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Most People Are DJ’s

Die Dis­kus­si­on um die omi­nö­se Dok­tor­ar­beit von Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg erreicht in schwin­del­erre­gen­dem Tem­po immer neue Meta-Ebe­nen: Ulf Pos­ch­ardt, stell­ver­tre­ten­der Chef­re­dak­teur der „Welt am Sonn­tag“ und Her­aus­ge­ber von „Rol­ling Stone“, „Musik­ex­press“ und „Metal Ham­mer“, ver­öf­fent­lich­te am Sams­tag in der „Welt“ einen Auf­satz über die Kul­tur­tech­nik des Sam­plings und des Mash-Ups.

In gewohnt unein­deu­ti­gem Oszil­lie­ren zwi­schen Ernst und Iro­nie ernennt er zu Gut­ten­berg zum „Jay‑Z der bür­ger­li­chen Poli­tik“, ver­weist auf Hegel und fabu­liert:

Sam­pling ist eine eben­so moder­ne wie kon­ser­va­ti­ve Kul­tur­tech­nik. Sie passt zu Karl Theo­dor zu Gut­ten­berg. Beim jün­ge­ren Publi­kum wird die Erre­gung über sei­nen Umgang mit Zita­ten die Zunei­gung eher ver­stär­ken, hat es sich doch in Zei­ten des Copy and Pas­te dar­an gewöhnt, einen Teil sei­ner Schul- und Uni­leis­tun­gen durch vir­tuo­se Quel­len­re­cher­che zu per­fek­tio­nie­ren. Die schlich­te­ren Gemü­ter lie­fern dabei ab, was gewünscht war: eine ver­meint­lich kennt­nis­rei­che Text­ober­flä­che. Post­mo­der­ne Eli­ten jedoch ver­sin­ken in den durch digi­ta­le Net­ze unend­lich gewor­de­nen Quel­len, um an ihnen zu wach­sen und die Gren­zen des eige­nen Wis­sens zu über­win­den.

Pos­ch­ardt muss es wis­sen: Sein gan­zer Arti­kel ist eine gere­mix­te Sin­gle-Ver­si­on sei­ner eige­nen Dok­tor­ar­beit, die unter dem Titel „DJ Cul­tu­re“ als Buch eine sehr viel höhe­re Auf­la­ge erziel­te als zu Gut­ten­bergs Dis­ser­ta­ti­on.

Ulf Pos­ch­ardt: Die DJ-Revo­lu­ti­on frisst ihre Kin­der

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Ein exklusiver Hund

Wenn Sie unse­re Defi­ni­ti­on des Begriffs „exklu­siv“ für extra­va­gant hiel­ten, dann haben Sie noch nicht den/​die/​das aktu­el­le „Auf einen Blick“ gese­hen:

Monica Lierhaus: So stolz! So stark! So tapfer! "Auf einen Blick"-Autorin Karen Webb schreibt exklusiv über den bewegendsten TV-Auftritt des Jahres.

Noch­mal zum Mit­den­ken: Ja, die „Auf einen Blick“-Autorin Karen Webb schreibt exklu­siv für „Auf einen Blick“. Wo gibt es so etwas schon sonst?

Ande­rer­seits ist das noch ver­gleichs­wei­se harm­los, wenn man sich das voll­stän­di­ge Cover der Zeit­schrift ansieht:

Monica Lierhaus: Deutschlands schönster Hund.
[via Petra O.]

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Jugend schreibt

Vor eini­gen Jah­ren woll­te ich schon ein­mal über die Arbeits­be­din­gun­gen von Schü­ler- und Jugend­re­por­tern bei Lokal­zei­tun­gen schrei­ben. Aus­lö­ser war damals ein … nun ja: unfass­bar schlech­ter Arti­kel, den ich über die „Eins­li­ve Kro­ne“ gele­sen hat­te. Ich hät­te dar­über geschrie­ben, dass die hoff­nungs­vol­len Jüngst-Jour­na­lis­ten als beson­ders preis­wer­te Arbeits­skla­ven miss­braucht wer­den, dass ihre Arti­kel unre­di­giert (oder ohne wei­te­re Erklä­run­gen redi­giert) ver­öf­fent­licht wer­den und sie so aus ihren mög­li­chen Feh­lern nie wür­den ler­nen kön­nen. Dann stell­te ich fest, dass der unfass­bar schlech­te Arti­kel von einer „WAZ“-Redakteurin geschrie­ben wor­den war, und ver­gaß das The­ma erst mal.

Dann sind wir beim BILD­blog auf den Fall einer Jugend­re­por­te­rin beim Köl­ner „Express“ gesto­ßen, die es geschafft hat­te, Online- und Print-Redak­ti­on Arti­kel unter­zu­ju­beln, die aus Pres­se­mit­tei­lun­gen und Agen­tur­mel­dun­gen abge­schrie­ben waren. Die Fahr­ge­stell­num­mer Hand­lungs­or­te hat­te die Autorin ins Ein­zugs­ge­biet der Zei­tung ver­legt.

Ein sol­ches Ver­hal­ten ist zwei­fel­los völ­lig unjour­na­lis­tisch. Aber so ein Text muss ja theo­re­tisch auch erst mal an einer Redak­ti­on vor­bei, bevor er ver­öf­fent­licht wird. Dass „fact che­cking“ in den meis­ten deut­schen Redak­tio­nen ein Fremd­wort ist, ist klar (es ist ja auch eins), aber nach gewis­sen Erfah­run­gen der letz­ten Jah­re soll­te man als End­re­dak­teur doch zumin­dest ein­mal kurz den Namen von angeb­li­chen Zitat­ge­bern goo­geln. Bei der „Express“-Reporterin hät­te in zwei der drei Fäl­le das ers­te Such­ergeb­nis die tat­säch­li­che Wir­kungs­stät­te der ent­spre­chen­den Per­so­nen ver­ra­ten und damit wei­te­re Fra­gen auf­wer­fen müs­sen.

Der ers­te Zei­tungs­ar­ti­kel, in dem mein Name in der Autoren­zei­le stand, erschien im Mai 1997 in der Dins­la­ke­ner Lokal­aus­ga­be der „Neu­en Rhein Zei­tung“ (die damals glau­be ich noch „Neue Ruhr Zei­tung“ hieß). Im Zuge eines „Zei­tung in der Schule“-Projekts hat­ten wir mit der gan­zen Klas­se den Hun­de­übungs­platz der Poli­zei in Wesel besucht und Repor­ta­gen dar­über geschrie­ben. Aus drei die­ser Repor­ta­gen ver­schnit­ten die Redak­teu­re dann einen neu­en Arti­kel, den sie druck­ten. Was aus­ge­rech­net an unse­ren Tex­ten so gut gewe­sen sein soll, haben wir nie erfah­ren.

Fünf­ein­halb Jah­re spä­ter fing ich als frei­er Repor­ter für die Dins­la­ke­ner Lokal­aus­ga­be der „Rhei­ni­schen Post“ an. Vor mei­nem ers­ten Ter­min gab man mir eine Map­pe mit, in der alles stand, was man als jun­ger Jour­na­list zu beach­ten hat­te. Ich weiß nicht mehr, was drin stand, aber „nicht abschrei­ben!“ stand womög­lich irgend­wo dabei. Der Rest war lear­ning by doing – oder genau­er: lear­ning by rea­ding what has beco­me of your own texts.

Mein ers­ter Text wur­de kom­plett im Wort­laut ver­öf­fent­licht, was sicher nicht an des­sen Qua­li­tät lag. In ande­ren Tex­ten kor­ri­gier­te die Redak­ti­on die unge­wöhn­li­chen Namen der Prot­ago­nis­ten zur gän­gi­gen und damit fal­schen Schreib­wei­se oder sorg­ten dafür, dass sich die Jugend­li­chen bei einem Rock­fes­ti­val die „Dröh­nung am Frei­tag­abend schme­cken“ lie­ßen. Bei der Zei­tungs­lek­tü­re mei­ner Repor­ta­ge über einen Schwimm­meis­ter im städ­ti­schen Frei­bad erfuhr ich, dass die Blon­di­nen bei „Bay­watch“ nicht „drall“, son­dern „hübsch“ sind. Für Über­schrif­ten galt damals, was auch heu­te noch für jede Lokal­re­dak­ti­on gilt: Haupt­sa­che, sie sind nichts­sa­gend und auf kei­nen Fall gram­ma­tisch kor­rekt oder gar kna­ckig.

Rück­mel­dun­gen gab es kaum, aber das mag auch dar­an lie­gen, dass ich als Kul­tur­re­por­ter die Arti­kel meist noch am Abend in die Redak­ti­on mail­te und nur sel­ten mit den Kol­le­gen vor den völ­lig ver­al­te­ten Redak­ti­ons­com­pu­tern saß. Aber auch wenn ich da war, gab es nicht vie­le Gesprä­che über mei­ne Tex­te.

Das alles hilft den jun­gen Repor­tern (und den Zei­tun­gen) nicht wei­ter. Natür­lich ist es toll, schon in jun­gen Jah­ren gro­ße Arti­kel für die Zei­tung schrei­ben zu dür­fen, aber zu opti­mie­ren gibt es eigent­lich immer was. Zwar muss man anneh­men, dass den aller­meis­ten Lesern die Qua­li­tät von Zei­tungs­tex­ten eher egal ist, aber wer für 12 bis 20 Cent pro Zei­le vor­her noch stun­den­lang in Schal­ter­hal­len Kunst­wer­ke aus Sim­bab­wi­schen Ser­pen­tin­stein begu­cken oder sich auf einem kal­ten Super­markt­park­platz mit Renault-Bast­lern über Tuning unter­hal­ten muss­te, der hat als Drein­ga­be wenigs­tens ein biss­chen kon­struk­ti­ve Kri­tik ver­dient.

Ange­sichts der chro­ni­schen Unter­be­set­zung vie­ler Lokal­re­dak­ti­on mag es fast wie ein Wunsch­traum klin­gen, aber irgend­je­mand soll­te eigent­lich noch mal vor Ver­öf­fent­li­chung über jeden Text drü­ber­gu­cken – beson­ders über die von Berufs­an­fän­gern, die noch nicht mal theo­re­tisch mit jour­na­lis­ti­scher Ethik in Kon­takt gekom­men sind.

Die Geschich­te mit den umge­sie­del­ten Agen­tur­mel­dun­gen ist da noch ver­gleichs­wei­se unge­fähr­lich. Da gab es etwa den Fall einer Jugend­re­por­te­rin, die ein Inter­view gemacht hat­te mit einem Mäd­chen, das in einer sozia­len Ein­rich­tung lebt. Dabei ging es auch um die Vor­ge­schich­te, war­um sie aus ihrem klei­nen Hei­mat­dorf in die­se Ein­rich­tung in der nächs­ten grö­ße­ren Stadt gekom­men war. Der Arti­kel erschien schließ­lich mit vol­ler Namens­nen­nung des Mäd­chens, das anschlie­ßend tage­lang in der Angst leb­te, einer ihrer Ver­wand­ten könn­te die­se Geschich­te lesen. Zum Glück schien sich nie­mand aus ihrer Fami­lie wei­ter für den Jugend­re­por­ter­teil zu inter­es­sie­ren.

Ich hal­te es nach wie vor für eine gute Idee, als Jour­na­list die sprich­wört­li­che Lokal-Schu­le von Kanin­chen­züch­ter­ver­ein und Sei­den­ma­le­rei­aus­stel­lung durch­lau­fen zu haben. Damit kann man auch gar nicht früh genug anfan­gen (unver­ges­sen die Ger­ma­nis­tik-Stu­den­ten im ers­ten Semes­ter, die ger­ne „was mit Medi­en“ machen woll­ten, aber noch nie irgend­ei­nen Text geschrie­ben hat­ten). Aber die­se hoff­nungs­vol­len jun­gen Leu­te, sol­len irgend­wann, wenn sich die gan­zen früh­ver­greis­ten Schreib­be­am­ten aus den Redak­ti­on zurück­ge­zo­gen haben wer­den, ja auch mal an vor­ders­ter Front ste­hen. Und da kann es nicht scha­den, sich von Anfang an um sie zu küm­mern.

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Verwertungskreislauf einer Werbemeldung

Wenn Til Schwei­ger, Schau­spie­ler, Regis­seur und Wer­be­ge­sicht der Fir­ma Braun, ein Inter­view führt, das sich nahe­zu aus­schließ­lich um Kör­per­be­haa­rung dreht, ist es nahe­lie­gend, dass die Zeit­schrift „Gala“ die­ses Gespräch gleich mit einem Braun-Rasie­rer bebil­dert.

Auf den ers­ten Blick nicht ganz so nahe­lie­gend ist, dass auch „Spie­gel Online“, abendblatt.de oder „Focus Online“ auf­schrei­ben müs­sen, dass sich der Cover­boy der deut­schen Erst­aus­ga­be von „Vani­ty Fair“ die Brust­haa­re „mit einem Rasie­rer“ ent­fer­ne.

Nach ein paar Wochen ist die Geschich­te jetzt aller­dings wie­der – hin­ter „Wurst-Meis­ter­wer­ken“ und „Geträn­ke-Viel­falt“ – in ihrem natür­li­chen Lebens­raum ange­kom­men:

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Siehste!

Hin­ter­her hat man es ja sowie­so immer gewusst. Im Nach­hin­ein ist jedem klar, dass es die rich­ti­ge Ent­schei­dung gewe­sen war, die Love­pa­ra­de 2009 in Bochum abzu­sa­gen. Aber was haben wir damals auf den Stadt­obe­ren rum­ge­hackt …

Gut, die Art und Wei­se der Absa­ge war pein­lich gewe­sen: Nach Mona­ten plötz­lich fest­zu­stel­len, dass die Stadt dann doch irgend­wie zu klein ist, deu­te­te ent­we­der auf erstaun­lich schwa­che Orts­kennt­nis­se hin – oder auf einen besorg­nis­er­re­gen­den „Das muss doch irgend­wie zu schaf­fen sein“-Aktionismus, der die Augen vor der Rea­li­tät ver­schließt. Letzt­lich haben sie es in Bochum noch gemerkt, die Schuld an der Absa­ge der Deut­schen Bahn in die Schu­he gescho­ben und Häme und Spott ein­fach aus­ge­ses­sen. Dass der dama­li­ge Poli­zei­prä­si­dent, der sich laut­stark gegen die Durch­füh­rung der Love­pa­ra­de aus­ge­spro­chen hat­te, neun Mona­te spä­ter in den vor­zei­ti­gen Ruhe­stand ver­setzt wur­de, hat­te ja ganz ande­re Grün­de.

Erstaun­lich aber: Von der Sicher­heit war in all den Arti­keln, Kom­men­ta­ren und Pres­se­mit­tei­lun­gen kaum die Rede. Das kam nur am Ran­de zur Spra­che:

Ganz ande­re Risi­ken bewe­gen Mar­tin Jan­sen. Dem Lei­ten­den Poli­zei­di­rek­tor wäre die Rol­le zuge­fal­len, den wohl größ­ten Poli­zei­ein­satz aller Zei­ten in Bochum zu koor­di­nie­ren. „Wir hät­ten die Love­pa­ra­de nur unter Zurück­stel­lung erheb­li­cher Sicher­heits­be­den­ken ver­tre­ten.“ Knack­punkt ist nach sei­ner Ein­schät­zung der Bochu­mer Haupt­bahn­hof.

Aber um die Sicher­heit der zu erwar­ten­den Men­schen­mas­sen ging es auch im Vor­feld der Duis­bur­ger Love­pa­ra­de öffent­lich nie, immer nur um die Kos­ten:

Fritz Pleit­gen, Vor­sit­zen­der und Geschäfts­füh­rer der Ruhr.2010, beob­ach­tet mit gro­ßer Sor­ge, wie sehr die Aus­wir­kun­gen der Finanz­kri­se den Städ­ten der Metro­po­le Ruhr zu schaf­fen machen. Beson­ders prä­gnant sei das aktu­el­le Bei­spiel Love­pa­ra­de in Duis­burg. „Hier müs­sen alle Anstren­gun­gen unter­nom­men wer­den, um die­ses Fest der Sze­ne­kul­tur mit sei­ner inter­na­tio­na­len Strahl­kraft auf die Bei­ne zu stel­len.“

Dabei hät­te das Argu­ment „Men­schen­le­ben“ bestimmt auch Dampf­plau­de­rer wie Prof. Die­ter Gor­ny beein­dru­cken kön­nen, der im Janu­ar mal wie­der das tat, was er am Bes­ten kann, und groß tön­te:

„Man muss sich an einen Tisch setz­ten und den Wil­len bekun­den, die Love­pa­ra­de durch­zu­füh­ren, statt klein bei­zu­ge­ben.“ Die Poli­tik müs­se sich dahin­ge­hend erklä­ren, dass sie sagt: „Wir wol­len die Ver­an­stal­tung und alle Kraft ein­set­zen, sie zu ret­ten!“

Gor­ny, der sonst kei­nen öffent­li­chen Auf­tritt aus­lässt, hat sich seit Sams­tag­nach­mit­tag zurück­ge­zo­gen. Er sei „schwer erschüt­tert“, erklär­te die Ruhr.2010 auf Anfra­ge, und füg­te hin­zu:

Wir haben beschlos­sen, dass für die Kul­tur­haupt­stadt aus­schließ­lich Fritz Pleit­gen als Vor­sit­zen­der der Geschäfts­füh­rung spricht und bit­ten, dies zu respek­tie­ren.

Aber es gibt ja immer noch die Jour­na­lis­ten, die sich spä­tes­tens seit der denk­wür­di­gen Pres­se­kon­fe­renz am Sonn­tag­mit­tag als Ermitt­ler, Anklä­ger und Rich­ter sehen. Und als Sach­ver­stän­di­ge:

„We were the only news­pa­per that said: ‚No. Stop it. The city is not pre­pared. We will not be able to cope with all the­se peo­p­le,“

lässt sich Götz Mid­del­dorf von der „Neu­en Ruhr Zei­tung“ in der „New York Times“ zitie­ren.

Bei „Der Wes­ten“ for­der­te Mid­del­dorf bereits am Sonn­tag laut­stark den Rück­tritt von Ober­bür­ger­meis­ter Sau­er­land und kom­men­tier­te:

Auf die Fra­ge der NRZ, ob man nicht gese­hen habe, dass Duis­burg nicht geig­net ist für die Love­pa­ra­de ging der OB nicht ein, sprach von „Unter­stel­lung“ und wies mög­li­ches Mit­ver­schul­den der Stadt zurück.

Ich habe mich lan­ge durch alte Arti­kel gewühlt, aber nichts der­glei­chen gefun­den. Da das auch an der unfass­bar unüber­sicht­li­chen Archiv­su­che bei „Der Wes­ten“ lie­gen kann, habe ich Herrn Mid­del­dorf gefragt, nach wel­chen Arti­keln ich Aus­schau hal­ten soll­te. Eine Ant­wort habe ich bis­her nicht erhal­ten.

Wie kri­tisch die Duis­bur­ger Pres­se war, kann man zum Bei­spiel an Pas­sa­gen wie die­ser able­sen:

Die Orga­ni­sa­to­ren gaben sich am Diens­tag aller­dings sehr opti­mis­tisch, dass es kein Cha­os geben wer­de. „Die eine Mil­li­on Besu­cher wird ja nicht auf ein­mal, son­dern über den Tag ver­teilt kom­men“, so Rabe. Es sei zwar nicht aus­zu­schlie­ßen, dass der Zugang wäh­rend der zehn­stün­di­gen Ver­an­stal­tung kurz­zei­tig gesperrt wer­den müs­se, aber der­zeit gehe man nicht davon aus. Und wenn der Fall doch ein­tre­te, „dann haben wir ganz unter­schied­li­che Maß­nah­men, mit denen wir das pro­blem­los steu­ern kön­nen“, ver­spricht der Sicher­heits­de­zer­nent – bei den Details woll­te er sich nicht in die Kar­ten schau­en las­sen.

(Kri­tisch ist da der letz­te Halb­satz, neh­me ich an.)

Arti­kel wie der Kom­men­tar „Die Love­pa­ra­de als Glücks­fall“ vom 23. Juli oder die groß­spu­ri­gen Über­trei­bun­gen von Ord­nungs­de­zer­nent Rabe und Ver­an­stal­ter Lopa­vent die Kapa­zi­tät des Fes­ti­val­ge­län­des betref­fend sind plötz­lich off­line – „Tech­nik­pro­ble­me“, wie mir der Pres­se­spre­cher der WAZ-Grup­pe bereits am Diens­tag erklär­te.

Den (vor­läu­fi­gen) Gip­fel des Irr­sinns erklomm aber Rolf Hart­mann, stell­ver­tre­ten­der Redak­ti­ons­lei­ter der „WAZ“ Bochum. Anders als sei­ne Kol­le­gen, die sich hin­ter­her als akti­ve Mah­ner und War­ner sahen, schaff­te es Hart­mann in sei­nem Kom­men­tar am Diens­tag, völ­lig hin­ter dem The­ma zu ver­schwin­den:

Mei­ne Güte, war man Anfang 2009 über OB & Co her­ge­fal­len, als die Stadt Bochum die Love­pa­ra­de 2009 in Bochum absag­te.

„Man.“

Nach­trag, 1. August: Ste­fan Nig­ge­mei­er hat in der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung“ über das glei­che The­ma geschrie­ben.

Ihm hat Götz Mid­del­dorf auch geant­wor­tet:

Auf Nach­fra­ge räumt Mid­del­dorf ein, dass Sicher­heits­be­den­ken nicht das The­ma waren. „Wir waren immer gegen die Love­pa­ra­de, aber aus ande­ren Grün­den.“ Dann muss die „Inter­na­tio­nal Herald Tri­bu­ne“ ihn mit sei­nem Lob für die eige­ne, ein­zig­ar­ti­ge Weit­sich­tig­keit wohl falsch ver­stan­den haben? „Das ver­mu­te ich mal“, ant­wor­tet Mid­del­dorf. „Das ist nicht ganz rich­tig.“ Er klingt nicht zer­knirscht.

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Hä? (2)

Hans Ley­en­de­cker hat für die gest­ri­ge Aus­ga­be der „Süd­deut­schen Zei­tung“ ein gro­ßes Por­trät über die Men­schen im Viel­völ­ker­bun­des­land Nord­rhein-West­fa­len geschrie­ben – natür­lich vor dem Hin­ter­grund der heu­ti­gen Land­tags­wahl:

In den Rau-Wahl­kämp­fen kleb­ten die Sozi­al­de­mo­kra­ten Pla­ka­te mit dem Spruch „Wir in Nord­rhein-West­fa­len und unser Minis­ter­prä­si­dent“. Rau gelang es, die Iden­ti­fi­ka­ti­on der Bür­ger mit dem künst­lich zustan­de gekom­me­nen Land zu stei­gern. Im Land­tags­wahl­kampf 2010 klebt die CDU Pla­ka­te mit dem Kon­ter­fei von Rütt­gers und dem Slo­gan „Wir in Nord­rhein-West­fa­len“. Manch­mal fin­det sich auch der Zusatz: „Unser Minis­ter­prä­si­dent“. Ledig­lich auf das „und“ hat die CDU bei der Kopie ver­zich­tet.

Das ist jetzt so ein Absatz, der für die meis­ten Men­schen, die nicht gera­de als Wahl­pla­ka­t­his­to­ri­ker arbei­ten, von eher min­de­rem Inter­es­se ist. Wen inter­es­siert schon, ob da jetzt ein „und“ mehr oder weni­ger auf dem Pla­kat ist?

Es wäre weit­ge­hend egal – wenn sueddeutsche.de die Onlin­ever­si­on des Arti­kels nicht aus­ge­rech­net mit die­sem Foto bebil­dert hät­te:

Wir in Nordrhein-Westfalen und unser Ministerpräsident

Mit Dank an Felix.

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Ein Denkmal für Heiko Herrlich

Hei­ko Herr­lich war der Größ­te. Zumin­dest war er einer der ganz Gro­ßen in der gol­de­nen Bun­des­li­ga-Sai­son 94/​95, als Borus­sia Mön­chen­glad­bach nahe­zu alles gelang. Mit Mar­tin Dah­lin bil­de­te er den effek­tivs­ten Sturm der Liga und wur­de am Ende Tor­schüt­zen­kö­nig. Beim DFB-Pokal­fi­na­le gegen den VfL Wolfs­burg schos­sen die über­ra­gen­den Män­ner der Sai­son die Tore: Dah­lin, Ste­fan Effen­berg und natür­lich Hei­ko Herr­lich. Es war die Krö­nung einer groß­ar­ti­gen Sai­son und für einen elf­jäh­ri­gen Jun­gen im Ber­li­ner Olym­pia­sta­di­on war klar, dass es der Auf­takt einer neu­en Ära für die Borus­sen sein wür­de. Wir wür­den um die Meis­ter­schaft mit­spie­len und ich wür­de spä­ter so von den Spie­lern spre­chen, wie es mein Paten­on­kel von Net­zer, Vogts, Heyn­ckes und Kleff tat.

Hei­ko Herr­lich war ein Ver­rä­ter. Das Pokal­fi­na­le war sein letz­tes Spiel für Glad­bach. Er woll­te weg, aus­ge­rech­net zur ande­ren Borus­sia, nach Dort­mund. Für einen Elf­jäh­ri­gen, der gera­de sei­ne ers­te Sai­son als Fan hin­ter sich gebracht hat­te, war es unvor­stell­bar, war­um man Mön­chen­glad­bach über­haupt ver­las­sen wol­len wür­de – geschwei­ge denn nach Dort­mund und unter die­sen Umstän­den. Dass sich Herr­lich und die Ver­eins­füh­rung vor Gericht wie­der tra­fen, sprach damals ein­deu­tig gegen den Spie­ler, der bestimmt eh nur auf Koh­le aus war. Dann ver­schwand er aus mei­nem Focus.

Als ich wie­der von ihm hör­te, war Hei­ko Herr­lich krank. Die ver­fick­te Arsch­loch­krank­heit Krebs. Am Tag nach­dem er kahl­köp­fig eine Pres­se­kon­fe­renz gege­ben hat­te, frag­te mich mei­ne Mut­ter, ob ich die Bil­der in der Zei­tung gese­hen hat­te. Ich hat­te Mit­leid mit Hei­ko Herr­lich und Respekt vor sei­nem Über­le­bens­wil­len. Men­schen­le­ben zäh­len dann eben doch viel, viel mehr als Fuß­ball.

Was wei­ter mit Hei­ko Herr­lich pas­sier­te, habe ich kaum mit­be­kom­men. Musik war wich­ti­ger gewor­den als Fuß­ball und dass Herr­lich sich im Trai­ning Nasen- und Joch­bein gebro­chen hat­te, erfuhr ich erst Jah­re spä­ter aus einer sehr berüh­ren­den SWR-Doku über den Spie­ler, der sich immer wie­der zurück­ge­kämpft hat­te, bis ihm nach vie­len Rück­schlä­gen die Moti­va­ti­on aus­ging und er statt­des­sen Trai­ner wur­de.

Im ver­gan­ge­nen Win­ter über­nahm Hei­ko Herr­lich den Trai­ner­pos­ten beim VfL Bochum und ich freu­te mich sogar ein biss­chen, dass ich wie­der mehr von ihm mit­be­kam. Die ers­ten Spie­le lie­fen her­vor­ra­gend, dann ging es berg­ab. Als ich vor zwei Wochen beim Spiel gegen den HSV im Sta­di­on war, wur­de der Name des Trai­ners bei der Mann­schafts­vor­stel­lung vor­sichts­hal­ber gar nicht erst auf­ge­ru­fen. Bochum kämpf­te, war aber abschluss­schwach, als stün­den Klo­se und Gomez im Sturm, und ver­lor letzt­lich unglück­lich mit 1:2. Noch nie zuvor hat­te ein Ver­ein, des­sent­we­gen ich im Sta­di­on war, ver­lo­ren.

Und dann letz­ten Mitt­woch die­se Pres­se­kon­fe­renz beim VfL: Hei­ko Herr­lich, wie­der eine Spur zu selbst­be­wusst und rea­li­täts­fern, teil­te in alle Rich­tun­gen aus. Und als der „Bild“-Reporter, der Herr­lich so kon­se­quent anduz­te, dass sich selbst Wal­di Hart­mann geschämt hät­te, dem Trai­ner Selbst­zwei­fel ein­re­den woll­te, leg­te Herr­lich los – nicht laut wie Gio­van­ni Tra­pat­to­ni oder Tho­mas Doll, son­dern ganz ruhig. Und jeder, der Eltern hat oder mal auf eine Schu­le gegan­gen ist, weiß: Das knallt viel mehr.

Hei­ko Herr­lich hat­te bei „Bild“ eh nichts mehr zu ver­lie­ren und griff die Zei­tung des­halb fron­tal an. Er erklär­te, war­um ihn „Bild“ sei­nes Erach­tens run­ter­schreibt (weil er nicht mit der Zei­tung reden woll­te, vgl. Jür­gen Klins­mann), er nahm gleich den nächs­ten Schritt vor­weg („Und ich weiß auch, dass es da viel­leicht ’nen Bume­rang gibt, ne?“) und er sag­te, er wer­de „auf­rich­tig“ blei­ben. Und dann ließ er noch so ganz neben­bei den Namen Gün­ter Wall­raff fal­len, was natür­lich wie­der so gar nicht zum Kli­schee des doo­fen Fuß­bal­lers pass­te.

Herr­lichs Nach­satz zum The­ma ist in Mar­mor zu mei­ßeln:

Und drü­cken Sie auf Auf­nah­me, dass ich’s mei­nen Kin­dern irgend­wann zei­gen kann: Euch gegen­über, Ihnen gegen­über bleib‘ ich auf­rich­tig. Die wer­den stolz sein auf mich, irgend­wann.

Es sind Momen­te wie die­se, in denen sonst die Musik anschwillt und in denen Men­schen auf Tische stei­gen und „Oh Käp­t’n, mein Käp­t’n“ skan­die­ren. Und es sind Momen­te, die bit­te, bit­te blei­ben sol­len, in Zei­ten, in denen Leu­te wie Miri­am Piel­hau oder Mat­thi­as Stei­ner in „Bild“ intims­te Momen­te nach Schick­sals­schlä­gen aus­brei­ten, und sich selbst Sibel Kekil­li, die vor sechs Jah­ren im Zen­trum einer „Bild“-Kampagne von his­to­ri­schem Aus­maß stand, mit dem Blatt ver­söhnt zu haben scheint.

Sport­lich sieht es nicht gut aus für Hei­ko Herr­lich (wofür man sich heu­te auch noch beim deut­schen Meis­ter VfL Wolfs­burg bedan­ken kann, der aus­ge­rech­net gegen den Bochu­mer Kel­ler­kon­kur­ren­ten SC Frei­burg ver­lie­ren muss­te), aber mensch­lich war sein Auf­tritt beein­dru­ckend. Hei­ko Herr­lich ist einer der Gro­ßen.

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Hasende Begeisterung

In Zei­tun­gen ist ja öfter Quark zu fin­den. Aber sel­ten ist er dabei so gut in Form wie heu­te auf der „FAZ“:

Teilchen erfolgreich beschleunigt

[via Mut­ti]

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Boulevardjournalismus-Mäander

Es gibt Tex­te, die neben ihrem eigent­li­chen Inhalt auch ihre eige­ne Ent­ste­hungs­ge­schich­te trans­por­tie­ren. In der heu­ti­gen „Bild am Sonn­tag“ gibt es min­des­tens zwei die­ser Sor­te:

Zehn Kol­le­gen haben Ste­fan Hauck (der als Exper­te auf dem Gebiet der Exis­tenz­ver­nich­tung zu gel­ten hat) bei sei­nem Ver­such unter­stützt, das Pri­vat­le­ben von Jörg Kachelm­ann aus­zu­lo­ten.

Sie haben dabei kei­ne gro­ßen Erkennt­nis­se gewon­nen und die Ent­täu­schung dar­über schwingt mit:

Viel genau­er geht es nicht, denn auch am Ende von lan­gen Gesprä­chen mit Weg­ge­fähr­ten, Freun­den, Gelieb­ten, Kol­le­gen und Fein­den des Beschul­dig­ten, hat zwar jeder über Jörg-Andre­as Kachelm­ann gespro­chen – aber immer einen ande­ren Men­schen geschil­dert.

Da betreibt man so einen Auf­wand und am Ende sitzt man vor einem Berg aus Puz­zle­tei­len, die alle nicht so recht­zu­sam­men­pas­sen wol­len. Aber wenn man sie doch gewalt­sam zusam­men­häm­mert, ent­steht da das Bild eines Men­schen – oder, wie Hauck schreibt, einer „wider­sprüch­li­chen Per­son“.

„Herz­li­chen Glück­wunsch!“, möch­te man fast aus­ru­fen, „Sie haben soeben begrif­fen, dass die wenigs­ten Men­schen zwei­di­men­sio­na­le Wesen sind!“ Aber das wäre Quatsch. Hauck hat nichts begrif­fen, wie er gleich zu Beginn sei­nes Tex­tes selbst her­aus­po­saunt:

Bis ver­gan­ge­nen Mon­tag hat sich kein Mensch ernst­haft dafür inter­es­siert, was der Fern­seh­star Jörg Kachelm­ann, 51, für eine Bezie­hung zu Frau­en hat. Und ob über­haupt. Kachelm­ann ist ein Star des Fern­se­hens, ist aber, was den „Glam-Fak­tor“ anbe­langt, also die Maß­ein­heit, in der man das Glit­zern­de eines Fern­seh-Men­schen misst, natür­lich kein Rober­to Blan­co, wer ist schon wie Rober­to Blan­co?

Wenn sich bis letz­te Woche „kein Mensch ernst­haft“ für das Intim­le­ben die­ses angeb­lich so ung­la­mou­rö­sen Fern­seh­stars inter­es­siert hat, war­um soll­te man es jetzt tun? Weil es hel­fen wür­de, als Außen­ste­hen­der zu beur­tei­len, ob Kachelm­ann die Tat, die ihm vor­ge­wor­fen wird, began­gen haben könn­te? (Und was hat das Wort „ernst­haft“ über­haupt in die­sem Satz zu suchen?)

Die Suche nach Erklä­rungs­mus­tern ist zutiefst mensch­lich, aber wäh­rend es bei Amok­läu­fern oder Ter­ro­ris­ten, 1 die ihre Taten in und an der Öffent­lich­keit began­gen haben, noch ein gerecht­fer­tig­tes Inter­es­se an ihrer Vor­ge­schich­te geben könn­te – um im Ide­al­fall in ähn­lich gela­ger­ten Fäl­len Taten zu ver­mei­den – geht es im „Fall Kachelm­ann“ um das exak­te Gegen­teil: Ein mög­li­ches Ver­bre­chen im denk­bar intims­ten Rah­men, in des­sen Fol­ge nicht nur der mut­maß­li­che Täter der Öffent­lich­keit prä­sen­tiert wird, son­dern auch das poten­ti­el­le Opfer, not­dürf­tig anony­mi­siert.

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Die ande­re Geschich­te hat nur eine Autoren­nennung, aber schon der ers­te Satz deu­tet an, dass auch Nico­la Pohl nicht allein war, als sie im pri­va­ten Umfeld der deut­schen Grand-Prix-Hoff­nung Lena Mey­er-Land­rut wühl­te:

Einen weh­mü­ti­gen Jun­gen mit dün­nem Bart. Eine Tanz­leh­re­rin, die abhebt. Einen Fri­seur, der der Neun­jäh­ri­gen die Spit­zen schnitt. Sie alle tra­fen wir, als wir zwei Tage durch Lena Mey­er-Land­ruts Leben spa­zier­ten und uns frag­ten: Wo lebt, lacht, liebt, lüm­melt Lena?

Die Recher­che muss noch ent­täu­schen­der ver­lau­fen sein als die bei Kachelm­ann: Aus der Über­schrift „Wie heil ist Lenas Welt?“ tropft förm­lich die Hoff­nung auf Fami­li­en­dra­men, Dro­gen, Sex und Schum­meln bei den Vor­abi­klau­su­ren, aber nichts davon hat die Autorin gefun­den. Jetzt muss sie unüber­prüf­ba­re und belang­lo­se Aus­sa­gen wie „Für 7,90 Euro ließ sie sich Spit­zen schnei­den“ als Sen­sa­ti­ons-Mel­dung ver­kau­fen. Wenn man schon sonst nichts gefun­den hat und extra hin­ge­fah­ren ist.

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Mal davon ab, dass ein Fri­seur, der mit irgend­wel­chen wild­frem­den Men­schen über mich redet, mir die längs­te Zeit sei­nes Lebens die Haa­re geschnit­ten hät­te, habe ich nie ver­stan­den, was so inter­es­sant sein soll am Pri­vat­le­ben von Pro­mi­nen­ten. Ich bin mir sicher, wenn man die Nach­barn, Freun­de und Fami­li­en­mit­glie­der eines belie­bi­gen Men­schen befragt, wer­den die meis­ten nicht viel mehr als zwei, drei Sät­ze über die betref­fen­de Per­son berich­ten kön­nen – wohl aber erstaun­li­che Details aus dem Pri­vat­le­ben von Brad Pitt, Ange­li­na Jolie, San­dra Bul­lock und Tiger Woods.

Es ist mir egal, wie oft Ben Folds schon ver­hei­ra­tet war, wel­che Dro­gen Pete Doh­erty gera­de nimmt und wel­che Haar­far­be Lily Allen im Moment hat. Ich wün­sche die­sen Pro­mi­nen­ten wie allen ande­ren Men­schen auch, dass es ihnen gut geht. 2 Mich inter­es­siert ja offen gestan­den schon nicht, was die meis­ten Men­schen so machen, mit denen ich zur Schu­le gegan­gen bin. 3

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Es sind Tex­te wie die­se zwei aus „Bild am Sonn­tag“, bei denen man hofft, bei der Aus­wahl der eige­nen Freun­de das rich­ti­ge Fin­ger­spit­zen­ge­fühl bewie­sen zu haben, auf dass die­se nicht mit irgend­wel­chen daher­ge­lau­fe­nen Jour­na­lis­ten plau­dern, wenn man selbst mal zufäl­li­ger­wei­se unter einen Tank­las­ter gera­ten soll­te. Gleich­zei­tig ahnt man natür­lich auch, dass die Men­schen, die reden wür­den, nur das Schlech­tes­te über einen zu berich­ten wüss­ten: Frü­he­re Mit­schü­ler, mit denen man nie etwas zu tun hat­te; Ex-Kol­le­gen, die man im Eifer des Gefechts mal eine Spur zu hart ange­gan­gen hat; Inter­net-Nut­zer, die glau­ben, auf­grund der Lek­tü­re ver­schie­de­ner Blog-Ein­trä­ge und ‑Kom­men­ta­re einen Ein­druck von der eige­nen Per­son zu haben.

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Über­haupt soll­te man bei die­ser Gele­gen­heit und für alle Zei­ten noch mal auf den Rat­ge­ber „Hil­fe, ich bin in BILD!“ zu ver­wei­sen, den die Kol­le­gen vor mehr als drei Jah­ren zusam­men­ge­stellt haben, aber der natür­lich immer noch gül­tig ist, wenn „Bild“-Reporter, Men­schen, die sich als sol­che aus­ge­ben, oder ande­re Medi­en­ver­tre­ter bei einem anru­fen.

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Wenn ein Ver­kehrs­mi­nis­ter sei­nen Füh­rer­schein wegen Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung abge­ben muss, ist das eine inter­es­san­te Infor­ma­ti­on, weil sei­ne pri­va­te Ver­feh­lung mit sei­nem öffent­li­chen Amt kol­li­diert. Wenn dage­gen ein Land­wirt­schafts­mi­nis­ter beim Rasen erwischt wür­de, sähe ich kei­nen Zusam­men­hang zu sei­nem Amt und somit auch kei­nen Grund für öffent­li­che Ver­laut­ba­run­gen. 4

Im Fal­le Kachelm­ann haben die Vor­wür­fe gegen ihn nichts mit sei­nem Beruf zu tun. Zwar ist es durch­aus denk­bar, dass ein öffent­lich-recht­li­cher Sen­der auf die Diens­te vor­be­straf­ter Mode­ra­to­ren ver­zich­ten wür­de (schon, um Schlag­zei­len wie „Unse­re Gebüh­ren für den Ver­ge­wal­ti­ger!“ zu ver­mei­den), aber dar­über kann die ARD ja immer noch ent­schei­den, wenn es ein rechts­kräf­ti­ges Urteil eines ordent­li­chen Gerichts gibt.

Allein über die irri­ge (und oft gefähr­li­che) Annah­me, man müs­se immer sofort los­be­rich­ten, wenn man von einer Sache Wind bekom­men hat, könn­te ich mich stun­den­lang aus­las­sen. Das Inter­net und der her­bei­phan­ta­sier­te Anspruch, man müs­se nicht der Bes­te, son­dern nur der Schnells­te sein, hat Jour­na­lis­mus zu etwas wer­den las­sen, was mit „work in pro­gress“ mit­un­ter noch schmei­chel­haft umschrie­ben wäre. „Work in pre­pa­ra­ti­on“ wäre mit­un­ter pas­sen­der.

* * *

Von der Arbeits­wei­se man­cher Medi­en­ver­tre­ter konn­te ich mich in den letz­ten Tagen selbst über­zeu­gen, als mich ein Mit­ar­bei­ter der Zeit­schrift „Der Jour­na­list“ anrief, die aus­ge­rech­net vom Deut­schen Jour­na­lis­ten-Ver­band her­aus­ge­ge­ben wird: Es ging um Vor­wür­fe, ein Kol­le­ge, der auch für BILD­blog schreibt, habe Zita­te erfun­den. Der Mann vom „Jour­na­lis­ten“ woll­te die Han­dy-Num­mer des Kol­le­gen, die ich ihm nicht geben konn­te, und erklär­te mir dann, er wol­le auf alle Fäl­le erst mal mit dem Betrof­fe­nen selbst spre­chen, bevor er etwas ver­öf­fent­li­che. Der Zeit­druck sei ja auch nicht sooo groß, zumal bei einer Monats­zeit­schrift.

„Das ehrt Sie schon mal“, hat­te ich sagen wol­len, es dann aber doch nicht getan, weil es mir albern erschien, ver­meint­li­che Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten zu loben. Glück gehabt, denn ich hät­te mein Lob zurück­neh­men müs­sen, wie sich als­bald zeig­te.

* * *

Doch noch ein­mal zurück zu Jörg Kachelm­ann: Wenn sich die Redak­ti­on der „Tages­schau“ nach lan­gen Dis­kus­sio­nen ent­schei­det, nicht über die Vor­wür­fe gegen ihn und sei­ne Ver­haf­tung zu berich­ten, kriegt sie dafür einen auf den Deckel.

Die sel­ben Medi­en, die sich im Ver­gleich zum bösen, bösen Inter­net (das neben hun­dert ande­ren Gesich­tern natür­lich auch sei­ne häss­li­che Frat­ze zeigt) immer wie­der ihrer „Gatekeeper“-Funktion rüh­men (die also wich­ti­ge von unwich­ti­gen, rich­ti­ge von unrich­ti­gen Mel­dun­gen unter­schei­den zu kön­nen glau­ben), haben ihre eige­nen Scheu­nen­to­re sperr­an­gel­weit offen und lei­ten ihre Ver­pflich­tung (mit einer Berech­ti­gung ist es nicht getan) zur Bericht­erstat­tung dar­aus ab, dass auch die Jus­tiz aktiv gewor­den ist.

Franz Baden auf sueddeutsche.de:

Im Fall Kachelm­ann hat eine Frau Straf­an­zei­ge erstat­tet – und das Amts­ge­richt Mann­heim Haft­be­fehl erlas­sen, als sich der Tat­ver­dacht erhär­tet habe. Dar­über wird berich­tet wer­den müs­sen.

Wenn sich ein Jour­na­list hin­stellt und zu Beson­nen­heit auf­ruft, wie es Mich­a­lis Pan­te­lou­ris in sei­nem Blog „Print Würgt“ getan hat, kommt der Chef­re­dak­teur des Medi­en­diens­tes des Trash-Por­tals von Meedia.de vor­bei und wirft ihm in einem Kom­men­tar vor, sol­che Blog­ein­trä­ge sei­en „ruf­schä­di­gend für den Jour­na­lis­mus“.

Mir ist nach der letz­ten Woche ehr­lich gesagt nicht ganz klar, auf was für einen Ruf er sich da eigent­lich noch bezieht.

  1. Der Kaba­ret­tist Vol­ker Pis­pers sag­te ein­mal über die Repor­ter, die nach den Anschlä­gen des 11. Sep­tem­ber 2001 in Ham­burg das Umfeld des Anfüh­rers Moham­med Atta aus­ge­fragt hat­ten: „Sol­che Men­schen kön­nen Sie nur zufrie­den­stel­len, indem Sie sagen: ‚Ja, so ein biss­chen nach Schwe­fel gero­chen hat er schon ab und zu.‘ “[]
  2. Auch wenn Musi­ker meist die bes­se­ren Songs schrei­ben, wenn es ihnen schlecht geht, aber so ego­is­tisch soll­te man als Hörer dann auch nicht sein.[]
  3. Selbst eini­ge Sachen, die mir gute Freun­de über sich erzählt haben, hät­te ich am liebs­ten nie erfah­ren. Aber mit die­ser Last muss man in einer Freund­schaft irgend­wie klar­kom­men.[]
  4. Dass sich gene­rell jeder an die Ver­kehrs­re­geln hal­ten soll­te, steht dabei außer Fra­ge.[]
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Verstrahlt

Für den „Wes­ten“, das in Abwick­lung befind­li­che Inter­net­por­tal der WAZ-Grup­pe, scheint der Wahl­kampf­auf­tritt von Ange­la Mer­kel in Unna das Ereig­nis des Tages gewe­sen zu sein. Immer­hin wur­de der Bericht dar­über zwi­schen­zeit­lich an obers­ter Stel­le auf der Start­sei­te ange­teasert:

Angela Merkel in Unna: Bundeskanzlerin sorgt für strahlende Gesichter. Unna. Nur strahlende Gesichter in der Unnaer Stadthalle. Der Auftritt von Bundeskanzlerin und CDU-Parteichefin Angela Merkel Samstagmittag im Rahmen des NRW-Landtagswahlkampfes war für die Unnaer Christdemokraten so etwas wie eine Krönungsmesse   weiterlesen...

Und wie die Gesich­ter gestrahlt haben:

  • Der loka­le Par­tei­vor­sit­zen­de Wer­ner Por­zy­bot strahl­te natür­lich.
  • Hubert Hüp­pe strahl­te.
  • Ganz beson­ders strahl­ten Han­na Kop­pel­mann, Alex­an­dra Gaber und Rabea Leh­mann in der nicht ganz voll besetz­ten Stadt­hal­le (rund 700 Besu­cher).
  • Strah­len­des Gesicht bei Stadt­hal­len-Chef Horst Bres­an: „Das war eine Punkt­lan­dung. Alles ist rei­bungs­los gelau­fen. Es hat über­haupt kei­ne Pro­ble­me gege­ben.“
  • Strah­len­des Ant­litz von Rudi Fröh­lich, Lei­tungs­kraft bei der Unnaer Poli­zei.

Das ist natür­lich ein sprach­li­ches Mit­tel, das die Men­schen da zu Beginn eines jeden Absat­zes strah­len lässt. Und letzt­lich ist so ein Wahl­kampf­auf­tritt ja nichts ande­res als eine Pro­dukt-Prä­sen­ta­ti­on, über die man auch nur schwer einen brauch­ba­ren, objek­ti­ven Text schrei­ben kann – man kann ja schlecht aus Grün­den der Aus­ge­wo­gen­heit bei allen ande­ren Par­tei­en nach­fra­gen, wie die eigent­lich den Besuch der Kanz­le­rin in ihrer Stadt fan­den. Und den­noch wirkt der Text über die „Regie­rungs-Che­fin (schwar­ze Hose, hell­brau­ner Bla­zer)“ gera­de­zu gro­tesk über­zeich­net. Die CDU-Mit­glie­der­zeit­schrift hät­te kaum ver­klä­ren­der über Ange­la Mer­kel schrei­ben kön­nen, als es Jens Schopp für die „West­fä­li­sche Rund­schau“ getan hat.

Da bekam „der Ex-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te von der Kanz­le­rin von der Red­ner­tri­bü­ne attes­tiert, er sei ‚der bes­te Behin­der­ten­be­auf­trag­ter der Bun­des­re­gie­rung, den man sich nur den­ken kön­ne‘ “, Schü­le­rin­nen haben es „tat­säch­lich geschafft, Ange­la Mer­kel eine klei­ne, töner­ne Frie­dens­tau­be samt Frie­dens­bot­schaft zu über­rei­chen“ und „selbst für Unnas Bür­ger­meis­ter und SPD-Mit­glied Wer­ner Kol­ter war es mehr als nur ein Pflicht­ter­min“. Die Bun­des­kanz­le­rin „gab sie sich staats­män­nisch“ und hol­te „nur gele­gent­lich“ „die Wahl­kampf­keu­le her­aus“. Fehlt eigent­lich nur noch, dass alle auf ihre Kos­ten kamen, immer­hin sag­te Mer­kel ja auch noch was „zur Erhei­te­rung des Audi­to­ri­ums“.

Jens Schopp ist offen­bar nicht, wie ich ursprüng­lich ange­nom­men hat­te, ein Schü­ler, der im Auf­trag der „West­fä­li­schen Rund­schau“ zur mit stau­nen­dem Blick von der ers­ten Poli­tik­ver­an­stal­tung sei­nes Lebens berich­tet: Er ist Redak­teur der Zei­tung.

Dass der­art brat­wurs­ti­ge Tex­te am Mon­tag in Unna in der gedruck­ten Zei­tung erschei­nen, ist das eine – Lokal­jour­na­lis­mus ist die Höl­le, ich wür­de nie im Leben dort­hin zurück­keh­ren und habe neben Mit­leid vor allem Respekt übrig für jene Jour­na­lis­ten, die sich in die Tie­fen von Ver­ei­nen und Klein­kunst und das Span­nungs­feld ver­schie­dens­ter Inter­es­sen­ver­bän­de bege­ben, die sofort mit der Kün­di­gung von Abos dro­hen. War­um man der­ar­ti­ge Arti­kel als Auf­ma­cher auf die Start­sei­te eines ambi­tio­nier­ten Nach­rich­ten­por­tals packt, ist mir aller­dings schlei­er­haft.

War­um man sol­che Kom­men­ta­re ste­hen lässt, aller­dings auch:

Sone Ostarschschlampe kann selbst die blöden paderborner Landbrotärsche begeistern ist ja sonst nix los bei den Flachmännern. Die würden sogar bei einem Wildschweinauftritt Hurra rufen! #1 von P:M:, vor 2 Stunden

Nach­trag, 28. März: Der „Wes­ten“ hat – mal mit, mal ohne Hin­weis – wüst in den Kom­men­ta­ren her­um­mo­de­riert und dabei auch den hier zitier­ten Kom­men­tar ent­fernt.

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Klickbefehl (25)

[…] Ich bin der Sohn eines Grie­chen, der wäh­rend der Mili­tär­dik­ta­tur nach Deutsch­land emi­griert ist, und nach dem Ende der Jun­ta in den grie­chi­schen Staats­dienst gegan­gen ist, weil er gelernt hat, dass Demo­kra­tie etwas ist, das man sich jeden Tag erar­bei­ten muss. Und ich habe in mei­nem gan­zen Leben noch nie einen Men­schen getrof­fen, der auch nur annä­hernd so viel arbei­tet wie mein Vater. Heu­te liest er offe­ne Brie­fe in der Bild-Zei­tung, im Stern und wo nicht noch alles, in denen Jour­na­lis­ten Deutsch­land zur rei­chen Tan­te fan­ta­sie­ren, die jetzt aber streng mit ihrem fre­chen Nef­fen sein muss, weil der so unver­ant­wort­lich mit ihrem Geld her­um­wirft. Ich bin selbst Jour­na­list und ich schä­me mich, wenn ich dar­an den­ke, dass mein Vater das liest. […]

Ich kann die Ver­ach­tung nicht in Wor­te fas­sen, die ich für die Kol­le­gen mit ihren offe­nen Brie­fen emp­fin­de, die sich ohne jede Recher­che einen demü­ti­gen­den Witz nach dem ande­ren aus den Fin­gern gesaugt haben, die sehen­den Auges Vor­ur­tei­le bis hin zum ras­sis­ti­schen Hass geschürt haben und die dabei nichts erreicht haben als den Zockern in den ent­spre­chen­den Invest­ment­ban­ken noch ein biss­chen in die Hän­de zu spie­len. […]

Mich­a­lis Pan­te­lou­ris, Ham­bur­ger Jour­na­list mit grie­chi­schen Vor­fah­ren, schreibt in sei­nem Blog Print Würgt über die media­le Het­ze von „Bild“ und Kon­sor­ten.

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Restposten der spätkindlichen Infantilgesellschaft

Ich weiß nicht, ob Sie’s mit­be­kom­men haben, 1 aber es gibt da ja gera­de eine neue deut­sche Lite­ra­tur­sen­sa­ti­on, die die gro­ßen jun­gen deut­schen Lite­ra­tur­sen­sa­tio­nen der ver­gan­ge­nen Deka­den, „Cra­zy“ und „Feucht­ge­bie­te“ kurz­schließt: „Axolotl Road­kill“ von Hele­ne Hege­mann (17).

Gele­sen habe ich das Buch noch nicht, 2 aber allein der Titel ist schon mal toll. „Axolo­tol“, die­se Bezeich­nung für einen mexi­ka­ni­schen Lurch, der sein Leben lang Kind bleibt, stand näm­lich immer auf der Lis­te der außer­ge­wöhn­li­chen Wor­te, die mein bes­ter Freund und ich zu Schul­zei­ten geführt haben. 3

Über Hele­ne Hege­mann jeden­falls ist schon viel geschrie­ben wor­den, meist in der übli­chen ahnungs­lo­sen Begeis­te­rung, mit der sich Erwach­se­ne, die nicht als früh­ver­greist gel­ten wol­len, der Welt und der Spra­che von Jugend­li­chen nähern. Wer lan­ge genug sucht, wird sicher eine Rezen­si­on fin­den, in der früh­neu­hoch­deut­sche Begrif­fe wie „geil“ oder „Bock haben“ vor­kom­men.

Der Text, den Simo­ne Mei­er für die „Bas­ler Zei­tung“ geschrie­ben hat, ist anders. Er stellt die media­le Figur Hele­ne Hege­mann in Fra­ge, haut auf den ande­ren Feuil­le­to­nis­ten rum und knallt mit vol­ler Wucht ein paar For­mu­lie­run­gen raus, die man so ger­ne mal in Büchern lesen wür­de:

Das Selbst­be­wusst­sein und der Mut zum Lei­den sind glei­cher­mas­sen unge­heu­er, man hat die Hor­mo­ne im Kopf und den Wahn­sinn im Her­zen. Und man kann eine Pose so lan­ge und so betö­rend repro­du­zie­ren, bis es zu viel wird und man sie auto­ma­tisch wie­der erbricht. Selbst­fin­dung in der Puber­tät ist gewis­ser­mas­sen eine anhal­ten­de Buli­mie halb garer Hal­tun­gen und Gefüh­le.

Frau Mei­er stei­gert sich fast in einen grund­sym­pa­thi­schen Welt­hass Bernhard’scher Prä­gung, wenn sie in einem Absatz mal eben den hal­ben deut­schen Kul­tur­be­trieb, ach: die hal­be deut­sche Gesell­schaft umreißt:

Es scheint, als habe Hele­ne Hege­mann mit all ihren wie rasend her­ge­stell­ten, aus­ge­kotz­ten klei­nen Wer­ken wirk­lich einen wah­ren Kern gefun­den. So etwas wie den häss­li­chen Boden­satz der Ber­li­ner Bohè­me, mit dem sich die Kin­der der Gene­ra­ti­on Selbst­ver­wirk­li­chung her­um­schla­gen müs­sen. Es ist ein Boden­satz, in dem sich alle glei­chen, weil Kind­heit längst nicht mehr den Kin­dern gehört, son­dern zum Fetisch der Erwach­se­nen gewor­den ist. Das Erstaun­lichs­te an „Axolotl“ ist näm­lich dies: dass hier ein Teen­ager schreibt, als wäre er einer jener auf dem Dance­f­lo­or hän­gen geblie­be­nen Mitt­dreis­si­ger oder Anfangs­vier­zi­ger. Dass er zwei Gene­ra­tio­nen kurz­schliesst: die­je­ni­ge des früh­rei­fen Wun­der­kinds und jene der Rest­pos­ten aus der spät­kind­li­chen Infan­til­ge­sell­schaft.

Dass Frau Mei­er es schafft, einen Text, der der­art offen auf sei­ne Sub­jek­te ein­schlägt, ver­söhn­lich enden zu las­sen, spricht für die bei­den.

Aber lesen Sie selbst:

„Die Schön­heit des kaput­ten Kin­des“ von Simo­ne Mei­er

  1. Haha­ha­ha­ha.[]
  2. Ich bin gera­de – leicht ande­re Bau­stel­le – mit „The Wild Things“ von Dave Eggers beschäf­tigt.[]
  3. Eben­falls auf der Lis­te: „Wadi“, „semi­per­meable Mem­bran“ und „Aum“. Irgend­wann wer­den sich auch damit noch mal The­ra­peu­ten befas­sen müs­sen.[]