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Leben

Mitbewohner 1.0

Leeres Zimmer (Symbolbild)

Im Mai star­te­te ich einen Auf­ruf, mit dem ich einen neu­en Bewoh­ner für das leer­ste­hen­de Zim­mer in unse­rer WG fin­den woll­te.

Ich schrieb damals, mit die­ser Akti­on „das welt­wei­te Daten­netz auf eine har­te Pro­be stel­len“ zu wol­len. Nun, was soll ich sagen? Das Web hat ver­lo­ren.

Der Mai ist kein guter Monat, um neue Mit­be­woh­ner zu fin­den: das Semes­ter ist im vol­len Gan­ge und kaum jemand ist auf der Suche nach einem Zim­mer oder Wil­lens umzu­zie­hen. In den ers­ten drei Mona­ten mel­de­ten sich genau drei Leu­te, die durch Zet­tel, die ich an der Uni aus­ge­hängt hat­te, auf das Ange­bot auf­merk­sam gewor­den waren: der Ers­te such­te nur was zur Zwi­schen­mie­te (was wir nicht woll­ten), der Zwei­te war ent­täuscht, dass das Zim­mer gänz­lich unmö­bliert war (was auch für den Ers­ten von Nach­teil gewe­sen wäre), vom Drit­ten waren wir so ange­tan, dass wir ihm das Zim­mer geben woll­ten. Lei­der hat er sich nach unse­rem Ange­bot, bei uns ein­zu­zie­hen, nie wie­der gemel­det.

twit­ter hat­te kein biss­chen gehol­fen und mit der Zeit begriff ich auch, dass ein Blog-Ein­trag allein nicht aus­rei­chen wür­de: bei einer Goog­le-Suche nach frei­en Zim­mern in Bochum kam Cof­fee And TV unter den ers­ten 200 Such­ergeb­nis­sen nicht ansatz­wei­se vor (Der ers­te Besu­cher, der nach mit­be­woh­ner gesucht bochum gegoo­gelt hat­te, kam heu­te auf das Blog).

Mein ver­blie­be­ner Mit­be­woh­ner kam schließ­lich auf die Idee, das Zim­mer bei wg-gesucht.de zu inse­rie­ren. Das hat­te ich auch schon mal ver­sucht, war aber irgend­wie an der Sei­te geschei­tert. Mit dem her­an­na­hen­den neu­en Semes­ter wur­de der Kreis der Inter­es­sen­ten schließ­lich doch noch grö­ßer – wobei etwa die Hälf­te der Bewer­ber über das Inter­net­por­tal kam und die ande­re Hälf­te direkt beim Stu­den­ten­werk nach frei­en Zim­mern gefragt hat­te.

So besa­hen wir uns etwa ein Dut­zend Kan­di­da­ten bei­der­lei Geschlechts (wir hat­ten zwi­schen­zeit­lich über­legt, aus der seit Jah­ren exis­tie­ren­den Män­ner-WG eine gemisch­te zu machen) und erklär­ten etwa ein Dut­zend Mal, wie das mit der Mie­te, dem Besteck, den Bahn­hal­te­stel­len und den Wasch­ma­schi­nen ist. Nur ein Bewer­ber ver­lor schon bei der Besich­ti­gung das Inter­es­se – die 15m2 waren ihm bei einer Kör­per­grö­ße von mehr als zwei Metern offen­bar zu wenig.

Im Ver­lauf der Akti­on lern­te ich, war­um ich für Cas­ting­show­ju­ries und Per­so­nal­ab­tei­lun­gen denk­bar unge­eig­net bin: Ich bin unfä­hig, Men­schen mit­ein­an­der zu ver­glei­chen wie ver­schie­de­ne Kar­ten beim Auto­quar­tett. So lau­te­te die Stan­dard­zu­sam­men­fas­sung meist: „Joa, der war ganz nett – aber der ande­re auch. Aber was weiß ich eigent­lich nach zehn Minu­ten Small­talk über ihn oder sie?“ Goog­le sag­te über die meis­ten Kan­di­da­ten auch nicht viel aus.

Jeden­falls haben wir uns letzt­lich für einen Medi­zin­stu­den­ten ent­schie­den, der über das Stu­den­ten­werk von dem Zim­mer gehört und mich tele­fo­nisch kon­tak­tiert hat­te. Das Inter­net hat­te nichts damit zu tun (und das fin­de ich ehr­lich gesagt auch mal ganz beru­hi­gend).

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Musik Leben

Das Stadtfest der Woche

In Bochum ist immer was los: „Bochum Total“ sowie­so, vor vier Wochen „Bochum kuli­na­risch“ (Vor­sicht, Musik!), bis mor­gen fin­det noch das ers­te „Zelt­fes­ti­val Ruhr“ statt, in zwei Wochen ist „Kuh­hir­ten­fest“.

Die­ses Wochen­en­de ist aber auch noch der zwei­te „Bochu­mer Musik­som­mer“ (Vor­sicht, Musik!), das im ver­gan­ge­nen Jahr als anspruchs­vol­le­re und ange­neh­me­re Alter­na­ti­ve zu „Bochum Total“ gestar­tet war.

So ging ich dann heu­te auch auf den soge­nann­ten „Bou­le­vard“, der unter der Woche nor­ma­ler­wei­se so belebt ist wie der Fried­hof von Wan­ne-Eickel. Neben ver­schie­dens­ten Musi­ken auf zahl­rei­chen Büh­nen gab es auch noch ein Wein­fest mit Dut­zen­den Buden, die Wein, Käse und ande­re Klei­nig­kei­ten anbo­ten. Und: Es war voll. So vie­le Leh­rer mit Karo­hem­den und Wind­brea­k­ern kann es in Bochum gar nicht geben, wie sie heu­te in der Stadt unter­wegs waren. Aber das war sowie­so eine Mischung: Pun­ker und Rent­ner, Skin­heads und Arbei­ter, dazwi­schen jede Men­ge Kin­der.

Wäh­rend Stadt­fes­te mit Umsonst-Musik nor­ma­ler­wei­se ziem­lich grau­en­haft und für die auf­tre­ten­den Künst­ler reich­lich wür­de­los sein kön­nen (wes­we­gen ich heu­te auch dar­auf ver­zich­tet habe, mir Wir Sind Hel­den beim Duis­bur­ger Stadt­ju­bi­lä­um anzu­se­hen), hat man beim „Musik­som­mer“ das Gefühl, dass die Leu­te bei aller Gemüt­lich­keit auch die Musik zu schät­zen wis­sen.

Pri­mär war ich näm­lich da, um mir den Auf­tritt von Tom­my Fin­ke anzu­se­hen. Den haben wir hier im Blog über­haupt noch gar nicht vor­ge­stellt bzw. gelobt, was drin­gend mal geän­dert wer­den soll­te. Sein Song „Rock’n’Roll Leben“ zählt für mich zum Bei­spiel zu den erha­bens­ten deutsch­spra­chi­gen Lie­dern über­haupt.

Das Kon­zert war dann trotz des stets dro­hen­den Regens (Tom­my Fin­ke sprach vom „Bochu­mer Musik­herbst“) auch sehr schön, sogar die vor­bei­ge­hen­den und kurz­zei­tig inne­hal­ten­den Mor­mo­nen haben mit dem Fuß gewippt.

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Print Kultur

Kunst im Alltag: Lokalredaktion Bochum „Überschriften“

Bochum ist mit dem gesam­ten Ruhr­ge­biet Teil der Kul­tur­haupt­stadt 2010. Eine klei­ne Grup­pe von Sprach­akro­ba­ten möch­te sich dar­an mit ihrem Lite­ra­tur­pro­jekt betei­li­gen, das sie „Über­schrif­ten“ nennt.

Ers­te Kost­pro­ben ihres Kön­nens wer­den der­zeit im Kunst­ma­ga­zin „WAZ (Lokal­teil Bochum)“ abge­druckt und sol­len auch hier ange­mes­sen gewür­digt wer­den:

Da gibt es infor­ma­ti­ve Kurz­pro­sa mit ver­stö­ren­den Satz­an­fän­gen, die nur wenig län­ger ist als ein Arti­kel in der Regio­nal­pres­se zum sel­ben The­ma:

Opel plant am Standort Bochum ab 2010 eine Kapazität bis zu 260 000 Wagen pro Jahr:
Aber England baut den neuen Astra-Caravan früher

Es gibt humo­ris­ti­sche Spie­le­rei­en mit Prä­po­si­tio­nen:

Polizisten im Einsatz am Bordell verletzt

Und es gibt (über der Metah­pern- und Ver­glei­che­rei­chen Par­odie auf das jour­na­lis­ti­sche Gen­re des Kom­men­tars) Klein­ode, die in der Tra­di­ti­on der japa­ni­schen Hai­kus ste­hen:

Jacke mit Luft

Hal­ten Sie die Augen offen für wei­te­re Arbei­ten des Künst­ler­kol­lek­tivs „Lokal­re­dak­ti­on Bochum“. Unvor­stell­bar, was pas­sie­ren wür­de, wenn die­se krea­ti­ven Köp­fe auch noch die Mög­lich­kei­ten des Inter­nets für sich ent­deck­ten!

[mehr Kunst im All­tag]

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Leben Gesellschaft

Paradigm City (Eine Odyssee)

Nicht gänz­lich über­ra­schend ende­te vor zwei Wochen auch die letz­te aller Über­gangs­fris­ten im lang­sams­ten aller Bun­des­län­der – und so trat auch im von kolum­bia­ni­schen Tabak­ka­r­tel­len kon­trol­lier­ten Nord­rhein-West­fa­len das in Kraft, was man leicht­fer­tig „Rauch­ver­bot“ nennt. In Bochum, immer­hin der Knei­pen­haupt­stadt des Ruhr­ge­biets, hört man von ein­zel­nen Gast­stät­ten, die sich auch dran hal­ten.

Am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de weil­te ich zu Ver­wand­ten­be­su­chen in Dins­la­ken. Die Stadt krank­te schon zu mei­ner Zeit dar­an, dass man dort eigent­lich nichts ande­res tun kann als sich zu betrin­ken, es aber kei­ne geeig­ne­ten Loka­li­tä­ten für der­ar­ti­ge Plä­ne gibt. Am Sams­tag­abend hat­te ich aber eini­ge lie­be Men­schen um mich gesam­melt und gemein­sam fühl­ten wir uns unbe­sieg­bar für unser Vor­ha­ben: Jetzt, wo nir­gends mehr geraucht wer­den darf, woll­ten wir end­lich mal eine Knei­pen­tour durch all die Schup­pen machen, in die wir uns bis­her nicht hin­ein­ge­traut hat­ten.

Um den halb­her­zi­gen Ver­such eines Span­nungs­auf­baus direkt an die­ser Stel­le abzu­wür­gen: wir sind geschei­tert. Kläg­lich. Mit wehen­den Segeln, Pau­ken und Trom­pe­ten. Es begann näm­lich schon mal damit, dass die Som­mer­fe­ri­en kei­ne gute Zeit für Knei­pen­tou­ren sind. Gut die Hälf­te der Gast­stät­ten auf unse­rer ima­gi­nä­ren Lis­te begrüß­te uns mit geschlos­se­nen Roll­lä­den und dem Hin­weis auf aus­ge­dehn­te Betriebs­fe­ri­en. Immer­hin: die Vor­stel­lung, dass sämt­li­che Alt­her­ren­knei­pen­wir­te der Stadt einen gemein­sa­men Kegel­ur­laub ver­brach­ten, die hat­te was.

Die nächs­ten Läden, die wir pas­sier­ten, waren inzwi­schen in Rau­cher­clubs umge­wan­delt wor­den. Damit schie­den sie für unser Vor­ha­ben der rauch­frei­en Knei­pen­tour natür­lich aus und auch sonst wer­de ich jetzt weder den einen noch den ande­ren Schup­pen jemals von innen zu sehen bekom­men – was ange­sichts des­sen, was man schon von außen sehen kann, aller­dings aufs Hef­tigs­te begrüßt wer­den muss. Auch auf die Gefahr hin, den Ruf sämt­li­cher Dins­la­ke­ner Innen­ar­chi­tek­ten für immer zu zer­stö­ren: Knei­pen, die wie die Gas­tro­no­mie­zei­le eines Son­nen­stu­di­os aus­se­hen, gehen gar nicht!

Nach zwan­zig Minu­ten Rum­ge­gur­ke auf nicht ganz ver­kehrs­si­che­ren Fahr­rä­dern durch eine glück­li­cher­wei­se ver­kehrs­freie Innen­stadt (in der es nach dem Hoch­klap­pen der Bür­ger­stei­ge übri­gens nach Pfer­de­mist riecht) blie­ben noch genau zwei Loka­le übrig: die über die Gren­zen der Stadt bekann­te „Sze­ne­knei­pe“ „Ulcus“ und das Leh­rer-in-Leder­wes­ten-trin­ken-Rot­wein-Lokal „Zur Adler-Apo­the­ke“.

Der „Ulcus“ ist die ver­mut­lich ein­zi­ge Sze­ne­knei­pe der Welt, in der jun­ge Men­schen beim Weg­ge­hen auf ihre eige­nen Eltern tref­fen kön­nen, dafür wird Ser­vice dort in bes­ter Ber­li­ner Sze­ne­knei­pen-Tra­di­ti­on klein geschrie­ben (und das nicht nur, weil es sich dabei ursprüng­lich um ein eng­li­sches Wort han­del­te). In bes­ter Ver­ken­nung des Geset­zes­tex­tes hat­te man dort einen klei­nen Neben­raum zur Nicht­rau­cher­zo­ne erklärt, was wit­zi­ger­wei­se dazu führt, dass man, wenn man in die Nicht­rau­cher­zo­ne, auf Toi­let­te oder zur The­ke (Sie erin­nern sich: Ser­vice) will, durch den voll­ge­qualm­ten Haupt­raum muss. Immer­hin liegt der Nicht­rau­cher­be­reich ein biss­chen nied­ri­ger, so dass der Qualm eini­ger­ma­ßen drau­ßen bleibt – eine Tür oder wenigs­tens einen Vor­hang gibt es näm­lich auch nicht. Das Argu­ment, die meis­ten Gäs­te woll­ten ja rau­chen, soll­te jetzt bes­ser nie­mand brin­gen, denn der Nicht­rau­cher­raum war voll, wäh­rend wir im Rau­cher­raum immer­hin noch eine hal­be Bank hät­ten beset­zen kön­nen. Woll­ten wir aber nicht.

Also die „Apo­the­ke“ – wie der Name schon sagt eine alte Apo­the­ke mit einer Innen­ein­rich­tung aus der Kai­ser­zeit und viel Lie­be zum Detail. Dass auch hier im Haupt­raum (The­ke, Ein­gang, Durch­gang zu den Toi­let­ten) geraucht wer­den darf und wir auf Anhieb gar kei­nen Nicht­rau­cher­raum erspä­hen konn­ten, war uns zu die­sem Zeit­punkt egal. Wir hat­ten Durst und müde Kno­chen. Wir ver­brach­ten einen net­ten Abend und die Bedie­nung war freund­lich.

Das mit dem Rauch­ver­bot aber, das scheint in Dins­la­ken noch in wei­ter Fer­ne zu lie­gen. Viel­leicht hät­te das Ord­nungs­amt nicht vor­ab in der Pres­se ver­kün­den sol­len, dass man eh nicht kon­trol­lie­ren wer­de …

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Digital

My City Of Ruins

Die fol­gen­den bei­den Mel­dun­gen ste­hen in kei­ner­lei Kon­text zuein­an­der (neh­me ich an). Sie zei­gen nur die Band­brei­te der Ereig­nis­se, mit denen sich eine sym­pa­thi­sche Klein­stadt am rech­ten Nie­der­rhein zur Zeit so her­um­schla­gen muss:

Die Staats­an­walt­schaft ermit­telt gegen den Dins­la­ke­ner Sozi­al­de­zer­nen­ten

und

Mit­ten in Dins­la­ken: War­um läuft die­se Nack­te durch die City?

(Sie sor­gen aller­dings auch dafür, dass ich die Fra­ge, wo ich denn her­kom­me, vol­ler Stolz mit … äh: „Bochum“ beant­wor­ten kann.)

Nach­trag, 11. Juli, 01:50 Uhr:

Meistgelesene News-Artikel: 1. Zapfsäulen-Schwindel! Öl-Multis verkaufen Super als Normalbenzin, 2. Mitten in Dinslaken: Warum läuft diese Nackte durch die City?, 3. Feuchtgebiete: Ekelbuch wird Theater-Stück, 4. Metzger vor Gericht: Stieftochter 248-mal vergewaltigt, 5. Die Weltregierung: Wer steht am besten da?

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Das Kaiserreich verliert (mal wieder)

Ach ja, lie­be „WAZ“ in Bochum, wie war das noch mal mit der deut­schen Fah­ne?

Ab 18.30 Uhr wurde es eng. Auch hier alles schwarz-weiß-rot gestimmt, spanische Trikots und die rot-gelbe Flagge der Iberer sah man nur vereinzelt.

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Leben

Ich kaufe mir eine Hose und gehe mit niemandem essen

Ich brauch­te eine neue kur­ze Hose. Nein, das ist falsch: nie­mand über 18 braucht eine kur­ze Hose, wenn er nicht gera­de im Urlaub oder Fuß­ball­pro­fi ist. Ich woll­te aber für den Pri­vat­ge­brauch trotz­dem eine kur­ze Hose haben, die ich bei gro­ßer Hit­ze in der Woh­nung tra­gen kann.

Die­se doch recht schlich­te Aus­gangs­kon­stel­la­ti­on erwies sich recht schnell als eini­ger­ma­ßen pro­ble­ma­tisch. Der Kauf neu­er Klei­dungs­stü­cke, die kei­ne T‑Shirts oder Socken sind, berei­tet mir immer gro­ßes Unbe­ha­gen. Ich ver­brin­ge oft meh­re­re Tage in Geschäf­ten und fin­de doch nichts. Mei­ne Schu­he wer­de ich tra­gen, bis sie mir von den Füßen fal­len.

Ich hät­te mir auch kaum eine schlech­te­re Sai­son für mei­nen Inves­ti­ti­ons­ver­such aus­su­chen kön­nen, denn die vor­herr­schen­den Trends haben mit mei­nem Geschmack in etwa so viel zu tun wie mei­ne Fri­sur mit den aktu­el­len Moden. Die Unsit­te, eigent­lich okaye Klei­dungs­stü­cke mit wahl­lo­sen Zah­len­fol­gen und baro­cken Orna­men­ten zu bedru­cken, ist noch lan­ge nicht abge­ris­sen, und Taschen wer­den auf kur­zen Hosen nach wie vor zahl­reich unter­ge­bracht, nicht aber an den Stel­len, wo sie sein soll­ten. Mei­ne Fra­ge, wer zum Hen­ker denn Hosen trü­ge, auf denen ein öster­rei­chi­sche­rer Dop­pel­kopf­ad­ler und eine fran­zö­si­sche Königs­li­lie pran­gen, und an die etwa 17 Taschen, Laschen und Schlau­fen ange­näht sind, wur­de lei­der als­bald wort­los beant­wor­tet. Mit sol­chen Men­schen woll­te ich nichts gemein haben.

Außer­dem schei­nen die­ses Jahr Hosen in Mode zu sein, die bereits über dem Knie enden. Das geht bei mir aus vie­ler­lei Hin­sicht nicht: ers­tens prangt auf mei­nem rech­ten Knie die unschö­ne Nar­be eines Bade­un­falls, zwei­tens sind mei­ne Bei­ne so kurz, dass Hosen, die bei nor­ma­len Men­schen über dem Knie enden, bei mir genau bis zur Mit­te der Knie­schei­be rei­chen, und drit­tens will ich ein­fach kei­ne Hosen, die so viel Bein zei­gen. Mei­ne Bei­ne sind häss­lich genug, je weni­ger man davon sieht, des­to bes­ser.

Mei­ne Beglei­te­rin erwies sich als deut­lich här­ter im Neh­men, als ich es war: sie schlepp­te mich in immer noch einen Laden und wenn ich ange­sichts beleg­ter Umklei­de­ka­bi­nen schon wie­der gehen woll­te, hielt sie mich an der Jacke fest und zwang mich zu wei­te­ren Anpro­ben. Schließ­lich hat­te ich tat­säch­lich eine Hose gefun­den, die für mei­nen Geschmack lang genug war, gut saß, nicht zu vie­le alber­ne Taschen in Knie­hö­he hat­te und ange­nehm leicht war. Der Preis war zwar so hoch wie für nor­ma­le, gan­ze, also lan­ge Hosen, lag aber noch unter der mir selbst auf­er­leg­ten Höchst­gren­ze.

Es blieb das Pro­blem der Far­be: mög­li­cher­wei­se gibt es auch für Mode­kon­zer­ne Quo­ten, einen bestimm­ten Pro­zent­satz Schwer­be­hin­der­te ein­zu­stel­len. Aber müs­sen es aus­ge­rech­net Blin­de sein, die dann in der Desi­gn­ab­tei­lung arbei­ten? Die an sich tol­le Hose war im Mode­farb­ton „Schlamm“ gehal­ten, war also nach mensch­li­chen Maß­stä­ben braun, was eher so indi­rekt eine Far­be ist. Was man denn dazu bit­te tra­gen sol­le, frag­te ich ent­geis­tert die freund­li­che Ver­käu­fe­rin. Beige gin­ge sehr gut (ich war nicht beim Afri­ka­korps), weiß (habe ich wenig, weil’s schnell dre­ckig wird), grün (hab ich nur als Glad­bach-Tri­kot, des­sen schwarz wie­der­um nicht zum Braun passt) oder hell­blau (gut, dass ich ein Jun­ge bin). Ich ging im Geis­te mei­nen Klei­der­schrank durch, wie mir die Dame gera­ten hat­te, und kam zu dem Schluss, dass mei­ne Wasch­ma­schi­ne und das von mir benutz­te Wasch­mit­tel den Farb­ton schon nach drei Wäschen in ein schmu­ckes Grau-Anthra­zit-Staub­far­ben ver­wan­deln wür­de, und kauf­te das gute Stück.

Jetzt muss ich nur noch in Urlaub fah­ren.

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Leben

Highway To DHL

Die im fol­gen­den geschil­der­te Geschich­te ist natür­lich nur ein Ein­zel­fall.

So wie der, der mir im letz­ten Jahr pas­siert ist, oder der, den Anke Grö­ner vor zwei Wochen beschrie­ben hat.

12. Mai
Ich bestel­le ein Buch bei Ama­zon.

13. Mai
Ama­zon teilt mir per E‑Mail mit, dass das Buch abge­schickt wur­de:

Lie­fe­rung vor­aus­sicht­lich: 15-Mai-2008

14. Mai
Nach­dem ich den gan­zen Tag zuhau­se war, stel­le ich am Nach­mit­tag fest, dass der DHL-Bote eine Benach­rich­ti­gungs­kar­te in mei­nen Brief­kas­ten gewor­fen hat, ohne auch nur geklin­gelt zu haben.

15. Mai
Über das Kon­takt­for­mu­lar der DHL-Web­site schrei­be ich eine Rekla­ma­ti­ons­nach­richt, in der ich mich über das Ver­hal­ten des DHL-Boten beschwe­re und um eine Neu­zu­stel­lung bit­te.

17. Mai
Da DHL bis­her (wie erwar­tet) nicht auf mei­nen Kon­takt­ver­such reagiert hat, kreu­ze ich auf der Benach­rich­ti­gungs­kar­te „Wie­der­ho­lung des Zustell­ver­suchs“ an und wün­sche mir eine Zustel­lung am 21. Mai. Die Kar­te wer­fe ich (lei­der kei­ne Mar­ke zur Hand) in den nächs­ten Brief­kas­ten.

21. Mai
Es klin­gelt zwei Mal an der Haus­tü­re, ich betä­ti­ge zwei Mal den Tür­öff­ner. Da nie­mand zu mei­ner Woh­nung kommt, gehe ich davon aus, dass es der Post­bo­te war, der ins Haus woll­te, um die hin­ter der Haus­tür befind­li­chen Brief­käs­ten zu befül­len.

Als ich das Haus ver­las­se, sehe ich außen an die Haus­tür geklebt mei­ne Benach­rich­ti­gungs­kar­te mit dem Hin­weis „2. Zust. ERFOLGLOS“.

Nach­dem mei­ne Hals­schlag­ader wie­der abge­schwol­len ist, wen­de ich mich mit fol­gen­den Fra­gen an die Pres­se­stel­le von DHL:

1. Hat sich der Zustel­ler bei den bei­den Zustell­ver­su­chen gemäß der Fir­men­phi­lo­so­phie ver­hal­ten? Wäre er zu einer Zustel­lung an der Woh­nungs­tür (4. Stock, Fahr­stuhl) ver­pflich­tet, oder ist der Zustell­ver­such an der Haus­tür (ohne Gegen­sprech­an­la­ge) aus­rei­chend?
2. Gibt es eine Rege­lung, nach der Päck­chen nicht mehr (wie frü­her üblich) bei den Nach­barn abge­ge­ben wer­den sol­len oder obliegt die Ent­schei­dung dar­über dem Zustel­ler?
3. Wie lan­ge dau­ert übli­cher­wei­se die Beant­wor­tung eines Kon­takt­ver­suchs über die Inter­net­sei­te von DHL?
4. DHL wirbt auf der Home­page mit dem Sie­gel als „Com­pu­ter-Bild Test­sie­ger“. Ent­spricht das Ver­hal­ten des Zustel­lers dem Ruf des Unter­neh­mens?
5. Wie kann ich sicher­ge­hen, dass mir Päck­chen auch wirk­lich zuge­stellt wer­den, und ich nicht erst eine Woche war­ten und dann noch zu einer abge­le­ge­nen Post­agen­tur fah­ren muss?

22. Mai
Fei­er­tag in NRW.

23. Mai
Unter Ein­satz von Bus­sen 1 und Stra­ßen­bah­nen (man kennt sei­ne Hei­mat­stadt ja sowie­so immer viel zu wenig) fah­re ich zur „Post­agen­tur“, die in einem Beklei­dungs­ge­schäft in Alten­bo­chum unter­ge­bracht ist.

Nach län­ge­rer Suche bekom­me ich mein Päck­chen, der Mann am Schal­ter bedau­ert mei­ne Unan­nehm­lich­kei­ten, für die er selbst ja gar nichts kann. Das gan­ze Vor­ha­ben kos­tet mich eine Stun­de mei­nes Lebens.

26. Mai
Immer noch kei­ne Reak­ti­on von der DHL-Pres­se­stel­le. Tei­le mei­ner Fra­gen kann ich mir aber mit­hil­fe der „All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen der DHL PAKET/​ EXPRESS NATIONAL“ auch selbst beant­wor­ten:

Ist der Zustell­ver­such an der Haus­tür aus­rei­chend?

4 Leis­tun­gen der DHL
(1) DHL beför­dert die Sen­dun­gen zum Bestim­mungs­ort und lie­fert sie an den Emp­fän­ger unter der vom Absen­der genann­ten Anschrift ab. DHL unter­nimmt dabei zwar alle zumut­ba­ren Anstren­gun­gen, um die Sen­dung inner­halb der Zeit­fens­ter ent­spre­chend ihren eige­nen Qua­li­täts­zie­len (Regel­lauf­zei­ten) abzu­lie­fern.

Gibt es eine Rege­lung, nach der Päck­chen nicht mehr (wie frü­her üblich) bei den Nach­barn abge­ge­ben wer­den sol­len?

(3) DHL darf Sen­dun­gen, die nicht in der in Absatz 2 genann­ten Wei­se abge­lie­fert wer­den kön­nen, einem Ersatz­emp­fän­ger aus­hän­di­gen. […]
Ersatz­emp­fän­ger sind
1. Ange­hö­ri­ge des Emp­fän­gers oder des Ehe­gat­ten, oder
2. ande­re, in den Räu­men des Emp­fän­gers anwe­sen­de Per­so­nen, sowie des­sen Haus­be­woh­ner und Nach­barn, sofern den Umstän­den nach ange­nom­men wer­den kann, dass sie zur Annah­me der Sen­dun­gen berech­tigt sind; EXPRESS BRIEFE wer­den nicht an Haus­be­woh­ner und Nach­barn aus­ge­hän­digt.

28. Mai (Nach­trag)
In mei­nem Brief­kas­ten fin­de ich einen Brief von DHL, datiert vom 26. Mai. Was drin steht, steht hier.

  1. Der Bus, der ein­mal pro Stun­de ver­kehrt, kommt fünf Minu­ten zu spät, bei sei­ner Ankunft steigt der Bus­fah­rer aus, um eine Ziga­ret­ten­pau­se zu machen.[]
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Digital

Mitbewohner 2.0

Ich bin ja ein gro­ßer Freund des Inter­nets und des Web 2.0. Ich den­ke, dass man dort ten­den­zi­ell alles fin­den kann: Fuß­ball­ergeb­nis­se, Kuchen­re­zep­te, lus­ti­ge Vide­os und den Part­ner fürs Leben.

Nun aber will ich das welt­wei­te Daten­netz auf eine har­te Pro­be stel­len: Ich suche einen neu­en Mit­be­woh­ner für unse­re Drei­er-WG in Bochum!

Falls Sie also Stu­dent an einer der Bochu­mer Hoch­schu­len sind und ein Zim­mer suchen, oder Sie jeman­den ken­nen, der Stu­dent an einer der Bochu­mer Hoch­schu­len ist und ein Zim­mer sucht: hier geht’s lang.

Für alle ande­ren ist es viel­leicht wenigs­tens inter­es­sant zu sehen, ob die­se doch sehr moder­ne Form der Mit­be­woh­ner­su­che funk­tio­niert. Ich wer­de Sie auf dem Lau­fen­den hal­ten!

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Musik

Rockin‘ The Suburbs

Im Spät­herbst 1999 gin­gen Ben Folds Five, die Band, die ich gera­de und bis ans Ende aller Tage zu mei­ner Lieb­lings­band ernannt hat­te, in Deutsch­land auf Tour – im Auf­trag des „Rol­ling Stone“ und gemein­sam mit Tra­vis, die ich wenig spä­ter zu einer mei­ner abso­lu­ten Lieb­lings­bands ernann­te, und Gay Dad. Da Köln und Müns­ter für sech­zehn­jäh­ri­ge Dins­la­ke­ner unend­lich weit waren, ging ich auf kei­nes der Kon­zer­te und dach­te: „Die kom­men schon wie­der.“

Ein Jahr spä­ter hat­ten sich Ben Folds Five auf­ge­löst und Ben Folds kam das nächs­te Mal im Som­mer 2005 nach Deutsch­land. Mög­lich gewor­den war das durch die „Ben Folds Socie­ty“, die Unter­schrif­ten für eine Rück­kehr des Pia­no­ro­ckers nach Deutsch­land gesam­melt hat­te. Und natür­lich war ich bei bei­den Kon­zer­ten dabei, auch wenn das bedeu­te­te, sowohl nach Ber­lin, als auch nach Köln rei­sen zu müs­sen. Im ver­gan­ge­nen Jahr war ich immer­hin bei sei­nem Kon­zert in Köln dabei.

Die­ses Jahr muss ich Ben Folds nir­gend­wo­hin hin­ter­her­fah­ren müs­sen, die­ses Jahr spielt er einen Stein­wurf von mir ent­fernt: in der Zeche in Bochum.

Alle Tour­da­ten:
30.06.2008: Ham­burg, Grün­span
02.07.2008: Bochum, Zeche
03.07.2008: Mann­heim, Alte Feu­er­wa­che
05.07.2008: Bonn, Rhein­kul­tur-Fes­ti­val

Fei­ern wol­len wir die­se gute Nach­richt mit Folds‘ Ver­si­on eines mei­ner Lieb­lings­lie­der:

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Gesellschaft

Wie schon St. Peter Lustig immer sagte

Ich hof­fe, Sie hat­ten ein schö­nes Oster­fest!

Die Kar­wo­che ist immer die Zeit des Jah­res, zu der ich katho­lisch wer­de. Sonst bin ich nie katho­lisch, schon gar nicht so getauft, und den Papst und das alles fin­de ich natür­lich sowie­so nicht gut. Aber ich mag die Show­ele­men­te, die die katho­li­sche Kir­che dem Pro­tes­tan­tis­mus vor­aus­hat 1 – ich gehe ja auch auf Rob­bie-Wil­liams- und Kil­lers-Kon­zer­te – und Show gibt es eben an Palm­sonn­tag und in der Oster­nacht.

Kar­frei­tag ver­zich­te ich aus mir selbst nicht nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den 2 auf Fleisch und Alko­hol. Gleich­wohl hät­te ich kein Pro­blem damit, wenn jemand vor mei­nen Augen ein hal­bes Schwein ver­spei­sen oder ein Fass Wein lee­ren wür­de. Ich wür­de auch am Kar­frei­tag „weg gehen“, ger­ne auch auf Kon­zer­te. Zuhau­se wäre dies kein Pro­blem: Außer­halb Bay­erns kön­nen die Kom­mu­nen selbst ent­schei­den, ob sie das „Tanz­ver­bot“, das an den soge­nann­ten „Stil­len Tagen“ gilt, auf­he­ben wol­len. In Bochum will man das offen­bar seit län­ge­rem und die reich­lich besuch­ten Gothic- und Metal­par­ties spre­chen für eine gro­ße Nach­fra­ge. 3 In Dins­la­ken gin­ge es nicht: Als regie­re im Kreis Wesel der Piet­cong, sind öffent­li­che Tanz­ver­an­stal­tun­gen, der Betrieb von Spiel­hal­len, Märk­te, Sport­ver­an­stal­tun­gen und die Vor­füh­rung nicht „fei­er­tags­frei­er“ Kino­fil­me dort ver­bo­ten – und zwar schon ab Grün­don­ners­tag, 18 Uhr. Da kann man als Mensch, der an die Tren­nung von Staat und Kir­che glaubt, schon mal ner­vö­se Zuckun­gen im Gesicht krie­gen.

Wenn der Staat Tanz­ver­an­stal­tun­gen ver­bie­tet und gleich­zei­tig im Fern­se­hen Mord und Tot­schlag statt­fin­den, kann der Bür­ger die Plau­si­bi­li­tät von staat­li­chen Rege­lun­gen nicht mehr nach­voll­zie­hen

sag­te des­halb Bischof Geb­hard Fürst, mein­te das nur völ­lig anders als ich. Im katho­li­schen Fest­t­tags­ka­len­der fest ver­an­kert ist näm­lich seit eini­ger Zeit die Medi­en­schel­te zum Fei­er­tags­pro­gramm: „Zu bru­tal, zu lus­tig, zu wenig fami­li­en­taug­lich“, rufen dann der Vor­sit­zen­de der Publi­zis­ti­schen Kom­mis­si­on der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz oder der Vor­sit­zen­de des medi­en­po­li­ti­schen Exper­ten­krei­ses der CDU 4 erschüt­tert aus und wer­fen die Hän­de zum Him­mel, so wie Pfar­rer das in Fünf­zi­ger-Jah­re-Schwarz­weiß-Fil­men immer machen, wenn der Satan in Form von Peter Kraus und sei­ner Rock’n’Roll-Kapel­le ins Dorf kommt.

Wäh­rend der Papst – über den Bern­ward Lohei­de von dpa übri­gens letz­te Woche einen sehr lesens­wer­ten Bericht geschrie­ben hat – zum Oster­fest 2008 so eini­ges unter­nahm, um sowohl Juden als auch Mos­lems vor den Kopf zu sto­ßen, soll also das deut­sche Fern­se­hen unver­fäng­li­che Fami­li­en­un­ter­hal­tung sen­den für eine Zuschau­er­schaft, die Ostern sicher nicht vor dem Fern­se­her, son­dern mit der Fami­lie beim Essen oder in der Kir­che ver­brin­gen woll­ten? Aha. 5

Reflek­tier­ter klang da der Vor­sit­zen­de der deut­schen Bischofs­kon­fe­renz, Robert Zol­lit­sch, der in sei­ner Oster­pre­digt Medi­en­kom­pe­tenz ein­for­der­te, aber gleich­zei­tig klar­stell­te, dass jeder die Frei­heit habe, sich bestimm­te Din­ge nicht anzu­schau­en und abzu­schal­ten. Und das ist ein so wei­ser Gedan­ke, dass er auch Cars­ten Mat­thä­us als Schluss­satz sei­nes sehr lesens­wer­ten Kom­men­tars bei sueddeutsche.de dien­te. Eben „Abschal­ten“, wie schon St. Peter Lus­tig immer sag­te.

  1. Streng genom­men gibt es den Pro­tes­tan­tis­mus ja unter ande­rem genau des­halb, weil die­se Show­ele­men­te wenig mit dem Glau­ben an sich zu tun haben, aber ich möch­te hier weder Mar­tin Luther erklä­ren, noch in län­ge­re Reli­gi­ons­phi­lo­so­phien abdrif­ten.[]
  2. I guess that’s why they call it reli­gi­on.[]
  3. „Vier Tage Fami­li­en­fei­er ohne zwi­schen­zeit­li­chen Aus­gang“ ste­hen auf Geor­ge W. Bushs „Lis­te mit den Nicht-Fol­ter-Metho­den, die wir erpro­ben soll­ten, falls wir Water­boar­ding jemals ver­bie­ten soll­ten“ ziem­lich weit oben.[]
  4. Was lus­ti­ger­wei­se aus­ge­rech­net Gün­ther Oet­tin­ger ist.[]
  5. Nicke­lig­kei­ten wie die Behaup­tung, die zwan­zigs­te Wie­der­ho­lung von „Stirb Lang­sam“ habe mehr Zuschau­er gehabt als die Kir­chen an Ostern Got­tes­dienst­be­su­cher, spa­re ich mir schon aus Faul­heit, die tat­säch­li­chen Zah­len her­aus­zu­su­chen. Außer­dem liegt es mir fern, mich über Leu­te lus­tig zu machen, die in die Kir­che gehen. Ich wäre näm­lich auch in der (natür­lich katho­li­schen) Kir­che gewe­sen, war aber im Urlaub.[]
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Gesellschaft Politik

Alle Räder stehen still

Gewerkschafter in San Francisco, CA

Heu­te brau­che ich die Woh­nung nicht zu ver­las­sen, denn im Bochu­mer ÖPNV sieht es aus, als wären Weih­nach­ten, das Fuß­ball-WM-Fina­le Deutsch­land – Hol­land, ein Schnee­sturm, ein Strom­aus­fall und eine Son­nen­fins­ter­nis auf einen Tag gefal­len: Nichts geht mehr.

Glück­li­cher­wei­se muss ich heu­te weder zur Uni noch mit irgend­wel­chen tol­len Frau­en in noch tol­le­re Kino­fil­me, denn sonst wäre ich SEHR, SEHR ANGEKOTZT. Mei­ne Soli­da­ri­tät und mein Mit­ge­fühl wer­den näm­lich nicht in einer Wäh­rung erkauft, die „mir auf die Ner­ven gehen“ heißt. 1

Strei­ken tun Ver.di und Kom­ba, was nicht etwa lus­ti­ge Figu­ren aus lehr­rei­chen Seri­en beim KiKa sind, son­dern Gewerk­schaf­ten. Gewerk­schaf­ten, das weiß ich seit mei­nem ach­ten Lebens­jahr, sind böse: Sie wer­den geführt von Men­schen, die so lus­ti­ge Namen wie Moni­ka Wulf-Mathies oder Frank Bsir­s­ke tra­gen, und wenn sie mal schlecht gelaunt sind, wird der Müll wochen­lang nicht abge­holt und es lau­fen Rat­ten über den Schul­hof. Am 1. Mai, wenn nor­ma­le Men­schen aus­schla­fen, lau­fen sie mit selbst­ge­mal­ten Trans­pa­ren­ten durch die Stra­ßen und wol­len Geld.

War­um die Gewerk­schaf­ten das dies­mal wol­len, war mir bis ges­tern nicht so ganz klar. Jens muss­te es mir bei der pl0gbar erklä­ren und war so freund­lich, die­se Erklä­rung gleich auch noch mal bei sich zu blog­gen. Von Sei­ten der Gewerk­schaf­ten hat­te ich bis­her nur einen Zet­tel in der U‑Bahn gese­hen, auf dem stand, dass man als allein­ste­hen­der Stra­ßen­bahn­fah­rer zum Berufs­ein­stieg einen Hun­ger­lohn von 1.200 Euro net­to bekom­me, was für mich jetzt irgend­wie nicht all­zu dra­ma­tisch klang. Auch der Web­site von Ver.di oder die­ser Kam­pa­gnen­sei­te konn­te ich allen­falls ent­neh­men, dass die Gewerk­schaf­ter mehr Geld wol­len. Das will aber jeder, wes­we­gen ich ein paar klei­ne Erklä­run­gen ganz töf­te gefun­den hät­te.

Des­halb for­de­re ich: PR-Bera­ter in die Gewerk­schaf­ten!

Was ein Müll­mann, ein Bus­fah­rer, eine Biblio­the­ka­rin macht, weiß ich selbst – ich möch­te wis­sen, war­um sie mehr Geld wol­len – und da fin­de ich „Weil sie in den letz­ten Jah­ren immer weni­ger Geld gekriegt haben“, schon eine ziem­lich nach­voll­zieh­ba­re Begrün­dung. Ich wet­te nur, wenn man heu­te Mor­gen ein­hun­dert ent­nerv­te Pend­ler befragt hät­te: „Nen­nen Sie einen Grund, war­um Sie heu­te nicht zur Arbeit gefah­ren wer­den!“, wäre „Real­lohn­ver­lus­te in den ver­gan­ge­nen Jah­ren“ nicht die Top-Ant­wort gewe­sen.

Locker ver­teil­te Warn­streiks sind nur ärger­lich: Wenn Mon­tags die Kin­der­gärt­ne­rin­nen strei­ken, Diens­tags die Bus­fah­rer und Mitt­wochs die Müll­ab­fuhr, hat die Bevöl­ke­rung jeden Tag einen Grund sich zu ärgern und total unso­li­da­risch drauf zu sein. Wie wäre es denn mal mit einem ordent­li­chen, alles läh­men­den Gene­ral­streik? Man müss­te sich kei­ne Gedan­ken mehr machen, wer die Kin­der ver­sorgt und wie man zur Arbeit kommt, man könn­te mit den Klei­nen gemüt­lich zuhau­se sit­zen, Kakao trin­ken und ihnen die Rat­ten in den Müll­ber­gen im Vor­gar­ten zei­gen. Frank­reich und Ita­li­en sind berühmt für ihre Gene­ral­streiks und die Deut­schen sind doch sonst immer so ver­narrt in Mer­lot, Lat­te Mat­s­ch­ia­to und Brusket­ta, war­um nicht mal einen schi­cken Gene­ral­streik impor­tie­ren? Danach wüss­ten alle, wo über­all Men­schen arbei­ten, die mehr Geld ver­dient hät­ten, 2 und es wäre ein biss­chen wie Urlaub mit­ten im Jahr. Die Stra­ßen wären nicht ver­stopft (auch Gewerk­schaf­ten soll­ten sich dem Umwelt­schutz nicht ver­schlie­ßen) und alle wür­den ein­an­der mögen und toll fin­den.

Statt­des­sen: In Müll­tü­ten geklei­de­te Schnauz­bart­trä­ger, die hin­ter einem bren­nen­den Fass ste­hen und in Tril­ler­pfei­fen bla­sen. So zwan­zigs­tes Jahr­hun­dert, so SPD, so nicht 2.0.

Natür­lich kann es sein, dass dies ein über­kom­me­nes Kli­schee ist oder in Gewerk­schafts­krei­sen als Folk­lo­re im Sin­ne von Kar­ne­val, Fuß­ball oder Volks­mu­sik gilt, aber es ist immer noch das bestim­men­de Bild in den Medi­en. Was letzt­lich auch dar­an lie­gen könn­te, dass Medi­en­kon­zer­ne letzt­lich auch in Gewerk­schaf­ten orga­ni­sier­te Ange­stell­te haben, und des­halb wenig Wert dar­auf legen, dass Strei­ken­de sym­pa­thisch rüber­kom­men.

  1. Größ­te Sym­pa­thien kann erwar­ten, wer mich in Frie­den lässt. Die Welt­po­li­tik soll­te mei­nem Bei­spiel fol­gen.[]
  2. Ist es nicht völ­lig bizarr, dass man in der deut­schen Spra­che weni­ger Geld ver­die­nen kann als man ver­dient hät­te?[]