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Politik Digital

Zwei Männer, die reden

Zu mei­nen liebs­ten jour­na­lis­ti­schen For­men gehört das Gespräch, wie es bei­spiels­wei­se von Roger Wil­lem­sen in „Wil­lem­sens Woche“ geführt wur­de, oder wie man es manch­mal noch im talk radio hört.

Die inter­es­san­tes­ten Gesprä­che der letz­ten Mona­te im deut­schen Fern­se­hen wur­den am offe­nen Lager­feu­er von „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ geführt. Sonst gibt es O‑Töne, die kna­ckig klin­gen sol­len und des­halb völ­lig über­steu­ert sind (inhalt­lich, nicht akus­tisch), lau­war­me Beicht­stun­den bei Rein­hold Beck­mann und Johan­nes B. Ker­ner, sowie die Volks­thea­ter-Auf­füh­run­gen bei May­brit Ill­ner und Anne Will. Aber dafür gibt es ja jetzt das Inter­net.

Peter Mül­ler, der Minis­ter­prä­si­dent des Saar­lan­des, über den ich außer sei­ner Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit (CDU) nun wirk­lich gar nichts wuss­te, war zu Gast in den Büros von spreeblick.com und John­ny Haeus­ler hat mit ihm … ja: gespro­chen.

Es ist kein durch­re­cher­chier­tes, auf knall­har­ten Jour­na­lis­mus getrimm­tes Inter­view – was durch­aus gut ist, denn es wäre albern anzu­neh­men, dass Poli­ti­ker nicht auf knall­har­te Fra­gen vor­be­rei­tet wären. Statt­des­sen kom­men Fra­gen, die für Polit-Kom­mu­ni­ka­to­ren eher schwer vor­her­seh­bar gewe­sen sein dürf­ten, und auf die Mül­ler des­halb auch sehr offen ant­wor­tet.

Es geht weni­ger um kon­kre­te Sach­la­gen (dafür gibt es ja die Zwan­zig-Sekun­den-O-Töne in der „Tages­schau“), als viel­mehr um ein grö­ße­res Gan­zes. Ich hät­te bei vie­len Fra­gen gleich mit­erklärt, was social net­works sind, aber Mül­ler macht den Ein­druck, als wis­se er durch­aus Bescheid, ohne gleich berufs­ju­gend­lich-ran­schmei­ße­risch zu wir­ken. Er hält es für „völ­lig unmög­lich“, tech­ni­sche Ent­wick­lun­gen auf­zu­hal­ten, und spricht sich „im Zwei­fel für die Frei­heit“ aus. Mül­ler erklärt, wel­che Bedeu­tung das „C“ in „CDU“ hat, und schafft es sogar, sei­nen (mei­ner Mei­nung nach unnö­ti­gen) Vor­stoß, die deut­sche Spra­che im Grund­ge­setz zu ver­an­kern, schlüs­sig zu begrün­den.

Ich habe mir die Nai­vi­tät bewahrt zu glau­ben, dass Poli­ti­ker auch Men­schen sind. Zyni­ker wer­den wie­der los­brül­len, das sei alles Pose und Spree­blick habe sich vor den Wahl­kampf­kar­ren span­nen las­sen. Aber da ich auch glau­be, dass die, die nichts zu sagen haben, immer am lau­tes­ten brül­len, emp­fiehlt es sich viel­leicht ein­fach, mal einem lei­sen Gespräch mit einem Poli­ti­ker aus der zwei­ten Rei­he zuzu­hö­ren. Einem boden­stän­di­gen, sym­pa­thi­schen Mann, bei dem man nicht Angst haben muss, er wer­de als nächs­tes „Yes we can!“ brül­len. Jeman­dem wie Peter Mül­ler eben.

Peter Mül­ler zu Gast bei Spree­blick

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Musik

Listenpanik 01/​09

Zu Beginn des neu­en Jah­res gibt es mal wie­der ein paar Ver­än­de­run­gen an der Lis­ten­pa­nik: Ich habe mich von die­sem doo­fen Top-Five-Den­ken ver­ab­schie­det.

Es gibt Mona­te, in denen könn­te man acht Alben loben, und es gibt wel­che, da fal­len einem eben nur drei ein. In der Ver­gan­gen­heit stan­den öfter gera­de noch okaye Alben in den Monats­lis­ten, wäh­rend gute Alben fehl­ten – dies wird für­der­hin nicht mehr der Fall sein. Ich schrei­be ein­fach alles auf, was mir gefal­len hat, und ver­su­che auch nicht mehr ganz so krampf­haft, eine Rei­hen­fol­ge fest­zu­le­gen.

Was bleibt: Die Lis­ten sind streng sub­jek­tiv, erhe­ben kei­nen Anspruch auf Voll­stän­dig­keit, und das bes­te Album des Jah­res fin­det man sowie­so immer erst viel spä­ter.

Alben
Bon Iver – Blood Bank
„For Emma, Fore­ver Ago“ habe ich erst spät ent­deckt und nach wochen­lan­gem Hören bin ich mir sicher, dass Platz 8 in den Jah­res­charts viel zu weit hin­ten war. Es ist aber nicht nur Wie­der­gut­ma­chung, die­se EP jetzt an expo­nier­ter Stel­le zu loben, denn die gera­de mal vier Tracks haben es in sich. Der Titel­track ent­stand gemein­sam mit den Album-Songs, aber „Woods“ klingt bei­spiels­wei­se völ­lig anders: Er besteht nur aus Jus­tin Ver­nons Stim­me, bzw. dem, was Auto­tu­ne davon übrig gelas­sen hat. Trotz­dem klingt es nicht grau­en­haft, wie auf dem letz­ten Kanye-West-Album, son­dern unge­fähr so packend wie Imo­gen Heaps „Hide And Seek“. Mann kann’s nicht beschrei­ben, man soll­te es hören!

Ant­o­ny And The John­sons – The Crying Light
„Kun­den, die Bon Iver kauf­ten, kauf­ten auch … Ant­o­ny And The John­sons“. Ich hab lan­ge über­legt, ob ich vor­her eigent­lich schon mal einen Song von Ant­o­ny Hegar­ty und sei­ner Band gehört habe. Ja, sagt Wiki­pe­dia, in „V for Ven­det­ta“. Ich kann mich nicht dar­an erin­nern, ver­spre­che aber, die­se Bil­dungs­lü­cke zu schlie­ßen, denn „The Crying Light“ ist ein groß­ar­ti­ges Album: Kam­mer­kon­zert­ar­ti­ge Instru­men­tie­rung (wes­we­gen die Band auch unter „Cham­ber pop“ ein­sor­tiert ist), über­ra­schen­de Wech­sel in Takt und Har­mo­nie und über allem eine Stim­me, die man nur mit dem Adjek­tiv „ent­rückt“ beschrei­ben kann. Wenn die Engel­chen backen und sich der Him­mel am Hori­zont rosa ver­färbt, hören sie ver­mut­lich sol­che Musik.

Black Rust – Medi­ci­ne & Meta­phors
Ein Album, wie geschaf­fen für den Janu­ar: Es passt zu grau­en Nach­mit­ta­gen eben­so wie zu Schnee­spa­zier­gän­gen im Son­nen­schein. Da ist ein Song­ti­tel wie „New Year’s Day“ nur noch das Tüp­fel­chen (viel­leicht sogar das Herz­chen) auf dem i. Was mir an die­ser Akus­tik­rock-Plat­te so gefällt, steht aus­führ­li­cher hier.

Songs
Lily Allen – The Fear
Spä­tes­tens seit ich sie vor zwei­ein­halb Jah­ren live gese­hen habe, bin ich ein biss­chen in Lily Allen ver­liebt. Ich bin also nicht sehr objek­tiv, was ihre Musik angeht. Aber „The Fear“ ist auch mit etwas ver­such­tem Abstand ein tol­ler Song: aus­ge­wo­gen zwi­schen Melan­cho­lie (Akus­tik­gi­tar­ren, der Text) und Par­ty­stim­mung (die Beats, das Gezir­pe) geht er sofort ins Ohr, ohne dabei zu chee­sy zu sein. Und zu der Idee, nicht wie­der mit Mark Ron­son zusam­men­zu­ar­bei­ten (und damit so zu klin­gen wie all die­se Sän­ge­rin­nen, die nach ihr kamen), kann man ihr sowie­so nur gra­tu­lie­ren.

Man­do Diao – Dance With Some­bo­dy
Es ist natür­lich rei­ner Zufall, dass aus­ge­rech­net in dem Monat, in dem Franz Fer­di­nand am Umgang mit Syn­the­si­zern schei­tern, ihre schwe­di­schen Wie­der­gän­ger einen der­art gelun­ge­nen Tanz­bo­den­stamp­fer aus dem Ärmel schüt­teln. Ein paar Tak­te „Eno­la Gay“; ein Sound der klingt, als habe man die eigent­li­che Band gegen The Ark aus­ge­tauscht, und ein Refrain, der so schlicht ist, dass man ihn nur lie­ben oder has­sen kann.

Bruce Springsteen – The Wrest­ler
Das neue Album „Working On A Dream“ will mich irgend­wie nicht so recht packen, alles klingt so alt­be­kannt. Aber dann kommt „The Wrest­ler“, der Gol­den-Glo­be-prä­mier­te Bonus­track, der an „The River“, „Secret Gar­den“ oder „Dead Man Wal­king“ erin­nert, und ich bin wie­der hin und weg. Die gan­ze Schwe­re der Welt in einem Song und auf den Schul­tern eines Man­nes, der das aus­hält.

Ant­o­ny And The John­sons – Her Eyes Are Under­neath The Ground
„Mut­ti, wovon singt die­ser Mann?“ – „Dass er mit sei­ner Mut­ter in einem Gar­ten eine Blu­me gestoh­len hat.“ – „Aha!“ Fra­gen Sie mich nicht, aber die­ses Lied ist ver­dammt groß.

The Fray – You Found Me
Eigent­lich soll man sich ja nicht für sei­nen Geschmack ent­schul­di­gen, aber bei Col­lege Rock habe ich immer das Gefühl, es trotz­dem tun zu müs­sen. Ich lie­be das Debüt­al­bum von The Fray (die Melan­cho­lie, die Tex­te, das Kla­vier!) und es ist mir egal, dass sie als „christ­li­che Rock­band“ gel­ten. „You Found Me“, die Vor­ab­sin­gle ihres zwei­ten, selbst­be­ti­tel­ten Albums, läuft angeb­lich bei Eins­li­ve rauf und run­ter (Lily Allen läuft sogar auf WDR 2), aber das macht nichts. Die ers­te gro­ße Pathos-Hym­ne des Jah­res 2009 hat Auf­merk­sam­keit ver­dient.

Ani­mal Coll­ec­ti­ve – Brot­her Sport
„Mer­ri­wea­ther Post Pavil­lon“, das neue Album von Ani­mal Coll­ec­ti­ve (von denen ich bis­her nichts kann­te), fällt bei mir in die Kate­go­rie „Sicher nicht schlecht, aber ich wüss­te nicht, wann ich mir sowas noch mal anhö­ren soll­te“ – und befin­det sich dort mit Radio­head und Port­is­head in bes­ter Gesell­schaft. „Brot­her Sport“ unter­schei­det sich in Sachen Unzu­gäng­lich­keit und Melo­die­lo­sig­keit nicht groß vom Rest des Albums, hat aber den­noch irgend­was (sehr prä­zi­se, ich weiß), was mich zum Hin­hö­ren bringt. Das Repe­ti­ti­ve nervt dies­mal nicht, son­dern ent­fal­tet sei­ne ganz eige­ne hyp­no­ti­sche Wir­kung. Aus irgend­wel­chen Grün­den erin­nert mich das an den Tanz der Ewoks am Ende von „Return of the Jedi“, auch wenn ich nicht den Hauch einer Ahnung habe, wie­so.

[Lis­ten­pa­nik, die Serie]

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Digital

Völlig glosgelöst

taz.de hat sich mal wie­der nicht zurück­hal­ten kön­nen:

Rücktritt des Wirtschaftsministers: Der Glos im Hals

Bleibt zu hof­fen, dass Nor­men Oden­thal die­se Woche kei­nen Dienst bei „Heu­te Nacht“ schiebt …

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Kultur

Not looking for a new England

„Also, Shake­speare hat­te auf alle Fäl­le ’n paar kras­se Pro­ble­me. Der war bestimmt schwul!“, dia­gnos­ti­zier­te ein pick­li­ger 16-Jäh­ri­ger, der mit sei­ner gan­zen Klas­se zum Thea­ter­be­such genö­tigt wor­den war, beim Her­aus­ge­hen. Was war gesche­hen?

Als Leh­rer – gera­de als einer, der sich für sei­ne Schü­ler inter­es­siert – ist es nicht die schlech­tes­te Idee, mit ihnen eine Insze­nie­rung von David Bösch zu besu­chen. Der gera­de 30-jäh­ri­ge Regis­seur, des­sen „Romeo und Julia“ am Bochu­mer Schau­spiel­haus mir vor vier Jah­ren sehr gefal­len hat, hat die Pop­kul­tur mit so gro­ßen Löf­feln gefres­sen, dass auch die ange­staub­tes­ten Klas­si­ker bei ihm zu einem bun­ten, lau­ten Rei­gen wer­den, der gera­de die jün­ge­ren Besu­cher anspricht.

Die aller­dings wer­den bei sei­nem „Was Ihr wollt“ auch nicht mehr so ganz mit­ge­kom­men sein, denn heu­ti­ge Schü­ler erken­nen weder ein Roy-Black-Med­ley noch die größ­ten Hits des Jah­res 1993, wenn sie ihnen vor­ge­sun­gen wer­den. Für sie ist die Jugend ihrer älte­ren Geschwis­ter (wenn über­haupt) unge­fähr so weit weg wie Shake­speares Zeit selbst. Und somit ste­hen sie doch wie­der weit­ge­hend unge­bro­chen vor dem Werk des Schwans von Avon.

Und damit vor Vio­la und ihrem Zwil­lings­bru­der Sebas­ti­an, die bei einem Schiff­bruch getrennt wer­den. Vio­la wird in Illy­ri­en ange­spült, wo der Her­zog Orsi­no seit Jah­ren der Grä­fin Oli­via den Hof macht, die wie­der­um von ihrem Onkel Sir Toby mit des­sen Sauf­kum­pan Andrew ver­kup­pelt wer­den soll und dar­über hin­aus von ihrem Haus­hof­meis­ter Mal­vo­lio begehrt wird. Vio­la ver­klei­det sich mit Hil­fe eines Nar­ren als Mann und wird als Cesa­rio Die­ner bei Orsi­no, wor­auf­hin sich Oli­via in Cesa­rio (also Vio­la) ver­liebt.

Wenn man es so auf­schreibt, klingt die Geschich­te deut­lich mehr nach einer Vor­abend­se­rie im deut­schen Fern­se­hen als nach Shake­speare, und in der Tat wirkt es auf der Büh­ne des Esse­ner Gril­lo-Thea­ters auch so. Es ist ein unüber­sicht­li­ches Wirr­warr, bei dem die ein­zel­nen Cha­rak­te­re am aller­we­nigs­ten wis­sen, was um sie her­um pas­siert. Ob sie des­halb gleich wie Sir Toby und Andrew, die direkt der White-Trash-Höl­le eines Hoo­lig­an­blocks zu ent­stam­men schei­nen, betrun­ken her­um­kas­pern müs­sen, ist eine gute Fra­ge. Aber Kon­flik­te schei­nen im moder­nen Thea­ter eh dar­aus zu bestehen, dass Men­schen auf einer rie­si­gen Büh­ne anein­an­der vor­bei­ren­nen.

David Bösch hat vie­le Details in sei­ne Insze­nie­rung ein­ge­baut. Man­che wir­ken durch­dacht, ande­re nur auf­ge­pfropft. War­um zum Bei­spiel singt das Dienst­mäd­chen Maria an einer zen­tra­len Stel­le aus­ge­rech­net „New Eng­land“ (in dem es ja eben nicht um eine gesell­schaft­li­che Uto­pie wie Illy­ri­en, son­dern „just“ um das Fin­den einer neu­en Lie­be geht)? Wirk­lich nur, weil Kars­ten Rie­del, seit län­ge­rem Böschs treu­er Musi­kant am Büh­nen­rand, so ein gro­ßer Bil­ly-Bragg-Fan ist? Auch der Umstand, dass Nico­la Mastro­berar­di­no als Sir Andrew eins zu eins aus­sieht wie Matt Dil­lon in Came­ron Cro­wes Kult­ko­mö­die „Sin­gles“, kann eine Bedeu­tung haben. Aber wel­che?

„Was Ihr wollt“ wirkt wie eine lose Ansamm­lung von Zita­ten, bei der sich der Regis­seur nicht so recht ent­schei­den konn­te, was er damit eigent­lich bezwe­cken woll­te. Mal­vo­lio (Roland Rie­be­l­ing) ist die gro­tes­ke Kari­ka­tur einer tra­gi­schen Figur, die irgend­wann nur noch nervt. Inmit­ten die­ser gan­zen Über­zeich­nun­gen sticht aus­ge­rech­net die Haupt­fi­gur Vio­la mit einer Unauf­fäl­lig­keit her­vor, die man Sarah Vik­to­ria Frick ange­sichts der Über-Per­for­mance ihrer Kol­le­gen hoch anrech­nen muss.

Und so schlin­gert die Insze­nie­rung an der Ziel­grup­pe vor­bei. Dass die Schü­ler den Kuss zwei­er Män­ner mit lau­tem Ekel kom­men­tie­ren, wäh­rend kurz zuvor der Kuss zwei­er Frau­en geräusch­los über die Büh­ne ging, sagt viel­leicht etwas über die jugend­li­chen Zuschau­er aus, aber nichts über das Stück. Aus dem Krei­se der Schü­ler kam dann auch das Todes­ur­teil, dem man sich frei­lich nicht voll­um­fäng­lich anschlie­ßen muss: „Ich find das nicht komisch, da guck ich mir lie­ber Mario Barth an!“

„Was Ihr wollt“ im Schau­spiel Essen
Nächs­te Ter­mi­ne: 13. Febru­ar, 21. März, 4. April

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Rundfunk

Wenn es passiert

Ich ver­eh­re Chris­ti­an Das­sel. Die Repor­ta­gen, die er für „Hier und heu­te“ oder die „Aktu­el­le Stun­de“ dreht, ste­chen aus dem sons­ti­gen Elend im deut­schen Fern­se­hen her­aus und besche­ren mir die weni­gen Momen­te im WDR-Fern­se­hen, in denen ich mei­ne Rund­funk­ge­büh­ren nicht für ver­schwen­det hal­te. Das­sel schafft es, ganz nor­ma­le Men­schen und all­täg­li­che Situa­tio­nen so zu por­trä­tie­ren, dass man sie als etwas ganz Beson­de­res wahr­nimmt.

Als der WDR eine neue Doku­men­tar­rei­he von Das­sel ankün­dig­te, in der er Men­schen por­trä­tiert, deren Lebens­we­ge sich mit der Welt­ge­schich­te gekreuzt haben (11. Sep­tem­ber, Mau­er­fall, Tsu­na­mi), war ich mir sicher, dass dabei Gro­ßes ent­ste­hen wür­de. Nach­dem ich Gele­gen­heit hat­te, die ers­ten bei­den Fol­gen von „Wo warst Du, als … ?“ zu sehen, bin ich ent­täuscht – aber nur ein biss­chen.

Ver­mut­lich weiß jeder noch, wo er am Nach­mit­tag des 11. Sep­tem­ber 2001 war, als er zum ers­ten Mal die Nach­rich­ten aus New York City hör­te. Sus­an Bor­chert ver­brach­te den Rest des Tages vor dem Fern­se­her. Ihr Mann Klaus arbei­te­te im World Trade Cen­ter und sie wuss­te lan­ge nicht, ob er hin­aus­ge­kom­men war.

Die Geschich­te der Bor­cherts, die von Lars Fiech­t­ner, des­sen Schwes­ter Inge­borg vier Wochen nach den Anschlä­gen an den fol­gen ihrer Ver­let­zun­gen starb, oder von Rai­ner Groß, der durch den Bör­sen­crash nach den Anschlä­gen sein Ver­mö­gen ver­lor und sich dar­auf­hin ent­schloss, einen Kauf­haus­kon­zern zu erpres­sen – sie alle sind span­nend, glei­cher­ma­ßen außer­ge­wöhn­lich wie all­täg­lich, und es gibt durch­aus genug Raum, sie neben­ein­an­der in einer hal­ben Stun­de zu erzäh­len.

Lei­der wer­den sie auf eine Art und Wei­se erzählt, die einem mit­un­ter tie­risch auf die Ner­ven geht: Schnel­le, unmo­ti­vier­te Schnit­te; ein On-Screen-Design das wirkt, als hät­ten Schü­ler mit iMo­vie „Matrix“ nach­bau­en wol­len; Rasanz sug­ge­rie­ren­de Schnurr- und Zirp­ge­räu­sche und eine gro­tesk über­dra­ma­ti­sie­ren­de Off-Spre­che­rin machen viel von der Atmo­sphä­re kaputt. Wenn man Das­sels ande­re Arbei­ten kennt, ahnt man, was man alles aus dem Roh­ma­te­ri­al hät­te her­aus­ho­len kön­nen.

In der zwei­ten Fol­ge über den Fall der Ber­li­ner Mau­er passt dann alles ein biss­chen bes­ser zusam­men: Das­sel por­trä­tiert einen Mann, der damals wegen Vor­be­rei­tung zur Repu­blik­flucht im DDR-Gefäng­nis saß; eine Frau, die ihre Toch­ter am 10. Novem­ber 1989 auf einem Ber­li­ner Geh­weg zur Welt brach­te, und einen Oberst­leut­nant der Staats­si­cher­heit, der damals am Grenz­über­gang Born­hol­mer Stra­ße Wache schob.

Er gibt heu­te ganz offen zu, 28 Jah­re sei­nes Lebens einem Unrechts­staat gedient zu haben – „mit allen mei­nen Fähig­kei­ten“ -, aber wenn er vom Befehls­va­ku­um berich­tet, das damals herrsch­te und die Grenz­sol­da­ten auf sich selbst gestellt zurück­ließ, kommt auch hier das Mensch­li­che durch. Die Bil­der der Gren­zer, die jahr­zehn­te­lang an ein Sys­tem geglaubt haben, das inner­halb weni­ger Stun­den vor ihren Augen zer­fiel, umweht dann auch eine gro­ße Tra­gik, und die Men­schen und die Geschich­te tref­fen sich auf eine ganz ande­re Wei­se als in den ande­ren Erzähl­strän­gen.

Trotz der sti­lis­ti­schen Schwä­chen sind die Doku­men­ta­tio­nen von „Wo warst Du, als … ?“ berüh­rend und beein­dru­ckend. Die in ihrer eigent­li­chen Grö­ße unbe­greif­li­chen Ereig­nis­se wer­den in den All­tag her­un­ter­ge­bro­chen und sind dadurch viel­leicht nicht ver­ständ­li­cher, aber greif­ba­rer. Es wäre schön, wenn die Rei­he (nach ein paar Kor­rek­tu­ren) fort­ge­setzt wür­de.

„Wo warst Du, als … ?“
Ers­te Fol­ge am Sonn­tag, 8. Febru­ar um 23:35 Uhr im Ers­ten, Fol­ge 2 und 3 an den dar­auf fol­gen­den Sonn­ta­gen um 23:30 Uhr.

Über­schrift: Wir Sind Hel­den

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Musik Digital

For Me This Is Heaven

Ich war grad im Pro­be­raum von Jim­my Eat World.

Also, nicht räum­lich, aber schon irgend­wie. Und drei­hun­dert ande­re waren auch da.

Die Band hat­te via twit­ter dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sie gera­de ustream – ein Pro­gramm mit dem man live Bewegt­bild ins Inter­net strea­men kann – tes­ten wür­den. Als ich ankam, hat­ten sie etwa 30 Zuschau­er und spiel­ten im Pro­be­raum an ihren Lap­tops rum.

Im Lau­fe der Zeit kamen über 300 Zuschau­er vor­bei, was einer­seits viel für so eine spon­ta­ne Akti­on ist, ande­rer­seits auch ver­dammt wenig für eine Band, die seit Jah­ren eher die grö­ße­ren Clubs und Hal­len füllt. Und so wur­den wir Teil eines exklu­si­ven Spek­ta­kels, in des­sen Ver­lauf sie „Lucky Den­ver Mint“, „A Sun­day“ und „Just Watch The Fire­works“ spiel­ten (die Band probt gera­de für die Tour anläss­lich des zehn­ten Geburts­tags ihres Albums „Cla­ri­ty“).

Jimmy Eat World live im Web

Und wäh­rend die Band da so spiel­te, konn­ten sich die Zuschau­er direkt neben dem Video­fens­ter im Chat unter­hal­ten, ohne dass ihr Gemur­mel jeman­den gestört hät­te. Einer fass­te es dann auch sehr schön zusam­men: „Man it’s like I’m 16 again“.

Es sind Geschich­ten wie die­se, die mir zei­gen, war­um ich das Inter­net mag. Die­ses gan­ze Gere­de von „Demo­kra­ti­sie­rung“ und „Zukunft des Jour­na­lis­mus“ mag sich als Irr­glau­be und kur­zer Trend her­aus­stel­len (viel­leicht auch nicht, wer mag sowas schon vor­her­sa­gen?), aber sol­che rela­tiv klei­nen Aktio­nen wie ein­mal bei einer der eige­nen Lieb­lings­bands in den Pro­be­raum zu spin­xen, die betref­fen und begeis­tern mich per­sön­lich.

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Digital

Kelvin & Hops

Man kann über „RP Online“, Deutsch­lands füh­ren­des Regio­nal­zei­tungs-Por­tal, län­ge­re Tex­te schrei­ben, wie es Dani­el Bouhs für die „taz“ getan hat.

Aber im Prin­zip lässt sich die gan­ze Klick­schin­de­rei, die Bou­le­vard-Sucht und die gan­ze Scheiß­egal-Hal­tung auch noch knap­per zusam­men­fas­sen:

CK-Werbespot zu sexy für US-Fernsehen. Foto: Screenshot Calvin Klein. Kelvin Klein hat schon öfter mit seinen Werbespots Staub aufgewirbelt.

Aber weil sich „RP Online“-Chefredakteur Rai­ner Kur­le­mann im „taz“-Artikel beklagt, „Hein­ser und Nig­ge­mei­er wür­den sich ‚an eini­gen, weni­gen Fäl­len‘ abar­bei­ten, die ‚Leis­tun­gen‘ aber nicht wür­di­gen“, wür­di­ge ich hier ger­ne mal wie­der eine Leis­tung und emp­feh­le Ihnen die Kolum­ne „About a Boy“, die mein frü­he­rer plattentests.de-Kollege Sebas­ti­an Dal­kow­ski für „RP Online“ schreibt.

Nach­trag, 7. Febru­ar: „RP Online“ hat Cal­vin Kleins Vor­na­men inzwi­schen kor­ri­giert. (Das hebt sie auch von ande­ren Por­ta­len ab.)

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Rundfunk Radio Leben

I’m single bilingual

Ich war noch nicht ganz wach und hör­te nur mit einem hal­ben Ohr hin, als auf WDR 5 eine Repor­ta­ge über Sin­gles in Deutsch­land lief. Den­noch hin­ter­ließ die Frau, die tap­fer ver­kün­de­te, sie brau­che gar kei­nen Part­ner, bei mir blei­ben­den Ein­druck.

Den Grad ihrer inne­ren Ver­zweif­lung konn­te man dem Satz ent­neh­men, mit dem sie ihre Aus­füh­run­gen schloss:

Wenn ich total despe­ra­te wäre, viel­leicht.

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Musik

Vom Konzert in Ehrenfeld

Travis live (stark verwackelt)

Man will ja nicht ein­fach so über frem­de Men­schen urtei­len, die man nur ein­mal kurz erlebt hat. Viel­leicht haben sie ernst­haf­te Pro­ble­me und Sor­gen oder man ist ihnen in einem sehr ungüns­ti­gen Moment begeg­net.

Trotz­dem: Der Typ, der ges­tern den Ein­lass an der Live Music Hall meh­re­re Minu­ten auf­ge­hal­ten hat, weil er sich nicht von sei­ner fast lee­ren Ein­weg-Was­ser­fla­sche tren­nen woll­te (dar­auf sei er nicht hin­ge­wie­sen wor­den, dies sei ein frei­es Land, ob er mal den Vor­ge­setz­ten spre­chen kön­ne, …), der mach­te schon einen Ein­druck, den man als „merk­wür­dig“ bezeich­nen könn­te. Wir waren gera­de dabei, für sei­ne finan­zi­el­le Ent­schä­di­gung zu sam­meln, als es end­lich wei­ter­ging.

Das anschlie­ßen­de Kon­zert war dann nicht mehr merk­wür­dig, son­dern nur noch toll. The Alex­an­dria Quar­tet waren der pas­sends­te Sup­port seit Ath­le­te vor fünf­ein­halb Jah­ren und Tra­vis sind ja eh (zumin­dest bei mir) über jeden Zwei­fel erha­ben.

Eher über­ra­schend war die Kon­zer­teröff­nung mit dem wie­der aus­ge­gra­be­nen „Blue Flas­hing Light“, danach folg­te ein Grea­test-Hits-Pro­gramm, das fast kei­ne Wün­sche offen ließ. (Klar, mehr gin­ge immer: „Flowers In The Win­dow“, „U16 Girls“, „As You Are“, „Fol­low The Light“, „My Eyes, „Hap­py“, „Batt­le­ships“ oder gar mal wie­der „Tied To The 90’s“ hät­te man alle auch noch dan­kend mit­ge­nom­men.)

Fran Hea­ly ist so unge­fähr der ein­zi­ge Musi­ker auf der Welt, der das Publi­kum zum Mit­klat­schen und Arme wedeln – „If you’­re still fee­ling self-con­fi­dent with your hands in the air: plea­se lea­ve!“ – auf­for­dern darf, ohne dass man sich vor lau­ter Enter­tain­ment-Ekel win­det. Dar­über hin­aus kann der Wahl-Ber­li­ner bei jeder Deutsch­land-Tour einen zusätz­li­chen deut­schen Satz sagen und zitier­te gegen Ende des Kon­zerts noch kurz Ben Folds Five.

Das Publi­kum wird immer hete­ro­ge­ner: süße Indie-Mäd­chen sind natür­lich immer noch da (eine Zeit lang waren Tra­vis neben Slut die Band mit dem hüb­sches­ten Publi­kum), aber die älte­ren Zuschau­er, die in immer grö­ße­rer Stück­zahl vor­han­den sind (ich habe mei­nen frü­he­ren Erd­kun­de­leh­rer ent­deckt), waren nicht nur deren Eltern. Sie alle eint der seli­ge Gesichts­aus­druck, mit dem sie in Rich­tung Büh­ne schau­en, wäh­rend sie mal laut, mal lei­se, mal gar nicht mit­sin­gen. Zuschau­er beob­ach­ten bei Tra­vis-Kon­zer­ten kommt von der Wir­kung her einer mehr­stün­di­gen Medi­ta­ti­on oder einem Wochen­en­de in einer ein­sa­men Wald­hüt­te nahe. Nur den Rhyth­mus hal­ten kön­nen auch sie nicht.

Den Zet­tel, auf dem ich mir die Set­list notiert hat­te (jeder Mensch braucht ein Hob­by), habe ich lei­der unter­wegs ver­lo­ren. Aber viel­leicht stellt sie noch jemand bei setlist.fm online, einem wie ich fin­de sehr sinn­vol­len Por­tal, auf das ich dann an die­ser Stel­le end­lich auch ein­mal ver­linkt hät­te.

Die Über­schrift ist wie üblich geklaut, dies­mal bei Jona.

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Eine Woche voller Freitage

Wenn Sie sich rudi­men­tär für Medi­en inter­es­sie­ren, wer­den Sie es mög­li­cher­wei­se schon mit­be­kom­men haben: Die Wochen­zei­tung „Frei­tag“ hat sich einen Arti­kel (die Wort­art, nicht die Text­sor­te), ein neu­es Lay­out und einen neu­en Inter­net­auf­tritt gegönnt.

Bei freitag.de sol­len die Leser alles kom­men­tie­ren, aber auch sel­ber blog­gen kön­nen. Beson­ders bemer­kens­wer­te Leser­bei­trä­ge lan­den dann auch in der gedruck­ten Zei­tung und wer­den ent­spre­chend ent­lohnt.

Ich bin beim neu­en freitag.de als „Netz­wer­ker“ dabei, was bedeu­tet, dass ich mich mit eini­gen ande­ren um eine Ver­zah­nung der Sei­te mit der Blogo­sphä­re küm­me­re, ein biss­chen auf die Com­mu­ni­ty schaue und dort ein eige­nes Blog zum The­ma Medi­en füh­re.

Ich fin­de das Kon­zept sehr gut (sonst wür­de ich dort nicht mit­ma­chen) und wür­de mich freu­en, wenn Sie in Zukunft auch regel­mä­ßig beim „Frei­tag“ vor­bei­schau­en wür­den.

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Fernsehen Rundfunk

Akte Z

Edu­ard Zim­mer­mann hat mir immer Angst gemacht.

Also weni­ger er selbst, als viel mehr sein „Akten­zei­chen XY… unge­löst“, dass immer dann lief wenn ich Frei­tag­abends allein zuhau­se war. „Der­rick“ und „Der Alte“ haben mir nie etwas aus­ge­macht, aber beim „Akten­zei­chen“ wuss­te man ja, dass es um ech­te Fäl­le geht, dass man theo­re­tisch selbst ein­mal von einem klei­nen Jun­gen, der einem grob ähn­lich sieht, gespielt wer­den könn­te. Und der wür­de dann mit ver­dreh­ten Augen in einem Ent­wäs­se­rungs­gra­ben neben einem nie­der­rhei­ni­schen Kar­tof­fel­acker (die Fäl­le wer­den aus­nahms­los in Mün­chen gedreht, das für alles her­hal­ten muss) liegt.

Nach eini­gen Schil­de­run­gen älte­rer (aber nicht nur älte­rer) Mit­men­schen fra­ge ich mich auch, war­um Edu­ard Zim­mer­mann in all den Jah­ren „Vor­sicht, Fal­le!“ (sei­ner ande­ren gro­ßen Fern­seh­sen­dung) eigent­lich nie an der offen­sicht­li­chen Dumm­heit sei­ner Zuschau­er ver­zwei­felt ist, war­um man von ihm nie ein böses Wort gehört hat über die­se unfass­bar däm­li­chen Men­schen, die sich da an der Woh­nungs­tür über­töl­peln las­sen.

Und viel­leicht ist es kein Zufall, dass mich Bru­no Ganz als BKA-Chef Horst Herold im „Baa­der Mein­hof Kom­plex“ immer ein biss­chen an Edu­ard Zim­mer­mann erin­nert hat.

War­um erzäh­le ich Ihnen das alles?

Nun, Edu­ard Zim­mer­mann wird heu­te 80 Jah­re alt und im Fern­seh­le­xi­kon wird ihm höf­lichst gra­tu­liert.

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Musik Digital

Hundertmal zu dumm

Mein Ver­hält­nis zum Musik­jour­na­lis­mus ist ein gestör­tes. Ich habe lan­ge genug selbst in die­sem Metier gear­bei­tet und weiß um die men­schen­un­wür­di­gen Bedin­gun­gen, unter denen man nach ein­ma­li­gem Hören CDs von Revol­ver­held bespre­chen muss, wäh­rend einem die Pro­mo­ter im Nacken sit­zen.

Inso­fern freue ich mich ja auch, dass ich hier im Blog nur über Musik schrei­ben muss, wenn ich es auch will.

Aber trotz­dem: Was zum Hen­ker geht in Köp­fen vor, die Sät­ze wie die gleich fol­gen­den den­ken, aus­schrei­ben und mög­li­cher­wei­se auch noch abni­cken?

Kann sein, dass der Schlag­zeu­ger Sebas­ti­an Schmidt heißt, die Band aus Ber­lin kommt und sich dann auch noch Super 700 nennt. Aber ohne gleich wie einer die­ser ins Alter gekom­me­nen Rock­jour­na­lis­ten klin­gen zu wol­len, die stets hoch­er­freut sind, wenn sie irgend­wie „fri­scher“ oder „fre­cher“ deut­scher Musik aus dem Nach­bar­dorf „inter­na­tio­na­les Niveau“ beschei­ni­gen dür­fen: Die­ses Sep­tett ist genau genom­men hun­dert­mal zu gut, um aus Deutsch­land zu sein.

Wie­viel­leicht soll­te ich Jan Wig­ger fra­gen, der sich bei sei­nem Ver­such, für „Spie­gel Online“ pfif­fi­ge Meta-Rezen­sio­nen zu ver­fas­sen, mal wie­der selbst unter­kel­lert hat.