Am Freitag ist das neue Album von Tocotronic erschienen. Der Titelsong wäre beinahe das erste mir bekannte Lied gewesen, in dem der Ortsname „Dinslaken“ vorkommt — allein: Es standen ästhetische Gründe im Wege, wie Sänger Dirk von Lowtzow der „NRZ“ erzählte:
Im Titelsong von „Golden Years“ geht es um Heimweh und Liebessehnsucht im Künstlerleben unterwegs – „Aber man muss dankbar sein, wenn man den Leuten noch begegnet, nicht nur als Klick auf Spotify“. Machen diese zwei Stunden am Abend auf der Bühne den ganzen Tourstress wett?
In den allermeisten Fällen: ja. Und oft auch auf unvorhergesehene Art und Weise. Eine Inspiration für dieses Lied war ein Konzert, das wir im Sommer 2023 in Dinslaken gegeben haben, auf einer Freilichtbühne. Und ohne Dinslaken zu nahe treten zu wollen: Ich habe das nicht als den Nabel der Welt empfunden. Und es hat zudem noch aus Eimern geregnet. Trotzdem war es eines der schönsten Konzerte, die wir je gespielt haben. Weil es so toll anzusehen war, wie die Leute da im Regen in diesem verwunschenen Park standen und durchgehalten haben.
Im Text heißt es allerdings: „Freilichtbühne Recklinghausen / Wo die öden Winde wehen“. Zufällige Verfremdung oder verbinden Sie mit Recklinghausen etwas Konkretes?
Nee, ich fand einfach das Wortpaar gut. Ich dachte an dieses Konzert in Dinslaken, das war die Blaupause. Aber „Freilichtbühne Recklinghausen“ klingt phonetisch so wahnsinnig schön. Das geht einem gut über die Lippen und lässt sich gut singen.
Andererseits dürfte es bisher auch nicht viele Songs geben, in denen Recklinghausen vorkommt — und Göttingen:
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Lasst uns jedenfalls gemeinsam hoffen, dass die Pressestelle der Stadt Dinslaken nicht wieder eine Pressemitteilung rausgibt!
Heute vor 18 Jahren ging dieses kleine Popkultur-Blog an den Start — mit einem Kickoff-Text, der zuvor den 4. Platz beim Wettbewerb „Schüler versuchen, wie Max Goldt zu schreiben“ belegt hatte.
Das heißt: Coffee And TV ist jetzt volljährig, darf Auto fahren, harten Alkohol kaufen und wählen. Uff!
So einen Geburtstag muss man natürlich ordentlich feiern, deswegen ist heute Nacht, exakt 157.800 Stunden nach dem Stapellauf, mein Projekt 18 Jahre, 18 Songs online gegangen, das eigentlich nur eine Playlist mit ein paar Anmerkungen werden sollte und jetzt – natürlich – einer der längsten Texte der Blog-Historie ist.
Außerdem feiert die kurzlebige 2014er-Serie „Song des Tages“ eine Wiederauferstehung — und zwar exklusiv in unserem WhatsApp-Kanal. Da soll es aber extra keine Begleittexte in Roman-Länge geben, sondern einfach nur jeden Tag einen Song, der mir gerade passend erscheint — obskur oder Hit, aktuell oder uralt.
Und dann wollten wir Ihnen noch das zeigen:
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The rumours are true: Aus Anlass des 18. Geburtstags werde ich aus den schönsten Blog-Texten (oder den schönsten, die ich wiedergefunden habe) lesen!
18 Jahre Coffee And TV
Freitag, 7. März 2025, 20 Uhr (anschl. Party) Goldkante, Alte Hattinger Str. 22, 44789 Bochum
Eintritt frei, hinterher geht ein Hut rum
Das wird super, ich freu mich!
Mein besonderer Dank geht heute an die anderen Gründungs-Autor*innen Kathrin, Oliver, Stephan, Daniel, Marta, Thomas und Gordian, die gleichzeitig meine ersten Leser*innen waren, und an Annika, Markus, Stefan, Katharina, Basti, Lisa, Tommy, Tom, Friedrich, Dominik, Sarina, Sue, Selma, Peter, Jens, Thorsten und Justus, die später zu diesem Blog beigetragen haben! They called us the pop kids.
Für Günter und Jürgen, die ich ohne dieses Blog nie kennengelernt hätte.
Und für Dörte, die immer alles gelesen hat.
Es war die naheliegendste Idee der Welt: Zum 18. Geburtstag des Blogs wähle ich einen Song aus jedem Jahr aus — fertig ist die Playlist!
Aber nach welchen Kriterien? Einfach das Lied nehmen, das jeweils meine Liste „Song des Jahres“ angeführt hat? Das wäre ja ein bisschen langweilig — und solche Listen gab es auch gar nicht in jedem Jahr.
Also: 18 andere Songs. Welche, die ihr jeweiliges Jahr, aber auch dieses Blog gut repräsentieren; die für mich eine persönliche Bedeutung haben; die ich auch heute noch höre. Eine halbwegs ausgewogene Mischung aus Genres, Geschlechtern und Sprachen, also eben dann doch auch: Kontext.
Und so wurde aus einem kleinen Gimmick zum Jubiläum eine ausufernde Recherche-Aktion im eigenen Leben ’n‘ Werk und einer der längsten Texte, der hier in den letzten 18 Jahren erschienen ist:
2007: Mika – Grace Kelly
Als dieses Blog an den Start geht, sind Gitarrenmusik im Allgemeinen und Indierock im Speziellen noch ein Ding. Bei der damals noch stattfindenden „Leserwahl“ (ein Konstrukt, das wir uns relativ offensichtlich von „Plattentests online“ abgeschaut haben), wird „A Weekend In The City“ von Bloc Party (Wann habt Ihr zuletzt an diese Band gedacht?) zum „Album des Jahres“ gewählt und „Ruby“ von Kaiser Chiefs (Oder an diese Band?!) zum „Song des Jahres“.
Auf meiner Jahresbestenliste ganz vorne ist „Tonight I Have To Leave It“ von Shout Out Louds, das ich auch ewig nicht mehr gehört habe. Und ganz versteckt, auf Platz 22: „Grace Kelly“ von Mika, ein etwas exaltierter over-the-top-Popsong mit Vaudeville- und Musical-Anleihen von einem jungen Mann, den das Adjektiv „androgyn“ begleitet. (Es waren, wie gesagt, andere Zeiten.) Ein Song, den mir „Plan B“, die etwas anspruchsvollere Musiksendung von 1Live (ich unterschied damals noch pubertär zwischen „guter“ Indie- und „schlechter“ Mainstream-Musik; andere Zeiten indeed), in die WG-Küche gebracht hat.
15 Jahre später sitze ich beim Eurovision Song Contest in Turin in der deutschen Kommentatorenkabine, zum neunten Mal als Assistent von Peter Urban, der wegen der ausklingenden COVID-19-Pandemie von Hamburg aus kommentiert. Gelandet war ich bei dieser Veranstaltung überhaupt nur, weil Stefan Niggemeier 2007 meine Kommentare in seinem Blog gelesen und mich gefragt hatte, ob ich mit ihm einen „Grand-Prix-Führer“ schreiben würde. Der Rest ist Geschichte, bzw. BILDblog, Oslog, Duslog, Bakublog, besagter Job als Kommentatoren-Assistent und mein Buch. Und dieser Mika mit seinem Song über Grace Kelly (bzw. darüber, wie man sich anpasst, um den Menschen zu gefallen) moderiert da jetzt diese Veranstaltung gemeinsam mit Laura Pausini und Alessandro Cattelan, er bringt internationalen Glamour in eine (vor allem hinter den Kulissen) eher chaotische TV-Sendung und er singt ein Medley seiner Hits.
Es ist ein seltsamer, rührender full-circle-Moment, der die größte Musikshow der Welt mit meiner alten WG-Küche und allem dazwischen kurzschließt, und in einem Anfall von Geistesgegenwart und emotionaler Überforderung schreibe ich auf jener Social-Media-Plattform, die damals noch Twitter heißt: „Es ist schön, an das Jahr 2007 erinnert zu werden. Es ist noch schöner, dass in meinem Leben heute ungefähr alles besser ist als damals.“ Oder, mit Mikas Worten: „Ca-ching!“
[Songs 2007 von damals]
2008: The Hold Steady – Constructive Summer
Die Leser*innen, die ich damals noch „Leser“ nenne, wählen „Sex On Fire“ von Kings Of Leon zum Song und „Heureka“ von Tomte zum Album des Jahres. Ich sammle die wichtigsten Nazi-Vergleiche (eine Kategorie, der damals noch ein gewisser Unterhaltungsfaktor anzuhaften scheint) und Barack-Obama-Referenzen und arbeite den Rest der Zeit fürs BILDblog.
Meine wichtigste Quelle für neue Musik ist „All Songs Considered“, ein Podcast von NPR, der auch das Vorbild für meine eigene, kurzlebige Musiksendung bei Spotify 2023/24 wird. Hier stoße ich erstmals auf The Hold Steady, eine Band aus Brooklyn (ursprünglich: Minneapolis/St. Paul), die Geschichten von Verlierern und Underdogs in hymnischen Rocksongs erzählt wie sonst nur Bruce Springsteen. Ihr Album „Stay Positive“ bringt mich durch ein Jahr, von dem ich heute so gut wie nichts mehr weiß, deshalb lasse ich mir das Symbol vom Albumcover 2011 auf meine Wade tätowieren.
Auch ihre Musik bleibt: 2009 kaufe ich mir alle Alben und höre sie rauf und runter (wie man es in einer Welt ohne Streaming eben so machte), 2010 rufe ich den „Constructive Summer“ aus: „We’re gonna build something this summer.“ Hier entstehen dann endlich Erinnerungen, die für immer bleiben werden, untermalt von „Boys And Girls In America“, „Stay Positive“ und dem damals neuen Nachfolge-Album „Heaven Is Whenever“.
[Songs 2008 von damals]
2009: Kilians – Hometown
Nach über fünf Jahren im Studentenwohnheim muss ich mir mal langsam eine eigene Wohnung suchen und ich überlege: In Bochum bleiben oder nach Hamburg ziehen? Es ist ein Jahr der großen Gefühle zwischen Welt erobern wollen und zuhause einsperren, begleitet von der ganz großen, unerfüllten Liebe.
Meine Freunde von den Kilians (Bruder, Demo-CD, Thees Uhlmann, Tomte-Tour — youknowthestory!) veröffentlichen im April ihr zweites Album „They Are Calling Your Name“ und spielen aus diesem Anlass ein Konzert auf dem Hans-Böckler-Platz in Dinslaken, jener Stadt, in der wir alle – die Kilians, ich und die ganz große, unerfüllte Liebe – aufgewachsen waren. Ihr Song „Hometown“ ist das Angebot einer Hymne.
Die Band löst sich 2013 auf, da wird der Hans-Böckler-Platz gerade mit einem Einkaufszentrum überbaut. Wenn man heute „Dinslaken“ sagt, reagieren nicht mehr viele Menschen mit „Aaaah, die Kilians!“ (aber – und das wird die Bürgermeisterin freuen – auch nicht mehr mit „Aaaah, der Wendler!“ oder „Aaaah, die Salafisten!“). Die Stadt hat sogar die Emschermündung verloren. Aber Erinnerungen und Musik werden ja immer bleiben.
(Ich entscheide mich 2009 übrigens für Bochum. My hometown.)
2010: Lena – Satellite
„Irgendwann musst Du Dir das mal vor Ort anschauen“, hatte Stefan Niggemeier 2008 über den Eurovision Song Contest (damals und immer schon: „Eurovision Song Contest“) gesagt, aber weil Moskau schon damals kein Ort ist, an dem man gerne sein möchte, verschieben wir unser Projekt auf das Folgejahr und nach Oslo. Womit wir nicht rechnen: dass in Deutschland ein regelrechter ESC-Hype um eine 18-jährige Abiturientin aus Hannover ausbricht und die diese merkwürdige Quatsch-Veranstaltung tatsächlich gewinnt. (Also: In der ersten Folge des Oslog wette ich natürlich genau das, allerdings ohne auch nur einen anderen Wettbewerbsbeitrag zu kennen.)
Als altes Theater-Kind zieht mich die jährliche Leistungsschau der Bühnentechnik-Industrie sofort in ihren Bann und auch musikalisch ist das alles gar nicht mehr so schlimm, wenn man es nur oft genug gehört hat. Aber trotz der einschneidenden, im Nachhinein lebenswegweisenden Erfahrung in Oslo traue ich mich nicht, „Satellite“ auf meine Jahresbestenliste zu packen. Da sollen auch weiter nur Indie-kredibele Sachen zu finden zu finden sein (und so ignoriere ich offenbar auch das tolle Take-That-mit-Robbie-Album „Progress“ komplett). Das passt zu einem Jahr, in dem ich nicht gerade dadurch auffalle, irgendwelche Entscheidungen zu treffen, sondern mich lieber vom Großstadt‑, vor allem aber Nachtleben rund um meine neue Wohnung in der Innenstadt mitreißen lasse und als neuer BILDblog-Chef in Talkshows gehe und zu Journalistenkongressen ins Ausland fliege. („It’s physics / There’s no escape.“)
Hier also späte Genugtuung für einen Song und ein Ereignis, ohne die ich heute nicht da wäre, wo ich bin, und ohne die der ESC in Deutschland immer noch als „Schlager-Grand-Prix“ firmieren würde, bei dem man ohnehin nichts reißen kann.
[Songs 2010 von damals]
2011: Thees Uhlmann – 17 Worte Mein Kumpel Thees Uhlmann ist im Jahr 2011 wie so oft weiter als ich: Vater geworden, Beziehung zerbrochen, dabei, das Glück im Kleinen zu suchen. Ich bin vier bis fünf Abende die Woche im Freibeuter im Bochumer Bermuda3eck und schreibe nebenher das BILDblog voll. Deswegen ignoriere ich Thees‘ selbstbetiteltes Solo-Debüt damals auch rüpelig bei den „Alben des Jahres“ (und lobe lieber das nächste egale Coldplay-Album), obwohl ich es wirklich oft höre.
Aber diese Liste hier ist auch eine Chance auf Wiedergutmachung, denn sechs Jahre später stehe ich beim GHvC-Geburtstag in Hamburg im Nieselregen: Vater geworden, Beziehung zerbrochen, dabei, das Glück im Kleinen zu suchen. Also völlig andere Prioritäten und Prinzipien: „Meine Wahrheit in 17 Worten: / Ich hab ein Kind zu erziehen / Dir einen Brief zu schreiben / Und ein Fußball-Team zu supporten.“ (Bei Erscheinen des Albums hatte ich Thees eine SMS geschrieben, dass das nur 16 Worte wären, weil man „Fußballteam“ zusammenschreibe. Seine Antwort kam natürlich prompt: „Fußball Team!“)
2021 sehe ich Thees Uhlmann und Band live im Burgtheater in Dinslaken (weil: natürlich). Es ist mein erster Konzertbesuch seit anderthalb Jahren, mein Sohn ist an meiner Seite, meine Eltern irgendwo in meinem Rücken, der VfL Bochum ist aufgestiegen. Weite Teile der Öffentlichkeit sind während der immer noch anhaltenden Pandemie dem Wahnsinn anheimgefallen, aber als Thees „17 Worte“ spielt, macht für mich alles Sinn: Wir singen, um uns zu erinnern.
[Songs 2011 von damals]
2012: Carly Rae Jepsen – Call Me Maybe
Dieser bekloppte Eurovision Song Contest hat mich nach Aserbaidschan verschlagen. Ich sitze in Baku im Hotelzimmer, gucke russisches Musikfernsehen und sehe dieses Video. Als der Song zu Ende ist, zappe ich weiter und sehe das gleiche Video auf dem nächsten Kanal direkt noch mal von vorn. „Komische Russen“, denke ich, will den Song bei Facebook posten und stelle fest, dass ich mit „Call Me Maybe“ einen internationalen Hit verpasst habe.
Wahrscheinlich ist es dieser Moment, in dem ich dieses elitär-pubertäre Musik-nur-gut-finden-wenn-sie-sonst-keiner-hört-Dingen aufgebe und endlich frei bin, Dinge gut zu finden, nur weil ich sie gut finde. Um Dinge auch öffentlich gut zu finden (jedenfalls meistens), starten Tom Thelen und ich im Blog unseren Kino-Podcast „Cinema And Beer“.
„Before you came into my life / I missed you so bad“ ist immer noch eine der besten Zeilen, die je über romantische Liebe geschrieben wurde — und das waren ja nun wirklich nicht wenige. Carly Rae Jepsen in der Kölner Essigfabrik ist im Februar 2020 mein letztes Konzert vor dem Lockdown (ist es nicht Magie, wie hier alles ineinandergreift?!) und die fröhliche Stimmung dieses durchaus ESC-tauglichen Publikums trägt mich durch die ersten, dunklen Monate der Isolation.
[Songs 2012 von damals]
2013: Daft Punk feat. Pharrell Williams & Nile Rogers – Get Lucky Ich sitze in einem Auto, das mich vom Hotel zur Malmö Arena bringt, neben mir: ESC-Kommentatorenlegende Peter Urban. Als wäre das nicht schon absurd genug, wippt dieser 65-jährige Mann zur Musik aus dem Autoradio mit: „Get Lucky“ von Daft Punk, Pharrell Williams und Nile Rogers. Natürlich kennt er das, denn es ist ja ein internationaler Superhit, dem man nur schwer entkommen kann, und Peter würde auch jede Menge deutlich obskurere Songs mitsingen, die in den letzten ca. 50 Jahren erschienen sind, aber irgendwie überrascht es mich in diesem Moment doch, denn Daft Punk, das sind doch die von Viva 2 (wo sie jetzt zugegebenermaßen auch nicht zwingend zur Avantgarde gezählt hatten).
Die Dominosteine, von denen dieses Blog der erste war, haben mich hierher gebracht, ins Epizentrum des Entertainments. Nur einen Monat später sollen sie mich zum Late-Night-Meinungsmagazin „Tagesschaum“ mit Friedrich Küppersbusch führen und von dort zu unserem gemeinsamen Podcast „Lucky & Fred“. Das Leben meint es gut mit mir, beruflich wie privat.
[Songs 2013 von damals]
2014: Andrew McMahon In The Wilderness – High Dive Ich hätte immer gesagt, dass das Jahr 2014 hier im Blog gar nicht stattgefunden hat, aber es gibt doch einige Einträge aus dieser Zeit — die meisten als Teil der kurzlebigen Serie „Song des Tages“. Ich erinnere mich an nichts, weil ich zu sehr mit anderen Sachen beschäftigt bin: Umzug, neue Jobs, Hochzeit planen und absagen, Vater werden, irgendwie versuchen, meine Beziehung zu retten. Alles Dinge, auf die einen Popkultur nur unzureichend vorbereitet; alles Dinge, die für Popkultur wenig Zeit lassen.
Das erste neue Album, das ich mit meinem Sohn höre, ist das Solodebüt von Andrew McMahon, der mich mit seinen Bands Something Corporate und Jack’s Mannequin jetzt auch schon mehr als zehn Jahre begleitet. Er ist auch gerade Papa geworden, so kann ich die Verarbeitung meiner Lebenswirklichkeit wieder mal auf ihn abwälzen und einfach seine Songs hören. Obwohl wir doch noch jung sind, ist da viel Nostalgie in seinen Texten wie „High Dive“, aber Facebook ersetzt Kneipenabende mit Freund*innen ja auch nur bedingt.
2015: Ben Folds feat. yMusic – Phone In A Pool
2015 ist dann tatsächlich das Jahr, das nicht war, denn ich schreibe sensationelle sieben Blogeinträge, von denen die meisten ursprünglich Facebook-Posts waren. Offenbar schaffe ich es immerhin ein paar Mal ins Kino. (Ach, „The Force Awakens“ ist von 2015?!) Ich kann mich an nichts erinnern und es geht mir wirklich nicht gut.
Ein bisschen Trost kommt von meinem ewigen Helden Ben Folds, der gerade die vierte Scheidung (von inzwischen fünf) hinter sich hat und mit dem Kammermusik-Ensemble yMusic ein Album einspielt, auf dem auch sein erstes Klavierkonzert zu hören ist. (Wir gehen alle unterschiedlich mit Lebenskrisen um.) In „Phone In A Pool“ berichtet er: „Found the love of my life again / Y’all knows what I means / And I’ll be back on the sofa in a puddle in a couple of weeks“. Bei all dem Elend ist es schön, dass jemand, der mich mein halbes Leben lang begleitet, immer noch Songs schreiben kann, die so gut zu meinem eigenen Leben passen. Natürlich gibt es am Ende des Jahres keine Listen — ich hab ja eh viel zu wenig Musik gehört und wann hätte ich die denn noch schreiben sollen?
2016: Weezer – California Kids
Neuanfang in einer eigenen Wohnung und das Vorhaben, das Blog jetzt aber wirklich wieder zu befeuern. Da passt es ganz gut, dass Benjamin von Stuckrad-Barre, dessentwegen ich als Teenager mit dem Schreiben angefangen hatte, ein neues Buch veröffentlicht, ungefähr zeitgleich mit dem neuen Album der von uns hoch verehrten Pet Shop Boys und dem von Weezer. Alle drei Acts eint, dass ihr Schaffen nicht zu jedem Zeitpunkt ihrer Karriere den Ansprüchen des eigenen Publikums genügte, aber jetzt sind sie wieder voll da.
Also eigentlich eine gute Gelegenheit, darüber zu schreiben und über andere Dinge, die mir Freude bereiten, aber das Internet ist damals im wesentlichen Facebook und dort sind wir alle damit beschäftigt, mit irgendwelchen AfD-Anhängern zu diskutieren, die irgendwo etwas Dummes kommentiert haben. Um diesem ganzen Irrsinn zu entfliehen, schreibe ich nicht etwa wieder mehr ins Blog, sondern starte meinen eigenen Newsletter. Da macht das Schreiben immerhin auch Spaß.
Weezer, jedenfalls, kenne ich seit mehr als 20 Jahren, als das Video zu „Buddy Holly“ bei „Hit-Clip“ lief und auf der Windows-95-CD-Rom enthalten war. Jetzt veröffentlichen sie schon das vierte Album namens „Weezer“ (nach dem blauen, dem grünen und dem roten Album jetzt ganz Beatles-mäßig das weiße), das meinen Sohn und mich auf vielen Ausflügen zum Kemnader See begleitet und ihr bestes seit Jahrzehnten ist. Der opening cut„California Kids“ handelt von den glücklichen jungen Menschen aus dem Golden State, die einem das Leben retten. Ich nenne Kalifornien gerne „my home away from home“, was vielleicht etwas prätentiös ist, aber ich hab da halt Familie und es ist auch der einzige Ort außerhalb des Ruhrgebiets, an dem ich je so viel Zeit am Stück verbracht habe. Der Staat bleibt auch nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten das (natürlich eher theoretische) Ideal, das ich bewundere, genauso wie ich Menschen auch lieber aus der Ferne toll finde — California Kids halt.
2017: kettcar – Ankunftshalle
Als dieses Blog an den Start geht, haben kettcar bereits zwei Alben veröffentlicht: ihr Debüt „Du und wieviel von Deinen Freunden“, ein instant classic, und – begleitet von Fernsehauftritten und ganzseitigen Zeitungsartikeln – den Nachfolger „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“. Trotzdem schreibe ich in all den Jahren relativwenige Texte über diese Band, die mir so wichtig ist. Vielleicht weil ich denke, dass das eh klar ist.
2017 liegt das letzte (eher okaye) kettcar-Album fünf Jahre zurück, Marcus Wiebusch hat in der Zwischenzeit ein (ziemlich gutes) Soloalbum veröffentlicht, aber plötzlich ist die Band wieder ein Machtblock mitten in Europa: Ihre stets klare politische Haltung, die Jahre vorher noch ein bisschen folkloristisch anmutete, ist inzwischen notwendig, aber neben Songs wie „Sommer ’89“, „Wagenburg“ und „Mannschaftsaufstellung“ gibt es auch jene, die sich anfühlen wie Polaroids (oder Insta-Posts) aus dem Alltag. „Die Straßen unseres Viertels“ ersetzt eine ganze Fernsehserie über das Familienleben in Hipster-Vierteln, ohne sich für eine Sekunde Harald-Schmidt-mäßig über Hafermilch lustig zu machen; „Trostbrücke Süd“ ist ein Kameraschwenk durch einen Linienbus voller Menschen, die aufstehen, atmen, sich anziehen und hingehen, und „Ankunftshalle“ der Blog-Eintrag, Newsletter oder Song, den ich immer hatte schreiben wollen: ein Loblied auf die heilende Kraft von Flughafen-Ankunftshallen, wo Menschen sich nach langer Zeit der Trennung wieder in die Arme fallen.
Als kettcar und Thees Uhlmann im August im Hamburger Nieselregen 15 Jahre Grand Hotel van Cleef feiern, ist wenige Tage zuvor meine Oma gestorben, die hier von Anfang an mitgelesen hatte. Ende Dezember liegt mein Opa im Sterben und ich fahre mit meinem Sohn zum Düsseldorfer Flughafen, Menschen in der Ankunftshalle gucken.
[Songs des Jahres 2017 damals]
2018: Rae Morris – Do It
Hatte ich oben – also vor ca. 18.000 Zeichen – nicht noch geschrieben, dass in dieser Liste explizit nicht die jeweiligen Songs des Jahres auftauchen sollen? Well: We make up the rules as we go along!
Rae Morris hat sich ihre Sonderrolle hier im Blog verdient: Weil ich mich 2012 instantly in ihren Song „Don’t Go“ aus dem (eigentlichen) Serienfinale von „Skins“ (der einzigen Fernsehserie neben „Die Brücke“, von der ich alle Folgen gesehen habe) verliebt habe; weil sie der erste (und bis heute einzige) Act in der Geschichte dieses Blogs ist, der in einem Jahr (2018) meinen persönlichen „Song des Jahres“ und mein „Album des Jahres“ veröffentlicht hat (das haben Tomte 2006 zwar auch geschafft, aber halt sechs Wochen, bevor dieses Blog an den Start ging, also zählt das nur an ungeraden Wochentagen ohne Neumond); weil sie der erste (und bis heute einzige) Act ist, der zwei Mal meinen persönlichen Song des Jahres (2012 und 2018) geschrieben hat.
Irgendwie alles trockener Statistik-Kram angesichts eines Songs, der davon handelt, auf die Zweifel zu pfeifen und sich kopfüber in die Liebe zu stürzen. Rae Morris singt das über ihren musikalischen Partner und heutigen Ehemann Fryars und sie macht das so toll, dass ich mit ihr an die große Liebe glauben will, die sich anfühlt wie Feuerwerk aussieht. Doch meine Versuche, „Do It“ in „Joko Winterscheidts Druckerzeugnis“ zum Sommerhit des Jahres zu pushen, scheitern und Menschen wie ich bleiben besser allein.
Aber, so denke ich heute, eigentlich ist dieses Blog hier ja auch nichts anderes als die Umsetzung des Gedankens „We could just do it“: Gestartet als „die Online-Zeitung, die wir gerne lesen würden“ (puh!), konnte ich mich hier an der Tastatur und vor der Kamera austoben, ausprobieren und daran wachsen, um dann für Zeitungen und Fernsehsendungen zu arbeiten, die ich früher nur rezipiert hatte. Wenn man aus 18 Jahren Coffee And TV unbedingt irgendetwas lernen will, dann, dass Selbstermächtigung manchmal (es gehört ja auch bei mir sicherlich einiges an Glück dazu) wirklich funktionieren kann.
[Songs des Jahres 2018 damals]
2019: LOKI – The Girl With No Eyes Für die, die hier ernsthaft Buch führen (also: für mich), mag es etwas überraschend sein, dass ein Song, der auf Platz 59 einer Jahresbestenliste stand, ein Jahr repräsentieren soll. Nun: Erstens können wir uns glaub ich darauf einigen, dass es eh schon ein ganz kleines bisschen wahnsinnig ist, einen „Platz 59“ auf einer persönlichen Bestenliste zu haben; zweitens habe ich erst bei der Durchsicht meiner diversen Listen, Einträge und Playlists festgestellt, dass ich tatsächlich schon mal Musik von LOKI gehört haben muss, bevor ich sie letztes Jahr beim Festival Sounds Like Sugar in Herne gesehen habe und so begeistert war, dass ich sie beim Bochum Total direkt wieder sehen musste.
Damit steht „The Girl With No Eyes“, dessen Bon-Iver-Haftigkeit mich schon 2019 überzeugt haben muss, nämlich für etwas anderes: Für das wilde Überangebot an Werken (oder: „Content“, wie die Arschlöcher sagen, die in ihrem Leben nicht einen einzelnen genuinen Gedanken hatten), aus dem wir theoretisch wählen können, das aber auch das Risiko birgt, alles beliebig und egal zu machen. Dass es etwas anderes ist, tagelang in physischen Läden nach einer CD zu fahnden und sie dann endlich zu finden, als einfach alles immer sofort (terms and conditions apply) zur Verfügung zu haben, hab ich schon 2016 aufgeschrieben. Es ist seitdem nicht weniger geworden. Wenn ich mich nicht mehr an irgendwelche Acts erinnern kann (natürlich auch, weil ihre Namen nur noch über Bildschirme flimmern und nicht ausgedruckt vor mir liegen, was meinem Gehirn immerhin ein bisschen helfen würde), ist es alles ein bisschen viel.
Ich selbst trage fröhlich zum Überangebot bei: Mit Friedrich Küppersbusch stehe ich jetzt regelmäßig auf Bühnen in Dortmund und Berlin, um „Lucky & Fred“ vor Publikum aufzuzeichnen. Da kommt das Theater-Kind von früher wieder zum Vorschein, Applaus ist immer noch die stärkste Währung. Weil Likes dagegen abstinken und dort eh nichts mehr los ist, lösche ich am Silvesterabend meinen Facebook-Account. Im Nachhinein möchte ich sagen: Ich habe schon dümmere Dinge zu einem schlechteren Zeitpunkt gemacht.
[Songs des Jahres 2019 damals]
2020: Taylor Swift – Epiphany Alles beginnt so schön mit weiteren Live-Auftritten und Konzertbesuchen bei kettcar, Ider und Carly Rae Jepsen. Und dann endet alles: Konzerte, Kindergarten, Bundesliga, sogar der Eurovision Song Contest wird erstmals abgesagt. „Wegen Corona“ wird ein sogenanntes geflügeltes Wort, was auch irgendwie zu den verdammten Flughunden auf dem Nassmarkt von Wuhan passt, die uns die ganze Scheiße (mutmaßlich) eingebrockt haben.
Popkultur-Freund*innen vergleichen die Straßen mit jenen aus dem Zombiefilm „28 Days Later“ und wir lernen die Wohnzimmer von Kolleg*innen und Rockstars kennen, die von dort aus Mini-Konzerte in die Welt streamen (die Rockstars, nicht die Kolleg*innen). Die Leute erscheinen all das mit erstaunlichem Gleichmut zu ertragen, aber dieses Bild bekommt – um eine weitere Phrase zu vermeiden – schnell Risse: Als sich im April eine Frau, die vor einem Café warten muss, um Kuchen zum Mitnehmen zu kaufen, über die „Gesundheitsdiktatur“ beschwert, bin ich viel zu überrascht und schockiert, ihr vorzuschlagen, dass wir gerne gemeinsam einen Bekannten von mir, der Arzt in Padua ist, anrufen könnten und sie ja mal mit dem sprechen könne, wenn er nicht gerade dabei ist, um Leben zu kämpfen.
Es ist ein Vorgeschmack auf das, was kommt: Weil man sich jetzt nirgendwo mehr in die Augen gucken kann, vergessen nahezu alle, dass sie online mit anderen Menschen diskutieren. Manche von uns nutzen die viele freie Zeit, um sich über Rassismus fortzubilden, andere, um sich zu radikalisieren. Ich schreibe viel in meinen Newsletter und wenig ins Blog, starte aber zusammen mit Sue Reindke immerhin einen neuen Podcast namens „Bist Du noch wach?“
In all das hinein veröffentlicht Taylor Swift, die nach einer abgesagten Welt-Tournee auch zu viel Freizeit hat, ein Album, das sie in den ersten Monaten des Lockdowns mit Aaron Dessner von The National aufgenommen hat, remote. „Folklore“ wird zum Soundtrack des ersten Corona-Sommers und überzeugt selbst jene, die ihrer Musik bisher kritisch gegenübergestanden hatten. Mit „Evermore“ erscheint ein paar Monate später noch so ein großer Wurf. Nach dem großartigen „1989“ von 2014 hab ich endlich die nächste era, in der ich mich einrichten kann. Es ist der Soundtrack zu sehr ausgiebigen Spaziergängen durch die verschiedenen Nachbarschaften hier in Bochum. Und mittendrin ein Song über Soldaten und Menschen im Gesundheitswesen, über das Sterben in Einsamkeit und über das Weitermachen der Überlebenden: „Epiphany“. „Someone’s daughter, someone’s mother / Holds your hand through plastic now“ sind Zeilen, die mir auf ewig die Tränen in die Augen treiben und einen Klos in den Hals drücken werden. Die gute Nachricht: Meine Omi, die mit 94 noch allein in ihrem viel zu großen Haus wohnt, überlebt all das ohne Ansteckung. Das ist nicht ihr Song.
[Songs des Jahres 2020 damals]
2021: Meet Me @ The Altar – Never Gonna Change 2021 ist die etwas öde Fortsetzung des Seuchenjahres, aber als Farce: Hashtag Osterruhe. Die Amtszeit von Donald Trump endet, die von Angela Merkel auch. In Rotterdam, wo der ESC unter Pandemie-Bedingungen stattfindet, lautet der schon 2019 ersonnene Slogan passenderweise „Open Up“. Den Sommer verbringe ich damit, mein Buch über den Song Contest zu schreiben, an Omis Geburtstag und an Weihnachten sind wir wieder alle vereint.
In Aachen treffe ich einen meiner allergrößten Helden: Michael Stipe von R.E.M. Er ist so bezaubernd, wie ich erhofft hatte, und gibt mir das Gefühl, als sei ich der allererste Mensch, der „You’ve changed my life“ zu ihm sagt. Der VfL Bochum steigt nach elf Jahren wieder in die Bundesliga auf. Nature is healing.
Meine aktuelle Lieblingsband heißt Meet Me @ The Altar, queer Women of Color aus den USA, die Pop-Punk zwischen Avril Lavigne, Paramore und Blink-182 machen. Zum ersten Mal hören tue ich von ihnen bei – natürlich – „All Songs Considered“ auf – natürlich – einem meiner langen Spaziergänge, in Erinnerung bleiben mir ihre EP „Model Citizen“ und der Song „Never Gonna Change“ aber vor allem als Soundtrack zu den ersten Besuchen im Fitnessstudio, die jetzt wieder möglich sind.
[Songs des Jahres 2021 von damals]
2022: Maro – Saudade, Saudade
Am Ende wird es das Jahr gewesen sein, das ich so lang gefürchtet hatte: das, in dem meine Omi stirbt. Es werden lange vier Monate des Abschieds, die ihren Kindern alles abverlangen, aber es ist eine Zeit des bewussten, liebevollen Abschieds und der Liebe in ihrer reinsten Form.
All das ahne ich noch nicht, als ich beim ESC in Turin sitze und völlig gebannt (das englische Wort mesmerized kennen wir im Deutschen leider nicht, obwohl es doch auf einen deutschen Arzt zurückgeht) dem Auftritt der portugiesischen Künstlerin folge, die das spezifisch portugiesische Gefühl saudade besingt, das mit „vermissen“ nur unzureichend übersetzt werden kann und das sie nach dem Tod ihres geliebten Großvaters empfindet. „Saudade, Saudade“ erreicht am Ende einen tollen 9. Platz, Deutschland hat auch teilgenommen. Allerspätestens hier in Turin ist der ESC nicht mehr die leicht trashige Quatsch-Veranstaltung, als die er noch galt, als Stefan und ich 2007 erstmalig darüber gebloggt haben. Er ist ein echtes Musikfestival, bei dem man Genres und Acts vorgestellt bekommt, auf die man sonst vielleicht nie gestoßen wäre. Wer hier noch alles doof findet, mag wahrscheinlich einfach keine Musik.
Mein Buch über diese Veranstaltung erscheint quasi zeitgleich mit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, was mir eine ordentlich Portion der Freude raubt. Als ich den Release trotzdem mit Freund*innen in meiner Stammkneipe feiere, stecke ich mich (endlich) mit COVID-19 an und bin immer noch reichlich außer Atem, als ich das Buch in einer kleinen großen Liveshow in der Zeche Carl in Essen vorstelle. Irgendwie schaffe ich es sogar, in diesem Jahr noch einen Podcast zu produzieren: die Talksendung „Woher kennen wir uns?“
[Songs des Jahres 2022 damals]
2023: Foo Fighters – Rescued
Omi und Taylor Hawkins sind im selben Jahr gestorben, was insofern besonders tragisch ist, als der Schlagzeuger der Foo Fighters 46 Jahre jünger gewesen war. Dave Grohl hatte zum dritten Mal einen seiner besten Freunde verloren, Monate später seine Mutter. Ob das der Beginn einer etwas verspäteten midlife-crisis war, in deren Verlauf jene Tochter entstand, die „außerhalb meiner Ehe“ geboren wurde, wie er auf Instagram schrieb, vermag ich nicht zu beurteilen — es war zumindest der Auslöser, „But Here We Are“ aufzunehmen, das beste Foo-Fighters-Album seit fast 25 Jahren, auf dem er wieder einmal Trauer in Wut verwandelt und umgekehrt.
„Rescued“ ist einer der ersten Songs, den ich in meiner kleinen Musiksendung spiele, die ich in einem Anfall besonderer Geistesgegenwart auch „Coffee And TV“ genannt habe. Sie ist das, worauf ich Jahrzehnte lang gewartet hatte: die Möglichkeit, Songs in einem Podcast zu spielen, ohne in einem kostspieligen Bürokratiegewitter namens „GEMA“ unterzugehen. Das Ergebnis kann man zwar nur beim finsteren Tech-Konzern Spotify hören, aber entscheidender ist für mich eh, sowas überhaupt machen zu können. Aber wie so oft mit den schönen Dingen im Internet: Nur ein Jahr später zieht Spotify den Stecker und schafft die Möglichkeit, solche Musiksendungen zu bauen, direkt wieder ab.
„But Here We Are“ wird auch 2024 wieder für mich da sein: Als meine geliebte Tante Dörte stirbt, eine großartige Grundschullehrerin, höre ich den Song, den Dave Grohl für seine verstorbene Mutter Virginia geschrieben hat, die ebenfalls Lehrerin gewesen war: „The Teacher“.
2024: Ezra Collective feat. Yazmin Lacey – God Gave Me Feet For Dancing Das ist mir in all den Jahren auch noch nicht passiert, dass ich – trotz aller Playlisten, Notizen-Apps und Zettel – beim Zusammenstellen der „Alben“ oder „Acts des Jahres“ ein Album bzw. einen Act komplett vergesse. Ob’s am Alter liegt oder dem schon erwähnten Überangebot?
Immerhin habe ich hier die Gelegenheit, den Fehler schnell halbwegs wettzumachen: „God Gave Me Feet For Dancing“ von Ezra Collective und Yazmin Lacey. Ezra Collective sind eine Jazz-Fusion-Band aus London, die Elemente aus Afrobeat, Calypso, Reggae, Hip-Hop, Soul und Jazz verbinden und deren Songs bei BBC Radio 6 Music, meiner aktuellen Hauptquelle für neue Musik, rauf und runter läuft. Es ist diese Musik, die ich mit dem leichtfüßigen Sommer 2024 verbinde, als wir alle denken, dass Kamala Harris US-Präsidentin werden wird, und die Olympischen Spiele in Paris ein Gefühl von Hoffnung, Zuversicht und Gemeinschaft vermitteln, das wir so lange vermisst hatten. Sich ein paar Monate später über die eigene vermeintliche Naivität lustig zu machen, wäre aber auch zynisch.
[Songs des Jahres 2024 von „damals“]
Epilog „Am Ende wird alles okay sein — und wenn es nicht okay ist, ist es nicht das Ende“, hat der brasilianische Autor Fernando Sabino geschrieben und Weezer nannten ihr 2015er Album „Everything Will Be Alright In The End“. „Schwimm für die Songs, die noch geschrieben werden“, hat Marcus Wiebusch von kettcar auf seinem Soloalbum gesungen — und dabei Andrew McMahon referenziert. Alles hängt immer mit allem zusammen.
Social Media ist, spätestens seit sich die Tech-Oligarchen um Donald Trump scharen, ein dumpster fire, das unsere Seelen und Gehirne verzehrt. Doch das hier sind nur die ersten 18 Jahre und die ersten 18 Songs. Coffee And TV ist mein Zuhause und ich plane zu bleiben, mein Freund.
Denn wie sang einst Graham Coxon in jenem Blur-Song, dessen Titel wir uns damals einfach gemopst haben?
Take me away from this big bad world
And agree to marry me
So we can start over again
(Auf das mit dem Heiraten würde ich nach den oben erwähnten Erfahrungen allerdings gerne verzichten.)
Dieses kleine Popkultur-Blog wird in zehn Tagen volljährig (wait for it!) und weil wir so ein kreativer Laden sind und weil wir finden, dass es in diesen Zeiten dringend notwendig ist, schöne Dinge hervorzuheben, haben wir uns ein neues Format ausgedacht: 5 Songs, die Ihr im Januar gehört haben solltet!
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Natürlich gibt es auch weiterhin unser beliebtes CTV-Mixtape mit den 5 Songs aus dem Video und vielen weiteren. Dieses Mal u.a. dabei: Neue Songs von Thursday, Heather Nova und Travis, ein Radiohead-Cover von Blossoms und Klassik vom südafrikanischen Cellisten Abel Selacoe. Philine Sonny ist natürlich genauso vertreten wie das Grand Hotel van Cleef — diesmal mit Amos The Kid.
10. Pet Shop Boys
31 Jahre, nachdem sie mit „Go West“ in mein Leben getreten waren (und damit lange, bevor ich um Begriffe wie „queer“ wusste), haben die Pet Shop Boys ihr 15. Studioalbum veröffentlicht. „Nonetheless“ (Parlophone; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) heißt es – „Nichtsdestotrotz“, was für ein schönes Wort! – und es zählt im Gesamtwerk zu den eher melancholischen Alben. Ansonsten machen Neil Tennant und Chris Lowe einfach weiter genau ihr Ding: Es geht um Liebe und Nachtleben, aber ebenso selbstverständlich um die ZDF-Hitparade und einen von Donald Trumps Bodyguards. Natürlich. Immer wieder erkennt man Versatzstücke aus älteren Songs, aber das ist ja Teil des Gesamtkunstwerks, wie wir spätestens seit „DJ Culture“ (dem PSB-Song von 1991, nicht dem Buch von Ulf Poschardt) wissen. Persönlicher Höhepunkt: Ich durfte für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ über das Album schreiben, jenes Blatt, in dem ich noch als Schüler über die Band gelesen hatte.
9. Vanessa Peters
Bevor Mark Zuckerberg beschloss, Instagram zur weiteren Zersetzung der Demokratie zu nutzen, konnte man dort tatsächlich Musik entdecken: Acts haben kleine Clips aus ihren Musikvideos als Werbung geschaltet und die gleichen Algorithmen, die mich jetzt von den Vorzügen des Faschismus überzeugen sollen (Vergiss es, Pudel!), haben mir dann überraschend präzise Songs vorgespielt, die mich sofort überzeugt haben. So bin ich jedenfalls 2021 auf die Amerikanerin Vanessa Peters und ihr Album „Modern Age“ aufmerksam geworden und seitdem verfolge ich ihr Schaffen. Damals hatte ich geschrieben: „Als hätten Aimee Mann, Suzanne Vega und Kathleen Edwards eine Supergroup gegründet.“ Das gilt immer noch und ich meine es als eines der höchsten Komplimente, denn auch „Flying On Instruments“ (Idol Records; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) ist wieder ein Americana/Folk-Album, das mich an die besten Seiten der amerikanischen Kultur erinnert. Also an das Gegenteil von Mark Zuckerberg.
8. Maro
Maro ist immer das Beispiel, das ich bringe, wenn ich erklären will, dass der Eurovision Song Contest längst keine alberne Quatsch-Veranstaltung voll Eurodance-B-Ware ist (das war er in dieser Absolutheit noch nicht mal in den 1980er bis 2000er Jahren), sondern ein Musikfestival im klassischsten Sinne: Natürlich hätte ich auch auf anderen Wegen (das Internet existiert ja) von der jungen Musikerin mit dem bürgerlichen Namen Mariana Brito da Cruz Forjaz Secca und der wunderbar verschlafenen Stimme erfahren können, aber ihr Auftritt in Turin 2022 war dann doch ein ganz besonders beeindruckender Kennenlernmoment. Ende September habe ich sie endlich wieder live gesehen, durchaus angemessen im Konzerthaus Dortmund, und es war eines der schönsten, umarmendsten Konzerte, das ich je besucht habe. Wie junge Acts das so machen, hat sie während des ganzen Jahres immer wieder Songs herausgebracht, u.a. mit Parcels, vor allem aber mit dem Musiker Nasaya, der auf der französischen Insel Reunion im indischen Ozean aufgewachsen ist, wie Maro das Berklee College of Music besucht hat, und mit dem sie 2021 schon mal eine ganze EP mit vier Songs veröffentlicht hatte. Das gemeinsame Album „Lifeline“ (Secca Records; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music) kam erst am 15. Januar raus, aber das bedeutet ja nur, dass Maro auch 2025 wieder zu meinen Acts des Jahres gehören kann.
7. Joy Oladokun
Auf das Musikjahr 2023 haben wir ja in einer gemeinsamen Sendung zurückgeschaut. Deswegen gibt es keine persönliche Bestenliste, die ich jetzt verlinken kann, und auf der Joy Oladokun mit ihrem Album „Proof Of Life“ meinen Platz 1 belegt hätte. Das wird nicht der Hauptgrund sein, warum sie 2024 direkt das nächste Album, ihr fünftes, veröffentlicht hat, aber auch „Observations From A Crowded Room“ (Amigo Records; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music) ist wieder verdammt gut geworden. Sie macht sich Gedanken über den gesellschaftlichen Zusammenhalt und Fortschritt, sie singt über die Kraftanstrengungen, überhaupt aufzustehen und weiterzumachen — und all das hat so viel Groove, so viel schöne Melodien und so viele Gospel-Chöre, dass einen diese vermeintlichen Widersprüche ganz aufwühlen. Aber war das bei Marvin Gaye, Sam Cooke oder Aretha Franklin anders?
6. MJ Lenderman
Manchmal gibt es ja so Namen und Alben, von denen man so oft in verschiedenen Zusammenhängen liest, dass man sie einfach hören muss: Das vierte Soloalbum von MJ Lenderman war so eins und das Überraschende war eigentlich nur, dass es nach vielen Jahren mal wieder ein Indierock-Album war, über das so viele Leute sprachen — und dass es mir dann auch noch gefiel! „Manning Fireworks“ (Anti; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) klingt, als würde ich es schon mein halbes Leben kennen. Oder, anders: So, wie wenn The Get Up Kids und The Weakerthans sich vor 20, 25 Jahren in einer Scheune in Montana, in der zufällig noch ein paar Folk-Musiker sitzen, gegenseitig gecovert hätten.
5. Christian Lee Hutson
Ich kann gar nicht mehr rekonstruieren, wie ich zum ersten Mal „After Hours“ von Christian Lee Hutson gehört habe. Ich weiß nur, dass die 3:12 Minuten, die der Song dauert, noch nicht durch waren, als ich ihn meinen engsten Freund*innen schon wärmstens – lass alles stehen und liegen und hör es Dir JETZT an! – ans Herz gelegt hatte. Entsprechend ist es auch mein Song des Jahrs 2024 geworden. Wenn ich Songs so doll liebe, habe ich manchmal Angst vor dem Album, dem sie vorangingen, aber „Paradise Pop. 10“ (Anti; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) löste sogar mehr Versprechen ein, als die Single aufgestellt hatte: Songs wie „Autopilot“, „Water Ballet“ oder besagtes „After Hours“ klingen, wie sich die eigene Bettdecke an einem diesigen, kalten Sonntagvormittag anfühlt. Es gibt Klavierballaden, melancholische Folksongs und etwas lärmendere Folkrock-Nummern für Fans von Elliott Smith, The Weakerthans und Bright Eyes. Jetzt machen also Menschen, die 1990 geboren sind, Musik, wie ich sie 2004 gehört habe.
4. Philine Sonny
Ich weiß nicht, ob man es merkt, aber ich habe einen gewissen Hang zum Lokalpatriotismus. Man müsste mir schon sehr viel Geld bieten, damit ich das Ruhrgebiet oder auch nur Bochum-Ehrenfeld verlasse. Wenn es um Philine Sonny geht, ist es deshalb, als würde der VfL Bayern München schlagen: Sowas ist hier möglich! Und wer wohnt schon in Düsseldorf? Dabei hat das ja alles gar nichts mir mir zu tun und vielleicht auch nur in Teilen mit der Stadt. Im März, jedenfalls, hatte die 23-jährige Musikerin und Songschreiberin ihre zweite EP „Invader“ (Nettwerk; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) veröffentlicht, danach noch jede Menge Singles. Im Herbst begann sie dann ihr nächstes Projekt, bei dem sie Songs in 15 Minuten schreibt, innerhalb weniger Tage aufnimmt und dann so schnell wie möglich veröffentlicht. „So schnell wie möglich“ bedeutet bei einem Label – bei Nettwerk erscheinen auch Angus & Julia Stone, The Paper Kites, Joshua Radin und Great Lake Swimmers – und Streamingdiensten immer noch rund zweieinhalb Monate, aber das ganze Konzept und die Daten im Songtitel verleihen den Songs eine gewisse Unmittelbarkeit. Und ich tue, was ich kann, um Philine Sonny noch berühmter zu machen — zum Beispiel in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ über sie schreiben.
3. Suzan Köcher’s Suprafon
Wenn jemand „psychedelisch“ sagt, denke ich an Pink Floyd, Ölprojektoren und die Generation unserer Eltern, die bekifft auf einem Flokati liegt. Okay, ich komm noch mal rein: Wenn jemand „psychedelisch“ sagt, denke ich an David Lynch, die mittleren Byrds und orangefarbene U‑Bahn-Haltestellen. Habt Ihr die Bilder? Okay, dann kommt jetzt der Soundtrack, denn Suzan Köcher’s Suprafon machen laut eigener Aussage Psychedelia (nur, damit Ihr’s schonmal gehört habt: im Englischen ist das „P“ stumm), aber auch Dream Pop, Krautrock, Disco und Desert Americana. Tatsächlich entstehen in meinem Kopf sofort Filme der Coen Brothers, Wim Wenders und Paul Thomas Anderson; ein Steppenläufer rollt definitiv durch die staubige Landschaft und es ist entweder immer gerade Mittag oder die Zeit kurz nach Sonnenuntergang. Also: Alltag im Bergischen Land, denn Suzan Köcher selbst stammt aus Solingen, ihre Band aus dem Umkreis (und damit ein Strich mehr bei „Ruhrgebiet“). Ihr drittes Album „In These Dying Times“ (Unique Records; Apple Music, Spotify, Amazon Music, YouTube Music, Bandcamp) wäre, wenn es aus den USA käme, überall in den Jahresbestenlisten. So wenigstens bei mir.
2. kettcar
Er habe mehr durch Musik gelernt als durch Bibliotheken, hat Thees Uhlmann mal gesungen (und dabei Bruce Springsteen referenziert) und er hat leicht reden, denn unsere gemeinsamen Buddies von kettcar veröffentlichen auf Grand Hotel van Cleef, dem Label, das sie mit ihm gemeinsam betreiben, ja regelmäßig Alben, deren Songs ganze Bücher ersetzen. So gesehen ist „Gute Laune ungerecht verteilt“ (Grand Hotel van Cleef; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) wieder eine 45-minütige Bibliothek zum Hören: Die brachiale Single „München“ ist ein eigenes, umfassendes Werk über Alltagsrassismus; „Rügen“ referiert die Freude und Nachteile des Eltern-Seins besser als es ein Buch irgendeiner Twitter-Berühmtheit je könnte; „Kanye in Bayreuth“ ist das feuilletonistische Essay über die Schwierigkeit, Werk und Autor zu trennen; „Einkaufen in Zeiten des Krieges“ die vertonte Kolumne über gestiegene Lebensmittelpreise und „Blaue Lagune, 21:45 Uhr“ der Antihelden-Roman, der in Rezensionen mit Tarantino verglichen wird. Dass das alles noch so schön erhebend klingt und man alles mitsingen kann, ist ja das eigentliche Kunststück, aber kettcar lassen es ganz leicht aussehen. Da wartet man auch gerne mal fünf Jahre drauf!
1. Japandroids
2024 war für viele von uns ein schwieriges Jahr, das in der zweiten Jahreshälfte völlig aus der Kurve zu fliegen schien: Donald Trump, AfD, Neuwahlen, dazu immer noch Krieg in der Ukraine und eine ungelöste Klimakatastrophe — und das war nur die Scheiße aus den Nachrichten, die uns alle betraf. Hinzu kamen private Schicksalsschläge und die immer absurder erscheinende Aufgabenstellung, auch noch den sogenannten Alltag bewältigen zu sollen. Am 25. Oktober starb meine geliebte Tante Dörte und ich war wirklich froh, dass ich neben meinem engsten Umfeld auch immer noch Musik hatte. Genau eine Woche zuvor war „Fate & Alcohol“ (schon wieder Anti — Label des Jahres!; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal , YouTube Music, Bandcamp) erschienen, das vierte und vorab schon als solches angekündigte letzte Album der Japandroids. Fragt mich nicht, wie Brian King und David Prowse diesen Sound mit nur einer Gitarre und einem Schlagzeug hinbekommen, denn ich habe sie leider nie live gesehen, aber das ist auch egal, denn für „Fate & Alcohol“ gilt, was Faithless damals in „God Is A DJ“ deklamierten: „This is my church / This is where I heal my hurts“. Wann immer ich vergessen hatte, dass ich am Leben bin, und wie sich das anfühlt, habe ich dieses Album gehört. Und es legte mir sacht seine Hand auf meine Schulter und gemeinsam wussten wir: Ja, unsere Hände sind blau und geschwollen, aber wir können daraus immer noch ein Herz formen (und zwar so wie Millennials, also richtig), eine Faust machen und sie in den Himmel strecken. Die Musik klingt immer noch, als würde sie vom ersten bis zum letzten Ton das Leben feiern, aber anders als auf den ersten Alben nicht aus jugendlicher Ignoranz heraus, sondern aus erwachsenem Verständnis und Trotz: Ja, das Leben enthält auch Enttäuschungen, Trauer und andere Tiefschläge und genau deshalb ist es so wertvoll und wunderschön. Nonetheless. Wenn meine Persönlichkeit zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben ein Album wäre, sie würde so klingen. „For a few hours, it’ll be alright, Baby!“
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Wenn Silvester vorbei ist, beginnt für mich eine Zeit der inneren Anspannung: Ich will unbedingt meine musikalische Rückschau auf das vergangene Jahr abschließen, muss aber auch erstmal den Alltag wieder rebooten. Ich weiß, dass Ihr nicht alle mit den Hufen scharrt und wütend werdet, wenn ich meine Liste später veröffentliche (oder gar nicht, wie in den Jahren, als das Kind ganz klein war und ich mit anderem beschäftigt war), aber irgendwie gehört es für mich ebenso zum Jahresabschluss wie das Abtakeln des Tannenbaums (der auch noch steht).
Beim Durchhören meiner Vorauswahl (ein ausgesprochen komplizierter Prozess, gegen den jede Papstwahl wie ein Kindergartenausflug aussieht) dachte ich immer wieder: „Das war musikalisch ein sehr guter Jahrgang!“ Gleichzeitig habe ich festgestellt, dass ich wirklich wenige Songs in ihrem Kontext gehört habe — also als Teil eines Albums. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich auf zehn Alben komme, die ich öfter als drei Mal gehört habe.
Ein paar Trends waren zu erkennen: Im Vereinigten Königreich kam Drum ’n‘ Bass sowas von zurück (und es interessierte, wie schon in den 1990er Jahren, hierzulande kaum jemanden im Mainstream); es gab überraschend viele junge Bands, die wie The Strokes klangen, eine Band, die für Menschen unter 30 eigentlich eine Oldie-Band sein muss, und ich habe – besonders im Vergleich zu vor 15, 20 Jahren – ziemlich viele Songs dabei, die von Frauen gesungen werden.
Bei vielen Songs habe ich zwar keine Ahnung, wie ich überhaupt auf sie aufmerksam geworden bin, aber sie haben mich dann eben doch über Monate begleitet, bei allem, was man so tut und erlebt. Es wurde aber auch irgendwann beliebig: Bei vielen Songs dachte ich, wenn ich sie im Laufe des Jahres ein paar Mal öfter gehört hätte, hätten sie am Ende auch auf einem einstelligen Rang landen können. Über 100 Songs in der Vorauswahl und fast alle sind gleich gut?
Es gibt also jetzt eine Liste mit 100 Songs (Sorry!). Man kann sie auf Shuffle hören, dann ist sicherlich viel Schönes dabei, aber vor allem die ersten zehn, zwanzig Songs folgen auch einer gewissen Hierarchie:
10. Crowded House – Oh Hi Ich verrate Euch jetzt ein Geheimnis: An mehr als 182 Tagen im Jahr halte ich Neil Finn für einen bedeutenderen Songwriter als John Lennon und Paul McCartney. Etliche der Songs, die er für die gerade mal vier Alben von Crowded House in den 1980er und 90er Jahren geschrieben hat, sind längst Klassiker; „Don’t Dream It’s Over“ ist für mich einer der schönsten Songs aller Zeiten (und wenn man ein Orgelsolo heiraten könnte: Hier würd ich’s tun!) und „Everyone Is Here“, das Album, das er 2004 mit seinem Bruder Tim aufgenommen hat, wäre bei meinen Top 10 für die einsame Insel mit dabei. Seit ein paar Jahren sind seine Söhne Liam und Elroy Teil von Crowded House und zusammen haben sie letztes Jahr das Album „Gravity Stairs“ veröffentlicht. Nicht der ganz große Wurf, aber die Vorab-Single „Oh Hi“ vereint wieder eingängige Melodien mit einem schwerelosen Pop-Arrangement, wie man es von der Band seit knapp 40 Jahren kennt. Ein Klang, so vertraut wie das Wohnzimmer meiner Eltern.
9. Lambrini Girls – Company Culture
Eine englische all girl Punkband, die einen wütenden, kompromisslosen und trotzdem lustigen Song über Sexismus am Arbeitsplatz spielt? Count me in!
8. Bon Iver – Speyside
Ich möchte ehrlich sein: So ganz hab ich nicht alles verstanden, was Justin Vernon nach dem zweiten Bon-Iver-Album „Bon Iver“ gemacht hat. Dieses Gezirpe, die komischen Songtitel, die 42 Gastsänger*innen — aber Vernon war von Anfang an über so viele Zweifel erhaben, dass ich den Fehler natürlich bei mir gesucht habe. Jetzt hat er die Akustikgitarre wiedergefunden und die Drei-Song-EP „SABLE,“ (nur echt in Großbuchstaben, mit Komma und vier Tracks, weil der erste nur Geräusch ist) klingt, als sei sie der noch kleinere Anbau zu der Waldhütte, in der im Winter 2006/07 das Debütalbum „For Emma, Forever Ago“ entstanden ist. „Speyside“ klingt entsprechend, wie nach einer langen Reise wieder zuhause anzukommen.
7. Manic Street Preachers – Decline & Fall Ich bin jetzt seit fast 25 Jahren Fan der Manic Street Preachers; sie haben mich durch die Oberstufenzeit begleitet und politisiert. Ihr letztes richtig gutes Album ist jetzt auch schon vierzehn Jahre alt — und dann ballern sie plötzlich so eine Single raus: eine Piano-Hook wie bei ABBA, Gitarren wie bei Guns ‘n’ Roses und eine Gesangsmelodie, die ungefähr so eingängig ist wie ein gelungenerer Schlager. Der Text handelt davon, im Angesicht einer verfallenden Welt die kleinen Wunder zu feiern — vielleicht ein bisschen fatalistisch für eine Band, die die meiste Zeit ihrer Karriere die kommunistische Weltrevolution anzetteln wollte, aber in Zeiten, in denen sich so viele immer radikaler äußern, ist es auch auf eine Art radikal, das Gegenteil zu tun. Am 31. Januar erscheint dann auch endlich das neue Manics-Album, dessen Titel ebenfalls perfekt in unsere Zeit passt: „Critical Thinking“.
6. Ider – You Don’t Know How To Drive
Wir waren bei Coffee And TV schon große Fans von Ider, bevor das britische Elektropop-Duo überhaupt 2019 sein Debütalbum „Emotional Education“ veröffentlicht hatte. Der Bildspender für den Titel dieser Single ist die männliche Unfähigkeit, sich im Straßenverkehr zu orientieren, aber immer gute Ratschläge zu geben — und das ist nur die erste Strophe, denn die burns werden danach noch viel, viel gemeiner: „I wanna throw your shit in the middle of the street / Really make a big scene and burn your red SG / Delete the files of your solo EP, yeah no one’s gonna hear it now“, singen Megan Markwick und Lily Somerville im Refrain und vielleicht muss man ein paar Musiker im Bekanntenkreis haben, um die Tiefe und Schärfe dieser Zeilen voll würdigen zu können, aber lasst es mich so sagen: Das hier ist die nukleare Option — aber sehr, sehr lustig! Das dritte Ider-Album „Late To The World“ erscheint am 21. Februar; Ende März spielen sie in Hamburg, Berlin und Köln.
5. MJ Lenderman – She’s Leaving You
Ich hätte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass es noch mal einen Act wie MJ Lenderman geben würde: klassischer Indierock, den Menschen zwischen 16 und 61 gut finden und über den eine Zeitlang wirklich alle in meinem Umfeld reden. „You can put your clothes back on / She’s leaving you“ ist kein ganz schlechter Anfang, es wird danach aber noch besser: Es fällt schwer, den Refrain „It falls apart, we all got work to do / It gets dark, we all got work to do“ nicht auf das allgemeine Weltgeschehen zu beziehen — aber was bezieht man dieser Tage nicht darauf? Dabei ist der Song doch eigentlich das „Sie ist weg“ der Generation Z (hoffe ich).
4. kettcar – Auch für mich 6. Stunde
Ja, ja, natürlich: „München“ hatte mehr Wucht, war politischer und wichtiger — so wie damals „Sommer ’89“. Aber kettcar benennen ja nicht nur Probleme, sie haben immer auch Trost dabei: „Ein Bengalo in der Nacht“. So ist „Auch für mich 6. Stunde“, der Opener ihres sehr, sehr guten 2024er Albums „Gute Laune ungerecht verteilt“ vielleicht eher der Zwilling von „Ankunftshalle“ vom Vorgänger „Ich vs. Wir“: Ja, da ist ganz schön viel Scheiße in der Welt, aber wir müssen da nicht alleine durch. Und das ist für mich dann die noch schönere Botschaft, getragen von diesem wunderbaren Snow-Patrol-Arrangement.
3. Philine Sonny – In Denial
Dafür, dass sie erst seit wenigen Jahren Musik veröffentlicht, gehört Philine Sonny schon sehr deutlich zu unseren Lieblings-Acts. Okay: Sie wohnt ja auch in Bochum, aber das hier ist mehr als Lokalpatriotismus, das ist „Ich fänd’s auch geil, wenn es aus den USA käme und bei All Songs Considered und Pitchfork vorgestellt würde“. Im März erschien ihre EP „Invader“, darauf auch „In Denial“, ein langjähriger fan favorite bei den Konzerten. Dieses „Somebody out there“ muss man mal live erlebt haben, wie das Publikum es mitsingt.
2. Japandroids – Positively 34th Street
Kann man mit über 25 noch glaubhafte Liebeslieder schreiben? Ben Folds war 34, als er „The Luckiest“ aufnahm; Marcus Wiebusch 43 bei „Rettung“. Also: Ja. Brian King ist 41, als das finale Album seiner Band Japandroids erscheint. „Positively 34th Street“ ist nicht nur ein Verweis auf Bob Dylan, es ist auch eines der erwachsensten Liebeslieder, das ich je gehört habe. Und eines der schönsten. Wie man auch nach Jahren, nach all dem Chaos, das wir „Leben“ nennen, noch an eine Person von früher denken kann; wie man es noch mal versucht, immer wieder hadert und zweifelt und die Geschichte vielleicht doch noch gut ausgeht, zumindest aber erstmal überhaupt noch anfängt, das ist schon grandioses, lebensnahes Songwriting. Und das alles in diesem klassischen Hüsker-Dü-treffen-Bruce-Springsteen-Sound, den Japandroids über ihre vier Studioalben gepflegt haben: Dieser Song ist das Gegenteil von midlife crisis, von Porsche, Goldkettchen und die Demokratie zerstören. So klingen Männer, die es irgendwie doch noch geschafft haben; geschunden zwar, aber im Einklang mit sich und ihren Gefühlen.
1. Christian Lee Hutson – After Hours
Seit dem Release Anfang Juli lag ich meiner gesamten peer group in den Ohren, dass sie sich bitte, unbedingt, keine Zeit zu Warten, diesen Song anhören sollen. Nein: müssen! „After Hours“ klingt, als würde ich es seit 25 Jahren kennen, aber ich kann nicht genau sagen, an was mich Stimme und Musik erinnern: Nick Drake? Nein. The Weakerthans? Auch nicht. Vor allem war Christian Lee Hutson vor 25 Jahren gerade acht und hat (hoffentlich, denn das Wort „fuck“ kommt auch drin vor) noch nicht solche Songs geschrieben. Refrains gibt’s keine, dafür Strophen, die sich frei assoziativ von Spätis im Himmel über die Schauspielerin Catherine O’Hara bis zur Feststellung „The good stuff is behind a paywall“ erstrecken. Es war ein wildes Jahr für mich, vor allem in der zweiten Hälfte, aber dann war dieser Song immer für mich da, der sich anfühlt wie in der warmen Badewanne einzuschlafen (Vorsicht bitte!). Einatmen, ausatmen. „It’s crazy I know, I’ve got nowhere to go / But up here, I wear my seatbelt“.
Keinen neuen Blog-Eintrag mehr verpassen? Wir haben jetzt einen WhatsApp-Kanal und einen Bluesky-Account, wo Ihr auf dem Laufenden bleiben könnt!
Ja: Ich bin ein bisschen spät dran, aber die Feiertage, die Ferien und ein paar Computerprobleme haben mich aufgehalten.
Aber jetzt ist es endlich da: Mein Dezember-Mixtape, mit Songs, die ich in den letzten Wochen so gehört und für gut befunden habe. Dabei sind Tiny Moving Parts, in deren Album „Deep In The Blue“ ich mich gerade ein bisschen verliebt habe, Andrew W.K. und Kendrick Lamar, aber auch Maro, Paenda und Art School Girlfriend, die Ihr als aufmerksame Hörer*innen unserer leider eingestellten Musiksendung natürlich schon kennt.
The Zutons, von denen Amy Winehouses „Valerie“ ja im Original stammte, covern nach 17 Jahren „Back To Black“ zurück, der Berliner DJ Dirty Doering sampelt – wenn ich das richtig erkannt habe – ukrainische Folklore und Horsegirl erinnern auf ganz bezaubernde Weise an den „Juno“-Soundtrack.
Viel Spaß! (Und: Ja, die Bestenlisten fürs Jahr 2024 kommen natürlich auch noch!)
Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber die letztenWochen und Monate waren für mich ein bisschen anstrengend. Dann kamen auch noch viele, viele Tage hinzu, an denen es nie richtig hell, aber vor allem früh wieder dunkel wurde, und das schlägt einem ja dann doch alles ein bisschen uncool aufs Gemüt.
Mir hilft in solchen Fällen immer Musik – vor allem natürlich die, die ich eh schon ewig kenne und die meine Laune verlässlich besser macht, aber auch neue. Und letztere hab ich Euch wieder zusammengestellt zu einem kleinen, hoffentlich feinen Mixtape:
Afro-Pop von Barny Fletcher, ein Strokes/Killers/Franz-Ferdinand-Crossover von The Privates aus Nashville, Dreampop von Georgia Gets By und meine Buddies vom Grand Hotel van Cleef sind diesmal mit einem Liebeslied auf Maya Hawke von Shitney Beers vertreten.
Al Green (von dem ich ehrlich gesagt nicht wusste, dass er noch lebt) covert „Everbody Hurts“ von R.E.M., Blossoms aus England verwandeln „I Wanna Dance With Somebody“ von Whitney Houston in eine Indierock-Hymne und wer Thursday mag, wird bei Glasseyed aufhorchen.
Es gibt neue Songs von FKA twigs, Laura Marling und Vanessa Peters, zeitgenössische Klassik von Hannah Peel und Ben Folds, der sein erstes Weihnachtsalbum (acht neue, eigene Songs, nur zwei Cover-Versionen) mit dem phantastischen Titel „Sleigher“ veröffentlicht hat, nimmt uns auf einen Schneespaziergang mit seinem Hund Maurice mit.
Kurzum: Wenn Euch aus dieser Liste so gar nichts gefällt, weiß ich auch nicht weiter!
Im Jahr 1999 erschienen jede Menge Alben, die für unsere Autor*innen prägend waren. Zu ihrem 25. Jubiläum wollen wir sie der Reihe nach vorstellen.
Natürlich hatte ich Dave Grohl als den „Schlagzeuger von Nirvana“ kennengelernt. Natürlich kannte ich die sensationell lustigen Videos zu „Big Me“ und „Learn To Fly“ seiner neuen Band Foo Fighters, auf die mich mein bester Freund aufmerksam gemacht hatte. Natürlich waren – neben The Wallflowers, Jamiroquai, Rage Against The Machine, Michael Penn, Green Day und Ben Folds Five – auch Foo Fighters 1998 auf dem Soundtrack zu Roland Emmerichs „Godzilla“ gewesen und zwei Jahre später – neben Ben Folds Five, Hootie & The Blowfish, Smash Mouth, Third Eye Blind und The Offspring – auf dem Soundtrack zum heute fast vergessenen Jim-Carrey-Film „Me, Myself & Irene“, der mich mit Wilco, Pete Yorn, Ellis Paul und Marvelous 3, vor allem aber mit den Songs von Steely Dan bekannt machte. Das Video zu „Breakout“, das im Sommerurlaub 2000 ständig auf MTV Europe lief, war ja sogar auf den Film abgestimmt.
Ich weiß wirklich nicht, warum es bis in den April 2002 gedauert hat, bis ich wusste, dass ich Foo-Fighters-Fan bin. Ich weiß aber noch sehr genau, wie ich zu dieser Zeit das Video zu „Next Year“ im Musikfernsehen gesehen habe (und das auch nicht zum ersten Mal) und plötzlich so angefixt war, dass ich den Song sofort als illegale MP3 herunterladen und tagelang auf Repeat hören musste. Ich habe sogar die Geburtstagskaffeetafel meiner Schwester verlassen, um zu R&K zu fahren und endlich das dazugehörige Album zu kaufen.
Zwei Tage später war unser letzter Schultag, in der Woche darauf die schriftlichen Abiturprüfungen und danach kam eine Zeit der großen Leere. Was sich anfangs noch wie Sommerferien und verdiente Freizeit nach so vielen Jahren Schule (and don’t get me started about Theodor-Heuss-Gymnasium Dinslaken again!) anfühlte und einer durchgängigen Party glich, füllte sich ganz schleichend mit der zunächst geleugneten Gewissheit, dass sich bald alles ändern würde: Die Mädchen würden zum Studium in andere Städte ziehen, die Jungs ihren Zivildienst beginnen und danach vermutlich auch die Stadt verlassen. Kinderzimmer würden verstauben und umgeräumt werden, Großeltern und Eltern sterben, Leben jetzt erst richtig beginnen. So jung kommen wir nicht mehr zusammen.
„There Is Nothing Left To Lose“ (der Titel schon!) war der perfekte Soundtrack zu dieser Zeit. Dave Grohl wusste, wie sich Abschiede und Umbrüche im Leben anfühlen, er konnte Melancholie in Wut verwandeln und umgekehrt. Es schien, als habe sich das Album extra zweieinhalb Jahre in meinem Blickfeld versteckt, um jetzt ganz und gar für mich da zu sein. Es war das dritte Album unter dem bescheuerten Projektnamen Foo Fighters, aber eigentlich das erste dieser Band als Band: Auf dem Debüt hatte Dave Grohl noch alle Instrumente selbst gespielt, die von ihm für das zweite Album zusammengestellte Band war schnell wieder zerbrochen (es hatte womöglich nicht geholfen, dass Grohl nahezu alle Spuren von Schlagzeuger William Goldsmith neu eingespielt hatte) und jetzt hatte er den Keller seines Hauses in Alexandria, Virginia zum Studio ausgebaut und mit seinem verbliebenen Bassisten Nate Mendel und Taylor Hawkins, dem Schlagzeuger aus der Band von Alanis Morissette, noch einmal ganz neu angefangen.
Wenn Du Schlagzeug lernen willst, hör Dir an, was Taylor Hawkins bei „Generator“, „Aurora“ oder „Next Year“ macht; wie seine Hände wirbeln und gleichzeitig überall zu sein scheinen; wie er Songs voran peitscht, ihnen, den anderen Instrumenten und vor allem Dave Grohls Stimme aber auch immer genug Raum zum Atmen lässt; wie er, nachdem er zwölf Takte einfach nur gerade einen tighten Beat geklopft hat, plötzlich für einen Sekundenbruchteil eine drum roll einflicht, die klingt wie ein auf der Stelle tänzelnder Boxer — und wie der nächste Schlag dann tatsächlich wie ein upper cut kommt, der Dich Sterne sehen lässt.
In Interviews und in seinem phantastischen Memoir „The Storyteller“ erzählt Dave Grohl immer wieder, dass „There Is Nothing Left To Lose“ sein persönliches Lieblingsalbum der Band ist; das, auf das er am stolzesten ist. Es ist eines der wenigen Alben, die ich mir zum Hundertsten Mal anhören kann und die ersten Takte sind immer noch so aufregend wie beim allerersten Hören: Der Opener „Stacked Actors“, der mit trocken knarzenden Gitarren und einem treibenden Schlagzeug beginnt, in den Strophen aber eher wie ein eleganter Steely-Dan-Song vor sich hin wippt. Das schwelgende „Aurora“, nach Ansicht der Band einer der besten Songs, den sie je aufgenommen haben. Das traurig schunkelnde „Ain’t It The Life“, der sich langsam aufrichtende Abschlusssong „M.I.A.“ und natürlich „Learn To Fly“, „Break Out“ und immer wieder „Next Year“.
Der Song ist so untypisch für die Foo Fighters, dass er auf dem ersten „Best Of“ nicht enthalten ist, obwohl er als Single veröffentlicht wurde. Musikjournalisten haben ihn mal als den einen Britpop-Song im Gesamtwerk der Band beschrieben und tatsächlich hat er eine gewisse Ähnlichkeit mit „Whatever“ von Oasis. Noch heute hüpft mein Herz jedes Mal, wenn der Song auf dem Album bei 3:48 Minuten eigentlich schon zu Ende ist, aber mit dem zweitgrößten Drum-Break nach „In The Air Tonight“ zur Ehrenrunde ansetzt.
Als in den Morgenstunden des 26. März 2022 die Nachricht kam, dass Taylor Hawkins im Alter von nur 50 Jahren gestorben war, fühlte es sich an, als wäre jemand aus meinem Umfeld gestorben – nicht unbedingt ein Freund, aber jemand, den ich vom Sehen kannte, den ich von Anfang an mochte und mit dem ich immer mal ein Bier hätte trinken wollen. Natürlich ging ich als erstes ins Wohnzimmer und drehte die Anlage laut auf. Und natürlich war das Album, das ich hörte, „There Is Nothing Left To Lose“.
Leute, ich sag’s Euch, wie’s ist: Es gibt Zeiten, die sind einfach so voll mit Dingen, schönen wie unschönen, dass alles nur so vorbei rauscht. Und dann ist plötzlich der Abend des 31. Oktober, Kinder klingeln an der Tür und rufen „Süßes oder Saures!“ und die Begleittexte zum Oktober-Mixtape sind immer noch nicht zur Hälfte fertig.
Aber ich mach das hier alles in meiner Freizeit und unbezahlt (Wenn Ihr meine Arbeit finanziell unterstützen wollt, könnt Ihr meinen Newsletter abonnieren und dafür Geld bezahlen!) und mir ist wichtiger, dass Ihr gute Musik hört, als dass ich mir da jetzt noch ein paar Dutzend Absätze aus den Fingern sauge, von denen ich gar nicht so genau weiß, ob Ihr sie überhaupt lest. *hust*
Jedenfalls: Hier sind 22 Songs, die ich diesen Monat gehört habe. Ich wünsche Euch viel Spaß damit!
Meet Me @ The Altar – You’ve Got A Friend In Me
Wer auch immer bei Disney auf die Idee gekommen ist, ein Album zu veröffentlichen, auf dem Pop-Punk-Bands einige der beliebtesten Songs aus den eigenen Animationsfilmen covern (ein*e Millennial, vermutlich), hat hoffentlich eine fette Gehaltserhöhung. Dabei sing New Found Glory, Simple Plan, Yellowcard, Plain White T’s, Bowling For Soup, Tokio Hotel (!), aber auch Meet Me @ The Altar, die jetzt seit ein paar Jahren zu meinen „neuen“ (also: nicht seit Jahrzehnten mit mir rumgeschleppten) Lieblingsbands gehören.
Die queer POC all-girl band aus Florida covert Randy Newmans „You’ve Got A Friend In Me“ aus „Toy Story“ und drückt damit bei mir sehr viele Knöpfe.
MJ Lenderman – She’s Leaving You
Manchmal gibt es ja so Namen und Alben, von denen man so oft in verschiedenen Zusammenhängen liest, dass man sie einfach hören muss: MJ Lendermans „Manning Fireworks“ ist so ein Album und es ist sogar sogar noch besser, als alle sagen. Die Songs klingen, als würde ich es schon mein halbes Leben kennen. Oder, anders: So, wie wenn The Get Up Kids und The Weakerthans sich vor 20, 25 Jahren in einer Scheune in Montana, in der zufällig noch ein paar Folk-Musiker sitzen, gegenseitig gecovert hätten. (MJ Lenderman wurde vor 25 Jahren geboren.)
„You can put your clothes back on / She’s leaving you“ ist kein ganz schlechter Anfang, es wird danach aber noch besser: Ein Song, der auch Ryan Adams gut zu Gesicht gestanden hätte, wenn wir noch Ryan Adams hören würden.
Rae Morris – Something Good
Wenn man sich die Nachrichten, die sogenannten Sozialen Medien und oft genug auch den eigenen Alltag anschaut, könnte sich der Eindruck verstärken, alles, aber auch wirklich alles, sei absolut furchtbar. Aber ist es nicht immer am Dunkelsten, kurz bevor die Sonne aufgeht?
Rae Morris, die als bisher einziger Act zwei Mal (2012 und 2018) meinen ganz persönlichen Song des Jahres veröffentlicht hat, hat das Gefühl, dass etwas Gutes passieren wird, und singt davon in diesem leicht zappeligen Elektropop-Song. Hoffen wir alle, dass sie recht hat.
Willie Nelson – Do You Realize??
Willie Nelson ist jetzt 91 Jahre alt, hat 101 Studioalben veröffentlicht, war neben Johnny Cash, Waylon Jennings und dem kürzlich verstorbenen Kris Kristofferson Mitglied der Highwaymen, und wird – trotz seines jahrzehntelangen Marihuana-Konsums – einfach nicht müde.
Jetzt hat er sich „Do You Realize??“ von The Flaming Lips vorgenommen, einen Song von ihrem 2002er Album „Yoshimi Battles The Pink Robots“, zu dessen Hintergrund es eine sehr schöne Folge „Song Exploder“ gibt und in dem die Band mit „You realize the sun doesn’t go down / It’s just an illusion caused by the world spinning round“ die Vorlage für Tomtes „Das ist nicht die Sonne, die untergeht / Sondern die Erde, die sich dreht“ („Die Schönheit der Chance“) lieferte.
Long story short: „Do You Realize??“ ist schon im Original ein wunderschöner Song und Willie Nelson arbeitet das Lob der zerbrechlichen Schönheit noch einmal ganz besonders heraus. Auch Wayne Coyne und Steven Drozd von The Flaming Lips sind sichtlich angetan.
Maggie Rogers – In The Living Room
Maggie Rogers hatte eigentlich erst im April ihr drittes Album „Don’t Forget Me“ veröffentlicht, jetzt gibt es schon wieder neue Musik: „In The Living Room“ klingt wie Aimee Mann — und das ist ja nun wirklich nicht das Schlechteste, was man über einen Song sagen kann.
Cecily – Rich
„Im Cecily. Im a young singer / songwriter in Nashville just trying to bring authentic lyrics and feel good melodies into moments that capture who l am and what I believe, while also creating space for you to find out what it means for you too.“ schreibt Cecily über sich selbst.
„Rich“ ist eine Folkballade, dessen Text erst von Sozialer Ungerechtigkeit handelt, dann von Privilegien, ehe sich alles zu einem hymnischen Liebeslied öffnet.
Anderthalb Jahre lang, über 36 Ausgaben, haben wir bei Spotify unsere kleine Musiksendung veröffentlicht, die genauso hieß wie dieses Blog hier: Coffee And TV. Dann hat der böse, ausbeuterische Tech-Konzern die Möglichkeit abgeschafft, eine solche … nun ja: Radiosendung im Internet zu produzieren.
Ich habe ein bisschen gebraucht, um zu überlegen, wie wir weitermachen, denn es gehört ja zu meinen tiefsten Überzeugungen, dass Schönheit geteilt gehört – und Ihr sollte ja weiter hören können, was ich gerade so höre. Die nächstgelegene Idee ist natürlich eine Playlist – vorerst erstmal weiter bei Spotify, weil der Absprung von so einem Streamingdienst ungefähr so kompliziert ist wie ein Umzug mit drei Kindern und fünf Haustieren ins Ausland, aber auch bei Tidal, wo ich gerade ein Probe-Abo abgeschlossen habe, und die Musik wirklich hundert Mal besser klingt (außerdem kriegen die Künstler*innen mehr Geld).
Und weil eine Befragung auf Instagram ergab, dass Ihr gerne nicht nur Songs hintereinander hören, sondern auch Informationen und Meinungen dazu lesen wollt, habe ich jetzt ca. zwei Arbeitstage damit zugebracht, diesen Blog-Eintrag hier zusammenzubauen. (Wenn Ihr meine Arbeit finanziell unterstützen wollt, könnt Ihr meinen Newsletter abonnieren und dafür Geld bezahlen!)
Also dann: Herzlich willkommen zum ersten CTV-Mixtape!
Manic Street Preachers – Decline & Fall
Ich bin jetzt seit fast 25 Jahren Fan der Manic Street Preachers; sie haben mich durch die Oberstufenzeit begleitet und politisiert. Ihr letztes richtig gutes Album ist jetzt auch schon vierzehn Jahre alt – und dann ballern die plötzlich so eine Single raus: eine Piano-Hook wie bei ABBA, Gitarren wie bei Guns ’n‘ Roses und eine Gesangsmelodie, die ungefähr so eingängig ist wie ein gelungenerer Schlager.
Der Text handelt davon, im Angesicht einer verfallenden Welt die kleinen Wunder zu feiern – vielleicht ein bisschen fatalistisch für eine Band, die die meiste Zeit ihrer Karriere die sozialistische Weltrevolution anzetteln wollte, aber in Zeiten, in denen sich so viele immer radikaler äußern, ist es auch auf eine Art radikal, das Gegenteil zu tun. Und wenn es darum geht, sich an den kleinen Dingen zu erfreuen, bin ich natürlich dabei! Der beste Song einer Band „von früher“ seit Jahren!
Ider – You Don’t Know How To Drive
Wir waren bei Coffee And TV schon große Fans von Ider, bevor das britische Elektropop-Duo überhaupt 2019 sein Debütalbum „Emotional Education“ veröffentlicht hatte. Der Bildspender für den Titel dieser Single ist die männliche Unfähigkeit, sich im Straßenverkehr zu orientieren, aber immer gute Ratschläge zu geben – und das ist nur die erste Strophe, denn die burns werden danach noch viel, viel gemeiner.
„I wanna throw your shit in the middle of the street / Really make a big scene and burn your red SG / Delete the files of your solo EP, yeah no ones gonna hear it now“, singen Megan Markwick und Lily Somerville im Refrain und vielleicht muss man ein paar Musiker im Bekanntenkreis haben, um die Tiefe und Schärfe dieser Zeilen voll würdigen zu können, aber lasst es mich so sagen: Das hier ist die nukleare Option – aber sehr, sehr lustig!
Ider haben gerade ihr drittes Album „Late To The World“ angekündigt, das am 21. Februar 2025 erscheinen soll. Ende März spielen sie in Hamburg, Berlin und Köln.
Christian Lee Hutson – After Hours
Seit dem Release Anfang Juli liege ich meiner gesamten peer group in den Ohren, dass sie sich bitte, unbedingt, keine Zeit zu Warten, diesen Song anhören sollen. Nein: müssen!
„After Hours“ klingt, als würde ich es seit 25 Jahren kennen, aber ich kann nicht genau sagen, an was mich Stimme und Musik erinnern: Nick Drake? Nein. The Weakerthans? Auch nicht. Vor allem war Christian Lee Hutson vor 25 Jahren gerade acht und hat (hoffentlich, denn das Wort „fuck“ kommt auch drin vor) noch nicht solche Songs geschrieben. Refrains gibt’s keine, dafür Strophen, die sich frei assoziativ von Spätis im Himmel über die Schauspielerin Catherine O’Hara bis zur Feststellung „The good stuff is behind a paywall“. Das Album „Paradise Pop. 10“ erscheint am 27. September und ich bin sehr gespannt!
Anna Erhard – Not Rick
Stellt Euch einen jungen, weiblichen Werner Herzog vor, der einen cleveren, aber nicht zu cleveren Text rezitiert, in dem es unter anderem um den legendären Musikproduzenten Rick Rubin geht, während im Hintergrund die Band Cake ein Mashup von Becks besten Songs, die nicht „Loser“ heißen, spielt. Okay, ich bin nicht hilfreich.
Ihr müsst mir einfach glauben, dass dieser Song von Anna Erhard, die in der Schweiz aufgewachsen ist und jetzt in Berlin lebt, einige der besten Indierock-Trends der letzten vier Jahrzehnte enthält. Oder besser: es hören!
Pete Yorn – Real Good Love
Pete Yorn war der Soundtrack der letzten Monate vor meinem Abi — und zwar gleich doppelt: zum einen war er in den Jahren 2000 bis 2002 auf gefühlt jedem zweiten Soundtrack-Album von „Dawson‘s Creek“ bis „Spider-Man“ dabei (so versuchten Major-Labels damals, ihre Acts groß zu machen), zum anderen war sein Debüt-Album „Musicforthemorningafter“ damals ein treuer Begleiter.
Es wurde keine enge, dauerhafte Beziehung (sein gemeinsames Album mit Scarlett Johansson hab ich bis heute nie gehört), aber wenn er neue Musik veröffentlicht, höre ich immer wieder gerne rein. (Und im Gegensatz zu Ryan Adams, dem anderen großen liebestrunkenen Troubadour jener Tage, hat er sich, soweit ich weiß, nichts zu Schulden kommen lassen.) Sein neues Album „The Hard Way“ ist kein Meisterwerk, über das man in zehn Jahren noch begeistert sprechen wird, aber es kann die Zeit zwischen „Nicht mehr Sommer“ und „Noch nicht Herbst“ untermalen wie eine akustische Übergangsjacke. Und so eine solide Freundschaft ist doch auch viel wert!
PRONOUN – In The Still
Vielleicht gar nicht so doof, das eigene Musikprojekt nach der vielleicht polarisierendsten Wortgattung aller Zeiten zu benennen. Alyse Vellturo beschreibt sich selbst als „Brooklyn-based indie label manager by day, bedroom artist by night“ und „In The Still“ ist mein Erstkontakt mit ihrem Schaffen.
Wenn Jimmy Eat World und The Pains Of Being Pure At Heart eine gemeinsame Tochter hätten und die dann mit ihren Freundinnen von britischen 80er-Jahre-Bands (und zwar nicht Pet Shop Boys oder Wham!, sondern The Cure und New Order) inspirierte Musik machen würde, dann könnte das Ergebnis so klingen.
Japandroids – Chicago
Für alle, die immer schon Bruce Springsteen und Hüsker Dü geliebt haben, gibt es das kanadische Duo Japandroids. Ihr zweites Album „Celebration Rock“ aus dem Jahr 2012 ist eines der am passendsten betitelten Alben aller Zeiten und bevor ich für „Lucky & Fred“ oder meine kleine ESC-Show auf die Bühne gegangen bin, hab ich immer ihren Songs „Fire’s Highway“ gehört, um angemessen pumped für einen Abend vor Live-Publikum zu sein.
Nach sieben Jahren Pause haben sie im Juli für Oktober ihr viertes Album „Fate & Alcohol“ angekündigt, das gleichzeitig ihr letztes sein soll. Wenn man sich bei einer Band keine Sorgen machen muss, dass sie mit einem Knall gehen werden, dann bei Japandroids. Sorry, baby, we call it like we see it in Chicago!
Suzan Köcher’s Suprafon – Living In A Bad Place
Bringen wir‘s kurz hinter uns: Ja, das ist die Band, während deren Auftritt der Attentäter auf dem Solinger Stadtfest seine furchtbare Tat beging. Das war natürlich ein grausamer Zufall und die denkbar beschissenste Art, um Gegenstand nationaler Berichterstattung zu werden, von daher freut es mich sehr, dass die Vier schon eine Woche später die Kraft hatten, wieder auf einer Bühne zu stehen und zu bestehen.
„Living In A Bad Place“ ist ein groovender Americana-Stampfer, der an die späten Cardigans oder Brandi Carlisle erinnert, aber gleichzeitig auch eindeutig Suzan Köcher’s Suprafon ist (wie schon in Sendung Nr. 35 zu hören). Im Oktober erscheint das Album „In These Dying Times“ und das mag jetzt zynisch klingen, aber: Wenn diese ganze Scheiße dazu führt, dass jetzt ein paar mehr Menschen eine gute Band kennen und hören, ist das allemal besser, als wenn deswegen Grenzen geschlossen und Menschenrechte geschliffen werden. (Das war jetzt politisch. Blame the Manic Street Preachers!)
The Killers – Bright Lights
Wenn ich alle Fakten zusammentrage, sind The Killers vermutlich meine Lieblingsband unter all jenen, die noch aktiv sind. Ich denk da nur auch nicht immer dran.
Und dann kam Anfang August eine neue Single raus und ich hab sie mir extra aufgehoben, um sie abends, bei Sonnenuntergang auf unserem Campingplatz, zum ersten Mal zu hören. Es ist natürlich kein „Mr. Brightside“ oder „When You Were Young“, es ist nichtmal ein „Caution“ (obwohl es erstaunlich danach klingt). Es ist nur ein Lebenszeichen einer Band, die es auch nach 20 Jahren noch schafft, mir mit jedem neuen Album eine kleine Freude zu bereiten — und das ist doch auch viel wert!
Bess Atwell – Where I Left Us
Ich merke, dass ich immer weniger Alben höre – gerade, weil ich so ungern Alben anmache, wenn ich weiß, dass ich sie nicht komplett hören kann. Wenn ich 20 bis 30 Minuten brauche, bis das Abendessen fertig ist, reicht das nicht – gerade, wenn ich erstmal zehn Minuten brauche, um überhaupt Musik auszusuchen, während das Nudelwasser schon kocht. Deshalb habe ich Bess Atwells drittes Album „Light Sleeper“ auch noch nicht gehört (auch nicht die zwei davor), obwohl es von Aaron Dessner von The National produziert wurde, der seit Taylor Swifts „Folklore“ ja der Mann ist, der melancholisch-schwelgende Popsongs junger Frauen den letzten Grobschliff gibt.
„Where I Left Us“ ist da aber auch gar nicht drauf, sondern Teil neuen Materials, das die Engländerin aktuell veröffentlicht. Wenn all ihre Songs so eine herbstliche Kuscheldecken-Fluffigkeit haben, muss ich aber wirklich mal in ihre Alben reinhören!
The Deadnotes – Reservoir
Ich vertraue meinen Buddies vom Grand Hotel van Cleef ja erstmal blind – ein Vertrauen, das sie sich vor zwei Jahrzehnten mit kettcar, Tomte, Marr und Death Cab For Cutie eher leichtfüßig erarbeitet haben (war natürlich trotzdem eine Menge Energie und Geld, die in solche Releases gegangen ist), das durch gemeinsame Kilians-Zeiten noch enger wurde und das sie in den letzten Jahren mit Veröffentlichungen von Pale, Mariyaka, Fjørt und Arxx weiter gestützt haben.
Wenn meine Buddies also eine Band signen, die schon zwei Alben in Eigenregie veröffentlicht hat, dann höre ich mir das natürlich aufmerksam an: „Reservoir“ ist ein Hauch The Killers, Nightmare Of You und Hellogoodbye, also Rockmusik mit Synthesizern – und das Grand Hotel van Cleef hat mal wieder recht gehabt.
Alex The Astronaut – Cold Pizza
„I Think You’re Great“ von Alex The Astronaut war einer der ersten Songs, die ich gehört habe, nachdem im März 2020 der erste Covid-Lockdown ausgerufen worden war – und es sollte mein Song eines sehr, sehr speziellen Jahres werden.
Ich weiß nicht viel über Alex The Astronaut und habe auch nicht viele ihrer anderen Songs gehört. Aber wenn man einen Song nach dem besten Essen der Welt benennt, kann das alles schon mal nicht so falsch sein – und tatsächlich ist „Cold Pizza“ ein charmanter kleiner Indierock-Schunkler.
Clipping – Run It
Daveed Diggs kennt Ihr alle als Marquis de Lafayette und Thomas Jefferson aus „Hamilton“ (Ihr kennt „Hamilton“ nicht? Oh. Ändert das! Sofort!) Er ist aber auch Mitglied der experimentellen Hip-Hop-Band Clipping, über die ich nicht viel mehr weiß, als dass Daveed Diggs dort Mitglied ist und sie eine zeitlang mal für das Haldern Pop Festival 2023 angekündigt waren, bis sie wieder aus dem Line-Up verschwanden.
Jetzt habe ich zum ersten Mal einen Song von Clipping gehört und ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob ich mich inzwischen wieder vollständig davon erholt habe, aber „Run It“ ist schon ein beeindruckender Track, der ein bisschen klingt, als wäre man mit dem Geräusch im Kopf aufgewacht, das ein 56k-Modem beim Einwählen macht.
Joy Oladokun – I‘ Miss The Birds
Wenn ich noch so was küren würde wie ein Album des Jahres, wäre es letztes Jahr „Proof Of Life“ von Joy Oladokun gewesen, wie ich in unserer 2023-Sendung schon erzählt habe. Seitdem hat sie in regelmäßigen Abständen neue Songs veröffentlicht, die allesamt wunderbar sind.
In „I’d Miss The Birds“ singt sie davon, dass sie Nashville, die Hauptstadt der amerikanischen Musikindustrie, verlassen und aufs Land ziehen will. Zwar würde sie die Vögel vermissen, für die die Stadt auch berühmt ist, aber selbst die Vögel wüssten ja, wann es Zeit ist zu gehen.
„I’d Miss The Birds“ wird auf „Observations From A Crowded Room“ enthalten sein, Joy Oladokuns fünftem Album, das sie selbst produziert hat und das am 18. Oktober erscheinen soll.
New Radicals – Lost Stars
„You Get What You Give“ von New Radicals ist ein Song, der mein Leben in ein „Davor“ und „Danach“ teilt. Zum ersten Mal seit meiner eher kindlichen Die-Prinzen-Phase war ich Fan einer Band — die sich wenige Wochen, nachdem ich ihr Album gekauft hatte, auflöste. Ihr Sänger Gregg Alexander hat seitdem zahlreiche Hits für andere Acts geschrieben (die ich, inkl. Demos, alle auf meiner Festplatte habe), aber die Band tauchte erst zur Amtseinführung von Joe Biden ganz überraschend wieder in der Öffentlichkeit auf.
Jetzt gibt es zum ersten Mal seit 25 Jahren neue Songs — wobei „neu“ dabei ein bisschen umgedeutet werden muss, denn es handelt sich um die eigenen New-Radicals-Versionen von „Murder On The Dancefloor“ (bekannt geworden durch Sophie Ellis-Bextor) und „Lost Stars“ (aus dem Film „Begin Again“). Gregg Alexander hat in einem offenen Brief an Kamala Harris’ Ehemann Doug Emhoff, der offenbar ein ebenso großer Fan der Band ist wie ich, erklärt, dass es sich nicht um ein „Comeback“ handle, sondern um einen Versuch, die Demokraten im Wahlkampf zu unterstützen. Das verleiht diesen vielleicht etwas obskuren Songs eine Aura von gesellschaftlicher Bedeutung und Hoffnung und macht mich noch glücklicher, sie hören zu dürfen. Ich habe sogar zum ersten Mal seit neun Jahren einen Song im iTunes Store gekauft!
Briskeby – The First Time
Weiter geht’s mit „Opa erzählt vom Frieden“! Briskeby waren die erste Vorband, die ich jemals bei einem Konzert gesehen habe: Im Herbst 2000 im Vorprogramm von a‑ha in der Arena Oberhausen und ich war sofort schwer verknallt in ihre Sängerin Lise Karlsnes. Der Zufall will es, dass ich ein paar Monate später meine allererste Musikrezensionjemals für plattentests.de über „Jeans For Onassis“, das Debütalbum der Band, geschrieben habe – das Album hatte also immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen und ich habe meinen Text nur deshalb verlinkt, denn es ist grauenhaftes Gewäsch von einem Teenager, der noch weit davon entfernt war, seine Stimme gefunden zu haben, nicht besser gemacht von einer Redaktion, die auf knackige Überschriften und Oneliner aus war, und können wir bitte überhaupt ganz grundsätzlich mal aufhören, Kunst irgendwie auf einer Skala („5/10“) quantifizieren zu wollen?!
Briskeby, jedenfalls, haben danach weiter Musik gemacht, die komplett an mir vorbeiging: Ihr letztes Album ist aus dem Jahr 2005, was fast 20 Jahre her ist, die letzte Single von 2015. Und jetzt sind sie wieder da, mit einem Song, der „Like The First Time“ heißt und auch so klingt: Es ist exakt der gleiche groovende, leicht angerockte skandinavische Elektropop zwischen Cardigans und Annie – und was ist so falsch daran?! Ich bin jetzt in einem Alter, wo ich zwar immer noch Wert darauf lege, Chappell Roan, Charli XCX und Sabrina Carpenter grob zu kennen (und: Mein Gott, ist „Espresso“ ein Meisterwerk!), aber ich überlasse ihre Musik gerne den jungen Leuten, denn die haben ja sonst – Hashtag Klimakrise, Hashtag Rentenkasse, Hashtag Austeritätspolitik – sonst gar nichts.
Bon Iver – Speyside
Und plötzlich war da noch ein neuer Song von Bon Iver: Nur Justin Vernon und seine Gitarre, wie damals in der legendären Waldhütte, als er „For Emma, Forever Ago“ aufnahm (was auch schon wieder ewig her ist). Die ganzen Elektrospielereien der letzten Alben: verschwunden; das Duett mit Taylor Swift: woanders (aber tief in unseren Herzen); die einzige weitere Zutat nur die Bratsche von Rob Moose, die dem ganzen den Anstrich von weiter, amerikanischer Landschaft verleiht.
Am 18. Oktober wird „Sable“, eine EP mit „Speyside“ und zwei weiteren Songs erscheinen. Dann wissen wir, ob Bon Iver full circle gegangen sind. Solange reicht aber auch die Schönheit dieses Songs.
Wenn Ihr meine Arbeit finanziell unterstützen wollt, könnt Ihr meinen Newsletter abonnieren und dafür Geld bezahlen!
Im Jahr 1999 erschienen jede Menge Alben, die für unsere Autor*innen prägend waren. Zu ihrem 25. Jubiläum wollen wir sie der Reihe nach vorstellen.
Dafür, dass ich in den 1990er Jahren in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen bin, fehlt ein wichtiges, eigentlich natürliches, Puzzleteil in meiner Popkultur-Sozialisation: Deutschpunk. Zwischen der ZDF-Hitparaden-Welt meiner Großeltern und dem WDR-2-Pop-Internationalismus meiner Eltern (plus BAP und Grönemeyer) war kein Platz vorgesehen für Fehlfarben, EA 80 oder Wohlstandskinder und auch nicht für WIZO, Dackelblut oder Die Goldenen Zitronen. Natürlich fanden Die Toten Hosen und Die Ärzte im Musikfernsehen und im Radio statt, aber beide Bands haben mich bis heute nie interessieren können (um das mal diplomatisch auszudrücken). Ich meine: Ich lebe seit 20 Jahren in Bochum und hab diesen Sommer zum ersten Mal Die Kassierer live gesehen!
Insofern waren mir auch …But Alive kein Begriff, als im Spätsommer/Herbst 2002 plötzlich alle über kettcar sprachen. Deren Sänger, so lernte ich, hieß Marcus Wiebusch und hatte zuvor bei eben jenen …But Alive und bei Rantanplan gesungen. Und weil kettcar für mich mit „Du und wieviel von Deinen Freunden“ ein Tor in eine neue Welt aufgestoßen hatten (die zu einer jahrzehntelangen Freundschaft zu ihnen, Thees Uhlmann und ihrem Label Grand Hotel van Cleef führen sollte), es aber noch nicht mehr als dieses Debütalbum gab, brauchte ich ein Jahr später Methadon.
„Hallo Endorphin“ war das vierte und letzte Album von …But Alive gewesen und in gewisser Weise das Bindeglied zu kettcar: Musikalisch und textlich schon recht weit von dem eher klassischen Punkrock entfernt, mit dem die Band angefangen hatte. Zwar ging es in manchen Texten immer noch gegen alles, vor allem gegen gleichaltrige Spießer, Pop-Akademiker und Lifestyle-Linke, aber anderes war weniger konkret ausformuliert. Themen wie Selbstermächtigung schauten genauso vorbei wie Trennungen. Über „Entlassen (Vor der Winterpause)“ und „Erinnert sich jemand an Kalle ‚del Haye“, in denen Marcus Fußball als Bildspender für eine gescheiterte Beziehung und entfremdete Freundschaften habe ich ein paar Jahre später in meinem Germanistik-Studium eine ganze Hausarbeit geschrieben.
Hatte das kettcar-Debüt meinen Stehsatz für Liedzitate, die ich im Alltag und in eigenen Texten unterbringen konnte, eigentlich schon bis unter das Dach gefüllt, erwies sich „Hallo Endorphin“ (allein der Albumtitel!) als weiterer Steinbruch für Referenzen. Schon der Song „Beste Waffe“ hat mich auf Jahre mit Formulierungen für Internetforen und ähnliche Orte versorgt: „Und da steht Thomas Helmer – oh nee, doch nicht, sah nur so aus“, „Klar kannst Du Dich mal melden, halt nur nicht bei mir“, „Musikgeschmack wird überbewertet“.
Weil ich mir die …But Alive-Diskografie umgekehrt chronologisch erschlossen habe, blieb „Hallo Endorphin“ immer das Album dazwischen: Der Drumcomputer-Anfang von „Vergiss den Quatsch“ nimmt „Deiche“ vorweg, ein kurzes Gitarrensolo in „Friedlich“ und eine Keyboard-Melodie in „Entlassen (Vor der Winterpause)“ täuschen schon mal die spätere „Landungsbrücken raus“-Hook an. Den Sprechgesang würde Marcus erst auf den späteren kettcar-Alben wieder auspacken, dafür bekommt man bei „Selbstmitleid sells“ noch mal Uptempo-Punkrock und bei „Weniger als 5 Sekunden“ etwas, was man eigentlich nur als Nu-Metal-Energie beschreiben kann – was ja 1999 noch nicht so lachhaft war wie zwei, drei Jahre später.
Wenn ich recht überlege, knallten kettcar und Tomte in ein sehr kurzes Zeitfenster, in dem ich mich überhaupt für deutschsprachige Musik interessieren und erwärmen konnte: Was mit Tom Liwas „St. Amour“ und ein bisschen Nachhol-Programm von Tocotronic und Die Sterne im Jahr 2000 begann, endete eigentlich schon wieder 2005 mit dem zweiten Wir-Sind-Helden-Album. Dass es Marcus Wiebusch mit kettcar geschafft hat, auch 2024 mit „Gute Laune ungerecht verteilt“ ein Album zu veröffentlichen, das zu meinen Highlights des Jahres zählt, und sich die Band seit 2017 eigentlich permanent selbst übertrifft, kann ich ihnen also gar nicht hoch genug anrechnen. Neun und zehn und raus!
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