Die theatralische Sendung

Von Lukas Heinser, 27. Juni 2008 3:45

Auf eine ersehnte Paket-Lieferung zu warten dürfte das Ermüdendste sein, was auf diesem Planeten möglich ist: Man sitzt zuhause und wartet, dass es endlich klingelt. Mit irgendwelchen Arbeiten traut man sich nicht zu beginnen, denn es könnte ja jederzeit soweit sein und dann will man das Paket natürlich sofort in Empfang nehmen, auspacken und dem Inhalt seine volle Aufmerksamkeit widmen. Es ist wieder wie früher in der Zeit zwischen Hausaufgaben fertig haben und drei Uhr, wenn die Freunde endlich zum Spielen kommen; wie der Nachmittag des 24. Dezember, nur ohne Michael Schanze. Irgendwann traut man sich nicht mehr auf die Toilette und steht dafür sofort am Fenster, wenn man ein Auto anhalten hört. Auf dem Parkplatz unseres Wohnheims halten sehr viele Autos an.

Nicht besser wird das alles, wenn man im Internet nachverfolgen kann, wo das Paket gerade ist. So weiß man, dass es geschlagene 76 Stunden irgendwo in Köln gelagert hat. So lange Köln – das wünscht man kaum seinem ärgsten Feind, außerdem hätte man selbst in dieser Zeit mit einem Auto nach Köln fahren und vermutlich sogar wieder herausfinden können. Und dann ist es in der Nacht nach Apeldoorn in die Niederlande gebracht worden, was etwa drei Mal so weit weg von Köln ist wie der Zielort Bochum – aber immerhin in einer ähnlichen Himmelsrichtung. Man lernt, dass „Unterwegs“ auch in einem abstrakten, eher philosophischen Sinn gemeint sein kann: in einem Schwebezustand zwischen den Orten, auf einem Weg, der das Ziel ist.

In der Zwischenzeit liest man von den Schicksalsschlägen anderer Menschen, deren Sendungen im australischen Versandwesen einfach so … Entschuldigung: versanden. Das hebt nicht gerade die Hoffnung, in den nächsten Tagen noch was zu Essen zu bekommen, denn zum Supermarkt wegtrauen kann man sich auf keinen Fall, da der Zusteller ja nur auf diesen Moment wartet. Bleibt man aber zuhause, bleibt er natürlich einfach weg.

Das Warten auf eine Lieferung ist für Männer das, was das Warten auf einen Rückruf für (heranwachsende) Frauen ist. Vermutlich hat die Natur diese Institution als Generalprobe geplant: um zu überprüfen, ob der Mann den seelischen Belastungen einer herannahenden Geburt gewachsen wäre. Man stellt fest, dass man es nicht wäre und verwirft alle Pläne aufs Kinderkriegen – zeugen könnte man sie eh nicht, weil man sich ja auf die Türklingel konzentrieren muss. Man versucht zu lesen, aber jede Bewegung des Fahrstuhls lenkt einen wieder ab: Hält er in meiner Etage? Entsteigt ihm der Bote des Glücks?

So verbringt man ganze Tage mit Warten. Der Hass auf das Transportunternehmen droht auch auf das verschickte Objekt abzufärben. Man erwischt sich dabei, wie man auf dem Boden liegt und die Zeiger der Wanduhr anstarrt, als seien sie vom Aussterben bedrohte Tiere, die im heimischen Garten den Arterhalt versuchen. Jetzt bloß nicht stören, sonst ist alles kaputt.

Irgendwann steht auf der Website nicht mehr „Unterwegs“, sondern „Ausnahme: Interne Aktion“, was für einen Moment den Anschein des Besonderen, Auserwählten hat. Dann begreift man, dass man wieder mal Pech gehabt hat mit einem dieser Unternehmen und dass die Auswahl jetzt immer geringer wird und man bald Ein-Euro-Kräfte mit der Abholung erwünschter Dinge an ihrem Produktionsort beauftragen muss. Oder warum nicht gleich selbst nach China reisen? Da reisen doch jetzt alle hin und es soll so spannend sein. Andererseits sind da natürlich Tibet, die Menschenrechte und die Pressefreiheit, die es einem schwer machen, in das Land zu reisen, in dem die sehnsüchtig erwarteten Waren produziert werden.

Tage kommen und gehen und irgendwann kommt man auf dumme Gedanken:

[Direktlink]

Was ich eigentlich nur sagen wollte: seit gestern Abend ist mein MacBook da!

19 Kommentare

  1. critter
    27. Juni 2008, 5:53

    Springt man in Bochum in solchen Situationen nicht üblicherweise aus dem Fenster?

    Mein UPS-Laptop kam übrigens 3 Tage zu früh. =)

  2. moritz
    27. Juni 2008, 9:06

    wunderschönes video. und ein finn-poster! der typ macht alles richtig.

  3. STU
    27. Juni 2008, 9:42

    Wow, du konntest deinen Hass sogar noch aufrecht erhalten, als das Paket schon da war! Ich bin dann immer betäubt von Endorphinen.

  4. Lukas
    27. Juni 2008, 10:17

    @critter: Sehr witzig. Wahrscheinlich hätte es noch zwischen Absprung und Landung (Aufschlag) geklingelt.

    @STU: Am letzten Tag war’s kein Hass mehr, eher amüsierte Fassungslosigkeit.

    Und die Endorphine kamen dann beim Auspacken.

  5. Felix
    27. Juni 2008, 12:29

    Na also. Wusst ichs doch, dass da noch ein Blog-Eintrag kommt zu diesem Thema.

    Aber Lukas: Hat der UPS-Affe das Paket etwa aus knapp 30 cm auf deine Fußmatte fallen lassen?

  6. euphoriefetzen
    27. Juni 2008, 12:30

    spuckst du vom balkon?
    außerdem traust du dich musik zu hören während du aufs klingeln wartest. echt mutig. ,)

  7. MaBU
    27. Juni 2008, 13:37

    Ohhhh… Finn im Hintergrund! Also: Plakat oder so.
    Mir geht grad das Herz auf :)

  8. the Geek
    27. Juni 2008, 15:03

    Sehr cooles Video.
    Beeindruckend, wie Du die Fassung behälst, als dass Mac endlich da ist. Nach diesem Martyrium des endlosen Wartens hätte doch eigentlich ein erlösendes Schluchzen anfangen müssen, gefolgt von einer Umarmung des UPS-Mannes mit den Worten „Danke. Ich bin so glücklich. Ich muss jetzt aufs Klo“. Alternativ hättest Du ihm natürlich auch wegen erhöhter Grausamkeit deinen Kampfhund vorstellen können – geht natürlich nur, wenn Du einen Kampfhund hast.

  9. Lukas
    27. Juni 2008, 15:11

    Das war keine Fassung, das war reine körperliche Erschöpfung. Immerhin war ich (was rausgeschnitten ist) nach dem zweiten Klingeln in Panik die vier Treppen hinuntergestürzt, um den Boten nötigenfalls vor der Tür abzufangen (der Türöffner hätte ja kaputt sein können).

    Und während der Bote mit dem Paket im Fahrstuhl fuhr, stürzte ich die vier Treppen wieder hinauf.

  10. the Geek
    27. Juni 2008, 15:29

    Jetzt kann ich endlich mal damit angeben, dass ich in dem wahrscheinlich einzigsten mehrgeschössigen Wohnheimshaus in Stuttgart wohne, dass keinen Fahrstuhl hat. Tja, sowas kann mir nicht passieren.

    By the way: Ich suche nach einem Ort für ein Masterstudium in Wirtschaftsinformatik kann man Bochum empfehlen?

  11. iolanthe
    27. Juni 2008, 16:14

    Schöner Text und noch schöneres Video.
    Und ich fühle mich mit meinem im Laden abgeholten Aldi-Laptop mal wieder etwas nackt. Aber welcher normale Mensch kann und will sich schon so ein MacBook leisten? (*neid*)

  12. Manniac
    27. Juni 2008, 16:17

    Und bei dem Happy End sind mir wirklich ein paar Traenen der Ruehrung auf den Pulli geflossen.
    So sollten alle Versandaktionen enden.
    ALLE.

  13. Jens
    27. Juni 2008, 19:14

    Wunderbar. :)

    Mit welchem Programm wirst Du denn demnächst Coffee & TV-Videos erstellen?

  14. Markus
    27. Juni 2008, 19:31

    Also ich persönlich finde das Warten auf einen Telekom-Mann wesentlich schlimmer und deren Aussagekräftigen Zeitfenster (zw. 8 und 16 Uhr).

    In manchen Situationen ist natürlich auch das warten auf den Pizza-Lieferservice äußerst nervenaufreibend.

  15. Jens
    27. Juni 2008, 19:46

    @Markus:
    Inzwischen haben die andere Zeitfenster. Ich hab letztens mal so ’nen Terminzettel von der Telekom gesehen und da standen drei Optionen (8-11, 11-14, 14-17 Uhr?) drauf.

  16. Lukas
    27. Juni 2008, 20:55

    @Jens (19:14 Uhr): Wenn ich auf dem MacBook schneide, dann mit iMovie. Ich lasse den PC mit den etwas kräftigeren Programmen aber erst mal stehen.

    @theGeek: Mit Wirtschaftsinformatik kenne ich mich nicht aus, aber als Studentenstadt finde ich Bochum großartig.

    @Markus: Pah! Das sehr präzise Zeitfenster von UPS lautet 9 bis 19 Uhr. Das sind zwei Stunden mehr!!!!1

  17. Kathrin
    28. Juni 2008, 2:09

    @iolanthe: wenn man Student ist, sind die Macs ja nicht so teuer, wie immer alle denken. Bochumer AppleOnCampus-Preis für das günstigste MacBook: 870 Euro. Finde ich nicht zu viel, wenn man die Preise anderer Hersteller für Laptops mit ähnlicher Ausstattung vergleicht.

  18. polaroidmemories.de » Blog Archive » Die theatralische Sendung reloaded
    7. November 2008, 11:11

    […] dass UPS liefert, und nicht, wie erhofft, TNT. Hoffe mal sehr, dass es mir nicht so ergeht wie Lukas mit seiner UPS-Sendung… Besonders gespannt bin ich vor allem, ob ich das Gerät am Montag tatsächlich auch […]

  19. Coffee And TV: » Vom Apfel und der Schlange
    23. Dezember 2009, 12:13

    […] Sommer des letzten Jahres kaufte ich mir ein MacBook — weil ich mit Windows immer unzufrieden und bei vorherigen Arbeiten an Macs einigermaßen […]