Söhne Stammheims
Von Lukas Heinser am Dienstag, 12. August 2008 13:21
Kategorie: This Is My Hollywood
Der Deutsche Journalisten-Verband beklagt sich darüber, dass Constantin Film bei einer Pressevorführung von “Der Baader Meinhof Komplex” sogenannte Knebelverträge unterschreiben lässt.
Der Vertrag für die Filmvorführung am 14. August in München sieht vor, dass bei Veröffentlichungen über den Film vor dem 17. September eine Konventionalstrafe in Höhe von jeweils 50.000 Euro durch den Journalisten und das Medium fällig wird.
Nun kann man die Sache von zwei Seiten sehen: Constantin ist ein Unternehmen der Privatwirtschaft, das entscheiden kann, wem es seine Filme unter welchen Umständen vorspielt. Ob man als Journalist den Film vorab sieht oder nicht, ist im Wesentlichen völlig irrelevant. Andererseits will Constantin ja schon, dass darüber geschrieben wird, aber eben zu den eigenen Konditionen. Und das kann eigentlich nicht sein, dass jemand, der die Öffentlichkeit sucht, diese dann definieren will.
Besonders albern ist in diesem Fall natürlich, dass “Der Baader Meinhof Komplex” auf einem Bestseller beruht, der die wahre Geschichte der RAF nacherzählt.
Ich kann Ihnen also ohne Besuch der Pressevorführung und ohne Unterzeichnung des Knebelvertrags bereits jetzt folgende Details verraten:
- Ulrike Meinhof hilft bei der Befreiung Andreas Baaders aus dem Lesesaal des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen in Berlin.
- Baader, Jan-Carl Raspe und Holger Meins werden nach einem Schusswechsel in Frankfurt/Main verhaftet.
- Ulrike Meinhof wird eher zufällig verhaftet.
- In Stuttgart-Stammheim wird den Terroristen in einem extra dafür gebauten Gerichtssaal der Prozess gemacht.
- Holger Meins stirbt an den Folgen eines Hungerstreiks, an seinem Grab ruft Rudi Dutschke “Holger, der Kampf geht weiter!”
- Am 8. Mai 1976 erhängt sich Ulrike Meinhof in ihrer Gefängniszelle.
- Weder durch die Entführung von Hanns Martin Schleyer noch die der Lufthansa-Maschine “Landshut” können Baader, Raspe und Gudrun Ensslin freigepresst werden.
- Nach der Befreiung der “Landshut” werden Baader, Raspe und Ensslin am Morgen des 18. Oktober 1977 tot in ihren Gefängniszellen in Stammheim aufgefunden.
[via ix]
Dienstag, 12. August 2008 13:30
entsprechend umfangreich ist die Presseberichterstattung dann auch bisher ausgefallen…
Dienstag, 12. August 2008 13:35
schöne übeschrift mal wieder..
Dienstag, 12. August 2008 13:44
Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: die Überschrift ist natürlich bei Jan Delay geklaut.
Dienstag, 12. August 2008 16:14
ach menno, jetzt hast du ja das ende schon verraten!
nebenbei bemerkt: ich finde der “knebelvertrag” hört sich jetzt nicht soooo dramatisch an. es geht ja nur darum, wann über den film geschrieben werden soll, nicht was. ab dem 17.09. kann ja dann doch jeder schreiben, was er will oder?!
Dienstag, 12. August 2008 16:38
Ich sehe da auch ehrlich gesagt keinen Unterschied zu den allgemein üblichen “Sperrfristen”. Auch wenn das bei dem Thema natürlich ein wenig sinnlos ist…
Und Vorsicht – nicht dass du jetzt 50000€ zahlen musst weil du schon nen Teil des Films ausgeplappert hast ;)
Dienstag, 12. August 2008 18:08
Hast Du da jetzt nicht irgendwie die Argumentation der BILD-Zeitung erwischt? Ich wundere mich gerade sehr. Lucas, bist Du’s?
Wenn sich jemand aussucht, wie er an die Öffentlichkeit gehen möchte (z.B. wann) ist das doch sein gutes Recht und niemand sollte “Erpressung! Beschneidung der Pressefreiheit!” schreien, wenn es sich nicht gerade um Enthüllungsjournalismus handelt, was bei dem Film ja nicht gegeben ist. Oder doch? Vielleicht doch? Und der Eichinger stellt sich deswegen so an?
Dienstag, 12. August 2008 18:23
@Sonya T.: PR ist nun mal Geben und Nehmen. Wenn Constantin eine Pressevorführung ansetzt, müssen sie damit rechnen, dass über den Film geschrieben wird – und zwar ab diesem Moment. Alles andere ist so peinlich wie das (versuchte) Vorgehen des Metallica-Management gegen Blog-Einträge zum neuen Album. Dadurch die Pressefreiheit eingeschränkt zu sehen, wie es die “Süddeutsche Zeitung” tut, ist natürlich auch albern.
Was das alles mit “Bild” zu tun haben soll, erschließt sich mir überhaupt nicht.
@David: Die Geschichte von einer Freundin meines Bruders, die sich beschwerte, dass man ihr den Schluss von “Der Untergang” (übrigens auch aus dem Hause Constantin) verraten hatte, hatte ich ja schon mal erzählt.
Mittwoch, 13. August 2008 19:49
Naja, wenn es um andere Sachen geht, gibt es ja auch ein Press Release. Und es ist doch gerade die Bild-Zeitung, die sagt “Uns wurscht. Wir veröffentlichen auch gegen den Willen der Kundschaft.”
Mittwoch, 13. August 2008 19:59
Also, ich sehe da schon einen Unterschied, ob man die Privatsphäre von Menschen missachtet oder in die PR-Maschinerie eines für die Öffentlichkeit gedachten Films eingespannt wird.
Es geht ja nicht um die Besprechung von vorab gezogenen Raubkopien, sondern um eine Pressevorführung. Und zu der sollte Constantin vielleicht nur die Autoren von Monatszeitschriften einladen, wenn man eine frühe Veröffentlichung in der Tagespresse verhindern will.
Donnerstag, 14. August 2008 0:59
Das ist leider so üblich. Auch bei allen anderen Sorten von News, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Wirklich. Da ist echt nichts Unübliches dran.
Man kriegt immer so ne Presseerklärung dann gibt’s ne Deadline, aber der veröffentlicht werden darf.
(Ich kann doch auch nichts dafür! :-))
Donnerstag, 14. August 2008 1:31
Dass diese albernen Deadlines in Presseerklärungen immer noch üblich sind, ist ja schlimm genug (s. Grimme Online Award).
Wenn man schon selbst entscheiden kann, wann man den Film der Presse vorführt, sollte man akzeptieren, dass diese ab diesem Moment darüber schreibt – oder eben die Vorführung später (oder gar nicht) ansetzen. Aber das geht ja auch wieder nicht, weil man als Verleiher ja irgendwie schon will, dass drüber geschrieben wird.
Donnerstag, 14. August 2008 9:53
Süddeutsche ist nicht gleich Süddeutsche. Andrian Kreye, Feuilletonchef der Printausgabe, korrigiert die Berichterstattung, dementiert einen etwaigen Boykott seitens der „Süddeutschen Zeitung“ und weist darauf hin, daß Süddeutsche Zeitung und SZ online nicht gleichzusetzen sind!
Donnerstag, 14. August 2008 11:22
@Dorin Popa: Na, damit sind dann wohl alle Klarheiten beseitigt.
Donnerstag, 14. August 2008 13:16
Was spricht denn gegen eine Sperrfrist?
Ist es nicht einfacher, wenn 1 Anbieter 1 Million Abnehmer in 1 Rutsch verwaltet (einmal Sperrfrist festsetzen, fertig, aus), als wenn er seine Mühe darauf verwendet, in 1000 Durchläufen unterschiedliche Veröffentlichungsrhythmen zu verwalten – obwohl doch jeder der Abehmer eine Sperrfrist lesen und umsetzen kann – ?
Donnerstag, 14. August 2008 13:36
Gegen die Sperrfrist spricht z.B. die automatische Übernahme von getickerten Nachrichten in Online-Medien.
Und wenn der Pressekodex schon sagt, dass die Presse Nachrichtensperren von Behörden “grundsätzlich nicht” akzeptiere, dann ist es m.E. albern, sich an Pseudo-Nachrichtensperren der Privatwirtschaft zu halten. Vor allem, wenn man sich vor Augen hält, auf was für nichtige Meldungen teilweise Sperrfristen gesetzt werden.
Samstag, 20. September 2008 9:31
[...] interessiert, weiß ich nicht, ob ich mir den Film ansehen soll: die Handlung ist hinlänglich bekannt und außerdem muss man den Film ja gar nicht selber sehen — es schreibt je eh jeder [...]