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Sonst ist der bitt’re Frost mein Tod

Als ich noch kein Kind hat­te, fand ich die Fra­ge „Haben Sie selbst Kin­der?“ in einer Dis­kus­si­on immer etwas unver­schämt – so, als ob einem das Schick­sal der Welt und der Men­schen weni­ger wich­tig wäre, nur weil man sich noch nicht erfolg­reich fort­ge­pflanzt hat. Stellt sich raus: Es ändert sich tat­säch­lich wahn­sin­nig viel und plötz­lich steht man am Mor­gen nach einer US-Prä­si­dent­schafts­wahl wei­nend unter der Dusche, weil man lang­sam echt Angst bekommt, in was für einer kran­ken Welt das Kind und sei­ne Freun­de eigent­lich auf­wach­sen sol­len.

Die neue Sicht auf die Welt ist aber nicht aus­schließ­lich apo­ka­lyp­tisch – im Gegen­teil: Die Geschich­te von St. Mar­tin hat mich als Kind nie ernst­haft beschäf­tigt. Klar: Bett­ler, Man­tel, Hei­li­ger. Jedes Jahr gab es in Dins­la­ken einen Gro­ßen Mar­tins­zug mit Pferd und Feu­er, danach gab es Stu­ten­kerle, aber das alles war nur das Vor­pro­gramm für die Mar­ti­ni­kir­mes, über die wir anschlie­ßend mit Omas Kir­mes­geld in der Tasche zie­hen durf­ten – und deren Name uns auch erst sehr viel spä­ter irgend­wie mehr­deu­tig und lus­tig erschien. Letz­tes Jahr aber, als wir das ers­te Mal mit dem Kind beim Mar­tins­zug waren und die Flücht­lings­kri­se gera­de auf dem Höhe­punkt war, da erschien mir die Geschich­te des römi­schen Sol­da­ten, der sich um einen Obdach­lo­sen vor den Stadt­to­ren küm­mert, plötz­lich wahn­sin­nig wich­tig und aktu­ell. Da hät­te der Pfar­rer bei sei­ner Rezi­ta­ti­on der Mar­tins­ge­schich­te gar nicht mehr den Bogen in die Gegen­wart schla­gen müs­sen.

Je län­ger ich dar­über nach­den­ke, des­to mehr habe ich das Gefühl, dass das Mar­tins­fest der viel­leicht wich­tigs­te – sicher­lich aber: greif­bars­te – christ­li­che Fei­er­tag sein könn­te. Geburt oder Auf­er­ste­hung eines Hei­lands, Hei­li­ger Geist und Was­ge­nauf­ei­ert­man­noch­mal­an­Fron­leich­nam? sind von der Lebens­wirk­lich­keit der Men­schen dann doch eher weit ent­fernt, Hilfs­be­reit­schaft und Nächs­ten­lie­be ver­ste­hen die meis­ten noch. Da braucht es dann auch gar nicht unbe­dingt noch die Schluss­poin­te und die fünf­te Stro­phe des Mar­tins­lieds, wo Jesus Chris­tus auf­taucht und erklärt, dass der gute Mar­tin jetzt für ihn, Chris­tus, den Man­tel gege­ben hät­te.

Nach­dem Ange­la Mer­kel mit ihrem Auf­ruf, Lie­der­zet­tel zu kopie­ren und Block­flö­tis­ten zu Rate zu zie­hen, mal wie­der für gro­ßes Hal­lo auf dem Gebiet gesorgt hat­te, das die meis­ten Deut­schen immer noch für Sati­re hal­ten, ver­öf­fent­lich­te der WDR in sei­ner Sen­dung „WDR aktu­ell“ einen Bei­trag aus dem WDR-Lehr­buch „WDR-Bei­trä­ge, die wie WDR-Bei­trä­ge aus­se­hen“: Erst san­gen nor­ma­le Men­schen auf der Stra­ße Weih­nachts­lie­der in Kame­ra und Mikro­fon, dann gab es Schnitt­bil­der von der Kanz­le­rin, schließ­lich kamen ein paar ein­ord­nen­de O‑Ton-Geber zu Wort. Der stell­ver­tre­ten­de CDU-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de im Düs­sel­dor­fer Stadt­rat, Andre­as Hart­nigk, erklärt:

Wir sind hier in einer christ­lich-abend­län­di­schen Kul­tur groß gewor­den, wir leben die­se Kul­tur auch, und da sin­gen wir kei­ne Son­ne-Mond-und-Ster­ne-Lie­der, son­dern wir sin­gen St.-Martins-Lieder und das Ding heißt auch St.-Martins-Umzug. Und das muss auch so blei­ben und jeder, der das nicht will, kann sich einen andern Lebens­raum suchen, wenn er das nicht akzep­tiert, oder er hält sich vor­nehm zurück.

Ich habe ein paar Stun­den gebraucht, bis mir die­ser O‑Ton rich­tig übel auf­stieß. Mal davon ab, dass „Later­ne, Later­ne, Son­ne, Mond und Ster­ne“ nun seit Jahr­zehn­ten zum Reper­toire eines Mar­tins­zugs gehö­ren dürf­te, klopft hier ein ganz ande­res Pro­blem an: Wäre es nicht irgend­wie sinn­vol­ler, sich dafür zu inter­es­sie­ren, was die Bot­schaft hin­ter dem Fest und dem Umzug ist, und nicht, wie ande­re Leu­te das Ding nen­nen?

Die Panik, dass unse­re schö­nen christ­li­chen Fes­te umbe­nannt wer­den, treibt Kon­ser­va­ti­ve und Neu­rech­te seit Jah­ren um und sorgt immer wie­der für besorg­te Falsch­mel­dun­gen. (Klar: Nichts trans­por­tiert die Weih­nachts­bot­schaft bes­ser als ein soge­nann­ter Weih­nachts­markt, auf dem sich erwach­se­ne Men­schen nach Fei­er­abend mit min­der­wer­ti­ger Plör­re betrin­ken. Den soll­te man auf kei­nen Fall in „Win­ter­markt“ umbe­nen­nen!) In denen meis­ten Fäl­len geht es ihnen dabei gar nicht um den Anlass eines sol­chen Fei­er­tags, son­dern um die rei­ne Exis­tenz die­ses Fei­er­tags, abge­kop­pelt von sei­ner Geschich­te. Der Ursprung des Zitats, Tra­di­ti­on sei nicht das Bewah­ren der Asche, son­dern die Wei­ter­ga­be des Feu­ers, ist eini­ger­ma­ßen unklar, aber man soll­te die­se Wor­te mal ein biss­chen in Hirn und Herz bewe­gen.

Als Alex­an­der Gau­land von der AfD im Gespräch mit FAZ-Repor­tern sei­nen berüch­tig­ten Jérô­me-Boat­eng-Nach­barn-Satz äußer­te, sag­te er auch, unter den Anhän­gern sei­ner Par­tei gebe es die Sor­ge, „dass eine uns frem­de Reli­gi­on sehr viel prä­gen­der ist als unse­re abend­län­di­sche Tra­di­ti­on“. Die Wort­wahl war auf­fäl­lig, weil er nicht wie ande­re Kon­ser­va­ti­ve von einer „christ­lich-abend­län­di­schen“ Kul­tur oder Tra­di­ti­on sprach – die christ­li­chen Kir­chen hat­ten zu die­sem Zeit­punkt die AfD näm­lich schon mit­un­ter deut­lich kri­ti­siert. Wenn es ernst­haft um christ­li­che Wer­te gin­ge, hät­te ja auch die CSU ein völ­lig ande­res Par­tei­pro­gramm.

Der musi­ka­li­sche Lei­ter des Schau­spiel­hau­ses Dort­mund, Tom­my Fin­ke, ein guter Freund von mir, sagt dann auch den ent­schei­den­den Satz in die­sem WDR-Bei­trag:

Vie­le unse­rer christ­li­chen Wer­te sind ja eigent­lich huma­nis­ti­sche Wer­te, das heißt, sie sind nicht unbe­dingt der christ­li­chen Reli­gi­on allein zuzu­schrei­ben.

Ich bin Kind einer Misch­ehe, evan­ge­lisch getauft, habe aber von mei­ner Oma die vol­le Palet­te der katho­li­schen Schutz­hei­li­gen mit­be­kom­men. Wenn sie in ihrem Haus­halt etwas nicht wie­der­fin­det, zün­det sie eine Ker­ze für den Hei­li­gen Anto­ni­us an, in der Hoff­nung, dass der „Klün­gel­tün­nes“ ihr hilft. (Mei­ne Oma sagt aber auch immer: „Ein Haus ver­liert nichts“, was die Ver­ant­wor­tung ein biss­chen von den Schul­tern des Hei­li­gen nimmt.) Das ist harm­lo­se, lebens­na­he Reli­gi­ons­aus­übung, das Gegen­teil von Kreuz­zü­gen und Hei­li­gem Krieg. Ich selbst habe mir das Got­tes­bild aus dem Kin­der­got­tes­dienst bewahrt und sehe es prag­ma­tisch: Da man die Nicht­exis­tenz eines höhe­ren Wesens nicht bewei­sen kann, kann man auch dran glau­ben, wenn es einem selbst wei­ter­hilft und man ande­ren damit nicht zur Last fällt. Ich find’s aber auch total in Ord­nung, wenn jemand sagt, er glau­be nicht an Gott – das ist ja das Wesen von „Glau­ben“. (Wenn jemand behaup­tet, er wis­se, dass Gott exis­tie­re – oder, dass der nicht exis­tie­re – wird’s schwie­rig: Bei­des. Ist. Wis­sen­schaft­lich. Nicht. Beweis­bar.)

Nächs­ten­lie­be und Hilfs­be­reit­schaft fin­de ich gut, unab­hän­gig davon, ob man jetzt aus reli­giö­sen oder huma­nis­ti­schen Grün­den han­delt. Aber man kann ja schlecht immer den Unter­gang der „christ­li­chen Wer­te“ bewei­nen, wenn man sie sel­ber nicht lebt. Und das mein­te die Kanz­le­rin ja auch mit ihren Aus­füh­run­gen zu Block­flö­te und Weih­nachts­lie­dern: Eine Reli­gi­on geht ja nicht dadurch unter, dass plötz­lich (im Sin­ne von: seit über fünf­zig Jah­ren) Men­schen einer ande­ren Reli­gi­on in einem Land leben, son­dern dadurch, dass sie nicht mehr bzw. nur als see­len­lo­se Tra­di­ti­on prak­ti­ziert wird. Und ein sprich­wört­li­cher fuß­ball­spie­len­der Sene­ga­le­se wird vom Gene­ral­se­kre­tär einer soge­nann­ten christ­li­chen Par­tei auch noch dafür geschol­ten, dass er minis­triert, weil man ihn dann nicht mehr abschie­ben kön­ne. Da hat sich die Logik ja schon auf hal­ber Stre­cke selbst ans Kreuz gena­gelt.

Wie war ich da jetzt hin­ge­kom­men und wie krie­ge ich die­sen Text zu Ende, ohne auch noch Schlen­ker über Donald Trump, die Geschich­te der römisch-katho­li­schen Kir­che und die Songs des ges­tern ver­stor­be­nen Leo­nard Cohen zu neh­men?

Ich wün­sche Ihnen und vor allem Ihren Kin­dern einen schö­nen St.-Martins-Tag und schau­en Sie heu­te viel­leicht mal ein biss­chen genau­er hin, ob jemand in Ihrer Umge­bung Hil­fe gebrau­chen könn­te!

Nach­trag, 16.28 Uhr: Nach Ver­öf­fent­li­chung die­ses Arti­kels habe ich gele­sen, dass der St.-Martins-Umzug eines Kin­der­gar­tens in Fürth abge­sagt bzw. ver­legt wer­den muss­te, weil zur glei­chen Zeit am glei­chen Ort Pegi­da unter dem Mot­to „Sankt Mar­tin und sei­ne heu­ti­ge Bedeu­tung“ demons­triert.

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Lucky & Fred: Episode 15

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Bran­ge­li­na sind Geschich­te, Lucky & Fred sind wie­der da: Zurück aus der Som­mer­fri­sche spre­chen sie über Popu­lis­ten wie Donald Trump und Horst See­ho­fer, zer­le­gen die Null­for­mel „Wir schaf­fen das“ inhalt­lich und sprach­lich und rät­seln, wie es mit dem Kon­ser­va­ti­vis­mus wei­ter­ge­hen könn­te.

Außer­dem erzäh­len sie alles, alles über Natio­nal­hym­nen, ver­ra­ten, wer neu­er Bun­des­prä­si­dent wird, und wel­ches Amt Lucky dem­nächst über­neh­men wird.

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Schwarm, wir müssen reden!

Vor ziem­lich genau zehn Jah­ren habe ich mit dem Blog­gen ange­fan­gen. Erst drü­ben in unse­rem dama­li­gen Aus­lands­se­mes­ter-Blog und spä­ter dann hier. Mit einer klei­nen Trup­pe von AutorIn­nen woll­ten wir „die Zei­tung machen, die wir sel­ber ger­ne lesen wür­den“ – was bei Licht bese­hen auch damals schon etwas ver­mes­sen war, aber wir woll­ten ein­fach mal gucken, was so pas­siert.

Es wur­de sehr schnell ein Blog, in dem ich mich vor allem über Medi­en und Jour­na­lis­ten aus­ließ – was dar­an lag, dass ich damals vor allem das Blog von Ste­fan Nig­ge­mei­er und das BILD­blog gele­sen habe. Es wäre aber falsch, Ste­fan und Chris­toph Schult­heis die Schuld an mei­nem alt­klu­gen, übel­lau­ni­gen Geblog­ge zu geben – ich dach­te, glau­be ich, wirk­lich, dass sie bei „RP Online“ irgend­wann mit ihren Klick­stre­cken auf­hö­ren wür­den, wenn ich mich nur oft genug dar­über auf­re­ge. Inzwi­schen gibt es BuzzFeed und Social Media und ich sehe ein, dass „RP Online“ allen­falls einen vor­läu­fi­gen Tief­punkt dar­ge­stellt hat.

Blogs waren damals noch etwas ande­res, näm­lich die mut­maß­li­che Zukunft. Wir lasen gegen­sei­tig unse­re Blogs, ver­link­ten unse­re Ein­trä­ge unter­ein­an­der, führ­ten Debat­ten wei­ter und mach­ten uns gegen­sei­tig auf ner­vi­ge, aber auch auf tol­le Din­ge auf­merk­sam. Dann kamen Face­book und Twit­ter und inzwi­schen redet unge­fähr nie­mand mehr über Blogs, wenn es um die Zukunft des Jour­na­lis­mus geht. 1 You­Tube ist der neue hei­ße Scheiß und die glei­chen Medi­en, die ein Leis­tungs­schutz­recht ein­füh­ren woll­ten, weil Goog­le News Tei­le ihrer Tex­te zitiert, ent­sor­gen ihren Con­tent heu­te direkt bei Face­book, in der Hoff­nung, wenigs­tens noch ein paar Krü­mel abzu­be­kom­men.

Wäh­rend Face­book frü­her noch das digi­ta­le Wohn­zim­mer war, wo man Freun­de und Bekann­te um sich sam­mel­te und lus­ti­ge Vide­os mit ihnen teil­te, sind inzwi­schen alle Sei­ten­wän­de abge­baut wor­den wie wei­land im „Torn“-Video und wir kön­nen sehen, dass neben­an der Stamm­tisch tobt, den man frü­her nie wahr- oder gar ernst­ge­nom­men hät­te, und ein merk­wür­di­ger Mob jede Nach­richt kom­men­tiert, so dass man anschlie­ßend glaubt, die Welt sei vol­ler recht­schreib­schwa­cher Men­schen­has­ser, die wie­der­um glau­ben, die Welt sei vol­ler Ter­ro­ris­ten und „links­grün-ver­siff­ter Gut­men­schen“. Men­schen mit aus­ge­dach­ten Berufs­be­zeich­nun­gen sind der­weil damit beschäf­tigt, jede Woche eine neue App zu fin­den, die angeb­lich „das neue Face­book“ sei.

Kurz­um: Ich bekom­me rich­tig schlech­te Lau­ne, wor­auf­hin ich rich­tig übel­lau­ni­ge Sachen bei Face­book und Twit­ter pos­te, wo es dar­auf­hin aus­sieht, als sei ich ein rich­tig übel­lau­ni­ger Mensch. Zum Blog­gen kom­me ich nicht, weil ich die gan­ze Zeit mit Social Media beschäf­tigt bin und des­halb lei­der nicht mehr auf­schrei­ben kann, was mir eigent­lich gute Lau­ne macht und was ich gera­de toll fin­de.

Die­ses Dilem­ma hat­te ich vor zwei Jah­ren schon ein­mal zu behe­ben ver­sucht, indem ich jeden Tag einen „Song des Tages“ pos­ten woll­te. Klei­ner Haken: Durch die Fest­le­gung auf die­ses For­mat wur­de die schö­ne Idee bald zur läs­ti­gen Auf­ga­be, die mir – kor­rekt! – schlech­te Lau­ne mach­te.

Sue Reind­ke, deren Blog ich frü­her sehr ger­ne gele­sen habe und die ich heu­te (s.o.) eigent­lich nur noch über Social Media mit­be­kom­me, hat letz­te Woche ein Expe­ri­ment gestar­tet: Sie will unge­fähr jede Woche einen News­let­ter ver­schi­cken mit Din­gen, die sie beschäf­ti­gen. Ich hat­te frü­her schon öfter über das Medi­um News­let­ter nach­ge­dacht und fin­de die Idee rich­tig gut: Statt die Inhal­te alle bei Face­book zu ver­bal­lern, wo Face­book damit auch noch Geld macht und wo sie – vor allem außer­halb eines Web­brow­sers – auf tech­nisch grau­en­haf­tes­te und unbrauch­bars­te Art irgend­wo ins Nir­wa­na dif­fun­die­ren, kann man sie auch per E‑Mail schi­cken, dem unge­fähr ein­zig brauch­ba­ren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­weg, den das Inter­net jemals her­vor­ge­bracht hat. Die Pro­duk­ti­on geht nicht so schnell und impul­siv von­stat­ten wie die eines Tweets und man kann die E‑Mail in Ruhe lesen, wenn man mal Zeit hat. Das will ich direkt auch mal pro­bie­ren!

Ich wer­de mein Pri­vat­le­ben wei­ter weit­ge­hend aus dem Inter­net raus­hal­ten, aber statt wei­ter bun­te Papier­schmet­ter­lin­ge in Pin­kel­rin­nen zu wer­fen, will ich ver­su­chen, posi­ti­ve oder zumin­dest inter­es­san­te Din­ge an einem Ort zu ver­sam­meln: Musik, Trai­ler, emp­feh­lens­wer­te Tex­te, Pod­casts oder Vide­os und ein paar eige­ne Gedan­ken. Gleich­zei­tig will ich ver­su­chen, wie­der mehr in die­sem Blog zu machen (immer­hin fei­ert das im Febru­ar sei­nen zehn­ten Geburts­tag), aber das alles ohne Zwang.

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So lan­ge schon mal: mein aktu­el­les Lieb­lings­lied!

  1. Okay: So rich­tig redet nie­mand mehr über die Zukunft des Jour­na­lis­mus.[]
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Katastrophenjournalismus-Mäander

Ich war ein etwas merk­wür­di­ges Kind und leg­te schon früh eine gewis­se Obses­si­on für Jour­na­lis­mus an den Tag, beson­ders in Kata­stro­phen­si­tua­tio­nen: als in mei­nem Hei­mat­dorf ein Gast­haus abbrann­te, schnitt mein sie­ben­jäh­ri­ges Ich in den nächs­ten Tagen alle Arti­kel dar­über aus der Zei­tung aus und edi­tier­te sie neu zusam­men, um sie in einer von mir selbst mode­rier­ten Nach­rich­ten­sen­dung (Zuschau­er: mei­ne Stoff­tie­re) zu ver­le­sen.

Mit acht sam­mel­te ich in Zei­tun­gen und Radio alle Infor­ma­tio­nen über einen Flug­zeug­ab­sturz in Ams­ter­dam, derer ich hab­haft wer­den konn­te. Nach dem Absturz eines Bun­des­wehr­hub­schrau­bers 1 bei der Jugend­mes­se „YOU“ in Dort­mund, nach dem Unfall­tod von Prin­zes­sin Dia­na, nach dem ICE-Unfall von Esche­de schal­te­te ich Fern­se­her und Video­text ein und wech­sel­te jede hal­be Stun­de zum Radio, um aus den dor­ti­gen Nach­rich­ten mög­li­che neue Ent­wick­lun­gen zu ent­neh­men und – ich wünsch­te wirk­lich, ich däch­te mir das aus – zu notie­ren: Sound­so vie­le Tote, Ursa­che noch unklar, drück­te den Hin­ter­blie­be­nen an der Unfall­stel­le sein Mit­ge­fühl aus. Den 11. Sep­tem­ber 2001 ver­brach­te ich kniend auf dem Wohn­zim­mer­tep­pich mei­ner Eltern vor dem Fern­se­her, am 7. Juli 2005 ver­ließ ich mein Wohn­heims­zim­mer nicht.

Dann wur­den im August 2006 in Groß­bri­tan­ni­en zahl­rei­che Ver­däch­ti­ge fest­ge­nom­men, die Anschlä­ge auf Pas­sa­gier­ma­schi­nen geplant haben soll­ten, und nach etwa einer hal­ben Stun­de CNN und BBC schal­te­te ich den Fern­se­her aus, ging raus und dach­te „Was’n Scheiß!“

Ziem­lich exakt seit es mir tech­nisch mög­lich wäre, mich in Echt­zeit selbst über Ereig­nis­se zu infor­mie­ren, noch wäh­rend sie pas­sie­ren, wün­sche ich mir, dar­über im Geschichts­buch lesen zu kön­nen. Mit allen Erkennt­nis­sen, die im Lau­fe der Jah­re gewach­sen sind, mit his­to­ri­scher Ein­ord­nung und in genau dem Umfang, der ihnen ange­mes­sen ist: Dop­pel­sei­te, hal­be Sei­te, klei­ner Kas­ten, Fuß­no­te.

***

Als ich am ver­gan­ge­nen Frei­tag die ers­te Mel­dung bekam, dass sich in Mün­chen irgend­was schlim­mes ereig­net habe, 2 guck­te ich kurz bei Face­book Live und Peri­scope rein, weil ich ja manch­mal auch für aktu­el­le Infor­ma­ti­ons­sen­dun­gen arbei­te und mir die­se Tech­nik mal aus einer pro­fes­sio­nel­len Per­spek­ti­ve anse­hen woll­te. Ich sah also ver­wa­ckel­te Video­bil­der, auf denen Men­schen mit erho­be­nen Hän­den in Rich­tung von Poli­zei­au­tos rann­ten, und die von einem Mann mit bay­ri­schen Akzent mit anhal­ten­dem „krass, krass“ kom­men­tiert wur­den. Die Wör­ter „Mün­chen“, „Olym­pia“, „Schüs­se“ und „Kame­ra“ bil­de­ten in mei­nem Kopf eine Linie und ich dach­te, dass man so Schei­ße wie 1972, als die Gei­sel­neh­mer dank Live-Fern­se­hen per­ma­nent über die Aktio­nen der Poli­zei infor­miert waren, ja ruhig 44 Jah­re spä­ter mit Mit­teln für den Heim­an­wen­der noch mal wie­der­ho­len kann. Ich erbrach mich kurz bei Twit­ter und tat dann das Ein­zi­ge, was mir an einem sol­chen Tag noch sinn­voll und sach­dien­lich erschien: ich ging in die Küche und mach­te Mar­mor­ku­chen und Nudel­sa­lat für einen Kin­der­ge­burts­tag.

***

Der Begriff des „Zeu­gen“ ist in ers­ter Linie ein juris­ti­scher. Zeu­gen haben von den Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den (und dort von mög­lichst geschul­tem Per­so­nal) gehört zu wer­den und soll­ten nach Mög­lich­keit nicht vor lau­fen­de Kame­ras gezerrt wer­den. Schon bei einem harm­lo­sen Ver­kehrs­un­fall kann man die wider­sprüch­lichs­ten Infor­ma­tio­nen zusam­men­sam­meln, bei einer unüber­sicht­li­chen Gefähr­dungs­la­ge dürf­te die Chan­ce, tat­säch­li­chen Mehr­wert zu gene­rie­ren (der sich anschlie­ßend inhalt­lich auch noch als zutref­fend erweist), genau­so groß sein wie wenn der Mode­ra­tor im Stu­dio ein­fach mal rät, was pas­siert sein könn­te.

Zu den Leu­ten, die nach bes­tem Wis­sen und Gewis­sen aus­plau­dern, was sie gese­hen und gehört zu glau­ben haben, kom­men natür­lich noch die Idio­ten hin­zu, die sich irgend­was aus­den­ken, um auf Twit­ter oder Face­book geteilt zu wer­den – oder weil es sich ja zufäl­lig als tref­fend erwei­sen könn­te.

Auf einem der Peri­scope-Vide­os aus Mün­chen sah ich Dut­zen­de Men­schen, die alle ihre Han­dys in Rich­tung eines nicht näher ein­zu­ord­nen­den Ortes rich­te­ten, den ich jetzt ein­fach mal als „poten­ti­el­le Gefah­ren­quel­le“ bezeich­nen wür­de. Die Gei­sel­neh­mer von Glad­beck müss­ten heu­te nicht mal mehr war­ten, dass „Hans Mei­ser, deut­sches Fern­se­hen“ bei ihnen anruft oder der spä­te­re „Bild“-Chefredakteur Udo Röbel zu ihnen ins Auto steigt.

Neben all dem fin­det man in den Sozia­len Netz­wer­ken natür­lich auch die Bes­ser­wis­ser: 3 das Fern­se­hen soll mehr berich­ten, das Fern­se­hen soll weni­ger berich­ten, die Poli­ti­ker sol­len sich gefäl­ligst jetzt äußern. Fast wür­de man die­sen Leu­ten ein „Macht’s bes­ser!“, ent­ge­gen schrei­en wol­len, wenn man nicht davon aus­ge­hen müss­te, dass sie schon im Glau­ben sind, auf ihren Pro­fi­len genau das zu tun.

***

Wäh­rend etwas geschieht, ist man in aller Regel nicht in der Lage, die Dimen­si­on die­ses Ereig­nis­ses auch ein­zu­schät­zen. Das gilt für die ers­te Begeg­nung mit der spä­te­ren gro­ßen Lie­be genau­so wie für Nach­rich­ten. Es hat sich mir förm­lich ins Hirn gebrannt, wie ich mit fünf Jah­ren ver­se­hent­lich eine Aus­ga­be der „Aktu­el­len Stun­de“ mit­krieg­te, die vom Absturz eines US-Kampf­flug­zeugs in einer Stadt namens Rem­scheid berich­te­te. 4 Die Wor­te „Flug­zeug­ab­sturz“ und „Rem­scheid“ sind für mich seit­dem untrenn­bar seman­tisch mit­ein­an­der ver­bun­den, obwohl ich bis heu­te nicht sagen könn­te, wo Rem­scheid liegt. 5 Die aller­meis­ten Men­schen, die die­se Nach­richt damals zur Kennt­nis genom­men haben und nicht direkt von dem Absturz betrof­fen waren, dürf­ten sie kom­plett ver­ges­sen haben – die dama­li­gen Mode­ra­to­ren der „Aktu­el­len Stun­de“ inklu­si­ve. Für die Stadt Rem­scheid dürf­te der Tag eine deut­lich grö­ße­re Bedeu­tung haben als für die US Air Force. Und allein die Tat­sa­che, dass ich die Fak­ten dazu jetzt ganz schnell nach­schla­gen konn­te, gibt dem Unglück ja eine gewis­se Wer­tung: Es ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass am glei­chen Tag auf den Stra­ßen in NRW mehr Todes­op­fer bei Auto­un­fäl­len zu bekla­gen waren – Anfang Dezem­ber, viel­leicht Blitz­eis? – als die sie­ben beim Flug­zeug­ab­sturz, aber dazu gibt es halt kei­nen Wiki­pe­dia-Ein­trag.

***

Als ich noch rela­tiv klein war, lief ein psy­chisch kran­ker Mann mit einer Schuss­waf­fe durch die Dins­la­ke­ner Innen­stadt, schoss auf Poli­zis­ten und erschoss sich am Ende in einer Gara­ge. Jeden­falls ist es das, wor­an ich mich sehr dun­kel – und aus­schließ­lich auf Erzäh­lun­gen mei­ner Mut­ter an jenem Tag basie­rend – erin­ne­re. Ich bil­de mir ein, dass es im Herbst 1991 gewe­sen sein müss­te, aber ich habe ehr­lich gesagt kei­ne Ahnung – um das gan­ze irgend­wie veri­fi­zie­ren zu kön­nen, müss­te ich nach Dins­la­ken fah­ren und in den Archi­ven der Lokal­re­dak­tio­nen von „NRZ“ und „Rhei­ni­scher Post“ meter­wei­se Mikro­film sich­ten. Angeb­lich war auch das Fern­se­hen vor Ort, viel­leicht fän­de ich etwas im Kel­ler von RTL West.

Nur zehn Jah­re spä­ter hät­te die­ses Ereig­nis zumin­dest ein paar Arti­kel in Online-Medi­en nach sich gezo­gen, die ich jetzt ergoo­geln könn­te. Zwan­zig Jah­re spä­ter hät­te es ver­mut­lich schon so viel Social-Media-Buzz erzeugt, dass man die Ent­wick­lun­gen auch in einer fer­nen Zukunft noch minu­ten­ge­nau nach­voll­zie­hen könn­te – oder halt beim Nach­le­sen genau­so ahnungs­los ist, als wäre man selbst dabei. Und in die­ser Woche wäre es nicht unter einem „Brenn­punkt“ und einer Soli­da­ri­täts­adres­se min­des­tens eines aus­län­di­schen Spit­zen­po­li­ti­kers auf Twit­ter pas­siert. Der ört­li­che Poli­zei­pres­se­spre­cher hät­te sich auch ande­re Fra­gen anhö­ren müs­sen.

***

Schon seit eini­gen Jah­ren erwähnt Barack Oba­ma, wenn er wie­der mal mit zit­tern­der Unter­lip­pe ein State­ment zu einer Mas­sen­schie­ße­rei in den USA abge­ben muss, dass er bereits zu vie­le State­ments zu einer Mas­sen­schie­ße­rei in den USA abge­ge­ben habe.

Nun bin ich – Gott sei Dank – nicht der US-Prä­si­dent und glau­be auch nicht, dass es irgend­wel­che grö­ße­ren Aus­wir­kun­gen hat, wenn ich hier mei­ne Mei­nun­gen zu Medi­en­be­rich­ten nach schreck­li­chen Ereig­nis­sen ver­öf­fent­li­che, aber auch ich habe schon viel zu oft mei­ne Mei­nung zu Medi­en­be­rich­ten nach schreck­li­chen Ereig­nis­sen ver­öf­fent­licht:

  1. Die Typen­be­zeich­nung Bell UH-1D könn­te ich Ihnen ohne nach­zu­den­ken nen­nen, wenn Sie mich nachts um vier aus dem Bett klin­gel­ten – was Sie aber bit­te in unser bei­der Inter­es­se unter­las­sen![]
  2. Bizar­rer­wei­se per Push-Benach­rich­ti­gung der BBC-App.[]
  3. Zu denen ich in der Blü­te der Arro­ganz von Jugend und Inter­net­glau­ben auch gehört habe.[]
  4. Note to self: Nie­mals Nach­rich­ten gucken, wenn das Kind in der Nähe ist.[]
  5. An der A1 zwi­schen Wup­per­tal und Köln, aber was weiß ich, wo die A1 lang führt – und wo zum Hen­ker liegt über­haupt Wup­per­tal, außer halt süd­lich des Ruhr­ge­biets?[]
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Politik Gesellschaft

Lucky & Fred: Episode 14

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Hu! Da sind sie wie­der: Lucky und Fred, die Fern­fah­rer der Äther­wel­len, bli­cken zurück auf die letz­ten Wochen, in denen soooo viel jetzt gar nicht …

Okay, sei­en wir ehr­lich: Die Welt steht am Abgrund, Odin hat die nächs­te Mann­schaft ein­be­ru­fen und bald ist ver­mut­lich alles vor­bei. Vor­her schau­en wir aber noch nach Groß­bri­tan­ni­en (solan­ge es noch da ist), in die USA und natür­lich auf die Popu­lis­ten die­ser Welt. Ein paar gute Nach­rich­ten haben wir dann aber doch noch gefun­den und außer­dem kommt in die­sem Pod­cast zwei­mal das Wort „Fick“ vor, wes­we­gen wir davon abra­ten, ihn in der Nähe von Kin­dern zu hören. (Für die ist er aber eh lang­wei­lig.)

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Die Geräusche meiner Kindheit

Aus­ge­löst durch eine Kolum­ne von Caro­lin Emcke schrei­ben die Men­schen auf Twit­ter heu­te unter dem Hash­tag #geräu­sche­der­kind­heit Geräu­sche auf, die sie an ihre Kind­heit erin­nern. Das ist sehr toll, aber weil ich kei­nen Bock mehr habe, mei­ne Gedan­ken immer­zu in den Sphä­ren der Social Media zu ver­bal­lern, und weil 140 Zei­chen nun wirk­lich zu wenig sind, nut­ze ich die­ses Blog für das, wozu es mal gedacht war, und blog­ge:

  • Fuß­ball­re­por­ta­gen aus dem Nach­bar­gar­ten. Als mei­ne Geschwis­ter und ich noch sehr klein waren, hat­ten mei­ne Eltern einen Schre­ber­gar­ten, der sich seit Gene­ra­tio­nen im Fami­li­en­be­sitz befand. Wenn das Wet­ter gut war (aber auch, wenn es nicht so gut war), waren wir gefühlt das gan­ze Wochen­en­de dort. Unse­re Eltern schnit­ten Sträu­cher, zupf­ten Unkraut, mäh­ten den Rasen und bau­ten an der Gar­ten­lau­be her­um (kein Strom­an­schluss, ein Torf­klo hin­term Haus), wäh­rend wir Kin­der auf dem Klet­ter­ge­rüst schau­kel­ten, fri­sches Obst aßen (das natur­ge­mäß wohl eher sai­so­nal begrenzt und nicht, wie mei­ne Erin­ne­rung mir weis­ma­chen will, immer) oder irgend­wo her­um­lie­fen (ande­re Kin­der gab es in der Kolo­nie, soweit ich mich erin­nern kann, kaum). Fes­ter Bestand­teil eines sol­chen Wochen­en­des waren schrei­en­de Män­ner, unter­legt von einem viel­stim­mi­gen Rau­schen, die aus den Radi­os der umlie­gen­den Gär­ten schall­ten. Mein Inter­es­se für Fuß­ball außer­halb der gro­ßen inter­na­tio­na­len Tur­nie­re begann erst mit der Bun­des­li­ga­sai­son 1994/​95 (5. Platz, Pokal­sieg, Ste­fan Effen­berg, Hei­ko Herr­lich, Mar­tin Dah­lin), des­we­gen hat­te ich nur eine unge­fäh­re Ahnung, was die­se Geräu­sche zu bedeu­ten hat­ten. Sie durch­misch­ten sich auch, gera­de am Sonn­tag, ger­ne mit den tat­säch­li­chen Durch­sa­gen, die von der nahe­ge­le­ge­nen Bezirks­sport­an­la­ge her­über weh­ten, wo der SuS Dins­la­ken 09 sei­ne Spie­le absol­vier­te. Noch heu­te ist Fuß­ball für mich eher ein akus­ti­sches als ein visu­el­les Erleb­nis (das Geräusch eines ordent­lich getre­te­nen Leder­balls lässt mich auch heu­te immer noch sofort zusam­men­zucken, weil ich damit rech­ne, das Teil Sekun­den­bruch­tei­le spä­ter an den Hin­ter­kopf, gegen die Nase oder in den Unter­leib zu bekom­men) und vor allem Bun­des­li­ga­nach­mit­ta­ge ver­brin­ge ich lie­ber am Radio als vor dem Fern­se­her.
  • Die Feu­er­wehr­si­re­ne. In den 1980er und 1990er Jah­ren wur­den Brän­de und ähn­li­che Kata­stro­phen noch von einem anschwil­len­den Sire­nen­ge­heul beglei­tet, das angeb­lich die Feu­er­wehr­leu­te zum Dienst rufen soll­te. Für mich war das ein schreck­li­ches Geräusch mit dunk­lem Hin­ter­grund: nach eini­gen Brän­den in umlie­gen­den Indus­trie­ge­bie­ten, nach denen die Bevöl­ke­rung ange­hal­ten wor­den war, Türen und Fens­ter geschlos­sen zu hal­ten, war das Geräusch für mich gleich­be­deu­tend mit einem nahen­den, bei unver­schlos­se­nen Fens­tern unaus­weich­li­chen Ersti­ckungs­tod. Wenn die Sire­ne los­ging, wäh­rend wir nicht zuhau­se waren, kam eine zwei­te, min­des­tens genau­so schlim­me Mög­lich­keit in Betracht: der Alarm galt unse­rem Haus, das gera­de in Flam­men stand – und mit ihm mei­ne Spiel­sa­chen und Kuschel­tie­re. Erst im Nach­hin­ein däm­mert mir, dass das Geräusch bei mei­ner Oma, die die Bom­bar­die­rung gleich meh­re­rer deut­scher Groß­städ­te er- und über­lebt hat­te, und ihren Alters­ge­nos­sen mög­li­cher­wei­se noch ein klein biss­chen beschis­se­ne­re Asso­zia­tio­nen aus­ge­löst haben muss. Ein­mal im Monat wur­den die­se ver­damm­ten Sire­nen, die in der gan­zen Stadt auf höhe­ren Häu­sern (dar­un­ter auch auf unse­rer Schu­le) mon­tiert waren, getes­tet – und es war für mich immer eine Schreck­se­kun­de, bis ich mich ver­ge­wis­sert hat­te: „Ja, ers­ter Sams­tag im Monat, 11.30 Uhr – dies­mal haben wir noch mal Glück gehabt.“ Aller­dings habe ich bis heu­te kei­ne Ahnung, was eigent­lich pas­siert wäre, wenn es aus­ge­rech­net zu die­ser Zeit tat­säch­lich mal gebrannt hät­te.
  • Das Fie­pen einer Bild­röh­re. Wir waren jung, wir durf­ten eine hal­be Stun­de am Nach­mit­tag fern­se­hen und wir hat­ten Rock’n’Roll, Walk­man und Kon­zer­te noch nicht für uns ent­deckt: natür­lich konn­ten wir hören, wenn irgend­wo in der Woh­nung ein Fern­se­her ein­ge­schal­tet war – selbst ohne Ton. Noch heu­te sind Bild­röh­ren für mich die ein­zig waren Fern­seh­ge­rä­te – auch, weil die so schö­ne Din­ge mit den eige­nen Haa­ren machen, wenn man direkt davor steht. Inzwi­schen bin ich 32 Jah­re alt, höre Musik über­wie­gend über Kopf­hö­rer, habe bei gro­ßen Ver­an­stal­tun­gen vor, hin­ter und auf der Büh­ne gear­bei­tet – und krie­ge regel­mä­ßig einen Rap­pel, wenn ich so etwas wie Lap­top-Netz­tei­le, Akku­la­de­ge­rä­te oder Tra­fos von Halo­gen­lam­pen immer noch fie­pen hören kann. Wozu die gan­ze Mühe?!
  • Der Anlas­ser­zug eines Zweitakt-Rasen­mäh­rer­mo­tors. Nach sei­ner Pen­sio­nie­rung hat­te mein Groß­va­ter drei gro­ße Hob­bies: Rei­sen, Golf spie­len und sei­nen Rasen. Die ers­ten bei­den lie­ßen sich ganz gut kom­bi­nie­ren, die letz­ten bei­den hät­ten immer noch eine Teil­zeit-Beschäf­ti­gung als Green­kee­per zuge­las­sen. So aber pfleg­te er den hei­mi­schen Rasen mit jähr­li­chem Ver­ti­ku­tie­ren, aus­gie­bi­gem Ein­satz von Dün­ge- und Unkraut­ver­nich­tungs­mit­teln und regel­mä­ßi­gem Rasen­mä­hen. Der Rasen­mä­her ist min­des­tens so alt wie ich und auch heu­te noch im Ein­satz, was – neben Autos der Mar­ke Opel – stark zu mei­nem unbe­irr­ten Glau­ben an die deut­sche Inge­nieurs­kunst bei­getra­gen hat. Gestar­tet wird das Teil mit einem Seil­zug­star­ter (die­ses Wort habe ich gera­de natür­lich ergoo­gelt), wobei der Motor fast laut ist wie der einer klei­nen Pro­pel­ler­ma­schi­ne, der Mäher aber bei rich­ti­ger Bedie­nung auch ähn­li­che Geschwin­dig­kei­ten erreicht – nur halt auf der Erde. Als ich alt genug war, um die Auf­ga­be des Rasen­mä­hens über­neh­men zu kön­nen, griff ich auf eine alt­be­währ­te Tak­tik zurück: ich ließ das selbst­fah­ren­de Unge­tüm ein­mal ins Blu­men­beet bret­tern und muss­te danach nie wie­der ran.
  • Der Rasen­spren­ger mei­nes Groß­va­ters. Glei­cher Rasen, ande­res Werk­zeug: Ein Kreis­ra­sen­spren­ger (auch gera­de ergoo­gelt – toll, dass die­se Din­ge alle auch einen rich­ti­gen Namen haben!), der ver­mut­lich schon zu Vor­kriegs­zei­ten in den Krupp’schen Stahl­wer­ken gefer­tigt wor­den war, des­sen Geräusch­ku­lis­se jeden­falls etwas mecha­nisch-mar­tia­li­sches an sich hat­te. Schnap­pend dreh­te sich der Kopf zunächst ruck­wei­se in die eine Rich­tung und spie gro­ße Was­ser­fon­tä­nen auf den zu benet­zen­den Grund, nach einer Dre­hung von schät­zungs­wei­se 320 Grad schnell­te er mit einem Mal zurück in die Aus­gangs­po­si­ti­on und begann die nächs­te Run­de. Als Kin­der konn­te man sich einen Spaß dar­aus machen, genau vor dem Was­ser­strahl her­zu­ren­nen und sich dann im toten Win­kel in Sicher­heit zu brin­gen. Ich glau­be, das Gerät ist irgend­wann kaputt­ge­gan­gen (mut­maß­lich zer­ros­tet) – oder es wur­de gewinn­brin­gend an Steam-Punk-Fans ver­kauft.
  • Zuge­schla­ge­ne Auto­tü­ren. Als Kind habe ich gefühlt sehr viel Zeit mit War­ten ver­bracht: Dar­auf, dass mei­ne Freun­de end­lich von ihren Eltern zum Spie­len vor­bei­ge­bracht wür­den, oder dar­auf, dass Tan­ten, Onkels oder ähn­li­cher Besuch kam. Die­ses War­ten ging ein­her mit der auf­merk­sa­men Beob­ach­tung der Park­plät­ze unter unse­rer dama­li­gen Miet­woh­nung, wobei ich jetzt nicht die gan­ze Zeit auf der Fens­ter­bank saß und nach drau­ßen starr­te – ich konn­te ja auch auf die Geräu­sche ach­ten. Jede zuge­schla­ge­ne Auto­tür konn­te bedeu­ten, dass es gleich end­lich an der Tür klin­geln wür­de und mein zwangs­wei­se auf Pau­se gesetz­ter Tages­ab­lauf (gut: ich hät­te auch lesen, Kas­set­ten hören oder irgend­et­was spie­len kön­nen) wei­ter­ge­hen konn­te. Was die Rück­kehr mei­nes Vaters von der Arbeit angeht, so bin ich mir sicher, auch heu­te noch einen Kadett E Cara­van, Bau­jahr 1988, aus einer belie­big gro­ßen Men­ge ande­rer Fahr­zeu­ge her­aus­hö­ren zu kön­nen.
  • Die Schwimm­hal­le mei­ner Groß­el­tern. Bevor im Pri­vat­fern­se­hen jeder Hinz und Kunz einen Pool oder einen Schwimm­teich vor lau­fen­der Kame­ra in Eigen­ar­beit zusam­men­bau­te, hat­ten mei­ne Groß­el­tern schon Anfang der 1970er Jah­re eine der ers­ten pri­va­ten Schwimm­hal­len der Stadt. Die­ser Stand­ort­vor­teil half mir zwar weder dabei, beson­ders früh Schwim­men zu ler­nen, noch dabei, als Teen­ager Mit­schü­le­rin­nen in den Feri­en zum Besuch im Biki­ni zu bewe­gen, aber Schwim­men ist heu­te immer noch mei­ne liebs­te Art sport­li­cher Betä­ti­gung. Das Becken ist mit fünf mal zehn Metern gar nicht mal so klein und ermög­licht es auch einem unge­üb­ten Sport­ler, bei­na­he Welt­re­kord­zei­ten zu schwim­men – weil man ja stän­dig umkeh­ren muss und sich dabei ordent­lich absto­ßen kann. Aus Grün­den der Ener­gie­ef­fi­zi­enz ist das Becken bei Nicht­be­nut­zung mit einer 50 Qua­drat­me­ter gro­ßen Pla­ne bedeckt, die auf eine gro­ße elek­trisch betrie­be­ne Rol­le am Ende auf­ge­wi­ckelt wer­den kann. Das Geräusch der sich öff­nen­den Pla­ne war stets Teil der Vor­freu­de auf den zu erwar­ten­den Bade­spaß. Die­ser ging dann anschlie­ßen­den meist mit lau­tem Plat­schen (im Gegen­satz zu öffent­li­chen Schwimm­bä­dern durf­te man hier vom Becken­rand sprin­gen – man muss­te nur anschlie­ßend wie­der tro­cken machen) und Gekrei­sche ein­her, das von den geka­chel­ten Wän­den und der gro­ßen Fens­ter­front wider­hall­te und sich gera­de bei geöff­ne­ter Front im Som­mer auch weit über den angren­zen­den Gar­ten ver­teil­te. Stil­echt abge­schlos­sen ist ein sol­cher Schwimm­bad­be­such bis heu­te übri­gens erst mit einem anschlie­ßend auf einem Bade­hand­tuch in der Son­ne kon­su­mier­ten „Däumling“-Eis der Fir­ma Bofrost.

Damit wären wir vor­erst am Ende mei­nes klei­nen Aus­flugs die Erin­ne­rungs­gas­se hin­un­ter. Ich bin sicher, dass mir schon bis heu­te Abend noch fünf ande­re Geräu­sche ein­ge­fal­len sein wer­den, die hier unbe­dingt hät­ten erwähnt wer­den müs­sen. Und in der nächs­ten Aus­ga­be machen wir es dann wie Mar­cel Proust und las­sen uns von Gebäck­stü­cken und ähn­li­chen Geschmä­ckern in der Zeit zurück­wer­fen.

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Now it’s all gone wrong

Heu­te ist ja der 30. Jah­res­tag der Reak­tor­ka­ta­stro­phe von Tscher­no­byl. Ich kann dazu aus­nahms­wei­se kei­ne per­sön­li­chen Erin­ne­rungs­an­ek­do­ten bei­steu­ern, ich weiß nur ganz dun­kel (aber auch das womög­lich nur aus Erzäh­lun­gen zurück­ge­kop­pelt), dass wir Kin­der irgend­wann nicht mehr drau­ßen spie­len durf­ten, und dass die „Sen­dung mit der Maus“ zu die­sem The­ma einen Platz sehr weit oben auf der Lis­te mei­ner Kind­heits­trau­ma­ta hat.

Es gibt bestimmt jede Men­ge Repor­ta­gen, Doku­men­ta­tio­nen und Essays, die man anläss­lich die­ses Jubi­lä­ums sehen, hören oder lesen kann. Man kann sich aber auch das Making Of anschau­en, das die Dreh­ar­bei­ten zum Musik­vi­deo „What We Made“ des bri­ti­schen Musi­kers Exam­p­le im Jahr 2006 zeigt. Das Video wur­de in Pryp­jat in der Ukrai­ne gedreht, jener Retor­ten­stadt, die extra für die Arbei­ter des Atom­kraft­werks Tscher­no­byl gebaut und andert­halb Tage nach dem Super-GAU, nur 16 Jah­re nach ihrer Grün­dung, eva­ku­iert wur­de.

Ich hat­te schon mehr­fach Vide­os aus Pryp­jat gese­hen – unter ande­rem die­se wahr­lich beein­dru­cken­den Droh­nen-Bil­der -, aber es ist irgend­wie noch mal was ande­res, wenn ein Musi­ker, des­sen Musik man schätzt, durch die­se Geis­ter­stadt mit Kran­ken­haus, Grund­schu­le und Kino wan­dert und in einer inter­es­san­ten Mischung aus hilf­los scher­zen­dem Teen­ager und Tou­ris­ten­füh­rer in die Kame­ra redet.

An einer Stel­le sagt er, nie­mand, der in Pryp­jat gewe­sen sei, noch für Kern­ener­gie sein kön­ne. Eigent­lich reicht es aber auch, die­ses Video zu sehen:

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Exam­p­le in Cher­no­byl from ben jones on Vimeo.

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Politik Gesellschaft

Lucky & Fred: Episode 12

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Bei einer Packung bel­gi­scher Zucker­waf­feln bespre­chen Lucky & Fred die The­men der ver­gan­ge­nen Wochen. Es geht um ein­ge­wan­der­te Extre­mis­ten, Live-Jour­na­lis­mus, die Pana­ma Papers und die Fra­ge, war­um die Tür­kei der legi­ti­me Nach­fol­ger von Edmund Stoi­ber ist. Dann gilt es wie­der Abschied zu neh­men von Ver­stor­be­nen und die bei­den ver­ra­ten vor­ab ihre letz­ten Wor­te.

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Digital Gesellschaft

Old man yells at cloud

Seit mei­ne Fami­lie ihre Som­mer­ur­lau­be in den Nie­der­lan­den ver­bringt (also seit kurz nach Ende des Wie­ner Kon­gress), ist es lieb gewon­ne­ne Tra­di­ti­on, bei Aus­flü­gen ins Nach­bar­land die dor­ti­gen Super­märk­te auf­zu­su­chen und all jene klei­nen Köst­lich­kei­ten in gera­de noch haus­halts­üb­li­chen Men­gen raus­zu­schlep­pen, die in Deutsch­land rät­sel­haf­ter­wei­se nicht zu haben sind: Pinda­kaas, Pas­ta Cho­ca, Kren­ten­bol­len, Vla und Hagels­lag. Erst letz­ten Monat nutz­te ich eine Fami­li­en­fei­er im Grenz­ge­biet, um anschlie­ßend noch mal ordent­lich was fürs hol­län­di­sche Brut­to­in­lands­pro­dukt zu tun. 1 In Zei­ten der Glo­ba­li­sie­rung sind die­se gro­cery shop­ping sprees aller­dings zuneh­mend sym­bo­li­scher gewor­den: Scho­ko­la­denstreu­sel bekommt man hier schon lan­ge, seit eini­ger Zeit auch Vla und seit kur­zem bekommt man bei jedem Dis­coun­ter abge­pack­te Rosi­nen­bröt­chen, die den nie­der­län­di­schen Ori­gi­na­len zumin­dest in Kon­sins­tenz und Optik zum Ver­wech­seln ähneln. Das nimmt den Pro­duk­ten den Reiz der begrenz­ten Ver­füg­bar­keit und sorgt neben­her für so ernüch­tern­de Erkennt­nis­se wie die, dass ich eigent­lich gar kei­nen Pud­ding mag.

Holländische Spezialitäten.

Ich habe Pro­ble­me, mich zu ent­schei­den. Des­we­gen mei­de ich Restau­rants mit gro­ßen Kar­ten, 2 Kauf­häu­ser und die­se Bars mit 246 Sor­ten Gin. Noch schlim­mer sind Früh­stücks­büf­fets und „All you can eat“-Läden, weil ich da immer das Gefühl habe, ich müss­te jetzt wirk­lich alles pro­bie­ren und ver­zeh­ren – ich hab ja schließ­lich dafür gezahlt und das Zeugs steht da jetzt rum und darf eh nicht zurück in die Küche. Und wäh­rend ich beim Betre­ten von Buch­hand­lun­gen seit jeher leicht depres­si­ve Schü­be bekom­me, weil ich den­ke: „Das wer­de ich bis zum Ende mei­nes Lebens nie­mals alles lesen kön­nen“, sind Leih­bü­che­rei­en noch schlim­mer, denn da kann ich ja nicht mal mehr auf eine Inter­ven­ti­on mei­nes Kon­to­stands hof­fen. Lau­ter offe­ne Türen, also Zeit, klaus­tro­pho­bisch zu wer­den.

Und so kom­me ich dann auch mit dem Kon­zept „Strea­ming“ über­haupt nicht klar: Seit ich Kun­de bei Musik­strea­ming­diens­ten bin (erst Spo­ti­fy, dann Apple Music) habe ich weni­ger Musik gehört als je zuvor in mei­nem Leben. Jede Woche wer­den mir dut­zen­de neue Songs und Alben ange­zeigt, von denen ein Algo­rith­mus glaubt, dass sie mir gefal­len könn­ten – also höre ich lie­ber das, was ich ken­ne, und kau­fe die neu­es­ten Wer­ke der Künst­ler, von denen ich sonst schon alles habe. 3 Natür­lich auf CD, denn das ist ja mein ande­res Dilem­ma: Ich will den gan­zen Kram natür­lich auch besit­zen. Ins Regal stel­len. Anfas­sen kön­nen. Haben. MP3s waren irgend­wie auch noch okay, denn da „habe“ ich ja die Datei auf der Fest­plat­te. Strea­ming ist da wie Auto lea­sen: zah­len, aber am Ende nichts besit­zen.

Glei­ches Dilem­ma bei Fern­seh­se­ri­en: Weil ich es mag, wenn mei­ne Ama­zon-Bestel­lun­gen noch am sel­ben Tag ver­schickt wer­den, damit ich sie am über­nächs­ten Werk­tag im Post­amt abho­len kann, bin ich „Prime“-Kunde – und bekom­me unge­fragt die Opti­on, hun­der­te Fern­seh­se­ri­en jeder­zeit kos­ten­los anschau­en zu kön­nen. So könn­te ich die Stun­den, in denen Pro­Sie­ben kei­ne Wie­der­ho­lun­gen von „The Big Bang Theo­ry“ zeigt, mit Wie­der­ho­lun­gen von „The Big Bang Theo­ry“ über­brü­cken. Wenn ich denn „The Big Bang Theo­ry“ gucken wol­len wür­de – oder irgend­ei­ne ande­re Fern­seh­se­rie.

Fern­se­hen ist für mich wie für ande­re Leu­te Sport: Wenn jemand mit­kommt und mich dazu zwingt, ist es meist ganz okay. Allei­ne fal­len mir meist hun­dert Sachen ein, die ich drin­gen­der erle­di­gen müss­te. 4 Dann möch­te ich aber ger­ne auch, dass die Pro­gramm­pla­ner mir gna­den­los vor­ge­ben, was ich wann zu gucken habe. So wie frü­her, als ich jeden Mon­tag­abend zu mei­nen Groß­el­tern gegan­gen bin, um „Akte X“ zu gucken, weil mei­ne Eltern kei­ne Satel­li­ten­schüs­sel hat­ten. Der 50 Meter lan­ge Rück­weg durch einen nächt­li­chen Gar­ten gewinnt für einen 12-Jäh­ri­gen deut­lich an Span­nung, wenn er sich vor­her mit Ali­ens, Zom­bies oder Ver­schwö­run­gen beschäf­tigt hat. Wenn ich Fern­se­hen nicht line­ar (oder, wie ich es nen­ne: „nor­mal“) gucken kann, will ich es gar nicht sehen. Und dann die­se Men­gen! „Guck Dir ‚Brea­king Bad‘ an!“ – alles klar: 62 Fol­gen, 5 sehe ich aus, als hät­te ich so viel Zeit?! Ich habe bei mei­nen Eltern noch einen lau­fen­den Meter VHS-Kas­set­ten mit über hun­dert Fol­gen „Nash Bridges“ ste­hen, die ich Ende der 1990er Jah­re auf Vox mit­ge­schnit­ten habe!

Die­se moder­nen Fern­seh­se­ri­en sind aber eh nichts für mich: Hand­lungs­strän­ge, die sich über Wochen und Mona­te ent­fal­ten, „hori­zon­ta­les Erzäh­len“, Chro­no­lo­gie­sprün­ge – urgs! Genau­so schlimm wie die­se unend­li­chen Kino­fil­me von Chris­to­pher Nolan und Zack Sny­der! Ich lese auch am liebs­ten Bücher mit weni­ger als 300 Sei­ten, dann kann ich mehr ver­schie­de­ne lesen. Wie dem älte­ren Herrn im War­te­zim­mer beim Arzt, der sehr detail­liert, aber völ­lig poin­ten­frei erzählt, was er neu­lich im War­te­zim­mer beim Bür­ger­bü­ro erlebt hat, möch­te ich sonst immer rufen: „Komm zum Punkt!“ Aber ich schwei­fe ab.

Neu­lich woll­te ich „Sols­bu­ry Hill“ von Peter Gabri­el hören. Zu Schul­zei­ten hät­te ich dazu erst mei­nen Vater befragt und wäre dann in die Stadt­bi­blio­thek gefah­ren. 6 Wenn das ent­spre­chen­de Album dort auch nicht ver­füg­bar gewe­sen wäre, hät­te ich nach­ein­an­der die – mitt­ler­wei­le natür­lich alle geschlos­se­nen – Plat­ten­lä­den mei­ner Hei­mat­stadt abklap­pern müs­sen. Ich erin­ne­re mich, wie ich Anfang 2000 bei bit­te­rer Käl­te mit mei­nem Fahr­rad jeden Ort in Dins­la­ken ansteu­er­te, an dem ich Ton­trä­ger hät­te käuf­lich erwer­ben kön­nen – sogar den Kar­stadt und die drei Video­the­ken. 7 Nir­gend­wo gab es den Sound­track zu „Fight Club“. Andert­halb Wochen spä­ter fuhr ich mit mei­nen Freun­den mit dem Zug nach Essen, um die CD dort, in der gro­ßen Stadt, end­lich zu erwer­ben. Das glei­che ein paar Mona­te spä­ter mit dem Album „St. Amour“ von Tom Liwa. Was mei­nen Sie, wie eupho­risch ich jeweils war, als ich die CDs end­lich nach hau­se schlep­pen und dort hören konn­te? Heu­te: drei Klicks – Mega-Span­nungs­bo­gen! Und so habe ich dann neu­lich auch blitz­schnell das (wirk­lich phan­tas­ti­sche) ers­te selbst­be­ti­tel­te Album von Peter Gabri­el 8 hören kön­nen. Und seit­dem nie wie­der, denn es wäre ja theo­re­tisch jeder­zeit ver­füg­bar, genau­so wie fast jedes ande­re Album der Musik­ge­schich­te. Kein „Ich hab das jetzt gekauft, da muss ich es auch jeden Tag hören“-Rechtfertigungszwang mehr, kein „Ich hab doch nur sound­so vie­le CDs“-Ressourcenmangel. Kein Wun­der, dass Kon­zep­te wie Poly­amo­rie und Offe­ne Bezie­hung plötz­lich näher lie­gen als auf dem Dorf.

Musiksammlung.

Dou­glas Adams hat über das Ver­hält­nis von Men­schen und Tech­no­lo­gie geschrie­ben:

I’ve come up with a set of rules that descri­be our reac­tions to tech­no­lo­gies:

1. Any­thing that is in the world when you’­re born is nor­mal and ordi­na­ry and is just a natu­ral part of the way the world works.

2. Any­thing that’s inven­ted bet­ween when you’­re fif­teen and thir­ty-five is new and exci­ting and revo­lu­tio­na­ry and you can pro­ba­b­ly get a care­er in it.

3. Any­thing inven­ted after you’­re thir­ty-five is against the natu­ral order of things.

Die Zahl „thir­ty-five“ kann man bei mir bequem durch „twen­ty-five“ erset­zen. Mit 13 war ich online, 9 es ist für mich so nor­mal wie elek­tri­scher Strom oder ana­lo­ges Anten­nen­fern­se­hen. Mit 15 habe ich mei­ne ers­ten Tex­te ins Inter­net geschrie­ben und das war so, wie eine eige­ne Zei­tung her­aus­zu­ge­ben: toll. Des­we­gen habe ich dann mit 23 einen Blog auf­ge­macht. Und obwohl ich hier in den nach unten offe­nen Kom­men­tar­spal­ten 10 eini­ge Freun­de gefun­den habe, muss ich zuge­ben, dass ich die­sen Rück­ka­nal gar nicht zwin­gend gebraucht hät­te. Und hier sind ja zumeist total ver­nünf­ti­ge Leu­te unter­wegs! Stel­len Sie sich mal vor, Sie arbei­ten für die „Tages­schau“, hal­ten Ihre Zuschau­er für eini­ger­ma­ßen auf­ge­klärt und müs­sen dann erle­ben, was die auf Ihrer Sei­te oder gar bei Face­book kom­men­tie­ren. Da wird der Betreu­ungs­schlüs­sel nahe­ge­le­ge­ner The­ra­pie­ein­rich­tun­gen schnell über­reizt!

Ich hät­te des­halb ger­ne mein Inter­net von 2010 zurück: Blogs statt Face­book, ICQ statt Whats­App und E‑Mail statt Slack. Auch die Com­pu­ter waren damals noch bes­ser: Mac­Books hat­ten ver­schie­de­ne Anschlüs­se für ver­schie­de­ne Gerä­te und ein CD/DVD-Lauf­werk, Mobil­te­le­fo­ne pass­ten noch in Hosen­ta­schen und auch die Betriebs­sys­te­me waren noch bedeu­tend bes­ser als nach dem 17. Upgrade. „Online gehen“ setz­te, wenn schon nicht mehr die leicht umständ­li­che Ein­wahl per Modem, so doch zumin­dest einen Com­pu­ter vor­aus, der zumeist auch noch an einen Platz gebun­den war. Heu­te „geht“ man ja nicht mehr online, man ist es. Immer, über­all. Kein drin­nen und drau­ßen mehr. 11 Das Foto, gera­de gemacht, ist jetzt schon auf allen Gerä­ten, die mit dem Kon­to ver­bun­den sind – oder, wenn Sie pro­mi­nent sind, beim Hacker.

Neu­es­ter Trend: Live-Vide­os. Jour­na­lis­ten, glei­cher­ma­ßen geblen­det vom Moment des Dabei­seins und den neu­en tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten, strea­men wie besof­fen von Par­tei­ta­gen, Kon­fe­ren­zen und Fes­ti­vals, 12 die sie eigent­lich besu­chen, um zu beob­ach­ten, zu ana­ly­sie­ren und ein­zu­ord­nen. Posi­ti­ver Neben­aspekt von so viel Live-Leben aller­dings: Der frü­her oft so gefürch­te­te Dia- oder Video­abend nach einer gro­ßen (oder auch klei­nen) Rei­se ist zurecht fast kom­plett aus­ge­stor­ben.

Mag sein, dass ande­re Men­schen mit die­ser per­ma­nen­ten Ver­füg­bar­keit von allem, inkl. ihrer selbst, bes­ser klar­kom­men als ich. Gesprä­che mit Psy­cho­lo­gen und Sozio­lo­gen legen aller­dings nahe, dass dem nicht so ist. Aber man kann sich ja jeder­zeit sein Ent­schleu­ni­gungs-Maga­zin mit Land­haus­flair und Laven­del­duft auf dem iPad angu­cken oder die Medi­ta­ti­ons-App star­ten. Oder halt ein­fach durch­dre­hen, die Möbel aus dem Fens­ter schmei­ßen und den Kopf gegen die Wand schla­gen.

  1. Wie das unge­fähr aus­sieht, hat­te ich vor sie­ben Jah­ren hier im Blog schon­mal gezeigt.[]
  2. Ich ver­fü­ge näm­lich auch nicht über eine die­ser Lebens­mit­tel­un­ver­träg­lich­kei­ten, die einem die Aus­wahl mas­siv ein­grenzt – solan­ge kei­ne Wal­nüs­se im Essen sind oder es sich um gefüll­te Nudeln han­delt, kann und mag ich alles essen.[]
  3. Tol­le neue Alben von Weezer und den Pet Shop Boys, übri­gens![]
  4. Sport, zum Bei­spiel.[]
  5. Und damit noch für ame­ri­ka­ni­sche Seri­en noch ver­gleichs­wei­se wenig.[]
  6. Musik aus der Stadt­bi­blio­thek ging übri­gens immer total in Ord­nung, die konn­te man ja erst auf Kas­set­te und spä­ter dann auf die Fest­plat­te kopie­ren, also „haben“ – ver­su­chen Sie das mal mit einem Buch![]
  7. Video­the­ken! „Wie Net­flix, nur mit Kos­ten für Mie­te und Per­so­nal.“[]
  8. Oder „Car“, wie wir Nerds sagen.[]
  9. Wenn auch anfangs nur sehr wenig, sehr lang­sam, dafür aber sehr teu­er.[]
  10. Die Älte­ren erin­nern sich viel­leicht noch an die­ses Bon­mot aus der guten, alten Zeit.[]
  11. Vie­le Leu­te wis­sen dabei nicht mal, dass sie das Inter­net nut­zen, die nut­zen nur Face­book.[]
  12. Wenn’s gut läuft. Wenn’s schlecht läuft, strea­men sie live aus Poli­zei­ope­ra­tio­nen.[]
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Rundfunk Gesellschaft

Über Humor

Da war ja jetzt auch nicht unbe­dingt mit zu rech­nen gewe­sen, dass Geis­tes­wis­sen­schaf­ten in Deutsch­land doch noch zum Main­stream-The­ma wer­den. Aber in einem Land mit 80 Mil­lio­nen Bun­des­trai­nern und 80 Mil­lio­nen Anti-Ter­ror-Exper­ten ist natür­lich auch noch Platz für 80 Mil­lio­nen Ger­ma­nis­ten.

Nach den gro­ßen Erfol­gen der Pro­se­mi­nar­rei­he „Remix und Zitat“ (vgl. Hege­mann, 2010; zu Gut­ten­berg, 2011) und der Übung „Rei­me sind Schwei­ne: Das poli­ti­sche Gedicht im 21. Jahr­hun­dert“ (vgl. Grass, 2012) befin­den wir uns bereits seit vor­letz­tem Win­ter­se­mes­ter in der Ring­vor­le­sung „Was muss Humor kön­nen sein dür­fen?“ (vgl. Heb­do, 2015), für die wir auch in die­sem Jahr wie­der mehr Refe­ren­ten als Zuhö­rer haben gewin­nen kön­nen.

Weil nicht der gesam­te Stoff klau­sur­re­le­vant ist, habe ich mir erlaubt, eine klei­ne Hand­rei­chung zusam­men­zu­stel­len, die nur die zen­tra­le Fra­ge „Was ist eigent­lich lus­tig?“ beant­wor­tet:

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Nun, da wir die­se Fra­ge geklärt hät­ten, kön­nen Sie den Rest des Tages nut­zen, um das Haus zu put­zen, mit Ihren Kin­dern zu spie­len, oder ein gutes, trau­ri­ges Buch zu lesen!

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Gesellschaft Politik

Lucky & Fred: Episode 10

Da sind wir wie­der! Weil ja zum Glück im letz­ten hal­ben Jahr nicht viel pas­siert ist, spre­chen wir über deut­sche Schau­spie­ler auf Face­book und die Stra­te­gie­lo­sig­keit der euro­päi­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie. Lucky will sei­nen Frie­dens­no­bel­preis zurück­ge­ben und Fred gibt Nach­hil­fe in Sachen Flug­zeug­tech­no­lo­gie. Also ein Abend für die gan­ze Fami­lie.

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Lucky & Fred: Episode 9

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Am Anschlag auf Char­lie Heb­do und die Pres­se­frei­heit führt auch bei uns kein Weg dran vor­bei: Wir dis­ku­tie­ren, was Sati­re darf, und fra­gen uns, wie man Sala­fist wird, wäh­rend Lucky über­ra­schend sein Mit­ge­fühl für Kar­ne­va­lis­ten ent­deckt.
Über einen Umweg nach Wien gelan­gen wir nach Grie­chen­land und zur Geld­ma­schi­ne Olym­pi­sche Spie­le.
Fred hält einen Nach­ruf auf Alt­bun­des­prä­si­dent Richard von Weiz­sä­cker und Lucky freut sich auf die Ober­bür­ger­meis­ter­wahl in Bochum.

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