/copy.html (erster absatz)
    wobei der fall bei gleicher lerngruppe etc. natürlich noch gravierender ist. albern auch, wie sehr lehramtsstudierende (und selbige dann später als referendariare und lehrer) noch an noten glauben, diese bis aufs letzte verteidigen und an die totale objektivität der blossen zahl glauben (sag ich mal aus eigener erfahrung).

  6. Howie Munson
    25. Februar 2011, 0:09

    hmmm, was ist wenn der Lehrer das Plagiat doch bemerkte aber eben nicht sich und der Schülerin alles versauen wollte, weil er sie ja in „Versuchung“ geführt hat indem er sich keine neue Aufgabenstellung ausdachte? Klar wäre auch nicht toll aber wenn es eben ihren Notenschnitt nicht deutlich geändert hat, sehe ich da keinen Skandal…

    anderherum wäre es deutlich brisanter aus einen „grad noch bestanden“ würde ein „hervorrangedes sehr gut“ (auch summa cum laude genannt^^) *duck*

  7. Julius
    25. Februar 2011, 0:11

    typo: referendare, es heisst referendare. o0(das kommt davon, wenn man „im referendariat“ zu „als referendar“ ändert. nerv.)