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Leben Unterwegs

Die Jugend der Weltpresse

Ges­tern durf­te ich beim Jugend­me­di­en­event zwei Semi­na­re unter dem Mot­to „Web 2.0 – Blogs, Social Net­works & Co“ lei­ten. 1 Zwei­mal 16 Nach­wuchs­jour­na­lis­ten unter­schied­li­chen Alters und mit unter­schied­lichs­ten Vor­kennt­nis­sen woll­ten unter­hal­ten wer­den und soll­ten natür­lich etwas ler­nen.

Die ers­te Grup­pe war die pure Won­ne: die Jugend­li­chen 2 hat­ten Inter­es­se am The­ma, kann­ten Por­ta­le, von denen ich noch nie gehört hat­ten, und mel­de­ten sich alle­samt bei twit­ter an, nach­dem ich ihnen den Dienst vor­ge­stellt hat­te. Sie wirk­ten ange­nehm skep­tisch und zurück­hal­tend, was die Anga­be per­sön­li­cher Daten im Netz anging, und sahen sich die Blogs, die wir uns gemein­sam vor­nah­men, mit Inter­es­se an. 3

Die zwei­te Grup­pe erwies sich als sehr viel schwie­ri­ger zu kna­cken: die Fra­ge, war­um sie sich für die­ses Semi­nar ent­schie­den hät­ten, konn­te nie­mand so recht beant­wor­ten. Statt halb­wegs gleich­mä­ßig ver­teil­ter Rede­an­tei­le gab es ein paar weni­ge akti­ve Teil­neh­mer 4, ein paar gelang­weil­te Bes­ser­wis­ser und viel Schwei­gen. Mit social net­works war die­ser Grup­pe kaum bei­zu­kom­men: nicht mal die Hälf­te war bei einem der Holtz­brinck-Fau­zet­te, kaum jemand bei Face­book und, wenn ich mich recht erin­ne­re, nie­mand bei MySpace. Die­se Men­schen inter­es­sie­ren sich vor allem für Blogs.

Eini­ge hät­ten vor­ab schon über­legt zu blog­gen, wuss­ten aber nicht genau, was, wie oder wo. Das „wo“ lässt sich ja recht leicht beant­wor­ten (blogger.com, wordpress.com, twoday.net), das „wie“ ist mit „(im Rah­men der juris­ti­schen Mög­lich­kei­ten) ein­fach drauf los“ auch schnell zusam­men­ge­fasst, das „was“ bleibt als zen­tra­le Fra­ge. Als Betrei­ber eines the­ma­tisch völ­lig offe­nen Blogs hielt ich den Hin­weis für ange­bracht, dass man sich dar­über auf alle Fäl­le im Vor­feld im Kla­ren sein soll­te. Manch­mal habe ich einen etwas merk­wür­di­gen Humor.

Ich weiß nicht, ob es an der Nach­mit­tags­zeit lag, die gene­rell trä­ge macht, am gleich­zei­tig statt­fin­den­den Bun­des­li­ga­spiel­tag oder an ganz ande­ren Grün­den, aber das mit der zwei­ten Grup­pe lief nicht so rich­tig rund. Mit­un­ter hat­te ich das Gefühl, zu skep­ti­schen Ver­tre­tern mei­ner Eltern-Gene­ra­ti­on zu spre­chen und nicht zu welt­of­fe­nen Jung­jour­na­lis­ten. Ande­rer­seits stell­ten ein paar von ihnen auch wirk­lich klu­ge Fra­gen.

Es war eine inter­es­san­te Erfah­rung, die unter ande­rem gezeigt hat, dass die fünf Jah­re zurück­lie­gen­de Ent­schei­dung, auf kei­nen Fall Leh­rer wer­den zu wol­len, eine sehr wei­se war. Wie ich mit Till, der eben­falls unter den Refe­ren­ten war 5, spä­ter noch dis­ku­tier­te, sind auch längst nicht alle Leu­te, die heu­te jung sind und einen Com­pu­ter ein­schal­ten kön­nen, digi­tal nati­ves. Bei eini­gen besteht das Inter­net aus der „Drei­fal­tig­keit“ (Till) Goog­le, Stu­diVZ und Wiki­pe­dia. Aber um das zu ändern waren wir ja da.

Mein ins­ge­samt posi­ti­ver Grund­e­in­druck der Jung­jour­na­lis­ten wur­de aller­dings heu­te etwas getrübt, als ich im Blog „Online­ma­ga­zin“ zum Jugend­me­di­en­event den Bericht über mein Semi­nar las: die haben mei­nen Vor­na­men falsch geschrie­ben.

  1. Am Titel trifft mich kei­ne Schuld.[]
  2. Genau genom­men waren die Ältes­ten der Grup­pe gera­de mal zwei Jah­re jün­ger als ich, die Jüngs­ten aber 14. Es war wohl eher Zufall, dass eine so hete­ro­ge­ne Mischung gut ging.[]
  3. Ich hat­te wahl­los Plat­zie­run­gen aus den deut­schen Blog­charts an die ein­zel­nen Teil­neh­mer ver­teilt. Das war inso­fern span­nend, weil ich sel­ber nicht genau wuss­te, über wel­che Blogs wir spre­chen wür­den. Dass das Sys­tem auch Nach­tei­le hat, muss­te ich fest­stel­len, als ich eine Teil­neh­me­rin zur Aus­ein­an­der­set­zung mit der „Ach­se des Guten“ zwang. Es tut mir auf­rich­tig leid.[]
  4. Und Teil­neh­me­rin­nen. Wenigs­tens mit dem Gerücht, Mäd­chen wür­den das Inter­net nur für die Ansicht von Pfer­de­fo­tos und das Erstel­len von MySpace-Pro­fi­len nut­zen, soll­te an die­ser Stel­le ein­mal gründ­lich auf­ge­räumt wer­den.[]
  5. Das wuss­ten wir vor­her nicht. Die Ver­an­stal­ter woll­ten vor­ab kei­ne Refe­ren­ten­lis­ten her­aus­ge­ben, weil sie nicht „sicher­stel­len [konn­ten], dass jeder damit ein­ver­stan­den ist“. Ent­spre­chend wuss­ten wohl auch die Teil­neh­mer vor­ab gar nicht, mit wem sie das Ver­gnü­gen haben wür­den. Eine wie ich fin­de eher mit­tel­präch­ti­ge Idee.[]
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Leben

Zwei Jahre Verspätung

Ab kom­men­dem Mon­tag wird der Esse­ner Haupt­bahn­hof kom­plett umge­baut, um recht­zei­tig zum Jahr 2010 (wenn das Ruhr­ge­biet Kul­tur­haupt­stadt Euro­pas ist) fer­tig zu sein.

In einer Bro­schü­re zeigt die Bahn den Ist- und den Soll­zu­stand.

So sieht es im Moment am Esse­ner Haupt­bahn­hof aus:

2008: Bahnsteig in Richtung Dortmund.

Sehen Sie die Rei­se­grup­pe? Um die­se sechs Men­schen her­um wird in den nächs­ten andert­halb Jah­ren der gesam­te Bahn­hof saniert:

2010: Bahnsteig in Richtung Dortmund mit barrierefreiem Zugang und modernisiertem Bahnsteig

Hof­fent­lich krie­gen die Leu­te wenigs­tens ab und zu eine war­me Mahl­zeit.

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Leben Unterwegs

Der Weg ist das Ziel (2)

Ich muss an mei­nem Timing arbei­ten. Meis­tens läuft es so: Ich rege mich über man­geln­den Ser­vice eines ehe­ma­li­gen Staats­be­triebs auf, tip­pe schon mal den Blog­ein­trag, möch­te aber auch noch die Gegen­sei­te hören. Also schrei­be ich eine E‑Mail an die Pres­se­stel­le, den­ke nach vier ant­wort­lo­sen Arbeits­ta­gen, dass dar­auf nie­mand mehr reagie­ren wird 1 und stel­le den Bei­trag online. Und dann kommt kur­ze Zeit spä­ter die Ant­wort des Unter­neh­mens.

Das war im Mai bei DHL so (Teil 1, Teil 2) und es ist auch jetzt bei der Deut­schen Bahn wie­der so.

Lesen Sie also erst, wor­über ich mich dies­mal auf­ge­regt habe, und dann die Ant­wort des „Zen­tra­len Kun­den­dia­logs“ 2:

Sehr geehr­ter Herr Hein­ser,

vie­len Dank für Ihre E‑Mail vom 28. Juli die­ses Jah­res an Herrn […]. Wir wur­den gebe­ten, Ihnen zu ant­wor­ten.

Es tut uns leid, dass Ihre Rei­se nach Ams­ter­dam und zurück nicht rei­bungs­los ver­lief. Die inter­na­tio­na­le Ver­bin­dung Frank­furt – Ams­ter­dam wird von Fahr­zeu­gen bedient, die beson­de­re tech­ni­sche Eigen­schaf­ten haben müs­sen, damit sie auch im Aus­land ein­ge­setzt wer­den kön­nen. Die­se Fahr­zeu­ge sind auf das für den plan­mä­ßi­gen Betrieb unter Ein­rech­nung von Reser­ven erfor­der­li­che Maß begrenzt. In Aus­nah­me­fäl­len kann es jedoch vor­kom­men, dass durch kurz­fris­ti­ge Fahr­zeug­aus­fäl­le nicht mehr alle Zug­leis­tun­gen gefah­ren wer­den kön­nen. In sol­chen Fäl­len kom­men Ersatz­maß­nah­men zum Tra­gen wie z. B. vor­zei­ti­ges Wen­den von Zügen in Utrecht oder Arn­hem inklu­si­ve Benen­nung von alter­na­ti­ven Fahr­mög­lich­kei­ten. Hier han­delt es sich um Aus­nah­men, die nicht jede Woche auf­tre­ten und inso­fern men­gen­mä­ßig schlecht quan­ti­fi­zier­bar sind.

Die bei­den Fäl­le, die zeit­lich dicht bei­ein­an­der lagen, ereig­ne­ten sich in einer Pha­se mit erhöh­tem Fahr­zeug­schad­stand. Am 23. Juli war der vor­ge­se­he­ne Trieb­zug bei Bereit­stel­lung in Ams­ter­dam nicht ein­satz­fä­hig und konn­te erst zwei Stun­den spä­ter ein­ge­schränkt ver­wen­det wer­den. Die Fahrt am 25. Juli konn­te erst in Arn­hem begin­nen, weil an die­sem Tag ein Fahr­zeug weni­ger zur Ver­fü­gung stand.

Sehr geehr­ter Herr Hein­ser, Sie kön­nen sicher sein, dass die­se bei­den Vor­fäl­le Aus­nah­men und nicht die Regel dar­stel­len. Gemäß unse­ren Pas­sa­gier­rech­ten haben Sie bei Ver­spä­tung eines Fern­ver­kehrs­zu­ges von über 60 Minu­ten Anspruch auf einen Gut­schein im Wert von 20 Pro­zent des Fahr­kar­ten­wer­tes. Falls Sie dies noch nicht in Anspruch genom­men haben, bit­ten wir um eine kur­ze Mit­tei­lung und Über­sen­dung einer Kopie Ihrer Fahr­kar­te an die unten genann­te Adres­se (ger­ne
auch per Fax oder E‑Mail), wir wer­den Ihnen dann einen ent­spre­chen­den Gut­schein zusen­den.

Wir freu­en uns, wenn unse­re Aus­füh­run­gen die Hin­ter­grün­de ver­deut­li­chen konn­ten und hof­fen, dass Ihre zukünf­ti­gen Rei­sen so ver­lau­fen, wie Sie und auch wir uns dies wün­schen – ange­nehm und pünkt­lich.

Mit freund­li­chen Grü­ßen

Das ist ja nett und auf­schluss­reich. Für mich als Lai­en fas­zi­nie­rend ist, dass ein Fahr­zeug weni­ger offen­bar schon zu so einem rie­si­gen Cha­os füh­ren kann. Aber das ist ja irgend­wie auch ver­ständ­lich: die­se Züge sind sicher sehr teu­er in der Anschaf­fung, unge­nutz­te Züge kos­ten dop­pelt und falls man doch mal einen Ersatz­zug über hat, dann ver­mut­lich am ande­ren Ende der Repu­blik. Man kennt das ja aus dem eige­nen Haus­halt.

Sprach­lich inter­es­sant fin­de ich übri­gens die Bin­nen­an­re­de im vor­letz­ten Absatz. Ich hab sowas noch nie gele­sen – außer im Schrei­ben von DHL. Ver­mut­lich han­delt es sich dabei um einen über Jahr­zehn­te ent­wi­ckel­ten und erprob­ten Tipp aus dem „Rat­ge­ber für Kun­den­be­schwich­ti­gungs­brie­fe“.

  1. Ich bin ja auch nicht so grö­ßen­wahn­sin­nig und erwar­te das allen Erns­tes – ich hal­te es nur für ein Gebot der Fair­ness, ihnen die Mög­lich­keit einer Stel­lung­nah­me ein­zu­räu­men.[]
  2. Ist das nicht ein wun­der­ba­rer Name? Wolf Schnei­der echauf­fiert sich immer über den „Ser­vice Point“ der Deut­schen Bahn. Dass das sel­be Unter­neh­men einen „Zen­tra­len Kun­den­dia­log“ hat/​beschäftigt/​führt, ver­schweigt er jedes Mal.[]
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Leben Unterwegs

Der Weg ist das Ziel

Arnhem Central

Ich war ja in Ams­ter­dam. Das Hin­kom­men war aller­dings ein biss­chen kniff­lig, das Weg­kom­men noch mehr.

Und das kam so:

Am Mitt­woch, 23. Juli Uhr bestieg ich um 09:35 Uhr in Ober­hau­sen den ICE Inter­na­tio­nal 226 nach Ams­ter­dam – dort soll­te er aller­dings nie ankom­men, da kurz vor Utrecht allen Fahr­gäs­ten per Durch­sa­ge mit­ge­teilt wur­de, der Zug wer­de heu­te nur bis Utrecht fah­ren. Etli­che Leu­te muss­ten mit ihrer Arbeit auf­hö­ren, die sie sich für die 110-minü­ti­ge Fahrt vor­ge­nom­men hat­ten (ich nur mit dem Gucken von DVDs), die Fami­lie am Neben­tisch, die sich auf einem Tages­aus­flug nach Ams­ter­dam befand, begann ihr Besuchs­pro­gramm im Geis­te zusam­men­zu­strei­chen. In Utrecht wur­de unser Zug sofort nach Ein­fahrt zu einem ICE nach Frank­furt (Main) umde­kla­riert, der aller­dings auch schon eini­ges an Ver­spä­tung hat­te. Außer­dem hät­te er eigent­lich aus Ams­ter­dam abfah­ren sol­len und eben nicht aus Utrecht. Wir aber stie­gen in einen nie­der­län­di­schen Inter­ci­ty (was unge­fähr unse­ren Regio­nal­ex­pres­sen ent­spricht) und kamen mit etwa 25 Minu­ten Ver­spä­tung in Ams­ter­dam an.

Am Frei­tag, 25. Juli soll­te der ICE Inter­na­tio­nal Rich­tung Frank­furt um 18:34 Uhr in Ams­ter­dam Cen­tr­a­al los­fah­ren. Eine drei­spra­chi­ge Durch­sa­ge infor­mier­te mich und die ande­ren Fahr­gäs­te dar­über, dass der Zug heu­te erst ab Arn­hem fah­ren wer­de – wir mögen bit­te mit dem Inter­ci­ty um 18:22 Uhr bis dort fah­ren. Man mach­te sich Sor­gen, ob wir den ICE denn in Arn­hem über­haupt errei­chen wür­den – erst spät kamen Durch­sa­gen, dass der ICE dort auf uns war­ten wür­de.

Er hät­te nicht war­ten brau­chen, denn wir erreich­ten Arn­hem so, dass ein Wech­sel in den dort für 19:37 Uhr ein­ge­plan­ten ICE pro­blem­los mög­lich gewe­sen wären – allein der ICE war nicht da. Er wen­de gera­de, erklär­te das eben­falls war­ten­de DB-Bord­per­so­nal. Schließ­lich konn­ten wir ihn alle sehen, aber er kam nicht, weil vor­her noch meh­re­re Regio­nal- und Güter­zü­ge den Bahn­steig pas­sie­ren muss­ten. Müt­ter bra­chen vor ihren Fami­li­en in Trä­nen aus, Stu­den­ten mit Inter­rail­ti­ckets (für die es sich offen­bar aus­zahlt, mit den Leh­ren des Zen-Bud­dhis­mus ver­traut zu sein) über­schlu­gen grob, ob sie Salz­burg noch vor der Wie­der­kehr Chris­ti errei­chen wür­den.

Als der Zug schließ­lich ein­fuhr gab es tumult­ar­ti­ge Sze­nen, wie man sie sonst nur aus Zom­bie­fil­men der 1970er Jah­re kennt. Mit vier­zig Minu­ten Ver­spä­tung fuhr der ICE schließ­lich aus Arn­heim los – und kam nach weni­gen Minu­ten wie­der zum Ste­hen. Von den ers­ten vier­zig Minu­ten nach der Abfahrt ver­brach­ten wir ins­ge­samt 24 Minu­ten auf offe­ner Stre­cke ste­hend, weil die lang­sa­men Güter­zü­ge, die wir im Bahn­hof Arn­hem noch hat­ten an uns vor­bei­fah­ren sehen, nun direkt vor unse­rem ICE waren. Ich begann zu ahnen, dass die wirk­lich anspruchs­vol­len Auf­ga­ben der Diplo­ma­tie eher mit grenz­über­grei­fen­dem Schie­nen­ver­kehr zu tun hat­ten und weni­ger mit Atom­bom­ben und Gefan­ge­nen­aus­tau­schen.

In den Durch­sa­gen wur­de den Rei­sen­den vage in Aus­sicht gestellt, dass ihre Anschluss­zü­ge auf sie war­ten könn­ten – was eine völ­li­ge Spren­gung des Fahr­plans in halb Mit­tel­eu­ro­pa zur Fol­ge gehabt hät­te. Auf Deutsch und Hol­län­disch (scha­de für die vie­len Ame­ri­ka­ner) wur­de schließ­lich ange­kün­digt, dass es für jeden Fahr­gast ein kos­ten­lo­ses alko­hol­frei­es Getränk gebe. Bis Ober­hau­sen schaff­te es unser Zug noch auf beein­dru­cken­de 73 Minu­ten Ver­spä­tung – bei 110 Minu­ten geplan­ter Rei­se­zeit, wohl­ge­merkt.

Man muss sich fol­gen­des noch mal vor Augen hal­ten:

  • Der ICE nach Ams­ter­dam fuhr am Mitt­woch Mit­tag nur bis Utrecht.
  • Der ICE aus Ams­ter­dam fuhr am Mitt­woch Mit­tag erst ab Utrecht.
  • Der ICE aus Ams­ter­dam fuhr am Frei­tag Abend erst ab Arn­hem.
  • Der ICE nach Ams­ter­dam fuhr am Frei­tag Abend offen­bar nur bis Arn­hem.

Bei die­ser Sum­me von Ein­zel­fäl­len inner­halb eines sehr über­schau­ba­ren Zeit­rah­mens klopft natür­lich schon die Fra­ge an, ob es eigent­lich eher die Aus­nah­me oder die Regel ist, dass die ICEs auf die­ser Stre­cke bis zu ihrem geplan­ten Ziel bzw. von ihrem geplan­ten Start fah­ren.

Bei der Deut­schen Bahn AG war man bis­her nicht Wil­lens und/​oder in der Lage, mir die­se Fra­ge zu beant­wor­ten hat man aus­führ­lich auf mei­ne Fra­ge geant­wor­tet. Nach­zu­le­sen hier.

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Leben Unterwegs

Räuber und Gedärm

Es gibt gute Grün­de, kei­ne Bank zu über­fal­len. Der nahe­lie­gends­te: dar­auf ste­hen hohe Stra­fen. Wenn man nicht sofort erwischt wird, wird man in „Akten­zei­chen XY … unge­löst“ von einem schlech­ten Lai­en­schau­spie­ler por­trä­tiert, der der Mei­nung ist, wil­des Her­um­ge­fuch­tel und ein alber­ner Akzent täten sei­ner Rol­le gut. Soll­te man die Haft end­lich hin­ter sich gebracht haben, ist längst noch nicht alles vor­bei: es dro­hen Ein­la­dun­gen zu Beck­mann und/​oder Ker­ner, die man auch noch anneh­men muss, weil man das Geld braucht. Mög­li­cher­wei­se wird es auch unmög­lich, jemals noch­mal ein Kon­to zu eröff­nen.

Bei mir kommt ein ganz prak­ti­scher Grund dazu.

Auf der Durch­rei­se im Duis­bur­ger Haupt­bahn­hof dach­te ich mir, ich geh noch mal eben Geld abhe­ben. Direkt am Hin­ter­aus­gang liegt näm­lich eine Volks­bank. Da ging ich mit Ruck­sack und Rei­se­ta­sche hin­ein, hol­te etwas Geld aus der Wand und woll­te beschwing­ten Schrit­tes, weil Cold­play im Ohr, mei­nen Weg fort­set­zen. Mit mei­ner Rei­se­ta­sche in der Hand trat ich auf die Stra­ße und ver­hed­der­te mich im her­un­ter­hän­gen­den Tra­ge­rie­men. Ich stol­per­te, ver­hin­der­te einen Sturz, sah dabei aber sicher nicht son­der­lich ele­gant aus. Dann ging ich noch einen Schritt, hat­te aber nicht bemerkt, dass sich mein Fuß immer noch in dem ver­damm­ten Rie­men befand, und stol­per­te erneut. Dicke Kin­der star­ten mich mit­lei­dig an und für einen Moment befürch­te­te ich, mein altes Bun­des­ju­gend­spiel­trau­ma wür­de wie­der her­vor­bre­chen.

Zum Glück gibt es im Duis­bur­ger Haupt­bahn­hof einen der bes­ten Bäcker der Repu­blik. Rha­bar­ber­tört­chen sind eine ganz her­vor­ra­gen­de Ner­ven­nah­rung.

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Leben

Geht ins Ohr

Ich höre ger­ne Musik, wenn ich unter­wegs bin. Man hört zwar immer wie­der auch sehr schö­ne Sachen, wenn man in Super­markt­kas­sen­schlan­gen, an U‑Bahn-Hal­te­stel­len und an der Uni mit offe­nen Ohren durch die Welt geht, aber gera­de mor­gens will ich mich ger­ne noch ein wenig vor der bösen, bösen Wirk­lich­keit ver­ste­cken. 1

Wer viel unter­wegs Musik hört, hat einen recht hohen Ver­schleiß an Kopf­hö­rern. 2 Mal tritt man beim Schu­he­an­zie­hen drauf, mal gera­ten sie in den Staub­sauger und manch­mal ver­hed­dert man sich damit ein­fach in sich schlie­ßen­den U‑Bahn-Türen. Wenn das alles nicht pas­siert, bre­chen ein­fach irgend­wann die Kabel, weil man sie stän­dig unschön auf­wi­ckeln muss, wenn man das mobi­le Musikab­spiel­ge­rät in die Tasche steckt.

Des­halb muss ich regel­mä­ßig los und neue Ohr­hö­rer kau­fen. Ich fürch­te, seit mei­nem ers­ten Sony-Disc­man mehr Geld für Kopf­hö­rer aus­ge­ge­ben zu haben als für die dar­an ange­schlos­se­nen Gerä­te. 3 Wenn man mal über­ra­schend Ohr­hö­rer gefun­den hat, mit denen man weit­ge­hend zufrie­den ist 4, kann man sicher sein, dass es sie nach der Ver­schrot­tung der aktu­el­len Aus­ga­be nicht mehr geben wird. Ohr­hö­rer sind ein von Tech­nik­jour­na­lis­ten nur wenig gewür­dig­ter Markt – ver­mut­lich wird die Pro­dukt­pa­let­te alle drei­ein­halb Wochen ein­mal kom­plett umge­stellt.

Sony scheint sich von heu­te auf mor­gen kom­plett aus dem Markt zurück­ge­zo­gen zu haben, dafür sehen man­che (sünd­haft teu­ren) Gerä­te so aus, als wag­ten sie sich in Regio­nen vor, wo kein Wat­te­stäb­chen zuvor gewe­sen ist. Ich suche mir dann immer das Pro­dukt aus, das am ehes­ten an die letz­te Inkar­na­ti­on von Ohr­hö­rern erin­nert und das preis­lich unter zehn Euro liegt. Und jetzt muss ich mal gucken, was mei­ne Ohren dazu sagen.

  1. Ich höre die Musik nicht son­der­lich laut, gera­de so, dass sie alles ande­re über­deckt. Neh­me ich die Ohr­hö­rer aus dem Ohr, kann ich die Musik in zehn Zen­ti­me­tern Ent­fer­nung nicht mehr hören. Des­we­gen ist mir eini­ger­ma­ßen unvor­stell­bar, wie laut die Musik bei Men­schen sein muss, die mit ihren Kopf­hö­rern gan­ze Regio­nal­zug­wa­gen beschal­len. Viel­leicht sind deren Kopf­hö­rer aber auch anders gebaut und geben den Schall aus­schließ­lich nach außen ab. (Je län­ger ich dar­über nach­den­ke: Das sind Kopf­hö­rer, die nach außen laut­stark Tech­no spie­len und innen hören die jun­gen Leu­te dann Udo Jür­gens oder Hör­bü­cher von Her­mann Hes­se.) []
  2. Damit mei­ne ich nicht die­se Din­ger mit den Bügeln oben dran, son­dern die­se klei­nen Stöp­sel, mit deren Hil­fe man das Ohren­schmalz tie­fer in den Hör­ka­nal drü­cken kann.[]
  3. Ein­zig über­trof­fen viel­leicht von den Aus­ga­ben für Bat­te­rien. Zum Glück hat mein MP3-Play­er einen ein­ge­bau­ten Akku.[]
  4. Mensch­li­che Ohren sind ja so unter­schied­lich, dass man­che Geheim­diens­te Kar­tei­en mit Ohr­ab­drü­cken ange­legt haben.[]
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Rundfunk Leben

Kirmescontent

Irgend­wie kamen mir die Moti­ve, mit denen die 573. Cran­ger Kir­mes bewor­ben wird, so selt­sam ver­traut vor:

Werbemotiv der Cranger Kirmes

Werbemotiv der Cranger Kirmes

Ich wuss­te dann auch recht schnell wie­der, woher:

iPod-Werbeplakat

Woher mir die Cran­ger Kir­mes bekannt vor­kam, wuss­te ich frei­lich sofort:

[audio:http://www.coffeeandtv.de/wp-content/uploads/2008/07/kirmeskoenig.mp3]

Aus der „Früh­schicht“ auf CT das radio am 10. August 2005. Es lachen die Kol­le­gin Cor­du­la Pütz und ich.

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Leben Gesellschaft

Paradigm City (Eine Odyssee)

Nicht gänz­lich über­ra­schend ende­te vor zwei Wochen auch die letz­te aller Über­gangs­fris­ten im lang­sams­ten aller Bun­des­län­der – und so trat auch im von kolum­bia­ni­schen Tabak­ka­r­tel­len kon­trol­lier­ten Nord­rhein-West­fa­len das in Kraft, was man leicht­fer­tig „Rauch­ver­bot“ nennt. In Bochum, immer­hin der Knei­pen­haupt­stadt des Ruhr­ge­biets, hört man von ein­zel­nen Gast­stät­ten, die sich auch dran hal­ten.

Am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de weil­te ich zu Ver­wand­ten­be­su­chen in Dins­la­ken. Die Stadt krank­te schon zu mei­ner Zeit dar­an, dass man dort eigent­lich nichts ande­res tun kann als sich zu betrin­ken, es aber kei­ne geeig­ne­ten Loka­li­tä­ten für der­ar­ti­ge Plä­ne gibt. Am Sams­tag­abend hat­te ich aber eini­ge lie­be Men­schen um mich gesam­melt und gemein­sam fühl­ten wir uns unbe­sieg­bar für unser Vor­ha­ben: Jetzt, wo nir­gends mehr geraucht wer­den darf, woll­ten wir end­lich mal eine Knei­pen­tour durch all die Schup­pen machen, in die wir uns bis­her nicht hin­ein­ge­traut hat­ten.

Um den halb­her­zi­gen Ver­such eines Span­nungs­auf­baus direkt an die­ser Stel­le abzu­wür­gen: wir sind geschei­tert. Kläg­lich. Mit wehen­den Segeln, Pau­ken und Trom­pe­ten. Es begann näm­lich schon mal damit, dass die Som­mer­fe­ri­en kei­ne gute Zeit für Knei­pen­tou­ren sind. Gut die Hälf­te der Gast­stät­ten auf unse­rer ima­gi­nä­ren Lis­te begrüß­te uns mit geschlos­se­nen Roll­lä­den und dem Hin­weis auf aus­ge­dehn­te Betriebs­fe­ri­en. Immer­hin: die Vor­stel­lung, dass sämt­li­che Alt­her­ren­knei­pen­wir­te der Stadt einen gemein­sa­men Kegel­ur­laub ver­brach­ten, die hat­te was.

Die nächs­ten Läden, die wir pas­sier­ten, waren inzwi­schen in Rau­cher­clubs umge­wan­delt wor­den. Damit schie­den sie für unser Vor­ha­ben der rauch­frei­en Knei­pen­tour natür­lich aus und auch sonst wer­de ich jetzt weder den einen noch den ande­ren Schup­pen jemals von innen zu sehen bekom­men – was ange­sichts des­sen, was man schon von außen sehen kann, aller­dings aufs Hef­tigs­te begrüßt wer­den muss. Auch auf die Gefahr hin, den Ruf sämt­li­cher Dins­la­ke­ner Innen­ar­chi­tek­ten für immer zu zer­stö­ren: Knei­pen, die wie die Gas­tro­no­mie­zei­le eines Son­nen­stu­di­os aus­se­hen, gehen gar nicht!

Nach zwan­zig Minu­ten Rum­ge­gur­ke auf nicht ganz ver­kehrs­si­che­ren Fahr­rä­dern durch eine glück­li­cher­wei­se ver­kehrs­freie Innen­stadt (in der es nach dem Hoch­klap­pen der Bür­ger­stei­ge übri­gens nach Pfer­de­mist riecht) blie­ben noch genau zwei Loka­le übrig: die über die Gren­zen der Stadt bekann­te „Sze­ne­knei­pe“ „Ulcus“ und das Leh­rer-in-Leder­wes­ten-trin­ken-Rot­wein-Lokal „Zur Adler-Apo­the­ke“.

Der „Ulcus“ ist die ver­mut­lich ein­zi­ge Sze­ne­knei­pe der Welt, in der jun­ge Men­schen beim Weg­ge­hen auf ihre eige­nen Eltern tref­fen kön­nen, dafür wird Ser­vice dort in bes­ter Ber­li­ner Sze­ne­knei­pen-Tra­di­ti­on klein geschrie­ben (und das nicht nur, weil es sich dabei ursprüng­lich um ein eng­li­sches Wort han­del­te). In bes­ter Ver­ken­nung des Geset­zes­tex­tes hat­te man dort einen klei­nen Neben­raum zur Nicht­rau­cher­zo­ne erklärt, was wit­zi­ger­wei­se dazu führt, dass man, wenn man in die Nicht­rau­cher­zo­ne, auf Toi­let­te oder zur The­ke (Sie erin­nern sich: Ser­vice) will, durch den voll­ge­qualm­ten Haupt­raum muss. Immer­hin liegt der Nicht­rau­cher­be­reich ein biss­chen nied­ri­ger, so dass der Qualm eini­ger­ma­ßen drau­ßen bleibt – eine Tür oder wenigs­tens einen Vor­hang gibt es näm­lich auch nicht. Das Argu­ment, die meis­ten Gäs­te woll­ten ja rau­chen, soll­te jetzt bes­ser nie­mand brin­gen, denn der Nicht­rau­cher­raum war voll, wäh­rend wir im Rau­cher­raum immer­hin noch eine hal­be Bank hät­ten beset­zen kön­nen. Woll­ten wir aber nicht.

Also die „Apo­the­ke“ – wie der Name schon sagt eine alte Apo­the­ke mit einer Innen­ein­rich­tung aus der Kai­ser­zeit und viel Lie­be zum Detail. Dass auch hier im Haupt­raum (The­ke, Ein­gang, Durch­gang zu den Toi­let­ten) geraucht wer­den darf und wir auf Anhieb gar kei­nen Nicht­rau­cher­raum erspä­hen konn­ten, war uns zu die­sem Zeit­punkt egal. Wir hat­ten Durst und müde Kno­chen. Wir ver­brach­ten einen net­ten Abend und die Bedie­nung war freund­lich.

Das mit dem Rauch­ver­bot aber, das scheint in Dins­la­ken noch in wei­ter Fer­ne zu lie­gen. Viel­leicht hät­te das Ord­nungs­amt nicht vor­ab in der Pres­se ver­kün­den sol­len, dass man eh nicht kon­trol­lie­ren wer­de …

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Leben

Ich kaufe mir eine Hose und gehe mit niemandem essen

Ich brauch­te eine neue kur­ze Hose. Nein, das ist falsch: nie­mand über 18 braucht eine kur­ze Hose, wenn er nicht gera­de im Urlaub oder Fuß­ball­pro­fi ist. Ich woll­te aber für den Pri­vat­ge­brauch trotz­dem eine kur­ze Hose haben, die ich bei gro­ßer Hit­ze in der Woh­nung tra­gen kann.

Die­se doch recht schlich­te Aus­gangs­kon­stel­la­ti­on erwies sich recht schnell als eini­ger­ma­ßen pro­ble­ma­tisch. Der Kauf neu­er Klei­dungs­stü­cke, die kei­ne T‑Shirts oder Socken sind, berei­tet mir immer gro­ßes Unbe­ha­gen. Ich ver­brin­ge oft meh­re­re Tage in Geschäf­ten und fin­de doch nichts. Mei­ne Schu­he wer­de ich tra­gen, bis sie mir von den Füßen fal­len.

Ich hät­te mir auch kaum eine schlech­te­re Sai­son für mei­nen Inves­ti­ti­ons­ver­such aus­su­chen kön­nen, denn die vor­herr­schen­den Trends haben mit mei­nem Geschmack in etwa so viel zu tun wie mei­ne Fri­sur mit den aktu­el­len Moden. Die Unsit­te, eigent­lich okaye Klei­dungs­stü­cke mit wahl­lo­sen Zah­len­fol­gen und baro­cken Orna­men­ten zu bedru­cken, ist noch lan­ge nicht abge­ris­sen, und Taschen wer­den auf kur­zen Hosen nach wie vor zahl­reich unter­ge­bracht, nicht aber an den Stel­len, wo sie sein soll­ten. Mei­ne Fra­ge, wer zum Hen­ker denn Hosen trü­ge, auf denen ein öster­rei­chi­sche­rer Dop­pel­kopf­ad­ler und eine fran­zö­si­sche Königs­li­lie pran­gen, und an die etwa 17 Taschen, Laschen und Schlau­fen ange­näht sind, wur­de lei­der als­bald wort­los beant­wor­tet. Mit sol­chen Men­schen woll­te ich nichts gemein haben.

Außer­dem schei­nen die­ses Jahr Hosen in Mode zu sein, die bereits über dem Knie enden. Das geht bei mir aus vie­ler­lei Hin­sicht nicht: ers­tens prangt auf mei­nem rech­ten Knie die unschö­ne Nar­be eines Bade­un­falls, zwei­tens sind mei­ne Bei­ne so kurz, dass Hosen, die bei nor­ma­len Men­schen über dem Knie enden, bei mir genau bis zur Mit­te der Knie­schei­be rei­chen, und drit­tens will ich ein­fach kei­ne Hosen, die so viel Bein zei­gen. Mei­ne Bei­ne sind häss­lich genug, je weni­ger man davon sieht, des­to bes­ser.

Mei­ne Beglei­te­rin erwies sich als deut­lich här­ter im Neh­men, als ich es war: sie schlepp­te mich in immer noch einen Laden und wenn ich ange­sichts beleg­ter Umklei­de­ka­bi­nen schon wie­der gehen woll­te, hielt sie mich an der Jacke fest und zwang mich zu wei­te­ren Anpro­ben. Schließ­lich hat­te ich tat­säch­lich eine Hose gefun­den, die für mei­nen Geschmack lang genug war, gut saß, nicht zu vie­le alber­ne Taschen in Knie­hö­he hat­te und ange­nehm leicht war. Der Preis war zwar so hoch wie für nor­ma­le, gan­ze, also lan­ge Hosen, lag aber noch unter der mir selbst auf­er­leg­ten Höchst­gren­ze.

Es blieb das Pro­blem der Far­be: mög­li­cher­wei­se gibt es auch für Mode­kon­zer­ne Quo­ten, einen bestimm­ten Pro­zent­satz Schwer­be­hin­der­te ein­zu­stel­len. Aber müs­sen es aus­ge­rech­net Blin­de sein, die dann in der Desi­gn­ab­tei­lung arbei­ten? Die an sich tol­le Hose war im Mode­farb­ton „Schlamm“ gehal­ten, war also nach mensch­li­chen Maß­stä­ben braun, was eher so indi­rekt eine Far­be ist. Was man denn dazu bit­te tra­gen sol­le, frag­te ich ent­geis­tert die freund­li­che Ver­käu­fe­rin. Beige gin­ge sehr gut (ich war nicht beim Afri­ka­korps), weiß (habe ich wenig, weil’s schnell dre­ckig wird), grün (hab ich nur als Glad­bach-Tri­kot, des­sen schwarz wie­der­um nicht zum Braun passt) oder hell­blau (gut, dass ich ein Jun­ge bin). Ich ging im Geis­te mei­nen Klei­der­schrank durch, wie mir die Dame gera­ten hat­te, und kam zu dem Schluss, dass mei­ne Wasch­ma­schi­ne und das von mir benutz­te Wasch­mit­tel den Farb­ton schon nach drei Wäschen in ein schmu­ckes Grau-Anthra­zit-Staub­far­ben ver­wan­deln wür­de, und kauf­te das gute Stück.

Jetzt muss ich nur noch in Urlaub fah­ren.

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Leben

Die theatralische Sendung

Auf eine ersehn­te Paket-Lie­fe­rung zu war­ten dürf­te das Ermü­dends­te sein, was auf die­sem Pla­ne­ten mög­lich ist: Man sitzt zuhau­se und war­tet, dass es end­lich klin­gelt. Mit irgend­wel­chen Arbei­ten traut man sich nicht zu begin­nen, denn es könn­te ja jeder­zeit soweit sein und dann will man das Paket natür­lich sofort in Emp­fang neh­men, aus­pa­cken und dem Inhalt sei­ne vol­le Auf­merk­sam­keit wid­men. Es ist wie­der wie frü­her in der Zeit zwi­schen Haus­auf­ga­ben fer­tig haben und drei Uhr, wenn die Freun­de end­lich zum Spie­len kom­men; wie der Nach­mit­tag des 24. Dezem­ber, nur ohne Micha­el Schan­ze. Irgend­wann traut man sich nicht mehr auf die Toi­let­te und steht dafür sofort am Fens­ter, wenn man ein Auto anhal­ten hört. Auf dem Park­platz unse­res Wohn­heims hal­ten sehr vie­le Autos an.

Nicht bes­ser wird das alles, wenn man im Inter­net nach­ver­fol­gen kann, wo das Paket gera­de ist. So weiß man, dass es geschla­ge­ne 76 Stun­den irgend­wo in Köln gela­gert hat. So lan­ge Köln – das wünscht man kaum sei­nem ärgs­ten Feind, außer­dem hät­te man selbst in die­ser Zeit mit einem Auto nach Köln fah­ren und ver­mut­lich sogar wie­der her­aus­fin­den kön­nen. Und dann ist es in der Nacht nach Apel­doorn in die Nie­der­lan­de gebracht wor­den, was etwa drei Mal so weit weg von Köln ist wie der Ziel­ort Bochum – aber immer­hin in einer ähn­li­chen Him­mels­rich­tung. Man lernt, dass „Unter­wegs“ auch in einem abs­trak­ten, eher phi­lo­so­phi­schen Sinn gemeint sein kann: in einem Schwe­be­zu­stand zwi­schen den Orten, auf einem Weg, der das Ziel ist.

In der Zwi­schen­zeit liest man von den Schick­sals­schlä­gen ande­rer Men­schen, deren Sen­dun­gen im aus­tra­li­schen Ver­sand­we­sen ein­fach so … Ent­schul­di­gung: ver­san­den. Das hebt nicht gera­de die Hoff­nung, in den nächs­ten Tagen noch was zu Essen zu bekom­men, denn zum Super­markt weg­trau­en kann man sich auf kei­nen Fall, da der Zustel­ler ja nur auf die­sen Moment war­tet. Bleibt man aber zuhau­se, bleibt er natür­lich ein­fach weg.

Das War­ten auf eine Lie­fe­rung ist für Män­ner das, was das War­ten auf einen Rück­ruf für (her­an­wach­sen­de) Frau­en ist. Ver­mut­lich hat die Natur die­se Insti­tu­ti­on als Gene­ral­pro­be geplant: um zu über­prü­fen, ob der Mann den see­li­schen Belas­tun­gen einer her­an­na­hen­den Geburt gewach­sen wäre. Man stellt fest, dass man es nicht wäre und ver­wirft alle Plä­ne aufs Kin­der­krie­gen – zeu­gen könn­te man sie eh nicht, weil man sich ja auf die Tür­klin­gel kon­zen­trie­ren muss. Man ver­sucht zu lesen, aber jede Bewe­gung des Fahr­stuhls lenkt einen wie­der ab: Hält er in mei­ner Eta­ge? Ent­steigt ihm der Bote des Glücks?

So ver­bringt man gan­ze Tage mit War­ten. Der Hass auf das Trans­port­un­ter­neh­men droht auch auf das ver­schick­te Objekt abzu­fär­ben. Man erwischt sich dabei, wie man auf dem Boden liegt und die Zei­ger der Wand­uhr anstarrt, als sei­en sie vom Aus­ster­ben bedroh­te Tie­re, die im hei­mi­schen Gar­ten den Art­erhalt ver­su­chen. Jetzt bloß nicht stö­ren, sonst ist alles kaputt.

Irgend­wann steht auf der Web­site nicht mehr „Unter­wegs“, son­dern „Aus­nah­me: Inter­ne Akti­on“, was für einen Moment den Anschein des Beson­de­ren, Aus­er­wähl­ten hat. Dann begreift man, dass man wie­der mal Pech gehabt hat mit einem die­ser Unter­neh­men und dass die Aus­wahl jetzt immer gerin­ger wird und man bald Ein-Euro-Kräf­te mit der Abho­lung erwünsch­ter Din­ge an ihrem Pro­duk­ti­ons­ort beauf­tra­gen muss. Oder war­um nicht gleich selbst nach Chi­na rei­sen? Da rei­sen doch jetzt alle hin und es soll so span­nend sein. Ande­rer­seits sind da natür­lich Tibet, die Men­schen­rech­te und die Pres­se­frei­heit, die es einem schwer machen, in das Land zu rei­sen, in dem die sehn­süch­tig erwar­te­ten Waren pro­du­ziert wer­den.

Tage kom­men und gehen und irgend­wann kommt man auf dum­me Gedan­ken:

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Was ich eigent­lich nur sagen woll­te: seit ges­tern Abend ist mein Mac­Book da!

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Leben Politik

I’m With Stupid

Abizeitungs-Verkauf anno 2002

Ich habe ein NRW-Abi. Das allei­ne ist oft genug Grund für Hohn und Spott, den man sich von Men­schen anhö­ren muss, die in ihrer Schu­le alles, außer Hoch­deutsch gelernt haben.

Das Abitur nord­rhein-west­fä­li­scher Gym­na­si­en hat­te einen Ruf, der nur mar­gi­nal bes­ser ist als der von ukrai­ni­schen Stein­pil­zen in den 1980er Jah­ren oder der von Fran­jo Pooth heu­te. Das lag vor allem an einer desas­trö­sen Schul­po­li­tik, die die SPD über Jahr­zehn­te betrie­ben hat­te – wobei das irgend­wie schon zu akti­visch klingt: die Schul­po­li­tik war eher irgend­wie gesche­hen. Die zur Zeit mei­nes Abitur zustän­di­ge Schul­mi­nis­te­rin Gabrie­le Beh­ler war so unbe­liebt, dass unser Phy­sik­leh­rer bei Ver­su­chen zur Flug­bahn von Dart­pfei­len vor­schlug, die Ziel­schei­be mit einem Foto der Minis­te­rin zu bekle­ben.

Nach­dem man in NRW all­ge­mein zu der Ein­sicht gelangt war, dass die rot-grü­ne Lan­des­re­gie­rung ein kaum repa­rier­ba­res und vor allem nicht zu über­bie­ten­des Desas­ter ange­rich­tet hat­te, ent­schied man sich im Mai 2005 dazu, einer neu­en, schwarz-gel­ben Lan­des­re­gie­rung die Gele­gen­heit zu geben, das Desas­ter eben doch noch zu über­bie­ten. War Ger­hard Schrö­der 1998 mit der Ansa­ge ins Kanz­ler­amt ein­ge­zo­gen, er wer­de nicht alles anders machen, aber vie­les bes­ser, hieß es bei CDU und FDP plötz­lich: alles anders, aber nichts bes­ser.

Da Bun­des­län­der mit Zen­tral­ab­itur bei Tests bedeu­tend bes­ser abge­schnit­ten hat­ten, brauch­te NRW plötz­lich auch eines – und zwar sofort und ohne wei­ter groß dar­über nach­zu­den­ken. Das ers­te Zen­tral­ab­itur im Jahr 2007 litt unter feh­ler­haf­ten Auf­ga­ben­stel­lun­gen und ande­ren „Kin­der­krank­hei­ten“, wie es ger­ne bei schlecht ange­lau­fe­nen Neu­hei­ten heißt. Aber 2008, da soll­te alles bes­ser wer­den (und ver­mut­lich man­ches anders).

Es ist, Sie ent­neh­men es mei­ner umständ­li­chen Anmo­de­ra­ti­on, alles noch viel, viel schlim­mer gekom­men. „Spie­gel Online“ hat die gröbs­ten Schnit­zer in den Fra­ge­stel­lun­gen zusam­men­ge­stellt und berich­tet von einer Schu­le, wo von 84 Abitu­ri­en­ten 74 in die Nach­prü­fung müs­sen. Da ist man wirk­lich froh, wenn man sein Doo­fen-Abi schon hat.

Eine Schü­le­rin aus einem Eng­lisch-LK wird mit den fol­gen­den Wor­ten zitiert:

„Mei­ne Leh­re­rin mein­te, das lie­ge nur dar­an, dass sie die Ant­wor­ten vom Minis­te­ri­um als Vor­la­ge neh­men muss“, sagt Desi­ree, „sonst hät­te ich 13 Punk­te von ihr bekom­men – weil ich einen rich­ti­gen, aber ande­ren Gedan­ken­gang hat­te als das Minis­te­ri­um.“

Und wäh­rend die Lan­des­schü­ler­ver­tre­tung wenigs­tens eine Ent­schul­di­gung von Schul­mi­nis­te­rin Bar­ba­ra Som­mer for­dert, kün­digt die wei­te­re Refor­men an, mit denen sie die Eigen­ver­ant­wor­tung der Schu­len stär­ken will. Dass ich Eigen­ver­ant­wor­tung und Zen­tral­ab­itur für irgend­wie wider­sprüch­li­che Kon­zep­te hal­te, liegt ver­mut­lich an mei­nem NRW-Abitur.

Kom­men wir zum Schluss noch zu mei­ner Lieb­lings­pas­sa­ge aus dem SpOn-Arti­kel, vor deren Lek­tü­re ich Sie aller­dings bit­ten muss, kurz zu über­prü­fen, ob die Tisch­plat­te, in die Sie gleich bei­ßen wer­den, auch ihre eige­ne ist:

Bei einer Päd­ago­gik-Auf­ga­be zu Sig­mund Freud hat­ten die Autoren aus „Gefüh­len, die uns bewusst sind“, ein „unbe­wusst“ gemacht und so den Sinn ins Gegen­teil ver­kehrt. Bar­ba­ra Som­mer: „Rück­mel­dun­gen haben erge­ben, dass vie­le Schü­ler auch schon vor der Kor­rek­tur­mit­tei­lung das ‚un‘ über­le­sen haben und den Satz rich­tig ver­stan­den hat­ten.“

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From Despair To Where

Weil’s ja in der gro­ßen Koali­ti­on im Moment mal wie­der am Kri­seln ist, dach­te man sich bei derwesten.de, dem Inter­net­por­tal der WAZ-Grup­pe: „Da machen wir doch mal ’ne Umfra­ge mit der soge­nann­ten Sonn­tags­fra­ge.“

Etwas über­rascht dürf­ten wohl nicht nur die Mit­ar­bei­ter vom bis­he­ri­gen Ver­lauf die­ser Abstim­mung sein:

Die Leser von derwesten.de wünschen sich eine linke Bundesregierung

[Screen­shot am 30. Mai 2008 um 14:15 Uhr]