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Sport Gesellschaft

Christoph Daums Bedenken

Am Mitt­woch, 28. Mai 2008, wird das Deut­sche Sport­fern­se­hen (DSF) eine Doku­men­ta­ti­on aus­strah­len, die sich mit dem immer noch größ­ten Tabu im Fuß­ball beschäf­tigt: der Homo­se­xua­li­tät.

Wenn es stimmt, was die Deut­sche Aka­de­mie für Fuß­ball­kul­tur vor­ab ver­mel­det, wird Chris­toph Daum, Trai­ner der Fahr­stuhl­mann­schaft 1. FC Köln, in die­sem Film fol­gen­de Wor­te sagen:

Da wird es sehr deut­lich, wie sehr wir dort auf­ge­for­dert sind, gegen jeg­li­che Bestre­bun­gen, die da gleich­ge­schlecht­lich aus­ge­prägt ist, vor­zu­ge­hen. Gera­de den uns anver­trau­ten Jugend­li­chen müs­sen wir mit einem so gro­ßen Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein ent­ge­gen tre­ten, dass gera­de die, die sich um die­se Kin­der küm­mern, dass wir denen einen beson­de­ren Schutz zukom­men las­sen. Und ich hät­te da wirk­lich mei­ne Beden­ken, wenn dort von Theo Zwan­zi­ger irgend­wel­che Libe­ra­li­sie­rungs­ge­dan­ken ein­flie­ßen soll­ten. Ich wür­de den Schutz der Kin­der über jeg­li­che Libe­ra­li­sie­rung stel­len.

Das klingt erst ein­mal ziem­lich kon­fus, was sicher auch der frei­en Rede geschul­det ist. Aber es bedarf kei­ner beson­ders bös­wil­li­gen Inter­pre­ta­ti­on, um zu erah­nen, dass da wohl mal jemand Homo­se­xua­li­tät und Pädo­phi­lie durch­ein­an­der gebracht hat. Oder brin­gen woll­te.

Nun hal­te ich nor­ma­ler­wei­se nicht viel davon, Men­schen mög­li­che Ver­feh­lun­gen aus ihrer eige­nen Ver­gan­gen­heit immer wie­der vor­zu­hal­ten, aber an die­ser Stel­le soll­te nicht uner­wähnt blei­ben, dass sich da ein Mann um Jugend­li­che und „Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein“ sorgt, der vor acht Jah­ren nicht Fuß­ball­bun­des­trai­ner wur­de, weil ihm schwe­rer Koka­in­kon­sum nach­ge­wie­sen wer­den konn­te. (Mei­net­we­gen kann jeder mit sei­ner Gesund­heit machen, was er will, aber hier geht es ja um die mora­li­sche Kom­po­nen­te der Geschich­te.) Dass Daum aus­ge­rech­net Trai­ner in der „schwuls­ten Stadt Deutsch­lands“ ist, ist da das Tüp­fel­chen auf dem i.

Ich bin gespannt, wie die Doku­men­ta­ti­on letzt­lich aus­se­hen wird, und ob Daums homo­pho­ber Aus­fall von der Öffent­lich­keit über­haupt wahr­ge­nom­men wird. Der Pro­fi­fuß­ball wird immer wie­der mit der katho­li­schen Kir­che in einem Atem­zug genannt, wenn es um die letz­ten Bas­tio­nen offe­ner Schwu­len­feind­lich­keit gilt. Das Fuß­ball­ma­ga­zin „Rund“ hat die­sem The­ma schon meh­re­re gro­ße Arti­kel gewid­met, die man hier und hier bei „Spie­gel Online“ nach­le­sen kann.

DFB-Chef Theo Zwan­zi­ger will jetzt „ein Kli­ma schaf­fen“ in dem auch offen homo­se­xu­el­le Fuß­bal­ler ent­spannt im Sta­di­on auf­lau­fen kön­nen. Das ist ihm hoch anzu­rech­nen, aber es wird ein schwe­rer Weg in einem Umfeld, in dem Fans geg­ne­ri­sche Spie­ler oder den Schieds­rich­ter immer noch als „schwul“ bezeich­nen und das durch­aus als Belei­di­gung mei­nen. Wie bei sei­nem Enga­ge­ment gegen Ras­sis­mus wird der DFB einen lan­gen Atem brau­chen und auch sei­ne eige­nen Ent­schei­dun­gen anpas­sen. So wur­de der Dort­mun­der Tor­wart Roman Wei­den­fel­ler im ver­gan­ge­nen Jahr für drei Spie­le gesperrt und muss­te 10.000 Euro Stra­fe zah­len, weil er sei­nen Gegen­spie­ler Gerald Asa­mo­ah belei­digt hat­te: angeb­lich wur­de Wei­den­fel­ler für die Wor­te „Du schwu­le Sau“ ver­ur­teilt – wenn er den dun­kel­häu­ti­gen Asa­mo­ah (wie zunächst behaup­tet wur­de) als „schwar­zes Schwein“ beschimpft hät­te, wäre die Stra­fe noch erheb­lich schwe­rer aus­ge­fal­len.

Zum aktu­el­len Fall Daum hat sich Moritz von hel­lo­jed. im offi­zi­el­len Web­fo­rum des 1. FC Köln umge­se­hen und prä­sen­tiert die schlimms­ten Kom­men­ta­re.

[via queer.de]

Nach­trag, 18:40 Uhr: Wie Moritz in einem wei­te­ren Ein­trag schreibt, hat sich Daum inzwi­schen gegen­über dem Köl­ner „Express“ erklärt – und dabei ein­drucks­voll unter Beweis gestellt, dass er den Unter­schied zwi­schen Homo­se­xua­li­tät und Pädo­phi­lie wirk­lich nicht kennt:

Grund­sätz­lich bin ich ein tole­ran­ter und libe­ra­ler Mensch. Ich habe kei­ner­lei Berüh­rungs­ängs­te zu homo­se­xu­el­len Men­schen. Auch in mei­nem Bekann­ten­kreis gibt es Eini­ge, die gleich­ge­schlecht­li­che Bezie­hun­gen leben.
Kin­der­schutz geht mir aber über alles. Kin­der müs­sen vor Gewalt und sexu­el­len Über­grif­fen, ganz gleich ob homo- oder hete­ro­se­xu­el­len Men­schen, geschützt wer­den. Des­we­gen arbei­te ich auch aktiv bei der Orga­ni­sa­ti­on Power-Child.

Wer beim Wort „schwul“ gleich an ekli­ge Män­ner denkt, die klei­nen Jungs an die Sport­ho­se wol­len, soll­te zumin­dest kurz über­le­gen, ob er die­ses ver­que­re Welt­bild auch noch der Öffent­lich­keit mit­tei­len muss.

Und wäh­rend der „Express“ noch recht neu­tral „Wir­bel um Daum-Aus­sa­ge“ titelt, gehen bild.de („Daum belei­digt Schwu­le“) und stern.de („Daum macht gegen Schwu­le mobil“) gleich in die Vol­len. Das muss ja auch nicht sein …

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Musik Rundfunk

Das Ende eines phantastischen Zeitalters

Das war ja klar: wir hören uns alle 43 Titel an, die in die­sem Jahr beim Euro­vi­si­on Song Con­test (vul­go: „Grand Prix“) antre­ten, ich fin­de sogar ein Lied, das mir ganz ehr­lich und ohne Iro­nie gefällt – und das schei­tert dann natür­lich gran­di­os bereits im Halb­fi­na­le.

Lei­der lag die Treff­si­cher­heit der Töne auf der Büh­ne unge­fähr bei einem hal­ben Kas­ten Bier auf der nach oben offe­nen Thees-Uhl­mann-Ska­la und die „Cho­reo­gra­phie“ hät­te Det­lef D! Soost sicher mit mar­ki­gen Wor­ten in die Ton­ne getre­ten. Aber ich dach­te mir, bevor der ein­zig wirk­lich gute Song des dies­jäh­ri­gen Grand Prix wie­der völ­lig in der Ver­sen­kung ver­schwin­det, gön­ne ich ihm hier noch mal sei­ne 3:28 Minu­ten Ruhm.

Mei­ne Damen und Her­ren, mit der Start­num­mer 42, zum letz­ten Mal dabei, bit­te nicht wie­der­wäh­len: Pao­lo Mene­guz­zi aus der Schweiz mit „Era Stu­pen­do“!

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Digital

Die Top-Themen von „RP Online“

… am 22. Mai 2008, kurz nach 18 Uhr:

Top-Themen bei “RP Online”

[Alle Screen­shots: „RP Online“, Zusam­men­stel­lung: Cof­fee And TV]

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Musik

Listenpanik 04/​08

Nächs­te Woche ist ja fast schon wie­der Juni, da soll­te ich so lang­sam aber sicher doch mal alle Ver­öf­fent­li­chun­gen des Monats April durch­ge­hört und geord­net haben. Habe ich natür­lich nicht, wes­we­gen ich die Lis­te tra­di­tio­nell bereits in fünf Minu­ten wie­der umwer­fen wer­de. Aber dann steht sie ja schon hier:

Alben
1. Sir Simon – Batt­le
Man muss sich das immer wie­der erstaunt vor Augen hal­ten: die­ses Album ist wirk­lich in Deutsch­land ent­stan­den, nicht irgend­wo in den brei­ten Prä­rien der USA. „Batt­le“ ist ein ganz wun­der­ba­res Folk­pop-Album, das abwech­selnd an Ryan Adams, Wil­co, Mari­ti­me und die Wea­k­erthans erin­nert. Defi­ni­tiv mein mit-dem-Zug-durch-die-Pro­vinz-juckel-Album des Jah­res.

2. kett­car – Sylt
Vor­her war ich eini­ger­ma­ßen skep­tisch, nach den ers­ten Hör­durch­läu­fen war ich irgend­wie ent­täuscht, aber dann erschloss sich mir „Sylt“ doch noch Stück für Stück. kett­car trau­en sich was mit ihrem drit­ten Album und ihr Mut wird belohnt. Ein Album wie das Debüt wird ihnen wohl nie mehr gelin­gen, aber die Band ist klug genug, es auch nicht mehr zu ver­su­chen. [mehr dazu]

3. Rogue Wave – Asleep At Heaven’s Gate
Muss auch mal sein: grad­li­ni­ger ame­ri­ka­ni­scher Indie­rock ohne all­zu gro­ße Mätz­chen. Halt ein­fach: schön. So wie Nada Surf und Death Cab For Cutie, mit denen Rogue Wave auch schon des öfte­ren unter­wegs waren. Noch ein, zwei Ein­sät­ze in den rich­ti­gen TV-Seri­en, und die Band geht auch in Deutsch­land durch die Decke.

4. Port­is­head – Third
Port­is­head sind einer der wei­ßen Fle­cken auf mei­ner musi­ka­li­schen Land­kar­te: mei­ne Musik­so­zia­li­sa­ti­on begann zu einer ande­ren Zeit und in einer ande­ren Ecke, und wäh­rend ich die stets im glei­chen Atem­zug genann­ten Mas­si­ve Attack noch für mich erschlos­sen habe, blie­ben Port­is­head (auch in Erman­ge­lung aktu­el­len Mate­ri­als) immer außen vor. An ihrem drit­ten Album in 15 Jah­ren führ­te aber kein Weg dran vor­bei und so habe ich mich der Her­aus­for­de­rung auch mal gestellt: „Third“ ist eines die­ser Alben, bei denen man sich fragt, war­um es eigent­lich als „Unter­hal­tungs­mu­sik“ bezeich­net wird, wäh­rend das Gefie­del von André Rieu „ernst­haf­te Musik“ sein soll. Kunst­pop durch und durch, der sich mir nur teil­wei­se erschlie­ßen und mich auch nur teil­wei­se begeis­tern will. Wie auch schon beim letz­ten Radio­head-Album gilt aber: zwei­fels­oh­ne gro­ße Kunst.

5. Kai­zers Orches­tra – Mas­ki­ne­ri
Als Kai­zers Orches­tra vor fünf Jah­ren auf dem Hald­ern Open Air auf­tauch­ten, hin­ter­lie­ßen sie glei­cher­ma­ßen fas­sungs­lo­se wie begeis­ter­te Mas­sen. Ihr nor­we­gi­scher Gyp­sie-Rock war anders als das meis­te, was man bis dahin gehört hat­te. Auf ihrem vier­ten Album klingt die Band nicht mehr so exo­tisch wie frü­her, hat aber ganz klar immer noch eine musi­ka­li­sche Son­der­stel­lung. Es rum­pelt, es pumpt, es sägt und es macht ein­fach Freu­de.

Songs
1. Mêlée – Built To Last
Ich habe einen soft spot für ame­ri­ka­ni­schen Col­lege Rock. Wenn dann noch ein Kla­vier dazu­kommt, bin ich (s. The Fray, Stray­light Run oder One­Re­pu­blic) sehr schnell über­zeugt. Die Musik von Mêlée fand ich schon auf ihrem letz­ten Album recht hübsch, dies­mal könn­te es einer grö­ße­ren Grup­pe so gehen. Falls Sie nicht wis­sen, wor­um es geht: „Built To Last“ ist der Song, der immer läuft, wenn Sie WDR2 ein­schal­ten. Und mit „immer“ mei­ne ich immer.

2. Soko – I’ll Kill Her
Klar: ohne den fran­zö­si­schen Akzent wäre die­se Stal­ker-Hym­ne (inkl. der titel­ge­ben­den Mord­dro­hung) nur halb so lus­tig. Aber Sté­pha­nie Soko­lin­ski singt eben mit die­sem fran­zö­si­schen Akzent und die­ser mit­leids­hei­schen­den Stim­me und ver­wan­delt die­sen Song so in ein ganz wun­der­ba­res Klein­od.

3. Phan­tom Pla­net – Do The Panic
Nach­dem ihr letz­tes Album, Ent­schul­di­gung: ziem­li­che Grüt­ze war, unter­neh­men Phan­tom Pla­net jetzt einen ernst­zu­neh­men­den Ver­such, den „California“-Fluch des One Hit Won­ders zu bre­chen. Es könn­te klap­pen: „Do The Panic“ ist wie­der groß­ar­ti­ger Pop, vol­ler Chor­ge­sän­ge, tol­ler Har­mo­nien und Six­ties-Anlei­hen. Nur blöd, dass die gan­zen Radio­sen­der grad immer noch „When Did Your Heart Go Miss­ing“ von Roo­ney spie­len …

4. MGMT – Time To Pre­tend
Belie­ve the hype: die New Yor­ker Band MGMT (hie­ßen frü­her The Manage­ment) spie­len moder­nen Indie­rock mit elek­tro­ni­schen Ein­flüs­sen und klin­gen trotz­dem span­nend. Also: span­nen­der als das meis­te, was jetzt noch aus Groß­bri­tan­ni­en kommt. In der viel zitier­ten gerech­ten Welt wäre „Time To Pre­tend“ einer der Som­mer­hits des Jah­res, aber ob es wirk­lich so toll wäre, das Lied stän­dig aus schep­pern­den Mobil­te­le­fo­nen im Regio­nal­ex­press zu hören, ist eine berech­tig­te Fra­ge.

5. Port­is­head – Machi­ne Gun
End­lich mal ein Stück, das sei­nem Titel gerecht wird: sel­ten in der Geschich­te der Musik ist eine voll­au­to­ma­ti­sche Schnell­feu­er­waf­fe anschau­li­cher ver­tont wor­den als in die­sem … äh: Lied. Gut: es hät­te auch „Zahn­arzt­boh­rer“ hei­ßen kön­nen, und öfter als ein­mal am Tag soll­te man sich die­ses Häm­mern auch nicht anhö­ren, aber wenn Kunst wirk­lich weh tun muss, ist „Machi­ne Gun“ sehr gro­ße Kunst.

[Lis­ten­pa­nik – Die Serie]

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Rundfunk

Sternstunden der TV-Geschichte

Aus aktu­el­lem Anlass füh­le ich mich ver­pflich­tet, Ihnen ein Video zu prä­sen­tie­ren, das heu­te exakt fünf Jah­re alt wird.

Für alle, die nicht per­sön­lich ange­spro­chen wer­den, beant­wor­tet der Clip immer­hin die (nie gestell­te) Fra­ge, war­um Mari­na Rin­gel nie Mode­ra­to­rin einer gro­ßen Sams­tag­abend­show gewor­den ist:

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<per­sön­li­cher Moment>Herzlichen Glück­wunsch zum Geburts­tag, Mathias!</persönlicher Moment>

PS: Ein wei­te­res Video, an des­sen Ent­ste­hung ich betei­ligt war, gibt’s im Moment im BILD­blog.

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Print Gesellschaft

Klappe zu, Affe tot

Düs­sel­dorfs Ober­bür­ger­meis­ter Joa­chim Erwin ist in der Nacht zum Diens­tag ver­stor­ben und da er bereits seit län­ge­rem schwer krank war, lagen die Nach­ru­fe natür­lich schon fer­tig getippt in der Schub­la­de.

Wäh­rend die „Rhei­ni­sche Post“ in sal­bungs­vol­len Wor­ten auf das Leben und Wir­ken zurück­blickt, wäh­rend sogar poli­ti­sche Geg­ner loben­de Wor­te für den wirk­lich nicht unum­strit­te­nen Ver­stor­be­nen fin­den, ent­schied sich die „Neue Rhein Zei­tung“ („NRZ“) für einen ganz ande­ren, eher gewag­ten Weg: über dem Arti­kel des Düs­sel­dor­fer Redak­ti­ons­lei­ters Frank Preuss prangt zwar das Wort „Nach­ruf“, aber eigent­lich han­delt es sich um eine ver­mut­lich lan­ge geplan­te Abrech­nung:

Wer, schwerst­krank und abge­ma­gert, die Öffent­lich­keit wis­sen lässt, dass er am Tag der Arbeit mit Ver­kehrs­pla­nern in sei­nem Gar­ten dis­ku­tiert, löst nicht Bewun­de­rung aus, son­dern Mit­leid. Das gilt auch für den, der immer wie­der ver­kün­det, wie vie­le Urlaubs­ta­ge er der Stadt doch schen­ke. Wenn es um Düs­sel­dorf ging, dann ging es vor allem um ihn: Vor­schlä­ge, die ande­re mach­ten, hat­ten kaum Über­le­bens­chan­cen. Und Erwin genoss über sei­ne gesam­te Amts­zeit die Mär, dass ohne ihn nichts funk­tio­nie­ren kön­ne in die­ser Stadt.

[…]

Erwin, Schnell­den­ker mit stoi­ber­scher Akten­kennt­nis, enor­mem Fleiß und unbrems­ba­rer Ent­schei­dungs­freu­de, aber auch unbe­herrscht und ohne Kor­rek­tiv, war einer, der sich noch selbst ver­göt­ter­te, wenn ande­re ihn längst gelobt hat­ten. Dem es nicht lang­te, Sie­ge still und damit stil­voll zu genie­ßen: „Ich schwim­me auf einer Woge der Begeis­te­rung”, dik­tier­te er Jour­na­lis­ten Ende 2000. Sei­ne Eigen­wer­bung nahm bald krank­haf­te Züge an. Sich selbst zu hin­ter­fra­gen, lag nicht in sei­nem Uni­ver­sum, Kri­ti­ker bügel­te er in oft klein­ka­rier­ter Form ab. Dass erst Sou­ve­rä­ni­tät Grö­ße aus­macht, hat sich ihm nie offen­bart.

Nie Fra­gen, nur Lek­tio­nen

Und als er Rudi Assau­er, dem Mana­ger des FC Schal­ke 04, beim Anblick der Gel­sen­kir­che­ner Are­na einen Vor­trag dar­über hielt, wie man so etwas bes­ser bau­en kön­ne, teil­te der stau­nend Belehr­te das Schick­sal aller Gesprächs­part­ner Erwins: Der glaub­te nicht nur alles bes­ser zu wis­sen, er glaub­te es auch bes­ser zu kön­nen. Joa­chim Erwin stell­te nie Fra­gen, er erteil­te Lek­tio­nen.

Eine Cha­rak­ter­schwä­che, die den Ruf der Lan­des­haupt­stadt in der Nach­bar­schaft als Heim­statt der Groß­spu­ri­gen zemen­tier­te und Ver­su­che regio­na­ler Zusam­men­ar­beit oft im Keim erstick­te. Nie­mand hat­te Lust, sich vor­füh­ren zu las­sen. „Wer nur geliebt wer­den will, kann nichts gestal­ten”, begrün­de­te Erwin und gewähr­te sich so Asyl.

Die Lis­te derer, die er men­schen­ver­ach­tend behan­del­te und belei­dig­te, ist lang. Letz­tes Opfer: die von ihm nicht erwünsch­te Umwelt­de­zer­nen­tin. Mit Medi­ka­men­ten voll­ge­pumpt wur­de er selbst im Ange­sicht des Todes nicht ent­spann­ter, nur im Ton sanf­ter. Man müs­se auch „mal hören, dass man ein Arsch ist”, hat er bei einem Vor­trag einst gesagt. Nur: Wer hät­te sich das in einem Kli­ma der Angst getraut?

In den Kom­men­ta­ren ent­sponn sich sogleich eine aus­gie­bi­ge Dis­kus­si­on (so also kriegt Der­Wes­ten sei­ne Com­mu­ni­ty ans Lau­fen), ob man denn sowas machen kön­ne: ein­tre­ten auf einen, des­sen Leich­nam noch nicht mal kalt ist.

Es gibt Lob für die muti­ge Ent­schei­dung:

Es gibt und gab nicht vie­le Jour­na­lis­ten die sich trau­en einen Teil der Wahr­heit über Herrn Erwin zu schrei­ben. Einer davon war Herr Preuss.

Die meis­ten ande­ren haben geschwie­gen.

Es gibt böse Kom­men­ta­re, die sogar extra das Wort „Schrei­ber­ling“ aus dem „Rat­ge­ber für erzürn­te Leser­brief­schrei­ber“ her­aus­ge­sucht haben:

Der Mann, der da geschrie­ben hat ist ein völ­lig uner­träg­li­cher Mensch, der von nor­ma­len mit­tel­eu­ro­päi­schen Umgangs­for­men offen­sicht­lich noch nie etwas gehört hat. Kein Aus­hän­ge­schild für die Zei­tung, son­dern ein­fach nur ein erbärm­li­cher, medio­krer, klei­ner Schrei­ber­ling, der an das Niveau eines Joa­chim Erwin nie­mals her­an­rei­chen wird.

An die­sem sehr kon­kre­ten Bei­spiel kann man eine zen­tra­le Fra­ge dis­ku­tie­ren, die nicht nur für den Jour­na­lis­mus, son­dern für unse­re gan­ze Kul­tur wich­tig ist: Wie geht man mit Ver­stor­be­nen um, über die man bedeu­tend mehr Schlech­tes als Gutes sagen könn­te? Streng genom­men könn­te man lob­hu­deln­de Nach­ru­fe als unjour­na­lis­ti­sche Lügen­ge­schich­ten brand­mar­ken und sich über die Auf­rich­tig­keit von „Schrei­ber­lin­gen“ wie Frank Preuss freu­en. Ande­rer­seits fal­len Sät­ze wie „eigent­lich war er ja schon ’n Arsch“ für gewöhn­lich frü­hes­tens beim drit­ten Schnaps nach dem Beer­di­gungs­kaf­fee und nicht unbe­dingt am offe­nen Grab.

Das Geheim­nis dahin­ter heißt Pie­tät und sorgt unter ande­rem dafür, dass man die Fra­ge „Wie sehe ich aus?“ mit­un­ter nicht ganz wahr­heits­ge­mäß beant­wor­tet. Wer das für Lügen hält, fin­det es ver­mut­lich auch „auf­rich­tig“, wenn er von unfreund­li­chen Super­markt­kas­sie­re­rin­nen ange­pflaumt wird.

Letzt­lich muss wohl jeder für sich selbst beant­wor­ten, was schlim­mer ist: Ein Nach­ruf, der die For­mu­lie­rung „den wären wir los“ nur unter Anstren­gung ver­mei­det, oder die Staats­trau­er-Ambi­tio­nen von „RP Online“ (nicht unter „Düs­sel­dorf ver­liert sein Herz“ zu haben), „Cen­ter TV“ und WDR. Viel­leicht auch ein­fach bei­des.

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Digital

Grimme legt nach

Bei der Bekannt­ga­be der Nomi­nie­run­gen für den Grim­me Online Award hat­ten die Ver­ant­wort­li­chen des Grim­me-Insti­tuts noch gescherzt: Pein­lich­kei­ten wie im letz­ten Jahr wol­le man die­ses Jahr um jeden Preis ver­mei­den, außer­dem dür­fe die Jury ja maxi­mal zwei Web­sei­ten nach­no­mi­nie­ren. Von die­sem Recht mach­te die Jury prompt Gebrauch.

So schlimm wie im letz­ten Jahr, als die Jury das dama­li­ge Jury-Mit­glied Mario Six­tus nach­no­mi­nier­te (der dar­auf­hin sofort aus der Jury aus­stieg und am Ende den Preis natür­lich – und eigent­lich zu Recht – gewann), ist es in die­sem Jahr nicht gewor­den. Die­ses Jahr ent­schied man sich nur, die Quo­te öffent­lich-recht­li­cher Ange­bo­te an den Nomi­nie­run­gen von erst 23,5% auf 26,3% zu erhö­hen – immer­hin stra­te­gisch geschickt zu einer Zeit, zu der Tho­mas Knü­wer im Urlaub ist.

Wenigs­tens ist die jetzt nach­no­mi­nier­te „WDR Media­thek regio­nal“ schon seit mehr als einem hal­ben Jahr online. Außer­dem ist sie bedeu­tend ein­fa­cher zu bedie­nen als die eben­falls nomi­nier­te ZDF-Media­thek, was aber auch kei­ne gro­ße Kunst ist. Ein­bet­ten kann man die zur Ver­fü­gung ste­hen­den Fil­me aber auch beim WDR nicht, so dass ich auf einen Bei­spiel­bei­trag ver­lin­ken muss. Auch hier darf/​muss die Nomi­nie­rung als Signal an die Poli­tik ver­stan­den wer­den, die bald dar­über ent­schei­den muss, wie viel öffent­lich-recht­li­che Sen­der im Inter­net machen dür­fen.

Erfah­rungs­ge­mäß lässt eine Nach­no­mi­nie­rung dar­auf schlie­ßen, dass die Web­sei­te auch einen Award krie­gen wird – immer­hin sieht es so aus, als fin­de die Jury das Ange­bot bes­ser als alle Vor­schlä­ge der Nomi­nie­rungs­kom­mis­si­on. Und das scheint mir das Kern­pro­blem des GOA zu sein: es gibt eine Nomi­nie­rungs­kom­mis­si­on, eine Jury und über allem das Grim­me-Insti­tut, das sei­nen guten Namen her­gibt. Sie alle mögen für sich genom­men jeweils nur das Bes­te wol­len, aber die strik­te Tren­nung, die für Trans­pa­renz sor­gen soll, führt in Wahr­heit immer zu Cha­os und Häme in der Blogo­sphä­re. Und auch wenn die sicher nicht der allei­ni­ge Maß­stab sein soll­te: ein Online-Preis, der regel­mä­ßig Onli­ner gegen sich auf­bringt, ist nichts wert.

Ach so, ich schrieb von zwei Nach­no­mi­nie­run­gen: neben der WDR-Media­thek wur­de intro.de in die Lis­te auf­ge­nom­men, das Online­por­tal zu Deutsch­lands stu­den­tischs­tem Musik­ma­ga­zin. Das erstrahlt seit kur­zem in einem zweinul­li­gen, lang­sa­men und unüber­sicht­li­chen … äh: Glanz und ist damit so egal wie das dazu­ge­hö­ri­ge Heft.

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Digital

Hackepeter wird Kacke später

Die Bild­un­ter­schrift des Tages ent­neh­men wir heu­te taz.de:

taz.de über Hackfressen

[via Franz]

Nach­trag, 24. Mai: Irgend­wann in den letz­ten Tagen muss taz.de die Bild­un­ter­schrift geän­dert haben.

Jetzt sieht sie jeden­falls so aus:

taz.de bezeichnet Neonazis nicht weiter als “Hackfressen”

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Musik Digital

Auswärtsspiel: Der große Grand-Prix-Führer 2008

Wir wis­sen auch nicht mehr war­um, aber Ste­fan Nig­ge­mei­er und ich, wir haben uns sämt­li­che 43 Titel, die die­ses Jahr in zwei Halb­fi­nals und einem Fina­le am Grand Prix teil­neh­men, ange­hört. Mehr­mals. Und dar­über geschrie­ben. Näm­lich hier.

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Musik

„Ich hab 29 Jahre dafür gearbeitet“: Interview mit Gregor Meyle

Am Sams­tag spiel­te Gre­gor Meyle, Zweit­plat­zier­ter bei Ste­fan Raabs Cas­ting­show „SSDSDSSWEMUGABRTLAD“, im Bochu­mer Riff. Nach­dem der Sup­port­act, Ste­ve Sava­ge von den sehr emp­feh­lens­wer­ten Beggars For­tu­ne, schon vom Publi­kum begeis­tert gefei­ert wur­de, leg­ten Gre­gor Meyle und Band noch einen drauf und bescher­ten mir – im Ernst – eines der schöns­ten Kon­zer­te ever. Der Zwi­schen­ruf „Bes­ser als kett­car!“ war so abwe­gig nicht.

Dass Gre­gor Meyle nicht nur ein tol­ler Song­schrei­ber und Musi­ker, son­dern auch ein sehr sym­pa­thi­scher Gesprächs­part­ner ist, hat er vor dem Kon­zert bewie­sen, als er uns im Schat­ten des Bahn­damms ein Inter­view gab.

Und das kön­nen Sie jetzt hier sehen:

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Sport

Alder!

Gemäß Humor- und Scherz­ge­setz (HumSchG) erhe­be ich Anspruch auf fol­gen­den Namens­witz für Sport­re­dak­teu­re:

Ein deut­scher Spie­ler bei der EM wird zwei Adler auf dem Tri­kot haben: einen auf der Brust, einen als Schrift­zug auf dem Rücken.

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Digital

Auswärtsspiel: Heute wegen Twitter

Nach der Bekannt­ga­be der Nomi­nie­run­gen für den Grim­me Online Award in Düs­sel­dorf am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag hat Dani­el Fie­ne, Cam­pus­ra­dio-Legen­de von Radio Q und einer der Macher von „Was mit Medi­en“, Kath­rin und mich zum The­ma Twit­ter inter­viewt.

Das Ergeb­nis kann man sich als Pod­cast hier anhö­ren und her­un­ter­la­den.