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Digital Gesellschaft

Shut Down Volume 2

Ich habe Men­schen, die beruf­lich so etwas wie „Social-Media-Opti­mie­rung“ betrei­ben, schon immer für die Wun­der­hei­ler des 21. Jahr­hun­derts gehal­ten: Da sit­zen sie, in ihren Loft-Büros mit Kicker­tisch und Fixie an der Wand, spre­chen (oder noch schlim­mer: schrei­ben in Slack) über „orga­ni­sche Reich­wei­ten“ wie ande­re Schar­la­ta­ne über „hei­len­de Stei­ne“, und erklä­ren auf Face­book unge­fragt jedem, wie Face­book funk­tio­nie­re und wie nicht.

Seit die­ser Woche wis­sen wir: Wenn sie sich nur genug Mühe geben und ein biss­chen kri­mi­nel­le Ener­gie mit­brin­gen, kann ihr Hokus­po­kus funk­tio­nie­ren. Und plötz­lich wol­len alle ande­ren ihre Face­book-Accounts löschen.

Facebook (Symbolbild).

Face­book und Mark Zucker­berg eig­nen sich dabei natür­lich wun­der­bar als James-Bond-Schur­ken, weil wir alle unse­re Ängs­te auf das Unter­neh­men pro­ji­zie­ren kön­nen. Nie­mand ver­steht so recht, wie das eigent­lich funk­tio­niert, was man da täg­lich nutzt. Das gilt auch für Flug­zeu­ge und Kern­kraft­wer­ke, aber da gibt es Men­schen, die was Ordent­li­ches stu­diert haben und wis­sen, was sie da tun – und meis­tens geht ja auch alles gut. Bei Face­book bin ich mir inzwi­schen sehr unsi­cher, ob Mark Zucker­berg selbst weiß, was da eigent­lich pas­siert. Und wenn dann wei­te­re Schur­ken­ro­man-Moti­ve wie rus­si­sche Hacker, noch dubio­se­re Unter­neh­men mit so geil seri­ös-unse­riö­sen Namen wie „Cam­bridge Ana­ly­ti­ca“ und die Wahl von Donald Trump ins Spiel kom­men, ist die Sci­ence-Fic­tion-Dys­to­pie kom­plett.

Dabei geht es bei Face­book eigent­lich immer um zwei Fra­gen: die daten­schutz­recht­li­chen Beden­ken, die es immer schon gab, bis­her aber ger­ne von den Anwender*innen igno­riert wur­den, und „Was bringt mir das noch außer schlech­ter Lau­ne und täg­li­cher Volks­ver­het­zung?“ Jetzt kommt aber bei­des auf unheil­vol­le Wei­se zusam­men.

In mei­nem Face­book-Feed sind eigent­lich fast nur noch Kolleg*innen, die „was mit Medi­en“ machen und ihre aktu­ells­ten Arbei­ten anprei­sen, und ent­fern­te Ver­wand­te oder frü­he­re Mitschüler*innen, die fröh­lich die Per­sön­lich­keits­rech­te ihrer Klein­kin­der ver­letz­ten, indem sie Fotos von denen online stel­len. Freund*innen und Ver­wand­te, die seriö­se Beru­fe ergrif­fen haben, gucken da immer noch rein, was man an deren Reak­tio­nen auf eige­ne Posts sehen kann, pos­ten aber selbst nichts mehr. Das war mal anders.

Wenn man Face­book jetzt mit dem gro­ßen, roten Knopf abschal­ten wür­de, den ich mir manch­mal wün­sche, wür­den die Leu­te, die mit den Früh­for­men des Inter­nets auf­ge­wach­sen sind, wie­der in ihre IRC-Chan­nels und zu jetzt.de zurück­keh­ren. Die gan­zen Extre­mis­ten ver­schie­dens­ter Coleur, die sich dort rum­trei­ben, wür­den sicher­lich auch schnell eine neue Platt­form fin­den. Aber die­se gan­zen Leu­te zwi­schen 45 und 60, die sich dort ange­mel­det haben, um mit ihren groß gewor­de­nen Kin­dern in Kon­takt zu blei­ben, die Pro­fil­fo­tos vol­ler Rosen oder Motor­rä­der und deut­lich zu viel Tages­frei­zeit haben und des­halb unter jedem Zei­tungs­ar­ti­kel oder Fern­seh­bei­trag kom­men­tie­ren und die Schuld für alles Elend die­ser Welt bei Ange­la Mer­kel und ihrer Flücht­lings­po­li­tik suchen und fin­den, die wür­den dann viel­leicht ein­fach nur noch „Can­dy Crush“ auf ihren Smart­phones spie­len.

Nun ist es sicher­lich so, dass man in man­chen Beru­fen, vor allem in den Medi­en, auf Face­book sein muss – auch, wenn man kein Scha­ma­ne mit Breit­band-Anschluss in der Agen­tur ist. Weil man den Face­book-Auf­tritt des Unter­neh­mens oder der Behör­de befüllt, weil man mit Kun­den oder Bür­gern in Kon­takt tre­ten soll, oder mal schau­en kön­nen muss, „was das Netz so sagt“. Eigent­lich müss­te der Arbeit­ge­ber da zusätz­li­ches Schmer­zens­geld zah­len.

Aber auch pri­vat kann man dem Elend gar nicht so leicht ent­kom­men: Ver­su­chen Sie mal, ohne Face­book und/​oder Whats­App mit einer grö­ße­ren Grup­pe Men­schen (Eltern­rat in der Kita, Ein­la­dung zum Oster­früh­stück, Orga­ni­sa­ti­on von Geburts­tags­ge­schen­ken oder – ger­ne nicht – Jung­ge­sel­len­ab­schie­den) zu kom­mu­ni­zie­ren! Das geht viel­leicht, wenn alle ein iPho­ne haben und iMes­sa­ge nut­zen kön­nen, oder wenn man aus­schließ­lich Nerd-Freun­de hat, die Diens­te wie Three­ma oder Tele­gram nut­zen.

Und Whats­App gehört ja genau­so zu Face­book wie Insta­gram und Face­book selbst. Wenn man da ein­mal einen Haken falsch gesetzt hat, hat man der Fir­ma die Daten all sei­ner Kon­tak­te über­mit­telt. Whats­App funk­tio­niert sowie­so nur noch, nach­dem man das getan hat – und sich damit nach Ansicht vie­ler Daten­schüt­zer und Juris­ten straf­bar gemacht hat, weil man die­se Daten nie­mals hät­te wei­ter­ge­ben dür­fen.

Wel­cher Flucht­punkt bleibt uns noch? Vor drei Wochen war Vero – iro­nisch gebro­chen – das gro­ße Ding. Dahin­ter ste­cken ein liba­ne­si­scher Mil­li­ar­där, der vor­her als Bau­un­ter­neh­mer erfolg­reich wur­de, indem er sei­ne Arbei­ter nicht bezahl­te, und jede Men­ge rus­si­sche Ent­wick­ler, was für vie­le gleich ein Alarm­si­gnal war wegen der rus­si­schen Umtrie­be bei Face­book und Twit­ter. Ande­rer­seits könn­te man sagen: Bei Vero steht wenigs­tens schon „schön dubi­os“ dran.

Wenn Leu­te (ger­ne natür­lich: Journalist*innen) jetzt auf Face­book schrei­ben, man kön­ne Face­book doch nicht ein­fach so hin­ter sich las­sen – die vie­len Lese-Emp­feh­lun­gen, die net­ten Kon­tak­te -, schei­nen sie ver­ges­sen zu haben, dass es mal eine Zeit gab im Inter­net, als wir alle noch nicht bei Face­book unter­wegs waren. Son­dern z.B. in Blogs.

Die­ser Text besteht aus Gedan­ken, die ich mir gemacht habe, bevor ich mit Bre­men Zwei über Face­book gespro­chen habe, die aber nicht alle im Gespräch Platz fan­den.

Außer­dem habe ich heu­te (hof­fent­lich) sämt­li­che Face­book-Inter­ak­ti­ons-Tools aus dem Blog gewor­fen.

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Schusters „rappen“

Zu den trau­rigs­ten (mut­maß­lich unter­be­zahl­ten) Jobs in der Medi­en­bran­che gehört „Auf­schrei­ben, was bei Twit­ter so los ist“ – und damit mei­ne ich nicht mal „Schau­en, was das Netz so sagt“, also die moder­ne Vari­an­te der Stra­ßen­um­fra­ge oder der Leser­brief­sei­te, bei der ein tat­säch­li­ches The­ma, das gera­de in den rich­ti­gen Medi­en vor­kommt und die nor­ma­len Men­schen beschäf­tigt, mit Stim­men aus dem Volk ange­rei­chert wird. Ich rede von fünf Tweets von völ­lig unbe­kann­ten Men­schen, die zusam­men­ge­sam­melt wer­den, um dar­aus eine Geschich­te – oder bes­ser noch: einen „Shit­s­torm“ – zu kon­stru­ie­ren. Also wirk­lich das digi­ta­le Äqui­va­lent zu „neu­lich an der The­ke“.

Neu­lich an der The­ke fan­den die Inter­net-Res­te-Ver­wer­ter von „Mas­ha­ble“ fünf Tweets zum neu­en Tay­lor-Swift-Song, in dem auch Ed Sheeran zu Wort kommt – und zwar rap­pend. „Haha, schlimm“, sag­te Twit­ter (ja, wirk­lich: „Twit­ter was having none of it“, steht da) und mach­te sich über den in Anfüh­rungs­zei­chen rap­pen­den Bar­den lus­tig.

So weit, so egal.

„Mas­ha­ble“ ging aber noch einen Schritt wei­ter:

Let’s not for­get, this is not the first time Sheeran has „rap­ped.“

Remem­ber this litt­le num­ber (or don’t, serious­ly, don’t press play, don’t)?

steht da über einem Video zum (tat­säch­lich sehr, sehr schlim­men) Song „Gal­way Girl“ von Ed Sheeran.

Und ich weiß, es ist – gera­de in Zei­ten wie die­sen – viel­leicht nicht das Aller­schlimms­te, was es an „den Medi­en“ zu kri­ti­sie­ren gibt, aber hier ging mein Puls dann doch auch für mich über­ra­schend durch die Decke.

Denn natür­lich war auch „Gal­way Girl“ nicht „the first time Sheeran has ‚rap­ped‘ “: Auf sei­nen frü­hen EPs und sei­nem Debüt­al­bum „+“ fin­den sich eini­ge Songs, in denen Ed Sheeran Sprech­ge­sang ein­setzt – so wie sei­ne erklär­ten Vor­bil­der, das inzwi­schen lan­ge auf­ge­lös­te bri­ti­sche Duo Niz­lo­pi (treue Blog­le­ser erin­nern sich viel­leicht), das Sheerans (frü­hen) Sound maß­geb­lich beein­flusst hat.

Man muss das alles nicht wis­sen. Ed Sheeran ist nicht Paul McCart­ney, aber wenn man sich über Ed Sheerans Rap-Skills lus­tig macht (was ja auch okay ist – ich fand „+“ ja unter ande­rem des­halb super, aber das ist ja Geschmacks­sa­che), soll­te man das The­ma doch ein biss­chen bes­ser ein­ord­nen kön­nen. So, wie „Vul­tu­re“ es immer­hin geschafft hat.

Ich hab mei­nen Puls übri­gens schnell wie­der in den Griff bekom­men, weil ich bei mei­ner kur­zen Recher­che zum The­ma auf die­ses schö­ne Video gesto­ßen bin:

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Digital Gesellschaft

Straßenbahn des Todes

Dies ist kein Abschied, denn ich war nie will­kom­men
Will auf und davon und nie wie­der­kom­men
Kein Lebe­wohl, will euch nicht ken­nen
Die Stadt muss bren­nen

(Cas­per – Im Asche­re­gen)

Ich hab in die­sem Jahr schon mehr­fach Social-Media-Pau­sen gemacht, die „digi­tal detox“ zu nen­nen ich mich scheue: Als mein Sohn Kita-Feri­en hat­te, wenn wir mal übers Wochen­en­de oder etwas län­ger weg­ge­fah­ren sind, hab ich Face­book und Twit­ter ein­fach aus­ge­las­sen. Zum einen, weil die iPho­nes-Apps im Ver­gleich zur rich­ti­gen Nut­zung (ich bin ver­mut­lich der ein­zi­ge Mensch Mit­te Drei­ßig, für den ein Com­pu­ter mit Bild­schirm, Tas­ta­tur und Brow­ser die „rich­ti­ge“ Anwen­dung ist und ein Smart­phone maxi­mal eine hilf­rei­che Krü­cke für unter­wegs, aber das ist mir – wie so vie­les – egal) ein­fach noch unprak­ti­scher sind (und das will schon was hei­ßen), zum ande­ren, weil ich gemerkt habe, dass Social Media mir schlecht Lau­ne macht.

Jetzt war ich übers Wochen­en­de am Meer, hab gera­de wie­der den Lap­top auf­ge­klappt, kurz in Face­book rein­ge­guckt und schon wäre die gan­ze wun­der­ba­re Erho­lung (Strah­lend blau­er Him­mel, knal­len­de Son­ne und 24 Grad Mit­te Okto­ber! 17 Grad Was­ser­tem­pe­ra­tur! In der Nord­see!) fast wie­der weg gewe­sen.

Und dann traf mich die Erkennt­nis und ich hat­te end­lich einen Ver­gleich bzw. eine Meta­pher für das gefun­den, was mich an Social Media so sehr nervt, dass ich gera­de­zu von „krank machen“ spre­chen wür­de: Es ist, als säße man in der Stra­ßen­bahn und könn­te die Gedan­ken jedes ein­zel­nen Men­schen mit­hö­ren. Da sitzt ein Mann, der gera­de sei­nen Job ver­lo­ren hat und nicht weiß, wie es wei­ter­ge­hen soll. Dort ist eine Frau, die gera­de auf dem Weg in die Kli­nik ist: Ihre Mut­ter hat Krebs im End­sta­di­um. Hier sitzt ein 16-jäh­ri­ges Mäd­chen, des­sen Freund, ihre ers­te gro­ße Lie­be, gera­de Schluss gemacht hat und schon mit einer ande­ren zusam­men ist. Und da drü­ben ein klei­ner Jun­ge, des­sen Hams­ter ges­tern gestor­ben ist.

Natür­lich sit­zen da auch wel­che, denen es gut geht: Eine Fami­lie auf dem Weg in den Zoo. Ein alter Mann, der gera­de sei­nen neu­ge­bo­re­nen Uren­kel besucht hat und sich gleich eine Dose Lin­sen­sup­pe warm­ma­chen wird, sein Leib­ge­richt. Eine jun­ge Frau auf dem Weg zum ers­ten Date – sie weiß es noch nicht, aber sie wird den Mann spä­ter hei­ra­ten und eine glück­li­che Fami­lie mit ihm grün­den. Doch ihre Gedan­ken sind nicht so laut, weil sie nicht immer nur um das eine schlech­te Ding krei­sen, son­dern sie ent­spannt und glück­lich in sich ruhen. Eher das Schnur­ren einer zufrie­de­nen Kat­ze – und damit unhör­bar im Ver­gleich zu dem Geschrei einer Metall­stan­ge, die sich in einem sehr gro­ßen Getrie­be ver­kan­tet hat.

Aber mehr noch: Nicht nur ich kann all die­se Gedan­ken hören – alle kön­nen ein­an­der hören. Und die, die selbst schon völ­lig durch sind, schrei­en dann die ande­ren an: „Sie sind eh unfä­hig, völ­lig klar, dass Sie ent­las­sen wur­den!“, „Inter­es­siert mich nicht mit Dei­ner Mut­ter, jeder muss mal ster­ben!“, „Dum­me Schlam­pe! Was lässt Du Dich auch mit so einem Typen ein? Schlech­ter Män­ner­ge­schmack und kei­ner­lei Men­schen­kennt­nis!“, „Hams­ter sind eh häss­lich und dumm!“

Das ist kein Ort, an dem ich ger­ne wäre. Da möch­te ich nicht mal feh­len.

Und doch set­ze ich mich dem regel­mä­ßig frei­wil­lig aus – oder glau­be, es tun zu müs­sen. Weil ich beruf­lich wis­sen muss, „was das Netz so sagt“. Bei Face­book sieht die Wahr­heit eher so aus: Jour­na­lis­ten­kol­le­gen berich­ten Jour­na­lis­ten­kol­le­gen, was in der Welt so Schlech­tes los ist. „Nor­ma­le“ Men­schen aus mei­nem Umfeld pos­ten schon kaum noch bei Face­book. Und, klar: Es ist die Auf­ga­be von Jour­na­lis­ten, zu berich­ten – auch und vor allem über Schlech­tes. Aber dann doch viel­leicht in einem Medi­um? Face­book war mal als digi­ta­les Wohn­zim­mer gestar­tet, inzwi­schen weiß nie­mand mehr, was es genau sein soll/​will, nur, dass es so gefähr­lich ist, dass es mut­maß­lich durch exter­ne Mani­pu­la­ti­on die US-Wahl mit ent­schie­den haben könn­te. Die wenigs­ten Din­ge star­ten als leicht schram­me­li­ge Wohn­zim­mer-Couch und lan­den als Atom­bom­be.

Und natür­lich: Es sind extre­me Zei­ten. Der Brexit, die US-Wahl, der Auf­stieg der AfD, jetzt die Wahl in Öster­reich – wenn die Offen­ba­rung von der Redak­ti­on des „Eco­no­mist“ geschrie­ben wor­den wäre, kämen dar­in ver­mut­lich weni­ger Scha­fe und Sie­gel vor und mehr von sol­chen Schlag­zei­len. Die letz­ten Tage waren geprägt von immer neu­en Ent­hül­lun­gen über den ehe­ma­li­gen Film­pro­du­zen­ten und hof­fent­lich ange­hen­den Straf­ge­fan­ge­nen Har­vey Wein­stein, des­sen Umgangs­for­men gegen­über Frau­en allen­falls mit denen des amtie­ren­den US-Prä­si­den­ten zu ver­glei­chen sind. Nach zahl­rei­chen Frau­en, die von Wein­stein beläs­tigt oder gar ver­ge­wal­tigt wur­den, mel­den sich jetzt auch vie­le zu Wort, die in ande­ren Situa­tio­nen Opfer von beschis­se­nem Ver­hal­ten wider­li­cher Män­ner gewor­den sind. Und, Spoi­ler-Alert: Es sind vie­le. Ver­dammt vie­le. Mut­maß­lich ein­fach alle.

Auf­tritt wei­te­re Arsch­lö­cher: „PR-Akti­on!“, „Dich wür­de doch eh nie­mand anpa­cken!“, „Habt Ihr doch vor vier Jah­ren schon gepos­tet, #auf­schrei!“ Und wäh­rend man sich mit der Hoff­nung ret­ten kann, dass sich dies­mal viel­leicht wirk­lich etwas ändern könn­te (eini­ges deu­tet dar­auf hin, dass Har­vey Wein­stein tat­säch­lich von jener Hol­ly­wood-Gesell­schaft aus­ge­schlos­sen wer­den könn­te, die sich all­zu­lang in sei­nem Licht gesonnt hat­te), kom­men die nächs­ten Kom­men­ta­re rein und man zwei­felt dar­an, ob da über­haupt noch irgend­wo irgend­was zu ret­ten ist.

Nimm einen ganz nor­ma­len Typen, so wie er im Buche steht
Gib die­sem Typen Anony­mi­tät
Gib ihm Publi­kum, das nicht weiß, wer er ist
Du kriegst das dümms­te Arsch­loch, das man nicht ver­gisst

(Mar­cus Wie­busch – Haters Gon­na Hate)

Es gibt ver­dien­te Kol­le­gen wie Sebas­ti­an Dal­kow­ski, die sich wirk­lich die Mühe machen, denen, die sich nicht für Fak­ten inter­es­sie­ren, wei­ter­hin Fak­ten ent­ge­gen­zu­set­zen. Die all den klei­nen und gro­ßen Scheiß, den die so apo­stro­phier­ten Besorg­ten Bür­ger und ihre media­len Für­spre­cher so von sich geben, gegen­che­cken – und dafür wie­der nur Hass und Spott ern­ten. Für Men­schen wie ihn haben kett­car „Den Revol­ver ent­si­chern“ geschrie­ben, den klu­gen Schluss­song des gran­dio­sen neu­en Albums „Ich vs. Wir“, in dem sie auch die viel­leicht zen­trals­te Fra­ge unse­rer Zeit stel­len: „What’s so fun­ny about peace, love, and under­stan­ding?“

Aber selbst, wenn Sebas­ti­an ein oder zwei Men­schen über­zeu­gen soll­te (was ich, so viel Opti­mis­mus ist durch­aus noch da, ein­fach mal hof­fe), muss ich jeden Mor­gen bei ihm lesen, wel­che Sau jene Leu­te, die Voka­beln wie „Gut­men­schen“ und „Ban­hofs­klat­scher“ ver­wen­den, um damit Men­schen zu bezeich­nen, die noch nicht ganz so viel Welt­hass, Pes­si­mis­mus und Mis­an­thro­pen­tum in ihren Her­zen tra­gen wie sie selbst, jetzt wie­der durchs Dorf getrie­ben haben. Und ich weiß, dass man es als „igno­rant“ und „unpro­fes­sio­nell“ abtun kann, wenn ich all das nicht mehr hören und lesen will, aber: krank und ver­bit­tert nüt­ze ich der Welt noch weni­ger. Ich hab sechs Jah­re BILD­blog gemacht – wenn ich heu­te wis­sen will, was in Juli­an Rei­chelts Kopf wie­der schief gelau­fen ist, kann ich das bei den Kol­le­gen nach­le­sen, die unse­re Arbeit dan­kens­wer­ter­wei­se immer noch wei­ter­füh­ren. Ich muss das nicht zwi­schen den ver­ein­zel­ten Kin­der­fo­tos ent­fern­ter Bekann­ter in mei­nem Face­book-Feed haben. Das gute Leben fin­det inzwi­schen eh bei Insta­gram statt.

Ich woll­te nie gro­ße Ansa­gen machen wie „Ich hab mich jetzt bei Twit­ter abge­mel­det“ – muss ja jeder selbst wis­sen, kann ja jeder hal­ten, wie er/​sie will, wirkt auch immer ein biss­chen eitel. Nur: Face­book und Twit­ter haben mitt­ler­wei­le eine Macht, die ihren Erfin­dern kaum klar ist. Sie kom­men nicht mehr klar mit dem Irr­sinn, der dort abgeht. Und dazu kommt noch der gan­ze Quatsch, dass rich­ti­ge Medi­en ihre Inhal­te dort abkip­pen, um wenigs­tens ein paar Krü­mel abzu­be­kom­men. Natür­lich inter­es­siert es Face­book und Twit­ter kein biss­chen, wenn ihnen ein unbe­deu­ten­der Blog­ger aus Bochum alle ver­füg­ba­ren Mit­tel­fin­ger zeigt, aber: Hey, immer­hin bin ich Blog­ger! Immer­hin hab ich hier ein Zuhau­se im Inter­net. Und wenn mir einer auf den Tep­pich pisst, kann ich ihn acht­kan­tig raus­wer­fen.

Ich weiß, dass Tei­le der Welt immer schlecht waren, sind und sein wer­den – ich brau­che nicht die täg­li­che Bestä­ti­gung. Wie kön­nen es uns hier so gemüt­lich machen, wie es in die­ser Welt (die übri­gens auch ganz vie­le wun­der­vol­le Tei­le hat) eben geht. Und dann hab ich ja auch noch mei­nen News­let­ter.

Ich hab ein Kind zu erzieh’n,
Dir einen Brief zu schrei­ben
Und ein Fuß­ball Team zu sup­port­en.

(Thees Uhl­mann – 17 Wor­te)

PS: Am Meer war es übri­gens wirk­lich wun­der­schön, das kriegt kein Social Media die­ser Welt kaputt!

Gestern am Strand von Scheveningen

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Furchtbar

Durch Umstän­de, die dies­mal nichts zur Sache tun, bin ich gera­de über eine rund zwei­ein­halb Jah­re alte Über­schrift auf bunte.de gestol­pert:

Kai Wiesinger: "Es ist furchtbar!"

Im Vor­spann steht:

Der Tod von Chan­tal de Freitas im Som­mer 2013 war über­ra­schend. Die damals 45-jäh­ri­ge Schau­spie­le­rin und getrennt leben­de Ehe­frau von Kai Wie­sin­ger starb plötz­lich und uner­war­tet. Zurück blie­ben ihre zwei Töch­ter – und ein trau­ern­der Kai Wie­sin­ger …

Und das kann man sich ja gut vor­stel­len, dass eine sol­che Situa­ti­on furcht­bar ist.

Allein – wenn man den dazu­ge­hö­ri­gen Arti­kel auf bunte.de kom­plett liest, stellt man fest, dass das Zitat in der Schlag­zei­le viel­leicht ein biss­chen … nen­nen wir es mal: aus dem Zusam­men­hang geris­sen ist:

"Es ist furchtbar, wie Medien ein falsches Bild von jemandem erschaffen können" Chantal de Freitas hinterließ zwei Töchter aus ihrer Ehe mit Kai Wiesinger. Im Interview mit dem Magazin "DONNA"​ spricht der 48-Jährige jetzt über die schwere Zeit. "Es ist furchtbar, wie Medien durch aus dem Zusammenhang gerissene Zitate ein falsches Bild von jemandem erschaffen können. Es ist sehr schwer, so etwas auszuhalten und dabei öffentlich keine Stellung zu beziehen."

Womög­lich braucht man gar nicht viel mehr als die­ses Bei­spiel, um das Wesen von Bou­le­vard­jour­na­lis­mus zu erklä­ren.

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Feedbackschleife

Ich mag Whats­App nicht – ich kann noch nicht mal genau sagen, war­um. Viel­leicht ist es das Design, viel­leicht der Hin­weis­ton, viel­leicht auch der Umstand, dass es jah­re­lang kei­ne Mög­lich­keit gab, die Funk­tio­nen der App auf einem rich­ti­gen Com­pu­ter zu nut­zen. Jeden­falls fand ich Whats­App schon doof, bevor die App 1 neue AGBs ver­öf­fent­licht hat, die for­dern, dass man nicht nur die Daten aller Kon­tak­te auf sei­nem Tele­fon mit der Whats­App-Mut­ter Face­book teilt, son­dern man auch noch erklä­ren soll, dass man die Geneh­mi­gung hat, die­se Daten wei­ter­zu­ge­ben – was eine lus­ti­ge, gro­ße Abmahn­wel­le aus­lö­sen könn­te.

Mal davon ab, dass ich E‑Mail immer noch für das sinn­volls­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­um hal­te (so man denn rudi­men­tär in der Lage ist, die­ses ver­nünf­tig zu nut­zen), war ich aber auch immer ein gro­ßer Fan von ICQ. In den Blü­te­zei­ten von BILD­blog, Oslog und co haben Ste­fan Nig­ge­mei­er und ich ver­mut­lich Tau­sen­de von Stun­den über ICQ kom­mu­ni­ziert und dabei zahl­rei­che Stern­stun­den des Humors pro­du­ziert.

Ich kann mich aber seit län­ge­rem nicht mehr bei ICQ ein­log­gen, weil alle poten­ti­el­len Pass­wör­ter, die ich jemals ver­wen­det habe, nicht funk­tio­nie­ren und auch die „Pass­wort zurücksetzen“-Funktion auf der ICQ-Web­site für mei­nen Account aus irgend­wel­chen Grün­den nicht zur Ver­fü­gung steht.

Ich schrieb also im April die­ses Jah­res eine E‑Mail an den ICQ-Sup­port mit der Bit­te um Hil­fe:

Hal­lo, lie­be Men­schen,

ich habe seit ca. 1998 ein ICQ-Kon­to (Nr. XXX), das ich in den letz­ten Jah­ren nicht benutzt habe. Weil Face­book, Whats­App und co alle schreck­lich sind, woll­te ich mein Kon­to reak­ti­vie­ren, aber alle Pass­wör­ter, die ich womög­lich mal ver­wen­det habe, pas­sen nicht mehr. Auch ein Zurück­set­zen des Pass­worts klappt aus irgend­wel­chen obsku­ren Grün­den nicht. Könnt Ihr mir viel­leicht hel­fen?

Vie­len Dank und bes­te Grü­ße,
Lukas Hein­ser

Die Ant­wort aus dem Hau­se mail.ru, zu dem ICQ seit 2010 gehört, kam erstaun­lich schnell – und war erstaun­lich umfang­reich:

Hal­lo,
Vie­len Dank, dass Du uns kon­tak­tiert hast!
Wir benö­ti­gen so viel wie mög­lich Infor­ma­tio­nen, um sicher­zu­stel­len, dass das Kon­to auch dir gehört:
1. Geschätz­tes Datum der Regis­trie­rung
2. Die dem Kon­to ver­knüpf­te E‑Mail-Adres­se
3. Die mit dem Kon­to ver­knüpf­te Tele­fon­num­mer
4. Falls Du eine Sicher­heits­fra­ge hat­test, wel­che und wie lau­tet die Ant­wort?
5. Geschätz­tes Datum, an dem Du das Pro­blem her­aus­ge­fun­den hast
6. Bit­te geben Sie die ICQ-Num­mern Kon­tak­te in Ihrer Kon­takt­lis­te waren
7. IP-Adres­sen, von denen Sie Zugriff auf das Netz­werk in den letz­ten Jah­ren.
8. Han­dy-Modell und das Betriebs­sys­tem , auf dem Sie die Anwen­dung instal­lie­ren.
Die kom­plet­ten Infor­ma­tio­nen erlau­ben uns, den Zugriff auf Dein Kon­to wie­der­her­zu­stel­len.
Mit freund­li­chen Grü­ßen,
Dein ICQ-Sup­port-Team
Bit­te zitie­re bei einer Ant­wort die gesam­te Unter­hal­tung.

Ich tat mein Mög­lichs­tes, um wenigs­tens einen Teil die­ser Fra­gen zu beant­wor­ten. Da ich mich mit der ICQ-App, die auf mei­nem anti­quier­ten iPod Touch instal­liert ist, sogar noch ein­log­gen kann (Pass­wort her­aus­fin­den oder ändern geht lei­der nicht), war es mir sogar mög­lich, die ICQ-Num­mern von Men­schen her­aus­zu­fin­den, mit denen ich vor vie­len Jah­ren via ICQ kom­mu­ni­ziert hat­te.

Ich bekam eine Ant­wort, die mich in nicht mehr ganz so ver­ständ­li­chem Deutsch dar­um bat, Kon­takt mit den Inha­bern die­ser ICQ-Num­mern auf­zu­neh­men, damit die­se unter Anga­be einer Berichts­num­mer Kon­takt mit ICQ/mail.ru auf­neh­men, um zu bestä­ti­gen, dass ich ich bin. Mit zwei die­ser Men­schen war ich zum Glück immer noch befreun­det und konn­te sie so bit­ten, sich an ICQ zu wen­den, was sie auch taten.

Die nächs­ten vier Mona­te hör­te ich: nichts. Als dann die Nach­richt von den neu­en Whats­App-AGBs kam, fiel mir wie­der ein, dass ich ja mei­nen ICQ-Account reak­ti­vie­ren woll­te, und hak­te noch mal nach:

Guten Tag!

Im April hat­te ich ver­sucht, mei­nen ICQ-Account zu reak­ti­vie­ren. Ist dies inzwi­schen irgend­wie mög­lich?

Bes­te Grü­ße,
Lukas Hein­ser

Ich bekam die­se Ant­wort:

Hal­lo,

Bit­te geben Sie Ihre gül­ti­ge Han­dy-Num­mer, die nicht an ICQ-Account ver­bun­den ist.
Die­se Zahl wer­den wir auf Ihr Kon­to legen.

Da ich ver­mu­te­te, dass die Nach­fra­ge mei­ner Han­dy­num­mer galt, schick­te ich die­se als Ant­wort.

Dar­auf­hin schrieb mir ICQ:

Hal­lo,

Über­prü­fen Sie die Rich­tig­keit Tele­fon­num­mer ein­zu­ge­ben.

Ich inter­pre­tier­te das als Auf­for­de­rung, mich auf der ICQ-Web­site mit mei­ner Han­dy­num­mer ein­zu­log­gen, schei­ter­te bei dem Ver­such aber kläg­lich:

Hel­lo,

I just tried to log­in with my pho­ne num­ber (+49 XXX) but I got log­ged into the account num­ber XXX and not mine (XXX).

Als Ant­wort bekam ich:

Hal­lo,

Die­se Tele­fon­num­mer +49 XXX ist ungül­tig. Es bleibt noch eine Zif­fer ein­zu­ge­ben.

Das war … merk­wür­dig, denn mein Han­dy­num­mer besteht seit lan­ger, lan­ger Zeit aus einer vier­stel­li­gen Vor­wahl und einer sie­ben­stel­li­gen Durch­wahl. Noch glaub­te ich des­halb an eine lös­ba­re Auf­ga­be:

Hal­lo,

die­se Num­mer ist seit 15 Jah­ren mei­ne Tele­fon­num­mer, Sie kön­nen ger­ne anru­fen.

Ich weiß nicht, ob sie die Num­mer mit oder ohne 0 nach der Län­der­ken­nung (+49) brau­chen, also ist es ent­we­der

0XXX

oder +49XXX.

Vie­len Dank!

Das sah der Cus­to­mer Sup­port bei ICQ aber anders:

Hal­lo,

Wir kön­nen die­se Tele­fon­num­mer nicht anhän­gen, es fehlt eine Zif­fer.

Mit freund­li­chen Grü­ßen,
Dein ICQ-Sup­port-Team
Bit­te zitie­re bei einer Ant­wort die gesam­te Unter­hal­tung.

Ich gebe zu, dass ich lang­sam genervt war, als ich am Frei­tag ant­wor­te­te:

Hal­lo,

ich ver­ste­he nicht, wo das Pro­blem liegt: 0XX-XXX ist mei­ne Tele­fon­num­mer. Mehr Zif­fern gibt es nicht. Wenn Ihr Sys­tem die­se gül­ti­ge Tele­fon­num­mer nicht aner­kennt, stimmt etwas mit Ihrem Sys­tem nicht.

Vie­le Grü­ße,
Lukas Hein­ser

Nun kam gera­de eine E‑Mail aus Russ­land, die uns über­ra­schend vier Mona­te zurück­warf:

Hal­lo,
Lei­der ohne Bestä­ti­gung Ihrer Kon­tak­te, kön­nen wir Ihnen nicht hel­fen.

Ich wer­de es aber wei­ter ver­su­chen. Viel­leicht schaf­fen die es ja, mei­nen Account zu reak­ti­vie­ren, solan­ge ICQ noch min­des­tens einen wei­te­ren Nut­zer hat!

  1. Nach­dem ich jetzt vier Mal „App“ geschrie­ben habe, hal­te ich es auch für mög­lich, dass ich Whats­App des­halb doof fin­de, weil ich den Begriff „App“ so super-doof fin­de.[]
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Digital Gesellschaft

Schwarm, wir müssen reden!

Vor ziem­lich genau zehn Jah­ren habe ich mit dem Blog­gen ange­fan­gen. Erst drü­ben in unse­rem dama­li­gen Aus­lands­se­mes­ter-Blog und spä­ter dann hier. Mit einer klei­nen Trup­pe von AutorIn­nen woll­ten wir „die Zei­tung machen, die wir sel­ber ger­ne lesen wür­den“ – was bei Licht bese­hen auch damals schon etwas ver­mes­sen war, aber wir woll­ten ein­fach mal gucken, was so pas­siert.

Es wur­de sehr schnell ein Blog, in dem ich mich vor allem über Medi­en und Jour­na­lis­ten aus­ließ – was dar­an lag, dass ich damals vor allem das Blog von Ste­fan Nig­ge­mei­er und das BILD­blog gele­sen habe. Es wäre aber falsch, Ste­fan und Chris­toph Schult­heis die Schuld an mei­nem alt­klu­gen, übel­lau­ni­gen Geblog­ge zu geben – ich dach­te, glau­be ich, wirk­lich, dass sie bei „RP Online“ irgend­wann mit ihren Klick­stre­cken auf­hö­ren wür­den, wenn ich mich nur oft genug dar­über auf­re­ge. Inzwi­schen gibt es BuzzFeed und Social Media und ich sehe ein, dass „RP Online“ allen­falls einen vor­läu­fi­gen Tief­punkt dar­ge­stellt hat.

Blogs waren damals noch etwas ande­res, näm­lich die mut­maß­li­che Zukunft. Wir lasen gegen­sei­tig unse­re Blogs, ver­link­ten unse­re Ein­trä­ge unter­ein­an­der, führ­ten Debat­ten wei­ter und mach­ten uns gegen­sei­tig auf ner­vi­ge, aber auch auf tol­le Din­ge auf­merk­sam. Dann kamen Face­book und Twit­ter und inzwi­schen redet unge­fähr nie­mand mehr über Blogs, wenn es um die Zukunft des Jour­na­lis­mus geht. 1 You­Tube ist der neue hei­ße Scheiß und die glei­chen Medi­en, die ein Leis­tungs­schutz­recht ein­füh­ren woll­ten, weil Goog­le News Tei­le ihrer Tex­te zitiert, ent­sor­gen ihren Con­tent heu­te direkt bei Face­book, in der Hoff­nung, wenigs­tens noch ein paar Krü­mel abzu­be­kom­men.

Wäh­rend Face­book frü­her noch das digi­ta­le Wohn­zim­mer war, wo man Freun­de und Bekann­te um sich sam­mel­te und lus­ti­ge Vide­os mit ihnen teil­te, sind inzwi­schen alle Sei­ten­wän­de abge­baut wor­den wie wei­land im „Torn“-Video und wir kön­nen sehen, dass neben­an der Stamm­tisch tobt, den man frü­her nie wahr- oder gar ernst­ge­nom­men hät­te, und ein merk­wür­di­ger Mob jede Nach­richt kom­men­tiert, so dass man anschlie­ßend glaubt, die Welt sei vol­ler recht­schreib­schwa­cher Men­schen­has­ser, die wie­der­um glau­ben, die Welt sei vol­ler Ter­ro­ris­ten und „links­grün-ver­siff­ter Gut­men­schen“. Men­schen mit aus­ge­dach­ten Berufs­be­zeich­nun­gen sind der­weil damit beschäf­tigt, jede Woche eine neue App zu fin­den, die angeb­lich „das neue Face­book“ sei.

Kurz­um: Ich bekom­me rich­tig schlech­te Lau­ne, wor­auf­hin ich rich­tig übel­lau­ni­ge Sachen bei Face­book und Twit­ter pos­te, wo es dar­auf­hin aus­sieht, als sei ich ein rich­tig übel­lau­ni­ger Mensch. Zum Blog­gen kom­me ich nicht, weil ich die gan­ze Zeit mit Social Media beschäf­tigt bin und des­halb lei­der nicht mehr auf­schrei­ben kann, was mir eigent­lich gute Lau­ne macht und was ich gera­de toll fin­de.

Die­ses Dilem­ma hat­te ich vor zwei Jah­ren schon ein­mal zu behe­ben ver­sucht, indem ich jeden Tag einen „Song des Tages“ pos­ten woll­te. Klei­ner Haken: Durch die Fest­le­gung auf die­ses For­mat wur­de die schö­ne Idee bald zur läs­ti­gen Auf­ga­be, die mir – kor­rekt! – schlech­te Lau­ne mach­te.

Sue Reind­ke, deren Blog ich frü­her sehr ger­ne gele­sen habe und die ich heu­te (s.o.) eigent­lich nur noch über Social Media mit­be­kom­me, hat letz­te Woche ein Expe­ri­ment gestar­tet: Sie will unge­fähr jede Woche einen News­let­ter ver­schi­cken mit Din­gen, die sie beschäf­ti­gen. Ich hat­te frü­her schon öfter über das Medi­um News­let­ter nach­ge­dacht und fin­de die Idee rich­tig gut: Statt die Inhal­te alle bei Face­book zu ver­bal­lern, wo Face­book damit auch noch Geld macht und wo sie – vor allem außer­halb eines Web­brow­sers – auf tech­nisch grau­en­haf­tes­te und unbrauch­bars­te Art irgend­wo ins Nir­wa­na dif­fun­die­ren, kann man sie auch per E‑Mail schi­cken, dem unge­fähr ein­zig brauch­ba­ren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­weg, den das Inter­net jemals her­vor­ge­bracht hat. Die Pro­duk­ti­on geht nicht so schnell und impul­siv von­stat­ten wie die eines Tweets und man kann die E‑Mail in Ruhe lesen, wenn man mal Zeit hat. Das will ich direkt auch mal pro­bie­ren!

Ich wer­de mein Pri­vat­le­ben wei­ter weit­ge­hend aus dem Inter­net raus­hal­ten, aber statt wei­ter bun­te Papier­schmet­ter­lin­ge in Pin­kel­rin­nen zu wer­fen, will ich ver­su­chen, posi­ti­ve oder zumin­dest inter­es­san­te Din­ge an einem Ort zu ver­sam­meln: Musik, Trai­ler, emp­feh­lens­wer­te Tex­te, Pod­casts oder Vide­os und ein paar eige­ne Gedan­ken. Gleich­zei­tig will ich ver­su­chen, wie­der mehr in die­sem Blog zu machen (immer­hin fei­ert das im Febru­ar sei­nen zehn­ten Geburts­tag), aber das alles ohne Zwang.

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So lan­ge schon mal: mein aktu­el­les Lieb­lings­lied!

  1. Okay: So rich­tig redet nie­mand mehr über die Zukunft des Jour­na­lis­mus.[]
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Rundfunk Digital Gesellschaft

Katastrophenjournalismus-Mäander

Ich war ein etwas merk­wür­di­ges Kind und leg­te schon früh eine gewis­se Obses­si­on für Jour­na­lis­mus an den Tag, beson­ders in Kata­stro­phen­si­tua­tio­nen: als in mei­nem Hei­mat­dorf ein Gast­haus abbrann­te, schnitt mein sie­ben­jäh­ri­ges Ich in den nächs­ten Tagen alle Arti­kel dar­über aus der Zei­tung aus und edi­tier­te sie neu zusam­men, um sie in einer von mir selbst mode­rier­ten Nach­rich­ten­sen­dung (Zuschau­er: mei­ne Stoff­tie­re) zu ver­le­sen.

Mit acht sam­mel­te ich in Zei­tun­gen und Radio alle Infor­ma­tio­nen über einen Flug­zeug­ab­sturz in Ams­ter­dam, derer ich hab­haft wer­den konn­te. Nach dem Absturz eines Bun­des­wehr­hub­schrau­bers 1 bei der Jugend­mes­se „YOU“ in Dort­mund, nach dem Unfall­tod von Prin­zes­sin Dia­na, nach dem ICE-Unfall von Esche­de schal­te­te ich Fern­se­her und Video­text ein und wech­sel­te jede hal­be Stun­de zum Radio, um aus den dor­ti­gen Nach­rich­ten mög­li­che neue Ent­wick­lun­gen zu ent­neh­men und – ich wünsch­te wirk­lich, ich däch­te mir das aus – zu notie­ren: Sound­so vie­le Tote, Ursa­che noch unklar, drück­te den Hin­ter­blie­be­nen an der Unfall­stel­le sein Mit­ge­fühl aus. Den 11. Sep­tem­ber 2001 ver­brach­te ich kniend auf dem Wohn­zim­mer­tep­pich mei­ner Eltern vor dem Fern­se­her, am 7. Juli 2005 ver­ließ ich mein Wohn­heims­zim­mer nicht.

Dann wur­den im August 2006 in Groß­bri­tan­ni­en zahl­rei­che Ver­däch­ti­ge fest­ge­nom­men, die Anschlä­ge auf Pas­sa­gier­ma­schi­nen geplant haben soll­ten, und nach etwa einer hal­ben Stun­de CNN und BBC schal­te­te ich den Fern­se­her aus, ging raus und dach­te „Was’n Scheiß!“

Ziem­lich exakt seit es mir tech­nisch mög­lich wäre, mich in Echt­zeit selbst über Ereig­nis­se zu infor­mie­ren, noch wäh­rend sie pas­sie­ren, wün­sche ich mir, dar­über im Geschichts­buch lesen zu kön­nen. Mit allen Erkennt­nis­sen, die im Lau­fe der Jah­re gewach­sen sind, mit his­to­ri­scher Ein­ord­nung und in genau dem Umfang, der ihnen ange­mes­sen ist: Dop­pel­sei­te, hal­be Sei­te, klei­ner Kas­ten, Fuß­no­te.

***

Als ich am ver­gan­ge­nen Frei­tag die ers­te Mel­dung bekam, dass sich in Mün­chen irgend­was schlim­mes ereig­net habe, 2 guck­te ich kurz bei Face­book Live und Peri­scope rein, weil ich ja manch­mal auch für aktu­el­le Infor­ma­ti­ons­sen­dun­gen arbei­te und mir die­se Tech­nik mal aus einer pro­fes­sio­nel­len Per­spek­ti­ve anse­hen woll­te. Ich sah also ver­wa­ckel­te Video­bil­der, auf denen Men­schen mit erho­be­nen Hän­den in Rich­tung von Poli­zei­au­tos rann­ten, und die von einem Mann mit bay­ri­schen Akzent mit anhal­ten­dem „krass, krass“ kom­men­tiert wur­den. Die Wör­ter „Mün­chen“, „Olym­pia“, „Schüs­se“ und „Kame­ra“ bil­de­ten in mei­nem Kopf eine Linie und ich dach­te, dass man so Schei­ße wie 1972, als die Gei­sel­neh­mer dank Live-Fern­se­hen per­ma­nent über die Aktio­nen der Poli­zei infor­miert waren, ja ruhig 44 Jah­re spä­ter mit Mit­teln für den Heim­an­wen­der noch mal wie­der­ho­len kann. Ich erbrach mich kurz bei Twit­ter und tat dann das Ein­zi­ge, was mir an einem sol­chen Tag noch sinn­voll und sach­dien­lich erschien: ich ging in die Küche und mach­te Mar­mor­ku­chen und Nudel­sa­lat für einen Kin­der­ge­burts­tag.

***

Der Begriff des „Zeu­gen“ ist in ers­ter Linie ein juris­ti­scher. Zeu­gen haben von den Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den (und dort von mög­lichst geschul­tem Per­so­nal) gehört zu wer­den und soll­ten nach Mög­lich­keit nicht vor lau­fen­de Kame­ras gezerrt wer­den. Schon bei einem harm­lo­sen Ver­kehrs­un­fall kann man die wider­sprüch­lichs­ten Infor­ma­tio­nen zusam­men­sam­meln, bei einer unüber­sicht­li­chen Gefähr­dungs­la­ge dürf­te die Chan­ce, tat­säch­li­chen Mehr­wert zu gene­rie­ren (der sich anschlie­ßend inhalt­lich auch noch als zutref­fend erweist), genau­so groß sein wie wenn der Mode­ra­tor im Stu­dio ein­fach mal rät, was pas­siert sein könn­te.

Zu den Leu­ten, die nach bes­tem Wis­sen und Gewis­sen aus­plau­dern, was sie gese­hen und gehört zu glau­ben haben, kom­men natür­lich noch die Idio­ten hin­zu, die sich irgend­was aus­den­ken, um auf Twit­ter oder Face­book geteilt zu wer­den – oder weil es sich ja zufäl­lig als tref­fend erwei­sen könn­te.

Auf einem der Peri­scope-Vide­os aus Mün­chen sah ich Dut­zen­de Men­schen, die alle ihre Han­dys in Rich­tung eines nicht näher ein­zu­ord­nen­den Ortes rich­te­ten, den ich jetzt ein­fach mal als „poten­ti­el­le Gefah­ren­quel­le“ bezeich­nen wür­de. Die Gei­sel­neh­mer von Glad­beck müss­ten heu­te nicht mal mehr war­ten, dass „Hans Mei­ser, deut­sches Fern­se­hen“ bei ihnen anruft oder der spä­te­re „Bild“-Chefredakteur Udo Röbel zu ihnen ins Auto steigt.

Neben all dem fin­det man in den Sozia­len Netz­wer­ken natür­lich auch die Bes­ser­wis­ser: 3 das Fern­se­hen soll mehr berich­ten, das Fern­se­hen soll weni­ger berich­ten, die Poli­ti­ker sol­len sich gefäl­ligst jetzt äußern. Fast wür­de man die­sen Leu­ten ein „Macht’s bes­ser!“, ent­ge­gen schrei­en wol­len, wenn man nicht davon aus­ge­hen müss­te, dass sie schon im Glau­ben sind, auf ihren Pro­fi­len genau das zu tun.

***

Wäh­rend etwas geschieht, ist man in aller Regel nicht in der Lage, die Dimen­si­on die­ses Ereig­nis­ses auch ein­zu­schät­zen. Das gilt für die ers­te Begeg­nung mit der spä­te­ren gro­ßen Lie­be genau­so wie für Nach­rich­ten. Es hat sich mir förm­lich ins Hirn gebrannt, wie ich mit fünf Jah­ren ver­se­hent­lich eine Aus­ga­be der „Aktu­el­len Stun­de“ mit­krieg­te, die vom Absturz eines US-Kampf­flug­zeugs in einer Stadt namens Rem­scheid berich­te­te. 4 Die Wor­te „Flug­zeug­ab­sturz“ und „Rem­scheid“ sind für mich seit­dem untrenn­bar seman­tisch mit­ein­an­der ver­bun­den, obwohl ich bis heu­te nicht sagen könn­te, wo Rem­scheid liegt. 5 Die aller­meis­ten Men­schen, die die­se Nach­richt damals zur Kennt­nis genom­men haben und nicht direkt von dem Absturz betrof­fen waren, dürf­ten sie kom­plett ver­ges­sen haben – die dama­li­gen Mode­ra­to­ren der „Aktu­el­len Stun­de“ inklu­si­ve. Für die Stadt Rem­scheid dürf­te der Tag eine deut­lich grö­ße­re Bedeu­tung haben als für die US Air Force. Und allein die Tat­sa­che, dass ich die Fak­ten dazu jetzt ganz schnell nach­schla­gen konn­te, gibt dem Unglück ja eine gewis­se Wer­tung: Es ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass am glei­chen Tag auf den Stra­ßen in NRW mehr Todes­op­fer bei Auto­un­fäl­len zu bekla­gen waren – Anfang Dezem­ber, viel­leicht Blitz­eis? – als die sie­ben beim Flug­zeug­ab­sturz, aber dazu gibt es halt kei­nen Wiki­pe­dia-Ein­trag.

***

Als ich noch rela­tiv klein war, lief ein psy­chisch kran­ker Mann mit einer Schuss­waf­fe durch die Dins­la­ke­ner Innen­stadt, schoss auf Poli­zis­ten und erschoss sich am Ende in einer Gara­ge. Jeden­falls ist es das, wor­an ich mich sehr dun­kel – und aus­schließ­lich auf Erzäh­lun­gen mei­ner Mut­ter an jenem Tag basie­rend – erin­ne­re. Ich bil­de mir ein, dass es im Herbst 1991 gewe­sen sein müss­te, aber ich habe ehr­lich gesagt kei­ne Ahnung – um das gan­ze irgend­wie veri­fi­zie­ren zu kön­nen, müss­te ich nach Dins­la­ken fah­ren und in den Archi­ven der Lokal­re­dak­tio­nen von „NRZ“ und „Rhei­ni­scher Post“ meter­wei­se Mikro­film sich­ten. Angeb­lich war auch das Fern­se­hen vor Ort, viel­leicht fän­de ich etwas im Kel­ler von RTL West.

Nur zehn Jah­re spä­ter hät­te die­ses Ereig­nis zumin­dest ein paar Arti­kel in Online-Medi­en nach sich gezo­gen, die ich jetzt ergoo­geln könn­te. Zwan­zig Jah­re spä­ter hät­te es ver­mut­lich schon so viel Social-Media-Buzz erzeugt, dass man die Ent­wick­lun­gen auch in einer fer­nen Zukunft noch minu­ten­ge­nau nach­voll­zie­hen könn­te – oder halt beim Nach­le­sen genau­so ahnungs­los ist, als wäre man selbst dabei. Und in die­ser Woche wäre es nicht unter einem „Brenn­punkt“ und einer Soli­da­ri­täts­adres­se min­des­tens eines aus­län­di­schen Spit­zen­po­li­ti­kers auf Twit­ter pas­siert. Der ört­li­che Poli­zei­pres­se­spre­cher hät­te sich auch ande­re Fra­gen anhö­ren müs­sen.

***

Schon seit eini­gen Jah­ren erwähnt Barack Oba­ma, wenn er wie­der mal mit zit­tern­der Unter­lip­pe ein State­ment zu einer Mas­sen­schie­ße­rei in den USA abge­ben muss, dass er bereits zu vie­le State­ments zu einer Mas­sen­schie­ße­rei in den USA abge­ge­ben habe.

Nun bin ich – Gott sei Dank – nicht der US-Prä­si­dent und glau­be auch nicht, dass es irgend­wel­che grö­ße­ren Aus­wir­kun­gen hat, wenn ich hier mei­ne Mei­nun­gen zu Medi­en­be­rich­ten nach schreck­li­chen Ereig­nis­sen ver­öf­fent­li­che, aber auch ich habe schon viel zu oft mei­ne Mei­nung zu Medi­en­be­rich­ten nach schreck­li­chen Ereig­nis­sen ver­öf­fent­licht:

  1. Die Typen­be­zeich­nung Bell UH-1D könn­te ich Ihnen ohne nach­zu­den­ken nen­nen, wenn Sie mich nachts um vier aus dem Bett klin­gel­ten – was Sie aber bit­te in unser bei­der Inter­es­se unter­las­sen![]
  2. Bizar­rer­wei­se per Push-Benach­rich­ti­gung der BBC-App.[]
  3. Zu denen ich in der Blü­te der Arro­ganz von Jugend und Inter­net­glau­ben auch gehört habe.[]
  4. Note to self: Nie­mals Nach­rich­ten gucken, wenn das Kind in der Nähe ist.[]
  5. An der A1 zwi­schen Wup­per­tal und Köln, aber was weiß ich, wo die A1 lang führt – und wo zum Hen­ker liegt über­haupt Wup­per­tal, außer halt süd­lich des Ruhr­ge­biets?[]
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Die Geräusche meiner Kindheit

Aus­ge­löst durch eine Kolum­ne von Caro­lin Emcke schrei­ben die Men­schen auf Twit­ter heu­te unter dem Hash­tag #geräu­sche­der­kind­heit Geräu­sche auf, die sie an ihre Kind­heit erin­nern. Das ist sehr toll, aber weil ich kei­nen Bock mehr habe, mei­ne Gedan­ken immer­zu in den Sphä­ren der Social Media zu ver­bal­lern, und weil 140 Zei­chen nun wirk­lich zu wenig sind, nut­ze ich die­ses Blog für das, wozu es mal gedacht war, und blog­ge:

  • Fuß­ball­re­por­ta­gen aus dem Nach­bar­gar­ten. Als mei­ne Geschwis­ter und ich noch sehr klein waren, hat­ten mei­ne Eltern einen Schre­ber­gar­ten, der sich seit Gene­ra­tio­nen im Fami­li­en­be­sitz befand. Wenn das Wet­ter gut war (aber auch, wenn es nicht so gut war), waren wir gefühlt das gan­ze Wochen­en­de dort. Unse­re Eltern schnit­ten Sträu­cher, zupf­ten Unkraut, mäh­ten den Rasen und bau­ten an der Gar­ten­lau­be her­um (kein Strom­an­schluss, ein Torf­klo hin­term Haus), wäh­rend wir Kin­der auf dem Klet­ter­ge­rüst schau­kel­ten, fri­sches Obst aßen (das natur­ge­mäß wohl eher sai­so­nal begrenzt und nicht, wie mei­ne Erin­ne­rung mir weis­ma­chen will, immer) oder irgend­wo her­um­lie­fen (ande­re Kin­der gab es in der Kolo­nie, soweit ich mich erin­nern kann, kaum). Fes­ter Bestand­teil eines sol­chen Wochen­en­des waren schrei­en­de Män­ner, unter­legt von einem viel­stim­mi­gen Rau­schen, die aus den Radi­os der umlie­gen­den Gär­ten schall­ten. Mein Inter­es­se für Fuß­ball außer­halb der gro­ßen inter­na­tio­na­len Tur­nie­re begann erst mit der Bun­des­li­ga­sai­son 1994/​95 (5. Platz, Pokal­sieg, Ste­fan Effen­berg, Hei­ko Herr­lich, Mar­tin Dah­lin), des­we­gen hat­te ich nur eine unge­fäh­re Ahnung, was die­se Geräu­sche zu bedeu­ten hat­ten. Sie durch­misch­ten sich auch, gera­de am Sonn­tag, ger­ne mit den tat­säch­li­chen Durch­sa­gen, die von der nahe­ge­le­ge­nen Bezirks­sport­an­la­ge her­über weh­ten, wo der SuS Dins­la­ken 09 sei­ne Spie­le absol­vier­te. Noch heu­te ist Fuß­ball für mich eher ein akus­ti­sches als ein visu­el­les Erleb­nis (das Geräusch eines ordent­lich getre­te­nen Leder­balls lässt mich auch heu­te immer noch sofort zusam­men­zucken, weil ich damit rech­ne, das Teil Sekun­den­bruch­tei­le spä­ter an den Hin­ter­kopf, gegen die Nase oder in den Unter­leib zu bekom­men) und vor allem Bun­des­li­ga­nach­mit­ta­ge ver­brin­ge ich lie­ber am Radio als vor dem Fern­se­her.
  • Die Feu­er­wehr­si­re­ne. In den 1980er und 1990er Jah­ren wur­den Brän­de und ähn­li­che Kata­stro­phen noch von einem anschwil­len­den Sire­nen­ge­heul beglei­tet, das angeb­lich die Feu­er­wehr­leu­te zum Dienst rufen soll­te. Für mich war das ein schreck­li­ches Geräusch mit dunk­lem Hin­ter­grund: nach eini­gen Brän­den in umlie­gen­den Indus­trie­ge­bie­ten, nach denen die Bevöl­ke­rung ange­hal­ten wor­den war, Türen und Fens­ter geschlos­sen zu hal­ten, war das Geräusch für mich gleich­be­deu­tend mit einem nahen­den, bei unver­schlos­se­nen Fens­tern unaus­weich­li­chen Ersti­ckungs­tod. Wenn die Sire­ne los­ging, wäh­rend wir nicht zuhau­se waren, kam eine zwei­te, min­des­tens genau­so schlim­me Mög­lich­keit in Betracht: der Alarm galt unse­rem Haus, das gera­de in Flam­men stand – und mit ihm mei­ne Spiel­sa­chen und Kuschel­tie­re. Erst im Nach­hin­ein däm­mert mir, dass das Geräusch bei mei­ner Oma, die die Bom­bar­die­rung gleich meh­re­rer deut­scher Groß­städ­te er- und über­lebt hat­te, und ihren Alters­ge­nos­sen mög­li­cher­wei­se noch ein klein biss­chen beschis­se­ne­re Asso­zia­tio­nen aus­ge­löst haben muss. Ein­mal im Monat wur­den die­se ver­damm­ten Sire­nen, die in der gan­zen Stadt auf höhe­ren Häu­sern (dar­un­ter auch auf unse­rer Schu­le) mon­tiert waren, getes­tet – und es war für mich immer eine Schreck­se­kun­de, bis ich mich ver­ge­wis­sert hat­te: „Ja, ers­ter Sams­tag im Monat, 11.30 Uhr – dies­mal haben wir noch mal Glück gehabt.“ Aller­dings habe ich bis heu­te kei­ne Ahnung, was eigent­lich pas­siert wäre, wenn es aus­ge­rech­net zu die­ser Zeit tat­säch­lich mal gebrannt hät­te.
  • Das Fie­pen einer Bild­röh­re. Wir waren jung, wir durf­ten eine hal­be Stun­de am Nach­mit­tag fern­se­hen und wir hat­ten Rock’n’Roll, Walk­man und Kon­zer­te noch nicht für uns ent­deckt: natür­lich konn­ten wir hören, wenn irgend­wo in der Woh­nung ein Fern­se­her ein­ge­schal­tet war – selbst ohne Ton. Noch heu­te sind Bild­röh­ren für mich die ein­zig waren Fern­seh­ge­rä­te – auch, weil die so schö­ne Din­ge mit den eige­nen Haa­ren machen, wenn man direkt davor steht. Inzwi­schen bin ich 32 Jah­re alt, höre Musik über­wie­gend über Kopf­hö­rer, habe bei gro­ßen Ver­an­stal­tun­gen vor, hin­ter und auf der Büh­ne gear­bei­tet – und krie­ge regel­mä­ßig einen Rap­pel, wenn ich so etwas wie Lap­top-Netz­tei­le, Akku­la­de­ge­rä­te oder Tra­fos von Halo­gen­lam­pen immer noch fie­pen hören kann. Wozu die gan­ze Mühe?!
  • Der Anlas­ser­zug eines Zweitakt-Rasen­mäh­rer­mo­tors. Nach sei­ner Pen­sio­nie­rung hat­te mein Groß­va­ter drei gro­ße Hob­bies: Rei­sen, Golf spie­len und sei­nen Rasen. Die ers­ten bei­den lie­ßen sich ganz gut kom­bi­nie­ren, die letz­ten bei­den hät­ten immer noch eine Teil­zeit-Beschäf­ti­gung als Green­kee­per zuge­las­sen. So aber pfleg­te er den hei­mi­schen Rasen mit jähr­li­chem Ver­ti­ku­tie­ren, aus­gie­bi­gem Ein­satz von Dün­ge- und Unkraut­ver­nich­tungs­mit­teln und regel­mä­ßi­gem Rasen­mä­hen. Der Rasen­mä­her ist min­des­tens so alt wie ich und auch heu­te noch im Ein­satz, was – neben Autos der Mar­ke Opel – stark zu mei­nem unbe­irr­ten Glau­ben an die deut­sche Inge­nieurs­kunst bei­getra­gen hat. Gestar­tet wird das Teil mit einem Seil­zug­star­ter (die­ses Wort habe ich gera­de natür­lich ergoo­gelt), wobei der Motor fast laut ist wie der einer klei­nen Pro­pel­ler­ma­schi­ne, der Mäher aber bei rich­ti­ger Bedie­nung auch ähn­li­che Geschwin­dig­kei­ten erreicht – nur halt auf der Erde. Als ich alt genug war, um die Auf­ga­be des Rasen­mä­hens über­neh­men zu kön­nen, griff ich auf eine alt­be­währ­te Tak­tik zurück: ich ließ das selbst­fah­ren­de Unge­tüm ein­mal ins Blu­men­beet bret­tern und muss­te danach nie wie­der ran.
  • Der Rasen­spren­ger mei­nes Groß­va­ters. Glei­cher Rasen, ande­res Werk­zeug: Ein Kreis­ra­sen­spren­ger (auch gera­de ergoo­gelt – toll, dass die­se Din­ge alle auch einen rich­ti­gen Namen haben!), der ver­mut­lich schon zu Vor­kriegs­zei­ten in den Krupp’schen Stahl­wer­ken gefer­tigt wor­den war, des­sen Geräusch­ku­lis­se jeden­falls etwas mecha­nisch-mar­tia­li­sches an sich hat­te. Schnap­pend dreh­te sich der Kopf zunächst ruck­wei­se in die eine Rich­tung und spie gro­ße Was­ser­fon­tä­nen auf den zu benet­zen­den Grund, nach einer Dre­hung von schät­zungs­wei­se 320 Grad schnell­te er mit einem Mal zurück in die Aus­gangs­po­si­ti­on und begann die nächs­te Run­de. Als Kin­der konn­te man sich einen Spaß dar­aus machen, genau vor dem Was­ser­strahl her­zu­ren­nen und sich dann im toten Win­kel in Sicher­heit zu brin­gen. Ich glau­be, das Gerät ist irgend­wann kaputt­ge­gan­gen (mut­maß­lich zer­ros­tet) – oder es wur­de gewinn­brin­gend an Steam-Punk-Fans ver­kauft.
  • Zuge­schla­ge­ne Auto­tü­ren. Als Kind habe ich gefühlt sehr viel Zeit mit War­ten ver­bracht: Dar­auf, dass mei­ne Freun­de end­lich von ihren Eltern zum Spie­len vor­bei­ge­bracht wür­den, oder dar­auf, dass Tan­ten, Onkels oder ähn­li­cher Besuch kam. Die­ses War­ten ging ein­her mit der auf­merk­sa­men Beob­ach­tung der Park­plät­ze unter unse­rer dama­li­gen Miet­woh­nung, wobei ich jetzt nicht die gan­ze Zeit auf der Fens­ter­bank saß und nach drau­ßen starr­te – ich konn­te ja auch auf die Geräu­sche ach­ten. Jede zuge­schla­ge­ne Auto­tür konn­te bedeu­ten, dass es gleich end­lich an der Tür klin­geln wür­de und mein zwangs­wei­se auf Pau­se gesetz­ter Tages­ab­lauf (gut: ich hät­te auch lesen, Kas­set­ten hören oder irgend­et­was spie­len kön­nen) wei­ter­ge­hen konn­te. Was die Rück­kehr mei­nes Vaters von der Arbeit angeht, so bin ich mir sicher, auch heu­te noch einen Kadett E Cara­van, Bau­jahr 1988, aus einer belie­big gro­ßen Men­ge ande­rer Fahr­zeu­ge her­aus­hö­ren zu kön­nen.
  • Die Schwimm­hal­le mei­ner Groß­el­tern. Bevor im Pri­vat­fern­se­hen jeder Hinz und Kunz einen Pool oder einen Schwimm­teich vor lau­fen­der Kame­ra in Eigen­ar­beit zusam­men­bau­te, hat­ten mei­ne Groß­el­tern schon Anfang der 1970er Jah­re eine der ers­ten pri­va­ten Schwimm­hal­len der Stadt. Die­ser Stand­ort­vor­teil half mir zwar weder dabei, beson­ders früh Schwim­men zu ler­nen, noch dabei, als Teen­ager Mit­schü­le­rin­nen in den Feri­en zum Besuch im Biki­ni zu bewe­gen, aber Schwim­men ist heu­te immer noch mei­ne liebs­te Art sport­li­cher Betä­ti­gung. Das Becken ist mit fünf mal zehn Metern gar nicht mal so klein und ermög­licht es auch einem unge­üb­ten Sport­ler, bei­na­he Welt­re­kord­zei­ten zu schwim­men – weil man ja stän­dig umkeh­ren muss und sich dabei ordent­lich absto­ßen kann. Aus Grün­den der Ener­gie­ef­fi­zi­enz ist das Becken bei Nicht­be­nut­zung mit einer 50 Qua­drat­me­ter gro­ßen Pla­ne bedeckt, die auf eine gro­ße elek­trisch betrie­be­ne Rol­le am Ende auf­ge­wi­ckelt wer­den kann. Das Geräusch der sich öff­nen­den Pla­ne war stets Teil der Vor­freu­de auf den zu erwar­ten­den Bade­spaß. Die­ser ging dann anschlie­ßen­den meist mit lau­tem Plat­schen (im Gegen­satz zu öffent­li­chen Schwimm­bä­dern durf­te man hier vom Becken­rand sprin­gen – man muss­te nur anschlie­ßend wie­der tro­cken machen) und Gekrei­sche ein­her, das von den geka­chel­ten Wän­den und der gro­ßen Fens­ter­front wider­hall­te und sich gera­de bei geöff­ne­ter Front im Som­mer auch weit über den angren­zen­den Gar­ten ver­teil­te. Stil­echt abge­schlos­sen ist ein sol­cher Schwimm­bad­be­such bis heu­te übri­gens erst mit einem anschlie­ßend auf einem Bade­hand­tuch in der Son­ne kon­su­mier­ten „Däumling“-Eis der Fir­ma Bofrost.

Damit wären wir vor­erst am Ende mei­nes klei­nen Aus­flugs die Erin­ne­rungs­gas­se hin­un­ter. Ich bin sicher, dass mir schon bis heu­te Abend noch fünf ande­re Geräu­sche ein­ge­fal­len sein wer­den, die hier unbe­dingt hät­ten erwähnt wer­den müs­sen. Und in der nächs­ten Aus­ga­be machen wir es dann wie Mar­cel Proust und las­sen uns von Gebäck­stü­cken und ähn­li­chen Geschmä­ckern in der Zeit zurück­wer­fen.

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Super sinnfrei

In ame­ri­ka­ni­schen Social-Media-Kanä­len gab es Ver­wir­rung um ein angeb­li­ches Kon­zert der Schirm­müt­zen­kap­pel­le Limp Biz­kit. Die Band hät­te angeb­lich an einer Tank­stel­le in Day­ton, Ohio auf­tre­ten sol­len, hieß es. Der Auf­tritt fand – natür­lich – nicht statt.

Eine beklopp­te Geschich­te? Och, joa.

Ich habe nur einen schreck­li­chen Ver­dacht: Die gan­ze Geschich­te hat sich jemand nur aus­ge­dacht, damit „Spie­gel Online“ die­se Über­schrift benut­zen kann:

Limp-Bizkit-Konzert: Tanke für Nichts

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Old man yells at cloud

Seit mei­ne Fami­lie ihre Som­mer­ur­lau­be in den Nie­der­lan­den ver­bringt (also seit kurz nach Ende des Wie­ner Kon­gress), ist es lieb gewon­ne­ne Tra­di­ti­on, bei Aus­flü­gen ins Nach­bar­land die dor­ti­gen Super­märk­te auf­zu­su­chen und all jene klei­nen Köst­lich­kei­ten in gera­de noch haus­halts­üb­li­chen Men­gen raus­zu­schlep­pen, die in Deutsch­land rät­sel­haf­ter­wei­se nicht zu haben sind: Pinda­kaas, Pas­ta Cho­ca, Kren­ten­bol­len, Vla und Hagels­lag. Erst letz­ten Monat nutz­te ich eine Fami­li­en­fei­er im Grenz­ge­biet, um anschlie­ßend noch mal ordent­lich was fürs hol­län­di­sche Brut­to­in­lands­pro­dukt zu tun. 1 In Zei­ten der Glo­ba­li­sie­rung sind die­se gro­cery shop­ping sprees aller­dings zuneh­mend sym­bo­li­scher gewor­den: Scho­ko­la­denstreu­sel bekommt man hier schon lan­ge, seit eini­ger Zeit auch Vla und seit kur­zem bekommt man bei jedem Dis­coun­ter abge­pack­te Rosi­nen­bröt­chen, die den nie­der­län­di­schen Ori­gi­na­len zumin­dest in Kon­sins­tenz und Optik zum Ver­wech­seln ähneln. Das nimmt den Pro­duk­ten den Reiz der begrenz­ten Ver­füg­bar­keit und sorgt neben­her für so ernüch­tern­de Erkennt­nis­se wie die, dass ich eigent­lich gar kei­nen Pud­ding mag.

Holländische Spezialitäten.

Ich habe Pro­ble­me, mich zu ent­schei­den. Des­we­gen mei­de ich Restau­rants mit gro­ßen Kar­ten, 2 Kauf­häu­ser und die­se Bars mit 246 Sor­ten Gin. Noch schlim­mer sind Früh­stücks­büf­fets und „All you can eat“-Läden, weil ich da immer das Gefühl habe, ich müss­te jetzt wirk­lich alles pro­bie­ren und ver­zeh­ren – ich hab ja schließ­lich dafür gezahlt und das Zeugs steht da jetzt rum und darf eh nicht zurück in die Küche. Und wäh­rend ich beim Betre­ten von Buch­hand­lun­gen seit jeher leicht depres­si­ve Schü­be bekom­me, weil ich den­ke: „Das wer­de ich bis zum Ende mei­nes Lebens nie­mals alles lesen kön­nen“, sind Leih­bü­che­rei­en noch schlim­mer, denn da kann ich ja nicht mal mehr auf eine Inter­ven­ti­on mei­nes Kon­to­stands hof­fen. Lau­ter offe­ne Türen, also Zeit, klaus­tro­pho­bisch zu wer­den.

Und so kom­me ich dann auch mit dem Kon­zept „Strea­ming“ über­haupt nicht klar: Seit ich Kun­de bei Musik­strea­ming­diens­ten bin (erst Spo­ti­fy, dann Apple Music) habe ich weni­ger Musik gehört als je zuvor in mei­nem Leben. Jede Woche wer­den mir dut­zen­de neue Songs und Alben ange­zeigt, von denen ein Algo­rith­mus glaubt, dass sie mir gefal­len könn­ten – also höre ich lie­ber das, was ich ken­ne, und kau­fe die neu­es­ten Wer­ke der Künst­ler, von denen ich sonst schon alles habe. 3 Natür­lich auf CD, denn das ist ja mein ande­res Dilem­ma: Ich will den gan­zen Kram natür­lich auch besit­zen. Ins Regal stel­len. Anfas­sen kön­nen. Haben. MP3s waren irgend­wie auch noch okay, denn da „habe“ ich ja die Datei auf der Fest­plat­te. Strea­ming ist da wie Auto lea­sen: zah­len, aber am Ende nichts besit­zen.

Glei­ches Dilem­ma bei Fern­seh­se­ri­en: Weil ich es mag, wenn mei­ne Ama­zon-Bestel­lun­gen noch am sel­ben Tag ver­schickt wer­den, damit ich sie am über­nächs­ten Werk­tag im Post­amt abho­len kann, bin ich „Prime“-Kunde – und bekom­me unge­fragt die Opti­on, hun­der­te Fern­seh­se­ri­en jeder­zeit kos­ten­los anschau­en zu kön­nen. So könn­te ich die Stun­den, in denen Pro­Sie­ben kei­ne Wie­der­ho­lun­gen von „The Big Bang Theo­ry“ zeigt, mit Wie­der­ho­lun­gen von „The Big Bang Theo­ry“ über­brü­cken. Wenn ich denn „The Big Bang Theo­ry“ gucken wol­len wür­de – oder irgend­ei­ne ande­re Fern­seh­se­rie.

Fern­se­hen ist für mich wie für ande­re Leu­te Sport: Wenn jemand mit­kommt und mich dazu zwingt, ist es meist ganz okay. Allei­ne fal­len mir meist hun­dert Sachen ein, die ich drin­gen­der erle­di­gen müss­te. 4 Dann möch­te ich aber ger­ne auch, dass die Pro­gramm­pla­ner mir gna­den­los vor­ge­ben, was ich wann zu gucken habe. So wie frü­her, als ich jeden Mon­tag­abend zu mei­nen Groß­el­tern gegan­gen bin, um „Akte X“ zu gucken, weil mei­ne Eltern kei­ne Satel­li­ten­schüs­sel hat­ten. Der 50 Meter lan­ge Rück­weg durch einen nächt­li­chen Gar­ten gewinnt für einen 12-Jäh­ri­gen deut­lich an Span­nung, wenn er sich vor­her mit Ali­ens, Zom­bies oder Ver­schwö­run­gen beschäf­tigt hat. Wenn ich Fern­se­hen nicht line­ar (oder, wie ich es nen­ne: „nor­mal“) gucken kann, will ich es gar nicht sehen. Und dann die­se Men­gen! „Guck Dir ‚Brea­king Bad‘ an!“ – alles klar: 62 Fol­gen, 5 sehe ich aus, als hät­te ich so viel Zeit?! Ich habe bei mei­nen Eltern noch einen lau­fen­den Meter VHS-Kas­set­ten mit über hun­dert Fol­gen „Nash Bridges“ ste­hen, die ich Ende der 1990er Jah­re auf Vox mit­ge­schnit­ten habe!

Die­se moder­nen Fern­seh­se­ri­en sind aber eh nichts für mich: Hand­lungs­strän­ge, die sich über Wochen und Mona­te ent­fal­ten, „hori­zon­ta­les Erzäh­len“, Chro­no­lo­gie­sprün­ge – urgs! Genau­so schlimm wie die­se unend­li­chen Kino­fil­me von Chris­to­pher Nolan und Zack Sny­der! Ich lese auch am liebs­ten Bücher mit weni­ger als 300 Sei­ten, dann kann ich mehr ver­schie­de­ne lesen. Wie dem älte­ren Herrn im War­te­zim­mer beim Arzt, der sehr detail­liert, aber völ­lig poin­ten­frei erzählt, was er neu­lich im War­te­zim­mer beim Bür­ger­bü­ro erlebt hat, möch­te ich sonst immer rufen: „Komm zum Punkt!“ Aber ich schwei­fe ab.

Neu­lich woll­te ich „Sols­bu­ry Hill“ von Peter Gabri­el hören. Zu Schul­zei­ten hät­te ich dazu erst mei­nen Vater befragt und wäre dann in die Stadt­bi­blio­thek gefah­ren. 6 Wenn das ent­spre­chen­de Album dort auch nicht ver­füg­bar gewe­sen wäre, hät­te ich nach­ein­an­der die – mitt­ler­wei­le natür­lich alle geschlos­se­nen – Plat­ten­lä­den mei­ner Hei­mat­stadt abklap­pern müs­sen. Ich erin­ne­re mich, wie ich Anfang 2000 bei bit­te­rer Käl­te mit mei­nem Fahr­rad jeden Ort in Dins­la­ken ansteu­er­te, an dem ich Ton­trä­ger hät­te käuf­lich erwer­ben kön­nen – sogar den Kar­stadt und die drei Video­the­ken. 7 Nir­gend­wo gab es den Sound­track zu „Fight Club“. Andert­halb Wochen spä­ter fuhr ich mit mei­nen Freun­den mit dem Zug nach Essen, um die CD dort, in der gro­ßen Stadt, end­lich zu erwer­ben. Das glei­che ein paar Mona­te spä­ter mit dem Album „St. Amour“ von Tom Liwa. Was mei­nen Sie, wie eupho­risch ich jeweils war, als ich die CDs end­lich nach hau­se schlep­pen und dort hören konn­te? Heu­te: drei Klicks – Mega-Span­nungs­bo­gen! Und so habe ich dann neu­lich auch blitz­schnell das (wirk­lich phan­tas­ti­sche) ers­te selbst­be­ti­tel­te Album von Peter Gabri­el 8 hören kön­nen. Und seit­dem nie wie­der, denn es wäre ja theo­re­tisch jeder­zeit ver­füg­bar, genau­so wie fast jedes ande­re Album der Musik­ge­schich­te. Kein „Ich hab das jetzt gekauft, da muss ich es auch jeden Tag hören“-Rechtfertigungszwang mehr, kein „Ich hab doch nur sound­so vie­le CDs“-Ressourcenmangel. Kein Wun­der, dass Kon­zep­te wie Poly­amo­rie und Offe­ne Bezie­hung plötz­lich näher lie­gen als auf dem Dorf.

Musiksammlung.

Dou­glas Adams hat über das Ver­hält­nis von Men­schen und Tech­no­lo­gie geschrie­ben:

I’ve come up with a set of rules that descri­be our reac­tions to tech­no­lo­gies:

1. Any­thing that is in the world when you’­re born is nor­mal and ordi­na­ry and is just a natu­ral part of the way the world works.

2. Any­thing that’s inven­ted bet­ween when you’­re fif­teen and thir­ty-five is new and exci­ting and revo­lu­tio­na­ry and you can pro­ba­b­ly get a care­er in it.

3. Any­thing inven­ted after you’­re thir­ty-five is against the natu­ral order of things.

Die Zahl „thir­ty-five“ kann man bei mir bequem durch „twen­ty-five“ erset­zen. Mit 13 war ich online, 9 es ist für mich so nor­mal wie elek­tri­scher Strom oder ana­lo­ges Anten­nen­fern­se­hen. Mit 15 habe ich mei­ne ers­ten Tex­te ins Inter­net geschrie­ben und das war so, wie eine eige­ne Zei­tung her­aus­zu­ge­ben: toll. Des­we­gen habe ich dann mit 23 einen Blog auf­ge­macht. Und obwohl ich hier in den nach unten offe­nen Kom­men­tar­spal­ten 10 eini­ge Freun­de gefun­den habe, muss ich zuge­ben, dass ich die­sen Rück­ka­nal gar nicht zwin­gend gebraucht hät­te. Und hier sind ja zumeist total ver­nünf­ti­ge Leu­te unter­wegs! Stel­len Sie sich mal vor, Sie arbei­ten für die „Tages­schau“, hal­ten Ihre Zuschau­er für eini­ger­ma­ßen auf­ge­klärt und müs­sen dann erle­ben, was die auf Ihrer Sei­te oder gar bei Face­book kom­men­tie­ren. Da wird der Betreu­ungs­schlüs­sel nahe­ge­le­ge­ner The­ra­pie­ein­rich­tun­gen schnell über­reizt!

Ich hät­te des­halb ger­ne mein Inter­net von 2010 zurück: Blogs statt Face­book, ICQ statt Whats­App und E‑Mail statt Slack. Auch die Com­pu­ter waren damals noch bes­ser: Mac­Books hat­ten ver­schie­de­ne Anschlüs­se für ver­schie­de­ne Gerä­te und ein CD/DVD-Lauf­werk, Mobil­te­le­fo­ne pass­ten noch in Hosen­ta­schen und auch die Betriebs­sys­te­me waren noch bedeu­tend bes­ser als nach dem 17. Upgrade. „Online gehen“ setz­te, wenn schon nicht mehr die leicht umständ­li­che Ein­wahl per Modem, so doch zumin­dest einen Com­pu­ter vor­aus, der zumeist auch noch an einen Platz gebun­den war. Heu­te „geht“ man ja nicht mehr online, man ist es. Immer, über­all. Kein drin­nen und drau­ßen mehr. 11 Das Foto, gera­de gemacht, ist jetzt schon auf allen Gerä­ten, die mit dem Kon­to ver­bun­den sind – oder, wenn Sie pro­mi­nent sind, beim Hacker.

Neu­es­ter Trend: Live-Vide­os. Jour­na­lis­ten, glei­cher­ma­ßen geblen­det vom Moment des Dabei­seins und den neu­en tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten, strea­men wie besof­fen von Par­tei­ta­gen, Kon­fe­ren­zen und Fes­ti­vals, 12 die sie eigent­lich besu­chen, um zu beob­ach­ten, zu ana­ly­sie­ren und ein­zu­ord­nen. Posi­ti­ver Neben­aspekt von so viel Live-Leben aller­dings: Der frü­her oft so gefürch­te­te Dia- oder Video­abend nach einer gro­ßen (oder auch klei­nen) Rei­se ist zurecht fast kom­plett aus­ge­stor­ben.

Mag sein, dass ande­re Men­schen mit die­ser per­ma­nen­ten Ver­füg­bar­keit von allem, inkl. ihrer selbst, bes­ser klar­kom­men als ich. Gesprä­che mit Psy­cho­lo­gen und Sozio­lo­gen legen aller­dings nahe, dass dem nicht so ist. Aber man kann sich ja jeder­zeit sein Ent­schleu­ni­gungs-Maga­zin mit Land­haus­flair und Laven­del­duft auf dem iPad angu­cken oder die Medi­ta­ti­ons-App star­ten. Oder halt ein­fach durch­dre­hen, die Möbel aus dem Fens­ter schmei­ßen und den Kopf gegen die Wand schla­gen.

  1. Wie das unge­fähr aus­sieht, hat­te ich vor sie­ben Jah­ren hier im Blog schon­mal gezeigt.[]
  2. Ich ver­fü­ge näm­lich auch nicht über eine die­ser Lebens­mit­tel­un­ver­träg­lich­kei­ten, die einem die Aus­wahl mas­siv ein­grenzt – solan­ge kei­ne Wal­nüs­se im Essen sind oder es sich um gefüll­te Nudeln han­delt, kann und mag ich alles essen.[]
  3. Tol­le neue Alben von Weezer und den Pet Shop Boys, übri­gens![]
  4. Sport, zum Bei­spiel.[]
  5. Und damit noch für ame­ri­ka­ni­sche Seri­en noch ver­gleichs­wei­se wenig.[]
  6. Musik aus der Stadt­bi­blio­thek ging übri­gens immer total in Ord­nung, die konn­te man ja erst auf Kas­set­te und spä­ter dann auf die Fest­plat­te kopie­ren, also „haben“ – ver­su­chen Sie das mal mit einem Buch![]
  7. Video­the­ken! „Wie Net­flix, nur mit Kos­ten für Mie­te und Per­so­nal.“[]
  8. Oder „Car“, wie wir Nerds sagen.[]
  9. Wenn auch anfangs nur sehr wenig, sehr lang­sam, dafür aber sehr teu­er.[]
  10. Die Älte­ren erin­nern sich viel­leicht noch an die­ses Bon­mot aus der guten, alten Zeit.[]
  11. Vie­le Leu­te wis­sen dabei nicht mal, dass sie das Inter­net nut­zen, die nut­zen nur Face­book.[]
  12. Wenn’s gut läuft. Wenn’s schlecht läuft, strea­men sie live aus Poli­zei­ope­ra­tio­nen.[]
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Bei Bild.de kann man was erleben

ozy.com ist eines die­ser sehr bun­ten, sehr ega­len Inter­net­por­ta­le mit wil­den Anris­sen und wenig Inhalt. Oder, wie Mathi­as Döpf­ner es nennt: „ein über­zeu­gen­des Bei­spiel für attrak­ti­ven digi­ta­len Jour­na­lis­mus“. Döpf­ner ist Vor­stands­vor­sit­zen­der der Axel Sprin­ger SE und in die­ser Funk­ti­on Mit­glied im Ver­wal­tungs­rat von OZY, in das Sprin­ger ganz gut inves­tiert hat.

Euge­ne S. Robin­son ist der „Dr. Som­mer“ von OZY, der Sex-Onkel, dem (angeb­li­che) Leser (angeb­li­che) Zuschrif­ten über ihre (angeb­li­chen) Erfah­run­gen, Mei­nun­gen und Sor­gen zum The­ma zukom­men las­sen, und die er mal lau­nig und meist sehr rät­sel­haft beant­wor­tet.

In sei­ner aktu­el­len Kolum­ne bit­tet eine Frau um Rat, die schreibt, gemein­sam mit einer ande­ren Frau im Hotel­zim­mer eines „berühm­ten Komi­kers, der nicht Bill Cos­by heißt und von allen geliebt wird“ gewe­sen zu sein:

We get to his room and we’re drin­king and having a good time, and he says out of the blue, „Do you gals mind if I jerk off?“ We laug­hed, becau­se we thought he was joking, until he pul­led it out and star­ted mas­tur­ba­ting. At this point, we moved to lea­ve quick­ly. He stood in front of the door and said, „Not until I finish.“ When he finis­hed, he moved and we left.

Die (angeb­li­chen) Frau­en sei­en sich unsi­cher, was ihnen da eigent­lich genau wider­fah­ren sei, schreibt die (angeb­li­che) Ver­fas­se­rin.

Robin­son ver­sucht sich an einer Ein­ord­nung und erhält von einem (angeb­li­chen) Poli­zis­ten die­se (angeb­li­che) Ant­wort:

„It’s a crime in Cali­for­nia. It’s a 236 PC, fal­se impri­son­ment, and may­be a 314 PC, inde­cent expo­sure. But the most important ques­ti­on is, did he have a freck­led dick?“

(Sie ahnen viel­leicht, war­um die Lek­tü­re die­ser Sei­te nicht zu mei­nem täg­li­chen Frei­zeit­ver­gnü­gen gehört.)

Robin­sons Text endet so:

Cri­mi­na­li­ty asi­de, I am going to gam­ble that no one’s ever writ­ten a let­ter like this about Brad Pitt. And not becau­se Brad Pitt has­n’t not done this eit­her. If you know what I mean.

Ooooo­kay …

Nach­dem wir uns alle geduscht und gesam­melt haben, schau­en wir mal, wie Bild.de die­se (angeb­li­che) Geschich­te über einen Vor­fall, der nach deut­schem Straf­recht mit bis zu einem Jahr Frei­heits­stra­fe geahn­det wer­den könn­te, auf der eige­nen Start­sei­te bewirbt:

Mein Sex-Erlebnis mit einem Promi

Nach­trag, 30. Okto­ber: Auf Twit­ter weist Brit­scil­la dar­auf hin, dass der vor­geb­li­che Brief an Euge­ne S. Robin­son erstaun­li­che Par­al­le­len zu einer Geschich­te auf­weist, die Gaw­ker schon vor drei­ein­halb Jah­ren auf­ge­schrie­ben hat­te.

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Feiern für Flüchtlinge

Die Nach­rich­ten der letz­ten Wochen kön­nen an nie­man­dem spur­los vor­bei­ge­hen: Erst die „besorg­ten Bür­ger“ und schlich­ten Nazis, die glaub­ten, ihr Frem­den­hass sei salon­fä­hig gewor­den; dann die unglaub­li­che Wel­le der Hilfs­be­reit­schaft, die ein­setz­te, um die Flücht­lin­ge will­kom­men zu hei­ßen. Und immer wie­der die schreck­li­chen Bil­der vom Elend der Flucht, von Men­schen in See­not und von Toten.

Vie­le Men­schen hel­fen schon, ande­re wür­den ger­ne, wis­sen aber nicht, wie.

Wir haben mal wie­der die idio­ten­si­che­re Lösung: Fei­ern gehen und Gutes tun!

Feiern für Flüchtlinge (Logo)

Die Regeln sind denk­bar ein­fach: Ihr müsst nur den glei­chen Betrag, den Ihr am kom­men­den Wochen­en­de (11. – 13. Sep­tem­ber) ver­fei­ert /​ ver­kös­tigt /​ ver­sauft /​ weg-eska­liert /​ und nach der Par­ty ver­fresst, spen­den.
Also, für jeden Ein­tritt, jedes Bier, jeden Schnaps /​ Sekt /​ Schor­le /​ Döner /​ Taxi zurück zur Knei­pe, weil man sei­nen Schlüs­sel ver­ges­sen hat /​ sonst­was kommt der glei­che Betrag auf das Spen­den­kon­to der Akti­on Deutsch­land hilft, zu fin­den unter http://www.aktion-deutschland-hilft.de/

Der Gedan­ke dahin­ter ist, dass der Betrag, den man so zusam­men bekommt, ja der ist, den man nur für sein Ver­gnü­gen aus­gibt. Also scheint man ja das Geld übrig zu haben. So kann jeder für sich ermit­teln, was er machen könn­te, ohne sein Bud­get zu spren­gen. Und wer sagt: „Für Leber­sport bin ich zu alt“, der kann ja ein­fach schau­en, was er sonst so inves­tiert, z.B. in Ein­tritts­kar­ten für die Oper oder Schlamm­rin­gen. Es gilt das Mot­to wie in jedem gut sor­tier­ten Sau­na­club: Alles kann, nichts muss.

Natür­lich könnt Ihr auch ein Flücht­lings­pro­jekt direkt in eurer Nähe unter­stüt­zen, wenn Euch das lie­ber ist. Sowie­so gilt: Der ein­zi­ge, dem Ihr Rechen­schaft able­gen müsst, seid Ihr sel­ber … und ggf. dem Wirt, der Euren Deckel hat.

Wenn ihr bei der Akti­on mit­macht, wird’s zwar logi­scher­wei­se alles dop­pelt so teu­er, aber der Kater wird durch ein gutes Gewis­sen aus­ge­gli­chen!
(Und wenn das nicht wirkt: Aspi­rin)

Also, seid dabei und mel­det Euch auch bei unse­rem Face­book-Event an, wenn Ihr wollt!