Somebody’s Baby

Von Lukas Heinser, 26. März 2008 20:42

Das hatte es in den 18 Jahren, seit ich mit „Charlie – Alle Hunde kommen in den Himmel“ meinen ersten Kinofilm gesehen hatte, noch nicht gegeben: Ich war alleine im Kino. Und ich meine nicht „ohne Begleitung“, ich meine: alleine, einsam, verlassen. Ich war 100% der Zuschauerschaft. Was doppelt bitter ist, wenn man bedenkt, was für einen tollen Film alle anderen verpasst haben: „Juno“.

Juno ist ein 16jähriges Mädchen, das, als sie aus Neugier ihren besten Freund verführt, prompt schwanger wird. Die Idee einer Abtreibung verwirft sie relativ schnell, was aber schon so ziemlich die einzige Stelle im Film sein dürfte, bei der religiöse Eiferer wohlwollend nicken. Ihr Vater und ihre Stiefmutter haben Junos Erziehung zwar schon länger abgeschrieben, unterstützen sie aber trotzdem aus ganzem Herzen bei der Suche nach Adoptiveltern für das ungeborene Kind. Die sind in Form von Jennifer Garner und Jason Bateman zu perfekt um wahr zu sein, wie sich bald herausstellen wird, aber all das kann Juno nicht mehr groß aus der Bahn werfen.

Zu behaupten, in „Juno“ passiere nicht viel, wäre falsch: Zwar ist die Grundkonstellation von ergreifender Schlichtheit, aber so hat sie dann eben doch noch niemand erzählt. Hinzu kommt, das Diablo Cody, eine Ex-Stripperin, die für ihr erstes verfilmtes Drehbuch (eben das zu „Juno“) prompt den Oscar bekommen hat, die plot points ihrer Geschichte ziemlich klug gesetzt hat: Immer dann, wenn man ahnt, was jetzt kommen muss, passiert etwas völlig anderes. Die Dialoge, die sich ausnahmslos alle Figuren um die Ohren hauen, sind geschliffen und triefen nur so vor einer liebenswürdigen Gehässigkeit. Das Ensemble, das diese Dialoge vortragen darf, ist sensationell – selbst Jennifer Garner merkt man kaum an, dass sie überhaupt nicht spielen kann.

Aber wir können nicht über „Juno“ reden, ohne Ellen Page zu loben. Ach was: Liebesbekundungen wollen wir ihr schmieden, Heiratsanträge töpfern und ewige Verbundenheit in Marmorblöcke schnitzen. Denn bei allem Verdienst von Drehbuch und Ensemble: „Juno“ lebt vor allem von seiner Hauptdarstellerin und deren unglaublicher Natürlichkeit. Wenn man sich Interviews wie dieses hier anhört, bekommt man das Gefühl, das könne vor allem daran liegen, dass die 21jährige Kanadierin und die von ihr verkörperte Juno sich nicht ganz unähnlich sind.

Noch eine weitere Frau soll gelobt sein: Kimya Dawson, Ex-Sängerin der Moldy Peaches, hat wunderbare Songs zum Soundtrack des Films beigesteuert. Es ist ihr sehr zu wünschen, dass sie auch hierzulande endlich mal einen ähnlichen Erfolg hat wie ihr Ex-Bandkollege, der Blödelbarde Adam Green.

Bei all den tollen Frauen geht ein Mann ein wenig unter: Regisseur Jason Reitman, dessen „Thank You For Smoking“ schon ziemlich gut war, hat mit „Juno“ ein etwas anderes feel good movie geschaffen, das sich Stimmungsmäßig irgendwo bei „The Last Kiss“, „Little Miss Sunshine“ und „Garden State“ einreiht, vielleicht aber noch besser ist als die drei anderen. Und wenn der Text der deutschen Untertitel (ich hatte das große Glück, den Film im Original mit Untertiteln zu sehen) dem der Synchronfassung entspricht, haben sogar diverse Wortspiele und Popkultur-Anspielungen die Eindeutschung überlebt.

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14 Kommentare

  1. fabian
    26. März 2008, 21:04

    lustig, ich war am montag auch mit höchstens 10 leuten in der vorstellung..
    in welchem kino warst du?

  2. Sebastian
    26. März 2008, 21:49

    Seit Superbad bin ich ja auch ein großer Fan von Michael Cera, der Junos Freund spielt. Sollte man sich wohl wirklich ansehen, den Film.

    Zuletzt alleine im Kino war ich übrigens bei Wayne’s World II. Komisches Erlebnis.

  3. Lukas
    27. März 2008, 0:01

    Ich war letzten Donnerstag (allerdings um 17:30 Uhr) im Casablanca in Bochum. Am Empfang wies man mich extra darauf hin, dass der Film im Original mit Untertiteln laufe. Als ich sagte, das sei ja fein und begrüßenswert, erhielt ich als Antwort, dass vor mir schon Leute deshalb vom Filmbesuch abgesehen hätten.

  4. Christian
    27. März 2008, 0:14

    Ellen Page ist wirklich toll. Wenn man auch noch Hard Candy und The Tracey Fragmnets gesehen hat, weiß man warum sie als kommender Superstar gehandelt wird. Ihr Charme scheint aber eher auf Männer zu wirken, Freundinnen von mir fanden die eher nicht so toll und bei Frau Gröner kam der Film ja auch nicht so gut weg. Egal, ich stell mich auf jeden Fall in die Schlange der Heiratswilligen!

  5. oj
    27. März 2008, 9:07

    Hmm. Als nach ungefähr zwei Minuten aus „Wizard“ (s. Nr. 6) „Kleine Hexe“ wurde, habe ich begonnen, mich vor allem auf die obere Bildhälfte zu konzentrieren. Da waren dann ja auch meistens Frollein Page und ihre bezaubernden Lachfältchen anzutreffen, insofern eine Win-Win-Situation.

  6. Axel
    27. März 2008, 9:12

    Blödelbarde Adam Green find‘ ich gut.
    Ansonsten ist das ein Film, der mich nach Jahren mal wieder ins Kino locken wird.

    Danke für die Kritik.

  7. Stitch
    27. März 2008, 9:55

    Die deutsche Synchronisation ist meines Erachtens leider nur halb gelungen. Und beim Loben möchte ich bitte auch noch Jason Bateman erwähnt haben, den ich seit Arrested Development ganz tief in mein Herz geschlossen habe…

  8. PhilParma
    27. März 2008, 11:31

    Jason Bateman und Michael Cera nicht zu vergessen!

    Ellen Page fand ich übrigens in Hard Candy ganz furchtbar. Wobei weniger Ellen Page als ihre Rolle als ironisch-besorgte Folterin (wtf ist die weibliche Form von Folterer?).

    Krass, hätte gedacht, dass sich Juno sehr viel mehr Leute angucken.

  9. Stitch
    27. März 2008, 11:37

    Jau, Cera natürlich auch. Der taucht übrigens in den Extras der Doppel-DVD-Edition von „Knocked up!“ in einem hinreissenden Mockumentary auf, in dem es um die Suche nach dem Hauptdarsteller für den Film geht. Da liefert er sich mit Judd Apatow einen brüllend komischen Streit, der damit endet, dass Apatow wütend das Set verlässt. Cera ist definitiv one to watch für die kommenden Jahre. Und der Arrested Development-Film ist ja auch schon angekündigt.

  10. birgit
    27. März 2008, 11:45

    Man glaubt es kaum, aber angeblich kommt der Film im April in unser Kleinstadtkino! Ich werde ihn mir sicher ansehen, wenn es hier auch nur die synchronisierte Fassung gibt!

  11. das.ben
    27. März 2008, 22:26

    Ich fand den Film ehrlich gesagt nicht besonders gut. Mit Ausnahme von Cera und Junos Vater (hab grad vergessen wer den guten Mann spielt) hat keiner der Charaktere besonders amuesante Textparts, Garners Schauspielkunst ist nicht vorhanden und viele der Subkultur-Anspielungen (wie uebersetzt man eigentlich „references“?) wirken sehr gezwungen – der Dialog ueber Dario Argento faellt mir dazu als erstes ein.
    Schoen dagegen: wie bereits erwaehnt, der Vater-Charakter und dazu noch weite Teile des Soundtracks. Little Miss Sunshine fand ich sehr viel besser.

  12. Coffee And TV
    28. März 2008, 12:17

    I blog to differ…

    Da wir ja gerade noch so von Ellen Page geschwärmt hatten: Das Frollein war vor vier Wochen zu Gast bei “Saturday Night Live”, dem Comedy-Dauerbrenner in den USA und Vorbild für “RTL Samstag Nacht”.
    Ich habe die Videos natürl…

  13. Coffee And TV: » Vatertag
    10. Juli 2008, 16:15

    […] So ganz kann ich das ja nicht verstehen, warum Menschen mit einer Videokamera Filme nachdrehen oder parodieren. Aber es kommen mitunter sehr lustige Sachen dabei heraus, wie zum Beispiel diese Y-Chromosomen-Variante von “Juno”: […]

  14. Coffee And TV: » Nimm mein Mixtape, Babe
    25. Februar 2009, 0:09

    […] Cera, der in “Superbad” schon von erstaunlicher Lloyd-Dobler-Haftigkeit war, der in “Juno” die Rolle des liebenswerten, höflichen Jungen ohne Eigenschaften erneut spielte und jetzt mit […]