Ein ganz besonderer Musikwunsch erreicht uns auf etwas abseitigem Weg aus den Redaktionsräumen von Bild.de:

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Nothing compares,
no worries or cares,
regrets and mistakes
they’re memories made.
Who would have known how bittersweet this would taste?
(Adele – Someone Like You)
Musikalisch machen ja gerade zwei Frauen besonders von sich reden: Einmal Lady GaGa, die letzten Freitag mit viel Bums und Rums ihre neue Single „Born This Way“ veröffentlichte, inklusive Countdown und selbst ausgerufenem (nordamerikanischen) Nationalfeiertag (#bornthiswayfriday), die sich am folgenden Sonntag in einem riesigen Plastik-Ei bei den Grammys über den roten Teppich tragen ließ – und Adele. Beide überaus erfolgreich in den Charts der westlichen Welt, verdrängt nun die eine die andere von der Nummer eins der meistverkauftesten Singles. Und doch könnten sie verschiedener nicht sein: Während Lady GaGa ihre Profession über alles stellt und Fleiß und Disziplin als Weg zum Erfolg ernennt, Authentizität predigt und einfordert und den amerikanischen Traum ein weiteres Mal bewirbt, scheint Adele zumindest zeitweise ganz anderen Prinzipien zu folgen. 2008 sagte sie kurzerhand ihre komplette Tour durch Nordamerika ab. Grund: Liebeskummer. Das wäre Lady GaGa nicht passiert.

„I was drinking far too much and that was kind of the basis of my relationship with this boy. I couldn’t bear to be without him, so I was like, ‚Well, OK, I’ll just cancel my stuff then.‘ “ Das ist natürlich alles andere als professionell und besonders gesund klingt es auch nicht, aber erstens war Adele zu der Zeit erst 20 und zweitens haben Menschen mit Gitarren und musikalischem Talent einen unbestrittenen Vorteil, wenn es ihnen schlecht geht: Um zu heilen, können sie das Leid in ein Lied kreativ nutzen. Und während Adeles erstes Album 19 irgendwie ganz nett war, ist 21, der Nachfolger, der momentan so überaus erfolgreich ist, ein episches Album, thematisch komplett auf die zerstörerische Beziehung gerichtet, und reiht sich ganz geschmeidig in eine Reihe klassischer Trennungsalben ein, soll heißen: Im Rückblick werden alle Phasen noch mal durchlebt. Die erste Verliebtheit, die schönen Momente, das Ewigkeitsgefühl. Dann die ersten Risse, Unstimmigkeiten, die erste Trennung, die Versöhnung, die Zweifel dabei, dann das zweite Ende (diesmal aber wirklich!), eine selbstauferlegte Kontaktsperre, und dann, ganz bitter: Die Nachricht, dass der immer noch geliebte Mensch in einer neuen Beziehung ist und, in Adeles Fall, sogar heiratet.
Es ist eine alte Geschichte, doch immer wieder neu. Brauchen Menschen so was? Unbedingt.
Wir leben in weltkriegslosen Zeiten, in ereignislosen Zeiten, Ägypten hin oder her. Max Goldt machte diesen Zustand einst für den Jungmännerzynismus verantwortlich, für verhärtete Herzen, zur Biografielosigkeit verdammt. Das einzige, was den meist betäubten Menschen dieser Zeiten wirklich aufbricht und verändern kann, ist oft ein ordentlicher Liebeskummer, der alle sicher geglaubten Überzeugungen raubt und alles neu denken lässt. Ist das melodramatisch? Aber sicher. Nur: Was sollte man 2011 sonst wohl tun? Adele hat, davon ist auszugehen, ein Dach über dem Kopf und genug zu essen, ist also in der Position, sich ordentlich in das Leid zu begeben und zu fühlen, was es zu fühlen gibt. Textlich hat sie sich nicht reinreden lassen, musikalisch jedoch war sie beraten von Rick Rubin (Johnny Cash, Red Hot Chili Peppers) und Paul Epworth (Plan B, Bloc Party) – das Ergebnis ist ein Album, das nebenher beim Bügeln laufen kann, textlich und musikalisch aber so groß ist, dass es als permanenter Lebensbegleiter taugt. Denn Adele hat was zu sagen.
Alle Phasen einer Trennung werden hier durchlebt: „Rollin‘ In The Deep“, die erste Single und aktuell noch Platz1 der deutschen Charts (bevor es nächste Woche von „Born This Way“ der fleißigen, authentischen, pflichtbewussten Lady GaGa verdrängt werden wird), ist in bester Alanis Morissette-Tradition sehr klar und zornig an den ehemals Geliebten gerichtet: „We could have had it all!“, aber anders als Alanis im Trennungsklassiker „You Oughta Know“, verweist Adele auf ihre Wunden, auf ihre Verletzungen, die Narben, die die Liebe hinterlassen hat – es ist Krieg, der ganz persönliche Weltkrieg. Sympathischerweise ist das Album dann auch thematisch nicht in klassische Trennungsphasen aufgeteilt, sondern schwankt von Lied zu Lied zu unterschiedlichsten, widersprüchlichsten Gefühlen – von Wut zu tiefster Trauer, zum Leugnen, zur Kultivierung der schönen Gefühlen, vom Selbsthass zur Selbstüberhöhung – gleich der zweite Track „Rumour Has It“ kommt mit einem Grundton daher, der an das Fallen von Bomben erinnert, Einschläge der Wortfetzen, die man so hört: Ich hab gehört, du liebst sie nicht mehr, verlässt sie für mich, aber haha, ich verlasse dich für ihn!
Und so geht es weiter, es wird geschluchzt und geklagt: Erinnerst du dich nicht mehr an unsere Liebe, warum du mich mal geliebt hast? („Don’t You Remember?“), wenn du gehst, dann nimmst du mich mit, dann bin gar nichts mehr („Take It All“), und so weiter. Der Höhepunkt des Album ist aber der letzte reguläre Track: „Someone Like You“, der das scheinbar endgültige Ergebnis des hin und her markiert: Der geliebte Mensch ist nun verheiratet, und es bleibt nur, ihm und der neuen Frau das allerbeste für die Zukunft zu wünschen, wenn man nicht das Gesicht verlieren will. Der Zurückgebliebenen bleibt nur das Beharren auf den eigenen Schmerz, das Zurückgewinnen der Souveränität durch das Ausrichten der besten Glückwünsche. Die Bitte, nicht vergessen zu werden, ist natürlich fürchterlich unemanzipiert und gipfelt im Trost, das man jemanden finden wird, der dem Geliebten ähnlich ist – anstatt den Kopf zu heben und zu sagen: Nee, der nächste wird sehr anders als du! Aber Liebeskummer folgt keiner Logik. Es kommt immer alles ganz überraschend und es ist immer wieder neu. Denn wer hätte je gedacht, dass das alles so bittersüß endet?
Hinzu kommt, dass Adele eine fantastische Sängerin ist, ein Beweisvideo sei hier zum Schluss eingefügt. Bitte leiden Sie mit Adele und werden ein besserer Mensch.
Vor einigen Jahren wollte ich schon einmal über die Arbeitsbedingungen von Schüler- und Jugendreportern bei Lokalzeitungen schreiben. Auslöser war damals ein … nun ja: unfassbar schlechter Artikel, den ich über die „Einslive Krone“ gelesen hatte. Ich hätte darüber geschrieben, dass die hoffnungsvollen Jüngst-Journalisten als besonders preiswerte Arbeitssklaven missbraucht werden, dass ihre Artikel unredigiert (oder ohne weitere Erklärungen redigiert) veröffentlicht werden und sie so aus ihren möglichen Fehlern nie würden lernen können. Dann stellte ich fest, dass der unfassbar schlechte Artikel von einer „WAZ“-Redakteurin geschrieben worden war, und vergaß das Thema erst mal.
Dann sind wir beim BILDblog auf den Fall einer Jugendreporterin beim Kölner „Express“ gestoßen, die es geschafft hatte, Online- und Print-Redaktion Artikel unterzujubeln, die aus Pressemitteilungen und Agenturmeldungen abgeschrieben waren. Die Fahrgestellnummer Handlungsorte hatte die Autorin ins Einzugsgebiet der Zeitung verlegt.
Ein solches Verhalten ist zweifellos völlig unjournalistisch. Aber so ein Text muss ja theoretisch auch erst mal an einer Redaktion vorbei, bevor er veröffentlicht wird. Dass „fact checking“ in den meisten deutschen Redaktionen ein Fremdwort ist, ist klar (es ist ja auch eins), aber nach gewissen Erfahrungen der letzten Jahre sollte man als Endredakteur doch zumindest einmal kurz den Namen von angeblichen Zitatgebern googeln. Bei der „Express“-Reporterin hätte in zwei der drei Fälle das erste Suchergebnis die tatsächliche Wirkungsstätte der entsprechenden Personen verraten und damit weitere Fragen aufwerfen müssen.
Der erste Zeitungsartikel, in dem mein Name in der Autorenzeile stand, erschien im Mai 1997 in der Dinslakener Lokalausgabe der „Neuen Rhein Zeitung“ (die damals glaube ich noch „Neue Ruhr Zeitung“ hieß). Im Zuge eines „Zeitung in der Schule“-Projekts hatten wir mit der ganzen Klasse den Hundeübungsplatz der Polizei in Wesel besucht und Reportagen darüber geschrieben. Aus drei dieser Reportagen verschnitten die Redakteure dann einen neuen Artikel, den sie druckten. Was ausgerechnet an unseren Texten so gut gewesen sein soll, haben wir nie erfahren.
Fünfeinhalb Jahre später fing ich als freier Reporter für die Dinslakener Lokalausgabe der „Rheinischen Post“ an. Vor meinem ersten Termin gab man mir eine Mappe mit, in der alles stand, was man als junger Journalist zu beachten hatte. Ich weiß nicht mehr, was drin stand, aber „nicht abschreiben!“ stand womöglich irgendwo dabei. Der Rest war learning by doing – oder genauer: learning by reading what has become of your own texts.
Mein erster Text wurde komplett im Wortlaut veröffentlicht, was sicher nicht an dessen Qualität lag. In anderen Texten korrigierte die Redaktion die ungewöhnlichen Namen der Protagonisten zur gängigen und damit falschen Schreibweise oder sorgten dafür, dass sich die Jugendlichen bei einem Rockfestival die „Dröhnung am Freitagabend schmecken“ ließen. Bei der Zeitungslektüre meiner Reportage über einen Schwimmmeister im städtischen Freibad erfuhr ich, dass die Blondinen bei „Baywatch“ nicht „drall“, sondern „hübsch“ sind. Für Überschriften galt damals, was auch heute noch für jede Lokalredaktion gilt: Hauptsache, sie sind nichtssagend und auf keinen Fall grammatisch korrekt oder gar knackig.
Rückmeldungen gab es kaum, aber das mag auch daran liegen, dass ich als Kulturreporter die Artikel meist noch am Abend in die Redaktion mailte und nur selten mit den Kollegen vor den völlig veralteten Redaktionscomputern saß. Aber auch wenn ich da war, gab es nicht viele Gespräche über meine Texte.
Das alles hilft den jungen Reportern (und den Zeitungen) nicht weiter. Natürlich ist es toll, schon in jungen Jahren große Artikel für die Zeitung schreiben zu dürfen, aber zu optimieren gibt es eigentlich immer was. Zwar muss man annehmen, dass den allermeisten Lesern die Qualität von Zeitungstexten eher egal ist, aber wer für 12 bis 20 Cent pro Zeile vorher noch stundenlang in Schalterhallen Kunstwerke aus Simbabwischen Serpentinstein begucken oder sich auf einem kalten Supermarktparkplatz mit Renault-Bastlern über Tuning unterhalten musste, der hat als Dreingabe wenigstens ein bisschen konstruktive Kritik verdient.
Angesichts der chronischen Unterbesetzung vieler Lokalredaktion mag es fast wie ein Wunschtraum klingen, aber irgendjemand sollte eigentlich noch mal vor Veröffentlichung über jeden Text drübergucken – besonders über die von Berufsanfängern, die noch nicht mal theoretisch mit journalistischer Ethik in Kontakt gekommen sind.
Die Geschichte mit den umgesiedelten Agenturmeldungen ist da noch vergleichsweise ungefährlich. Da gab es etwa den Fall einer Jugendreporterin, die ein Interview gemacht hatte mit einem Mädchen, das in einer sozialen Einrichtung lebt. Dabei ging es auch um die Vorgeschichte, warum sie aus ihrem kleinen Heimatdorf in diese Einrichtung in der nächsten größeren Stadt gekommen war. Der Artikel erschien schließlich mit voller Namensnennung des Mädchens, das anschließend tagelang in der Angst lebte, einer ihrer Verwandten könnte diese Geschichte lesen. Zum Glück schien sich niemand aus ihrer Familie weiter für den Jugendreporterteil zu interessieren.
Ich halte es nach wie vor für eine gute Idee, als Journalist die sprichwörtliche Lokal-Schule von Kaninchenzüchterverein und Seidenmalereiausstellung durchlaufen zu haben. Damit kann man auch gar nicht früh genug anfangen (unvergessen die Germanistik-Studenten im ersten Semester, die gerne „was mit Medien“ machen wollten, aber noch nie irgendeinen Text geschrieben hatten). Aber diese hoffnungsvollen jungen Leute, sollen irgendwann, wenn sich die ganzen frühvergreisten Schreibbeamten aus den Redaktion zurückgezogen haben werden, ja auch mal an vorderster Front stehen. Und da kann es nicht schaden, sich von Anfang an um sie zu kümmern.
Vor ein paar Tagen feierte das Video zur neuen Single von Avril Lavigne Premiere. Wenn „What The Hell“ im Musikfernsehen läuft, müssten die Sender vermutlich den Schriftzug „Dauerwerbesendung“ einblenden:







(Sony ist der Unterhaltungskonzern, bei dem auch Avril Lavignes neues Album erscheint, „Avril Lavigne“ und „Abbey Dawn“ sind die Parfüm- bzw. Modelinie von Avril Lavigne.)
Gerade so bei GoTV reingezappt und die Schlusseinblendung und die letzten vier Takte eines Songs mitbekommen. Die klangen so vielversprechend, dass ich den Song gleich mal bei YouTube gesucht und – Oh Wunder des Urheberrechts – auch gefunden habe:
Der erste Refrain kann nicht ganz das Versprechen einhalten, das der Song bis dahin aufgebaut hat. Bei der dritten Wiederholung (er ist ja eine einzige Wiederholung) entfaltet er allerdings durchaus seinen Charme. Nichts Weltbewegendes, aber zumindest mal wieder ein bisschen neues Leben in der extrem öde gewordenen Schublade mit der Aufschrift „Indie Rock“.
Trippin In London kommen – man kann es sich bei diesem leider etwas doofen Namen denken – nicht aus England. Stattdessen kommen sie – das kann man sich beim GoTV-Einsatz denken – aus Österreich, genauer: Salzburg. Kämen sie aus Dinslaken, würden deutsche Musikjournalisten sicher steil gehen.
Auf einer obskuren Seite namens MySpace gibt es weitere Songs zu hören, bei iTunes gibt’s noch nix.
Oh, diese böse Postmoderne: Auf Smartphones, den Gerät gewordenen Versprechen der ständigen Erreichbarkeit und Beschleunigung, erfreuen sich Foto-Apps großer Beliebtheit, die digitale Schnappschüsse aussehen lassen wie Analogfotos aus der eigenen Kindheit.
Völlig frei von Apps, Beschleunigung und Postmoderne sind die Fotos, die meine gute Freundin Teresa Stutzinger macht und vom kommenden Sonntag an in der Bochumer Kneipe Ebstein ausstellt.

Die Analogaufnahmen, allesamt unbearbeitet, zeigen Landschaften oder Alltagsdetails, Personen sind meist eher zu erahnen als zu erkennen. Sie sind an „Traumorten“ entstanden und erinnern Teresa an schöne Erlebnisse an diesen Orten. Daher auch der Titel der Ausstellung: „Dreaming of Paradise“.
Und tatsächlich haben ihre Fotos etwas traumhaftes, rührendes. Sie strahlen diese natürliche Wärme aus, die auf Digitalfotos meist völlig fehlt. Sie zeigen Blumen, Seifenblasen und Sonnenuntergänge, was natürlich irrsinnig kitschig sein könnte, hier aber wunderbar funktioniert – es sei denn, man findet so einen Einschlag Hippie-Romantik per se doof.
Die Vernissage am Sonntag, 30. Januar 2011 um 15 Uhr wird musikalisch begleitet von den hier im Blog schon gefeierten Polyana Felbel aus Köln.
Dreaming of Paradise
im Ebstein, Bochum
30. Januar – 1. Juni 2011
Ich habe mit dem von „Bild“ herbeigekreischten „Schwuchtel-Skandal“ bei der Kölner Stunksitzung, über den ich gestern im BILDblog geschrieben habe, verschiedene Probleme.
Da ist zunächst einmal ein germanistisches: Da stellt sich ein Kabarettist hin und sagt in seiner Rolle als Ex-Bischof Walter Mixa folgende Worte:
Aber der Höhepunkt war der Weltjugendtag hier in Köln: Benedikt und Joachim, der zum-Lachen-in-den-Keller-geht-Meisner, ließen sich wie zwei frischvermählte Schwuchteln über den Rhein schippern.
Nun wäre es verständlich, wenn sich Homosexuellenverbände über die Verwendung der despektierlichen Vokabel „Schwuchtel“ beklagten (wobei man nicht weiß, wie der echte Walter Mixa im privaten Rahmen über diese Bevölkerungsgruppe spricht), aber es würde wohl kaum jemand ausschließen, dass sich nicht irgendwo zwei Schwule finden ließen, die nach ihrer Verpartnerung in grotesken Gewändern auf einem Schiff feiern wollen.
Man muss schon Politiker sein, um aus dem obigen Vergleich etwas anderes zu machen, wie die Katholische Nachrichten Agentur (kna) zusammenfasst:
Die Darstellung von Papst und Kardinal als „Schwuchteln“ sei „niveaulos und absolut primitiv“, sagte Martin Lohmann, Chef des Arbeitskreises engagierter Katholiken in der CDU, der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“ (Dienstag).
Der frühere bayrische Wissenschaftsminister (!) Thomas Goppel geht gleich einen Schritt weiter und bemüht seinerseits einen Vergleich:
Der Sprecher der „Christsozialen Katholiken in der CSU“, Thomas Goppel, hatte den WDR vor einer Fernsehausstrahlung gewarnt. Den betroffenen Kabarettisten Bruno Schmitz nannte er einen „degoutanten Versager“, der sich „im geistigen Sinn wie die U‑Bahn-Randalierer“ verhalte. CSU-Rechtspolitiker Norbert Geis erklärte, der Karnevals-Beitrag sei ein „Ausdruck von Bosheit und Dummheit“. Das sei „nicht einmal unterstes Niveau: bodenlos,“ kritisierte Geis.
Immerhin: Mit Gewalt im öffentlichen Personennahverkehr verbindet die Bayern fast so eine lange Tradition wie mit der katholischen Kirche.
Was mich ebenfalls verwirrt ist die Empörung, die sich unter bislang eher unbekannten Vereinen und Verbänden Raum bricht:
Der Bundesverband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung (KKV) hat den WDR aufgefordert, eine Papst Benedikt XVI. und Kardinal Joachim Meisner verunglimpfende Szene aus der „Stunksitzung“ nicht auszustrahlen. Der Sender solle Flagge zeigen und auf die Gefühle von Christen Rücksicht nehmen, forderte der KKV-Vorsitzende Bernd‑M. Wehner am Freitag in Köln. Diese machten „immerhin etwa zwei Drittel der Rundfunkgebührenzahler“ aus, sagte er.
An diesen Ausführungen ist so gut wie alles empörenswert: Zunächst einmal verbitte ich mir als Christ die Vereinnahmung und Entmündigung durch Herrn Wehner und seinen Verein. Als Protestant tangiert es meine religiösen Gefühle nullkommagarnicht, wenn irgendwelche Kardinäle und Bischöfe verspottet werden. Und das hat nichts mit der Konfession zu tun: Auch mögliche Witze über die Trunkenheitsfahrt von Margot Käßmann lassen meine religiösen Empfindungen unberührt. Ich mag sie schlecht und unlustig finden (wie den unsäglichen Käßmann-Standup von Harald Schmidt), aber sie richten sich gegen – Entschuldigung, liebe Katholiken – Menschen und nicht gegen meine Religion. Und selbst wenn, würde ich den Sketch gerne selbst sehen und mich notfalls von allein darüber echauffieren – eine Bevormundung durch den WDR im Namen irgendwelcher Verbände ist da wenig sachdienlich.
„Bild“ räumte Goppel in der Münchener Regionalausgabe ebenfalls Raum für seine Empörung ein und freute sich in der Kölner Ausgabe (zu früh, s. BILDblog), dass der WDR auf eine Ausstrahlung des Sketches verzichten werde. Dabei handelt es sich um die gleiche Zeitung, die Kurt Westergaard, den Zeichner der umstrittenen Mohammed-Karikaturen, als „mutig“ und Angela Merkels Laudatio auf ihn als „großes Bekenntnis zur Freiheit der Presse und der Meinungen“ bezeichnet hatte.
Ich bin mir sicher, dass ein guter Teil der Menschen, die nun den Mixa-Darsteller Bruno Schmitz beschimpfen und bedrohen, andererseits der Meinung sind, dass die Reaktionen auf Westergaards Zeichnungen in Teilen der muslimischen Welt völlig übertrieben und barbarisch waren. Da kann man ja noch froh sein, dass es im Islam keine kalendarisch verordneten Phasen der Witzigkeit gibt, in denen sich irgendwelche Menschen mit einem etwas anderen Humorverständnis über Jesus oder Maria lustig machen.
Damit sind wir bei einem Religionsverständnis angekommen, das mich als gläubiger Christ verwirrt und das auf einer rationalen Ebene allenfalls „irrational“ zu nennen ist: Mir ist völlig schleierhaft, warum Menschen, die an einen allmächtigen Gott glauben, meinen, diesen verteidigen zu müssen.
Wenn sich dieser Gott von Menschen beleidigt fühlt, sollte er doch selbst genug Möglichkeiten haben, dies den Betreffenden kurzfristig (Sintflut, beim Kacken vom Blitz getroffen) oder langfristig (an der Himmelspforte abgewiesen) mitzuteilen. Auf gar keinen Fall braucht er popelige Menschen, die in seinem Namen sauer sind und ihn somit entmündigen.
Ich mag mich da irren (und werde das sicher noch früh genug erfahren), aber ein Gott, der Wesen wie das Nilpferd, den Nasenbären oder Sarah Palin erschaffen hat, hat doch offenbar einen ziemlich guten Humor und bedarf demnach nicht der (mutmaßlich unverlangten) Fürsprache von humorfreien Menschen wie Eva Herman oder Thomas Goppel.
Vor sechs Wochen schrieb ich hier im Blog, es handle sich bei „The European” um ein „konservatives Internetmagazin, dessen erklärtes Ziel es ist, innerhalb der nächsten Jahre so wichtig zu werden, wie es sich selbst seit dem ersten Tag nimmt“.
Damit lag ich anscheinend falsch: „The European“ sieht sich selbst nicht als konservativ, sondern als Plattform, auf der die „großen gesellschaftlichen Debatten“ „diskursiv“ „verhandelt“ werden, wie Chefredakteur Alexander Görlach im Namen der Redaktion klarstellte. Außerdem ist „The European“ bereits wichtig – womöglich sogar, und das ist die eigentliche Sensation, noch wichtiger, als es sich selbst nimmt.
Jedenfalls hat Chefredakteur Alexander Görlach gestern (offenbar nur in seinem eigenen Namen) erklärt:

Huch! Ein Blatt mit mehr als 60-jähriger Tradition, das von vielen aus Gewohnheit immer noch für ein führendes Nachrichtenmagazin gehalten wird, hat Angst vor einem … äh: „Blog“, das seit sechzehn Monaten am Start ist? Also quasi das Facebook des Polemisierens Meinungsjournalismus?
Scheint so:
Ganze vier Kolumnen durfte Matthias Matussek für uns schreiben. Die Chefredaktion des Magazins hat ihm, so verlautete aus Kreisen des Nachrichtenblattes, weitere Publikationen als Kolumnist auf The European verboten. Begründung: The European sei ein direkter Konkurrent des Hamburger Nachrichtenportals. Das ehrt The European natürlich. Wir grüßen die Hamburger Kollegen.
Das „Verbot“ dürfte vor allem eine arbeitsrechtlichen Hintergrund haben: Ein Redakteur darf nicht einfach für ein Medium arbeiten, das vergleichbare Inhalte anbietet – egal, wie groß oder klein, wichtig oder egal es ist. Görlach sieht das erwartungsgemäß anders:
Uns zeigt die nervöse Reaktion des Medienriesen, dass uns der Wurf eines Online-Magazins, das ausschließlich auf pointierten Meinungs- und Debattenjournalismus setzt, gelungen ist.
Seit September 2010 stellt Görlach für Bild.de übrigens den „Blog-Radar“ zusammen, in dem er zusammenfasst, was „das Netz“ (also meistens die Autoren von „The European“) von diesem oder jenen Thema halten. So berichtete er im November beispielsweise, das „Netz“ laufe „Sturm gegen Abzocke bei Weihnachtsliedern“, und schloss sich damit der erschreckenden Ahnungslosigkeit vieler Medien an. Sein „Blog-Radar“ vom 2. Dezember war dann bis heute der letzte. Womöglich scheinen sie bei „The European“ Bild.de noch als Konkurrenz zu betrachten. Immerhin.
Weil wir gerade überlegen, wie wir inhaltlich wieder mehr Musik in dieses Blog kriegen, ohne Monate nach einer Veröffentlichung hilflose Kurzrezensionen in die Tasten zu hauen (bzw. wieder das Wichtigste zu vergessen), habe ich mich mal über die Podcast-Konditionen bei der GEMA informiert.
Die Lizenz sieht unter anderem vor, dass einzelne Episoden des Podcasts nicht länger als 30 Minuten sein dürfen und die Musik pro Podcast nicht mehr als 75% der Gesamtlänge der einzelnen Episode einnehmen darf.
Außerdem gilt:
Als Song wird jedes verwendete Musikwerk gezählt, das weder Intro noch Outro ist. Dabei darf jedes Lied nur zur Hälfte ausgespielt werden, und es muss am Anfang und am Ende in das laufende Lied hineinmoderiert werden (sog. „talk over“).
Das ist lustig, weil die GEMA gleichzeitig auf folgenden Sachverhalt hinweist:
Nicht umfasst ist zudem das Urheberpersönlichkeitsrecht (§ 14 UrhG). Es muss unabhängig von einer Podcasting-Lizenz beachtet werden. Das bedeutet, dass die genutzten Musikwerke ohne gesonderte Einwilligung der Berechtigten nicht bearbeitet bzw. umgestaltet werden dürfen (§ 23 UrhG). Eine Verletzung des Urheberpersönlichkeitsrechtes kann insbesondere vorliegen bei Entstellung eines Musikwerkes, eine unerlaubte Bearbeitung kann vorliegen bei Neutextierung oder sonstigen Veränderung eines Musikwerkes.
Was, bitte, soll ein halber und zugequatschter Song sein, wenn keine „Entstellung“?!
Schon als Alexander ganz klein war, wussten seine Eltern, dass er etwas ganz Besonderes war. Das denken die allermeisten Eltern von ihrem Nachwuchs, aber Alexanders Eltern wussten es. Manchmal vernahmen sie einen ganz leichten Lichtschein, wenn sie nachts an seinem Kinderbett vorbeigingen, doch wenn sie nachsehen wollten, ob die Rollläden vielleicht einen Spalt offen standen, verschwand das Leuchten. Dann wiederum gab es Tage, an denen sie meinten, leise eine Glocke klingen zu hören, wenn Alexander in ihrer Nähe war.
Alexander war ein hübsches Kind mit sanften Zügen, meerblauen Augen und blonden Locken und als seine Großmutter noch lebte, nannte sie ihn immer ihren „Engel“. Doch als er in die Pubertät kam, änderte sich sein Leben: Er begann, Punkrock zu hören, Bier zu trinken und nachts lange weg zu bleiben. Seine Eltern machten sich Sorgen, verhängten Hausverbote, deren Nicht-Einhaltung sie allerdings nicht ahndeten, und erkundigten sich im Bekanntenkreis, wie es um das Verhalten der Gleichaltrigen bestellt war. Aber tief in ihrem Inneren wussten sie, dass Alexander für höhere Aufgaben bestimmt war und sie ihn ziehen lassen mussten.
So folgte Alexander dem Ruf der Großstadt und trieb sich in zwielichtigen Läden herum, in denen britische Punk- und amerikanische Hardcore-Platten gespielt wurden, in denen Männer und Frauen und Männer und Frauen ungeschützten Sex auf den dreckigen Toiletten hatten und in deren Kellern oder Nebenräumen zu besonderen Feiertagen Crack vom Blech geraucht wurde. Alexander liebte die Musik, aber er hatte kaum Sex und nahm keine Drogen. Es reichte ihm, immer ein frisches Bier in der Hand zu halten und die Menschen zu beobachten, die sich um ihn herum gehen ließen. Er wohnte in besetzten Häusern und arbeitete als Aushilfe in Getränkelagern, Druckereien und in den Werkstätten der Städtischen Bühnen. Oft verlor er seine Anstellungen schnell wieder, weil er den Arbeitsplatz während der Dienstzeit verlassen hatte. Was damit zusammenhing, dass Alexander etwas ganz Besonderes war.
Die Götter, seit jeher darauf bedacht, die Menschen mit unterschiedlichen Fertigkeiten zu segnen, hatten Alexander eine etwas spezielle Begabung, ja: Aufgabe, mitgegeben: Wann immer in einer öffentlichen Gaststätte im Umkreis von 20 Kilometern das Wort „Hoden“ fiel, klingelte ein Glöckchen in Alexanders Kopf und er eilte auf direktem Wege zu diesem Ort.
Auch die Götter waren sich nicht ganz sicher, warum genau sie Alexander mit dieser Superkraft versehen hatten, die bei Licht betrachtet absolut niemandem etwas nützte. Hinter vorgehaltener Hand mutmaßten sie manchmal, die Geschichte habe irgendetwas mit Rache, einer verlorenen Wette oder einem schrecklichen Missverständnis zu tun. Aber bei den vielen, vielen Menschen, die die Götter in all den Zeitaltern erschaffen hatten, ging eben mitunter etwas schief, und die meiste Zeit waren die Götter glücklich und zufrieden, wenn sie nicht schon wieder einen Diktator, Terroristen oder Fernsehmoderator kreiert hatten. Immerhin hatten sie bei Alexander wie auch bei vielen Künstlern darauf geachtet, den Überschuss an Talent durch eine Unterversorgung mit Sozialkompetenz auszugleichen.
Und so lief Alexander seit vielen Jahren in einer abgewetzten Lederjacke durch die Gegend und tauchte in Kneipen auf, in denen kurz zuvor das Wort „Hoden“ gefallen war – was wesentlich öfter vorkam, als man annehmen würde. Wenigstens klingelte das Glöckchen nicht bei Synonymen, dachte Alexander in seinen optimistischeren Momenten und stellte sich vor, wie er sonst von Bordell zu Bordell, von Swinger-Club zu Swinger-Club rennen müsste.
Für den Fall, dass jemand Alexanders besondere Begabung durchschauen würde, hatten die Götter vorgesorgt: Derjenige würde dann ebenfalls ein Glöckchen hören, wenn andere, unverfänglichere Worte gesprochen würden. „Sekt“, zum Beispiel.
In Jahresendzeitstimmung schaut man ja gerne zurück auf das endende Jahr, resümiert und fertigt – wenn man derlei Neurosen pflegt – obskure Listen an. Auf eine Leserwahl haben wir nach dem Muse-Debakel im Vorjahr einfach mal verzichtet und Unheilig per Akklamation zu Ihrer Lieblingsband 2010 ernannt.
Doch die letzten Dezembertage ließen mich auch persönlich nachdenklich zurück: Was hatte ich eigentlich gehört und gut gefunden?
Meine last.fm-Charts waren einigermaßen wertlos: Aus verschiedenen Gründen tauchten Songs wie „Fireflies“ (Owl City), „Baby“ (Justin Bieber) oder „Catch Me I’m Falling“ (Real Life, hätten Sie’s gewusst?) in meinen Jahres-Top-25 auf, was ich in erster Linie besorgniserregend fand. Außerdem waren alle Songs des Albums von The National dabei, was immerhin schon mal einen deutlichen Hinweis auf das Album des Jahres gibt, denn so unfassbar groß wie „High Violet“ war 2010 tatsächlich nichts mehr.
Es ist nicht auszuschließen, dass ich das Beste wie üblich übersehen habe: Arcade Fire, Get Cape. Wear Cape. Fly, Eels, Sufjan Stevens – alles nicht oft genug gehört, weil mir der Sinn grad nach etwas Anderem stand. So habe ich ja auch „Only Revolutions“ von Biffy Clyro erst im Oktober 2010 für mich entdeckt, es ist also denkbar, dass es auch im letzten Jahr wenigstens ein gutes Gitarrenrock-Album gab – wahrscheinlich ist es allerdings nicht, zu wenig ist in den vergangenen Jahren im Rocksegment passiert. Die Manic Street Preachers etwa haben mit „Postcards From A Young Man“ ein durchaus sehr gutes Spätwerk rausgebracht, aber geknallt hat das jetzt auch nicht richtig. Und falls es spannende Neulinge gab, muss ich sie allesamt übersehen haben: The Hold Steady haben souverän gerockt, Jason Lytle hat mit seiner Post-Grandaddy-Band Admiral Radley schön verschrobenen Indierock gemacht, The Gaslight Anthem waren okay, Ende des Jahres kam mit „All Soul’s Day“ ein ordentliches Lebenszeichen von The Ataris – aber, Entschuldigung: Wir sprechen vom Jahr 2010! Völlig okay, dass Ben Folds mit lyrischer Unterstützung von Nick Hornby endlich mal wieder ein richtig gutes Album gemacht hat, aber der Mann ist jetzt auch schon seit 17 Jahren dabei.
Immerhin haben nicht alle Bands so enttäuscht wie Wir Sind Helden, Shout Out Louds, Stereophonics oder – richtig schlecht – Jimmy Eat World und Danko Jones. Weezer haben angeblich schon wieder mindestens ein Album veröffentlicht. Die meisten meiner Lieblingsbands hatten sich eh eine Auszeit genommen und ihre Sänger solo vorgeschickt: Alles überragte dabei Jónsi von Sigur Rós, dessen „Go“ zu den besten Alben des Jahres gehört. Jakob Dylan war schon zum zweiten Mal ohne Wallflowers unterwegs, hat die Band aber immer noch nicht aufgelöst. Dabei ist das düster-folkige „Women & Country“ eigentlich besser als alles, was er vorher gemacht hat. Fran Healy (Travis) und Brandon Flowers (The Killers) ließen erst Therapiesitzungen erwarten, klangen dann aber gar nicht mehr so anders als ihre Bands – eben gut, aber auch nicht mehr so richtig spannend. Carl Barât gehört auch irgendwie in diese Aufzählung, obwohl er die Dirty Pretty Things ja längst aufgelöst hat und es die Libertines wieder gibt. Kele (Bloc Party) und Paul Smith (Maxïmo Park) hab ich verpasst. Und dieses Jahr veröffentlicht dann Thees Uhlmann (Tomte) sein Solo-Debüt …
In Sachen Hip-Hop ging auch nicht mehr so richtig viel: Kid Cudi blieb mit seinem Zweitwerk hinter den Erwartungen zurück, Kanye West hat ein irres Gesamtkunstwerk rausgebracht, das mit dem Album eines Einzelinterpreten wenig gemein hat und sich mir womöglich erst in ein, zwei Jahrhunderten erschließen wird. Eminem war durchaus kraftvoll wieder da, kriegte den meisten Airplay aber für ein Duett mit der langsam unvermeidlichen Rihanna. Aus Großbritannien kam immerhin Professor Green mit einem dreckig-bunten Grime-Strauß.
Im Pop gab es (neben Lady Gaga) vor allem zwei Themen: Das große Comeback von Take That als Quintett und Lena. Mit Hilfe von Stuart Price (s.a. Scissor Sisters) nahm die einstige Vorzeige-Boygroup (Huch, aus welchem Paralleluniversum kam denn diese Klischee-Formulierung?) ein erstaunlich elektronisches Album auf – „reif“ hatte die Band seit ihrem Comeback 2006 ja die ganze Zeit geklungen. Die zu „Progress“ gehörende Dokumentation „Look Back, Don’t Stare“ zeigt die Fünf dann auch als weise ältere Herren, die ihre Dämonen langsam aber sicher alle bekämpft haben und jedem Mann Mitte/Ende Zwanzig Mut machen, in zehn bis fünfzehn Jahren so gut auszusehen wie nie zuvor. Oder man zeugt wenigstens eine Tochter wie Lena Meyer-Landrut, die exakt fünf Takte brauchte, bis sich erst alle Zuschauer von „Unser Star für Oslo“ und dann 85% der deutschen Bevölkerung in sie verliebten. Natürlich war der Triumph beim Eurovision Song Contest eine mittelschwere Sensation und auch für mich persönlich ein Erlebnis, aber das Album „My Cassette Player“ war leider trotzdem eine ziemliche Enttäuschung. Textlich schwer rührend, aber auch völlig seelenlos produziert, ragt das von Ellie Goulding geschriebene „Not Following“ hervor, der Rest ist nett, aber belanglos.
Was kam sonst aus Deutschland? Tocotronic, die mich etwas ratlos zurückließen, Erdmöbel mit dem besten deutschsprachigen Album seit Jahren, Die Fantastischen Vier, die sich irgendwo zwischen „Bild“-Interview (in Morgenmänteln im Bett!) und Werbedeals vollends der Bedeutungslosigkeit hingaben, während Fettes Brot ihr vorläufiges Ende verkündeten. Und dann halt so Leute, die man persönlich kennt wie Tommy Finke, Enno Bunger oder die phantasischen Polyana Felbel.
Auf vier bis acht großartige Alben folgt eine ganze Menge Mittelmaß und die Gewissheit, dass ich vieles sicher noch überhört habe. Dafür haben mich die Alben, die ich dann tatsächlich gehört habe, zu sehr aufgehalten: The National, Erdmöbel, Delphic, Jónsi, Jakob Dylan und die Vorjahresübersehungen Biffy Clyro und Mumford & Sons. Die Liste meiner Lieblingssongs wird irgendwo hinter Platz 8 recht schnell beliebig, hat aber immerhin einen richtigen Kracher auf der Eins: „Tokyo“ von The Wombats, mit denen ich ehrlich gesagt am allerwenigsten gerechnet hätte.
In den Charts dominierten erst die Fußballhymnen (das vom Kommerz zerstörte „Wavin‘ Flag“ von K’naan und das nur nervige „Waka Waka“ von Shakira), ehe sich das Land zum Jahresende zwei wahnsinnig unwahrscheinliche Nummer-Eins-Hits gönnte: Eine 17 Jahre alte Kreuzung zweier Evergreens auf der Ukulele, gesungen vom schwergewichtigen und zwischenzeitlich verstorbenen Israel Kamakawiwo’ole und ein aus dem Werbefernsehen bekannter, ursprünglich nicht als Single angedachter Song von Empire Of The Sun, die anderthalb Jahre zuvor erfolglos versucht hatten, mit einem sehr viel eingängigeren Song über das Werbefernsehen erfolgreich zu sein. In den Albumcharts durfte sowieso jeder mal ran und wenn gerade kein großer Name (Peter Maffay, AC/DC, Iron Maiden, Joe Cocker, Depeche Mode, Bruce Springsteen) sein neues Album rausgehauen hatte, schossen wie selbstverständlich Unheilig wieder an die Spitze der Hitparade.
Na ja: Neues Jahr, neues Glück.
Wir, die Autoren dieses kleinen Blogs, wünschen Ihnen, den Lesern desgleichen, ein frohes und friedliches Weihnachtsfest. (Zwischenruf Heinser: „Ich kann’s nicht fassen: Das wird die erste Weiße Weihnacht meines Lebens. Und ich bin 27!“)
Und falls Sie noch nicht wissen, was Sie über die Feiertage („Fest der Liebe“) so machen sollen: Die Kollegen von „Switch Reloaded“ haben da einen Tipp für Sie:
(Bitte beachten Sie auch die mithilfe aufwendiger Computertechnik wieder zum Leben erweckte Leni Riefenstahl in einer Gastrolle!)
Vielen Dank fürs Lesen!