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Musik

All They Want To Do Is Rock

Ent­ge­gen mei­ner gest­ri­gen Behaup­tung wird das Wet­ter offen­bar doch nicht vom Spiel­plan der Fuß­ball­bun­des­li­ga bestimmt, son­dern vom Tour­ka­len­der bri­ti­scher Rock­bands. Denn kaum hat­te ich ges­tern Mit­tag zur Ein­stim­mung auf das abend­li­che Tra­vis-Kon­zert Musik mei­ner schot­ti­schen Lieb­lin­ge auf­ge­legt, öff­ne­te Petrus auch schon alle Schleu­sen und zwang mich, zur U‑Bahn zu waten.

In Köln-Mül­heim ange­kom­men, hat­te sich das Wet­ter wie­der beru­higt, aber im E‑Werk erwar­te­ten mich die nächs­ten Schocks – oder Schö­cke? Jeden­falls war der Laden um zwan­zig vor Acht gera­de mal mit geschätz­ten zwei­hun­dert Leu­ten gefüllt und über­all hin­gen rie­si­ge Wer­be­ban­ner von WDR 2. „Neeeeeeiii­in!“, schrie ich, „ich bin doch noch viel zu jung! Ich will nicht auf Kon­zer­te, die von die­sem Eltern-Sen­der prä­sen­tiert wer­den, gehen!“ Spä­ter sah ich, dass die Sound­mi­scher das Kon­zert mit­schnit­ten – und soll­te WDR 2 es schaf­fen, das kom­plet­te Kon­zert aus­zu­strah­len, wäre ich sogar mit den Ban­nern und dem Gefühl des Alt­s­eins ver­söhnt.1

Vor­band waren The Tas­te aus Mün­chen, eine Art White Stripes mit umge­kehr­ter Geschlech­ter­ver­tei­lung. Das war ganz nett und kurz­wei­lig und weil die Dame und der Herr jedes Lied nament­lich ankün­dig­ten weiß ich jetzt, dass nahe­zu alle The-Tas­te-Songs ein „you“ im Titel haben. Öhm, das klingt jetzt nicht son­der­lich posi­tiv, aber stel­len Sie sich mal vor, wie sie auf noch so gute Bands reagie­ren wür­den, die Ihre Lieb­lings­band sup­port­en müss­ten. Da guckt man halt immer auf die Uhr.

Auf die Uhr geguckt wur­de auch von offi­zi­el­ler Sei­te sehr exakt (WDR-2-Kon­zert halt): 19:59 Uhr Vor­band, 21:00 Uhr Licht aus für Tra­vis. Wie man es schon aus die­sem Mit­schnitt kennt, erklang zunächst die Hym­ne von 20th Cen­tu­ry Fox, ehe die Band in Bade­män­tel gehüllt zum „Rocky The­me“ in die Hal­le ein­zog. Durchs Publi­kum, das inzwi­schen glück­li­cher­wei­se doch noch ein biss­chen ange­wach­sen war. Fran Hea­ly sieht von nahem sehr viel klei­ner, bär­ti­ger und grau­er aus als auf der Büh­ne, aber er hat sehr wache Augen und einen fes­ten Hän­de­druck.

Als die vier Schot­ten und ihr schwe­di­scher Tour-Key­boar­der die Büh­ne erklom­men hat­ten, schmis­sen sie sich mit Schma­ckes in „Sel­fi­sh Jean“, wobei Fran Hea­ly wäh­rend des gan­zen Kon­zer­tes eines der T‑Shirts trug, die sich Deme­tri Mar­tin im Video zum Song vom Kör­per schält. Ohne aus­ufern­de Ansa­gen, die Fran noch auf ver­gan­ge­nen Tou­ren gemacht hat­te, sprang die Band von Song zu Song und damit kreuz und quer durch die eige­ne Geschich­te. Noch auf kei­ner Tour nach 2000 haben Tra­vis so vie­le Songs von ihrem Debüt­al­bum gespielt („Good Day To Die“, „The Line Is Fine“, „Good Fee­ling“ und „All I Want To Do Is Rock“), noch nie stan­den alte und neue Songs der­art Schul­ter an Schul­ter. Was beim Hören der ver­schie­de­nen Alben mit­un­ter nur schwer vor­stell­bar ist, wur­de live völ­lig klar: Die­se Songs stam­men alle von der sel­ben Band und sie sind auch alle Kin­der glei­chen Geis­tes.

Zwar spiel­te die Band jede Men­ge Sin­gles, aber das Kon­zert wirk­te den­noch nicht wie eine Grea­test-Hits-Show. Dafür fehl­ten die Nicht-Album-Sin­gles „Coming Around“ und „Wal­king In The Sun“, aber auch „Re-Offen­der“ von „12 Memo­ries“. Über­haupt gab’s vom unge­lieb­ten „dunk­len“ Album gera­de mal zwei Songs zu hören: „The Beau­tiful Occu­pa­ti­on“ und das luf­ti­ge „Love Will Come Through“. Was aber noch viel merk­wür­di­ger war: Es gab auch gera­de mal vier Songs vom aktu­el­len Album „The Boy With No Name“. Kein „Col­der“, kein „Batt­le­ships“, kein „Big Chair“.

Die Sie­ger im Set hie­ßen also „The Man Who“ (5 von 11 Songs, nur „Blue Flas­hing Light“ fehl­te zur vol­len Glück­se­lig­keit) und „The Invi­si­ble Band“ (5 von 12 Songs, davon „Flowers In The Win­dow“ in einer wun­der­ba­ren Akus­tik­ver­si­on, bei der die gan­ze Band sang). Die Reak­tio­nen im Publi­kum mach­ten deut­lich, dass es sich bei den Bei­den in der Tat um die Lieb­lings­al­ben der meis­ten Fans han­deln muss.

Obwohl das Set also etwas merk­wür­dig aus­sah und min­des­tens zwei Songs (für mich „Blue Flas­hing Light“ und „Col­der“) zu wün­schen übrig ließ, war es ein tol­les Kon­zert, denn die Band hat­te sicht­lich Spaß bei dem, was sie da tat, und die­se Freu­de über­trug sich auf das Publi­kum. Als letz­ten Song im Zuga­ben­block gab es dann natür­lich „Why Does It Always Rain On Me?“, das Lied, das für Tra­vis das ist, was „Creep“ für Radio­head, „Loser“ für Beck und „Won­der­wall“ für Oasis ist: Das Lied, das jeder kennt, auch wenn er sonst nichts von der Band kennt. Aber Tra­vis schaf­fen es, mit die­sem Hit wür­de­voll umzu­ge­hen und wenn das Publi­kum erst mal hüpft wie eine Kolo­nie juve­ni­ler Frö­sche, ist die kom­mer­zi­el­le Bedeu­tung des Lieds eh egal. Und weil Fran den Song beim ers­ten Mal falsch zu Ende gebracht hat­te („This does­n’t hap­pen that often becau­se usual­ly I’m per­fect“), gab’s das Fina­le dann ein zwei­tes Mal.

Das nächs­te Mal wol­len Tra­vis nicht wie­der vier Jah­re auf sich war­ten las­sen. Im Dezem­ber geht’s ins Stu­dio, um ein neu­es Album auf­zu­neh­men.

1 Ja, ich glau­be, das war eine Auf­for­de­rung.

Und hier noch die Set­list für die Jäger und Samm­ler:

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Print Politik

Thank God it’s fake!

Was pas­siert, wenn Gra­fi­ker die rich­ti­gen Dro­gen neh­men, zeigt das US-Maga­zin „Radar“ mit sei­nem aktu­el­len Titel­bild:

“Radar”-Titelbild November 2007

Wie bei jeder Par­odie gilt natür­lich auch hier: Es hilft, das Ori­gi­nal zu ken­nen …

[via The Fil­ter]

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Leben Sport

Wie Wetter gemacht wird

Heu­te ist es kalt. Das erfuhr ich im Super­markt. Zwar wür­de ich per­sön­lich 15°C Mit­te Okto­ber als nicht wirk­lich kalt bezeich­nen, aber es ist immer­hin knap­pe zehn Grad käl­ter als am Wochen­en­de.

Viel wich­ti­ger ist aber, dass ich dort auch erfuhr, war­um es jetzt kalt ist/​wird: Das liegt dar­an, dass Bochum am Sams­tag gegen Bay­ern spielt. Auch in den letz­ten Jah­ren sei es da immer kalt gewe­sen, erklär­te die Kas­sie­re­rin der Frau am Bäcke­rei­t­re­sen.

Wie das Spiel aus­ge­hen wird, habe ich lei­der nicht erfah­ren.

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Literatur

Aus den Papierkörben der Weltliteratur

War­um soll­te es auf mei­ner Fest­plat­te anders aus­se­hen als in mei­nem Zim­mer? Ich war grad auf der Suche nach etwas völ­lig ande­rem, als ich über eine Text­da­tei stol­per­te, die mei­ne Auf­merk­sam­keit erreg­te. Sie ist ziem­lich exakt sechs Jah­re alt und mit „drama.txt“ beti­telt.

Da ich „drama.txt“ für ein äußerst inter­es­san­tes zeit­his­to­ri­sches Doku­ment hal­te, möch­te ich den Inhalt hier ger­ne in vol­lem Umfang und unver­än­dert wie­der­ge­ben:

Der Marsch der Insti­tu­tio­nen – ein Dra­ma in einem Akt.
Alle Namen sind frei erfun­den.
Per­so­nen: Frau Hän­del, Leh­re­rin; Karl, Schü­ler; Herr Lin­gen, Schul­lei­ter; etwa zwei dut­zend Schü­ler
Büh­ne: Ein schlich­ter Klas­sen­raum. Wich­tig sind das Pult, eine Tür und ein sti­li­sier­ter Kreml-Turm auf einem Schü­ler­tisch.

Die Schü­ler sit­zen umher und reden. Offen­bar sol­len sie gleich eine Klau­sur schrei­ben. Die Leh­re­rin fehlt noch.
Man­fred: Wenn die wirk­lich die glei­che Klau­sur nimmt, dann wer­de ich wahn­sin­nig.
Lud­wig: So doof wird die kaum sein!
Tor­ben: Gib mir noch mal den Text von Fried­rich!

Die Tür geht auf, Frau Hän­del tritt ein. Sie trägt eine über­trie­be­ne Perü­cke und eine gro­ße Tasche.

Frau Hän­del: Hal­lo Kin­der! Hier ist eure Klau­sur!

Frau Hän­del teilt ein Papier aus. Die Schü­ler bli­cken ungläu­big dar­auf und begin­nen dann, laut zu lachen.

Tor­ben: Toll! Und jetzt hab ich das nicht gele­sen!
Frau Hän­del: Was haben Sie nicht gele­sen?
Tor­ben: Äh, die Zusam­men­fas­sung der sti­lis­ti­schen Mit­tel, genau!

Frau Hän­del geht nach vor­ne. Karl mel­det sich.

Frau Hän­del: Ja, Karl?
Karl: Ihnen ist klar, dass sie die­se Klau­sur letz­tes Jahr im Grund­kurs schon ein­mal geschrie­ben haben?!?
Frau Hän­del: (strahlt) Ja!
Karl: Ihnen ist klar, dass wir Kon­takt zu den Schü­lern die­ses Grund­kur­ses haben?!?
Frau Hän­del: (strahlt) Ja!
Karl: Ihnen ist klar, dass eini­ge von uns Zugang zu die­ser Klau­sur hat­ten?
Frau Hän­del: (strahlt) Ja, aber schrei­ben Sie erst­mal so gut, wie die im letz­ten Jahr!

Die Schü­ler gucken ungläu­big, eini­ge lachen. Karl steht auf und ver­lässt den Klas­sen­raum.

Tor­ben: Das mein­te ich näm­lich! Ich habe die Klau­sur nicht gele­sen und jetzt haben die ande­ren einen Vor­teil.
Frau Hän­del: (mur­melt etwas in einer frem­den Spra­che)

Die Schü­ler machen sich an die Arbeit und lesen den Text.

Frau Hän­del: Nicht, dass ihr das Bild inter­pre­tiert! Den hab ich nur auf das Blatt kopiert, damit ihr weißt, wie das damals aus­sah!

Lud­wig lässt sei­nen Kopf neben dem Kreml­turm aufs Pult kra­chen, ehe er das Blatt in zwei Hälf­ten (die eine mit dem Text, die ande­re mit dem Bild) reißt. Die Tür geht auf, Karl und Herr Lin­gen betre­ten die Sze­ne.

Herr Lin­gen: Frau Hän­del, kom­men Sie mal bit­te eben raus?
Frau Hän­del: (steht auf) Ja, was ist denn?
Herr Lin­gen: (zu den Schü­lern) Kann ich mich dar­auf ver­las­sen, dass Sie hier still wei­ter­ar­bei­ten?

Die Schü­ler mur­meln ein „Ja“, Herr Lin­gen und Frau Hän­del tre­ten vor die Tür. Die Schü­ler mur­meln los.

Bert: Ist das ein fünf­he­bi­ger Jam­bus? Ist das ein fünf­he­bi­ger Jam­bus?!?
Lud­wig: Ja, halt die Klap­pe!

[Anmer­kung: hier­bei muss deut­lich wer­den, dass es sich natür­lich um kei­nen fünf­he­bi­gen Jam­bus han­delt, evtl. trägt Bert ein Affen­kos­tüm o.ä.]

Die Tür wird kurz geöff­net, die Schü­ler ver­stum­men, die Tür wird wie­der geschlos­sen. Lud­wig dreht sich begeis­tert zu Karl um und streckt ihm bei­de Dau­men ent­ge­gen. Karl sitz an sei­nem blan­ken Pult. Die Tür öff­net sich erneut, Frau Hän­del kehrt etwas wack­lig zu ihrem Pult zurück, Herr Lin­gen wen­det sich an die Klas­se.

Herr Lin­gen: Also, Sie müs­sen jetzt über das The­ma schrei­ben, Sie kön­nen dann nach­her Ein­spruch ein­le­gen! (ab)

Karl, Lud­wig und eini­ge ande­re Schü­ler schüt­teln den Kopf. Frau Hän­del sagt kein Wort.

Lesen Sie nächs­te Woche: Mei­nen Dra­men­zy­klus „Sturm­frei“ (bestehend aus „Türen“, „Sitz­grup­pe“ und „Türen 2“), sowie mei­ne „Ämter“-Trilogie (bestehend aus dem Sing­spiel „Kreis­wehr­ersatz­amt“, dem klas­si­schen Dra­ma „Finanz­amt“ und dem absur­den Frag­ment „Arbeits­amt“).

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Musik

„Spalter!“

Ja, ja, das neue Radio­head-Album. Jetzt ist es also bald eine Woche drau­ßen und fast alle haben dar­über geschrie­ben: der „NME“, der „Rol­ling Stone“, „Pitch­fork Media“, aber auch bei laut.de, alternativenation.de war man schnell mit den Bespre­chun­gen, intro.de hat­te immer­hin ein Forum zum Sam­meln der ers­ten Hör­ein­drü­cke ein­ge­rich­tet.

Die Rezen­si­on bei „Spie­gel Online“ ver­eint mal wie­der alles, was ich am Musik­jour­na­lis­mus nicht aus­ste­hen kann:

Dabei ist „In Rain­bows“ kein Enig­ma, kein Vexier­bild und kei­ne Kipp­fi­gur, son­dern die zugäng­lichs­te Plat­te, die Radio­head seit „OK Com­pu­ter“ ver­öf­fent­licht haben. Wer hier noch ernst­haft von „sper­rig“ spricht, ver­dient 48 Stun­den Dau­er­be­schal­lung mit Muse und Pla­ce­bo, ange­ket­tet.

Und bei „Plat­ten­tests Online“ erklärt man via News­let­ter, war­um es auch fünf Tage nach der Ver­öf­fent­li­chung des Albums im Inter­net noch kei­ne Rezen­si­on in die­sem Inter­net-Medi­um gibt:

Einen hal­ben Tag, teils sogar nur weni­ge Stun­den nach dem Down­load-Start ver­öf­fent­lich­ten eini­ge Online-Maga­zi­ne stolz ihre Rezen­sio­nen und fühl­ten sich als Sie­ger, nur weil sie die ers­ten waren. Sie hat­ten das Album zwei‑, viel­leicht drei­mal unter Zeit­druck gehört. Und sie sehen das als Grund­la­ge, den Wert eines Albums zu beur­tei­len, das jeden Hörer über Mona­te her­aus­for­dern, beschäf­ti­gen und in neue Zwei­fel stür­zen wird.

Wir möch­ten jetzt nie­man­den dis­sen oder über Kol­le­gen her­zie­hen, aber unter Serio­si­tät ver­ste­hen wir was ande­res. Und unter­wer­fen uns mit http://www.plattentests.de/ nicht die­sem von fal­schen Gel­tungs­drang getrie­be­nen Wett­be­werb. Wenn wir gewollt hät­ten, hät­ten wir Euch locker nach fünf Stun­den – oder wenigs­tens jetzt, nach fünf Tagen – eine Rezen­si­on raus­hau­en kön­nen. Und natür­lich ist auch unse­re Ver­gan­gen­heit nicht frei von über­stürz­ten, zu vor­ei­li­gen Rezen­sio­nen. Doch gera­de ein Radio­head-Album braucht mehr Zeit, um sich zu ent­fal­ten, wes­we­gen wir Euch aufs nächs­te Update ver­trös­ten müs­sen

Und was sag ich?

Ich fin­de nach wie vor, dass das Album gut ist, aber es ist wie mit so man­chem „guten“ Buch oder so man­chem „guten“ Wein: Ich erken­ne, dass das Werk von einer hohen Qua­li­tät sein muss, aber es sagt mir per­sön­lich nichts. Wie alle ande­ren Radio­head-Alben nach „Kid A“ auch, lässt mich „In Rain­bows“ weit­ge­hend kalt. Ich habe nicht das Gefühl, dass es mei­nem Leben oder dem Gesamt­werk der Band irgend­et­was hin­zu­fügt, und ob ich es höre oder nicht, macht für mich kei­nen Unter­schied. Mit „15 Step“ kann ich eben­so wenig anfan­gen wie mit Thom Yor­kes Solo­al­bum und von den zehn Songs ist „Video­tape“ der ein­zi­ge, der mich per­sön­lich anspricht.

Und damit ste­he ich vor einem Dilem­ma, denn es scheint fast, als müs­se man „In Rain­bows“ unbe­dingt in den Him­mel loben. Schrei­ben, es sei das zugäng­lichs­te Album seit „OK Com­pu­ter“ („In Rain­bows“ ist zugäng­lich, aber „OK Com­pu­ter“ ist für mich zum Bei­spiel so zugäng­lich wie Haru­ki-Mura­ka­mi-Bücher, also: gar nicht). Erzäh­len, dass man Frau und Kin­der ver­las­sen habe, um sich ganz der Rezep­ti­on die­ses Albums zu wid­men.

Radio­head ste­hen – wie sonst eigent­lich nur R.E.M., Bob Dylan, John­ny Cash und Joni Mit­chell – eh schon über allem, mit der Ver­öf­fent­li­chungs­tak­tik ihres neu­en Albums schei­nen sie sich völ­lig unan­greif­bar gemacht zu haben. Oder zumin­dest schei­nen die Leu­te zu den­ken, dass Radio­head jetzt unan­greif­bar sind. Ich wüss­te ger­ne, wie vie­le Musik­jour­na­lis­ten ver­zwei­felt vor ihrem Com­pu­ter saßen und dach­ten: „Aha. Und?“. Und dann schrie­ben sie, es sei ein Mei­len­stein, ein Meis­ter­werk, die Musik­wer­dung des Herrn.

Ich habe so vie­le CDs im Regal, so vie­le MP3s auf dem Com­pu­ter, da höre ich lie­ber Musik, die mich anspricht, die mir per­sön­lich etwas „gibt“. Und über­las­se „In Rain­bows“ denen, die auch sonst zu Archi­tek­tur tan­zen.

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Designern gibt’s der Herr im Schlaf

Was ist denn hier beim „Spie­gel“ los?

“Der Spiegel” KW 42/2007

  • „Reichs­tags­brand!“ Jetzt dreht Her­man völ­lig frei!
  • Nach Atta­cke auf Köh­ler: Ber­lin-Tou­ris­ten abge­schos­sen
  • „Tag der Deut­schen Ein­heit“ – Ers­te Bil­der von Flo­ri­an Hen­ckel von Don­ners­marcks neu­es­tem Film
  • Nina Hagen geht in die Poli­tik
  • End­lich: Schäub­le kehrt heim!

Die Wahr­heit ist – wie so oft – noch alber­ner

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Politik Gesellschaft

Uschis Spy Kids

Lan­ge nichts mehr von der Bun­des­re­gie­rung gehört, was? Um dar­an zu erin­nern, dass es immer noch eine gibt, hat Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Ursu­la von der Ley­en der über­rasch­ten Welt­öf­fent­lich­keit einen neu­en Vor­schlag unter­brei­tet: Kin­der und Jugend­li­che soll­ten als „ver­deck­te Ermitt­ler“ in Geschäf­ten aus­pro­bie­ren, ob man ihnen Alko­hol, Ziga­ret­ten oder „Gewalt­vi­de­os“ ver­kau­fen wür­de.

Das Ziel der Akti­on ist klar und durch­aus begrü­ßens­wert: Es geht um die Ein­hal­tung des Jugend­schutz­ge­set­zes. Auch wenn ich per­sön­lich nichts gegen Alko­hol und Spiel­fil­me habe („Kil­ler­spie­le“ ste­hen sicher auch auf der Lis­te), so gibt es für all das doch bestimm­te Alters­gren­zen. Und auch wenn die­se oft belie­big erschei­nen („Mama, war­um darf ich heu­te noch kein Bier trin­ken, mor­gen aber schon?“ – „Weil der Alko­hol ab dem 16. Jah­res­tag Dei­ner Geburt weni­ger schäd­lich ist, mein Kind!“), ist ihre Ein­hal­tung schon eine okaye Sache. Mei­net­we­gen sol­len mich die Kas­sie­re­rin­nen auch mit 24 noch nach mei­nem Aus­weis fra­gen, wenn ich Bier kau­fen will – nur wenn die bär­ti­gen 15-Jäh­ri­gen nach mir ohne Pro­ble­me ihre Spi­ri­tuo­sen kau­fen kön­nen, wer­de ich etwas unge­hal­ten.

Von der Ley­ens Vor­schlag aber ist aus meh­re­ren Grün­den schwie­rig: Ers­tens wür­den die Kin­der die Händ­ler direkt zu einer Straf­tat anstif­ten, da sie ohne ech­te Kauf­ab­sicht an die Kas­se gehen. Klar, die Händ­ler dür­fen nicht an an zu jun­ge Per­so­nen ver­kau­fen, wenn sie es doch tun sind sie im Prin­zip „selbst schuld“. Aber ich sehe zumin­dest einen mora­li­schen Unter­schied zwi­schen einem Geset­zes­ver­stoß und einem pro­vo­zier­ten Geset­zes­ver­stoß. Das ist ja, als ob einen Zivil­po­li­zis­ten nachts auf einer ent­le­ge­nen Stra­ße ver­fol­gen, bedrän­gen und einen anschlie­ßend wegen Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung anhal­ten.

Viel schwe­rer wiegt aber, dass der Vor­schlag bes­tens ins Gesamt­bild der Bun­des­re­gie­rung passt, im Land ein Kli­ma der Angst zu schü­ren. Über­all wird man von Video­ka­me­ras über­wacht, der Bun­des­in­nen­mi­nis­ter will wis­sen, wann man wie lan­ge mit wem tele­fo­niert hat, und bald soll man nicht mal mehr Kin­dern trau­en kön­nen? Die Voll­endung des Über­wa­chungs­staa­tes stün­de kurz bevor.

Und was, wenn Kin­der erst­mal erfolg­reich Ver­stö­ße gegen das Jugend­schutz­ge­setz auf­de­cken? Was, wenn dann der nächs­te Poli­ti­ker vor­schlägt, man könn­te Kin­der doch auch als „Lock­vö­gel“ im Kampf gegen Kin­der­por­no­gra­phie ein­set­zen? Das dien­te doch auch der „guten Sache“ …

Noch was:

Wer einem Min­der­jäh­ri­gen in Zukunft Schnaps, Ziga­ret­ten oder ein Gewalt­vi­deo ver­kauft, muss danach mit Geld­bu­ßen bis zu 50.000 Euro rech­nen.

(Quel­le: sueddeutsche.de)

Nun ist es gene­rell mög­lich, dass die For­mu­lie­rung „in Zukunft“ irgend­wie von den Agen­tu­ren in die Mel­dung rein­ge­dich­tet wor­den ist und nicht aus dem Fami­li­en­mi­nis­te­ri­um selbst stammt. Wir wol­len es hof­fen, denn im Jugend­schutz­ge­setz (Abschnitt 6: Ahn­dung von Ver­stö­ßen, § 28 Buß­geld­vor­schrif­ten) steht schon seit län­ge­rem:

(5) Die Ord­nungs­wid­rig­keit kann mit einer Geld­bu­ße bis zu fünf­zig­tau­send Euro geahn­det wer­den.

Nach­trag 21:59 Uhr: Jens weist in den Kom­men­ta­ren dar­auf hin, dass der Vor­schlag schon wie­der vom Tisch ist. Jetzt „regie­ren“ die schon schnel­ler als ich blog­gen kann …

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Digital Musik

Long tail, short breath

Vor einem hal­ben Jahr hat­te ich mal über die Rei­he „Top Of The Blogs“ bei „Spie­gel Online“ geschrie­ben und mich dar­über gewun­dert, dass dort zwar Musi­ker vor­ge­stellt wur­den, die zuvor in Blogs gelobt wor­den waren, aber kein ein­zi­ges Blog ver­linkt war.

Gera­de fiel mir die Geschich­te wie­der ein und ich woll­te mal nach­schau­en, was die­se zukunfts­wei­sen­de Rubrik eigent­lich so macht. Sie­he da: Sie ist sang- und klang­los vor fünf Mona­ten aus­ge­lau­fen, nach zehn Epi­so­den.

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Musik Digital

Knives Out

Am Mitt­woch erschien also das neue Radio­head-Album „In Rain­bows“ als Down­load. Angeb­lich hat die Band schon am ers­ten Tag 1,2 Mil­lio­nen Alben zu einem durch­schnitt­li­chen Preis von 4£ ver­kauft – und hät­te damit knapp sie­ben Mil­lio­nen Euro ver­dient.

Da es noch kein offi­zi­el­les Art­work gibt, hat visions.de sei­ne Leser zu einem Mal­wett­be­werb auf­ge­ru­fen – und kam damit zwei Tage zu spät.

Wie auch immer das mit der Musik­in­dus­trie wei­ter­ge­hen mag: „In Rain­bows“ und das Drum­her­um sind schon jetzt etwas ganz beson­de­res.

P.S.: Das Album ist gut. Viel­leicht schreib ich noch mal mehr dazu.

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Rundfunk Sport Radio Musik

Die Schönheit des Scheiterns

Bei man­chen Musi­kern sind die Inter­views, die sie zur Ver­öf­fent­li­chung eines neu­en Albums geben, span­nen­der als die Musik selbst. Bei ande­ren Musi­kern ist die Musik so toll und ein­zig­ar­tig, dass sie gar nichts mehr zu sagen bräuch­ten – und manch­mal auch gar nichts zu sagen haben.

Die­se Erfah­rung muss­te auch Luke Bur­bank von NPR machen, der Sigur Rós im Stu­dio hat­te. Zuge­ge­ben: Sei­ne Fra­gen waren nicht unbe­dingt die bes­ten (man lernt doch am ers­ten Tag, dass man kei­ne Fra­gen stel­len soll, auf die man mit „Ja“ oder „Nein“ ant­wor­ten könn­te), aber das, was sich aus die­sem „Gespräch“ ent­wi­ckelt, ist schon ziem­lich desas­trös und somit unter­halt­sam.

Any­way, last Fri­day the band show­ed up prompt­ly at 11am (EDT) and com­men­ced to give what is pos­si­bly the worst inter­view in the histo­ry of elec­tro­nic media.

Serious­ly.

It was that bad.

Zwar bin ich mir nicht sicher, ob Bur­banks Ein­schät­zung rich­tig ist, aber „nicht son­der­lich gut“ war das Inter­view auf alle Fäl­le.

Und weil NPR so mul­ti­me­di­al und zukunfts­wei­send ist, kann man sich das Radio-Inter­view nicht nur anhö­ren, son­dern auch anse­hen. Und das alles hier.

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Unterwegs

Lukas und die Lokomotivführer: Liveblog

Extre­me Situa­tio­nen erfor­dern extre­me Mit­tel: Ich muss heu­te Abend in Dins­la­ken auf einer Hoch­zeit tan­zen sein. Im Moment bin ich aber noch in Bochum. Zwi­schen mir und mei­nem Ziel steht also der Lok­füh­rer­streik der Gewerk­schaft von dem Mann mit der Bata-Illic-Mas­ke.

Und weil ich nun mal Bahn­fah­ren muss, dach­te ich mir, ich mache mir den Spaß und blog­ge drü­ber – live und … äh: live halt. Da ich kein blog­fä­hi­ges Mobil­te­le­fon habe, wird mei­ne rei­zen­de Assis­ten­tin Kath­rin mei­ne (ver­mut­lich irgend­wann ver­zwei­fel­ten) Anru­fe, SMSen und Rauch­zei­chen hier für mich nie­der­schrei­ben.

Und jetzt geht’s los …

16:29: Bochum Haupt­bahn­hof: Es ist nicht son­der­lich voll und die Anzei­gen­ta­fel sieht auch nor­mal aus. Die wer­den doch nicht etwa ohne mich strei­ken?

16:35: Sit­ze im fah­ren­den Regio­nal­ex­press nach Düs­sel­dorf. Ent­we­der kam der zu früh oder 59 Minu­ten zu spät.

16:46: Ste­hen seit eini­gen Minu­ten in Wat­ten­scheid, weil uns „schon wie­der“ ein ICE über­holt. Auf dem Gegen­gleis: Der Regio­nal­ex­press nach Min­den. Ent­we­der pünkt­lich oder eine vol­le Stun­de zu spät.

16:55: Essen Haupt­bahn­hof: So sieht kein Frei­tag­nach­mit­tag-Fei­er­abend­ver­kehr aus, es sind kaum Leu­te unter­wegs. Und wir fah­ren wei­ter.

17:11: Duis­burg Haupt­bahn­hof: Hier fällt mehr aus, die weni­gen Rei­sen­den wir­ken lethar­gisch. Mein Regio­nal­ex­press nach Dins­la­ken ist mit 5 Minu­ten Ver­spä­tung ange­schla­gen. Seit wann gibts hier eigent­lich Star­bucks?

17:25: Mein neu­er Freund bei Star­bucks mein­te eben, heu­te mor­gen sei der Laden voll mit Gestran­de­ten gewe­sen. Hof­fent­lich haben die da nicht auch schon ihren neu­en Kol­le­gen ein­ge­ar­bei­tet… Mein Regio­nal­ex­press ist da und und auch nur 5 Minu­ten zu spät.

17:40: Schon in Ober­hau­sen-Hol­ten. Letz­te Chan­ce, mich auf­zu­hal­ten, lie­be GDL!

17:46: Dins­la­ken Bahn­hof. Da brauch ich ja län­ger für den Fuß­weg zu mei­nen Eltern als von Bochum hier­hin. Was für eine Live­blog-Bla­ma­ge!

18:16: Honey, I’m home! Ich, der ich bei jeder zwei­ten Bahn­fahrt einen cho­le­ri­schen Anfall krie­ge, des­sen Züge grund­sätz­lich Ver­spä­tung haben, bin sel­ten ruhi­ger und ent­spann­ter Zug gefah­ren. Wenn ein Streik der Lok­füh­rer so aus­sieht, kön­nen die mei­net­we­gen jetzt jeden Tag strei­ken …

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Politik

Al Gore Galore

Es wird nicht vie­le Män­ner geben, die als Erfin­der des Inter­nets, gewähl­ter (aber unver­ei­dig­ter) US-Prä­si­dent, Oscar-Preis­trä­ger, Kon­zert­ver­an­stal­ter, Emmy-Preis­trä­ger und Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger in die Geschich­te ein­ge­hen.

Al Gore ist jetzt die­ser Mann. Herz­li­chen Glück­wunsch!