Kategorien
Musik

Hörsturz 2008

Wir befin­den uns in dem Zeit­raum, den Men­schen, die auch vor For­mu­lie­run­gen wie „zum Blei­stift“ oder „ich bin nie­mand, der sich hin­stellt und sagt …“ nicht zurück­schre­cken, als „zwi­schen den Jah­ren“ bezeich­nen wür­den. Für mich ist dies immer eine Zeit höchs­ter nerv­li­cher Belas­tung, was nur zu einem gerin­gen Teil dar­an liegt, dass ich auf das Jahr und sei­ne zahl­rei­chen Rück­schlä­ge und Nie­der­la­gen zurück­schau­en muss, und zu einem gro­ßen Teil dar­an, dass ich mich selbst zwin­ge, alber­ne Lis­ten mit den bes­ten Songs und Alben des Jah­res zu erstel­len.

Die­se wer­den erfah­rungs­ge­mäß noch ein wenig auf sich war­ten las­sen (und fünf Minu­ten nach Ver­öf­fent­li­chung als völ­lig falsch und ahnungs­los ver­wor­fen wer­den), aber eine ande­re Lis­te kann ich ja schon mal aus dem Hand­ge­lenk schüt­teln: das Worst Of. (Falls zufäl­li­ger­wei­se Ihr Lieb­lings­song dabei sein soll­te: Die Lis­te ist natür­lich streng sub­jek­tiv und mei­ne Hits des Jah­res wer­den Ihnen bestimmt auch nicht gefal­len.)

Mein Pro­blem bei der Benen­nung der schlimms­ten Songs des Jah­res ist aber fol­gen­des: ich höre (außer an Spiel­ta­gen der Fuß­ball­bun­des­li­ga) kein For­mat­ra­dio. Die meis­ten Songs der Jah­res­charts sind mir (zumin­dest dem Titel nach) unbe­kannt und „I Kissed A Girl“ habe ich ein­fach nicht oft genug gehört, um das Lied von „nett“ auf „schei­ße“ run­ter­zu­stu­fen.

Dass es trotz­dem ein paar Songs geschafft haben, mir nega­tiv auf­zu­fal­len, spricht also defi­ni­tiv gegen sie:

5. Leo­na Lewis – Run
Nein, ich hät­te es erst­mal nicht für mög­lich gehal­ten, dass es mög­lich wäre, einen Snow-Pat­rol-Song zu über­frach­ten. Nor­ma­ler­wei­se gibt die Band selbst ja schon alles, um auf bis zu zehn Bono zu kom­men. Aber was Gary Light­bo­dy man­gels Jodel­di­plom nicht schafft, gelingt der „X Factor“-Gewinnerin Leo­na Lewis spä­tes­tens nach drei Minu­ten: sie singt eine für unzer­stör­bar gehal­te­ne Num­mer in Grund und Boden. Men­schen, die sol­che Stim­men ertra­gen, ohne an die ganz gro­ßen Hacke­beil­chen im hei­mi­schen Mes­ser­block zu den­ken, sind mir suspekt.
(Wie man trotz Cas­ting­show, Über­per­for­mance und Orches­ter einen Song nicht kaputt kriegt, zeigt Alex­an­dra Bur­ke mit Leo­nard Cohens „Hal­le­lu­jah“ – ande­rer­seits kann man einen Song, der von alt­tes­ta­ment­li­chen Geschich­ten und Musik­theo­rie han­delt, auch schwer­lich über­trei­ben.)

4. Revol­ver­held – Hel­den 2008
Revol­ver­held. Ein Hur­ra-Deutsch­land-Fuß­ball-Song. Natür­lich: ein ganz bil­li­ges Opfer. Ande­rer­seits auch ein schö­nes Geschenk: man konn­te das machen, was man als Deut­scher eh fast immer macht (also sich für sei­ne Her­kunft schä­men), und „Wir wer­d’n Euro­pa­meis­ter“ war auch eine Fehl­pro­gno­se. Wer sich mit den Sport­freun­den Stil­ler, Revol­ver­held und Xavier Naidoo umgibt, spielt dann halt hin­ter­her wie eine Mann­schaft mit Micha­el Bal­lack, Miros­lav Klo­se und Mario Gomez.

3. Brit­ney Spears – Woma­ni­zer
Das Video … ach, spre­chen wir nicht über das Video. Muss ja jeder selbst wis­sen, wie weit er sich ernied­ri­gen lässt – viel­leicht schreibt Froll­ein Spears ja nächs­tes Jahr noch für die „B.Z.“. Die Stro­phen ver­spre­chen ja auch noch einen durch­aus net­ten Flo­or­fil­ler, der zwar eher nach 2006 als nach 2008 klingt, aber halt was trotz­dem funk­tio­nie­ren könn­te. Nur hat irgend­ein Idi­ot im Stu­dio ver­ges­sen, einen Refrain ein­zu­fü­gen (das ist der Teil des Lie­des, der immer wie­der kommt und den alle mit­sin­gen kön­nen). Und eine Melo­die, die über einen Umfang von drei Tönen nicht hin­aus­kommt, müss­te schon sehr cat­chy sein, um zu funk­tio­nie­ren. Die hier gewähl­te nervt lei­der nur.

2. Kid Rock – All Sum­mer Long
Die Idee, einen der aus­ge­lutsch­tes­ten Top-40-Radio-Songs zu samplen, könn­te unter Umstän­den wit­zig sein – oder tie­risch schief gehen. „Wir waren jung, haben viel getrun­ken und den Som­mer durch­ge­fei­ert“ ist ein The­ma, mit dem man mich nor­ma­ler­wei­se (Bruce Springsteen, The Ata­ris, A) schnell begeis­tern kann. Aber – Ent­schul­di­gung – Kid Rock geht gar nicht und die­ses Lied rei­tet so lan­ge auf andert­halb net­ten Ideen rum, bis auch der letz­te Kegel­bru­der mit­schun­kelt. Wenn sich Atze Schrö­der nächs­tes Jahr an „Mar­mor, Stein und Eisen bricht“ ver­grif­fe – es könn­te kaum noch schlim­mer sein.

1. Amy Mac­Do­nald – This Is The Life
Ja, ja: Pete Doh­erty und Fran Hea­ly fin­den die Frau ganz toll. Aber ich kann mir nicht hel­fen: seit dem ers­ten Hören klingt „This Is The Life“ für mich, als ob Dolo­res O’Rior­dan von den Cran­ber­ries den Ket­chup-Song singt. Das ist so bie­de­rer Folk­pop, dass mei­ne Füße ein­schla­fen, noch bevor sie den dumpf vor sich hin schnau­fen­den Beat auf­neh­men kön­nen. Hät­te ich einen eige­nen Plat­ten­la­den, fän­den Sie Amy Mac­Do­nald in dem Fach mit der Auf­schrift „Musik für Men­schen, die sonst kei­ne Musik hören“.

Kategorien
Uncategorized

War is over (If you want it)

Weih­nach­ten ist ja das Fest, zu dem man für einen Moment auch mal ein biss­chen ver­söhn­lich wer­den soll­te.

Und weil es gera­de so schön passt und sel­ten genug vor­kommt, möch­te ich mich heu­te mal voll­in­halt­lich der „Rhei­ni­schen Post“ anschlie­ßen:

Wir wünschen unseren Lesern frohe und gesegnete Weihnachten - Verlag und Redaktion

Zur Fei­er des Tages hier noch mein Lieb­lings­weih­nachts­lied aus mei­nem Lieb­lings­weih­nachts­film:

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

[Direkt­mup­pets]

Kategorien
Print

Houston, wir haben eine Herausforderung

Manch­mal stol­pert man über Tex­te, die erschei­nen einem auf den ers­ten Blick wirr. Dann liest man sie noch­mal und fragt sich, was einem der Autor damit sagen woll­te. Beim drit­ten Lesen wüss­te man dann ger­ne, ob da nicht viel­leicht der Hus­ten­saft abge­lau­fen war.

Lesen Sie die fol­gen­den Zei­len also ruhig mehr­fach:

Die Kanz­le­rin spricht nicht von Welt­schmerz, dem schö­nen Begriff des baye­ri­schen Dich­ters Jean Paul. Sie wählt statt des Ger­ma­nis­mus’ den Angli­zis­mus „Her­aus­for­de­rung“. Alles, was für den Deut­schen ein Pro­blem ist, nennt der US-Ame­ri­ka­ner Her­aus­for­de­rung. Das ist die Wur­zel des „Yes-we-can“-Optimismus’ eines Barack Oba­ma. Der Deut­sche stellt sich natur­ge­mäß der Her­aus­for­de­rung, die ihm eben­so natür­lich zur Her­ku­les­auf­ga­be gerät. Das ist die Wur­zel des „No we can’t“-Pessimismus’ der deut­schen Kanz­le­rin.

Beim Ver­ständ­nis die­ser Pas­sa­ge ist weder der Kon­text hilf­reich noch die fol­gen­de Erklä­rung zur Per­son des Ver­fas­sers Georg Than­scheidt:

Der Autor ist stell­ver­tre­ten­der Chef­re­dak­teur der AZ

[via Bre­mer Sprach­blog]

Kategorien
Gesellschaft

Weihnachtsgrüße aus Rom

Über­ra­schen­de Weih­nachts­grü­ße errei­chen uns von der Römisch-Katho­li­schen Kir­che. 1

Bene­dikt XVI. hält an sei­nem Plan fest, zu jedem hohen Fei­er­ta­ge eine Bevöl­ke­rungs­grup­pe zu ver­grät­zen. Nach Juden und Mus­li­men hat er sich jetzt die Homo­se­xu­el­len vor­ge­nom­men:

Der Papst sag­te, die Mensch­heit müs­se auf „die Spra­che der Schöp­fung“ hören, um die von Gott vor­ge­se­hen Rol­len von Mann und Frau zu ver­ste­hen. Er bezeich­ne­te Ver­hält­nis­se jen­seits von tra­di­tio­nel­len hete­ro­se­xu­el­len Bezie­hun­gen als „Zer­stö­rung von Got­tes Werk“.

Einen Höchst­wert auf der Eva-Her­man-Ska­la für ver­schro­be­ne Gedan­ken­gän­ge sicher­te sich der Papst dann mit die­sem Satz:

„Die Regen­wäl­der haben ein Recht auf unse­ren Schutz“, zitiert die Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters das Ober­haupt der katho­li­schen Kir­che wei­ter, “ Aber der Mensch als Krea­tur hat nicht weni­ger ver­dient.“

Fas­zi­nie­ren­der­wei­se ver­hält es sich mit dem Papst da so ein biss­chen wie mit Bushi­do: Ihn allei­ne kann man mit der nöti­gen Distanz noch ertra­gen, aber schlimm wird es, wenn sei­ne Anhän­ger hin­zu­kom­men.

Ste­fan Nig­ge­mei­er hat neu­lich in einem ande­ren Zusam­men­hang auf kreuz.net auf­merk­sam gemacht, ein „Nach­rich­ten­por­tal“, das jeden auf­ge­klär­ten Men­schen erst ein­mal stau­nen macht. Christ­li­cher Extre­mis­mus ist auch im 21. Jahr­hun­dert durch­aus vor­han­den – auch und gera­de im Inter­net. Als klei­ne, eini­ger­ma­ßen wahl­lo­se Kost­pro­be sei nur die­ser Arti­kel emp­foh­len, in dem es gleich um Schwu­len­hass, Jour­na­lis­ten­bas­hing und einen Nazi-Ver­gleich geht.

Aber ich möch­te mir mei­ne dann doch halb­wegs fest­li­che Stim­mung nicht von Hard­core-Exege­ten der christ­li­chen Heils­leh­re ver­der­ben las­sen und schwen­ke des­halb lie­ber um zu schö­ner Musik. Die groß­ar­ti­ge Band Niz­lo­pi hat ein Lied namens „Part Of Me“ geschrie­ben.

In dem Text heißt es unter ande­rem:

And Geor­ge Bush, Tony Blair, Emi­nem and Dr Dre
Putin, Sar­co­zy and Arnold Schwar­zen­eg­ger by the way
Amy Wine­house, Mar­ga­ret That­cher and the Pope would have to say
If they were all quite honest
That part of them is gay

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

[Direkt­link]

[via queer.de]

  1. Ich möch­te hier nicht das Ver­hält­nis zwi­schen mir und der katho­li­schen Kir­che the­ma­ti­sie­ren. Ich mag das pom­pö­se ihrer Got­tes­diens­te, ich mag den Peters­platz und ich weiß nur zu gut, wel­che rie­si­gen Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten es zwi­schen Rom und den ein­zel­nen Gemein­den vor Ort gibt. Mei­ne Ver­su­che, ande­re Reli­gio­nen und Mei­nun­gen zu respek­tie­ren, schei­tern eben regel­mä­ßig am Papst.[]
Kategorien
Uncategorized

2008: Menschen, Tiere und Frisuren

Wenn sich das Jahr dem Ende neigt (im Fern­se­hen auch schon einen Monat frü­her), wer­den die Men­schen sen­ti­men­tal und schau­en zurück. Medi­en­schaf­fen­de stei­gen in die Archi­ve und glau­ben sel­ber nicht mehr, was sie da anschlep­pen. All das gilt auch für den gro­ßen Jah­res­rück­blick von Cof­fee And TV.

Er ist – so viel kann ich ver­spre­chen – eine wider­li­che Nabel­schau, wie man sie nur in Blogs fin­det, aber es gibt auch ein Wie­der­se­hen mit lie­ben Inter­view­part­nern, alten Bekann­ten, einem Chef­re­dak­teur und einem hal­ben Dut­zend Fri­su­ren. Am Ende wer­den Sie mög­li­cher­wei­se das Wort Pathos neu buch­sta­bie­ren wol­len, aber dafür haben Sie ja in den nächs­ten Tagen hof­fent­lich auch genug Zeit.

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

[Direkt­link]

Kategorien
Musik

Deutschland, Deine Backstageräume (1)

Heu­te: Dins­la­ken, Stadt­hal­le

Wolf Maahn Libero Tour 95/96 - Aftershow

Halb zehn, sagt die zusammengegaffate Bühnenuhr

Kategorien
Print

Das ästhetische Wiesel

Ich kom­me im Moment nicht so recht zum Blog­gen, was ein biss­chen mit dem übli­chen Weih­nachts­stress zu tun hat, 1 ein biss­chen mit neu­en und alten Jobs, ein biss­chen mit Zahn­arzt- 2 und Fri­seur­be­su­chen, 3 ein biss­chen hier­mit und damit – und ein biss­chen auch mit einer Erkäl­tung, die in Sachen Rück­zug und Wie­der­kehr offen­sicht­lich in paki­sta­ni­schen Ter­ror­camps aus­ge­bil­det wur­de.

Na gut: das sind alles halb­her­zi­ge Ent­schul­di­gun­gen.

Ich möch­te Ihnen trotz­dem einen wei­te­ren Favo­ri­ten bei der Wahl zur „Über­schrift des Jah­res“ vor­stel­len. Die heu­ti­ge head­line ent­stammt der Lokal­re­dak­ti­on der NRZ in Dins­la­ken und wur­de im – für kunst­vol­le Über­schrif­ten bekann­ten – Por­tal „Der Wes­ten“ ver­öf­fent­licht:

Aale senden Signale

Die heu­ti­ge Über­schrift ist bei Chris­ti­an Mor­gen­stern geklaut.

  1. Es war ein grau­sa­mer Moment, als ich fest­stell­te, das es zwar noch sie­ben Tage bis Weih­nach­ten sind, aber nur drei­ein­halb Werk­ta­ge.[]
  2. Mei­ne Kran­ken­ver­si­che­rung erwar­tet von mir, dass ich ein­mal im Jahr zur Vor­sor­ge­un­ter­su­chung gehe. Dies geschieht meist am letz­ten mög­li­chen Ter­min.[]
  3. Herr König sagt, vor Weih­nach­ten kämen sie alle noch mal vor­bei, vom Opa bis zum Enkel, weil nie­mand von der Fami­lie hören wol­le, wie unge­pflegt man aus­se­he.[]
Kategorien
Film

Wiedersehen macht nichts

Man kann aus einem 330-Sei­ten-Roman eine elf­stün­di­ge Fern­seh­se­rie machen, so wie es mit „Wie­der­se­hen mit Bri­des­head“ von Eve­lyn Waugh 1981 gesche­hen ist. Man kann aus dem glei­chen 330-Sei­ten-Roman auch einen 133-minü­ti­gen Kino­film machen – dass dabei eini­ges auf der Stre­cke blei­ben muss, ist klar.

Die Sprün­ge sind mit­un­ter ver­wir­rend. Man­ches erklärt sich hin­ter­her in der Rück­schau, man­ches nie. Was klar ist: Im Zen­trum steht der jun­ge Stu­dent Charles Ryder (Matthew Goo­de), der – 1923 kaum in Oxford ange­kom­men – die Bekannt­schaft des schwu­len Adli­gen Sebas­ti­an Fly­te (Ben Whis­haw) macht. Die bei­den wei­chen ein­an­der nicht mehr von der Sei­te, bis Charles in Vene­dig Sebas­ti­ans Schwes­ter Julia (Hay­ley Atwell) küsst. Jah­re spä­ter ist Charles ein auf­stre­ben­der und ver­hei­ra­te­ter Künst­ler, der beim ers­ten zufäl­li­gen Wie­der­se­hen über die eben­falls ver­hei­ra­te­te Julia her­fällt, wäh­rend Sebas­ti­an alko­hol­krank in Marok­ko ver­schwun­den ist. Charles und Julia wol­len hei­ra­ten, aber dann kommt ihnen das Able­ben von Juli­as Vater dazwi­schen, der auf dem Ster­be­bett das Chris­ten­tum wie­der für sich ent­deckt. Plötz­lich ist erst die Bezie­hung vor­bei und kurz dar­auf (aber erst nach­dem Eng­land mit Deutsch­land im Krieg ist) auch der Film.

Irgend­wie haben es die Macher der Neu­ver­fil­mung geschafft, aus Eve­lyn Waughs (Wich­ti­ger Cock­tail­par­ty-Small­talk-Hin­weis: Eve­lyn war ein Mann) gefei­er­tem Roman eine Melan­ge aus Jane-Aus­ten-Fließ­band­ver­fil­mung und Rosa­mun­de-Pilcher-Fern­seh­spiel her­aus­zu­de­stil­lie­ren. Die Hand­lung wur­de bis zur Sinn­lo­sig­keit ver­flacht, dafür wur­de jede ein­zel­ne Sze­ne mit einer opu­len­ten Schein­be­deu­tungs­schwe­re auf­ge­la­den, damit auch jeder begreift, was Charles schon in der Eröff­nungs­sze­ne aus dem Off gesagt hat­te: Hier geht es um Schuld.

Außer­dem geht es um Reli­gi­on, sozia­le Unter­schie­de und immer wie­der um das titel­ge­ben­de Anwe­sen Bri­des­head, das Charles wich­ti­ger ist als jeder Mensch. Als er zum ers­ten Mal einen Som­mer dort ver­bringt, ist die sonst groß­ar­ti­ge Emma Thomp­son als Mut­ter von Julia und Sebas­ti­an damit beschäf­tigt, wie eine Lady zu wir­ken, der die gan­ze Schwe­re der Welt auf den Schul­tern unter­halb ihres Migrä­ne-geplag­ten Haup­tes las­tet. Immer­hin macht sie damit mehr als alle ande­ren Schau­spie­ler zusam­men – die ste­hen ein­fach nur an unfass­bar pit­to­res­ken Sets her­um und sagen das auf, was die Dreh­buch­au­to­ren Andrew Davies und Jere­my Brock ihren holz­schnitt­ar­ti­gen und so gut wie nie nach­voll­zieh­ba­ren Cha­rak­te­ren an Text zuge­schus­tert haben. Und weil das allei­ne noch nicht barock genug wirkt, liegt unter den Sze­nen, in denen es beson­ders dra­ma­tisch und/​oder bedeut­sam wird (also in nahe­zu jedem Moment) eine unglaub­lich schwüls­ti­ge Film­mu­sik.

„Wie­der­se­hen mit Bri­des­head“ ist eine Art Tele­no­ve­la im Pana­vi­si­on-For­mat, bei der man minüt­lich dar­auf war­tet, dass Lord und Lady Hes­keth-For­tes­cue mit Gwy­neth Moles­worth im Schlepp­tau um die Ecke kom­men. Man wird das Gefühl nicht los, dass Regis­seur Juli­an Jar­rold selbst nicht so genau wuss­te, was er mit dem Stoff anfan­gen soll­te. Sein Film kippt von der Schwu­len­ro­man­ze in eine Drei­ecks­be­zie­hung, macht dann eini­ge irri­tie­ren­de Sprün­ge durch Raum und Zeit, um sich in einer ober­fläch­li­chen Medi­ta­ti­on über Reli­gi­on und Glau­be zu ver­lie­ren. Das wirk­lich Erstaun­li­che ist, dass sich der Film bei allen Sprün­gen und ver­lo­re­nen Fäden auch noch so zieht wie eine elf­stün­di­ge Fern­seh­se­rie.

Trai­ler
Offi­zi­el­le Web­site
IMDb

Kategorien
Leben

Adolf möchte aus dem Småland abgeholt werden

Es gibt so Namen, die möch­te man ein­fach nicht haben. Neben dem gan­zen Kli­schee-Schmonz von Cin­dy, Man­dy und Jac­que­line gehört der Name „Adolf“ ganz sicher dazu. Wir hat­ten einen Leh­rer namens Adolf an der Schu­le (nach 1945 gebo­ren) und jeder kann sich die Wit­ze aus­ma­len, die puber­tie­ren­den Men­schen dazu ein­fal­len.

Was aber ist mit dem drei­jäh­ri­gen Adolf Hit­ler aus Hol­land Town­ship, NJ? Adolf Hit­ler Camp­bell, wohl­ge­merkt, denn „Hit­ler“ ist sein midd­le name.

Der wird in sei­nem Leben noch viel Freu­de haben, wenn er schon zu sei­nem Geburts­tag kei­ne Tor­te mit Namens­zug drauf bekommt.

Und falls Sie gera­de einen Mar­mor­block zur Hand haben, möch­ten Sie viel­leicht fol­gen­den Satz ein­mei­ßeln, um ihn bei wer­den­den Eltern im Freun­des­kreis (oder gar bei der eige­nen Fami­li­en­pla­nung) wie­der her­vor­zu­ho­len:

Adolf has two sis­ters, Joy­ce­Lynn Aryan Nati­on and Honszlynn Hin­ler Jean­nie.

[Mit Dank an Kat­ti für den Hin­weis]

Kategorien
Leben

Die brutale Banalität der Tragik

Heu­te saß ich in der U‑Bahn neben einem Maschi­nen­bau­stu­den­ten, der sei­nem Kum­pel berich­te­te, er wer­de wohl sein Stu­di­um schmei­ßen, falls er die anste­hen­den Klau­su­ren nicht bestehe. Aber er sei hoch moti­viert, wol­le in der ver­blie­be­nen Zeit ganz viel ler­nen und dann wer­de er das schon hin­krie­gen.

Die Selbst­be­schwö­run­gen des jun­gen Man­nes hat­ten etwas sehr Rüh­ren­des, aber irgend­wie sah ich sei­ne Chan­cen in einem Mathe­ma­tik-las­ti­gen Stu­di­en­fach deut­lich getrübt, als er vor­rech­ne­te, bis zu den Klau­su­ren Ende März sei­en es ja „noch fast vier­ein­halb Mona­te“.

Kategorien
Leben Gesellschaft

Fast ein Held

Das „Zeit-Maga­zin“ wid­met sich in sei­ner aktu­el­len Aus­ga­be dem The­men­kom­plex der „Nuller Jah­re“.

In einem Inter­view fasst der Phi­lo­soph Peter Slo­ter­di­jk zusam­men, was für ihn die Nuller aus­macht (Cas­ting Shows, die Queen Mary 2, Dau­men bei der Bedie­nung elek­tro­ni­scher Klein­ge­rä­te), er kri­ti­siert, dass der „Krieg gegen den Ter­ro­ris­mus“ aus Bür­gern „Sicher­heits­un­ter­ta­nen“ gemacht habe, und ant­wor­tet auf die Fra­ge, wer für ihn die Hel­den die­ses Jahr­zehnts sei­en:

Für mich per­sön­lich ist die Ant­wort evi­dent: die Men­schen, die bei den Sicher­heits­kon­trol­len am Flug­ha­fen aus­ge­ras­tet sind. Im Spie­gel stand neu­lich eine hüb­sche Auf­zäh­lung. Ein Pas­sa­gier hat sei­ne Rasier­was­ser­fla­sche gegen eine Schei­be gewor­fen, ein ande­rer hat eine Kon­trol­leu­rin geohr­feigt. Das sind mei­ne Hel­den, ein­sa­me Kämp­fer gegen den Sicher­heits­wahn.

Ich bin also fast ein Held im Sloterdijk’schen Sin­ne, denn ich wäre um ein Haar mal am Flug­ha­fen Chi­ca­go O’Ha­re ver­haf­tet wor­den. 1 Und das kam so:

Es begab sich im Okto­ber 2006, dass ich von Chi­ca­go nach Oak­land flie­gen muss­te. Das Wet­ter war schon beim Check-In schlecht gewe­sen und wur­de im Lau­fe des Abends immer schlech­ter. Nach und nach wur­den alle Flü­ge nach hin­ten und an ande­re Gates ver­legt – so lan­ge, bis um kurz nach Elf dann ehr­li­cher­wei­se sämt­li­che Flü­ge als „can­cel­led“ geführt wur­den. Also ver­lie­ßen ein paar Tau­send Men­schen mit Hotel-Gut­schei­nen in der Hand den Abflug­be­reich, um sich ein Nacht­la­ger zu suchen. Sämt­li­che Hotels im Umkreis waren bin­nen Sekun­den aus­ge­bucht, aber man ließ uns auch nicht mehr in den Abflug­be­reich zurück, da das Per­so­nal, das die Sicher­heits­kon­trol­len durch­füh­ren hät­te kön­nen, sei­ne Tages­schicht been­det hat­te und die nächs­te Schicht nicht vor 4:30 Uhr begin­nen wür­de.

Viele Menschen würden gerne eine Umbuchung vornehmen.

An die­ser Stel­le muss ich kurz die fast schon erschüt­tern­de Gelas­sen­heit der Ame­ri­ka­ner loben. In Deutsch­land, wo man ver­gleich­ba­re Aktio­nen etwa jeden zwei­ten Abend an den Haupt­bahn­hö­fen belie­bi­ger Mit­tel­städ­te beob­ach­ten kann, wäre es schon lan­ge unter dem Aus­tausch fra­ter­ni­sie­ren­der Kom­men­ta­re und Bli­cke zu Mob-Bil­dun­gen gekom­men. Aggres­sio­nen hät­ten sich wie üblich aus­schließ­lich an den Bediens­te­ten vor Ort ent­la­den, wäh­rend unter­ein­an­der auf „die fei­nen Her­ren da oben“ geschimpft wird.

All das gab es in Chi­ca­go nicht, dafür gab es Feld­bet­ten von Heils­ar­mee und US Army, auf denen dann eini­ge hun­dert Men­schen neben den Gepäck­ka­rus­sells im Kel­ler des Flug­ha­fens lager­ten. Es war eine Stim­mung wie beim Kir­chen­tag – nur dass man dort nicht um vier Uhr nachts von einem Drill Ser­geant der Army wach­ge­brüllt wird. Ich ver­brach­te zumin­dest einen Teil der rest­li­chen fünf Stun­den bis zum neu­en Abflug­ter­min auf dem (extrem flau­schi­gen) Tep­pich­bo­den in der Lob­by des Flug­ha­fen-Hil­tons.

Viele Feldbetten, kein Korn.

Dann woll­te ich irgend­wann zurück in den Abflug­be­reich und durch die Sicher­heits­kon­trol­len. Und dort pas­sier­te es: Weil ich eine am Vor­abend im Sicher­heits­be­reich gekauf­te und geöff­ne­te Fla­sche Mine­ral­was­ser in mei­nem Ruck­sack ver­ges­sen hat­te, schlu­gen die Sen­so­ren an. Die dazu­ge­hö­ri­ge Geschich­te war der stäm­mi­gen Dame des Sicher­heits­diens­tes herz­lich egal, sie durch­such­te mei­nen Ruck­sack mit einer eher deut­schen Akri­bie, wisch­te ihn mit einem Tuch aus, das sie dann unter einen CSI-mäßi­gen Scan­ner leg­te, um es auf Spreng­stoff-Rück­stän­de zu unter­su­chen, und hat­te ver­mut­lich unter dem Tisch schon auf einen klei­nen unauf­fäl­li­gen Knopf gedrückt.

Mein Deo­stick, der am Vor­abend kein Pro­blem dar­ge­stellt hat­te 2, wur­de kri­tisch beäugt, durf­te aber im Ruck­sack ver­blei­ben, weil er nicht flüs­sig genug war. Die Mine­ral­was­ser­fla­sche, die ich unter kei­nen Umstän­den mit hin­ein­neh­men durf­te, stand zwi­schen uns auf einem Tisch wie ein kon­fis­zier­ter Dil­do. Sie war die Plas­tik­ge­wor­de­ne Respekt­lo­sig­keit mei­ner­seits.

Also griff ich die Fla­sche und warf sie mit einer schwung­vol­len Bewe­gung an der Dame vor­bei in die dafür bereit­ste­hen­de Müll­ton­ne. Wie ein Bas­ket­ball schlug sie innen gegen den Ring und lan­de­te mit einem sehr dump­fen „Plonk!“ in dem Alu­mi­ni­um­ei­mer. Ich hat­te das Gefühl, alle ande­ren Geräu­sche im Ter­mi­nal sei­en plötz­lich ver­stummt und etwa 20.000 Augen sei­en auf mich gerich­tet. Die Frau sah mich mit einem Blick an, der „Ich könn­te Sie inner­halb einer Sekun­de töten. Mit mei­nem klei­nen Fin­ger.“ sag­te. Sie selbst sag­te: „Next time, Sir, I’m gon­na throw this away for you!“

„The­re won’t be a next time“, dach­te ich zum Glück nur und ging wei­ter. Nicht, ohne fast noch mei­ne Arm­band­uhr 3 ver­ges­sen zu haben.

Ja, so war er, mein fast-revo­lu­tio­nä­rer Moment. Hät­te ich ein biss­chen weni­ger nor­disch aus­ge­se­hen, wäre ich ver­mut­lich ver­haf­tet wor­den.

  1. Neh­me ich zumin­dest an.[]
  2. Weil er auf den Scan­ner-Bil­dern nicht zu erken­nen gewe­sen war.[]
  3. Ich tra­ge Arm­band­uh­ren nur auf Flü­gen, sonst habe ich für sowas mein Han­dy.[]
Kategorien
Rundfunk Digital

Zuschlagender Erfolg

Bei „Switch Rel­oa­ded“ wur­de Mar­cel Reich-Rani­cki ges­tern Abend von Elke Hei­den­reich mit dem „Fern­seh­le­xi­kon“ nie­der­ge­streckt:

Hier kli­cken, um den Inhalt von You­Tube anzu­zei­gen.
Erfah­re mehr in der Daten­schutz­er­klä­rung von You­Tube.

Die Idee ist gut, das Pro­duct Pla­ce­ment dahin­ter aber nicht ganz neu:


(Cof­fee And TV am 10. Juli 2008)


(Cof­fee And TV am 3. Mai 2008)


(Cof­fee And TV am 26. Sep­tem­ber 2007)

Na gut: Bei mir war es das Ori­gi­nal, nicht so ein schö­ner Nach­bau