Der Weg ist das Ziel

Von Lukas Heinser am Freitag, 1. August 2008 19:43
Kategorie: Auf Achse, Somebody Told Me

Arnhem Central

Ich war ja in Amsterdam. Das Hinkommen war allerdings ein bisschen knifflig, das Wegkommen noch mehr.

Und das kam so:

Am Mittwoch, 23. Juli Uhr bestieg ich um 09:35 Uhr in Oberhausen den ICE International 226 nach Amsterdam – dort sollte er allerdings nie ankommen, da kurz vor Utrecht allen Fahrgästen per Durchsage mitgeteilt wurde, der Zug werde heute nur bis Utrecht fahren. Etliche Leute mussten mit ihrer Arbeit aufhören, die sie sich für die 110-minütige Fahrt vorgenommen hatten (ich nur mit dem Gucken von DVDs), die Familie am Nebentisch, die sich auf einem Tagesausflug nach Amsterdam befand, begann ihr Besuchsprogramm im Geiste zusammenzustreichen. In Utrecht wurde unser Zug sofort nach Einfahrt zu einem ICE nach Frankfurt (Main) umdeklariert, der allerdings auch schon einiges an Verspätung hatte. Außerdem hätte er eigentlich aus Amsterdam abfahren sollen und eben nicht aus Utrecht. Wir aber stiegen in einen niederländischen Intercity (was ungefähr unseren Regionalexpressen entspricht) und kamen mit etwa 25 Minuten Verspätung in Amsterdam an.

Am Freitag, 25. Juli sollte der ICE International Richtung Frankfurt um 18:34 Uhr in Amsterdam Centraal losfahren. Eine dreisprachige Durchsage informierte mich und die anderen Fahrgäste darüber, dass der Zug heute erst ab Arnhem fahren werde – wir mögen bitte mit dem Intercity um 18:22 Uhr bis dort fahren. Man machte sich Sorgen, ob wir den ICE denn in Arnhem überhaupt erreichen würden – erst spät kamen Durchsagen, dass der ICE dort auf uns warten würde.

Er hätte nicht warten brauchen, denn wir erreichten Arnhem so, dass ein Wechsel in den dort für 19:37 Uhr eingeplanten ICE problemlos möglich gewesen wären – allein der ICE war nicht da. Er wende gerade, erklärte das ebenfalls wartende DB-Bordpersonal. Schließlich konnten wir ihn alle sehen, aber er kam nicht, weil vorher noch mehrere Regional- und Güterzüge den Bahnsteig passieren mussten. Mütter brachen vor ihren Familien in Tränen aus, Studenten mit Interrailtickets (für die es sich offenbar auszahlt, mit den Lehren des Zen-Buddhismus vertraut zu sein) überschlugen grob, ob sie Salzburg noch vor der Wiederkehr Christi erreichen würden.

Als der Zug schließlich einfuhr gab es tumultartige Szenen, wie man sie sonst nur aus Zombiefilmen der 1970er Jahre kennt. Mit vierzig Minuten Verspätung fuhr der ICE schließlich aus Arnheim los – und kam nach wenigen Minuten wieder zum Stehen. Von den ersten vierzig Minuten nach der Abfahrt verbrachten wir insgesamt 24 Minuten auf offener Strecke stehend, weil die langsamen Güterzüge, die wir im Bahnhof Arnhem noch hatten an uns vorbeifahren sehen, nun direkt vor unserem ICE waren. Ich begann zu ahnen, dass die wirklich anspruchsvollen Aufgaben der Diplomatie eher mit grenzübergreifendem Schienenverkehr zu tun hatten und weniger mit Atombomben und Gefangenenaustauschen.

In den Durchsagen wurde den Reisenden vage in Aussicht gestellt, dass ihre Anschlusszüge auf sie warten könnten – was eine völlige Sprengung des Fahrplans in halb Mitteleuropa zur Folge gehabt hätte. Auf Deutsch und Holländisch (schade für die vielen Amerikaner) wurde schließlich angekündigt, dass es für jeden Fahrgast ein kostenloses alkoholfreies Getränk gebe. Bis Oberhausen schaffte es unser Zug noch auf beeindruckende 73 Minuten Verspätung – bei 110 Minuten geplanter Reisezeit, wohlgemerkt.

Man muss sich folgendes noch mal vor Augen halten:

  • Der ICE nach Amsterdam fuhr am Mittwoch Mittag nur bis Utrecht.
  • Der ICE aus Amsterdam fuhr am Mittwoch Mittag erst ab Utrecht.
  • Der ICE aus Amsterdam fuhr am Freitag Abend erst ab Arnhem.
  • Der ICE nach Amsterdam fuhr am Freitag Abend offenbar nur bis Arnhem.

Bei dieser Summe von Einzelfällen innerhalb eines sehr überschaubaren Zeitrahmens klopft natürlich schon die Frage an, ob es eigentlich eher die Ausnahme oder die Regel ist, dass die ICEs auf dieser Strecke bis zu ihrem geplanten Ziel bzw. von ihrem geplanten Start fahren.

Bei der Deutschen Bahn AG war man bisher nicht Willens und/oder in der Lage, mir diese Frage zu beantworten hat man ausführlich auf meine Frage geantwortet. Nachzulesen hier.

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8 Kommentare

  1. 1

    Oh ja, wer kennt das nicht: Spaß mit der Bahn … *g*

  2. 2

    Ich bim schon öfters (von Frankfurt) mit dem ICE nach Amsterdam gefahren. Meiner Erinnerung nach fährt der immer über Oberhausen. Erstens bin ich immer in Amsterdam angekommen und zweitens fast pünktlich. Bei der Rückfahrt bin ich aber zweimal in Frankfurt Flughafen “gestrandet”, anstatt bis nach Frankfurt HBf. zu kommen…

  3. 3

    Das passiert öfters. Mir zum Beispiel:

    teil 1: http://www.uiuiuiuiuiuiui.de/?p=1445
    teil 2: http://www.uiuiuiuiuiuiui.de/?p=1446
    teil 3: http://www.uiuiuiuiuiuiui.de/?p=1448

  4. 4

    Ich muß mal ein wenig die DB in Schutz nehmen, die Probleme sind zum größtem Teil die Schuld der Holländischen Staatsbahn. Es werden gleichzeitig mehre Hauptstrecken in Holland neugebaut. Kreuzungspunkt dieser Strecken ist natürlich im zentralistische Bahnsystem Hollands Amsterdam Centraal. Bei der Planung der Baustellen und deren Auswirkungen stellen sich die Holländer leider noch dämlicher an als die DB in Deutschland, so daß seit Jahren Chaos besteht. Informationen der Holländischen Bahn zu Strecken und Abfahrtzeiten sind dabei grundsätzlich als “ohne Gewähr” zu betrachten.,

  5. 5

    Wenn man die völlig überflüssige Drogenkontrolle – ich war vielleicht leicht verkatert – weg lässt, ist meine Amsterdam-Hannover-Fahrt völlig entspannt verlaufen.

    Und eines sollte auch gesagt werden, bei allen evtl. Umständen, Amsterdam kann so einiges. Lohnt sich!

  6. 6

    @Christian: Interessant zu wissen.

    (Wenn endlich mal jemand das Plug-In zum Hervorheben von Kommentaren schreiben würde, wäre Deiner ein sicherer Kandidat.)

    @Manuel: Fünf Minuten Spielraum bei einem Bewerbungsgespräch einzubauen bei einer grenzüberschreitenden Eisenbahnfahrt ist aber auch schon etwas tollkühn!

  7. 7

    Gut zu wissen. Wenn das mit dem grenzüberschreitenden Zugverkehr in Europa so schwierig ist, dann überlege ich mir nochmal den für dieses Jahr geplanten Ausflug nach Strassburg…

  8. 8

    @the Geek
    Straßburg dürfte relativ unproblematisch sein, weil es aus Bahn-Sicht eher einen Grenzbahnhof, als einen im Hinterland darstellt. Insofern ist eine Fahrt dorthin nicht wirklich “grenzüberschreitend”

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