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The spirit of freedom and Landluft

Neben vie­len Pros und Con­tras, jour­na­lis­tisch tätig zu sein, gibt es ein unschlag­ba­res Argu­ment für die­se Arbeit: bei Pres­see­vents gibt es fast immer was zu essen. Ges­tern hat­ten die Ver­an­stal­ter des lie­bens­wer­ten Hald­ern-Pop-Fes­ti­vals gleich zu drei Ter­mi­nen auf ein­mal an den schö­nen Nie­der­rhein gela­den: Spar­gel­es­sen, Pres­se­kon­fe­renz und Kon­zert. Klar, dass ich mir das nicht ent­ge­hen las­sen konn­te.

Schon bei der Anrei­se sah man das Prin­zip Hald­ern auf der Gar­ten­ter­ras­se des Gast­hofs Tepferd in einem ein­zi­gen Bild zusam­men­ge­fasst: da saßen Dorf­be­woh­ner beim Fei­er­abend­bier neben inter­na­tio­na­len Indie­mu­si­kern, erfreu­ten sich am strah­len­den Son­nen­schein und kämpf­ten gemein­sam gegen die gefürch­te­ten nie­der­rhei­ni­schen Blut­sauger-Insek­ten. In einem Saal, in dem sonst gol­de­ne Hoch­zei­ten gefei­ert wer­den, schar­ten sich Musik­jour­na­lis­ten und Spon­so­ren um Tische, auf denen Fäss­chen der nie­der­rhei­ni­schen Tra­di­ti­ons­braue­rei Die­bels stan­den, die seit mehr als zehn Jah­ren Part­ner des nie­der­hei­ni­schen Tra­di­ti­ons­fes­ti­vals ist.

Spargel im Gasthof Tepferd in Rees-Haldern

Obwohl ich ja selbst Nie­der­rhei­ner bin, konn­te ich die in mei­ner Hei­mat vor­herr­schen­de Begeis­te­rung für Alt­bier und Spar­gel nie so ganz tei­len. In der urge­müt­li­chen Atmo­sphä­re des Gast­hau­ses aller­dings wäre kaum etwas ande­res vor­stell­bar gewe­sen als das leicht kleb­ri­ge Gesöff und das Sai­son­ge­mü­se mit der merk­wür­di­gen Kon­sis­tenz und dem Aus­se­hen, das eher an männ­li­che Kör­per­tei­le als an irgend­et­was sonst erin­nert (viel bes­ser als Spar­gel schme­cken aber eh die Bei­la­gen: Kar­tof­feln und gekoch­ter Schin­ken mit rich­tig viel zer­lau­fe­ner But­ter über­gos­sen). Wie zum Beweis mei­nes Ein­lei­tungs­sat­zes stan­den die meis­ten Jour­na­lis­ten schon am Büf­fet, als die Eröff­nung des­sel­ben gera­de ver­klun­gen war (beson­ders Mit­ar­bei­ter des öffent­lich-recht­li­chen Rund­funks schei­nen sonst nichts zu Essen zu krie­gen).

Haldern v.l.n.r.: Wolfgang Linneweber, Stefan Reichmann

Als alle satt aus­sa­hen, begann der halb­wegs offi­zi­el­le Teil des Abends: das Fes­ti­val fei­ert in die­sem Jahr sein 25-jäh­ri­ges Bestehen, ein Alter, in dem „nor­ma­le Hald­er­ner schon vier Kin­der und ein Haus gebaut“ haben, wie Wolf­gang „Lin­ne“ Lin­ne­we­ber, schon ewig für die Pres­se­be­treu­ung des Fes­ti­vals zustän­dig, scherz­te. Das soll natür­lich schon irgend­wie gefei­ert wer­den, aber eben in bes­ter Hald­ern-Tra­di­ti­on, also ohne Grö­ßen­wahn und gro­ßes Spek­ta­kel. So wird in die­sem Jahr die Haupt­büh­ne aus­nahms­wei­se schon am Don­ners­tag Abend bespielt wer­den – von Foals und den Fla­ming Lips.

In kur­zen Gruß­wor­ten ver­wie­sen der Bür­ger­meis­ter der Stadt Rees und Ver­tre­ter von Die­bels und der Spar­kas­se Rees-Emme­rich auf die lang­jäh­ri­ge gemein­sa­me Geschich­te und man merk­te noch ein­mal: in Hald­ern wür­de Tra­di­ti­on auch dann groß geschrie­ben, wenn es kein Sub­stan­tiv wäre. Chef-Orga­ni­sa­tor Ste­fan Reich­mann erklär­te mehr­fach, dass das Fes­ti­val ohne die Unter­stüt­zung der Dorf­be­woh­ner nicht denk­bar wäre, und kün­dig­te schon mal an, dass der Ein­gang zum Gelän­de in die­sem Jahr bekränzt sein wer­de – wie am Nie­der­rhein sonst nach 25 Jah­ren Ehe üblich.

Mit Res­torm gibt es einen neu­en Part­ner im Boot, der gera­de mal 25 Wochen alt ist, aber für ähn­li­che Idea­le ein­steht: bei der gefühlt vier­tau­sends­ten Online-Platt­form für Musi­ker sol­len die­se end­lich mal rich­tig im Mit­tel­punkt ste­hen. Theo Favet­to, einer der Macher von Res­torm, erklär­te mir im Anschluss, was auf der Web­site schon mög­lich ist und was noch hin­zu­kom­men soll. Das klingt durch­aus span­nend und lohnt die nähe­re Betrach­tung für Musi­ker und Musik­lieb­ha­ber.

Das Fes­ti­val-Line-Up, zu dem bis­her unter ande­rem Boh­ren und der Club Of Gore, Edi­tors, Iron And Wine, Kate Nash, Okker­vil River, The Dodos und, äh: die Kili­ans gehör­ten, wur­de dann noch eben um acht neue Bestä­ti­gun­gen erwei­tert: Jamie Lidell, Fleet Foxes, Guil­l­emots, Soko, Gut­ter Twins, Kula Shaker, The Blakes und Loney, Dear. Ein bis zwei Über­ra­schun­gen wer­den spä­ter noch ver­kün­det, die Ein­tritts­kar­ten dürf­ten in etwa zwei Wochen aus­ver­kauft sein.

Guillemots live

Dann war Kon­zert: zum Abschluss der 25-Jah­re-Hald­ern-Pop-Jubi­lä­ums-Tour spiel­ten die Guil­l­emots, White Rab­bits, Soko und Loney, Dear im gro­ßen Saal des Gast­hofs auf einer klei­nen Büh­ne, auf der sonst ver­mut­lich Schüt­zen­ka­pel­len und Akkor­de­on-Orches­ter auf­tre­ten. Es war eine ganz wun­der­ba­re Atmo­sphä­re, eben auch typisch Hald­ern: Indie­kids aus ganz NRW stan­den neben alten Hald­er­nern, tanz­ten zur Musik der Guil­l­emots und lang­weil­ten sich bei den White Rab­bits. Dann muss­ten wir lei­der weg: der letz­te Zug raus aus dem Para­dies und Rich­tung Zivi­li­sa­ti­on fuhr um 22:50 Uhr vom Bahn­hof Hald­ern ab.

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Born In The NRW

Eines mei­ner Lieb­lings­vi­de­os bei You­Tube ist die­ses hier:

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Das Video ent­stand bei den MTV Video Music Awards 1997 und zeigt die Wall­flowers bei der Auf­füh­rung ihres Hits „One Head­light“ mit ihrem Gast­sän­ger Bruce Springsteen. Zum einen mag ich, wie Springsteen mit sei­nem Gesang und sei­nem Gitar­ren­so­lo den ohne­hin tol­len Song noch mal zusätz­lich ver­edelt, zum ande­ren kann man aus die­sem Auf­tritt viel über die ame­ri­ka­ni­sche Pop­kul­tur und ihren Unter­schied zur deut­schen ablei­ten.

Auch wenn man nicht immer dar­auf her­um­rei­ten soll: der Sän­ger der Wall­flowers ist Jakob Dylan, Sohn von Bob Dylan, der seit mehr als vier Jahr­zehn­ten ein Super­star ist. Er singt dort gemein­sam mit Bruce Springsteen, der seit gut drei Jahr­zehn­ten ein Super­star ist. In Deutsch­land gibt es kei­ne Söh­ne berühm­ter Musi­ker, die selbst Rock­stars gewor­den wären, von daher kann man schon aus fami­liä­ren Grün­den kei­ne Ana­lo­gien bil­den, aber auch der Ver­such, ein Äqui­va­lent für Vater Dylan 1 oder Springsteen zu fin­den, wür­de schnell schei­tern.

Nun kann man natür­lich sagen, dass ich am fal­schen Ende suche: Dylan und Springsteen haben bei­de einen mehr (Dylan) oder weni­ger (Springsteen) vom Folk gepräg­ten Hin­ter­grund, man müss­te also in Deutsch­land im Volks­mu­sik- oder Schla­ger­be­reich suchen. Damit wür­de das Unter­neh­men aber end­gül­tig zum Desas­ter, denn das, was heu­te als volks­tüm­li­cher Schla­ger immer noch erstaun­lich gro­ße Zuhö­rer- und vor allem Zuschau­er­zah­len erreicht, hat mit wirk­li­cher Folk­lo­re weit weni­ger zu tun als Gangs­ta Rap mit den Skla­ven­ge­sän­gen auf den Baum­woll­fel­dern von Ala­ba­ma.

USA: Public Library, New York City

Die Net­zei­tung woll­te kürz­lich kett­car-Sän­ger Mar­cus Wie­busch zum deut­schen Springsteen erklä­ren, was ange­denk des neu­en kett­car-Albums gar nicht mal so abwe­gig ist, wie es sich erst anhört. Her­bert Grö­ne­mey­er kann ja nicht alles sein und die Posi­ti­on „einer von uns, der über unse­re Welt singt“ kann von einem noch so ver­dien­ten Wahl-Lon­do­ner nur schwer­lich besetzt wer­den. Was aber inhalt­lich halb­wegs pas­sen mag, sieht auf der Popu­la­ri­täts­ebe­ne schon wie­der anders aus: jemand, der für die Men­schen spricht, muss auch bei den Men­schen bekannt sein. Mar­cus Wie­busch ist weit davon ent­fernt, ein natio­na­ler Star zu sein, ganz zu schwei­gen vom inter­na­tio­na­len Super­star. 2

Im Grun­de genom­men ist schon die Suche nach einem deut­schen die­sen oder einem deut­schen jenen der fal­sche Ansatz: Mar­cus Wie­busch wird nie der deut­sche Springsteen sein und Til Schwei­ger schon gar nicht der deut­sche Brad Pitt. Harald Schmidt war nie der deut­sche David Let­ter­man und über­haupt wird es in Deutsch­land nie eine rich­ti­ge Late Night Show geben, schon weil die Zuschau­er mit einem ganz ande­ren kul­tu­rel­len Hin­ter­grund auf­ge­wach­sen und auch gar nicht in ver­gleich­ba­ren Grö­ßen­ord­nun­gen vor­han­den sind.

Es gibt aber auch genau­so wenig einen ame­ri­ka­ni­schen Goe­the, Schil­ler, Klop­stock, Schle­gel oder Beet­ho­ven – was unter ande­rem damit zusam­men­hän­gen könn­te, dass das unglaub­li­che Schaf­fen die­ser Her­ren in eine Zeit fiel, als sich die USA gera­de zu einem eigen­stän­di­gen Staa­ten­ver­bund erklärt und wich­ti­ge­res zu tun hat­ten, als ein kul­tu­rel­les Zeit­al­ter zu prä­gen. Sie muss­ten zum Bei­spiel die Demo­kra­tie erfin­den.

Womit wir direkt in der ame­ri­ka­ni­schen Poli­tik von heu­te wären: allen drei ver­blie­be­nen Kan­di­da­ten für das Amt des US-Prä­si­den­ten darf man Cha­ris­ma und inhalt­li­che Stär­ke auf min­des­tens einem Gebiet beschei­ni­gen. Egal, ob der nächs­te Prä­si­dent John McCain, Barack Oba­ma oder Hil­la­ry Clin­ton hei­ßen wird, er (oder sie) wird mehr Aus­strah­lung haben als das ver­sam­mel­te deut­sche Kabi­nett. Das liegt natür­lich nicht nur dar­an, dass man in den USA auf 3,75 Mal so vie­le Men­schen zurück­grei­fen kann wie in Deutsch­land, son­dern auch dar­an, dass die­se Poli­ti­ker ganz anders geschult wur­den und ein ganz ande­res Publi­kum anspre­chen. Jemand wie Kurt Beck könn­te es kaum zum stell­ver­tre­ten­den Nach­bar­schafts­vor­ste­her schaf­fen. 3

Die kul­tu­rel­len Unter­schie­de zwi­schen Deutsch­land und den USA sind eben erheb­li­che und sie las­sen sich auch nicht durch eine ver­meint­li­che „Ame­ri­ka­ni­sie­rung“ unse­rer Kul­tur über­win­den: selbst wenn jeder deut­sche Mann sein Jung­ge­sel­len­da­sein mit viel Alko­hol und Strip­pe­rin­nen been­de­te 4 wäre das ja nur eine Über­nah­me von Form und nicht von Inhalt. Deut­sche wer­den auf ewig ihr Früh­stücks­ei auf­schla­gen und als ein­zi­ges zivi­li­sier­tes Volk der Welt ihr Pop­corn gesüßt ver­spei­sen. Deut­sche wer­den wohl nie ver­ste­hen, wel­che Bedeu­tung es für Ame­ri­ka­ner hat, dass (fast) jeder eine Waf­fe tra­gen darf, obwohl sie selbst fast genau­so argu­men­tie­ren, wenn ihnen mal wie­der jemand ein Tem­po­li­mit vor­schlägt. 5

Deutschland: Potsdamer Platz, Berlin

Wer sich ein­mal „alte“ Gebäu­de in den USA ange­schaut hat, dar­un­ter eini­ge, die vor 100 bis 120 Jah­ren gebaut wur­den, wird fest­stel­len, wie extrem man sich damals an archi­tek­to­ni­schen Sti­len ori­en­tier­te, die in Euro­pa längst der Ver­gan­gen­heit ange­hör­ten: wo es um gro­ßes Geld oder Hoch­kul­tur geht, stößt man auf Klas­si­zis­mus, Roman­tik oder Renais­sance. Die gro­ße Stun­de der USA schlug erst, als ihre Pop­kul­tur in Form des viel­zi­tier­ten Rock’n’Roll und Coca Cola das kul­tu­rel­le Vaku­um aus­füll­te, das nach dem zwei­ten Welt­krieg in Deutsch­land vor­herrsch­te. Seit­dem bemüht man sich hier, ame­ri­ka­nisch zu wir­ken, was sicher noch dazu führt, dass eines Tages jede Dorf­knei­pe mit Star­buck­si­ger Loun­g­eig­keit auf­war­ten wird.

Ich mag bei­de Län­der.

Mehr über die USA, Deutsch­land und die kul­tu­rel­len Unter­schie­de steht in fol­gen­den emp­feh­lens­wer­ten Blogs:
USA erklärt Ein Deutsch-Ame­ri­ka­ner in Deutsch­land erklärt die USA (deutsch)
Ger­man Joys Ein Ame­ri­ka­ner in Deutsch­land schreibt über Deutsch­land (eng­lisch)
Not­hing For Ungood Noch ein Ame­ri­ka­ner in Deutsch­land, der über Deutsch­land schreibt (eng­lisch)

  1. Sagen Sie bloß nicht „Wolf­gang Nie­de­cken“![]
  2. Ich muss aller­dings zuge­ben, dass die Vor­stel­lung, Jan Fed­der könn­te mal als CDU-Bun­des­kanz­ler kan­di­die­ren und ver­su­chen, sei­nen Wahl­kampf mit „Lan­dungs­brü­cken raus“ auf­zu­hüb­schen, irgend­wie schon was hat.[]
  3. Wobei Beck ein schlech­tes Bei­spiel ist, weil bei ihm ja nie­mand so genau weiß, wie er es zum Vor­sit­zen­den einer ehe­ma­li­gen Volks­par­tei hat schaf­fen kön­nen.[]
  4. Als ob das alle Ame­ri­ka­ner täten …[]
  5. Ich wäre übri­gens für eine Beschrän­kung des Waf­fen­rechts und für ein Tem­po­li­mit und wür­de mir in bei­den Län­der weni­ge Freun­de machen.[]
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Rundfunk Digital

Zitatenstrauß: Jon Stewart

Am Don­ners­tag hat­te Jon Ste­wart in der „Dai­ly Show“ David Perl­mut­ter zu Gast, den Autor des Buchs „Blog­wars“ über den wach­sen­den Ein­fluss von Blogs in der Poli­tik.

Mit­ten­drin äußer­te Ste­wart gro­ßes Unver­ständ­nis für Skep­sis und Kri­tik Blogs gegen­über:

I don’t know how you can be nega­ti­ve about some­thing that is just …

It’s like say­ing: „I don’t like the­se wri­ters“, becau­se it’s just wri­ting. You may not like what it says, you may not like the style that it says, but: that’s it, the work speaks for its­elf. If you find someone that you think is wort­hwi­le, has inte­gri­ty, then you fol­low them.

Das gan­ze Inter­view kann man sich hier anse­hen.

[Zita­ten­strauß, die Serie]

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Musik

Opa skatet wieder

Seit drei Wochen ist das neue, drit­te kett­car-Album „Sylt“ inzwi­schen drau­ßen. Zeit genug, es so oft zu hören, dass man sich ein Urteil erlau­ben kann.

Oder gleich meh­re­re bei der gro­ßen Rück­kehr der Track-by-track-Ana­ly­se:

Grace­land
Hab ich mir das Lied jetzt nur schön­ge­hört oder ist es mit der Zeit doch noch gewach­sen? Musi­ka­lisch ist es für kett­car immer noch eini­ger­ma­ßen sper­rig und eigent­lich sehr viel weni­ger radio­taug­lich als zum Bei­spiel „Dei­che“ vom letz­ten Album, aber dies­mal schien Eins­li­ve sich der Band nicht mehr ver­schlie­ßen zu kön­nen und spielt den Song jetzt mehr­mals am Tag. Nicht unbe­dingt der idea­le Ope­ner, aber der A‑ca­pel­la-Schluss ist schon ziem­lich groß.

Null­sum­men­spiel
Das ist dann schon ein sehr viel klas­si­sche­rer kett­car-Song: The-Clash-Gitar­ren, dop­pel­ter Gesang und mit viel Dri­ve nach vor­ne. Dazu der ers­te Poe­sie­al­bum-Spruch der neu­en Plat­te: „Arme aus­brei­ten, Schul­tern aus­ku­geln /​ Beim Nach­na­men goo­geln“. Arme aus­brei­ten, inde­ed.

Am Tisch
Dass ich beim Intro an Annett Loui­san den­ken muss, ist mein Pro­blem, nicht kett­cars. Eine Bal­la­de im Drei­vier­tel­takt über alte Freund­schaf­ten, die über unter­schied­li­che Lebens­ent­wür­fe zer­bro­chen sind, mit dem groß­ar­ti­gen Niels Fre­vert als Gast­sän­ger. Das Lied zieht für kett­car-Ver­hält­nis­se ziem­lich run­ter, ohne gro­ße Hoff­nun­gen auf Erlö­sung zu wecken.

Kein Außen mehr
„Lie­ber pein­lich als authen­tisch /​ Authen­tisch war schon Hit­ler“ – Was auch immer uns Mar­cus Wie­busch damit sagen will. So, wie das Lied nach dem Refrain in ein kur­zes Feed­back aus­bricht, hat man die Band auch noch nicht erlebt. „Kein Außen mehr“ steht in der Tra­di­ti­on von „Genau­er betrach­tet“, „Aus­ge­trun­ken“ oder „Lat­ten­mes­sen“: ohne Halt nach vor­ne und mit direk­tem Druck auf die Endor­phin­drü­sen. Ver­mut­lich der bes­te Song der Plat­te.

Wir müs­sen das nicht tun
Geht da jetzt noch eine Freund­schaft in die Brü­che oder doch mal wie­der eine Bezie­hung? Der stap­fen­de Rhyth­mus ist schon wie­der was neu­es und auch dies­mal ver­wei­gern sich kett­car einem Refrain. Dafür gibt’s wie­der so eine Zei­le, die man für den Rest sei­nes Lebens zitie­ren wird: „Sag zum Abschied lei­se ‚Fick dich‘ “.

Fake For Real
Düs­te­res elek­tro­ni­sches Geschep­per wie bei The Notwist knarzt hin­ter einem eben­so düs­te­ren Text über die Welt, in der wir leben. Von der Pro­duk­ti­on her der span­nends­te Song der Plat­te, text­lich zwi­schen den Extre­men mit eini­gen tol­len Zei­len und dann mit einem Slo­gan, den die Links­par­tei ver­mut­lich schon zum ers­ten Mai geklaut hat: „Für die einen sind es Men­schen mit Augen, Mund, Ohren /​ Für die ande­ren Kos­ten­fak­to­ren“. Sozi­al­kri­tik gut und schön, aber der Satz geht mir echt zu weit.

Gering­fü­gig, befris­tet, raus
Der Titel sagt’s: Es geht gegen das vor­herr­schen­de Wirt­schafts­sys­tem. Sowas kann tie­risch dane­ben gehen (s.o.), hier geht das Kon­zept aber trotz des abschre­cken­den Titels auf. Die Unzu­frie­den­heit und Ver­zweif­lung stei­gert sich zum Zynis­mus: „Wir sind heiß und hung­rig und hoch­mo­ti­viert /​ Fle­xi­bel, spon­tan und qua­li­fi­ziert /​ Wir sind team­fä­hig, unab­hän­gig und belast­bar /​ Uns ist heu­te egal, wo ges­tern noch Hass war“. Die Gene­ra­ti­on Prak­ti­kum singt mit und ver­brennt ihre „Neon“-Hefte in der Tee­kü­che der Wer­be­agen­tur.

Agnos­tik für Anfän­ger
Steil­vor­la­gen­ge­fahr: „Das alles ist so was von: lang­wei­lig /​ Das Leben, die Welt: lang­wei­lig“. Isses aber gar nicht, denn „Agnos­tik für Anfän­ger“ klingt dem Titel nach wie­der nach …But Ali­ve, musi­ka­lisch aber nach …And You Will Know Us By The Trail Of Dead. Gott kommt über die Welt und gibt den Men­schen „Sex und Casi­no“ und unheil­ba­re Krank­hei­ten, „Wein und Gesän­ge“ und Son­nen­un­ter­gän­ge. Viel­leicht ist das auch eine Meta­pher, aber fra­gen Sie mich nicht, wofür.

Ver­ra­ten
Ein biss­chen bes­ser hät­te man die wie­der­auf­ge­grif­fe­nen Gitar­ren- und Kla­vier­mo­ti­ve aus „Balu“ schon kaschie­ren kön­nen, aber immer­hin surrt im Hin­ter­grund ganz Beat­les-like eine Kreis­sä­ge. Der Text ist pure Melan­cho­lie und han­delt ver­mut­lich von der Rück­kehr an einen alt­be­kann­ten Ort, an dem jemand gestor­ben ist, von dem man sich nicht mehr ver­ab­schie­den konn­te. „Ver­ra­ten“ ist der ers­te Teil eines Tri­pty­chons …

Dun­kel
der zwei­te Teil des Tri­pty­chons: Wie­der Ver­gan­gen­heit, wie­der Fra­gen. Ein Lied, das mich etwas rat­los zurück­lässt und mir den­noch gefällt.

Wür­de
Tri­pty­chon, Teil 3: Ganz gro­ße Hym­ne mit Key­board-Strei­chern wie bei Fee­der. Die Arbeits­welt von vor­hin hat das ehe­ma­li­ge Kind von eben auf­ge­rie­ben und wie­der aus­ge­spuckt. Am Ende geht es zurück zu den Eltern und ich habe jedes Mal einen Kloß im Hals, wenn Mar­cus Wie­busch singt: „Aber mach dir kei­ne Sor­gen, Mama /​ Papa, ja ich weiß, bleib ruhig /​ Euer Jun­ge kommt nach Hau­se heu­te /​ Gebro­chen, fer­tig, durch“. Und dann knüp­pelt die Band drauf los wie sel­ten zuvor.

Wir wer­den nie ent­täuscht wer­den
Das Album noch mal im Schnell­durch­lauf, alle The­men in 2:11 Minu­ten. Die letz­ten fünf­zig Sekun­den sind dem Head­ban­gen vor­be­hal­ten und wie­der mal: dem Arme aus­brei­ten. Die Fans lesen den Titel und den­ken: „Stimmt.“

Fazit
„Sylt“ ist anders als die bei­den Vor­gän­ger und doch ganz klar kett­car. Musi­ka­lisch war die Band (immer­hin mit drei ver­schie­de­nen Pro­du­zen­ten) noch nie so viel­sei­tig und so gut, text­lich erschließt sich vie­les erst spät oder nie.

Mar­cus Wie­busch hat in so ziem­lich jedem Inter­view erzählt, man habe ein Album machen wol­len, dass „nicht ein­ver­stan­den“ ist. Das merkt man: kett­car sin­gen gegen die Durch­öko­no­mi­sie­rung der Welt, gegen Hartz IV, gegen den gan­zen Zynis­mus, der einem ent­ge­gen­schlägt. Damit müs­sen auch die eige­nen Fans erst mal zurecht­kom­men, poten­ti­el­le Nach­fol­ger für „Lan­dungs­brü­cken raus“, „Bal­kon gegen­über“ und „Trä­nen­gas im High-End-Leben“ sprin­gen einen nicht gera­de an.

„Sylt“ schwebt zwi­schen Eupho­rie und Melan­cho­lie, Wut und Zunei­gung, Drin­nen und Drau­ßen wie eine Nadel zwi­schen zwei Magnet­po­len. Das Album ist schwie­rig, aber es lohnt die Aus­ein­an­der­set­zung.

I’d like to thank the Aca­de­my (Aca­de­my, Aca­de­my …)

kettcar - Sylt (Albumcover)

kett­car – Sylt
VÖ: 18.04.2008
Label: Grand Hotel van Cleef
Ver­trieb: Indi­go

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Cinemascope für Anfänger

Ich habe gera­de einen ganz schö­nen Schreck bekom­men, als ich die Start­sei­te von n‑tv.de auf­ge­ru­fen habe:

Aus zwei mach eins mit n-tv.de

Irgend­wann fiel mir dann auch wie­der ein, woher mir die­ses Tech­nik bekannt vor­kam

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Digital

Und wieso eigentlich nicht ich?

Heu­te wur­den die Nomi­nie­run­gen für den Grim­me Online Award 2008 bekannt gege­ben. Da ich noch nicht die Zeit hat­te, mir alle nomi­nier­ten Inter­net­an­ge­bo­te näher anzu­se­hen, schrei­be ich aber nicht über die Nomi­nier­ten, son­dern über die net­te klei­ne Ver­an­stal­tung in den Räu­men der Lan­des­an­stalt für Medi­en NRW in Düs­sel­dorf:

Bekanntgabe der Nominierungen für den GOA 2008

Dem Adolf-Grim­me-Insti­tut haf­tet ja immer eine gewis­se Spie­ßig­keit an: Es sitzt in Marl und hängt irgend­wie mit dem Deut­schen Volks­hoch­schul­ver­band zusam­men – Ung­la­mou­rö­se­res kann man sich kaum vor­stel­len, ohne beim Auf­schrei­ben min­des­tens die Bewoh­ner meh­re­rer ost­deut­scher Land­stri­che und ein paar Per­so­nen zu belei­di­gen. Trotz­dem (ver­mut­lich eher: genau des­halb) macht das Grim­me-Insti­tut aber sehr gute und lobens­wer­te Arbeit – ich selbst habe kürz­lich erst an einem sehr inter­es­san­ten Semi­nar über Medi­en­jour­na­lis­mus teil­neh­men dür­fen.

Wo, wenn nicht im weit­ge­hend ablen­kungs­frei­en Marl, soll­ten sich Men­schen durch fast 1.900 vor­ge­schla­ge­ne Inter­net­sei­ten kli­cken; wer, wenn nicht eine Nomi­nie­rungs­kom­mis­si­on aus Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­lern, VHS-Stu­di­en­lei­tern und Online­jour­na­lis­ten, soll­te eine sol­che Mas­se erst auf 250 näher zu betrach­ten­de Ange­bo­te und dann auf 17 Nomi­nie­run­gen ein­schrän­ken? So erklär­te Uwe Kam­mann, Direk­tor des Adolf-Grim­me-Insti­tuts, dann auch das Selbst­ver­ständ­nis des Prei­ses: Ori­en­tie­rung und Hil­fe lie­fern in der Flut von Inter­net­an­ge­bo­ten. Im ver­gan­ge­nen Jahr habe ich so das groß­ar­ti­ge Blog „USA erklärt“ ken­nen­ge­lernt.

Zwei Trends sei­en in die­sem Jahr erkenn­bar, hieß es: der zu Online-Vide­os und zu Nut­zer­be­tei­li­gung, wobei letz­te­re inzwi­schen weit über Kom­men­tar­funk­tio­nen hin­aus­gin­ge. Damit war die Hor­ror­vor­stel­lung für eini­ge Jour­na­lis­ten dann auch schön umris­sen: „Fern­se­hen“ im Inter­net, gemacht von Men­schen, die womög­lich noch nie ein Fern­seh­stu­dio, geschwei­ge denn eine Jour­na­lis­ten­schu­le von innen gese­hen haben, und noch dazu die Ein­bin­dung der Leu­te, die frü­her nur abni­cken soll­ten, was man ihnen vor­setz­te.

Ande­re Jour­na­lis­ten fin­den das frei­lich toll. So berich­te­te Jens Reh­län­der von GEO.de, das mit einer Mul­ti­me­di­a­re­por­ta­ge über die Koral­len­in­sel Raja Ampat nomi­niert ist, völ­lig nach­voll­zieh­bar davon, wie enthu­si­as­tisch er nach einem Jahr in der Online-Redak­ti­on sei, nach­dem er 20 Jah­re Print gemacht habe. Er sprach von der Ver­än­de­rung des Berufs­bilds Jour­na­list und davon, dass die Repor­ter von Geo nach Fei­er­abend und am Wochen­en­de ihre Mul­ti­me­dia­in­hal­te zusam­men­schnei­den. Dann sag­te er noch, dass es Inter­net­nut­zer lie­ber authen­tisch als extrem pro­fes­sio­nell hät­ten, und man gar nicht vor­ha­be, mit Pod­casts und Vide­os Radio und Fern­se­hen Kon­kur­renz zu machen. Und ich dach­te nur noch: „Klu­ger Mann!“

Gut ein Vier­tel der Nomi­nie­run­gen ent­fiel auf pro­gramm­be­glei­ten­de Ange­bo­te öffent­lich­lich-recht­li­cher Sen­der, was man natür­lich durch­aus kri­ti­sie­ren kann, wenn man eh bei jeder pas­sen­den und unpas­sen­den Gele­gen­heit das öffent­lich-recht­li­che Sys­tem kri­ti­sie­ren will. Dass die ZDF-Media­thek nomi­niert wur­de, kann man durch­aus als poli­ti­sche Ent­schei­dung ver­ste­hen, immer­hin sol­len die öffent­lich-recht­li­chen Sen­der nach Plä­nen der EU-Kom­mis­si­on ihre Inhal­te zukünf­tig nur noch sie­ben Tage online stel­len dür­fen, was für den Gebüh­ren­zah­ler in etwa so geist­reich ist wie ein Maler­meis­ter, der Ihnen nach sie­ben Tagen die bereits bezahl­ten Tape­ten wie­der von den Wän­den kratzt. Die­ses The­ma führ­te dann auch zu klei­ne­ren Dis­kus­sio­nen zwi­schen Ver­tre­tern des WDR und der Düs­sel­dor­fer Staats­kanz­lei und zu span­nen­den Gesprä­chen nach dem offi­zi­el­len Teil. Dass es im Jahr 2008 über­haupt noch als preis­wür­dig gilt, wenn ein Fern­seh­sen­der fast alle sei­ne Inhal­te online ver­füg­bar hat, ist schon eini­ger­ma­ßen tra­gisch, in Deutsch­land aber eben auch Fakt. Wenn sich die Jury an die Bewer­tungs­kri­te­ri­en hält (Stich­wort „Nut­zer­freund­lich­keit“), dürf­te die ZDF-Media­thek trotz­dem kei­ne Chan­ce auf den Preis haben.

Markus Beckedahl von netzpolitik.org

Ins­ge­samt ist die Lis­te der Nomi­nier­ten schon recht brav, man könn­te sagen: Grim­me-Insti­tut halt. Mir fie­le so spon­tan aber kein son­der­lich „unbra­ves“ Inter­net­pro­jekt ein, das ich hät­te vor­schla­gen kön­nen. Dass ver­gleichs­wei­se weni­ge Blogs nomi­niert wur­den (dafür mit Netz­po­li­tik und Stö­rungs­mel­der zwei poli­ti­sche und das sehr per­sön­li­che der ALS-Pati­en­tin San­dra Scha­dek), erklär­te Prof. Chris­toph Neu­ber­ger aus der Nomi­nie­rungs­kom­mis­si­on damit, dass sich die Stan­dards im Web jedes Jahr änder­ten und Mul­ti­me­dia­li­tät inzwi­schen einen höhe­ren Stel­len­wert habe.

Dann sind über­pro­por­tio­nal vie­le Ange­bo­te für Kin­der dabei, was man noch damit recht­fer­ti­gen kann, dass Ori­en­tie­rung beson­ders auf die­sem Gebiet Not tut und päd­ago­gisch wert­vol­le Inter­net­sei­ten sowie­so unter­stüt­zens­wert sind. Mit Hobnox ist ein Ange­bot nomi­niert, das ich zwar für sehr span­nend, mög­li­cher­wei­se gar revo­lu­tio­när hal­te, sich aber auch noch in der Beta-Pha­se befin­det …

Man kann also wie­der kräf­tig an der Lis­te rum­mä­keln, was man als Blog­ger ver­mut­lich sogar tun muss, weil ja so vie­le böse „kom­mer­zi­el­le“ und „gebüh­ren­fi­nan­zier­te“ Ange­bo­te auf der Lis­te ste­hen, man kann aber das Anlie­gen und die Ent­schei­dun­gen des Grim­me-Insti­tuts akzep­tie­ren und, wenn’s denn sein muss, ein­fach einen eige­nen Award aus­ru­fen – so wie Til Schwei­ger, nach­dem er beim Deut­schen Film­preis über­gan­gen wor­den war.

Nicht ohne Stolz will ich aber zum Schluss dar­auf hin­wei­sen, dass ich beim Über­flie­gen der Lis­ten unter den Mit­ar­bei­ter an den nomi­nier­ten Pro­jek­ten schon wie­der zwei ehe­ma­li­ge Dins­la­ke­ner gefun­den habe.

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Rundfunk

Housebesuch

Ich habe erst heu­te (und damit pas­send zum ges­tern gesen­de­ten Staf­fel­fi­na­le) fest­ge­stellt, dass „RP Online“ vor mehr als einem Jahr sechs Medi­zi­ner zu „Dr. House“ befragt hat.

Sie fin­den die Serie alle­samt unrea­lis­tisch und Dr. Gre­go­ry House min­des­tens unsym­pa­thisch, wenn nicht gar unhalt­bar, aber das soll uns nicht groß inter­es­sie­ren, denn es han­delt sich ja um eine fik­tio­na­le Serie und nicht um einen medi­zi­ni­schen Fach­auf­satz.

Ihre Ein­schät­zun­gen sind nichts­des­to­trotz fast durch­gän­gig inter­es­sant und hier in einer sie­ben­tei­li­gen Klick­stre­cke nach­zu­le­sen.

Nach­trag, 8. Mai: Mei­ne Mut­ter wies mich dar­auf hin, dass die „NRZ“ vor ein paar Wochen etwas ganz ähn­li­ches gemacht hat. Aller­dings ist der Arzt, der die Serie dort ana­ly­siert, Fan.

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Programmhinweis: Jugendmedienevent 2008

Wenn Sie zwi­schen zwölf und 25 Jah­re alt sind (ich Sie also nicht unbe­dingt sie­zen müss­te) und sich für Medi­en und Jour­na­lis­mus inter­es­sie­ren, hät­te ich da was für Sie:

Die Jun­ge Pres­se ver­an­stal­tet vom 14. bis zum 17. August 2008 in Mainz und Essen (erst zwei Tage Mainz, dann zwei Tage Essen) das Jugend­me­di­en­event 2008.

Für wenig Geld gibt es dort einen Aus­flug zum ZDF und zahl­rei­che Vor­trä­ge und Work­shops mit erfah­re­nen und nam­haf­ten Jour­na­lis­ten – sowie einen mit mir, denn ich wer­de dort etwas über das Web 2.0 im All­ge­mei­nen und Blogs im Spe­zi­el­len erzäh­len.

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Fischen im Netz

Das Inter­net hat die Arbeit von Jour­na­lis­ten erheb­lich ver­ein­facht: Bin­nen weni­ger Sekun­den kann man Agen­tur­mel­dun­gen auf ihren Wahr­heits­ge­halt über­prü­fen (vor­aus­ge­setzt, man will), uralte Tex­te aus obsku­ren Archi­ven her­aus­su­chen und per E‑Mail Ansprech­part­ner in aller Welt kon­tak­tie­ren. Vor allem aber hat man blitz­schnell Infor­ma­tio­nen über jun­ge Leu­te zur Hand, über die zuvor noch nie­mand geschrie­ben hat – außer sie selbst.

Das fiel mir ges­tern wie­der auf, als ich auf der Inter­net­sei­te des „San Fran­cis­co Chro­nic­le“ einen Arti­kel über einen Stu­den­ten aus Ber­ke­ley las, der am frü­hen Sams­tag­mor­gen ersto­chen wur­de. Schon ohne die Fami­lie des Opfers heim­ge­sucht zu haben, konn­ten die Autoren am Sams­tag­abend eine eini­ger­ma­ßen leben­di­ge Cha­rak­te­ri­sie­rung des Toten abge­ben:

Chris­to­pher W.*, who loved ’80s music, poker, base­ball and foot­ball, accor­ding to his MySpace page, would have recei­ved his under­gra­dua­te degree later this month and was going to begin gra­dua­te school in nuclear engi­nee­ring at UC Ber­ke­ley in the fall.

[…]

W.* was acti­ve in his fra­ter­ni­ty, ser­ving as vice pre­si­dent and pledge edu­ca­tor.

„Nobo­dy can have a bet­ter set of fri­ends than I do,“ he wro­te on his MySpace page. „I’m a Sig­ma Pi for life.“

W.* lis­ted on MySpace the Bible as one of his favo­ri­te books and Jesus as one of his top inte­rests.

Among his heroes, he lis­ted „Jesus, my mom, my dad, my big brot­her, real­ly wise peo­p­le.“

* Anony­mi­sie­rung von mir

Exkurs: Dass die Opfer eines Ver­bre­chens (eben­so wie die Täter) meist mit vol­lem Namen genannt und auf Fotos gezeigt wer­den, ist im angel­säch­si­schen Jour­na­lis­mus nor­mal. Anders als in Deutsch­land, wo „Bild“ und Kon­sor­ten häu­fig die unrühm­li­che Aus­nah­me dar­stel­len, sind die Prot­ago­nis­ten von Kri­mi­nal­fäl­len in Groß­bri­tan­ni­en und den USA oft auch in den soge­nann­ten Qua­li­täts­me­di­en voll­stän­dig iden­ti­fi­zier­bar. Ent­spre­chend war es lei­der wenig über­ra­schend, dass BBC und CNN im „Fall Amstet­ten“ zu den ers­ten Medi­en gehör­ten, die Täter und Opfer bei vol­lem Namen nann­ten, bevor deutsch­spra­chi­ge Medi­en nach­zo­gen (lesen Sie dazu auch die­sen sehr klu­gen Ein­wurf bei medienlese.com). Exkurs Ende.

Doch zurück zum Toten von Ber­ke­ley und sei­nem MySpace-Pro­fil: Immer­hin hat man beim „Chro­nic­le“ (vor­erst) dar­auf ver­zich­tet, auch Fotos von sei­ner Sei­te zu ver­öf­fent­li­chen. Es ist nicht unwahr­schein­lich, dass sie noch zum Ein­satz kom­men wer­den, denn nie war es ein­fa­cher, an per­sön­li­che Bil­der und Infor­ma­tio­nen von Betrof­fe­nen zu kom­men – „Wit­wen­schüt­teln“, ganz ohne anstren­gen­de Haus­be­su­che, bei denen man Gefahr lau­fen könn­te, im Ange­sicht der Hin­ter­blie­be­nen doch noch Gewis­sens­bis­se zu bekom­men.

Als im Janu­ar eine Bie­le­fel­der Schü­le­rin beim Ski­fah­ren töd­lich ver­un­glück­te, nutz­ten „Bild am Sonn­tag“ (s. BILD­blog) und RTL (s. Indis­kre­ti­on Ehren­sa­che) Pri­vat­fo­tos aus dem Schue­lerVZ-Pro­fil der Toten zur Illus­tra­ti­on ihrer Arti­kel und Bei­trä­ge. Bei Schue­lerVZ muss man sich – anders als bei MySpace – erst ein­mal anmel­den, um die Pro­fi­le der ande­ren Mit­glie­der ein­se­hen zu kön­nen.

Im März brach­te die „New York Times“ ein gro­ßes Por­trät über das Call­girl, das die poli­ti­sche Kar­rie­re des New Yor­ker Gou­ver­neurs Eli­ot Spit­zer been­det hat­te – wei­te Tei­le stamm­ten aus Tele­fon­in­ter­views, die die Redak­teu­re mit der jun­gen Frau geführt hat­ten, ande­re Details und Fotos waren direkt ihrer MySpace-Sei­te ent­nom­men. Patri­cia Drey­er, „Panorama“-Chefin von „Spie­gel Online“ und Ex-Unter­hal­tungs­chefin bei „Bild“, muss­te wenig mehr machen, als den „New York Times“-Artikel noch zu über­set­zen und mit indi­rek­ter Rede zu ver­se­hen, um bei „Spie­gel Online“ einen „eige­nen“ gro­ßen Arti­kel dar­aus zu machen. Wie­der inklu­si­ve aller MySpace-Fotos, die dort plötz­lich mit den Quel­len­hin­wei­sen „AP“ und „AFP“ ver­se­hen waren.

Ende März brach­te die „taz“ einen län­ge­ren Arti­kel dar­über, wie sich „Bild“ immer wie­der bei Stu­diVZ bedient und frag­te auch in der Pres­se­stel­le von Stu­diVZ nach, wie man dort eigent­lich zu dem The­ma ste­he. Die Ant­wort fiel wenig über­ra­schend schwam­mig aus:

Die jour­na­lis­ti­sche Ver­wer­tung von Bil­dern aus Stu­diVZ ist nicht in unse­rem Inter­es­se. Das steht auch ein­deu­tig in unse­ren AGB. Wird den­noch ein Foto von einem unse­rer Nut­zer zu die­sem Zweck unau­to­ri­siert ver­wen­det, so han­delt es sich hier­bei um eine Ver­let­zung der Urhe­ber­rech­te. Der Nut­zer kann gegen das ent­spre­chen­de Medi­um vor­ge­hen.

Doch noch ein­mal zurück zum „San Fran­cis­co Chro­nic­le“, der – das muss man viel­leicht noch mal erwäh­nen – durch­aus zu den ame­ri­ka­ni­schen Qua­li­täts­zei­tun­gen zählt und des­sen Redak­teu­re regel­mä­ßig mit Jour­na­lis­mus­prei­sen geehrt wer­den: In einem wei­te­ren Arti­kel auf der heu­ti­gen Titel­sei­te wer­den dort Aus­sa­gen vom Bru­der des Opfers mit Zita­ten aus dem MySpace-Blog des Toten gegen­über­ge­stellt. Die Aus­sa­ge, der Ver­stor­be­ne sei ein fried­li­cher und reli­giö­ser Mensch gewe­sen, wer­den mit hor­mon- und alko­hol­ge­schwän­ger­ten Par­ty­ge­schich­ten ver­schnit­ten, die für jeden „Chronicle“-Leser drei Maus­klicks weit ent­fernt sind.

Ich muss also mei­ne eige­ne Mei­nung zur infor­ma­tio­nel­len Selbst­be­stim­mung, die ich hier schon ein­mal aus­ge­brei­tet habe, etwas ein­schrän­ken: Zwar glau­be ich nach wie vor, dass per­sön­li­che Blog­ein­trä­ge und Par­ty­fo­tos eines Tages für Per­so­nal­chefs wie­der völ­lig irrele­vant sein wer­den (ein­fach, weil es sie von jedem Bewer­ber und dem Per­so­nal­chef selbst geben wird), aber es besteht eben immer die Gefahr, unfrei­wil­lig zum Gegen­stand pseu­do-jour­na­lis­ti­scher Bericht­erstat­tung zu wer­den.

Ich wür­de nicht wol­len, dass, soll­te ich mor­gen unter einem LKW lie­gen, die Zei­tun­gen über­mor­gen mein Leben und Wesen so zusam­men­fass­ten: „Lukas moch­te, wie er auf sei­nem MySpace-Pro­fil schrieb, Acht­zi­ger-Jah­re-Komö­di­en und Musik von Oasis und Phil Coll­ins.“

Nach­trag, 6. Mai: BILD­blog gibt Tipps, wie man sich halb­wegs gegen die Ver­wen­dung von Fotos schüt­zen kann.

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Digital

Klickbefehl (10)

Die Künst­ler haben ihre Rech­te doch schon längst abge­ge­ben. Das heißt die Ver­wer­ter nut­zen nur die abge­tre­te­nen Rech­te. Des­halb habe ich auch den sehr pla­ka­ti­ven Begriff des Haus­skla­ven ver­wen­det. Die tar­nen sich also als Krea­ti­ve, das ist unse­ri­ös – auch für eine offe­ne Dis­kus­si­on, die in dem Brief ja gefor­dert wird.

Alles, was ich immer in unge­len­ken Wor­ten und mit gefähr­li­chem Halb­wis­sen an der Musik­in­dus­trie kri­ti­siert habe, fasst der Mul­ti­me­dia­recht­ler Prof. Tho­mas Hoe­ren in einem Inter­view mit jetzt.de und einem Blog-Ein­trag noch ein­mal wesent­lich fun­dier­ter zusam­men.

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Musik Rundfunk

What’s the use in trying /​ All you get is pain

Ich leh­ne Cas­ting-Shows nicht grund­sätz­lich ab. „Germany’s Next Top­mo­del“ schaue ich aus mir selbst nicht ganz nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den regel­mä­ßig und „Bul­ly sucht die star­ken Män­ner“ fin­de ich sogar sehr gelun­gen und mit viel Lie­be gemacht, eben­so natür­lich Ste­fan Raabs „SSDSDSSWEMUGABRTLAD“.

„Deutsch­land sucht den Super­star“ aber mei­de ich wie sonst nur Polit­talk­shows und das Tages­pro­gramm der pri­va­ten Fern­seh­sen­der. Die­ter Boh­len ist mir per­sön­lich nicht bekannt, aber ich sehe wenig Grund dar­an zu zwei­feln, dass ich ihn nicht mögen wür­de. Die Art und Wei­se, wie Schü­le­rin­nen und Schü­ler dazu gebracht wer­den sol­len, ihr kom­plet­tes Taschen­geld und die Ein­künf­te aus ihren Feri­en­jobs der nächs­ten drei Som­mer­fe­ri­en für Tele­vo­ting aus­zu­ge­ben, ist mir min­des­tens suspekt. Inso­fern kann ich auch nicht beur­tei­len, wie der Auf­tritt irgend­wel­cher „Superstar“-Kandidaten in ihrer Hei­mat­stadt zu bewer­ten ist.

Noch weni­ger als „Deutsch­land sucht den Super­star“ schaue ich „Ame­ri­can Idol“, was haupt­säch­lich dar­an liegt, dass ich hier in Deutsch­land kein Fox emp­fan­ge. Aller­dings wür­de ich es wohl selbst dann nicht schau­en, wenn ich tech­nisch dazu in der Lage wäre.

Wer will schon der­art desas­trö­se Dar­bie­tun­gen von „I’m A Belie­ver“ hören?

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Die hoff­nungs­vol­le Sän­ge­rin heißt übri­gens Broo­ke White, aber Sie brau­chen sich die­sen Namen nicht zu mer­ken: sie ist in der letz­ten Sen­dung raus­ge­flo­gen.

[via All Songs Con­side­red blog]

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Züge, Tiere, Sensationen

Das mit den Tie­ren und der Deut­schen Bahn ist noch viel schlim­mer, als bis­her ver­mu­tet:

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Biber