Kategorien
Musik Politik

US-Bands auf Harte-Tour

Krieg sei Gottes Weg, den Amerikanern Geographie beizubringen, hat Jon Stewart mal in der „Daily Show“ gesagt. Dass es nicht genug wäre, die Lage und Umrisse irgendwelcher Länder auf einer Weltkarte wiederzufinden, müssen gerade einige US-Bands lernen. Wie das dann halt so oft der Fall ist: auf die harte Tour.

Die von mir immer noch sehr verehrten Killers haben am Dienstagabend in Batumi an der georgischen Schwarzmeerküste gespielt. Wie es Bands manchmal tun, holten sie für den Song „For Reasons Unknown“ einen Fan auf die Bühne, der bei dem Lied Schlagzeug spielen sollte. Sänger Brandon Flowers hatte wohl eine gewisse Vorahnung, als er ins Mikrofon sprach: „We don’t know the etiquette of this land but this guy’s a Russian. You OK with a Russian coming up here?“

[Video bei Twitter anschauen.]

Man könnte es als nahezu klassische amerikanische Unbedarftheit beschreiben, in einem Land, das zu 20 Prozent von Russland besetzt ist, mit der Verve eines Ferienclub-Animateurs zu fragen, ob es okay sei, einem Staatsbürger der Besatzungsmacht eine buchstäbliche Bühne zu bieten.

Offenbar nach dem Auftritt des Russen versuchte sich Flowers an einem völkerverbindenden Appell, indem er das Publikum fragte, ob es den Mann nicht als seinen „Bruder“ akzeptieren könne, und mit einer Mischung aus ca. zwei Drittel Unverständnis und einem Drittel Benzin nachhakte: „We all separate on the borders of our countries? Am I not your brother, being from America?”

Ein weiteres Video bei Twitter zeigt recht beeindruckend, wie die Stimmung in der Arena hin und her kippt.

Das Publikum verließ offenbar in größeren Teilen die Black Sea Arena, die Band spielte das Konzert aber zu Ende — wobei sich die durch „For Reasons Unknown“ schon anmoderierte Ironie in den folgenden Titeln „Runaway Horses“ und „Runaways“ endgültig Raum brach.

Nun kann man natürlich darüber diskutieren, ob es in Ordnung ist, einen Mann auszubuhen, von dem man außer seiner Staatsbürgerschaft nichts weiß — dies aus dem wohl temperierten, ungefährdeten Wohnzimmer in Deutschland oder den USA zu tun, wäre aber wohlfeil. Als die russische Sängerin Polina Gagarina 2015 beim ESC in Wien ausgebuht wurde, als ob sie persönlich im Jahr zuvor die Krim annektiert hätte, konnte man das mit einiger Begründung ungerecht finden — aber eigentlich auch nur, weil es in Österreich geschah und nicht in der Ukraine oder in Georgien.

Dass er mit seinem theoretisch vorbildlich humanistischen „Sind wir nicht alle Brüder und Schwestern?!“-Vortrag in einem teilweise besetzten Land praktisch leider die intellektuelle Flughöhe von „Jetzt stimmt doch endlich Friedensverhandlungen zu!“-Appellen von einigen deutschen Kulturszenefiguren, AfD-Mitgliedern und Sahra Wagenknechts an die Adresse der Ukraine (also: unterhalb des Radars des Faktischen) gestreift hatte, ist Flowers immerhin schnell aufgefallen. Am Mittwoch veröffentlichte die Band ein Statement auf Twitter (oder wie der Bums jetzt heißt), in dem die Band ihr Bedauern ausdrückte:

The Killers bei Twitter: Good people of Georgia, it was never our intention to offend anyone! We have a longstanding tradition of inviting people to play drums and it seemed from the stage that the initial response from the crowd indicated that they were okay with tonight

(Bonuspunkte für die sonst bei öffentlichen Abbitten eher selten anzutreffende Gabe, einerseits auf fehlende Absicht zu verweisen, sich andererseits aber trotzdem zu entschuldigen — und zwar ohne einen blöden Zusatz wie „sollte sich jemand betroffen fühlen“!)

Den Lernprozess noch vor sich haben Imagine Dragons, die lustigerweise wie die Killers aus Las Vegas, Nevada kommen, angeblich ähnliche Musik machen, für mich aber eine der schlimmsten Bands der Welt sind. Ihre Musik soll hier aber keine Rolle spielen, denn sie haben ganz anderen Ärger an der Backe: Serj Tankian, Sänger der armenischstämmigen amerikanischen Rockband System Of A Down, hat sie öffentlich aufgefordert, ihr für September geplantes Konzert in der aserbaidschanischen Haupstadt Baku abzusagen.

Tankian, der auch schreibt, die Band zunächst direkt kontaktiert zu haben (auch hier: Bonuspunkte für anständiges Verhalten!), führt in seinem Facebook-Post aus, dass Aserbaidschan (genauer: das „petro-oligarchic dictatorial regime“ des Landes, eine rundherum angemessene Formulierung) im Gebiet Nagorny Karabach, dessen Zugehörigkeit zu wahlweise Armenien oder Aserbaidschan seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten umstritten ist, gerade einen Völkermord an den dort lebenden Armenier*innen verübe: Die Menschen sollen systematisch und buchstäblich ausgehungert werden; seit Juli darf nicht mal mehr das Rote Kreuz zur humanitären Hilfe in die Region (mehr zu der aktuellen Lage hier). Dabei verweist Tankian auch auf eine Online-Petition, die die Band zum Umdenken bewegen soll.

Auch hier könnte man jetzt über das Für und Wider einer solchen Petition sprechen: Man könnte sich auf die Position zurückziehen: „Don’t mix pop with politics“. Man könnte auf Bruce Springsteen in Ost-Berlin verweisen oder westliche Rockbands, die in den 1980er Jahren in der Sowjetunion gespielt haben. Aber auch hier wäre das einzig passende Adjektiv wieder: „wohlfeil“. Alles, wirklich alles, was an öffentlichkeitswirksamen Ereignissen in Aserbaidschan geschieht, kommt dem Regime um Machthaber Ilham Alijev zugute — jedes Konzert von Rihanna oder Shakira, jedes Autorennen, jedes international bedeutsame Fußballspiel, jede sonstige Sportveranstaltung. Und natürlich auch ein wohlwollender Empfang beim deutschen Bundeskanzler.

Aserbaidschan, 2012

Ich war vor elf Jahren in Baku, als die Lage im Land schon sehr, sehr schlimm war — und alle, die sich mit der Situation dort auskennen, sagen, dass alles seitdem noch viel, viel schlimmer geworden ist. Es tut mir leid für die Menschen im Land, die ich als wahnsinnig gastfreundlich und stolz erlebt habe, und ich wünsche ihnen alle Kraft, um die Verhältnisse in ihrem Land zu ändern (and the choir goes: „wohl-feil!“), aber angesichts des Elends der Armenier*innen in Nagorny Karabach scheint mir der Verzicht auf ein Rockkonzert mehr als akzeptabel. Und Imagine Dragons könnten ihre Popularität nutzen, um auf die Missstände im Land aufmerksam zu machen.

Kategorien
Musik

Neue Musik von Carly Rae Jepsen, K’Naan, Sampha und Deine Freunde

In der Sommerpause hat sich ganz schön was angestaut, deswegen zeigt Euch Lukas nicht seine Mückenstiche, sondern er spielt Euch tolle neue Songs. Es gibt überraschende Comebacks von K’Naan, Corinne Bailey Rae, Leona Naess und Sampha, Powerpop von Carly Rae Jepsen und Georgia und ein schön-trauriges Kinderlied von Deine Freunde.

Hier klicken, um den Inhalt von Spotify anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von Spotify.

Alle Songs:

  • Carly Rae Jepsen – Psychedelic Switch
  • K’Naan – Refugee
  • Corinne Bailey Rae – New York Transit Queen
  • Joy Oladokun – Changes
  • Leona Naess – Basement
  • Sampha – Spirit 2.0
  • Georgia – All Night
  • Deine Freunde – Schon bist Du in der Pubertät

Shownotes:

Kategorien
Musik

Sommer-Songs

Die Sommerferien in NRW sind vorbei, ohne dass man vom Sommer sonderlich viel gemerkt hätte. Aber wir hatten vor der Sommerpause eine Sommer-Folge versprochen, also: Hier sind wir!

Lukas spielt ein paar persönliche Sommer-Favoriten und Eure ganz persönlichen Sommer-Hits. Von Die Ärzte bis zu diesem schlimmen Lied aus der Eiscreme-Reklame.

Hier klicken, um den Inhalt von Spotify anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von Spotify.

Alle Songs:

  • A – Pacific Ocean Blue
  • Die Ärzte – Himmelblau
  • kettcar – Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun) – Live
  • Funkstar De Luxe – Sun Is Shining
  • Beagle Music Ltd. – Like Ice In The Sunshine
  • Air – New Star In The Sky
  • Stephen Sanchez – Until I Found You
  • Jacqui Naylor – Summertime

Show Notes:

Kategorien
Musik

this is me trying — to get a ticket

Es ist ein ruhiger Dienstagabend. Ich schmeiße meine Playstation an und lege mich aufs Bett, um eine Runde „Life Is Strange: Before the Storm“ zu spielen. Mit der Ruhe soll es aber schon bald vorbei sein, denn ich öffne aus Gewohnheit mal wieder meine Instagram-App. Ein neuer Beitrag von Taylor Swift. Ist das wieder Werbung für Merch? Ich will schon die Augen verdrehen, doch dann schaue ich noch einmal genauer hin. Das kann doch nicht…Moment mal…WAS? Immer wieder zoome ich rein und raus und kann kaum glauben, was ich da vor mir sehe. Madrid, Stockholm, Liverpool, Zürich, London? Sind das etwa die europäischen Tourdaten für die „The Eras Tour“? Ja, das sind sie! Endlich. Seit Wochen haben die europäischen „Swifties“ spekuliert, wann es denn endlich so weit sein könnte – und jetzt ist der große Moment endlich gekommen. Natürlich verbreitet sich die frohe Botschaft wie ein Lauffeuer und so trudeln bei mir im Sekundentakt Nachrichten von Freundinnen ein, die genauso begeistert sind wie ich. Lange mussten wir auf die Daten warten, aber jetzt haben wir immerhin Gewissheit. Auch nach Deutschland wird es sie im Rahmen ihrer Europa-Tour verschlagen. Insgesamt sind hierzulande drei Konzerte geplant. Eines in Hamburg, eines in München und eines in Gelsenkirchen. Letztere Stadt ist vielen Fans ein Rätsel, die meisten wissen vermutlich nicht einmal, wo sie liegt. Taylor Swift jetzt aber schon.

Die Freude über die Ankündigung hielt leider nicht lang, denn um an ein Ticket zu kommen, mussten wir uns zunächst einmal registrieren, um einige Tage später EVENTUELL einen Presale-Code zu erhalten. Selbstverständlich brachen die Server zusammen, ähnlich wie mein Nervenkostüm. Nach knapp einer halben Stunde Wartezeit war die Registrierung erfolgreich. Jetzt heißt es: warten und beten. Doch von Tag zu Tag und mit jeder neuen Info zum Vorverkauf schwindet die Hoffnung auf eines der heißbegehrten Tickets, Gerüchten zufolge sollen sich allein für den Vorverkauf für das Konzert in Madrid über eine Million Menschen registriert haben. Puh.

Kein Wunder, schließlich mussten die Fans der Sängerin sehr, sehr lange auf diese Ankündigung warten. Nachdem die für 2020 geplante Tour, „Lover Fest“, pandemiebedingt abgesagt werden musste, war es nur eine Frage der Zeit, wann Taylor Swift die nächste Tour ankündigen würde. Spätestens nach der Veröffentlichung ihres zehnten Studioalbums „Midnights“ brannte es den Fans unter den Nägeln. Für das Album, das sie unter anderem mit Jack Antonoff geschrieben und produziert hat, erhielt Swift viel Lob. Hervorgehoben wurden von den Musikkritikerinnen und -kritikern besonders das Songwriting und die gesangliche Performance. Ich persönlich finde „Folklore“ und „Evermore“ ein wenig gelungener, doch muss ich zugeben, dass das Lied „The Great War“, das Taylor gemeinsam mit Aaron Dessner geschrieben und produziert hat und das ursprünglich nur auf der „3am Edition“ des Albums enthalten war, mittlerweile mein absolutes Lieblingslied aus ihrer Diskografie ist.

Im März startete sie mit dem neuen Album im Gepäck bereits in den US-Teil der großen Stadiontour, mit der sie 2024 dann auch endlich nach Europa kommt. Bisher durfte ich mir – dank einiger sehr hingebungsvoller Fans, die die Konzerte regelmäßig im Livestream übertragen oder sogenannte Edits daraus basteln – die Konzerte häppchenweise bei TikTok anschauen und einen kleinen Vorgeschmack davon erhaschen, was uns 2024 erwartet. So viel kann ich schon mal verraten: Es wird richtig geil.

Wenn ich denn an ein Ticket kommen kann. Und wenn es nicht viel zu teuer ist. Wenn ich mich daran zurückerinnere, wie der Ticketverkauf in den USA eskaliert ist, habe ich dann doch ein wenig Angst um meinen Geldbeutel. Mehrere Hundert Dollar mussten Fans zum Teil für ihr Ticket zahlen, viele Tickets wurden sogar für fünfstellige Beträge im Internet angeboten. So schlimm wird es hier dann hoffentlich nicht, ansonsten muss ich all mein Hab und Gut verkaufen.

Kategorien
Musik

Neue Musik von Shawn Mendes, Aisha Badru, Janelle Monáe, Swiss & Die Andern, Semisonic

Bevor wir zu den erfreulichen Erscheinungen der Popkultur kommen können, möchte Lukas über den stinkenden Elefantenkadaver im Raum sprechen: die Vorwürfe gegen Till Lindemann von Rammstein.

Irgendwie bekommen wir danach die Kurve und hören einen apokalyptischen Schlager von Shawn Mendes und viele weitere neue Musik.

Hier klicken, um den Inhalt von Spotify anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von Spotify.

Alle Songs:

  • Shawn Mendes – What The Hell Are We Dying For?
  • Janelle Monáe – Lipstick Lover
  • Cold War Kids – Double Life
  • Art School Girlfriend – Heaven Hanging Low
  • Swiss & Die Andern – Urlaub bei Omi
  • Miya Folick – Shortstop
  • Aisha Badru – Inside
  • Semisonic – Little Bit Of Sun

Shownotes:

Kategorien
Musik

Neue Alben von Foo Fighters, Ben Folds, Noel Gallagher’s High Flying Birds, neue Songs von Victoria Canal, Demi Lovato

So viele tolle neue Alben von persönlich bedeutsamen Acts hat man selten an einem Tag: Am 2. Juni erschienen „But Here We Are“ von den Foo Fighters, „What Matters Most“ von Ben Folds und „Council Skies“ von Noel Gallagher’s High Flying Birds. Und dann war da auch noch „Lucky For You“ von Bully.

Dazu kommen weitere neue Songs von Victoria Canal, Annie Taylor und das ca. fünftausendste Cover von Neil Youngs „Heart Of Gold“ — hier mit Bon Iver.

Hier klicken, um den Inhalt von Spotify anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von Spotify.

Alle Songs:

  • Foo Fighters – Beyond Me
  • Ben Folds – Kristine From The 7th Grade
  • Noel Gallagher’s High Flying Birds – We’re Gonna Get There In The End
  • Bully – All I Do
  • Victoria Canal – Shape
  • Annie Taylor – Ride High
  • Demi Lovato – Cool For The Summer (Rock Version)
  • Ilsey feat. Bon Iver – Heart Of Gold

Shownotes:

Kategorien
Musik

Neue Musik von Anna Tivel, Matchbox Twenty und Crucchi Gang, In Memoriam Tina Turner

Tina Turner ist vergangene Woche im Alter von 83 Jahren gestorben — eine traurige Nachricht, auf die Lukas in der heutigen Sendung natürlich eingeht. Vorher gibt es aber noch neue Songs von The Lemon Twigs, Anna Tivel und Bleach Lab, Italo-Pop mit Tocotronic, einen Quasi-ESC-Song und eine Autoscooter-Hymne.

Hier klicken, um den Inhalt von Spotify anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von Spotify.

Alle Songs:

  • The Lemon Twigs – Any Time Of Day
  • Anna Tivel – The Good Fight
  • Crucchi Gang feat. Tocotronic – In dubbio per il dubbio
  • Bleach Lab – Counting Empties
  • Matchbox Twenty – Don’t Get Me Wrong
  • Perfectly Human – Bad As
  • The Beach Boys – Fun, Fun, Fun (Steve Aoki Remix)
  • Tina Turner – The Best

Shownotes:

Kategorien
Leben Musik

In memoriam Tina Turner

Wie stark einen die Nachricht vom Tod einer berühmten Person trifft, hängt von mehreren Faktoren ab: Zuerst einmal natürlich von der Bedeutung dieser Person und ihres Schaffens für das eigene Leben; dann von ihrem Alter und der … nun ja: Erwartbarkeit des Todes, aber auch vom Zeitpunkt und dem Weg, wie man von ihrem Ableben erfährt. Ich war gestern in einer recht aufgeräumten Feierabend-und-nichts-Konkretes-vor-Stimmung, als mir ein Freund und Kollege einen Screenshot schickte, dass Tina Turner gestorben sei. Entsprechend hatte ich Zeit und Muße, sofort sehr ausgiebig ihre Musik zu hören und mich in den im Minutentakt auf Social Media vorgebrachten Huldigungen zu verlieren.

Es gab eine Zeit, da gehörte die Musik von Tina Turner zu meinem Elternhaus wie die Möbel des Profilsystems von Flötotto, das Bang-&-Olufsen-Festnetztelefon Beocom 2000 und das sonnengelbe Steingutgeschirr der Marke Thomas. Ihre Hits der 1980er und frühen 1990er Jahre waren wichtiger Bestandteil jener Mixtapes, die mein Vater für sogenannte Feten zusammengestellt hatte und die dann, immer einen Tacken zu laut für durchschnittliche Gespräche, zunächst das gesellschaftliche Beisammensein und Essen untermalten, ehe es zum Äußersten kam und erwachsene Menschen in einer Art ungelenkem Halftime-Pogo über die im Wohnzimmer geschaffenen Freiflächen tanzten. (Weitere unabdingbare Songs für diese Anlässe: die Miles-Davis-Interpretation von Michael Jacksons „Human Nature“; „Ella, elle l’a“, dieser Spät-Hit einer anderen Großkünstlerin im dritten Akt: France Gall; irgendwas von Herbert Grönemeyer, Patricia Kaas und Phil Collins und – zu später Stunde – das ebenso unvermeidliche wie unoriginelle „Smoke On The Water“ von Deep Purple, zu dem dann auch schon mal auf Küchenbesen Nicht-mehr-nur-Luft-Gitarre gespielt wurde. Vielleicht baue ich irgendwann mal eine Spotify-Playlist aus diesen Party-Hits — oder ich gehe noch mal in Therapie.)

Songs wie „The Best“, „I Don’t Wanna Lose You“, „What’s Love Got To Do With It“, „Why Must We Wait Until Tonight“, „Private Dancer“ oder „Steamy Windows“ waren mir so selbstverständlich, dass sie natürlich auch auf meinen ersten eigenen Mixtapes landeten, die – in Ermangelung eigener CDs – natürlich auch nur die Musiksammlung meiner Eltern wiedergaben. Ich habe gestern Abend beim Wiederhören (teilweise nach mehreren Jahrzehnten Pause) nur halb überrascht festgestellt, wie sexuell viele dieser Songs waren, was ich als Zehnjähriger natürlich nicht begriff — aber ich bin mir sicher, dass z.B. „Steamy Windows“ („Coming from the body heat“) schon damals eine seltsame Verheißung mit sich brachte, die eher nicht aus der Musik eines Phil Collins sprach.

Wir tendieren ja dazu, popkulturelle Phänomene – wie alles, mit dem wir aufwachsen – als buchstäblich natürlich zu betrachten. Insofern war Tina Turner zur Wende-Zeit selbstverständlich einer der größten lebenden Popstars und ich wusste nichts über ihr Davor, die erst produktive, dann katastrophale Ehe mit Ike und ihr Comeback in den 1980er Jahren. Dieses Wissen um ihren biographischen Hintergrund lässt ihr Schaffen im Nachhinein natürlich noch einmal um so größer erscheinen, lässt jeden einzelnen, auch nur halb-selbstbewussten Song zum Statement werden und sie als Künstlerin umso mehr zur Ikone. Dass sie bei Veröffentlichung von „The Best“ (ich lerne gerade, dass die ursprüngliche Version dieses Songs von Bonnie Tyler stammt) fast 50 Jahre alt war – ein für damalige Verhältnisse ungeheuerliches Alter für einen weiblichen Popstar – erscheint mir auch vor allem in der Rückschau bemerkenswert — als Kind ist „Alter“ eine absolut uneinsehbare Kategorie und es gibt nur „alt wie Mama und Papa“, „alt wie Omi und Opi“ und „die älteren Geschwister von Freund*innen“, was auch wirklich alles umfassen kann. Aber ich war gleichermaßen verwirrt und stolz, als ich vor drei Jahren mit meinem Sohn bei uns im Wohnzimmer eine Wand farbig anstreichen wollte, zu diesem Zweck für meine Verhältnisse ungewöhnlich volkstümelnd das Formatradio aufdrehte und dort dann eine vom norwegischen DJ Kygo nur mäßig überarbeitete Version von „What’s Love Got To Do With It“ lief, von der mein Sohn mir alsbald zu Verstehen gab, dass sie ihm geläufig sei. „Tina Turner müsste doch inzwischen wirklich alt sein“, dachte ich und ließ grüne Wandfarbe auf den Fußboden tropfen.

Tina Turner war auch das perfekte Gegenargument für die ja immer noch in Teilen der Hobby-Kulturkritik vorherrschende Schwachsinns-Position, „echte“ Musiker*innen müssten ihre Songs selbst schreiben. Mehr noch: Sie brauchte für ihre Hits nicht mal die besten Songwriter ihrer Generation, sondern vorsichtig gesagt irgendwelche. Ich persönlich halte die Dire Straits für eine der egalsten Pop-Kapellen aller Zeiten, deren Präsenz in der Rotationsliste jeden Sender Lügen straft, der behauptet, „das Beste“ der 1980er Jahre im Repertoire zu haben, aber „Private Dancer“ ist – selbst in seiner 7:11-Minuten-Albumversion – ein so atmosphärisch dichter, phantastischer Song, dass Mark Knopfler für dessen Laufzeit wie ein genialer Songwriter wirkt. Bono und The Edge schrieben mit „GoldenEye“ das, was Tina Turner dann zum fraglos besten James-Bond-Song aller Zeiten machte, und waren danach offenbar so ausgelaugt, dass ihnen mit ihrer Band U2 nach 1995 nicht mehr viel von Bedeutung gelang. Wieviel sie aus Songs rausgeholt hat, die bei anderen Menschen jetzt nicht so zünden würden — und das in den musikalisch oft fragwürdigen 1980er Jahren: Da zeigt sich die ganze Stärke einer Ausnahme-Künstlerin.

Entsprechend kamen kurz nach der Todesnachricht die Würdigungen auch aus allen Ecken des kulturellen Spektrums: Mick Jagger, Shirley Bassey, Anton Corbijn, Debbie Harry von Blondie und die Pet Shops Boys zogen ebenso den Hut wie Angela Bassett, die Tina Turner 1993 im Film „What’s Love Got To Do With It“ verkörpert hatte — zu einer Zeit, als noch nicht jede zweite Lebensgeschichte in einem Biopic verwurstet wurde. Auf Twitter machte ein Video die Runde, zu dessen Beginn Tina Turner erst einer schwarzen Limousine entstieg, um dann auf beeindruckenden Absätzen 1:1 den Einmarsch eines US-Präsidenten bei der State of the Union Address zu exerzieren (inkl. „Ladies and gentlemen: Miss Tina Turner!“ aus dem Off), was alles in einer 120.000-Volt-Liveversion von „The Best“ kulminiert. Popkultur: So und nicht anders! Tina Turner ist gestern im Alter von 83 Jahren in ihrer neuen Heimat, der Schweiz, gestorben.

Kategorien
Musik

Neue Musik von Blur, boygenius, Joker Out feat. Elvis Costello & Bully

Lukas ist vom Eurovision Song Contest zurück und von der anschließenden Virus-Infektion genesen! Nach einer kleinen ESC-Rückschau geht es weiter mit neuer Musik von Blur, Songs von den Alben von Amilli, boygenius und Madison McFerrin und grandiosem 90’s-Retro von Bully.

Hier klicken, um den Inhalt von Spotify anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von Spotify.

Alle Songs:

  • Käärijä – Cha Cha Cha
  • Joker Out feat. Elvis Costello – New Wave
  • Blur – The Narcissist
  • Amilli – Sweet Life
  • boygenius – Emily I’m Sorry
  • Danko Jones – Guess Who’s Back
  • Madison McFerrin – (Please Don’t) Leave Me Now
  • Bully – Days Move Slow

Shownotes:

Kategorien
Fernsehen Musik

Eurovision-Vorschau 2023

Am 9., 11. und 13. Mai findet in Liverpool der diesjährige Eurovision Song Contest statt. Grund genug für eine kleine, aber intensive Vorschau!

Lukas Heinser, Selma Zoronjić und Peter Urban, der in diesem Jahr zum 25. und letzten Mal den ESC kommentieren wird, stellen ihre persönlichen Highlights vor, sprechen über gesamteuropäische Stimmungen, musikalische Traditionen und wackelnde Baugerüste.

Good evening, Europe! Let the 2023 Eurovision-Vorschau begin!

Hier klicken, um den Inhalt von Spotify anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von Spotify.

Alle Songs:

  • La Zarra – Évidemment (Frankreich)
  • Mia Nicolai & Dion Cooper – Burning Daylight (Niederlande)
  • Wild Youth – We Are One (Irland)
  • Marco Mengoni – Due Vite (Italien)
  • Blanca Paloma – Eaea (Spanien)
  • Reiley – Breaking My Heart (Dänemark)
  • Teya & Salena – Who The Hell Is Edgar? (Österreich)
  • Mae Muller – I Wrote A Song (Vereinigtes Königreich)
  • Let 3 – Mama ŠČ! (Kroatien)

Shownotes:

Kategorien
Musik

Neue Musik von Foo Fighters, Everything But The Girl, Pet Shop Boys, MUNA und Amilli

Lukas ist zurück aus den Osterferien und muss sich erstmal durch einen Stapel neuer Releases arbeiten: Die Foo Fighters haben die erste neue Musik nach dem Tod ihres Schlagzeugers Taylor Hawkins veröffentlicht, Everything But The Girl das erste Album seit 24 Jahren und die Pet Shop Boys eine neue EP. Hinzu kommen Tracks von Sofia Kourtesis, Grandbrothers und Amilli — und Lukas’ ganz persönliche Geschichte zur allerletzten R.E.M.-Single.

Hier klicken, um den Inhalt von Spotify anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von Spotify.

Alle Songs:

  • Foo Fighters – Rescued
  • Everything But The Girl – Caution To The Wind
  • Pet Shop Boys – The Lost Room
  • Sofia Kourtesis – Madres
  • Grandbrothers – Infinite
  • Amilli – SOAMI
  • MUNA – One That Got Away
  • R.E.M. – We All Go Back To Where We Belong

Shownotes:

Kategorien
Musik

Podcast: Episode 7

Lukas ist ein bisschen erkältet und hat deshalb zum ersten Mal Husten gehört, die Indie-Supergroup von Gisbert zu Knyphausen, Moses Schneider und Tobias Friedrich. Außerdem spielt er neue Songs von ARXX, Arlo Parks, Muff Potter und The National und ein Lieblingslied von Japandroids:

Hier klicken, um den Inhalt von Spotify anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von Spotify.

Alle Songs:

  • Husten feat. Sophie Hunger – Dasein
  • ARXX – The Last Time
  • Men I Trust – Ring Of Past
  • Arlo Parks – Impurities
  • Muff Potter – Beachbar
  • Gracie Abrams – Where Do We Go Now?
  • The National – Eucalyptus
  • Japandroids – Fire’s Highway