Und dann kam Polli

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 12. November 2010 19:56

Vor vielen Jahren schrieb ich in einer der Rezensionen, die ich damals in Fließbandarbeit für ein Online-Musikmagazin anfertigte, über das völlig okaye Debütalbum von Jona Steinbach den folgenden, weder klugen noch schönen Satz:

Vielleicht schafft man es irgendwann, eine CD mal nicht als Manifest einer gescheiterten Generation, sondern einfach nur als Tonträger zu begreifen.

Als ein gutes Jahr später das Zweitwerk des Kölners erschien, stand auf der dazugehörigen Presseinfo das folgende, angebliche Zitat:

Das Manifest einer gescheiterten Generation.

Spätestens da wusste ich: Diese, auch “Waschzettel” genannten, Presseinfos sind das Schlimmste, was das Musikbusiness zu bieten hat. (Und das Musikbusiness hat immerhin Prof. Dieter Gorny zu bieten.)

Selbst Sätze, die einem unter normalen Umständen nicht weiter auffallen würden, wirken in Presseinfos dumm und gestelzt. Und dann gibt es ja noch die ganze Klischee-Grütze von wegen “in keine Schublade passen”, “reifer geworden” und “ihr bisher bestes Album”. Wenn man Glück hat (ja, wirklich: Glück) steht da wenigstens noch eine Latte von Künstlern, die angeblich so ähnlich klingen, und man kann schon vor dem Hören abschätzen, ob man sich das jetzt wirklich antun will.

Wenn ich selbst Pressetexte verfassen sollte (zum Beispiel, damit Dinslakener Lokalredaktionen ausführliche Ankündigungen von Konzerten abdrucken konnten, in die sie keine Sekunde eigener Arbeit investieren mussten), dann ging das nur mit sehr viel Überwindung und unter Selbsthass und Schmerzen.

Dennoch überwinde ich mich etwa einmal im Jahr und hacke eine Presseinfo in die Tasten — wenn man anschließend eine halbe Stunde heiß duscht, geht’s meistens wieder. Die zu lobpreisenden Künstler müssen aber a) Freunde von mir sein und b) Musik machen, die mir wirklich, wirklich gefällt. Beides war im Fall von Polyana Felbel gegeben und so schrieb ich die Presseinfo, um alle Presseinfos zu beenden.

Polyana Felbel, das sind Polyana Felbel und Taka Chanaiwa aus Köln (“einer Stadt, die man nicht gerade mit den Weiten des nordamerikanischen Kontinents oder den Wäldern Skandinaviens verbindet”, wie es in der Presseinfo faktisch einigermaßen korrekt heißt) und gestern haben sie dort ihr erstes offizielles Konzert gespielt. Rund 50 Menschen hatten sich im Theater der “Wohngemeinschaft” (ein etwas bemüht im urbanen Retro-Chic gehaltenes Etwas mit Kneipe, Hostel und Bühne) versammelt und den Raum damit auf muckelige 30° Celsius aufgeheizt. Einige kamen gar verkleidet, was sich allerdings mit der Rheinländern offenbar innewohnenden, ansonsten aber völlig unverständlichen Affinität zu Schnapszahl-Daten erklären lässt.

Das Vorprogramm bestritt ein aufstrebender Singer/Songwriter und Zollbeamten-Bespaßer aus Bochum, dann ging es richtig los: Polli und Taka eröffneten mit einem Cover von Coldplays “Green Eyes” und es dauerte ungefähr zehn Sekunden, bis sich Gänsehaut und Sprachlosigkeit Raum brachen. Mit jedem weiteren Stück – neben einigen Eigenen auch Neuinterpretationen von “The Blower’s Daughter” (Damien Rice), “Use Somebody” (Kings Of Leon) und “Kids” (MGMT) – wuchs die Begeisterung und am Ende des Abends war ein Jeder, ob Männlein oder Weiblein, ein bisschen in Polli verliebt.

Das ist aber auch tolle Musik, dieser Folk, den die beiden da machen: Einerseits filigran wie ein letztes, vertrocknetes Blatt im Herbstwind, andererseits mit einer ungeheuren Kraft und Stimmgewalt vorgetragen. Vergleiche mit Kathleen Edwards, Lori McKenna oder Hem klopfen an und müssen nicht gescheut werden (um eine in der Presseinfo unbenutzte Phrase doch noch zu verbraten). Es ist einfach toll zu sehen, wie zwei junge Menschen mit Spaß und Ernsthaftigkeit Musik machen und damit einen voll gepackten Raum zum Schweigen und Schwelgen bringen.

Für die nun dräuenden dunklen Abende seien Ihnen Polyana Felbel daher schwerstens ans Herz gelegt. Hörproben gibt es auf einer obskuren kleinen Internetseite namens MySpace und hier:

13 Kommentare

  1. KK
    12. November 2010, 20:24

    wundervoller Tipp – danke!

  2. Steffen L
    12. November 2010, 21:27

    Instant love! Tausend Dank.

  3. SvenR
    13. November 2010, 9:05

    Bei »dräuend« hast Du mich gepackt!

  4. Federkissen
    13. November 2010, 9:36

    Wirklich schön.

  5. jensen
    13. November 2010, 13:38

    Gibt’s das irgendwo in guter Qualität zu kaufen? Allein für das Kids-Cover würde ich ne ganze Platte kaufen. Im Ernst, bitte melden – am besten unter meiner Mail-Adresse.

  6. Steffen L
    13. November 2010, 15:45

    http://www.youtube.com/watch?v=Aasll4uoosM Miese Qualität, aber dennoch ein durchaus schönes Cover eines von “Use Somebody”.
    Erinnerte mich doch sofort an die ebenfalls wunderbare Laura Jansen: http://www.youtube.com/watch?v=VSIkWqNBbqs

  7. Links anne Ruhr (14.11.2010) » Pottblog
    14. November 2010, 8:43

    [...] Und dann kam Polli (Coffee And TV) – Über Presseinfos und Polyana Felbel. [...]

  8. Katja
    14. November 2010, 22:47

    Großartig! Danke vielmals!

  9. Christian
    15. November 2010, 8:40

    sehr schön. danke für den tipp!

  10. 1ng0
    21. November 2010, 22:49

    toll, wirklich.

    und der vorletzte satz hat mich auch gleich zu einem kleinen gedicht inspiriert:

    gedrucktes gähnen

    wenn mollakkorde düster dräuen
    wenn sänger schief und haltlos barmen
    dann heißt das motto wiederkäuen
    auf rolling stone’schen laberfarmen

    bob dylan? inkommensurabel!
    van morrison? ein gott, indeed
    tom waits kratzt banjos mit der gabel
    und arne jauchzt: famoses lied

    so circa neunzehnsechsundsiebzig
    da endet euer horizont
    ob rap, ob punk – egal, das gibt sich
    für immer an der oldiefront

  11. Fabian Soethof » Eine leidenschaftliche Gemengelage
    23. November 2010, 13:11

    [...] und Allgemeinplätze hier erzähle? Weil Lukas, der auch das/den BILDblog schmeisst, einen Pressetext a.k.a. Waschzettel geschrieben und das öffentlich erklärt hat und ich da selbst täglich mit zu tun habe und aus eigener Erfahrung bestens weiß, dass das im [...]

  12. Coffee And TV: » The Future is Analogue
    27. Januar 2011, 20:50

    [...] am Sonntag, 30. Januar 2011 um 15 Uhr wird musikalisch begleitet von den hier im Blog schon gefeierten Polyana Felbel aus [...]

  13. Coffee And TV: » Sehweg nach Indien entdeckt
    23. November 2011, 13:34

    [...] einem Jahr hatte ich Ihnen von Polyana Felbel vorgeschwärmt, einem Boy/Girl Duo aus Köln. Die Band macht zur Zeit Babypause (das Girl ist Mutter geworden), [...]

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