Vom Konzert in Ehrenfeld

Von Lukas Heinser, 5. Februar 2009 17:31

Travis live (stark verwackelt)

Man will ja nicht einfach so über fremde Menschen urteilen, die man nur einmal kurz erlebt hat. Vielleicht haben sie ernsthafte Probleme und Sorgen oder man ist ihnen in einem sehr ungünstigen Moment begegnet.

Trotzdem: Der Typ, der gestern den Einlass an der Live Music Hall mehrere Minuten aufgehalten hat, weil er sich nicht von seiner fast leeren Einweg-Wasserflasche trennen wollte (darauf sei er nicht hingewiesen worden, dies sei ein freies Land, ob er mal den Vorgesetzten sprechen könne, …), der machte schon einen Eindruck, den man als „merkwürdig“ bezeichnen könnte. Wir waren gerade dabei, für seine finanzielle Entschädigung zu sammeln, als es endlich weiterging.

Das anschließende Konzert war dann nicht mehr merkwürdig, sondern nur noch toll. The Alexandria Quartet waren der passendste Support seit Athlete vor fünfeinhalb Jahren und Travis sind ja eh (zumindest bei mir) über jeden Zweifel erhaben.

Eher überraschend war die Konzerteröffnung mit dem wieder ausgegrabenen „Blue Flashing Light“, danach folgte ein Greatest-Hits-Programm, das fast keine Wünsche offen ließ. (Klar, mehr ginge immer: „Flowers In The Window“, „U16 Girls“, „As You Are“, „Follow The Light“, „My Eyes, „Happy“, „Battleships“ oder gar mal wieder „Tied To The 90’s“ hätte man alle auch noch dankend mitgenommen.)

Fran Healy ist so ungefähr der einzige Musiker auf der Welt, der das Publikum zum Mitklatschen und Arme wedeln – „If you’re still feeling self-confident with your hands in the air: please leave!“ – auffordern darf, ohne dass man sich vor lauter Entertainment-Ekel windet. Darüber hinaus kann der Wahl-Berliner bei jeder Deutschland-Tour einen zusätzlichen deutschen Satz sagen und zitierte gegen Ende des Konzerts noch kurz Ben Folds Five.

Das Publikum wird immer heterogener: süße Indie-Mädchen sind natürlich immer noch da (eine Zeit lang waren Travis neben Slut die Band mit dem hübschesten Publikum), aber die älteren Zuschauer, die in immer größerer Stückzahl vorhanden sind (ich habe meinen früheren Erdkundelehrer entdeckt), waren nicht nur deren Eltern. Sie alle eint der selige Gesichtsausdruck, mit dem sie in Richtung Bühne schauen, während sie mal laut, mal leise, mal gar nicht mitsingen. Zuschauer beobachten bei Travis-Konzerten kommt von der Wirkung her einer mehrstündigen Meditation oder einem Wochenende in einer einsamen Waldhütte nahe. Nur den Rhythmus halten können auch sie nicht.

Den Zettel, auf dem ich mir die Setlist notiert hatte (jeder Mensch braucht ein Hobby), habe ich leider unterwegs verloren. Aber vielleicht stellt sie noch jemand bei setlist.fm online, einem wie ich finde sehr sinnvollen Portal, auf das ich dann an dieser Stelle endlich auch einmal verlinkt hätte.

Die Überschrift ist wie üblich geklaut, diesmal bei Jona.

13 Kommentare

  1. Johannes
    5. Februar 2009, 17:49

    Ich war ja gestern bei Oasis ([Werbung]Bericht bei mir im Blog![/Werbung] und war sehr, sehr, sehr traurig darüber, dass Travis und die Gallaghers auf einen Tag gelegt worden sind. Und dann war gestern auch noch das Franz Ferdinand-Radiokonzert von 1Live. Man sollte sich dreiteilen können.

    Haben sie denn dieses Mal endlich „Big Chair“ gespielt? (Oder weißt du das ohne Setlist nicht mehr? ;D )

  2. Ortwin
    5. Februar 2009, 18:29

    Kling für mich jetzt nicht besonders merkwürdig, sondern eher nach sinnvollem Protest? Oder was war denn die Begründung, warum er die Flasche nicht mitnehmen sollte?

  3. Lukas
    5. Februar 2009, 18:38

    @Johannes: „Big Chair“ kam nicht.

    @Ortwin: Man durfte halt keine Flaschen (auch keine leeren) mit reinnehmen. Mag man albern finden, ist aber in der Regel immer und überall so. Ärgerlich ist es natürlich, wenn man eine noch verschlossene Flasche, die man für den Rückweg eingeplant hatte, zurücklassen muss. Aber für eine fast leere Flasche und 25 Cent würde ich nicht mal meine Stimme erheben. (Anders als beispielsweise bei Taschenmessern …)

  4. Katrin
    5. Februar 2009, 20:39

    da kann ich ja fast froh sein, nicht extra von münster nach köln gereist zu sein, wenn „flowers in the window“ nicht gespielt wurde. es bleibt die erinnerung an das wundervolle konzert in essen =)

  5. Petra
    6. Februar 2009, 2:09

    Sie haben „Blue Flashing Lights“ gespielt? ARGH, ihr glücklichen, glücklichen, glücklichen Kölner! (bzw. Dinslakener, die nach Köln gefahren sind) Haben sie auch das „Hit Me Baby One More Time“-Cover gespielt? Dann wäe die Setlist mehr als großartig. An dieser Stelle danke für den Linktipp, war mir bislang völlig unbekannt.

  6. Lukas
    6. Februar 2009, 2:14

    Cover hab ich seit 2001 (damals war’s „All The Young Dudes“) keine mehr gehört.

    Bei last.fm hat inzwischen jemand die Setlist gepostet. Sie geht wie folgt:

    01 Blue Flashing Light 02 Beautiful Occupation 03 J Smith 04 Re-Offender 05 Something Anything 06 Long Way Down 07 Love Will Come Through 08 Closer 09 Side 10 Ballad Of J Smith 11 Driftwood 12 Falling Down 13 Sing 14 Writing To Reach You 15 All I Want To Do Is Rock 16 Before You Were Young 17 Turn ———– 18 Song To Self 19 Selfish Jean 20 Why Does It Always Rain

  7. Johannes
    6. Februar 2009, 7:42

    Die haben die im Vergleich zum Essener Auftritt ja wirklich ein bisschen durchgewühlt.

    Übrigens, kürzlich haben sie irgendwo das schlimme „I Kissed A Girl“ live gecovert, bitte bei Interesse bei YouTube suchen.

  8. matthias
    6. Februar 2009, 9:42

    Mhm, zum Travis müßte man auch mal gehen. Tourt der noch? Ich müßte eh mal wieder auf ein feines Konzert gehen….
    Ich fand das schönste weiblich Indie Puplikum übrigens bei Placebo in Magdeburg!

  9. Lukas
    6. Februar 2009, 10:56

    @Johannes: Ich glaube, Travis sind eine dieser Bands, die noch jeden Abend über der Setlist sitzen. Zumindest meinte Fran, dass „All I Want To Do Is Rock“ in Köln fast rausgeflogen wäre.

    @matthias: Ja, Travis touren gerade, Köln war der Auftakt. Heute Abend sind sie in Berlin, was mir Gelegenheit gibt, auf die weltschlechteste Konzertankündigung zu verlinken.

  10. Johannes
    6. Februar 2009, 14:41

    Da hat scheinbar ein Praktikant gesagt bekommen, er sollte mithilfe des Wikipedia-Eintrages von Travis eine Vorankündigung schreiben. Schwere Kost…

  11. tom
    10. Februar 2009, 20:15

    hi lukas,
    schöner bericht. freut mich, dass dir setlist.fm gefällt. :-)
    lg tom

  12. Coffee And TV: » Oslog (3)
    21. Februar 2009, 2:00

    […] Alexandria Quartet Die hatte ich ja schon vor Travis gesehen und für ganz ordentlich befunden. Dieser Eindruck hat sich heute verfestigt: Indierock zwischen […]

  13. Coffee And TV: » Listenpanik 05/09
    7. Juni 2009, 23:02

    […] – The Alexandria Quartet Es passiert ja auch nicht so oft, dass man eine Band eher zufällig zwei Mal live gesehen hat, bevor ihr Album überhaupt in Deutschland […]