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Komplexe Verhältnisse

Nächs­te Woche läuft „Der Baa­der Mein­hof Kom­plex“ (nur echt ohne Bin­de­stri­che) in den deut­schen Kinos an. Auch wenn mich das The­ma RAF seit vie­len Jah­ren inter­es­siert, weiß ich nicht, ob ich mir den Film anse­hen soll: die Hand­lung ist hin­läng­lich bekannt und außer­dem muss man den Film ja gar nicht sel­ber sehen – es schreibt je eh jeder drü­ber.

Beson­ders „Bild“ ist an vor­ders­ter Front mit dabei: schon seit Mona­ten schreibt das Blatt über jedes klei­ne biss­chen Infor­ma­ti­on, in den letz­ten Tagen dann mit immer stär­ke­rer Fre­quenz. Der Sohn von Hanns Mar­tin Schley­er hat sich den Film bereits für „Bild“ ange­se­hen, die Toch­ter von Ulri­ke Mein­hof eben­falls.

Bet­ti­na Röhl ist für „Bild“ eine wich­ti­ge Kron­zeu­gin, denn:

Bettina Röhl (Ihre Mutter war Ulrike Meinhof) über den RAF-Film  Martina Gedeck ist eine Fehlbesetzung!

Sie war also dabei. Genau­so wie „Bild“, möch­te man ein­wen­den, denn das Mas­sen­blatt des Axel-Sprin­ger-Ver­lags ist natür­lich untrenn­bar mit ’68 und allen sei­nen Fol­gen ver­bun­den.

Und da kommt ganz schnell so etwas wie Nost­al­gie auf, wenn Bild.de im tra­di­tio­nel­len Duk­tus fragt:

Kommt die Baa­der-Mein­hof-Ban­de zu Oscar-Ehren?

Auch beein­dru­ckend doof ist die­se Fra­ge:

Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck, Johanna Wokalek: Dürfen sympathische Stars Terroristen spielen?

Da schließt sich doch gleich die Fra­ge­stel­lung an, wie unsym­pa­thisch Stars sein müs­sen, damit sie nach Ansicht von Bild.de Ter­ro­ris­ten spie­len dür­fen. Müss­te ich Til Schwei­ger und Iris Ber­ben im Kino ertra­gen, damit mir Andre­as Baa­der und Ulri­ke Mein­hof nicht sym­pa­thisch erschei­nen?

Ein beson­de­rer Trep­pen­witz der Geschich­te ist es aller­dings, wenn Bild.de ein Foto von den Dreh­ar­bei­ten erklärt, bei denen gera­de die Kra­wal­le des 2. Juni 1967 nach­ge­stellt wer­den. Die ganz Alten wer­den sich erin­nern: an die­sem Tag war der Schah von Per­si­en auf Staats­be­such in Ber­lin, bei den Demons­tra­tio­nen gegen ihn kam es zu bei­der­sei­ti­gen Gewalt­es­ka­la­tio­nen, in deren Fol­ge der Stu­dent Ben­no Ohnes­org durch eine Poli­zei­ku­gel getö­tet wur­de.

„Bild“ beschrieb das damals so:

Ein jun­ger Mann ist ges­tern in Ber­lin gestor­ben. Er wur­de Opfer von Kra­wal­len, die poli­ti­sche Halb­star­ke insze­nier­ten.

31 Jah­re nach der „Todes­nacht von Stamm­heim“ kommt jetzt die zwei­te Gene­ra­ti­on zum Ein­satz: Nach­fah­ren von Tätern und Opfern erzäh­len „Bild“-Redakteuren, die damals allen­falls Schul­auf­sät­ze geschrie­ben haben, was sie von der fil­mi­schen Auf­be­rei­tung der Ereig­nis­se hal­ten.

Allein: Bet­ti­na Röhl ist eine ähn­lich zuver­läs­si­ge Zeit­zeu­gin wie „Bild“ selbst. Die Frau („Röhl muss es wis­sen, immer­hin ist Ulri­ke Mein­hof ihre Mut­ter!“) hat sich in den letz­ten Jah­ren in den Medi­en als eine Mischung aus Eva Her­man und Hen­ryk M. Bro­der (nur nicht ganz so sym­pa­thisch) prä­sen­tiert, die gegen ihre Eltern­ge­nera­ti­on und das Gen­der Main­strea­ming zu Fel­de zieht und in allem und jedem wahl­wei­se Geschichts­klit­te­rung oder Per­sön­lich­keits­rechts­ver­let­zun­gen sieht. Das ist ihr gutes Recht, aber es macht sie im dop­pel­ten Sin­ne befan­gen.

Frau Röhl kann sich natür­lich zu dem Film äußern, wie sie mag. Sie kann es sogar in „Bild“ tun, wenn sie das für eine gute oder wit­zi­ge Idee hält. Es bleibt aber eine irgend­wie merk­wür­di­ge Akti­on, die ande­rer­seits auch zeigt, wie viel sich in den letz­ten 40 Jah­ren geän­dert hat: „Bild“ macht mun­ter Pro­mo­ti­on für einen Film über die „Baa­der-Mein­hof-Ban­de“ und ist auch längst nicht mehr das Feind­bild, das sie damals war. Letzt­lich haben alle gewon­nen: die Ter­ro­ris­ten kom­men, wie jeder gro­ße Böse­wicht irgend­wann, zu Lein­wand­eh­ren und „Bild“ ist in der Mit­te der Gesell­schaft. Wir Spät­ge­bo­re­nen bli­cken erstaunt auf rie­si­ge Demons­tra­ti­ons­zü­ge, die „Ent­eig­net Sprin­ger!“ skan­die­ren, und las­sen uns vom Feuil­le­ton­chef der „Zeit“ Cha­rak­ter­lo­sig­keit vor­wer­fen. Für tat­säch­li­che Dis­kur­se sind wir sowie­so unge­eig­net.

Bernd Eichin­ger, der alte Geis­ter­bahn­be­trei­ber, ent­wi­ckelt sich der­weil lang­sam zum Gui­do Knopp des Kinos, der nach Hit­ler jetzt den zwei­ten deut­schen Dämon des 20. Jahr­hun­derts auf die Lein­wand bringt. Sein Sta­si-Film ist sicher schon in Vor­be­rei­tung.

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Neues Füllmaterial für das Ressort „Vermischtes“

Jetzt, wo sich das „G.R.P. Insti­tut für Ratio­nel­le Psy­cho­lo­gie“ unter sei­nem Lei­ter Hen­ner Ertel offen­bar zer­legt hat, wer­den sich vie­le Medi­en neue alber­ne Stu­di­en suchen müs­sen, aus denen sie zitie­ren kön­nen.

Ich dach­te mir, ich bin so freund­lich und stel­le mich zur Ver­fü­gung. Mich und mei­nen Bochu­mer Lehr-Ort für erwäh­nens­wer­te Daten (kurz BLOED).

Grei­fen Sie also zu:

Müt­ter stei­gen frü­her aus

Wenn ein Fern­zug in einen Bahn­hof ein­fährt, ste­hen Müt­ter als ers­te am Aus­gang – egal, wie alt ihre Kin­der sind. Das ergab eine Stu­die des Bochu­mer Lehr-Orts für erwäh­nens­wer­te Daten unter der Lei­tung von Lukas Hein­ser, B.A..

Die Wis­sen­schaft­ler hat­ten dafür meh­re­re Rei­sen in ICEs der Deut­schen Bahn unter­nom­men und das Ver­hal­ten der Fahr­gäs­te vor dem Aus­stei­gen beob­ach­tet. Nach den Müt­tern, die sich oft schon bis zu zehn Minu­ten vor der geplan­ten Ankunft hin­ter den Türen posi­tio­nie­ren, fol­gen Rent­ner auf Platz 2 und Schul­klas­sen auf dem drit­ten Rang. Am längs­ten blei­ben der Stu­die zufol­ge Geschäfts­rei­sen­de sit­zen.

Die Unter­su­chung kam dar­über hin­aus zu dem Ergeb­nis, dass Müt­ter auch zu den von Mit­rei­sen­den am Meis­ten gehass­ten Fahr­gäs­ten zäh­len. Beson­ders, wenn sie ihre Kin­der auf drei­ein­halb­stün­di­gen Zug­fahr­ten von Ber­lin ins Ruhr­ge­biet per­ma­nent ermah­nen, doch bit­te ihre Haus­auf­ga­ben zu machen. (BLOED)

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Literatur Gesellschaft

Heiteres Berufungsraten

Udo Ulfkot­te war frü­her Redak­teur der „FAZ“ und betreibt heu­te „Akte Islam“, was man­che euphe­mis­tisch eine „islam­kri­ti­sche Web­sei­te“ nen­nen. Die taz bezeich­ne­te es als „trau­ri­ges Schau­spiel“ und Ulfkot­te, der sich mit „Bür­ger in Wut“ und „Pax Euro­pa“ auch als Poli­ti­ker ver­sucht, als „Irr­licht“.

Sein neu­es Buch heißt „SOS Abend­land“ und erscheint im Kopp-Ver­lag, der auch Titel wie „Die letz­ten Tage von Euro­pa“, „Ach­tung, Gut­men­schen!“, „Der Mul­ti­kul­ti-Irr­tum“, „Kopf hoch, Deutsch­land“ oder „Hei­li­ger Krieg in Euro­pa“ ver­legt. Zu Pro­mo­ti­ons­zwe­cken hat der Ver­lag ein „Mul­ti­kul­tu­rel­les Quiz“ ein­ge­rich­tet, bei dem man das Buch gewin­nen kann, und das seit eini­gen Tagen durchs Inter­net geis­tert. Auch hier im Blog war es als Spam-Kom­men­tar von einem angeb­li­chen Bernd Schrei­ber kurz­zei­tig in den Kom­men­ta­ren auf­ge­taucht – beein­dru­ckend unpas­send unter die­sem Ein­trag.

Damit Sie sich die Marsch­rich­tung des Qui­zes so unge­fähr vor­stel­len kön­nen, hier mal Fra­ge 1 von 25:

FRAGE 1: In wel­chem Land wird das öffent­li­che Zei­gen einer offi­zi­el­len Lan­des­flag­ge inzwi­schen als Dis­kri­mi­nie­rung mos­le­mi­scher Zuwan­de­rer gese­hen und kann von der Poli­zei mit einem Buß­geld belegt wer­den?

a. Schwe­den b. Schweiz c. Däne­mark d. Eng­land

Die­se Fra­ge ist kniff­lig, sie lässt sich nicht mal eben mit einer ein­fa­chen Goog­le-Suche beant­wor­ten – was ent­we­der für die Erfin­der des Qui­zes spricht, die es den Teil­neh­mern natür­lich nicht zu ein­fach machen woll­ten, oder dafür, dass an der Geschich­te so eini­ges nicht stimmt.

FRAGE 5: In wel­chen Städ­ten gibt es zwar ein Rauch­ver­bot in Restau­rants, von dem aller­dings Besu­cher isla­mi­scher Restau­rants aus­ge­nom­men sind, die Was­ser­pfei­fe rau­chen?

a. Van­cou­ver b. Paris c. Rom d. Ber­lin

Van­cou­ver ist es schon mal nicht, auch wenn Ulfkot­te ver­mut­lich genau dar­auf hin­aus will. Zwar hat­ten die Besit­zer von Hoo­kah loun­ges (übri­gens eben­so wie die von pro­fa­nen Zigar­ren­clubs) zunächst eine Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung erwir­ken kön­nen, die aber im Janu­ar, noch vor Ein­füh­rung des Rauch­ver­bots in Van­cou­ver, auf­ge­ho­ben wur­de.

„Ber­lin“, schlägt da das eben­falls isla­mo­pho­be Blog „PI-News“ vor. Eine wei­te­re vor­läu­fi­ge Aus­set­zung des in Deutsch­land (und vor allem in Ber­lin) völ­lig durch­lö­cher­ten Rauch­ver­bots aus Wett­be­werbs­grün­den halt. Ver­mut­lich wür­de aber nie jemand Eck­knei­pen als „christ­li­che Restau­rants“ bezeich­nen. In der isla­mi­schen Repu­blik Iran ist das Rau­chen von Was­ser­pfei­fen im öffent­li­chen Raum übri­gens seit ver­gan­ge­nem Jahr ver­bo­ten.

FRAGE 11: In wel­cher Stadt wur­de 2008 der ers­te Wohn­block für älte­re Mit­bür­ger eröff­net, in dem alle Toi­let­ten und auch die Bet­ten Islam-kon­form aus­ge­rich­tet sind?

a. Baden-Baden b. Brüg­ge c. Bris­tol d. Bar­ce­lo­na

Mal davon ab, dass Chris­ten, Juden, Hin­dus oder Hei­den kein Nach­teil dar­aus ent­steht, wenn in Bris­tol die Toi­let­ten in bestimm­te Him­mels­rich­tun­gen zei­gen, ist die Fra­ge („alle Toi­let­ten“) schon falsch gestellt:

The­re is a lar­ge Ban­gla­de­shi popu­la­ti­on in the area and 15 of the flats have been ori­en­ted to ensu­re that the lay­out of the bed­rooms and bath­rooms do not con­flict with the need to face Mec­ca during pray­ers.

15 von 55 Woh­nun­gen also.

Es sind die­se klei­nen Unge­nau­ig­kei­ten, die – kom­bi­niert mit Ver­zer­run­gen und Unter­stel­lun­gen – ein Gesamt­bild erge­ben, das weit von der Rea­li­tät ent­fernt ist.

FRAGE 21: In wel­chen euro­päi­schen Städ­ten wur­de 2007 das Neu­jahrs­feu­er­werk aus Angst vor ran­da­lie­ren­den Mus­li­men ver­bo­ten?

a. Paris b. Brüs­sel c. Ber­lin d. Lon­don

Auch hier liegt der Teu­fel im Detail: die (begrün­de­te, wie sich im Nach­hin­ein zei­gen soll­te) Angst vor Ran­da­len in Paris wird plötz­lich zur „Angst vor ran­da­lie­ren­den Mus­li­men“. Die kom­ple­xe Situa­ti­on von Kin­dern aus sozi­al schwa­chen Fami­li­en (oft­mals die Nach­fah­ren von Ein­wan­de­rern), die mit unzu­rei­chen­der Bil­dung und arbeits­los in zube­to­nier­ten Vor­städ­ten leben, und dort in eine Spi­ra­le der Gewalt und Aus­gren­zung gera­ten, wird so lan­ge ver­knappt, bis – wie so oft – nur noch der Islam übrig bleibt.

Aber Ulfkot­te wäre nicht Ulfkot­te, wenn sein Quiz ohne Spar­schwein aus­kä­me:

FRAGE 24: In wel­chem Land hat eine bekann­te Ban­ken­grup­pe die Spar­schwei­ne aus dem Ver­kehr gezo­gen, weil die­se angeb­lich nicht län­ger in eine mul­ti­kul­tu­rel­le Umge­bung pas­sen und jun­ge Mus­li­me belei­di­gen könn­ten?

a. Schweiz b. Nor­we­gen c. Nie­der­lan­de d. Deutsch­land

Spar­schwein­ge­schich­ten sind unter „Islam­kri­ti­kern“ beson­ders beliebt, aber sel­ten so ein­fach, wie sich das Leu­te wie Ulfkot­te oder Hen­ryk M. Bro­der wün­schen. Auch der Fall der nie­der­län­di­schen For­tis-Bank, die das Spar­schwein „Knor­bert“ nach sie­ben Jah­ren nicht neu auf­ge­legt hat, ist wohl wesent­lich kom­ple­xer. War­um z.B. ist der Arti­kel im „Tele­graaf“, von dem die Dis­kus­si­on aus­ging, aus dem Inter­net­an­ge­bot der Zei­tung ver­schwun­den? Hat es etwas damit zu tun, dass eine Spre­che­rin von For­tis den Arti­kel als „nicht kor­rekt“ bezeich­net hat? Ich weiß es nicht. Udo Ulfkot­te offen­bar schon.

Beun­ru­hi­gend ist neben der vira­len Ver­brei­tung die­ses Qui­zes vor allem eines: Ralph Giord­a­no, dem ich eigent­lich zuge­traut hät­te, dass er weiß, wel­che Fol­gen Halb­wahr­hei­ten und Ammen­mär­chen über bestimm­te Bevöl­ke­rungs­grup­pen haben kön­nen, lässt sich vor den Pro­mo-Kar­ren span­nen und wie folgt zitie­ren:

Der Inhalt die­ses Buches ist erschre­ckend! Einer der gro­ßen Bun­des­ge­nos­sen bei der Isla­mi­sie­rung Euro­pas ist die Unwis­sen­heit der Bevöl­ke­rung. Das Buch SOS Abend­land hilft bei der Auf­klä­rung. Die Fak­ten sind erdrü­ckend. Es ist kaum zu glau­ben, wie weit die Isla­mi­sie­rung in ein­zel­nen euro­päi­schen Län­dern bereits fort­ge­schrit­ten ist. Die meis­ten Bür­ger haben kei­ne Ahnung, was da wirk­lich vor sich geht.

Unge­le­sen glau­be ich ihm vor allem den ers­ten Satz.

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Politik Gesellschaft

What’s your name, what’s your number?

Mein Leben als Lukas Hein­ser ist vor­bei, seit heu­te bin ich eine elf­stel­li­ge Num­mer. Eine, in der noch nicht mal eine „42“ vor­kommt. Die Brie­fe des Bun­des­zen­tral­amts für Steu­ern haben Bochum erreicht.

Noch bin ich mir nicht ganz sicher, was ich davon hal­ten soll. Zen­tra­le Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mern gibt es in Län­dern wie den USA oder Schwe­den (bei­de eigent­lich bekannt für Bür­ger­rech­te und Libe­ra­li­tät) schon lan­ge und mir leuch­tet durch­aus ein, dass so eine zen­tra­le Erfas­sung Vor­tei­le mit sich brin­gen kann. Laut Anschrei­ben sind auch (bis­her) nur Daten über mich gespei­chert, die jeder von Ihnen inner­halb weni­ger Minu­ten bei Face­book und in die­sem Blog her­aus­fin­den könn­te. Aller­dings sehe ich durch­aus einen Unter­schied, ob ich die­se Daten frei­wil­lig in die Welt hin­aus­po­sau­ne, oder sie ein­fach so gespei­chert wer­den. Dar­über­hin­aus fin­de ich es etwas merk­wür­dig, dass das Bun­des­zen­tral­amt für Steu­ern mei­ne Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit nicht gespei­chert haben will – wäre das ange­sichts der zu ent­rich­ten­den Kir­chen­steu­er nicht eine hilf­rei­che Infor­ma­ti­on?

Außer­dem kann sich Wolf­gang Schäub­le noch so auf den Stand­punkt stel­len, dass mei­ne Daten beim Staat sicher sei­en: fast wöchent­lich gibt es in den Nach­rich­ten eine Mel­dung dar­über, wo gehei­me Daten ver­schwun­den oder auf­ge­taucht sind. Dass die­se Mel­dun­gen fast immer aus Groß­bri­tan­ni­en kom­men, ist nicht beru­hi­gend: Bei den zwei Mög­lich­kei­ten (ent­we­der, die Bri­ten sind das ein­zi­ge Volk auf der Welt, denen sowas stän­dig pas­siert, oder sie sind das ein­zi­ge Volk, das wenigs­tens davon erfährt) spricht schon die rei­ne Wahr­schein­lich­keits­rech­nung für Opti­on 2. Ich möch­te nicht in einem Land leben, wo man sich mei­ne Daten nicht mehr zusam­men­su­chen, son­dern sie ein­fach nur aus dem zen­tra­len Mel­de­re­gis­ter klau­en muss – gemein­sam mit denen von bis zu 82 Mil­lio­nen ande­ren.

Bei der „Huma­nis­ti­schen Uni­on“ gibt es Mus­ter­kla­gen, mit deren Hil­fe man sich gegen die Zutei­lung der eige­nen Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer weh­ren kann. Die Erhe­bung der Kla­ge vor dem Finanz­ge­richt kos­tet aller­dings 200 Euro – das ist schon viel Geld, wenn man sich nicht mal sicher ist, ob man die Num­mer jetzt rich­tig schei­ße oder nur ein biss­chen doof fin­det.

Aber was ist das eigent­lich für ein Staat, der sei­ne Bür­ger zwingt, sich mit sol­chen Fra­gen zu befas­sen?

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Peking 2008 – Der Versuch einer Bilanz

Natür­lich habe ich mir die Olym­pi­schen Spie­le im Fern­se­hen dann doch ange­se­hen. Die Dis­kus­si­on mit mir, ob das mora­lisch ver­tret­bar sei, dau­er­te letzt­lich weni­ge Sekun­den. Ich gucke halt ger­ne Sport im Fern­se­hen und da kann mich rela­tiv wenig von abhal­ten. Als lang­jäh­ri­ger begeis­ter­ter Tour-de-France-Gucker bin ich es gewohnt, mit dem Risi­ko zu leben, gera­de ganz mas­siv von dopen­den Sport­lern ver­arscht zu wer­den. Nen­nen Sie es abge­brüht, zynisch oder sonst irgend­was, aber es gibt immer genug, was einen für sol­che Fins­ter­nis­sen ent­schä­digt.

Über Chi­na mag ich mir kein Urteil erlau­ben. Natür­lich wür­de ich mir wün­schen, wenn das, was wir Men­schen­rech­te nen­nen, über­all gel­ten wür­de, aber ich ver­ste­he nichts von Chi­na. Und weil es mich so auf­regt, wenn ahnungs­lo­se Men­schen über die USA, das ein­zi­ge Land neben Deutsch­land, in dem ich mal mehr als vier Wochen am Stück ver­bracht habe, reden, will ich nicht ahnungs­los über Chi­na reden. Es könn­te zum Bei­spiel mei­nen bes­ten Freund auf­re­gen, der schon mehr­fach für län­ge­re Zeit in Chi­na war.

Was ich mir zu beur­tei­len anma­ße, sind die Ankün­di­gun­gen, die die chi­ne­si­sche Füh­rung gegen­über dem IOC gemacht und nicht ein­ge­hal­ten hat. Zu einem gepfleg­ten Ver­trags­bruch gehö­ren aber zumin­dest in die­sem Fall zwei: die, die ver­ar­schen, und die, die sich freund­lich lächelnd ver­ar­schen las­sen und anschlie­ßend das groß­ar­ti­ge und gründ­li­che Vor­ge­hen der Ver­ar­schen­den beim Ver­ar­schen loben.

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[via Ste­fan]

Anders aus­ge­drückt: Dem chi­ne­si­schen Funk­tio­när in die­sem beein­dru­cken­den Video­do­ku­ment neh­me ich ab, dass er das, was er da erzählt, aus tiefs­ter Über­zeu­gung glaubt. Es ist wie bei Wolf­gang Schäub­le oder Papst Bene­dikt XVI.: die­se Män­ner haben eine Über­zeu­gung, die über Jahr­zehn­te in ihnen gereift ist, die ich nicht tei­len kann, die sie aber mit einer Vehe­menz ver­tre­ten, die mir Respekt abnö­tigt. Und dann ist da die IOC-Funk­tio­nä­rin, die sich kri­ti­schen Jour­na­lis­ten­fra­gen auf unsou­ve­räns­te Art ver­wei­gert. Sie lernt gera­de erst, fun­da­men­tal und welt­fremd zu wer­den, und ist in ihrem Stoi­zis­mus kein Stück beein­dru­ckend, son­dern nur pein­lich. Sie ist ver­gleich­bar mit der Par­tei „Die Lin­ke“ oder dem Ver­ein „Kin­der in Gefahr“.

Von der Eröff­nungs­fei­er habe ich wegen des Hald­ern Pop lei­der nichts mit­be­kom­men. Dass dort auf ver­schie­de­ne Wei­se getrickst wur­de, ist mir aber auch egal: es han­delt sich um eine Show. Natür­lich um eine poli­ti­sche (die gan­zen Spie­le waren ja eine poli­ti­sche Demons­tra­ti­on des chi­ne­si­schen Regimes), aber das macht sie nur noch mehr zur Show – und bei Shows darf man trick­sen, Play­back sin­gen und Win­deln tra­gen. Mensch­lich gese­hen ist es natür­lich unmög­lich, einem klei­nen Mäd­chen zu sagen, sie sei zu häss­lich für ein Mil­li­ar­den­pu­bli­kum.

Aber reden wir über die, um die es eigent­lich ging, reden wir über die Sport­ler: Wie es sich gehört, habe ich neue Hel­den gefun­den – den sym­pa­thi­schen Viel­sei­tig­keits­rei­ter und Zahn­arzt Hin­rich Romei­ke und den min­des­tens genau­so sym­pa­thi­schen Gewicht­he­ber Mat­thi­as Stei­ner, zum Bei­spiel. Ich bin auch naiv genug zu glau­ben, dass Micha­el Phelps sei­ne acht Gold­me­dail­len auf lega­lem Wege gewon­nen hat. Wenn er halt den idea­len Kör­per­bau hat und so prä­zi­se trai­niert – war­um soll­te er dann nicht schnel­ler schwim­men kön­nen als ich lau­fen kann? Auch bei Usain Bolt muss ich bis zum Beweis des Gegen­teils anneh­men, dass er so schnell ist – die Gold­me­dail­le im 100-Meter-Lauf hät­te ich ihm trotz­dem wegen gro­ber Unsport­lich­keit und Ver­höh­nung der Kon­kur­ren­ten aberkannt.

Sport­kon­sum im Fern­se­hen geht lei­der nicht ohne Sport­re­por­ter. Wäh­rend der Kom­men­ta­tor beim Dres­sur­rei­ten sei­ne Arbeit gleich­sam zur lite­ra­ri­schen Per­for­mance aus­bau­te, war der Rest größ­ten­teils zum In-die-Ton­ne-Klop­pen. Béla Réthy zum Bei­spiel durf­te beim Damen-Hockey end­lich mal zei­gen, dass er nicht nur unfass­bar viel Mist reden kann (das kennt man von Fuß­ball­län­der­spie­len), son­dern auch unfass­bar viel chau­vi­nis­ti­schen Mist. Micha­el Ant­wer­pes ent­pupp­te sich als Beck­mann für Arme, als er im Talk mit Mat­thi­as Stei­ner minu­ten­lang auf einem pri­va­ten Schick­sals­schlag des Sport­lers her­um­ritt und bei der (sinn­ge­mä­ßen) Ant­wort „die Jour­na­lis­ten wol­len das eben immer wie­der hören“ über­sah, wie der stärks­te Mann der Welt gera­de vor sei­nen Augen mit der chi­ne­si­schen Mau­er wink­te. Zum Glück für Ant­wer­pes gibt es aber immer noch Cas­tor Beck­mann und Pol­lux B. Ker­ner, die Not der ARD und das Elend vom ZDF, die bequem alles unter­kel­lern, was bis­her als unters­te Tal­soh­le des Niveaus gegol­ten hat­te. Ker­ner hat­te man auch noch Kat­rin Mül­ler-Hohen­stein zur Sei­te gestellt, was vie­le Ver­glei­che mit Mari­an­ne und Micha­el zulie­ße, wenn man letz­te­re damit nicht böse ver­un­glimp­fen wür­de. Des­halb nur so viel: Bis Wal­di Hart­mann nicht mehr nega­tiv auf­fällt, muss schon eine Men­ge Mist gesen­det wor­den sein. Und Harald Schmidts Kar­rie­re kann man jetzt auch in einem Wort zusam­men­fas­sen: „vor­bei“.

Wenn es wenigs­tens nur die unfä­hi­gen Hal­lo­dri (wie konn­te ich Micha­el Stein­bre­cher ver­ges­sen?) vor Kame­ra und Mikro­fon gewe­sen wären – aber auch tech­nisch lief es bei ARD und ZDF ja alles ande­re als rund. „Ja, das ist halt live“, flö­te­te dann die jeweils aktu­el­le Föhn­wel­le in die Kame­ra – ganz so, als sei es noch 1969 und Peter Fran­ken­feld ver­su­che gera­de die ers­te Euro­vi­si­ons­schal­te zum Mond. Aber die bei­den Sen­der hat­ten mit 500 Leu­ten ers­tens die größ­te Dele­ga­ti­on von allen und zwei­tens war das ja gar nicht alles live: Wüst wur­de zwi­schen live und live on tape hin- und her­ge­schal­tet, wur­den Din­ge wie­der­holt, die man schon gese­hen hat­te, wur­de plötz­lich wie­der irgend­wo­hin gesprun­gen, ohne dass der Zuschau­er noch wuss­te, was jetzt wann und wo pas­siert war. Da ver­ließ man dann schon mal in der 84. Minu­te (und vor dem ent­schei­den­den Tor) ein Fuß­ball­spiel der deut­schen Damen­mann­schaft, um ein auf­ge­zeich­ne­tes Halb­fi­na­le im Fech­ten zu zei­gen. Der Fecht­ver­band habe sich wohl beschwert, hör­te man es mun­keln.

Zwar hat­ten sich ARD und ZDF Mühe gege­ben, via Inter­net und ihre obsku­ren Digi­tal­ka­nä­le mög­lichst viel gleich­zei­tig anzu­bie­ten, aber ich bin mir sicher: Lon­don 2012 wer­den zumin­dest die inter­es­sier­ten Zuschau­er ganz anders erle­ben. Mit einer eige­nen digi­ta­len Sen­de­re­gie für jeden, wo man sich meh­re­re Sachen gleich­zei­tig anse­hen kann, live oder zeit­ver­setzt, mit Kom­men­tar oder mit Ori­gi­nal­at­mo­sphä­re. Ich wür­de dafür eini­ges an Geld bezah­len.

Zu guter letzt war es natür­lich so wie immer: ich saß da, fie­ber­te mit den Ath­le­ten mit, freu­te mich über die Stim­mung und frag­te mich, wie ich als abso­lut unsport­li­cher Mensch wohl auch mal eine Medail­le bei Olym­pi­schen Spie­len gewin­nen könn­te. Ich wer­de mir dem­nächst mal eini­ge Schieß­clubs anse­hen, viel­leicht sind Luft­pis­to­le oder Bogen ja was für mich.

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Das bizarre Massaker der Fehlorientierungen

Mei­ne ers­te „Bra­vo“ las ich im Deutsch­un­ter­richt der ach­ten Klas­se. Nicht heim­lich unter dem Tisch, son­dern auf Geheiß unse­res dama­li­gen Deutsch­leh­rers. Der hielt Deutsch­lands lang­le­bigs­te Jugend­zeit­schrift für ein Super-Bei­spiel, um uns den The­men­kom­plex „Zei­tung“ näher zu brin­gen. 1

Ich war damals drei­zehn Jah­re alt und den Inhal­ten der Zeit­schrift noch nicht wirk­lich gewach­sen. Die Unsi­cher­heit, wie man sich ange­sichts von Tex­ten über den vor­zei­ti­gen Samen­er­guss, Pet­ting und die neu­es­te Sin­gle von Worlds Apart ver­hal­ten soll­te, über­gin­gen mei­ne bes­ten Freun­de und ich, indem wir jede ein­zel­ne Sei­te mit viel Auf­wand künst­le­risch ver­schö­ner­ten. Beson­ders die Foto Love Sto­ry hat­te es uns ange­tan. 2

Nach der Klas­sen­ar­beit zu die­ser Unter­richts­ein­heit 3 war „Bra­vo“ für mich abge­hakt. Aus Spaß an der Freu­de kauf­ten wir uns aller­dings genau ein Jahr spä­ter eine wei­te­re Aus­ga­be, um auch die­se zu ver­schö­nern. Die Fest­stel­lung, dass sich die The­men im Abstand von exakt 52 Wochen wie­der­ho­len 4, war mei­ne ers­te Begeg­nung mit dem Medi­en­jour­na­lis­mus.

War­um erzäh­le ich Ihnen den gan­zen Scheiß aus mei­ner noch nicht mal pick­li­gen Puber­tät? Ich bin im Inter­net 5 auf eine völ­lig bizar­re Sei­te gesto­ßen, die es in Sachen Wahn locker mit der „Bür­ger­rechts­be­we­gung Soli­da­ri­tät“ auf­neh­men kann: „Kin­der in Gefahr“ – eine Akti­on der Deut­sche Ver­ei­ni­gung für eine Christ­li­che Kul­tur (DVCK) e.V.

Neben einer Pro­test­ak­ti­on gegen die „stei­gen­de Anzahl von Ero­tik-Sen­dun­gen“ im ZDF, etli­chen homo­pho­ben Aus­fäl­len und diver­sen wei­te­ren For­de­run­gen, die man allen­falls von den bekannt-durch­ge­knall­ten Eltern­or­ga­ni­sa­tio­nen in den USA erwar­tet hät­te, gibt es dort auch eine Unter­schrif­ten­ak­ti­on zum Ver­bot der „Bra­vo“.

Die­ses „Mas­sa­ker an der Kind­heit“ äußert sich nach Ansicht der Deut­schen Ver­ei­ni­gung für eine Christ­li­che Kul­tur bei­spiels­wei­se in die­sen Aus­prä­gun­gen:

  • Jede Woche wer­den ein Jun­ge und ein Mäd­chen split­ter­nackt abge­bil­det, die dabei über ihre Sexu­al­aben­teu­er berich­ten. So gut, wie in jeder Aus­ga­be wer­den Jugend­li­che beim Geschlechts­ver­kehr gezeigt.
  • In jeder Aus­ga­be gibt es Berich­te über The­men wie „Kama­su­tra“, „Ero­ti­sche Aus­st­rah-lung“, „Oral­sex“ usw. usf., natür­lich mit den dazu­ge­hö­ri­gen Ero­tik- und Nackt­fo­tos, ab-gese­hen von sexu­el­len Per­ver­sio­nen, wie bei­spiels­wei­se Fes­seln und Sado­ma­so-chis­mus.
  • Bizar­res wird als „cool“ und „toll“ dar­ge­stellt, wie bei­spiels­wei­se die „Rock-Par­ty“ der Punk-Grup­pe „Tokio Hotel“, die zu einer Zer­stö­rungs­or­gie wurde.Die Lis­te sol­cher Bei­spie­le könn­te man belie­big erwei­tern.

In einem wei­te­ren Arti­kel erklärt der (für Goog­le qua­si kom­plett unbe­kann­te) Prof. Dr. Die­ter Dahl, war­um die Inter­net­sei­te der „Bra­vo“ zu „see­li­scher Zer­stö­rung, Halt­lo­sig­keit, Fehl­ori­en­tie­run­gen und Sucht“ führt:

Dort wo ein Sex­part­ner nicht zur Hand ist, wird von BRAVO der Solo­sex, d.h. die Selbst­be­frie­di­gung, bebil­dert ein­ge­übt und zwar nach Jun­gen und Mäd­chen getrennt. Natür­lich für jeden ein­seh­bar.

Wenn man sich vor­stellt, wie schwer dem guten Pro­fes­sor das Tip­pen des Wor­tes „Selbst­be­frie­di­gung“ gefal­len sein muss, lässt sich erah­nen, was in ihm vor­ging, als er fol­gen­de Pas­sa­ge schrieb:

Ich fra­ge mich: Kann man sich an ver­ant­wort­li­cher Stel­le nicht vor­stel­len, daß ein Jun­ge sich an die­sen Dar­stel­lun­gen auf­geilt, davon nicht los­kommt, zum Dau­er­kon­su­ment und schließ­lich sex­süch­tig wird? Es ent­ste­hen dann see­li­sche Zer­stö­rung, Halt­lo­sig­keit, Fehl­ori­en­tie­run­gen, nicht zuletzt ande­re Süch­te, vor allem Dro­gen­sucht.

Fra­gen Sie mal die Mut­ter von Pete Doh­erty!

PS: Und wie man dem Hein­rich-Bau­er-Ver­lag eine eige­ne neun Jah­re alte Pres­se­mit­tei­lung im Mund her­um­dreht, kön­nen Sie in einem wei­te­ren Arti­kel lesen.

  1. Gerüch­ten zufol­ge ließ der glei­che Leh­rer in sechs­ten Klas­sen Auf­sät­ze mit dem The­ma „Mein ers­tes Mal“ schrei­ben. Es ist den Anstren­gun­gen unse­res her­zens­gu­ten Klas­sen­leh­rers zu ver­dan­ken, dass wir nur zwei Jah­re mit die­sem Päd­ago­gen zu tun hat­ten, der wenig spä­ter die Schu­le wech­sel­te. Es beun­ru­higt mich ein biss­chen, dass er auch heu­te mit Ende Fünf­zig noch Schü­ler (und vor allem Schü­le­rin­nen) unter­rich­tet.[]
  2. Ich hof­fe, ich den­ke dar­an, den gröbs­ten Irr­sinn beim nächs­ten Eltern­be­such mal zu scan­nen.[]
  3. Auf­ga­ben­stel­lung: Wahl­wei­se „Schrei­be einen Brief ans Dr.-Sommer-Team aus der Per­spek­ti­ve des Mäd­chens, das in der Foto Love Sto­ry ver­ge­wal­tigt wur­de“ oder „Schrei­be eine Bio­gra­phie über Mel B.“[]
  4. „Skan­dal­vi­deo von The Pro­di­gy“, Vor­zei­ti­ger Samen­er­guss, Mini­pos­ter von Jon Bon Jovi.[]
  5. Über eine Goog­le Ad bei bild.de.[]
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Digital Gesellschaft

Sommerschlussverkauf mal anders

Die Waren­haus­ket­te Her­tie hat heu­te beim Esse­ner Amts­ge­richt den Insol­venz­an­trag ein­ge­reicht. Was mich als Wirt­schafts­laie immer ein biss­chen über­rascht: Dies geschieht, damit der Betrieb der 73 Waren­häu­ser der frü­he­ren Kar­stadt-Kom­pakt-Grup­pe (dar­un­ter Häu­ser, die frü­her schon ein­mal Her­tie hie­ßen, bevor Kar­stadt Her­tie auf­ge­kauft und die Läden umbe­nannt hat­te) auf­recht­erhal­ten wer­den kann. Der eng­li­sche Mut­ter­kon­zern Dawnay Day war in erheb­li­che Schief­la­ge gera­ten, wes­we­gen die Zukunft von Her­tie kei­ne andert­halb Jah­re nach der Umbe­nen­nung nun in den Ster­nen steht.

Die Mel­dung wird (neben den Ange­stell­ten) auch die Stadt­obe­ren von Dins­la­ken sehr beun­ru­hi­gen – deren Plä­ne, ein neu­es Ein­kaufs­zen­trum in der Innen­stadt zu bau­en, fuß­ten näm­lich unter ande­rem auf der vagen Hoff­nung, dass Her­tie sich am Bau betei­li­gen wür­de. Jetzt könn­te es pas­sie­ren, dass es in Dins­la­ken bald nicht ein­mal mehr das alte Her­tie-Kauf­haus gibt.

Die vie­len An- und Ver­käu­fe, Um- und Rück­be­nen­nun­gen bei Kar­stadt und Her­tie sind natür­lich unglaub­lich ver­wir­rend. Als man sich bei „RP Online“ dar­an mach­te, „Zehn Fak­ten über Her­tie“ auf­zu­schrei­ben (natür­lich nicht etwa in einer Lis­te, son­dern in einer ver­damm­ten Klick­stre­cke) schlug das Schick­sal unbarm­her­zig zu:

Die Zulieferung der Waren vom Karstadt-Quelle-Konzern hat Hertie nach und anch eingestellt. Heute kommen 80 Prozent der Waren von der Arcandor AG

Um die gan­ze Trag­wei­te die­ser zwei Sät­ze zu ver­ste­hen, müs­sen Sie zwei Din­ge wis­sen:
Ers­tens sind die „80 Pro­zent“ offen­bar aus der Wiki­pe­dia abge­schrie­ben – aber lei­der genau falsch:

Bis Mit­te 2007 soll­ten 80 Pro­zent des Sor­ti­men­tes auf ande­re Zulie­fe­rer als die Arcan­dor AG umge­stellt wer­den.

Und zwei­tens ist „Arcan­dor“ seit 2007 der neue Name von … nun ja: Kar­stadt-Quel­le.

Nach­trag, 22:51 Uhr: Aus den „Zehn Fak­ten zu Her­tie“ sind neun „Fak­ten zu Her­tie“ gewor­den. Wer die Zulie­fe­rer sind oder nicht sind, erfährt der Leser jetzt nicht mehr.

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Zigaretten statt Eier

Also, wenn ich das aktu­el­le Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum Nicht­rau­cher­schutz rich­tig ver­stan­den habe, lau­tet es sinn­ge­mäß: Wer so einen Wischi-Waschi-Nicht­rau­cher­schutz mit Rau­cher­räu­men zulässt, muss auch zulas­sen, dass in Eck­knei­pen geraucht wird, die klei­ner als 75 m2 sind und kein eige­nes Essen ver­kau­fen. Aber: Jeder soll wis­sen, dass auch ein abso­lu­tes Rauch­ver­bot mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar wäre – wenn die Gesetz­ge­ber nur die Eier dazu hät­ten, es auch ein­zu­füh­ren.

Also eigent­lich das Übli­che: Win-Win für alle Betei­lig­ten bei gleich­zei­ti­ger Schel­te unaus­ge­go­re­ner Geset­ze.

Höre ich Wider­spruch von Juris­ten?

Nach­trag, 16:40 Uhr: Nad­ja Erb hat für die „Frank­fur­ter Rund­schau“ eine klu­ge und beson­ne­ne Ein­schät­zung des Urteils geschrie­ben.

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Paradigm City (Eine Odyssee)

Nicht gänz­lich über­ra­schend ende­te vor zwei Wochen auch die letz­te aller Über­gangs­fris­ten im lang­sams­ten aller Bun­des­län­der – und so trat auch im von kolum­bia­ni­schen Tabak­ka­r­tel­len kon­trol­lier­ten Nord­rhein-West­fa­len das in Kraft, was man leicht­fer­tig „Rauch­ver­bot“ nennt. In Bochum, immer­hin der Knei­pen­haupt­stadt des Ruhr­ge­biets, hört man von ein­zel­nen Gast­stät­ten, die sich auch dran hal­ten.

Am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de weil­te ich zu Ver­wand­ten­be­su­chen in Dins­la­ken. Die Stadt krank­te schon zu mei­ner Zeit dar­an, dass man dort eigent­lich nichts ande­res tun kann als sich zu betrin­ken, es aber kei­ne geeig­ne­ten Loka­li­tä­ten für der­ar­ti­ge Plä­ne gibt. Am Sams­tag­abend hat­te ich aber eini­ge lie­be Men­schen um mich gesam­melt und gemein­sam fühl­ten wir uns unbe­sieg­bar für unser Vor­ha­ben: Jetzt, wo nir­gends mehr geraucht wer­den darf, woll­ten wir end­lich mal eine Knei­pen­tour durch all die Schup­pen machen, in die wir uns bis­her nicht hin­ein­ge­traut hat­ten.

Um den halb­her­zi­gen Ver­such eines Span­nungs­auf­baus direkt an die­ser Stel­le abzu­wür­gen: wir sind geschei­tert. Kläg­lich. Mit wehen­den Segeln, Pau­ken und Trom­pe­ten. Es begann näm­lich schon mal damit, dass die Som­mer­fe­ri­en kei­ne gute Zeit für Knei­pen­tou­ren sind. Gut die Hälf­te der Gast­stät­ten auf unse­rer ima­gi­nä­ren Lis­te begrüß­te uns mit geschlos­se­nen Roll­lä­den und dem Hin­weis auf aus­ge­dehn­te Betriebs­fe­ri­en. Immer­hin: die Vor­stel­lung, dass sämt­li­che Alt­her­ren­knei­pen­wir­te der Stadt einen gemein­sa­men Kegel­ur­laub ver­brach­ten, die hat­te was.

Die nächs­ten Läden, die wir pas­sier­ten, waren inzwi­schen in Rau­cher­clubs umge­wan­delt wor­den. Damit schie­den sie für unser Vor­ha­ben der rauch­frei­en Knei­pen­tour natür­lich aus und auch sonst wer­de ich jetzt weder den einen noch den ande­ren Schup­pen jemals von innen zu sehen bekom­men – was ange­sichts des­sen, was man schon von außen sehen kann, aller­dings aufs Hef­tigs­te begrüßt wer­den muss. Auch auf die Gefahr hin, den Ruf sämt­li­cher Dins­la­ke­ner Innen­ar­chi­tek­ten für immer zu zer­stö­ren: Knei­pen, die wie die Gas­tro­no­mie­zei­le eines Son­nen­stu­di­os aus­se­hen, gehen gar nicht!

Nach zwan­zig Minu­ten Rum­ge­gur­ke auf nicht ganz ver­kehrs­si­che­ren Fahr­rä­dern durch eine glück­li­cher­wei­se ver­kehrs­freie Innen­stadt (in der es nach dem Hoch­klap­pen der Bür­ger­stei­ge übri­gens nach Pfer­de­mist riecht) blie­ben noch genau zwei Loka­le übrig: die über die Gren­zen der Stadt bekann­te „Sze­ne­knei­pe“ „Ulcus“ und das Leh­rer-in-Leder­wes­ten-trin­ken-Rot­wein-Lokal „Zur Adler-Apo­the­ke“.

Der „Ulcus“ ist die ver­mut­lich ein­zi­ge Sze­ne­knei­pe der Welt, in der jun­ge Men­schen beim Weg­ge­hen auf ihre eige­nen Eltern tref­fen kön­nen, dafür wird Ser­vice dort in bes­ter Ber­li­ner Sze­ne­knei­pen-Tra­di­ti­on klein geschrie­ben (und das nicht nur, weil es sich dabei ursprüng­lich um ein eng­li­sches Wort han­del­te). In bes­ter Ver­ken­nung des Geset­zes­tex­tes hat­te man dort einen klei­nen Neben­raum zur Nicht­rau­cher­zo­ne erklärt, was wit­zi­ger­wei­se dazu führt, dass man, wenn man in die Nicht­rau­cher­zo­ne, auf Toi­let­te oder zur The­ke (Sie erin­nern sich: Ser­vice) will, durch den voll­ge­qualm­ten Haupt­raum muss. Immer­hin liegt der Nicht­rau­cher­be­reich ein biss­chen nied­ri­ger, so dass der Qualm eini­ger­ma­ßen drau­ßen bleibt – eine Tür oder wenigs­tens einen Vor­hang gibt es näm­lich auch nicht. Das Argu­ment, die meis­ten Gäs­te woll­ten ja rau­chen, soll­te jetzt bes­ser nie­mand brin­gen, denn der Nicht­rau­cher­raum war voll, wäh­rend wir im Rau­cher­raum immer­hin noch eine hal­be Bank hät­ten beset­zen kön­nen. Woll­ten wir aber nicht.

Also die „Apo­the­ke“ – wie der Name schon sagt eine alte Apo­the­ke mit einer Innen­ein­rich­tung aus der Kai­ser­zeit und viel Lie­be zum Detail. Dass auch hier im Haupt­raum (The­ke, Ein­gang, Durch­gang zu den Toi­let­ten) geraucht wer­den darf und wir auf Anhieb gar kei­nen Nicht­rau­cher­raum erspä­hen konn­ten, war uns zu die­sem Zeit­punkt egal. Wir hat­ten Durst und müde Kno­chen. Wir ver­brach­ten einen net­ten Abend und die Bedie­nung war freund­lich.

Das mit dem Rauch­ver­bot aber, das scheint in Dins­la­ken noch in wei­ter Fer­ne zu lie­gen. Viel­leicht hät­te das Ord­nungs­amt nicht vor­ab in der Pres­se ver­kün­den sol­len, dass man eh nicht kon­trol­lie­ren wer­de …

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Gesellschaft Rundfunk

Sturm’n’Drang High School

Eigent­lich sit­ze ich gera­de an einem Text, in dem ich mal beson­ders gelun­ge­nen Jour­na­lis­mus vor­stel­len möch­te. Dann aller­dings bekam ich den Link zu einem You­Tube-Video geschickt, das eine solch erschüt­tern­de Jour­na­lis­mus­at­trap­pe zeigt, dass ich (nach­dem ich eine Vier­tel­stun­de zu den Klän­gen von Thurs­day mit dem Kopf gegen die Wand geschla­gen habe) mich erst ein­mal dar­über aus­kot­zen muss.

Das Video zeigt einen Bei­trag aus der gest­ri­gen Aus­ga­be von „Explo­siv – Das Maga­zin“ auf RTL, hat also genau genom­men gar nichts mit Jour­na­lis­mus am Hut. Aller­dings haben 1,79 Mil­lio­nen Men­schen die­se Sen­dung gese­hen und die Vor­stel­lung, dass auch nur einer die­se Info­tain­ment-Par­odie ernst genom­men haben könn­te, macht mir Angst.

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Es ging um Emos und weil vie­le Zuschau­er viel­leicht nicht wis­sen was das ist (Chan­ce zum schlech­ten Witz mit aus­tra­li­schen Lauf­vö­geln ver­passt), erklärt die Mode­ra­to­rin­nen­dar­stel­le­rin das Gan­ze noch mal kurz:

„Emo“ kommt von „emo­tio­nal“ und Teen­ager, die die­ser Bewe­gung anhän­gen, klei­den sich merk­wür­dig.

Außer­dem neig­ten die Jugend­li­chen zu Depres­sio­nen, ritz­ten sich teil­wei­se die Haut auf und über­haupt habe der Repor­ter einen Fall gefun­den, „wo ein jun­ger Mann sich umge­bracht haben soll“.

Dann geht’s los mit blu­ti­gen Bil­dern, ent­setz­ten Eltern und jovia­len depres­si­ven Jugend­li­chen.

Von dem jun­gen Mann, der „sich umge­bracht haben soll“ (also er ist tot, nur ob das mit Emo zusam­men­hängt, ist nicht klar: er „war wahr­schein­lich ein Emo“), wird ein (natür­lich unver­pi­xel­tes) Bild gezeigt, das er vor sei­nem Tod „in ein Emo-Forum ins Inter­net gestellt“ hat. Wir müs­sen also ganz am Ran­de auch noch anneh­men, dass RTL mal wie­der Wit­wen­schüt­teln 2.0 betrie­ben hat.

Das Bild zeigt – und jetzt kommt’s – einen grim­mig drein­schau­en­den jun­gen Mann mit Paläs­ti­nen­ser­tuch vor einem Pos­ter, das wenn ich mich nicht sehr irre, die Metal­band Metal­li­ca zeigt. D’oh! Weni­ger Emo geht nun wirk­lich kaum.

Er trägt das typi­sche Emo-Tuch, ‚Pali‘ genannt.

Emo (Symbolbild)

Jour­na­lis­ten hät­ten sich viel­leicht die Mühe gemacht, den Ursprung der Emo-Bewe­gung zu erklä­ren. Man hät­te sehr weit aus­ho­len und bis zu Embrace (US), Rites Of Spring, Fuga­zi und The Pro­mi­se Ring gehen kön­nen, wenn man sich mit der ursprüng­li­chen Emo-Sze­ne unter musi­ka­li­schen Aspek­ten hät­te beschäf­ti­gen wol­len, man hät­te aber wenigs­tens über Unsi­cher­heit, Ein­füh­lungs­ver­mö­gen und Hoff­nungs­lo­sig­keit spre­chen kön­nen. Im Feuil­le­ton hät­te man Par­al­le­len zum Sturm und Drang, der Jugend­be­we­gung der 1770er Jah­re, geschla­gen, in jedem Fall hät­te man aber sagen müs­sen, dass der Begriff „Emo“ in etwa so schwam­mig sei wie der des „Jugend­li­chen“ und dass man sich im fol­gen­den auf einen klei­nen Kreis beschrän­ken und holz­schnitt­ar­ti­ge Ver­all­ge­mei­ne­run­gen auf­fah­ren müs­se. Dafür aber war in einem Sechs­mi­nü­ter kein Platz.

Das Wort „Emo“ war also im fol­gen­den ein Platz­hal­ter für „merk­wür­dig geklei­de­te Jugend­li­che, die sich alle immer die Arme auf­schnei­den, was wir aus dem Inter­net wis­sen, die das aber vor unse­rer Kame­ra nicht zuge­ben wol­len“.

RTL mach­te aber nicht nur so gro­be inhalt­li­che Feh­ler, der Bei­trag war bis ins kleins­te hand­werk­li­che Detail schlecht. Immer wie­der wur­den in Groß­auf­nah­me die glei­chen sen­sa­ti­ons­lüs­ter­nen Bil­der von auf­ge­schnit­te­nen Glied­ma­ßen gezeigt, die wer-weiß-woher stamm­ten. Ja, sie haben es noch nicht ein­mal geschafft, Text­ein­blen­dun­gen und Off-Spre­cher auf eine Linie zu krie­gen: zu den aus dem Kon­text irgend­ei­nes „Emo-Forums“ geris­se­nen (und offen­bar in MS Paint gesetz­ten) Wor­ten „es ist allen SCHEIß EGAL!!!!“ sagt die um Bedeu­tungs­schwe­re und Dra­ma­tik bemüh­te RTL-Stan­dard­stim­me, es sei „alles“ scheiß­egal.

Der auf­ge­ta­ne Psy­cho­lo­gie Dr. Chris­ti­an Lüd­ke wirft Emos und Sata­nis­ten mun­ter in einen Topf, spricht von der „Fas­zi­na­ti­on des Abscheu­li­chen“ und sagt, Emos woll­ten „pro­vo­zie­ren“. Als nächs­tes erklärt der Spre­cher, „sie“ (es geht also in jedem Moment um aus­nahms­los alle Emos) sei­en „bezie­hungs­ge­stört, aber sie demons­trie­ren Nähe“. Ähn­lich infor­ma­tiv wäre es zu behaup­ten, Men­schen sei­en alle­samt weib­lich, hät­ten blaue Augen und ein Bein: alles trifft ja sicher in eini­gen bis etli­chen Fäl­len zu, wer wür­de sich da noch mit Rasier­klin­gen­spal­te­rei auf­hal­ten wol­len?

Sie sind lieb zuein­an­der und geben sich harm­los vor der Kame­ra – doch im Inter­net zei­gen sie ihre wah­ren Abgrün­de: ich lebe, doch eigent­lich bin ich schon tot.

Eine Mut­ter ist der Mei­nung, dass es ande­re Din­ge gäbe, die Jugend­li­che machen könn­ten, als zusam­men zu rit­zen, zu sau­fen und zu kif­fen. Ich muss zuge­ben, das Bild, das in die­sem Moment in mei­nem Kopf ent­stand, hat­te was: zwan­zig mis­an­thro­pi­sche Straight-Edger sit­zen zusam­men in einem elter­li­chen Wohn­zim­mer, trin­ken Han­sa-Pils, rau­chen Gras und sägen – alle zusam­men und jeder für sich – an ihren Unter­ar­men rum.

Es gibt viel­fäl­ti­ge Bewei­se dafür, dass Emos zur Selbst­ver­stüm­me­lung nei­gen.

Die­se „Bewei­se“ sind irgend­wel­che Bil­der mit mor­bi­der Sze­ne­rie: von der Decke bau­meln­de Kör­per, ver­wahr­los­te Mäd­chen, die Her­zen auf eine Wand malen, Rasier­klin­gen in der Unter­lip­pe. Oder mit ande­ren Wor­ten: alles, was die Goog­le-Bil­der­su­che nach dem Begriff „Emo“ so her­gab.

Eine zuge­ge­be­ner­ma­ßen gelun­ge­ne Sze­ne ist der Dia­log zwi­schen drei Emo-Mäd­chen und einem Sty­ler, bei dem die Ach-so-Ein­fühl­sa­men plötz­lich gar nicht mehr so genau erklä­ren kön­nen, was sie eigent­lich sind und sich händ­chen­hal­tend in eine hilf­lo­se Dis­kus­si­on stür­zen, die sie anschlie­ßend als „typisch“ bezeich­nen.

Hier wäre die Gele­gen­heit gewe­sen, das, was heu­te „Emo“ genannt wird, als die Pose zu ent­lar­ven, die sie oft genug nur noch ist. Als Bri­co­la­ge aus Punk, Gothic, Visu­al Kei, Rocka­bil­ly und Hel­lo Kit­ty. Statt­des­sen wird die anti-auf­klä­re­ri­sche Panik­ma­che noch auf die Spit­ze getrie­ben.

Emos: offen­bar eine typi­sche Erschei­nung der Puber­tät. Leicht­fer­tig wird hier mit der Selbst­ver­stüm­me­lung koket­tiert. Und es gibt vie­le Jugend­li­che, die das toll fin­den, die ziem­lich naiv in die­se Sack­gas­se tap­pen.

„Naiv“ und „Sack­gas­se“ sind frei­lich Begrif­fe, die für die­sen unfass­ba­ren Bei­trag noch wohl­wol­lend wären.

Lie­be Eltern, die Sie jetzt den­ken „Hil­fe, mein Kind ist Emo! Wie krieg ich die Beer­di­gung bezahlt?“: bit­te glau­ben Sie nicht die­sen enthirn­ten Schwach­sinn, den RTL ges­tern Abend in Ihre Kachel­tisch-Wohn­zim­mer gesen­det hat. Wenn Sie unge­fähr ver­ste­hen wol­len, was Emo ist, Sie also Ihr Kind ver­ste­hen wol­len, grei­fen Sie bit­te zu „Ever­y­bo­dy Hurts“ von Les­lie Simon und Tre­vor Kel­ley. Dafür müs­sen Sie etwas Eng­lisch kön­nen, aber hin­ter­her wis­sen Sie wenigs­tens, wor­um es geht.

[via Kat­ti und Kahta]

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Gesellschaft Politik

Random Facts

Heu­te vor 15 Jah­ren ging ein Poli­zei­ein­satz gründ­lich schief. Es war der GSG-9-Ein­satz in Bad Klei­nen und der GSG-9-Beam­te Micha­el Newr­zel­la, der an die­sem Tag vom RAF-Ter­ro­ris­ten Wolf­gang Grams erschos­sen wur­de, ist das letz­te Todes­op­fer durch Ter­ro­ris­mus auf deut­schem Boden.

Die Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung zählt in den letz­ten 15 Jah­ren 85 Todes­op­fer rech­ter Gewalt in Deutsch­land.

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Herdenprämie

Frü­her, als Fuß­bäl­le noch aus Schwei­ne­bla­sen her­ge­stellt wur­den und das ein­zi­ge Bild­schirm­emp­fangs­ge­rät einer Gemein­de in der ört­li­chen Gast­stät­te stand, traf sich die Dorf­ge­mein­schaft zu wich­ti­gen Ereig­nis­sen wie dem Gewinn einer Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft in der voll­ge­qualm­ten Gast­stu­be und schau­te sich die Über­tra­gung im Kol­lek­tiv und im Schwarz-Weiß-Fern­se­her an. Spä­ter hat­ten immer mehr Men­schen einen eige­nen Fern­se­her, der sogar Farb­bil­der dar­stel­len konn­te, und man guck­te den Gewinn von Welt- und Euro­pa­meis­ter­schaf­ten im hei­mi­schen Wohn­zim­mer.

Vor zwei Jah­ren fin­gen die Deut­schen dann wie­der an, sich in gro­ßen Grup­pen auf öffent­li­chen Plät­zen zu ver­sam­meln und ihre Natio­nal­flag­ge zu schwen­ken. Sehr zur Freu­de der rest­li­chen Welt ver­zich­te­ten sie dabei aber auf die gan­zen ande­ren Ele­men­te ihres merk­wür­di­gen Brauch­tums. Statt­des­sen guck­ten sie auf eine Groß­bild­lein­wand und lausch­ten sogar den Aus­füh­run­gen der Sport­jour­na­lis­ten­dar­stel­ler Rein­hold Beck­mann, Johan­nes B. Ker­ner und Bèlá Rêthý, ohne dadurch zum maro­die­ren­den Mob zu wer­den. Vor allem das muss man den Deut­schen sehr hoch anrech­nen.

Die­ses öffent­li­che Gucken nann­ten die glei­chen Mar­ke­ting­ex­per­ten, die sich so genia­le phan­ta­sie­sprach­li­che For­mu­lie­run­gen wie „Han­dy“, „Powered by emo­ti­on“ oder jetzt „We love the new“ aus der Nase gezo­gen haben, „Public Vie­w­ing“. Zyni­ker über­setz­ten das mit „Völ­ki­scher Beob­ach­ter“, ande­re wuss­ten zu berich­ten, dass man die öffent­li­che Auf­bah­rung von Toten in den USA so nen­ne (was natür­lich stimmt, aber genau­so wie das gemein­sa­me Fern­se­hen nur einen klei­nen Teil der Bedeu­tung des Begriffs aus­macht).

Im Vor­feld der Fuß­ball-Euro­pa­meis­ter­schaft bat der Jugend­ra­dio­sen­der Eins­li­ve sei­ne Hörer um Alter­na­tiv­vor­schlä­ge zum Begriff „Public Vie­w­ing“ und bekam eini­ges an Zusen­dun­gen. In einer Abstim­mung ent­schied sich das Publi­kum für den Begriff „Rudel­gu­cken“, der seit­dem bei Eins­li­ve mit an Bru­ta­li­tät gren­zen­der Vehe­menz pro­mo­tet wird. Irgend­wie mag ich den Klang des Wor­tes nicht – es erin­nert pho­ne­tisch viel zu sehr an „Rudel­bum­sen“ und hat auch sonst einen nega­ti­ven Bei­klang.

Ana­tol vom sehr emp­feh­lens­wer­ten Bre­mer Sprach­blog fasst die­sen ganz gut in Wor­te:

da klingt doch über­all die Ver­ach­tung der­je­ni­gen durch, die Fuß­ball lie­ber gepflegt zu Hau­se, oder, noch bes­ser, gar nicht gucken.

Das wirk­lich Inter­es­san­te ist aber: im Gegen­satz zu den pein­li­chen Aktio­nen, die die gru­se­li­ge „Stif­tung deut­sche Spra­che“ regel­mä­ßig durch­führt (im Moment sucht sie übri­gens ein deut­sches Pen­dant für … äh: „Public Vie­w­ing“) scheint der Begriff „Rudel­gu­cken“ sofort Ein­zug in die All­tags­spra­che vie­ler (vor allem jun­ger) Men­schen gefun­den zu haben. Goog­le fin­det der­zeit 71.000 Such­ergeb­nis­se, fragt aber auch, ob man nicht „rudel gur­ken“ gemeint haben könn­te. Die­ser Vor­gang ist durch die geziel­te Plat­zie­rung durch einen Radio­sen­der zwar eini­ger­ma­ßen unna­tür­lich, aber das war die Ver­brei­tung von „Public Vie­w­ing“ ja auch.