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Somebody’s Baby

Das hat­te es in den 18 Jah­ren, seit ich mit „Char­lie – Alle Hun­de kom­men in den Him­mel“ mei­nen ers­ten Kino­film gese­hen hat­te, noch nicht gege­ben: Ich war allei­ne im Kino. Und ich mei­ne nicht „ohne Beglei­tung“, ich mei­ne: allei­ne, ein­sam, ver­las­sen. Ich war 100% der Zuschau­er­schaft. Was dop­pelt bit­ter ist, wenn man bedenkt, was für einen tol­len Film alle ande­ren ver­passt haben: „Juno“.

Juno ist ein 16jähriges Mäd­chen, das, als sie aus Neu­gier ihren bes­ten Freund ver­führt, prompt schwan­ger wird. Die Idee einer Abtrei­bung ver­wirft sie rela­tiv schnell, was aber schon so ziem­lich die ein­zi­ge Stel­le im Film sein dürf­te, bei der reli­giö­se Eife­rer wohl­wol­lend nicken. Ihr Vater und ihre Stief­mut­ter haben Junos Erzie­hung zwar schon län­ger abge­schrie­ben, unter­stüt­zen sie aber trotz­dem aus gan­zem Her­zen bei der Suche nach Adop­tiv­el­tern für das unge­bo­re­ne Kind. Die sind in Form von Jen­ni­fer Gar­ner und Jason Bate­man zu per­fekt um wahr zu sein, wie sich bald her­aus­stel­len wird, aber all das kann Juno nicht mehr groß aus der Bahn wer­fen.

Zu behaup­ten, in „Juno“ pas­sie­re nicht viel, wäre falsch: Zwar ist die Grund­kon­stel­la­ti­on von ergrei­fen­der Schlicht­heit, aber so hat sie dann eben doch noch nie­mand erzählt. Hin­zu kommt, das Dia­blo Cody, eine Ex-Strip­pe­rin, die für ihr ers­tes ver­film­tes Dreh­buch (eben das zu „Juno“) prompt den Oscar bekom­men hat, die plot points ihrer Geschich­te ziem­lich klug gesetzt hat: Immer dann, wenn man ahnt, was jetzt kom­men muss, pas­siert etwas völ­lig ande­res. Die Dia­lo­ge, die sich aus­nahms­los alle Figu­ren um die Ohren hau­en, sind geschlif­fen und trie­fen nur so vor einer lie­bens­wür­di­gen Gehäs­sig­keit. Das Ensem­ble, das die­se Dia­lo­ge vor­tra­gen darf, ist sen­sa­tio­nell – selbst Jen­ni­fer Gar­ner merkt man kaum an, dass sie über­haupt nicht spie­len kann.

Aber wir kön­nen nicht über „Juno“ reden, ohne Ellen Page zu loben. Ach was: Lie­bes­be­kun­dun­gen wol­len wir ihr schmie­den, Hei­rats­an­trä­ge töp­fern und ewi­ge Ver­bun­den­heit in Mar­mor­blö­cke schnit­zen. Denn bei allem Ver­dienst von Dreh­buch und Ensem­ble: „Juno“ lebt vor allem von sei­ner Haupt­dar­stel­le­rin und deren unglaub­li­cher Natür­lich­keit. Wenn man sich Inter­views wie die­ses hier anhört, bekommt man das Gefühl, das kön­ne vor allem dar­an lie­gen, dass die 21jährige Kana­die­rin und die von ihr ver­kör­per­te Juno sich nicht ganz unähn­lich sind.

Noch eine wei­te­re Frau soll gelobt sein: Kimya Daw­son, Ex-Sän­ge­rin der Mol­dy Pea­ches, hat wun­der­ba­re Songs zum Sound­track des Films bei­gesteu­ert. Es ist ihr sehr zu wün­schen, dass sie auch hier­zu­lan­de end­lich mal einen ähn­li­chen Erfolg hat wie ihr Ex-Band­kol­le­ge, der Blö­del­bar­de Adam Green.

Bei all den tol­len Frau­en geht ein Mann ein wenig unter: Regis­seur Jason Reit­man, des­sen „Thank You For Smo­king“ schon ziem­lich gut war, hat mit „Juno“ ein etwas ande­res feel good movie geschaf­fen, das sich Stim­mungs­mä­ßig irgend­wo bei „The Last Kiss“, „Litt­le Miss Suns­hi­ne“ und „Gar­den Sta­te“ ein­reiht, viel­leicht aber noch bes­ser ist als die drei ande­ren. Und wenn der Text der deut­schen Unter­ti­tel (ich hat­te das gro­ße Glück, den Film im Ori­gi­nal mit Unter­ti­teln zu sehen) dem der Syn­chron­fas­sung ent­spricht, haben sogar diver­se Wort­spie­le und Pop­kul­tur-Anspie­lun­gen die Ein­deut­schung über­lebt.

Trai­ler
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Gesellschaft

Wie schon St. Peter Lustig immer sagte

Ich hof­fe, Sie hat­ten ein schö­nes Oster­fest!

Die Kar­wo­che ist immer die Zeit des Jah­res, zu der ich katho­lisch wer­de. Sonst bin ich nie katho­lisch, schon gar nicht so getauft, und den Papst und das alles fin­de ich natür­lich sowie­so nicht gut. Aber ich mag die Show­ele­men­te, die die katho­li­sche Kir­che dem Pro­tes­tan­tis­mus vor­aus­hat 1 – ich gehe ja auch auf Rob­bie-Wil­liams- und Kil­lers-Kon­zer­te – und Show gibt es eben an Palm­sonn­tag und in der Oster­nacht.

Kar­frei­tag ver­zich­te ich aus mir selbst nicht nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den 2 auf Fleisch und Alko­hol. Gleich­wohl hät­te ich kein Pro­blem damit, wenn jemand vor mei­nen Augen ein hal­bes Schwein ver­spei­sen oder ein Fass Wein lee­ren wür­de. Ich wür­de auch am Kar­frei­tag „weg gehen“, ger­ne auch auf Kon­zer­te. Zuhau­se wäre dies kein Pro­blem: Außer­halb Bay­erns kön­nen die Kom­mu­nen selbst ent­schei­den, ob sie das „Tanz­ver­bot“, das an den soge­nann­ten „Stil­len Tagen“ gilt, auf­he­ben wol­len. In Bochum will man das offen­bar seit län­ge­rem und die reich­lich besuch­ten Gothic- und Metal­par­ties spre­chen für eine gro­ße Nach­fra­ge. 3 In Dins­la­ken gin­ge es nicht: Als regie­re im Kreis Wesel der Piet­cong, sind öffent­li­che Tanz­ver­an­stal­tun­gen, der Betrieb von Spiel­hal­len, Märk­te, Sport­ver­an­stal­tun­gen und die Vor­füh­rung nicht „fei­er­tags­frei­er“ Kino­fil­me dort ver­bo­ten – und zwar schon ab Grün­don­ners­tag, 18 Uhr. Da kann man als Mensch, der an die Tren­nung von Staat und Kir­che glaubt, schon mal ner­vö­se Zuckun­gen im Gesicht krie­gen.

Wenn der Staat Tanz­ver­an­stal­tun­gen ver­bie­tet und gleich­zei­tig im Fern­se­hen Mord und Tot­schlag statt­fin­den, kann der Bür­ger die Plau­si­bi­li­tät von staat­li­chen Rege­lun­gen nicht mehr nach­voll­zie­hen

sag­te des­halb Bischof Geb­hard Fürst, mein­te das nur völ­lig anders als ich. Im katho­li­schen Fest­t­tags­ka­len­der fest ver­an­kert ist näm­lich seit eini­ger Zeit die Medi­en­schel­te zum Fei­er­tags­pro­gramm: „Zu bru­tal, zu lus­tig, zu wenig fami­li­en­taug­lich“, rufen dann der Vor­sit­zen­de der Publi­zis­ti­schen Kom­mis­si­on der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz oder der Vor­sit­zen­de des medi­en­po­li­ti­schen Exper­ten­krei­ses der CDU 4 erschüt­tert aus und wer­fen die Hän­de zum Him­mel, so wie Pfar­rer das in Fünf­zi­ger-Jah­re-Schwarz­weiß-Fil­men immer machen, wenn der Satan in Form von Peter Kraus und sei­ner Rock’n’Roll-Kapel­le ins Dorf kommt.

Wäh­rend der Papst – über den Bern­ward Lohei­de von dpa übri­gens letz­te Woche einen sehr lesens­wer­ten Bericht geschrie­ben hat – zum Oster­fest 2008 so eini­ges unter­nahm, um sowohl Juden als auch Mos­lems vor den Kopf zu sto­ßen, soll also das deut­sche Fern­se­hen unver­fäng­li­che Fami­li­en­un­ter­hal­tung sen­den für eine Zuschau­er­schaft, die Ostern sicher nicht vor dem Fern­se­her, son­dern mit der Fami­lie beim Essen oder in der Kir­che ver­brin­gen woll­ten? Aha. 5

Reflek­tier­ter klang da der Vor­sit­zen­de der deut­schen Bischofs­kon­fe­renz, Robert Zol­lit­sch, der in sei­ner Oster­pre­digt Medi­en­kom­pe­tenz ein­for­der­te, aber gleich­zei­tig klar­stell­te, dass jeder die Frei­heit habe, sich bestimm­te Din­ge nicht anzu­schau­en und abzu­schal­ten. Und das ist ein so wei­ser Gedan­ke, dass er auch Cars­ten Mat­thä­us als Schluss­satz sei­nes sehr lesens­wer­ten Kom­men­tars bei sueddeutsche.de dien­te. Eben „Abschal­ten“, wie schon St. Peter Lus­tig immer sag­te.

  1. Streng genom­men gibt es den Pro­tes­tan­tis­mus ja unter ande­rem genau des­halb, weil die­se Show­ele­men­te wenig mit dem Glau­ben an sich zu tun haben, aber ich möch­te hier weder Mar­tin Luther erklä­ren, noch in län­ge­re Reli­gi­ons­phi­lo­so­phien abdrif­ten.[]
  2. I guess that’s why they call it reli­gi­on.[]
  3. „Vier Tage Fami­li­en­fei­er ohne zwi­schen­zeit­li­chen Aus­gang“ ste­hen auf Geor­ge W. Bushs „Lis­te mit den Nicht-Fol­ter-Metho­den, die wir erpro­ben soll­ten, falls wir Water­boar­ding jemals ver­bie­ten soll­ten“ ziem­lich weit oben.[]
  4. Was lus­ti­ger­wei­se aus­ge­rech­net Gün­ther Oet­tin­ger ist.[]
  5. Nicke­lig­kei­ten wie die Behaup­tung, die zwan­zigs­te Wie­der­ho­lung von „Stirb Lang­sam“ habe mehr Zuschau­er gehabt als die Kir­chen an Ostern Got­tes­dienst­be­su­cher, spa­re ich mir schon aus Faul­heit, die tat­säch­li­chen Zah­len her­aus­zu­su­chen. Außer­dem liegt es mir fern, mich über Leu­te lus­tig zu machen, die in die Kir­che gehen. Ich wäre näm­lich auch in der (natür­lich katho­li­schen) Kir­che gewe­sen, war aber im Urlaub.[]
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Kommunisten bei MySpace?

Schlimm, schlimm, schlimm: Erst vor­letz­te Woche soll­te sich ein „Bild“-Leserreporter mit „hit­ler“ bei der GEZ anmel­den, nun steht der nächs­te Skan­dal um die soge­nann­ten Cap­tures vor der Tür:

Cof­fee-And-TV-Leser­re­por­ter Wolf­diet­rich woll­te beim social net­work MySpace einen neu­en „Freund“ „hin­zu­fü­gen“. Zur Bestä­ti­gung soll­te er eine Buch­sta­ben­fol­ge ein­ge­ben, die auf „DKP“ ende­te:

DKP bei MySpace

Gibt es bei dem ame­ri­ka­ni­schen Inter­net­por­tal etwa heim­li­che Unter­stüt­zer deut­scher Kom­mu­nis­ten?

Der Leser-Repor­ter: „Ich habe das Fens­ter sofort weg­ge­klickt. So etwas darf doch nicht pas­sie­ren!“ Jetzt hat er einen Freund weni­ger.

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Digital

Barcamp Ruhr – Der Film

Die Maß­ein­heit für ver­spä­tet vor­ge­tra­ge­ne Zeit­geist­the­men heißt – ich wie­der­ho­le mich da ger­ne – „Poly­lux“. Aller­dings möch­te ich zu Guns­ten des RBB mal davon aus­ge­hen, dass deren Zeit­plan nicht von Hard­ware-Pro­ble­men dik­tiert wird.

Wie dem auch sei: Das Bar­camp Ruhr ist fast schon wie­der eine Woche her, es wur­de viel dar­über geschrie­ben und das ein oder ande­re Video ist auch schon län­ger online. Ich hat­te die War­te­zeit ja bereits für einen abge­schlos­se­nen Roman über das ver­gan­ge­ne Wochen­en­de genutzt, des­halb ist das, was jetzt noch kommt, gewis­ser­ma­ßen mei­ne ers­te Roman­ver­fil­mung – und das bei einem als unver­film­bar gel­ten­den Stoff.

In Wirk­lich­keit sind es nur ein paar sub­jek­ti­ve Impres­sio­nen, aber das kön­nen Sie ja selbst sehen:


Link: sevenload.com

Nächs­te Woche dann: Das Hör­buch, das Koch­buch, der Sound­track und der Fett­frei-Grill zum Event.

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Musik

Rock’n’Roll-Kaffeemaschine

Rock’n
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Digital Leben

Teil einer Jugendbewegung

Am Wochen­en­de fand – wie bereits erwähnt – das ers­te Bar­camp Ruhr statt. Da das ange­kün­dig­te Video noch ein wenig auf sich war­ten las­sen wird 1, woll­te ich das Erleb­te vor­ab schon mal in rela­tiv unge­fil­ter­te Wor­te fas­sen:

Was genau ein Bar­camp ist, wuss­te ich vor dem Wochen­en­de selbst nicht so genau. Man sag­te mir stets, es han­de­le sich um eine „Unkon­fe­renz“, was in etwa so hilf­reich ist, wie der Ver­such, Quan­ten­phy­sik mit Hil­fe japa­ni­scher Voka­beln erklä­ren zu wol­len. In Wahr­heit ist es ein betont locke­res Zusam­men­tref­fen von Men­schen, die irgend­was mit Inter­net zu tun haben. Zu Beginn des jewei­li­gen Ver­an­stal­tungs­ta­ges stel­len die Teil­neh­mer 2 The­men vor, über die sie ger­ne spre­chen wür­den. Per Hand­zei­chen wird abge­stimmt, wie vie­le Leu­te sich für das The­ma inter­es­sie­ren – dar­aus ergibt sich dann, in wel­chem Raum und zu wel­cher Uhr­zeit der Vor­trag statt­fin­det.

„Vor­trag“ ist im Übri­gen falsch. Es han­delt sich um soge­nann­te „Ses­si­ons“ und deren sprach­li­che nähe zur jam ses­si­on in der Musik kommt nicht von unge­fähr: „Einer redet, die ande­ren hören zu“ gibt’s nicht und ist angeb­lich auch nicht erwünscht.

Exkurs: Ich habe in der Schu­le immer Fron­tal­un­ter­richt gemocht, weil ich nie ver­ste­hen wer­de, war­um ein Leh­rer, der die Fak­ten kennt und auf­sa­gen könn­te, erst mal eine Drei­vier­tel­stun­de lang auf­schreibt, was die Schü­ler, denen er etwas bei­brin­gen soll, denn bis­her zum The­ma wis­sen. „Hit­ler war böse“ ist zwar eine rich­ti­ge Fest­stel­lung, als Ein­stieg ins The­ma „Zwei­ter Welt­krieg“ aber irgend­wie dürf­tig. Der Geschichts­un­ter­richt der Ober­stu­fe ist des­halb auch heu­te noch dafür ver­ant­wort­lich, dass ich beim Wort „Mind­map“ kalt­schwei­ßig wer­de und unkon­trol­lier­te Lau­te aus­sto­ße. Auch in der Uni sind mir Vor­le­sun­gen hun­dert Mal lie­ber als Dis­kus­sio­nen. Ande­rer­seits sind mir Dis­kus­sio­nen immer noch hun­dert Mal lie­ber als schlech­te Refe­ra­te. Exkurs Ende.

Die Qua­li­tät der Ses­si­ons bei einem Bar­camp hängt des­halb nicht nur von den Kom­pe­ten­zen des Vor­tra­gen­den 3 ab, son­dern auch von der Grup­pe der Zuhö­rer. Da kann es schon mal vor­kom­men, dass span­nen­de Aus­füh­run­gen abge­würgt wer­den und ein Zuhö­rer ohne vor­he­ri­ge Mel­dung ein­fach vor sich hin doziert. Auch wenn ich mich an sol­che Umgangs­for­men im Lau­fe des Wochen­en­des gewöh­nen konn­te, wird die­ses Ver­fah­ren nie zu mei­ner favo­ri­sier­ten Art der Wis­sens­ver­mitt­lung zäh­len. Um ver­schie­de­ne Ansich­ten zu einem The­ma ken­nen zu ler­nen, ist es aber ganz hilf­reich.

The­ma­tisch sind den Ses­si­ons kei­ne Gren­zen gesetzt, alles, was auch nur im Ent­fern­tes­ten mit Inter­net zu tun haben könn­te, kommt dar­in vor. Damit stand ich per­sön­lich vor einem wei­te­ren Pro­blem: Wirt­schaft ist zum Bei­spiel ein The­ma, dass mich noch nie inter­es­siert hat – null. Ich könn­te auch unter Andro­hung von kör­per­li­cher Gewalt kei­ne zehn DAX-Unter­neh­men auf­lis­ten – geschwei­ge denn fünf Start­ups. 4

Ich fin­de es fas­zi­nie­rend, auf wel­che Ideen Leu­te kom­men, deren krea­ti­ve Hirn­hälf­te auch Syn­ap­sen zu dem Teil, der ans Geld­ver­die­nen denkt, auf­ge­baut hat, aber ich will kein Unter­neh­men grün­den. Die Wor­te „busi­ness plan“, „crowd sourcing“ oder „break even“ erschei­nen mir immer wie Par­odien auf die Wirt­schaft und laden mich allen­falls zum Bull­shit-Bin­go ein. Da fällt es schwer, ernst zu blei­ben, und die Leu­te, die sicher­lich alle total nett sind und tol­le Ideen haben, nicht für den glei­chen schreck­li­chen Men­schen­schlag zu hal­ten, wie die Inves­to­ren, denen sie Geld für ihre Pro­jek­te abrin­gen wol­len.

Ein Schwer­punkt des Bar­camps Ruhr lag auf Musik im Inter­net, was mich als Musik­fan und Gele­gen­heits­mu­si­ker schon inter­es­sier­te. Ent­spre­chend irri­tiert war ich aber, als in dies­be­züg­li­chen Ses­si­ons plötz­lich von „con­tent“, statt von „Musik“ die Rede war. Das ist für mich dann auch kein gro­ßer Unter­schied mehr zu dem bösen, bösen Major­la­bel, wo alle stän­dig von „Pro­duk­ten“ faseln.

Über­haupt: Für Mit­glie­der des unsäg­li­chen „Ver­eins Deut­sche Spra­che“ wäre ein Bar­camp das, was Sodom und Gomor­rha für einen guten Katho­li­ken sind. Wer schon tech­ni­sche Begrif­fe wie „Lap­top“ oder „Brow­ser“ gei­ßelt, der wird inmit­ten von „Ses­si­ons“, „Start­ups“ und „Back Offices“ foam vor dem mouth bekom­men und im tri­ang­le sprin­gen. Das Unper­fekt­haus in Essen 5 wur­de übri­gens stets als „Loca­ti­on“ bezeich­net, was dann unge­fähr der Punkt war, an dem es selbst mir ein biss­chen too much wur­de. „Schlim­mer als die wahl­lo­se Ver­wen­dung fremd­sprach­li­cher Begrif­fe ist aber immer noch die fal­sche Aus­spra­che der­sel­ben“, dach­te ich, wäh­rend ich gedan­ken­ver­lo­ren in mei­nem Tsch­appu­ki­no rühr­te.

Was mich auch eini­ger­ma­ßen ver­stör­te, war die Ein­stel­lung man­cher Leu­te. Bis­her hat­te ich den unend­li­chen Reiz des Inter­nets unter ande­rem dar­in gese­hen, dass dort jeder tun und las­sen kann, was er ganz allei­ne will, maxi­mal begrenzt durch Geset­ze, die bit­te nicht zu streng sind. Plötz­lich kamen Leu­te an, die von einer „Blog­ger­kul­tur“ spra­chen und Sät­ze sag­ten wie: „Wer nicht auf Bar­camps geht, ist für mich kein Blog­ger“, „Jour­na­lis­ten sind kei­ne Blog­ger“ oder „Ein Blog ohne Kom­men­ta­re ist kein Blog“. Da waren sie wie­der, die Leu­te, die man im Bereich der Musik „Indi­en­a­zis“ nennt, und die in Schub­la­den den­ken, die ihnen „Spex“, „Intro“ und „Visi­ons“ aus dem Holz eines abge­bro­che­nen Sozio­lo­gie­stu­di­ums gezim­mert haben. Men­schen, die im Use­net und in Web­fo­ren schrei­ben, war­um die­se oder jene Band ein­fach schei­ße sein muss und nicht Indie sein kann, und die sich selbst vor allem über die Abgren­zung zu ande­ren und die Aus­gren­zung der­sel­ben defi­nie­ren. Sol­che gibt es also auch im Web 2.0. Für den unwahr­schein­li­chen Fall, dass ihre Inter­pre­ta­ti­on des Kon­zepts „Blog“ irgend­wann ein­mal tat­säch­lich zu einer Defi­ni­ti­on wer­den soll­te, wer­de ich mir schon mal einen neu­en Begriff über­le­gen, unter dem die­se lose Text­samm­lung im Inter­net dann fir­mie­ren wird.

Jetzt habe ich alles auf­ge­schrie­ben, was ich merk­wür­dig bis abschre­ckend fand, und es wirkt, als sei das Bar­camp Ruhr für mich eine ganz und gar schreck­li­che Ver­an­stal­tung gewe­sen. Das ist falsch. Zwar war der Sams­tag wirk­lich ver­wir­rend und anstren­gend, aber der Sonn­tag hat viel wie­der wett­ge­macht. Es waren sehr vie­le net­te Leu­te da und bei rund 120 Teil­neh­mern ist auch bei opti­mis­tischs­ter Welt­an­schau­ung rein sta­tis­tisch klar, dass dar­un­ter min­des­tens eine Hand­voll sein wird, deren Bekannt­schaft man lie­ber nie gemacht hät­te. Die Atmo­sphä­re war die gan­ze Zeit über sehr ange­nehm und dass ich vor grö­ße­ren Grup­pen 6 Angst habe und kein gro­ßer Freund von Small­talk und ziel­lo­sen Dis­kus­sio­nen bin, ist ja letzt­lich mein per­sön­li­ches Pro­blem.

Ich habe in der Tat noch eini­ge inter­es­san­te Din­ge erfah­ren 7 und eini­ge span­nen­de Gesprä­che geführt. Die Alters­span­ne der Teil­neh­mer reich­te von 18 bis 57, wobei ich es vor allem groß­ar­tig fin­de, wenn auch Men­schen im fort­ge­schrit­te­nen Alter mit mehr Offen­heit auf neue Sachen zuge­hen als ich selbst mit mei­nen 24 Jah­ren.

Über­all erwähnt wur­de die über­aus unschö­ne Tat­sa­che, dass wäh­rend des Bar­camps zwei iPods 8 (ein Nano, ein Touch), eine Kame­ra, ein Asus Eee 9 und ein iBook gestoh­len wur­den. Das war im Nach­hin­ein lei­der fast abzu­se­hen bei den unzäh­li­gen Leu­ten, die zusätz­lich zu den Teil­neh­mern noch durchs Haus lie­fen. Ich bin aber über­zeugt davon, dass dem Dieb sei­ne Hän­de, sei­ne Zun­ge und sein Glied abfau­len wer­den. Wenn Sie also dem­nächst in der Esse­ner Innen­stadt einen stum­men Mann mit Arm­stümp­fen sehen, soll­ten Sie ihm noch kurz die Hose run­ter­zie­hen und ihn dann zur Poli­zei schlei­fen.

Vor Mona­ten hat­te ich gemut­maßt, ein Bar­camp sei „eine Art Kir­chen­tag“. Jetzt habe ich bei­des ein­mal mit­ge­macht und muss sagen, dass die­se Ein­schät­zung gera­de­zu pro­phe­tisch war. Bei­de Male blieb trotz einer Men­ge Skep­sis und Ärger ein ziem­lich posi­ti­ver Ein­druck – und die Fra­ge, ob ein Mal nicht aus­reicht.

Dem­nächst dann: Die gan­ze Grüt­ze noch mal in Ton und Bild.

Nach­trag, 21. März: JETZT! Grüt­ze gibt’s hier.

  1. Ich muss erst noch neu­en Arbeits­spei­cher kau­fen.[]
  2. Exter­ne Refe­ren­ten sind nicht vor­ge­se­hen.[]
  3. Kei­ne Ahnung, wie der rich­ti­ge Begriff lau­tet, ver­mut­lich „Ses­si­on Lea­der“ oder so.[]
  4. Ein Start­up ist eine Exis­tenz­neu­grün­dung im Inter­net. Da gibt es alles von social net­works (MySpace oder Face­book waren mal Start­ups) bis hin zu Inter­net­sei­ten, auf denen man sein Müs­li oder sei­nen Kaf­fee indi­vi­du­ell zusam­men­stel­len kann.[]
  5. Eine Art Hip­pie­kom­mu­ne mit kur­zen Haa­ren, in der man sich ganz rüh­rend um uns küm­mer­te.[]
  6. „grö­ßer“ = „mehr als fünf Leu­te“.[]
  7. So habe ich zum Bei­spiel qik.com ken­nen­ge­lernt, eine Inter­net­sei­te, die mei­ner Mei­nung nach für den end­gül­ti­gen Unter­gang des Abend­lan­des und das Ende der Mensch­heit ver­ant­wort­lich sein könn­te.[]
  8. Mobi­le Musikab­spiel­ge­rä­te der Fir­ma Apple.[]
  9. Eine Art Lap­top, aber noch klei­ner.[]
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Leben

Total unsymptomatisch

Heu­te mor­gen stand ich vor dem Unper­fekt­haus in Essen um einen völ­lig idio­ti­schen Auf­sa­ger für mei­nen Videobe­richt zum Bar­camp Ruhr zu dre­hen (stay tun­ed for more). Aus dem Augen­win­kel sah ich einen Mann, der erst rechts an dem Gebäu­de vor­bei schlich, in der Hof­ein­fahrt neben­an ver­schwand und wie­der her­vor­kam, dann links vor­bei schlich, dort in einem Haus­ein­gang ver­schwand, um nach min­des­tens einer Minu­te des Suchens dann doch durch die Tür ins Gebäu­de zu gelan­gen, durch wel­che die gan­ze Zeit über Men­schen rein und raus gegan­gen waren.

„Aha“, dach­te ich so für mich, „viel­leicht ein Ent­wick­ler auf der Suche nach neu­en Wegen oder gar ein unbe­tei­lig­ter Pas­sant. Jeden­falls sicher kein Jour­na­list.“

Bei dem Mann han­del­te es sich, wie sich spä­ter her­aus­stell­te, um einen der Abge­sand­ten von derwesten.de.

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It’s not California here

Ich kam in letz­ter Zeit eher sel­ten zum Hören neu­er Ton­trä­ger, wes­halb auch die letz­te Lis­ten­pa­nik so lan­ge gebraucht hat. Schuld dar­an ist ein etwas älte­res Album, das ich bei­na­he täg­lich höre, hören muss: „Fun­nel Cloud“ von Hem.

Hem kom­men aus Brook­lyn, NY und spie­len „Coun­try­po­li­tan“, „Indie Folk-Rock“ oder „Folk Pop“. Letzt­lich ist es natür­lich egal, wie man das nennt, als gro­be Rich­tungs­an­ga­be reicht, dass sie wun­der­schö­ne, eher ruhi­ge Musik nord­ame­ri­ka­ni­scher Prä­gung machen. Und weil mit Sal­ly Elly­son eine Frau singt, ist man mit Joni-Mit­chell-Ver­glei­chen schnell zur Hand und rela­tiv nah dran.

Sehr wohl California

Ken­nen­ge­lernt habe ich die Band durch ihren Song „Not Cali­for­nia“, den ich vor etwa andert­halb Jah­ren auf der CD-Bei­la­ge des ame­ri­ka­ni­schen „Pas­te“-Maga­zins fand. Nach mei­ner Rück­kehr aus Kali­for­ni­en wähn­te ich in dem Text mein gan­zes Fern­weh aus­ge­drückt – auch wenn er ganz anders gemeint war. Nach­dem ich das Lied etwa ein Jahr lang gehört hat­te, woll­te ich doch mal mehr von der Band ken­nen ler­nen. Im Import waren die CDs gro­tesk teu­er, bei iTu­nes (ja, selbst im deut­schen iTu­nes Music Store) kos­te­te die Musik gera­de mal 9,99 Euro. So kauf­te ich „Fun­nel Cloud“, das vier­te Album der Band, wo auch „Not Cali­for­nia“ drauf ist, hör­te und war hin und weg.

Ich habe häu­fi­ger beim Musik­hö­ren Bil­der vor Augen, aber bei „Fun­nel Cloud“ waren sie beson­ders stark: Das gan­ze Album klingt wie der Sound­track zu einem end­lo­sen Herbst­nach­mit­tag in den nord­ka­li­for­ni­schen Hügeln. Die Son­ne steht die gan­ze Zeit über tief am Him­mel und man spürt den Staub, der beim Streif­zug über die tro­cke­nen Wie­sen an den Schu­hen kle­ben bleibt. Nicht schlecht für eine Band, die genau aus der ent­ge­gen­ge­setz­ten Ecke der USA kommt.

Auch California

Und so ist „Fun­nel Cloud“ andert­halb Jah­re nach sei­nem Erschei­nen mein bis­her meist gehör­tes Album des Jah­res 2008. Die ange­nehm dahin­plät­schern­de Musik beru­higt mich, wenn ich ent­nervt im nord­rhein-west­fä­li­schen Nah­ver­kehr fest­hän­ge, und wenn ich das Album am Com­pu­ter höre, bin ich danach immer ganz erstaunt, in Bochum zu sit­zen und nicht irgend­wo in der unend­li­chen Land­schaft Ame­ri­kas. Ich möch­te Ihnen drin­gend ans Herz legen, wenigs­tens mal rein­zu­hö­ren.

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„RP Online“ greift ins Klo

In den USA muss­te eine Frau ope­ra­tiv von ihrer Klo­bril­le getrennt wer­den, weil sie zwei Jah­re lang auf ihrer Toi­let­te geses­sen hat­te und mit die­ser ver­wach­sen war. Es ist eine merk­wür­di­ge Geschich­te, die ver­mut­lich mit ernst­haf­ten psy­chi­schen Pro­ble­men zusam­men­hängt, und über die man sich des­halb nicht wei­ter aus­las­sen und schon gar nicht lus­tig machen soll­te.

Anders als „RP Online“, wo man es offen­bar für nötig hielt, das The­ma mit den fol­gen­den jour­na­lis­ti­schen Zusatz­in­for­ma­tio­nen noch zu ver­tie­fen:

“RP Online” greift ins Klo

Nach­trag, 12:45 Uhr: Huch! Die drei Bil­der­ga­le­rien sind aus dem Arti­kel ver­schwun­den – und durch „20 schier unglaub­li­che Mel­dun­gen“ ersetzt wor­den …

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Musik

Gar nicht nachdenken, so

Die Band Pan­da („Hit“: „Jeht Kacken“) steht nicht unbe­dingt ganz oben auf mei­ner Lis­te „Gute Nach­wuchs­bands aus Deutsch­land“. Sie steht nicht mal in der Mit­te mei­ner Lis­te „Mit­tel­gu­te Nach­wuchs­bands aus Ber­lin“. In Wahr­heit steht sie auf kei­ner sol­chen Lis­te, weil ich gar kei­ne füh­re.

Des­halb kom­men mir media­le Erwäh­nun­gen von Pan­da eher ver­se­hent­lich unter, so wie vor­hin, als ich per ICQ auf ein höchst ver­gnüg­li­ches Video auf­merk­sam gemacht wur­de, das das Jugend­ma­ga­zin „Flu­ter“ im ver­gan­ge­nen Dezem­ber mit Pan­da gedreht hat.

Dre­hen Sie ihre PC-Boxen etwas lau­ter (der Ton ist sehr lei­se) und … äh … hören Sie ein­fach zu:

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Leben

Undercoverjournalismus

Hen­ryk M. Bro­der schrieb vor ein paar Wochen, wir vom BILD­blog sei­en Wich­ser. Wochen­lang habe ich mich gefragt, woher er das weiß. Dann fiel mir auf: Er saß auf mei­nem Nacht­tisch. Seit Jah­ren.

Henryk M. Broder (Symbolbild)

Nach­trag, 13. März: Pas­send dazu

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Musik Digital

Nacht um die Ohren

In Aus­tin, Texas fin­det ab heu­te die „South By Sou­thwest“ (kurz: SXSW) statt, was man sich als Laie am Bes­ten als Pop­komm ohne Die­ter Gor­ny, aber mit Mexi­ka­ner vor­stellt. Und dann noch in rich­tig cool und rie­sen­groß: 1.700 Bands wer­den dort spie­len.

NPR wird vom 12. bis zum 14. März ein paar der Kon­zer­te live über­tra­gen. Dar­un­ter sind acts wie R.E.M., Vam­pi­re Weekend, Shout Out Louds, Jens Lek­man, Liam Finn, Yo La Ten­go, My Mor­ning Jacket, The Wea­k­erthans. Die gan­ze Lis­te fin­det man hier, hören kön­nen wird man es hier. Aller­dings gilt es die sechs Stun­den Dif­fe­renz zu den ange­ge­be­nen Zei­ten zu beden­ken: Für vie­le Kon­zer­te wird man sich in Deutsch­land die Nacht um die Ohren schla­gen müs­sen, R.E.M. wird man aber zum Bei­spiel am Don­ners­tag um Sie­ben zum Auf­ste­hen hören kön­nen.

Eine Vor­schau auf ein paar unbe­kann­te­re und abwe­gi­ge­re Bands beim SXSW gibt es übri­gens in der aktu­el­len Epi­so­de von „All Songs Con­side­red“.