Mit dem Begriff „Clipping“ wird in der Tontechnik das Übersteuern bezeichnet, also wenn ein Audio-Signal so laut ist, dass seine Kurve gekappt wird und Verzerrungseffekte auftreten. So gesehen haben Clipping einen der passendsten Bandnamen seit den Beatles (zumindest in deren Anfangsphase) oder Metallica.
Wer, wie ich, so alt ist, sich noch an die Geräusche erinnern zu können, die ein Modem machte, wenn man sich ins Internet einwählte, wird immer wieder zu diesem Rauschen zurückkommen, wenn es um die Musik von Clipping geht — und das nicht nur, weil das Intro ihres neuen, fünften Albums „Dead Channel Sky“ buchstäblich einen solchen Modem-Sound verwendet: Nahezu alle Sounds (Instrumente sind es in den seltensten Fällen) des Albums quietschen, kratzen, zirpen, rauschen und kreischen so digital, wie Songs, die man sich mit 56k-Verbindung über den Real-Player angehört hat.
Die Landesmusikräte der Bundesrepublik haben die menschliche Stimme zum „Instrument des Jahres“ 2025 ernannt. Dass sie, als sie dies taten, an Daveed Diggs dachten, ist unwahrscheinlich, aber der Mann, den wir „Hamilton“-Fans als Marquis de Lafayette und Thomas Jefferson in der Erstaufführung des Musicals kennen, setzt seine Stimme ein wie ein Maschinengewehr, einen Presslufthammer oder einen Industrietacker — wenn diese Werkzeuge mehr grooven würden. Er schafft mehr Silben pro Minute als die meisten Menschen Buchstaben auf der Schreibmaschine und mehr unterschiedliche Stimmungen als ein Teenager, der gleichzeitig Fan des VfL Bochum ist.
Diggs‘ Sprechgesang ist so beeindruckend und eigenständig, dass man schon total geflasht ist, bevor man auch nur versucht hat, auf den Text zu achten. Man merkt aber auch sofort, dass das hier kein Sonnenschein-Hip-Hop mit glitzernden Felgen und geölten Körpern ist: Alles klingt nach Science-Fiction- und Horror-Filmen, man sollte unbedingt das Wort „Dystopie“ nennen und „Cyberpunk“ sagen.
Hier klicken, um den Inhalt von www.youtube-nocookie.com anzuzeigen.
Spätestens, seit ich bei „All Songs Considered“ die zweite Vorab-Single „Keep Pushing“ gehört hatte, war ich so gespannt und vorfreudig wie lange nicht mehr bei einem Album. Und als „Dead Channel Sky“ dann letzte Woche endlich rauskam, war ich sofort hooked: In der U‑Bahn, im Regionalexpress, auf der Autobahn, im Fitness-Studio, beim Zugucken beim Fußball-Training — das Album ist seitdem immer mit dabei. Dabei ist es wirklich kein Album zum Nebenbei-Hören; kein Track dürfte es auf eine dieser „Ungestört Arbeiten“-Playlisten schaffen (was natürlich auch kein Ort ist, an dem die meisten Musiker*innen das Ergebnis ihrer Arbeit gerne sähen).
Ich bin auch nach einer Woche noch nicht vollständig in die lyrische Tiefe des Albums eingetaucht, aber es geht um Kapitalismus, digitale Gefahren, Klassenkampf, verspiegelte Sonnenbrillen, Drogenhandel, Tod und Apokalypse. Man könnte es also durchaus großzügig von der US-amerikanischen Gesellschaft finden, dem Album zu seiner Veröffentlichung soweit entgegengekommen zu sein, aber Daveed Diggs und seine Produzenten William Hutson und Jonathan Snipes denken eh in viel größeren Dimensionen; alles ist Intertextualität und Mixed-Media-Installation, der Albumtitel eine Referenz an William Gibsons Roman „Neuromancer“.
Ich weiß, dass sich das wahnsinnig anstrengend und verkopft anhört, nach Röhrenbildschirmen in städtischen Museen. Aber wir reden hier über drei Typen aus Kalifornien, da kommt immer noch von irgendwo ein bisschen fun, fun, fun um die scharfkantige Ecke. Und so ist „Dead Channel Sky“ ein Album, aus dem man sich das nehmen kann, was man gerade braucht.
Der closer „Ask What Happened“ paart Diggs‘ Schnellfeuerwaffenrap in der ersten Hälfte mit so etwas wie Klangschalen, ehe ein galoppierender Drum-’n‘-Bass-Beat erscheint, der zwar zum Sprechtempo passt, aber durch die Ambient-Geräusche fährt wie eine Kreissäge durch Aromaöllampen. Danach fühlt man sich, als wäre man aus einem wilden Traum hochgeschreckt. Nur, dass man dann eher selten „Nochmal!“ schreit.
Das erste Mal gehört hab ich von Rosenstolz am 26. Februar 1998, jenem Tag, an dem auch meine zweite ESC-Phase begann (meine erste verdanken wir bekanntlich der Münchener Freiheit, meine dritte, bis heute andauernde, Stefan Niggemeier). Das Duo trat damals beim deutschen Vorentscheid an und es hätte womöglich gewonnen, wenn da nicht auch ein Mann namens Guildo Horn im Wettbewerb gewesen wäre, dem Stefan Raab einen Song und Johannes Kram eine Kampagne geschneidert hatten, mit denen er diesen Abend für sich entscheiden konnte.
Menschen, die damals in der Bremer Stadthalle (Deutschland im letzten Stadium Helmut Kohl) dabei waren, berichteten noch Jahrzehnte später von einer aufgeheizten Stimmung zwischen den klassischen (also: schwulen) Grand-Prix-Anhängern und dem Horn/Raab-Lager. Ich kann mich nicht mehr erinnern, welches Adjektiv man damals für queer verwendete, aber ich weiß, dass es an Rosenstolz klebte. Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, aber es war damals eine Sache, dass eine Band eine explizit schwul-lesbische Fangemeinde hatte (beim ESC-Vorentscheid). Ich kann nicht sagen, dass ihr damaliger Wettbewerbsbeitrag „Herzensschöner“ bei mir bleibenden Eindruck hinterlassen hätte, aber ich ahnte auch mit 14, dass ihre Musik etwas anderes war als die … sagen wir mal drei Werke von Ralph Siegel und Bernd Meinunger, die Rosenstolz an jenem Abend hinter sich ließen.
Alles, was vom heteronormativen Weltbild abwich, galt 1998 noch als „seltsam“, „anders“ oder „pervers“, mindestens an kleinstädtischen Gymnasien, wahrscheinlich überall im Land. Der einzige Ort, wo „so etwas“ behandelt wurde (mit einem ostentativ interessierten Gestus, der es irgendwie noch verruchter machte), war „B. trifft“, eine Talkshow mit Bettina Böttinger im Dritten Programm des WDR. „Der bewegte Mann“ war 1994 ein Kinohit gewesen, aber da waren die meisten Schwulen von explizit heterosexuellen Schauspielern gespielt worden und das Publikum lachte, wenn ich mich knapp 30 Jahre später richtig erinnere, eher über sie als mit ihnen. Ausländische Popkultur war da vielleicht einen Schritt weiter, aber es sollte auch noch acht Monate dauern, bis George Michael das Video zu „Outside“ veröffentlichen sollte, eine der schillerndsten Selbstermächtigungen des ausgehenden Jahrzehnts.
Das also war der Kontext, in dem Rosenstolz auftraten, und das war es, was ich weiterhin mit Peter Plate und AnNa R. verband. Es war ein Stempel, der die Band aber immer auch interessanter machte als andere deutschsprachige Acts zu ihrer Zeit.
2004 erschien „Liebe ist alles“, ein Song, der mir in der Rückschau omnipräsent erscheint, auch wenn ich mich frage, wo er eigentlich gelaufen sein soll, und der von recht unterschiedlichen Acts wie Spice Girl Mel C., dem Klassik-/Pop-Crossover-Projekt Adoro und Schlager-Legende Roland Kaiser gecovert wurde. (Ich finde die Kaiser-Version übrigens auf eine ganz eigene Art anrührend und ich möchte da nicht weiter drüber sprechen!)
Ich weiß noch, wie im Frühjahr 2006 die damals neue Rosenstolz-Single „Ich bin ich (Wir sind wir)“ bei CT das radio in der Redaktion ankam und wir den Song als einziges Campusradio überhaupt auf Rotation nahmen — und zwar auf die mit dem Vornamen „Heavy“. Ich erinnere mich an eine Nacht, die ich im Studio verbrachte, weil ich abends die Punksensung „Rockaway Beach“ moderiert hatte, noch neue Songs aufspielen und morgens ab 7 wieder moderieren musste (und es immer hieß, jede*r müsste „mindestens ein Mal in der Redaktion übernachtet haben“), und dieser Song gefühlt einmal pro Stunde sehr leise, aber beständig aus den nicht komplett stumm geschalteten Kopfhörern zu der Couch herüberwehte, auf der ich schlief.
Hier klicken, um den Inhalt von www.youtube-nocookie.com anzuzeigen.
Dieses Klaviermotiv (das zumindest in meinem Kopf in unmittelbarer Nachbarschaft von PeterLichts „Alles, was Du siehst, gehört Dir“ und Ben Lees „Wake Up To America“ wohnt, was jetzt objektiv nur so mittel-belastbar ist) ist ja wohl auch unwiderstehlich! Und diese permanente Steigerung des Songs!
Viel mehr kann ich über Rosenstolz ehrlich gesagt gar nicht beitragen. Ich weiß, dass die Band 2012 eine „Pause“ eingelegt hat, und habe seitdem nicht oft an sie gedacht. (Außer bei der Veröffentlichung des Roland-Kaiser-Albums, über das wir ja nicht reden wollten.)
Aber als heute Nachmittag die Nachricht kam, dass Sängerin AnNa R. im Alter von nur 55 Jahren gestorben ist, hat mich das überraschend betroffen gemacht.
Am Freitag ist das neue Album von Tocotronic erschienen. Der Titelsong wäre beinahe das erste mir bekannte Lied gewesen, in dem der Ortsname „Dinslaken“ vorkommt — allein: Es standen ästhetische Gründe im Wege, wie Sänger Dirk von Lowtzow der „NRZ“ erzählte:
Im Titelsong von „Golden Years“ geht es um Heimweh und Liebessehnsucht im Künstlerleben unterwegs – „Aber man muss dankbar sein, wenn man den Leuten noch begegnet, nicht nur als Klick auf Spotify“. Machen diese zwei Stunden am Abend auf der Bühne den ganzen Tourstress wett?
In den allermeisten Fällen: ja. Und oft auch auf unvorhergesehene Art und Weise. Eine Inspiration für dieses Lied war ein Konzert, das wir im Sommer 2023 in Dinslaken gegeben haben, auf einer Freilichtbühne. Und ohne Dinslaken zu nahe treten zu wollen: Ich habe das nicht als den Nabel der Welt empfunden. Und es hat zudem noch aus Eimern geregnet. Trotzdem war es eines der schönsten Konzerte, die wir je gespielt haben. Weil es so toll anzusehen war, wie die Leute da im Regen in diesem verwunschenen Park standen und durchgehalten haben.
Im Text heißt es allerdings: „Freilichtbühne Recklinghausen / Wo die öden Winde wehen“. Zufällige Verfremdung oder verbinden Sie mit Recklinghausen etwas Konkretes?
Nee, ich fand einfach das Wortpaar gut. Ich dachte an dieses Konzert in Dinslaken, das war die Blaupause. Aber „Freilichtbühne Recklinghausen“ klingt phonetisch so wahnsinnig schön. Das geht einem gut über die Lippen und lässt sich gut singen.
Andererseits dürfte es bisher auch nicht viele Songs geben, in denen Recklinghausen vorkommt — und Göttingen:
Hier klicken, um den Inhalt von www.youtube-nocookie.com anzuzeigen.
Lasst uns jedenfalls gemeinsam hoffen, dass die Pressestelle der Stadt Dinslaken nicht wieder eine Pressemitteilung rausgibt!
Heute vor 18 Jahren ging dieses kleine Popkultur-Blog an den Start — mit einem Kickoff-Text, der zuvor den 4. Platz beim Wettbewerb „Schüler versuchen, wie Max Goldt zu schreiben“ belegt hatte.
Das heißt: Coffee And TV ist jetzt volljährig, darf Auto fahren, harten Alkohol kaufen und wählen. Uff!
So einen Geburtstag muss man natürlich ordentlich feiern, deswegen ist heute Nacht, exakt 157.800 Stunden nach dem Stapellauf, mein Projekt 18 Jahre, 18 Songs online gegangen, das eigentlich nur eine Playlist mit ein paar Anmerkungen werden sollte und jetzt – natürlich – einer der längsten Texte der Blog-Historie ist.
Außerdem feiert die kurzlebige 2014er-Serie „Song des Tages“ eine Wiederauferstehung — und zwar exklusiv in unserem WhatsApp-Kanal. Da soll es aber extra keine Begleittexte in Roman-Länge geben, sondern einfach nur jeden Tag einen Song, der mir gerade passend erscheint — obskur oder Hit, aktuell oder uralt.
Und dann wollten wir Ihnen noch das zeigen:
Hier klicken, um den Inhalt von www.youtube-nocookie.com anzuzeigen.
The rumours are true: Aus Anlass des 18. Geburtstags werde ich aus den schönsten Blog-Texten (oder den schönsten, die ich wiedergefunden habe) lesen!
18 Jahre Coffee And TV
Freitag, 7. März 2025, 20 Uhr (anschl. Party) Goldkante, Alte Hattinger Str. 22, 44789 Bochum
Eintritt frei, hinterher geht ein Hut rum
Das wird super, ich freu mich!
Mein besonderer Dank geht heute an die anderen Gründungs-Autor*innen Kathrin, Oliver, Stephan, Daniel, Marta, Thomas und Gordian, die gleichzeitig meine ersten Leser*innen waren, und an Annika, Markus, Stefan, Katharina, Basti, Lisa, Tommy, Tom, Friedrich, Dominik, Sarina, Sue, Selma, Peter, Jens, Thorsten und Justus, die später zu diesem Blog beigetragen haben! They called us the pop kids.
Für Günter und Jürgen, die ich ohne dieses Blog nie kennengelernt hätte.
Und für Dörte, die immer alles gelesen hat.
Es war die naheliegendste Idee der Welt: Zum 18. Geburtstag des Blogs wähle ich einen Song aus jedem Jahr aus — fertig ist die Playlist!
Aber nach welchen Kriterien? Einfach das Lied nehmen, das jeweils meine Liste „Song des Jahres“ angeführt hat? Das wäre ja ein bisschen langweilig — und solche Listen gab es auch gar nicht in jedem Jahr.
Also: 18 andere Songs. Welche, die ihr jeweiliges Jahr, aber auch dieses Blog gut repräsentieren; die für mich eine persönliche Bedeutung haben; die ich auch heute noch höre. Eine halbwegs ausgewogene Mischung aus Genres, Geschlechtern und Sprachen, also eben dann doch auch: Kontext.
Und so wurde aus einem kleinen Gimmick zum Jubiläum eine ausufernde Recherche-Aktion im eigenen Leben ’n‘ Werk und einer der längsten Texte, der hier in den letzten 18 Jahren erschienen ist:
2007: Mika – Grace Kelly
Als dieses Blog an den Start geht, sind Gitarrenmusik im Allgemeinen und Indierock im Speziellen noch ein Ding. Bei der damals noch stattfindenden „Leserwahl“ (ein Konstrukt, das wir uns relativ offensichtlich von „Plattentests online“ abgeschaut haben), wird „A Weekend In The City“ von Bloc Party (Wann habt Ihr zuletzt an diese Band gedacht?) zum „Album des Jahres“ gewählt und „Ruby“ von Kaiser Chiefs (Oder an diese Band?!) zum „Song des Jahres“.
Auf meiner Jahresbestenliste ganz vorne ist „Tonight I Have To Leave It“ von Shout Out Louds, das ich auch ewig nicht mehr gehört habe. Und ganz versteckt, auf Platz 22: „Grace Kelly“ von Mika, ein etwas exaltierter over-the-top-Popsong mit Vaudeville- und Musical-Anleihen von einem jungen Mann, den das Adjektiv „androgyn“ begleitet. (Es waren, wie gesagt, andere Zeiten.) Ein Song, den mir „Plan B“, die etwas anspruchsvollere Musiksendung von 1Live (ich unterschied damals noch pubertär zwischen „guter“ Indie- und „schlechter“ Mainstream-Musik; andere Zeiten indeed), in die WG-Küche gebracht hat.
15 Jahre später sitze ich beim Eurovision Song Contest in Turin in der deutschen Kommentatorenkabine, zum neunten Mal als Assistent von Peter Urban, der wegen der ausklingenden COVID-19-Pandemie von Hamburg aus kommentiert. Gelandet war ich bei dieser Veranstaltung überhaupt nur, weil Stefan Niggemeier 2007 meine Kommentare in seinem Blog gelesen und mich gefragt hatte, ob ich mit ihm einen „Grand-Prix-Führer“ schreiben würde. Der Rest ist Geschichte, bzw. BILDblog, Oslog, Duslog, Bakublog, besagter Job als Kommentatoren-Assistent und mein Buch. Und dieser Mika mit seinem Song über Grace Kelly (bzw. darüber, wie man sich anpasst, um den Menschen zu gefallen) moderiert da jetzt diese Veranstaltung gemeinsam mit Laura Pausini und Alessandro Cattelan, er bringt internationalen Glamour in eine (vor allem hinter den Kulissen) eher chaotische TV-Sendung und er singt ein Medley seiner Hits.
Es ist ein seltsamer, rührender full-circle-Moment, der die größte Musikshow der Welt mit meiner alten WG-Küche und allem dazwischen kurzschließt, und in einem Anfall von Geistesgegenwart und emotionaler Überforderung schreibe ich auf jener Social-Media-Plattform, die damals noch Twitter heißt: „Es ist schön, an das Jahr 2007 erinnert zu werden. Es ist noch schöner, dass in meinem Leben heute ungefähr alles besser ist als damals.“ Oder, mit Mikas Worten: „Ca-ching!“
[Songs 2007 von damals]
2008: The Hold Steady – Constructive Summer
Die Leser*innen, die ich damals noch „Leser“ nenne, wählen „Sex On Fire“ von Kings Of Leon zum Song und „Heureka“ von Tomte zum Album des Jahres. Ich sammle die wichtigsten Nazi-Vergleiche (eine Kategorie, der damals noch ein gewisser Unterhaltungsfaktor anzuhaften scheint) und Barack-Obama-Referenzen und arbeite den Rest der Zeit fürs BILDblog.
Meine wichtigste Quelle für neue Musik ist „All Songs Considered“, ein Podcast von NPR, der auch das Vorbild für meine eigene, kurzlebige Musiksendung bei Spotify 2023/24 wird. Hier stoße ich erstmals auf The Hold Steady, eine Band aus Brooklyn (ursprünglich: Minneapolis/St. Paul), die Geschichten von Verlierern und Underdogs in hymnischen Rocksongs erzählt wie sonst nur Bruce Springsteen. Ihr Album „Stay Positive“ bringt mich durch ein Jahr, von dem ich heute so gut wie nichts mehr weiß, deshalb lasse ich mir das Symbol vom Albumcover 2011 auf meine Wade tätowieren.
Auch ihre Musik bleibt: 2009 kaufe ich mir alle Alben und höre sie rauf und runter (wie man es in einer Welt ohne Streaming eben so machte), 2010 rufe ich den „Constructive Summer“ aus: „We’re gonna build something this summer.“ Hier entstehen dann endlich Erinnerungen, die für immer bleiben werden, untermalt von „Boys And Girls In America“, „Stay Positive“ und dem damals neuen Nachfolge-Album „Heaven Is Whenever“.
[Songs 2008 von damals]
2009: Kilians – Hometown
Nach über fünf Jahren im Studentenwohnheim muss ich mir mal langsam eine eigene Wohnung suchen und ich überlege: In Bochum bleiben oder nach Hamburg ziehen? Es ist ein Jahr der großen Gefühle zwischen Welt erobern wollen und zuhause einsperren, begleitet von der ganz großen, unerfüllten Liebe.
Meine Freunde von den Kilians (Bruder, Demo-CD, Thees Uhlmann, Tomte-Tour — youknowthestory!) veröffentlichen im April ihr zweites Album „They Are Calling Your Name“ und spielen aus diesem Anlass ein Konzert auf dem Hans-Böckler-Platz in Dinslaken, jener Stadt, in der wir alle – die Kilians, ich und die ganz große, unerfüllte Liebe – aufgewachsen waren. Ihr Song „Hometown“ ist das Angebot einer Hymne.
Die Band löst sich 2013 auf, da wird der Hans-Böckler-Platz gerade mit einem Einkaufszentrum überbaut. Wenn man heute „Dinslaken“ sagt, reagieren nicht mehr viele Menschen mit „Aaaah, die Kilians!“ (aber – und das wird die Bürgermeisterin freuen – auch nicht mehr mit „Aaaah, der Wendler!“ oder „Aaaah, die Salafisten!“). Die Stadt hat sogar die Emschermündung verloren. Aber Erinnerungen und Musik werden ja immer bleiben.
(Ich entscheide mich 2009 übrigens für Bochum. My hometown.)
2010: Lena – Satellite
„Irgendwann musst Du Dir das mal vor Ort anschauen“, hatte Stefan Niggemeier 2008 über den Eurovision Song Contest (damals und immer schon: „Eurovision Song Contest“) gesagt, aber weil Moskau schon damals kein Ort ist, an dem man gerne sein möchte, verschieben wir unser Projekt auf das Folgejahr und nach Oslo. Womit wir nicht rechnen: dass in Deutschland ein regelrechter ESC-Hype um eine 18-jährige Abiturientin aus Hannover ausbricht und die diese merkwürdige Quatsch-Veranstaltung tatsächlich gewinnt. (Also: In der ersten Folge des Oslog wette ich natürlich genau das, allerdings ohne auch nur einen anderen Wettbewerbsbeitrag zu kennen.)
Als altes Theater-Kind zieht mich die jährliche Leistungsschau der Bühnentechnik-Industrie sofort in ihren Bann und auch musikalisch ist das alles gar nicht mehr so schlimm, wenn man es nur oft genug gehört hat. Aber trotz der einschneidenden, im Nachhinein lebenswegweisenden Erfahrung in Oslo traue ich mich nicht, „Satellite“ auf meine Jahresbestenliste zu packen. Da sollen auch weiter nur Indie-kredibele Sachen zu finden zu finden sein (und so ignoriere ich offenbar auch das tolle Take-That-mit-Robbie-Album „Progress“ komplett). Das passt zu einem Jahr, in dem ich nicht gerade dadurch auffalle, irgendwelche Entscheidungen zu treffen, sondern mich lieber vom Großstadt‑, vor allem aber Nachtleben rund um meine neue Wohnung in der Innenstadt mitreißen lasse und als neuer BILDblog-Chef in Talkshows gehe und zu Journalistenkongressen ins Ausland fliege. („It’s physics / There’s no escape.“)
Hier also späte Genugtuung für einen Song und ein Ereignis, ohne die ich heute nicht da wäre, wo ich bin, und ohne die der ESC in Deutschland immer noch als „Schlager-Grand-Prix“ firmieren würde, bei dem man ohnehin nichts reißen kann.
[Songs 2010 von damals]
2011: Thees Uhlmann – 17 Worte Mein Kumpel Thees Uhlmann ist im Jahr 2011 wie so oft weiter als ich: Vater geworden, Beziehung zerbrochen, dabei, das Glück im Kleinen zu suchen. Ich bin vier bis fünf Abende die Woche im Freibeuter im Bochumer Bermuda3eck und schreibe nebenher das BILDblog voll. Deswegen ignoriere ich Thees‘ selbstbetiteltes Solo-Debüt damals auch rüpelig bei den „Alben des Jahres“ (und lobe lieber das nächste egale Coldplay-Album), obwohl ich es wirklich oft höre.
Aber diese Liste hier ist auch eine Chance auf Wiedergutmachung, denn sechs Jahre später stehe ich beim GHvC-Geburtstag in Hamburg im Nieselregen: Vater geworden, Beziehung zerbrochen, dabei, das Glück im Kleinen zu suchen. Also völlig andere Prioritäten und Prinzipien: „Meine Wahrheit in 17 Worten: / Ich hab ein Kind zu erziehen / Dir einen Brief zu schreiben / Und ein Fußball-Team zu supporten.“ (Bei Erscheinen des Albums hatte ich Thees eine SMS geschrieben, dass das nur 16 Worte wären, weil man „Fußballteam“ zusammenschreibe. Seine Antwort kam natürlich prompt: „Fußball Team!“)
2021 sehe ich Thees Uhlmann und Band live im Burgtheater in Dinslaken (weil: natürlich). Es ist mein erster Konzertbesuch seit anderthalb Jahren, mein Sohn ist an meiner Seite, meine Eltern irgendwo in meinem Rücken, der VfL Bochum ist aufgestiegen. Weite Teile der Öffentlichkeit sind während der immer noch anhaltenden Pandemie dem Wahnsinn anheimgefallen, aber als Thees „17 Worte“ spielt, macht für mich alles Sinn: Wir singen, um uns zu erinnern.
[Songs 2011 von damals]
2012: Carly Rae Jepsen – Call Me Maybe
Dieser bekloppte Eurovision Song Contest hat mich nach Aserbaidschan verschlagen. Ich sitze in Baku im Hotelzimmer, gucke russisches Musikfernsehen und sehe dieses Video. Als der Song zu Ende ist, zappe ich weiter und sehe das gleiche Video auf dem nächsten Kanal direkt noch mal von vorn. „Komische Russen“, denke ich, will den Song bei Facebook posten und stelle fest, dass ich mit „Call Me Maybe“ einen internationalen Hit verpasst habe.
Wahrscheinlich ist es dieser Moment, in dem ich dieses elitär-pubertäre Musik-nur-gut-finden-wenn-sie-sonst-keiner-hört-Dingen aufgebe und endlich frei bin, Dinge gut zu finden, nur weil ich sie gut finde. Um Dinge auch öffentlich gut zu finden (jedenfalls meistens), starten Tom Thelen und ich im Blog unseren Kino-Podcast „Cinema And Beer“.
„Before you came into my life / I missed you so bad“ ist immer noch eine der besten Zeilen, die je über romantische Liebe geschrieben wurde — und das waren ja nun wirklich nicht wenige. Carly Rae Jepsen in der Kölner Essigfabrik ist im Februar 2020 mein letztes Konzert vor dem Lockdown (ist es nicht Magie, wie hier alles ineinandergreift?!) und die fröhliche Stimmung dieses durchaus ESC-tauglichen Publikums trägt mich durch die ersten, dunklen Monate der Isolation.
[Songs 2012 von damals]
2013: Daft Punk feat. Pharrell Williams & Nile Rogers – Get Lucky Ich sitze in einem Auto, das mich vom Hotel zur Malmö Arena bringt, neben mir: ESC-Kommentatorenlegende Peter Urban. Als wäre das nicht schon absurd genug, wippt dieser 65-jährige Mann zur Musik aus dem Autoradio mit: „Get Lucky“ von Daft Punk, Pharrell Williams und Nile Rogers. Natürlich kennt er das, denn es ist ja ein internationaler Superhit, dem man nur schwer entkommen kann, und Peter würde auch jede Menge deutlich obskurere Songs mitsingen, die in den letzten ca. 50 Jahren erschienen sind, aber irgendwie überrascht es mich in diesem Moment doch, denn Daft Punk, das sind doch die von Viva 2 (wo sie jetzt zugegebenermaßen auch nicht zwingend zur Avantgarde gezählt hatten).
Die Dominosteine, von denen dieses Blog der erste war, haben mich hierher gebracht, ins Epizentrum des Entertainments. Nur einen Monat später sollen sie mich zum Late-Night-Meinungsmagazin „Tagesschaum“ mit Friedrich Küppersbusch führen und von dort zu unserem gemeinsamen Podcast „Lucky & Fred“. Das Leben meint es gut mit mir, beruflich wie privat.
[Songs 2013 von damals]
2014: Andrew McMahon In The Wilderness – High Dive Ich hätte immer gesagt, dass das Jahr 2014 hier im Blog gar nicht stattgefunden hat, aber es gibt doch einige Einträge aus dieser Zeit — die meisten als Teil der kurzlebigen Serie „Song des Tages“. Ich erinnere mich an nichts, weil ich zu sehr mit anderen Sachen beschäftigt bin: Umzug, neue Jobs, Hochzeit planen und absagen, Vater werden, irgendwie versuchen, meine Beziehung zu retten. Alles Dinge, auf die einen Popkultur nur unzureichend vorbereitet; alles Dinge, die für Popkultur wenig Zeit lassen.
Das erste neue Album, das ich mit meinem Sohn höre, ist das Solodebüt von Andrew McMahon, der mich mit seinen Bands Something Corporate und Jack’s Mannequin jetzt auch schon mehr als zehn Jahre begleitet. Er ist auch gerade Papa geworden, so kann ich die Verarbeitung meiner Lebenswirklichkeit wieder mal auf ihn abwälzen und einfach seine Songs hören. Obwohl wir doch noch jung sind, ist da viel Nostalgie in seinen Texten wie „High Dive“, aber Facebook ersetzt Kneipenabende mit Freund*innen ja auch nur bedingt.
2015: Ben Folds feat. yMusic – Phone In A Pool
2015 ist dann tatsächlich das Jahr, das nicht war, denn ich schreibe sensationelle sieben Blogeinträge, von denen die meisten ursprünglich Facebook-Posts waren. Offenbar schaffe ich es immerhin ein paar Mal ins Kino. (Ach, „The Force Awakens“ ist von 2015?!) Ich kann mich an nichts erinnern und es geht mir wirklich nicht gut.
Ein bisschen Trost kommt von meinem ewigen Helden Ben Folds, der gerade die vierte Scheidung (von inzwischen fünf) hinter sich hat und mit dem Kammermusik-Ensemble yMusic ein Album einspielt, auf dem auch sein erstes Klavierkonzert zu hören ist. (Wir gehen alle unterschiedlich mit Lebenskrisen um.) In „Phone In A Pool“ berichtet er: „Found the love of my life again / Y’all knows what I means / And I’ll be back on the sofa in a puddle in a couple of weeks“. Bei all dem Elend ist es schön, dass jemand, der mich mein halbes Leben lang begleitet, immer noch Songs schreiben kann, die so gut zu meinem eigenen Leben passen. Natürlich gibt es am Ende des Jahres keine Listen — ich hab ja eh viel zu wenig Musik gehört und wann hätte ich die denn noch schreiben sollen?
2016: Weezer – California Kids
Neuanfang in einer eigenen Wohnung und das Vorhaben, das Blog jetzt aber wirklich wieder zu befeuern. Da passt es ganz gut, dass Benjamin von Stuckrad-Barre, dessentwegen ich als Teenager mit dem Schreiben angefangen hatte, ein neues Buch veröffentlicht, ungefähr zeitgleich mit dem neuen Album der von uns hoch verehrten Pet Shop Boys und dem von Weezer. Alle drei Acts eint, dass ihr Schaffen nicht zu jedem Zeitpunkt ihrer Karriere den Ansprüchen des eigenen Publikums genügte, aber jetzt sind sie wieder voll da.
Also eigentlich eine gute Gelegenheit, darüber zu schreiben und über andere Dinge, die mir Freude bereiten, aber das Internet ist damals im wesentlichen Facebook und dort sind wir alle damit beschäftigt, mit irgendwelchen AfD-Anhängern zu diskutieren, die irgendwo etwas Dummes kommentiert haben. Um diesem ganzen Irrsinn zu entfliehen, schreibe ich nicht etwa wieder mehr ins Blog, sondern starte meinen eigenen Newsletter. Da macht das Schreiben immerhin auch Spaß.
Weezer, jedenfalls, kenne ich seit mehr als 20 Jahren, als das Video zu „Buddy Holly“ bei „Hit-Clip“ lief und auf der Windows-95-CD-Rom enthalten war. Jetzt veröffentlichen sie schon das vierte Album namens „Weezer“ (nach dem blauen, dem grünen und dem roten Album jetzt ganz Beatles-mäßig das weiße), das meinen Sohn und mich auf vielen Ausflügen zum Kemnader See begleitet und ihr bestes seit Jahrzehnten ist. Der opening cut„California Kids“ handelt von den glücklichen jungen Menschen aus dem Golden State, die einem das Leben retten. Ich nenne Kalifornien gerne „my home away from home“, was vielleicht etwas prätentiös ist, aber ich hab da halt Familie und es ist auch der einzige Ort außerhalb des Ruhrgebiets, an dem ich je so viel Zeit am Stück verbracht habe. Der Staat bleibt auch nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten das (natürlich eher theoretische) Ideal, das ich bewundere, genauso wie ich Menschen auch lieber aus der Ferne toll finde — California Kids halt.
2017: kettcar – Ankunftshalle
Als dieses Blog an den Start geht, haben kettcar bereits zwei Alben veröffentlicht: ihr Debüt „Du und wieviel von Deinen Freunden“, ein instant classic, und – begleitet von Fernsehauftritten und ganzseitigen Zeitungsartikeln – den Nachfolger „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“. Trotzdem schreibe ich in all den Jahren relativwenige Texte über diese Band, die mir so wichtig ist. Vielleicht weil ich denke, dass das eh klar ist.
2017 liegt das letzte (eher okaye) kettcar-Album fünf Jahre zurück, Marcus Wiebusch hat in der Zwischenzeit ein (ziemlich gutes) Soloalbum veröffentlicht, aber plötzlich ist die Band wieder ein Machtblock mitten in Europa: Ihre stets klare politische Haltung, die Jahre vorher noch ein bisschen folkloristisch anmutete, ist inzwischen notwendig, aber neben Songs wie „Sommer ’89“, „Wagenburg“ und „Mannschaftsaufstellung“ gibt es auch jene, die sich anfühlen wie Polaroids (oder Insta-Posts) aus dem Alltag. „Die Straßen unseres Viertels“ ersetzt eine ganze Fernsehserie über das Familienleben in Hipster-Vierteln, ohne sich für eine Sekunde Harald-Schmidt-mäßig über Hafermilch lustig zu machen; „Trostbrücke Süd“ ist ein Kameraschwenk durch einen Linienbus voller Menschen, die aufstehen, atmen, sich anziehen und hingehen, und „Ankunftshalle“ der Blog-Eintrag, Newsletter oder Song, den ich immer hatte schreiben wollen: ein Loblied auf die heilende Kraft von Flughafen-Ankunftshallen, wo Menschen sich nach langer Zeit der Trennung wieder in die Arme fallen.
Als kettcar und Thees Uhlmann im August im Hamburger Nieselregen 15 Jahre Grand Hotel van Cleef feiern, ist wenige Tage zuvor meine Oma gestorben, die hier von Anfang an mitgelesen hatte. Ende Dezember liegt mein Opa im Sterben und ich fahre mit meinem Sohn zum Düsseldorfer Flughafen, Menschen in der Ankunftshalle gucken.
[Songs des Jahres 2017 damals]
2018: Rae Morris – Do It
Hatte ich oben – also vor ca. 18.000 Zeichen – nicht noch geschrieben, dass in dieser Liste explizit nicht die jeweiligen Songs des Jahres auftauchen sollen? Well: We make up the rules as we go along!
Rae Morris hat sich ihre Sonderrolle hier im Blog verdient: Weil ich mich 2012 instantly in ihren Song „Don’t Go“ aus dem (eigentlichen) Serienfinale von „Skins“ (der einzigen Fernsehserie neben „Die Brücke“, von der ich alle Folgen gesehen habe) verliebt habe; weil sie der erste (und bis heute einzige) Act in der Geschichte dieses Blogs ist, der in einem Jahr (2018) meinen persönlichen „Song des Jahres“ und mein „Album des Jahres“ veröffentlicht hat (das haben Tomte 2006 zwar auch geschafft, aber halt sechs Wochen, bevor dieses Blog an den Start ging, also zählt das nur an ungeraden Wochentagen ohne Neumond); weil sie der erste (und bis heute einzige) Act ist, der zwei Mal meinen persönlichen Song des Jahres (2012 und 2018) geschrieben hat.
Irgendwie alles trockener Statistik-Kram angesichts eines Songs, der davon handelt, auf die Zweifel zu pfeifen und sich kopfüber in die Liebe zu stürzen. Rae Morris singt das über ihren musikalischen Partner und heutigen Ehemann Fryars und sie macht das so toll, dass ich mit ihr an die große Liebe glauben will, die sich anfühlt wie Feuerwerk aussieht. Doch meine Versuche, „Do It“ in „Joko Winterscheidts Druckerzeugnis“ zum Sommerhit des Jahres zu pushen, scheitern und Menschen wie ich bleiben besser allein.
Aber, so denke ich heute, eigentlich ist dieses Blog hier ja auch nichts anderes als die Umsetzung des Gedankens „We could just do it“: Gestartet als „die Online-Zeitung, die wir gerne lesen würden“ (puh!), konnte ich mich hier an der Tastatur und vor der Kamera austoben, ausprobieren und daran wachsen, um dann für Zeitungen und Fernsehsendungen zu arbeiten, die ich früher nur rezipiert hatte. Wenn man aus 18 Jahren Coffee And TV unbedingt irgendetwas lernen will, dann, dass Selbstermächtigung manchmal (es gehört ja auch bei mir sicherlich einiges an Glück dazu) wirklich funktionieren kann.
[Songs des Jahres 2018 damals]
2019: LOKI – The Girl With No Eyes Für die, die hier ernsthaft Buch führen (also: für mich), mag es etwas überraschend sein, dass ein Song, der auf Platz 59 einer Jahresbestenliste stand, ein Jahr repräsentieren soll. Nun: Erstens können wir uns glaub ich darauf einigen, dass es eh schon ein ganz kleines bisschen wahnsinnig ist, einen „Platz 59“ auf einer persönlichen Bestenliste zu haben; zweitens habe ich erst bei der Durchsicht meiner diversen Listen, Einträge und Playlists festgestellt, dass ich tatsächlich schon mal Musik von LOKI gehört haben muss, bevor ich sie letztes Jahr beim Festival Sounds Like Sugar in Herne gesehen habe und so begeistert war, dass ich sie beim Bochum Total direkt wieder sehen musste.
Damit steht „The Girl With No Eyes“, dessen Bon-Iver-Haftigkeit mich schon 2019 überzeugt haben muss, nämlich für etwas anderes: Für das wilde Überangebot an Werken (oder: „Content“, wie die Arschlöcher sagen, die in ihrem Leben nicht einen einzelnen genuinen Gedanken hatten), aus dem wir theoretisch wählen können, das aber auch das Risiko birgt, alles beliebig und egal zu machen. Dass es etwas anderes ist, tagelang in physischen Läden nach einer CD zu fahnden und sie dann endlich zu finden, als einfach alles immer sofort (terms and conditions apply) zur Verfügung zu haben, hab ich schon 2016 aufgeschrieben. Es ist seitdem nicht weniger geworden. Wenn ich mich nicht mehr an irgendwelche Acts erinnern kann (natürlich auch, weil ihre Namen nur noch über Bildschirme flimmern und nicht ausgedruckt vor mir liegen, was meinem Gehirn immerhin ein bisschen helfen würde), ist es alles ein bisschen viel.
Ich selbst trage fröhlich zum Überangebot bei: Mit Friedrich Küppersbusch stehe ich jetzt regelmäßig auf Bühnen in Dortmund und Berlin, um „Lucky & Fred“ vor Publikum aufzuzeichnen. Da kommt das Theater-Kind von früher wieder zum Vorschein, Applaus ist immer noch die stärkste Währung. Weil Likes dagegen abstinken und dort eh nichts mehr los ist, lösche ich am Silvesterabend meinen Facebook-Account. Im Nachhinein möchte ich sagen: Ich habe schon dümmere Dinge zu einem schlechteren Zeitpunkt gemacht.
[Songs des Jahres 2019 damals]
2020: Taylor Swift – Epiphany Alles beginnt so schön mit weiteren Live-Auftritten und Konzertbesuchen bei kettcar, Ider und Carly Rae Jepsen. Und dann endet alles: Konzerte, Kindergarten, Bundesliga, sogar der Eurovision Song Contest wird erstmals abgesagt. „Wegen Corona“ wird ein sogenanntes geflügeltes Wort, was auch irgendwie zu den verdammten Flughunden auf dem Nassmarkt von Wuhan passt, die uns die ganze Scheiße (mutmaßlich) eingebrockt haben.
Popkultur-Freund*innen vergleichen die Straßen mit jenen aus dem Zombiefilm „28 Days Later“ und wir lernen die Wohnzimmer von Kolleg*innen und Rockstars kennen, die von dort aus Mini-Konzerte in die Welt streamen (die Rockstars, nicht die Kolleg*innen). Die Leute erscheinen all das mit erstaunlichem Gleichmut zu ertragen, aber dieses Bild bekommt – um eine weitere Phrase zu vermeiden – schnell Risse: Als sich im April eine Frau, die vor einem Café warten muss, um Kuchen zum Mitnehmen zu kaufen, über die „Gesundheitsdiktatur“ beschwert, bin ich viel zu überrascht und schockiert, ihr vorzuschlagen, dass wir gerne gemeinsam einen Bekannten von mir, der Arzt in Padua ist, anrufen könnten und sie ja mal mit dem sprechen könne, wenn er nicht gerade dabei ist, um Leben zu kämpfen.
Es ist ein Vorgeschmack auf das, was kommt: Weil man sich jetzt nirgendwo mehr in die Augen gucken kann, vergessen nahezu alle, dass sie online mit anderen Menschen diskutieren. Manche von uns nutzen die viele freie Zeit, um sich über Rassismus fortzubilden, andere, um sich zu radikalisieren. Ich schreibe viel in meinen Newsletter und wenig ins Blog, starte aber zusammen mit Sue Reindke immerhin einen neuen Podcast namens „Bist Du noch wach?“
In all das hinein veröffentlicht Taylor Swift, die nach einer abgesagten Welt-Tournee auch zu viel Freizeit hat, ein Album, das sie in den ersten Monaten des Lockdowns mit Aaron Dessner von The National aufgenommen hat, remote. „Folklore“ wird zum Soundtrack des ersten Corona-Sommers und überzeugt selbst jene, die ihrer Musik bisher kritisch gegenübergestanden hatten. Mit „Evermore“ erscheint ein paar Monate später noch so ein großer Wurf. Nach dem großartigen „1989“ von 2014 hab ich endlich die nächste era, in der ich mich einrichten kann. Es ist der Soundtrack zu sehr ausgiebigen Spaziergängen durch die verschiedenen Nachbarschaften hier in Bochum. Und mittendrin ein Song über Soldaten und Menschen im Gesundheitswesen, über das Sterben in Einsamkeit und über das Weitermachen der Überlebenden: „Epiphany“. „Someone’s daughter, someone’s mother / Holds your hand through plastic now“ sind Zeilen, die mir auf ewig die Tränen in die Augen treiben und einen Klos in den Hals drücken werden. Die gute Nachricht: Meine Omi, die mit 94 noch allein in ihrem viel zu großen Haus wohnt, überlebt all das ohne Ansteckung. Das ist nicht ihr Song.
[Songs des Jahres 2020 damals]
2021: Meet Me @ The Altar – Never Gonna Change 2021 ist die etwas öde Fortsetzung des Seuchenjahres, aber als Farce: Hashtag Osterruhe. Die Amtszeit von Donald Trump endet, die von Angela Merkel auch. In Rotterdam, wo der ESC unter Pandemie-Bedingungen stattfindet, lautet der schon 2019 ersonnene Slogan passenderweise „Open Up“. Den Sommer verbringe ich damit, mein Buch über den Song Contest zu schreiben, an Omis Geburtstag und an Weihnachten sind wir wieder alle vereint.
In Aachen treffe ich einen meiner allergrößten Helden: Michael Stipe von R.E.M. Er ist so bezaubernd, wie ich erhofft hatte, und gibt mir das Gefühl, als sei ich der allererste Mensch, der „You’ve changed my life“ zu ihm sagt. Der VfL Bochum steigt nach elf Jahren wieder in die Bundesliga auf. Nature is healing.
Meine aktuelle Lieblingsband heißt Meet Me @ The Altar, queer Women of Color aus den USA, die Pop-Punk zwischen Avril Lavigne, Paramore und Blink-182 machen. Zum ersten Mal hören tue ich von ihnen bei – natürlich – „All Songs Considered“ auf – natürlich – einem meiner langen Spaziergänge, in Erinnerung bleiben mir ihre EP „Model Citizen“ und der Song „Never Gonna Change“ aber vor allem als Soundtrack zu den ersten Besuchen im Fitnessstudio, die jetzt wieder möglich sind.
[Songs des Jahres 2021 von damals]
2022: Maro – Saudade, Saudade
Am Ende wird es das Jahr gewesen sein, das ich so lang gefürchtet hatte: das, in dem meine Omi stirbt. Es werden lange vier Monate des Abschieds, die ihren Kindern alles abverlangen, aber es ist eine Zeit des bewussten, liebevollen Abschieds und der Liebe in ihrer reinsten Form.
All das ahne ich noch nicht, als ich beim ESC in Turin sitze und völlig gebannt (das englische Wort mesmerized kennen wir im Deutschen leider nicht, obwohl es doch auf einen deutschen Arzt zurückgeht) dem Auftritt der portugiesischen Künstlerin folge, die das spezifisch portugiesische Gefühl saudade besingt, das mit „vermissen“ nur unzureichend übersetzt werden kann und das sie nach dem Tod ihres geliebten Großvaters empfindet. „Saudade, Saudade“ erreicht am Ende einen tollen 9. Platz, Deutschland hat auch teilgenommen. Allerspätestens hier in Turin ist der ESC nicht mehr die leicht trashige Quatsch-Veranstaltung, als die er noch galt, als Stefan und ich 2007 erstmalig darüber gebloggt haben. Er ist ein echtes Musikfestival, bei dem man Genres und Acts vorgestellt bekommt, auf die man sonst vielleicht nie gestoßen wäre. Wer hier noch alles doof findet, mag wahrscheinlich einfach keine Musik.
Mein Buch über diese Veranstaltung erscheint quasi zeitgleich mit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, was mir eine ordentlich Portion der Freude raubt. Als ich den Release trotzdem mit Freund*innen in meiner Stammkneipe feiere, stecke ich mich (endlich) mit COVID-19 an und bin immer noch reichlich außer Atem, als ich das Buch in einer kleinen großen Liveshow in der Zeche Carl in Essen vorstelle. Irgendwie schaffe ich es sogar, in diesem Jahr noch einen Podcast zu produzieren: die Talksendung „Woher kennen wir uns?“
[Songs des Jahres 2022 damals]
2023: Foo Fighters – Rescued
Omi und Taylor Hawkins sind im selben Jahr gestorben, was insofern besonders tragisch ist, als der Schlagzeuger der Foo Fighters 46 Jahre jünger gewesen war. Dave Grohl hatte zum dritten Mal einen seiner besten Freunde verloren, Monate später seine Mutter. Ob das der Beginn einer etwas verspäteten midlife-crisis war, in deren Verlauf jene Tochter entstand, die „außerhalb meiner Ehe“ geboren wurde, wie er auf Instagram schrieb, vermag ich nicht zu beurteilen — es war zumindest der Auslöser, „But Here We Are“ aufzunehmen, das beste Foo-Fighters-Album seit fast 25 Jahren, auf dem er wieder einmal Trauer in Wut verwandelt und umgekehrt.
„Rescued“ ist einer der ersten Songs, den ich in meiner kleinen Musiksendung spiele, die ich in einem Anfall besonderer Geistesgegenwart auch „Coffee And TV“ genannt habe. Sie ist das, worauf ich Jahrzehnte lang gewartet hatte: die Möglichkeit, Songs in einem Podcast zu spielen, ohne in einem kostspieligen Bürokratiegewitter namens „GEMA“ unterzugehen. Das Ergebnis kann man zwar nur beim finsteren Tech-Konzern Spotify hören, aber entscheidender ist für mich eh, sowas überhaupt machen zu können. Aber wie so oft mit den schönen Dingen im Internet: Nur ein Jahr später zieht Spotify den Stecker und schafft die Möglichkeit, solche Musiksendungen zu bauen, direkt wieder ab.
„But Here We Are“ wird auch 2024 wieder für mich da sein: Als meine geliebte Tante Dörte stirbt, eine großartige Grundschullehrerin, höre ich den Song, den Dave Grohl für seine verstorbene Mutter Virginia geschrieben hat, die ebenfalls Lehrerin gewesen war: „The Teacher“.
2024: Ezra Collective feat. Yazmin Lacey – God Gave Me Feet For Dancing Das ist mir in all den Jahren auch noch nicht passiert, dass ich – trotz aller Playlisten, Notizen-Apps und Zettel – beim Zusammenstellen der „Alben“ oder „Acts des Jahres“ ein Album bzw. einen Act komplett vergesse. Ob’s am Alter liegt oder dem schon erwähnten Überangebot?
Immerhin habe ich hier die Gelegenheit, den Fehler schnell halbwegs wettzumachen: „God Gave Me Feet For Dancing“ von Ezra Collective und Yazmin Lacey. Ezra Collective sind eine Jazz-Fusion-Band aus London, die Elemente aus Afrobeat, Calypso, Reggae, Hip-Hop, Soul und Jazz verbinden und deren Songs bei BBC Radio 6 Music, meiner aktuellen Hauptquelle für neue Musik, rauf und runter läuft. Es ist diese Musik, die ich mit dem leichtfüßigen Sommer 2024 verbinde, als wir alle denken, dass Kamala Harris US-Präsidentin werden wird, und die Olympischen Spiele in Paris ein Gefühl von Hoffnung, Zuversicht und Gemeinschaft vermitteln, das wir so lange vermisst hatten. Sich ein paar Monate später über die eigene vermeintliche Naivität lustig zu machen, wäre aber auch zynisch.
[Songs des Jahres 2024 von „damals“]
Epilog „Am Ende wird alles okay sein — und wenn es nicht okay ist, ist es nicht das Ende“, hat der brasilianische Autor Fernando Sabino geschrieben und Weezer nannten ihr 2015er Album „Everything Will Be Alright In The End“. „Schwimm für die Songs, die noch geschrieben werden“, hat Marcus Wiebusch von kettcar auf seinem Soloalbum gesungen — und dabei Andrew McMahon referenziert. Alles hängt immer mit allem zusammen.
Social Media ist, spätestens seit sich die Tech-Oligarchen um Donald Trump scharen, ein dumpster fire, das unsere Seelen und Gehirne verzehrt. Doch das hier sind nur die ersten 18 Jahre und die ersten 18 Songs. Coffee And TV ist mein Zuhause und ich plane zu bleiben, mein Freund.
Denn wie sang einst Graham Coxon in jenem Blur-Song, dessen Titel wir uns damals einfach gemopst haben?
Take me away from this big bad world
And agree to marry me
So we can start over again
(Auf das mit dem Heiraten würde ich nach den oben erwähnten Erfahrungen allerdings gerne verzichten.)
Dieses kleine Popkultur-Blog wird in zehn Tagen volljährig (wait for it!) und weil wir so ein kreativer Laden sind und weil wir finden, dass es in diesen Zeiten dringend notwendig ist, schöne Dinge hervorzuheben, haben wir uns ein neues Format ausgedacht: 5 Songs, die Ihr im Januar gehört haben solltet!
Hier klicken, um den Inhalt von www.youtube-nocookie.com anzuzeigen.
Natürlich gibt es auch weiterhin unser beliebtes CTV-Mixtape mit den 5 Songs aus dem Video und vielen weiteren. Dieses Mal u.a. dabei: Neue Songs von Thursday, Heather Nova und Travis, ein Radiohead-Cover von Blossoms und Klassik vom südafrikanischen Cellisten Abel Selacoe. Philine Sonny ist natürlich genauso vertreten wie das Grand Hotel van Cleef — diesmal mit Amos The Kid.
10. Pet Shop Boys
31 Jahre, nachdem sie mit „Go West“ in mein Leben getreten waren (und damit lange, bevor ich um Begriffe wie „queer“ wusste), haben die Pet Shop Boys ihr 15. Studioalbum veröffentlicht. „Nonetheless“ (Parlophone; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) heißt es – „Nichtsdestotrotz“, was für ein schönes Wort! – und es zählt im Gesamtwerk zu den eher melancholischen Alben. Ansonsten machen Neil Tennant und Chris Lowe einfach weiter genau ihr Ding: Es geht um Liebe und Nachtleben, aber ebenso selbstverständlich um die ZDF-Hitparade und einen von Donald Trumps Bodyguards. Natürlich. Immer wieder erkennt man Versatzstücke aus älteren Songs, aber das ist ja Teil des Gesamtkunstwerks, wie wir spätestens seit „DJ Culture“ (dem PSB-Song von 1991, nicht dem Buch von Ulf Poschardt) wissen. Persönlicher Höhepunkt: Ich durfte für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ über das Album schreiben, jenes Blatt, in dem ich noch als Schüler über die Band gelesen hatte.
9. Vanessa Peters
Bevor Mark Zuckerberg beschloss, Instagram zur weiteren Zersetzung der Demokratie zu nutzen, konnte man dort tatsächlich Musik entdecken: Acts haben kleine Clips aus ihren Musikvideos als Werbung geschaltet und die gleichen Algorithmen, die mich jetzt von den Vorzügen des Faschismus überzeugen sollen (Vergiss es, Pudel!), haben mir dann überraschend präzise Songs vorgespielt, die mich sofort überzeugt haben. So bin ich jedenfalls 2021 auf die Amerikanerin Vanessa Peters und ihr Album „Modern Age“ aufmerksam geworden und seitdem verfolge ich ihr Schaffen. Damals hatte ich geschrieben: „Als hätten Aimee Mann, Suzanne Vega und Kathleen Edwards eine Supergroup gegründet.“ Das gilt immer noch und ich meine es als eines der höchsten Komplimente, denn auch „Flying On Instruments“ (Idol Records; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) ist wieder ein Americana/Folk-Album, das mich an die besten Seiten der amerikanischen Kultur erinnert. Also an das Gegenteil von Mark Zuckerberg.
8. Maro
Maro ist immer das Beispiel, das ich bringe, wenn ich erklären will, dass der Eurovision Song Contest längst keine alberne Quatsch-Veranstaltung voll Eurodance-B-Ware ist (das war er in dieser Absolutheit noch nicht mal in den 1980er bis 2000er Jahren), sondern ein Musikfestival im klassischsten Sinne: Natürlich hätte ich auch auf anderen Wegen (das Internet existiert ja) von der jungen Musikerin mit dem bürgerlichen Namen Mariana Brito da Cruz Forjaz Secca und der wunderbar verschlafenen Stimme erfahren können, aber ihr Auftritt in Turin 2022 war dann doch ein ganz besonders beeindruckender Kennenlernmoment. Ende September habe ich sie endlich wieder live gesehen, durchaus angemessen im Konzerthaus Dortmund, und es war eines der schönsten, umarmendsten Konzerte, das ich je besucht habe. Wie junge Acts das so machen, hat sie während des ganzen Jahres immer wieder Songs herausgebracht, u.a. mit Parcels, vor allem aber mit dem Musiker Nasaya, der auf der französischen Insel Reunion im indischen Ozean aufgewachsen ist, wie Maro das Berklee College of Music besucht hat, und mit dem sie 2021 schon mal eine ganze EP mit vier Songs veröffentlicht hatte. Das gemeinsame Album „Lifeline“ (Secca Records; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music) kam erst am 15. Januar raus, aber das bedeutet ja nur, dass Maro auch 2025 wieder zu meinen Acts des Jahres gehören kann.
7. Joy Oladokun
Auf das Musikjahr 2023 haben wir ja in einer gemeinsamen Sendung zurückgeschaut. Deswegen gibt es keine persönliche Bestenliste, die ich jetzt verlinken kann, und auf der Joy Oladokun mit ihrem Album „Proof Of Life“ meinen Platz 1 belegt hätte. Das wird nicht der Hauptgrund sein, warum sie 2024 direkt das nächste Album, ihr fünftes, veröffentlicht hat, aber auch „Observations From A Crowded Room“ (Amigo Records; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music) ist wieder verdammt gut geworden. Sie macht sich Gedanken über den gesellschaftlichen Zusammenhalt und Fortschritt, sie singt über die Kraftanstrengungen, überhaupt aufzustehen und weiterzumachen — und all das hat so viel Groove, so viel schöne Melodien und so viele Gospel-Chöre, dass einen diese vermeintlichen Widersprüche ganz aufwühlen. Aber war das bei Marvin Gaye, Sam Cooke oder Aretha Franklin anders?
6. MJ Lenderman
Manchmal gibt es ja so Namen und Alben, von denen man so oft in verschiedenen Zusammenhängen liest, dass man sie einfach hören muss: Das vierte Soloalbum von MJ Lenderman war so eins und das Überraschende war eigentlich nur, dass es nach vielen Jahren mal wieder ein Indierock-Album war, über das so viele Leute sprachen — und dass es mir dann auch noch gefiel! „Manning Fireworks“ (Anti; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) klingt, als würde ich es schon mein halbes Leben kennen. Oder, anders: So, wie wenn The Get Up Kids und The Weakerthans sich vor 20, 25 Jahren in einer Scheune in Montana, in der zufällig noch ein paar Folk-Musiker sitzen, gegenseitig gecovert hätten.
5. Christian Lee Hutson
Ich kann gar nicht mehr rekonstruieren, wie ich zum ersten Mal „After Hours“ von Christian Lee Hutson gehört habe. Ich weiß nur, dass die 3:12 Minuten, die der Song dauert, noch nicht durch waren, als ich ihn meinen engsten Freund*innen schon wärmstens – lass alles stehen und liegen und hör es Dir JETZT an! – ans Herz gelegt hatte. Entsprechend ist es auch mein Song des Jahrs 2024 geworden. Wenn ich Songs so doll liebe, habe ich manchmal Angst vor dem Album, dem sie vorangingen, aber „Paradise Pop. 10“ (Anti; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) löste sogar mehr Versprechen ein, als die Single aufgestellt hatte: Songs wie „Autopilot“, „Water Ballet“ oder besagtes „After Hours“ klingen, wie sich die eigene Bettdecke an einem diesigen, kalten Sonntagvormittag anfühlt. Es gibt Klavierballaden, melancholische Folksongs und etwas lärmendere Folkrock-Nummern für Fans von Elliott Smith, The Weakerthans und Bright Eyes. Jetzt machen also Menschen, die 1990 geboren sind, Musik, wie ich sie 2004 gehört habe.
4. Philine Sonny
Ich weiß nicht, ob man es merkt, aber ich habe einen gewissen Hang zum Lokalpatriotismus. Man müsste mir schon sehr viel Geld bieten, damit ich das Ruhrgebiet oder auch nur Bochum-Ehrenfeld verlasse. Wenn es um Philine Sonny geht, ist es deshalb, als würde der VfL Bayern München schlagen: Sowas ist hier möglich! Und wer wohnt schon in Düsseldorf? Dabei hat das ja alles gar nichts mir mir zu tun und vielleicht auch nur in Teilen mit der Stadt. Im März, jedenfalls, hatte die 23-jährige Musikerin und Songschreiberin ihre zweite EP „Invader“ (Nettwerk; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) veröffentlicht, danach noch jede Menge Singles. Im Herbst begann sie dann ihr nächstes Projekt, bei dem sie Songs in 15 Minuten schreibt, innerhalb weniger Tage aufnimmt und dann so schnell wie möglich veröffentlicht. „So schnell wie möglich“ bedeutet bei einem Label – bei Nettwerk erscheinen auch Angus & Julia Stone, The Paper Kites, Joshua Radin und Great Lake Swimmers – und Streamingdiensten immer noch rund zweieinhalb Monate, aber das ganze Konzept und die Daten im Songtitel verleihen den Songs eine gewisse Unmittelbarkeit. Und ich tue, was ich kann, um Philine Sonny noch berühmter zu machen — zum Beispiel in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ über sie schreiben.
3. Suzan Köcher’s Suprafon
Wenn jemand „psychedelisch“ sagt, denke ich an Pink Floyd, Ölprojektoren und die Generation unserer Eltern, die bekifft auf einem Flokati liegt. Okay, ich komm noch mal rein: Wenn jemand „psychedelisch“ sagt, denke ich an David Lynch, die mittleren Byrds und orangefarbene U‑Bahn-Haltestellen. Habt Ihr die Bilder? Okay, dann kommt jetzt der Soundtrack, denn Suzan Köcher’s Suprafon machen laut eigener Aussage Psychedelia (nur, damit Ihr’s schonmal gehört habt: im Englischen ist das „P“ stumm), aber auch Dream Pop, Krautrock, Disco und Desert Americana. Tatsächlich entstehen in meinem Kopf sofort Filme der Coen Brothers, Wim Wenders und Paul Thomas Anderson; ein Steppenläufer rollt definitiv durch die staubige Landschaft und es ist entweder immer gerade Mittag oder die Zeit kurz nach Sonnenuntergang. Also: Alltag im Bergischen Land, denn Suzan Köcher selbst stammt aus Solingen, ihre Band aus dem Umkreis (und damit ein Strich mehr bei „Ruhrgebiet“). Ihr drittes Album „In These Dying Times“ (Unique Records; Apple Music, Spotify, Amazon Music, YouTube Music, Bandcamp) wäre, wenn es aus den USA käme, überall in den Jahresbestenlisten. So wenigstens bei mir.
2. kettcar
Er habe mehr durch Musik gelernt als durch Bibliotheken, hat Thees Uhlmann mal gesungen (und dabei Bruce Springsteen referenziert) und er hat leicht reden, denn unsere gemeinsamen Buddies von kettcar veröffentlichen auf Grand Hotel van Cleef, dem Label, das sie mit ihm gemeinsam betreiben, ja regelmäßig Alben, deren Songs ganze Bücher ersetzen. So gesehen ist „Gute Laune ungerecht verteilt“ (Grand Hotel van Cleef; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) wieder eine 45-minütige Bibliothek zum Hören: Die brachiale Single „München“ ist ein eigenes, umfassendes Werk über Alltagsrassismus; „Rügen“ referiert die Freude und Nachteile des Eltern-Seins besser als es ein Buch irgendeiner Twitter-Berühmtheit je könnte; „Kanye in Bayreuth“ ist das feuilletonistische Essay über die Schwierigkeit, Werk und Autor zu trennen; „Einkaufen in Zeiten des Krieges“ die vertonte Kolumne über gestiegene Lebensmittelpreise und „Blaue Lagune, 21:45 Uhr“ der Antihelden-Roman, der in Rezensionen mit Tarantino verglichen wird. Dass das alles noch so schön erhebend klingt und man alles mitsingen kann, ist ja das eigentliche Kunststück, aber kettcar lassen es ganz leicht aussehen. Da wartet man auch gerne mal fünf Jahre drauf!
1. Japandroids
2024 war für viele von uns ein schwieriges Jahr, das in der zweiten Jahreshälfte völlig aus der Kurve zu fliegen schien: Donald Trump, AfD, Neuwahlen, dazu immer noch Krieg in der Ukraine und eine ungelöste Klimakatastrophe — und das war nur die Scheiße aus den Nachrichten, die uns alle betraf. Hinzu kamen private Schicksalsschläge und die immer absurder erscheinende Aufgabenstellung, auch noch den sogenannten Alltag bewältigen zu sollen. Am 25. Oktober starb meine geliebte Tante Dörte und ich war wirklich froh, dass ich neben meinem engsten Umfeld auch immer noch Musik hatte. Genau eine Woche zuvor war „Fate & Alcohol“ (schon wieder Anti — Label des Jahres!; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal , YouTube Music, Bandcamp) erschienen, das vierte und vorab schon als solches angekündigte letzte Album der Japandroids. Fragt mich nicht, wie Brian King und David Prowse diesen Sound mit nur einer Gitarre und einem Schlagzeug hinbekommen, denn ich habe sie leider nie live gesehen, aber das ist auch egal, denn für „Fate & Alcohol“ gilt, was Faithless damals in „God Is A DJ“ deklamierten: „This is my church / This is where I heal my hurts“. Wann immer ich vergessen hatte, dass ich am Leben bin, und wie sich das anfühlt, habe ich dieses Album gehört. Und es legte mir sacht seine Hand auf meine Schulter und gemeinsam wussten wir: Ja, unsere Hände sind blau und geschwollen, aber wir können daraus immer noch ein Herz formen (und zwar so wie Millennials, also richtig), eine Faust machen und sie in den Himmel strecken. Die Musik klingt immer noch, als würde sie vom ersten bis zum letzten Ton das Leben feiern, aber anders als auf den ersten Alben nicht aus jugendlicher Ignoranz heraus, sondern aus erwachsenem Verständnis und Trotz: Ja, das Leben enthält auch Enttäuschungen, Trauer und andere Tiefschläge und genau deshalb ist es so wertvoll und wunderschön. Nonetheless. Wenn meine Persönlichkeit zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben ein Album wäre, sie würde so klingen. „For a few hours, it’ll be alright, Baby!“
Keinen neuen Blog-Eintrag mehr verpassen? Wir haben jetzt einen WhatsApp-Kanal und einen Bluesky-Account, wo Ihr auf dem Laufenden bleiben könnt!
Wenn Silvester vorbei ist, beginnt für mich eine Zeit der inneren Anspannung: Ich will unbedingt meine musikalische Rückschau auf das vergangene Jahr abschließen, muss aber auch erstmal den Alltag wieder rebooten. Ich weiß, dass Ihr nicht alle mit den Hufen scharrt und wütend werdet, wenn ich meine Liste später veröffentliche (oder gar nicht, wie in den Jahren, als das Kind ganz klein war und ich mit anderem beschäftigt war), aber irgendwie gehört es für mich ebenso zum Jahresabschluss wie das Abtakeln des Tannenbaums (der auch noch steht).
Beim Durchhören meiner Vorauswahl (ein ausgesprochen komplizierter Prozess, gegen den jede Papstwahl wie ein Kindergartenausflug aussieht) dachte ich immer wieder: „Das war musikalisch ein sehr guter Jahrgang!“ Gleichzeitig habe ich festgestellt, dass ich wirklich wenige Songs in ihrem Kontext gehört habe — also als Teil eines Albums. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich auf zehn Alben komme, die ich öfter als drei Mal gehört habe.
Ein paar Trends waren zu erkennen: Im Vereinigten Königreich kam Drum ’n‘ Bass sowas von zurück (und es interessierte, wie schon in den 1990er Jahren, hierzulande kaum jemanden im Mainstream); es gab überraschend viele junge Bands, die wie The Strokes klangen, eine Band, die für Menschen unter 30 eigentlich eine Oldie-Band sein muss, und ich habe – besonders im Vergleich zu vor 15, 20 Jahren – ziemlich viele Songs dabei, die von Frauen gesungen werden.
Bei vielen Songs habe ich zwar keine Ahnung, wie ich überhaupt auf sie aufmerksam geworden bin, aber sie haben mich dann eben doch über Monate begleitet, bei allem, was man so tut und erlebt. Es wurde aber auch irgendwann beliebig: Bei vielen Songs dachte ich, wenn ich sie im Laufe des Jahres ein paar Mal öfter gehört hätte, hätten sie am Ende auch auf einem einstelligen Rang landen können. Über 100 Songs in der Vorauswahl und fast alle sind gleich gut?
Es gibt also jetzt eine Liste mit 100 Songs (Sorry!). Man kann sie auf Shuffle hören, dann ist sicherlich viel Schönes dabei, aber vor allem die ersten zehn, zwanzig Songs folgen auch einer gewissen Hierarchie:
10. Crowded House – Oh Hi Ich verrate Euch jetzt ein Geheimnis: An mehr als 182 Tagen im Jahr halte ich Neil Finn für einen bedeutenderen Songwriter als John Lennon und Paul McCartney. Etliche der Songs, die er für die gerade mal vier Alben von Crowded House in den 1980er und 90er Jahren geschrieben hat, sind längst Klassiker; „Don’t Dream It’s Over“ ist für mich einer der schönsten Songs aller Zeiten (und wenn man ein Orgelsolo heiraten könnte: Hier würd ich’s tun!) und „Everyone Is Here“, das Album, das er 2004 mit seinem Bruder Tim aufgenommen hat, wäre bei meinen Top 10 für die einsame Insel mit dabei. Seit ein paar Jahren sind seine Söhne Liam und Elroy Teil von Crowded House und zusammen haben sie letztes Jahr das Album „Gravity Stairs“ veröffentlicht. Nicht der ganz große Wurf, aber die Vorab-Single „Oh Hi“ vereint wieder eingängige Melodien mit einem schwerelosen Pop-Arrangement, wie man es von der Band seit knapp 40 Jahren kennt. Ein Klang, so vertraut wie das Wohnzimmer meiner Eltern.
9. Lambrini Girls – Company Culture
Eine englische all girl Punkband, die einen wütenden, kompromisslosen und trotzdem lustigen Song über Sexismus am Arbeitsplatz spielt? Count me in!
8. Bon Iver – Speyside
Ich möchte ehrlich sein: So ganz hab ich nicht alles verstanden, was Justin Vernon nach dem zweiten Bon-Iver-Album „Bon Iver“ gemacht hat. Dieses Gezirpe, die komischen Songtitel, die 42 Gastsänger*innen — aber Vernon war von Anfang an über so viele Zweifel erhaben, dass ich den Fehler natürlich bei mir gesucht habe. Jetzt hat er die Akustikgitarre wiedergefunden und die Drei-Song-EP „SABLE,“ (nur echt in Großbuchstaben, mit Komma und vier Tracks, weil der erste nur Geräusch ist) klingt, als sei sie der noch kleinere Anbau zu der Waldhütte, in der im Winter 2006/07 das Debütalbum „For Emma, Forever Ago“ entstanden ist. „Speyside“ klingt entsprechend, wie nach einer langen Reise wieder zuhause anzukommen.
7. Manic Street Preachers – Decline & Fall Ich bin jetzt seit fast 25 Jahren Fan der Manic Street Preachers; sie haben mich durch die Oberstufenzeit begleitet und politisiert. Ihr letztes richtig gutes Album ist jetzt auch schon vierzehn Jahre alt — und dann ballern sie plötzlich so eine Single raus: eine Piano-Hook wie bei ABBA, Gitarren wie bei Guns ‘n’ Roses und eine Gesangsmelodie, die ungefähr so eingängig ist wie ein gelungenerer Schlager. Der Text handelt davon, im Angesicht einer verfallenden Welt die kleinen Wunder zu feiern — vielleicht ein bisschen fatalistisch für eine Band, die die meiste Zeit ihrer Karriere die kommunistische Weltrevolution anzetteln wollte, aber in Zeiten, in denen sich so viele immer radikaler äußern, ist es auch auf eine Art radikal, das Gegenteil zu tun. Am 31. Januar erscheint dann auch endlich das neue Manics-Album, dessen Titel ebenfalls perfekt in unsere Zeit passt: „Critical Thinking“.
6. Ider – You Don’t Know How To Drive
Wir waren bei Coffee And TV schon große Fans von Ider, bevor das britische Elektropop-Duo überhaupt 2019 sein Debütalbum „Emotional Education“ veröffentlicht hatte. Der Bildspender für den Titel dieser Single ist die männliche Unfähigkeit, sich im Straßenverkehr zu orientieren, aber immer gute Ratschläge zu geben — und das ist nur die erste Strophe, denn die burns werden danach noch viel, viel gemeiner: „I wanna throw your shit in the middle of the street / Really make a big scene and burn your red SG / Delete the files of your solo EP, yeah no one’s gonna hear it now“, singen Megan Markwick und Lily Somerville im Refrain und vielleicht muss man ein paar Musiker im Bekanntenkreis haben, um die Tiefe und Schärfe dieser Zeilen voll würdigen zu können, aber lasst es mich so sagen: Das hier ist die nukleare Option — aber sehr, sehr lustig! Das dritte Ider-Album „Late To The World“ erscheint am 21. Februar; Ende März spielen sie in Hamburg, Berlin und Köln.
5. MJ Lenderman – She’s Leaving You
Ich hätte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass es noch mal einen Act wie MJ Lenderman geben würde: klassischer Indierock, den Menschen zwischen 16 und 61 gut finden und über den eine Zeitlang wirklich alle in meinem Umfeld reden. „You can put your clothes back on / She’s leaving you“ ist kein ganz schlechter Anfang, es wird danach aber noch besser: Es fällt schwer, den Refrain „It falls apart, we all got work to do / It gets dark, we all got work to do“ nicht auf das allgemeine Weltgeschehen zu beziehen — aber was bezieht man dieser Tage nicht darauf? Dabei ist der Song doch eigentlich das „Sie ist weg“ der Generation Z (hoffe ich).
4. kettcar – Auch für mich 6. Stunde
Ja, ja, natürlich: „München“ hatte mehr Wucht, war politischer und wichtiger — so wie damals „Sommer ’89“. Aber kettcar benennen ja nicht nur Probleme, sie haben immer auch Trost dabei: „Ein Bengalo in der Nacht“. So ist „Auch für mich 6. Stunde“, der Opener ihres sehr, sehr guten 2024er Albums „Gute Laune ungerecht verteilt“ vielleicht eher der Zwilling von „Ankunftshalle“ vom Vorgänger „Ich vs. Wir“: Ja, da ist ganz schön viel Scheiße in der Welt, aber wir müssen da nicht alleine durch. Und das ist für mich dann die noch schönere Botschaft, getragen von diesem wunderbaren Snow-Patrol-Arrangement.
3. Philine Sonny – In Denial
Dafür, dass sie erst seit wenigen Jahren Musik veröffentlicht, gehört Philine Sonny schon sehr deutlich zu unseren Lieblings-Acts. Okay: Sie wohnt ja auch in Bochum, aber das hier ist mehr als Lokalpatriotismus, das ist „Ich fänd’s auch geil, wenn es aus den USA käme und bei All Songs Considered und Pitchfork vorgestellt würde“. Im März erschien ihre EP „Invader“, darauf auch „In Denial“, ein langjähriger fan favorite bei den Konzerten. Dieses „Somebody out there“ muss man mal live erlebt haben, wie das Publikum es mitsingt.
2. Japandroids – Positively 34th Street
Kann man mit über 25 noch glaubhafte Liebeslieder schreiben? Ben Folds war 34, als er „The Luckiest“ aufnahm; Marcus Wiebusch 43 bei „Rettung“. Also: Ja. Brian King ist 41, als das finale Album seiner Band Japandroids erscheint. „Positively 34th Street“ ist nicht nur ein Verweis auf Bob Dylan, es ist auch eines der erwachsensten Liebeslieder, das ich je gehört habe. Und eines der schönsten. Wie man auch nach Jahren, nach all dem Chaos, das wir „Leben“ nennen, noch an eine Person von früher denken kann; wie man es noch mal versucht, immer wieder hadert und zweifelt und die Geschichte vielleicht doch noch gut ausgeht, zumindest aber erstmal überhaupt noch anfängt, das ist schon grandioses, lebensnahes Songwriting. Und das alles in diesem klassischen Hüsker-Dü-treffen-Bruce-Springsteen-Sound, den Japandroids über ihre vier Studioalben gepflegt haben: Dieser Song ist das Gegenteil von midlife crisis, von Porsche, Goldkettchen und die Demokratie zerstören. So klingen Männer, die es irgendwie doch noch geschafft haben; geschunden zwar, aber im Einklang mit sich und ihren Gefühlen.
1. Christian Lee Hutson – After Hours
Seit dem Release Anfang Juli lag ich meiner gesamten peer group in den Ohren, dass sie sich bitte, unbedingt, keine Zeit zu Warten, diesen Song anhören sollen. Nein: müssen! „After Hours“ klingt, als würde ich es seit 25 Jahren kennen, aber ich kann nicht genau sagen, an was mich Stimme und Musik erinnern: Nick Drake? Nein. The Weakerthans? Auch nicht. Vor allem war Christian Lee Hutson vor 25 Jahren gerade acht und hat (hoffentlich, denn das Wort „fuck“ kommt auch drin vor) noch nicht solche Songs geschrieben. Refrains gibt’s keine, dafür Strophen, die sich frei assoziativ von Spätis im Himmel über die Schauspielerin Catherine O’Hara bis zur Feststellung „The good stuff is behind a paywall“ erstrecken. Es war ein wildes Jahr für mich, vor allem in der zweiten Hälfte, aber dann war dieser Song immer für mich da, der sich anfühlt wie in der warmen Badewanne einzuschlafen (Vorsicht bitte!). Einatmen, ausatmen. „It’s crazy I know, I’ve got nowhere to go / But up here, I wear my seatbelt“.
Keinen neuen Blog-Eintrag mehr verpassen? Wir haben jetzt einen WhatsApp-Kanal und einen Bluesky-Account, wo Ihr auf dem Laufenden bleiben könnt!
Ja: Ich bin ein bisschen spät dran, aber die Feiertage, die Ferien und ein paar Computerprobleme haben mich aufgehalten.
Aber jetzt ist es endlich da: Mein Dezember-Mixtape, mit Songs, die ich in den letzten Wochen so gehört und für gut befunden habe. Dabei sind Tiny Moving Parts, in deren Album „Deep In The Blue“ ich mich gerade ein bisschen verliebt habe, Andrew W.K. und Kendrick Lamar, aber auch Maro, Paenda und Art School Girlfriend, die Ihr als aufmerksame Hörer*innen unserer leider eingestellten Musiksendung natürlich schon kennt.
The Zutons, von denen Amy Winehouses „Valerie“ ja im Original stammte, covern nach 17 Jahren „Back To Black“ zurück, der Berliner DJ Dirty Doering sampelt – wenn ich das richtig erkannt habe – ukrainische Folklore und Horsegirl erinnern auf ganz bezaubernde Weise an den „Juno“-Soundtrack.
Viel Spaß! (Und: Ja, die Bestenlisten fürs Jahr 2024 kommen natürlich auch noch!)
Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber die letztenWochen und Monate waren für mich ein bisschen anstrengend. Dann kamen auch noch viele, viele Tage hinzu, an denen es nie richtig hell, aber vor allem früh wieder dunkel wurde, und das schlägt einem ja dann doch alles ein bisschen uncool aufs Gemüt.
Mir hilft in solchen Fällen immer Musik – vor allem natürlich die, die ich eh schon ewig kenne und die meine Laune verlässlich besser macht, aber auch neue. Und letztere hab ich Euch wieder zusammengestellt zu einem kleinen, hoffentlich feinen Mixtape:
Afro-Pop von Barny Fletcher, ein Strokes/Killers/Franz-Ferdinand-Crossover von The Privates aus Nashville, Dreampop von Georgia Gets By und meine Buddies vom Grand Hotel van Cleef sind diesmal mit einem Liebeslied auf Maya Hawke von Shitney Beers vertreten.
Al Green (von dem ich ehrlich gesagt nicht wusste, dass er noch lebt) covert „Everbody Hurts“ von R.E.M., Blossoms aus England verwandeln „I Wanna Dance With Somebody“ von Whitney Houston in eine Indierock-Hymne und wer Thursday mag, wird bei Glasseyed aufhorchen.
Es gibt neue Songs von FKA twigs, Laura Marling und Vanessa Peters, zeitgenössische Klassik von Hannah Peel und Ben Folds, der sein erstes Weihnachtsalbum (acht neue, eigene Songs, nur zwei Cover-Versionen) mit dem phantastischen Titel „Sleigher“ veröffentlicht hat, nimmt uns auf einen Schneespaziergang mit seinem Hund Maurice mit.
Kurzum: Wenn Euch aus dieser Liste so gar nichts gefällt, weiß ich auch nicht weiter!
Im Jahr 1999 erschienen jede Menge Alben, die für unsere Autor*innen prägend waren. Zu ihrem 25. Jubiläum wollen wir sie der Reihe nach vorstellen.
Natürlich hatte ich Dave Grohl als den „Schlagzeuger von Nirvana“ kennengelernt. Natürlich kannte ich die sensationell lustigen Videos zu „Big Me“ und „Learn To Fly“ seiner neuen Band Foo Fighters, auf die mich mein bester Freund aufmerksam gemacht hatte. Natürlich waren – neben The Wallflowers, Jamiroquai, Rage Against The Machine, Michael Penn, Green Day und Ben Folds Five – auch Foo Fighters 1998 auf dem Soundtrack zu Roland Emmerichs „Godzilla“ gewesen und zwei Jahre später – neben Ben Folds Five, Hootie & The Blowfish, Smash Mouth, Third Eye Blind und The Offspring – auf dem Soundtrack zum heute fast vergessenen Jim-Carrey-Film „Me, Myself & Irene“, der mich mit Wilco, Pete Yorn, Ellis Paul und Marvelous 3, vor allem aber mit den Songs von Steely Dan bekannt machte. Das Video zu „Breakout“, das im Sommerurlaub 2000 ständig auf MTV Europe lief, war ja sogar auf den Film abgestimmt.
Ich weiß wirklich nicht, warum es bis in den April 2002 gedauert hat, bis ich wusste, dass ich Foo-Fighters-Fan bin. Ich weiß aber noch sehr genau, wie ich zu dieser Zeit das Video zu „Next Year“ im Musikfernsehen gesehen habe (und das auch nicht zum ersten Mal) und plötzlich so angefixt war, dass ich den Song sofort als illegale MP3 herunterladen und tagelang auf Repeat hören musste. Ich habe sogar die Geburtstagskaffeetafel meiner Schwester verlassen, um zu R&K zu fahren und endlich das dazugehörige Album zu kaufen.
Zwei Tage später war unser letzter Schultag, in der Woche darauf die schriftlichen Abiturprüfungen und danach kam eine Zeit der großen Leere. Was sich anfangs noch wie Sommerferien und verdiente Freizeit nach so vielen Jahren Schule (and don’t get me started about Theodor-Heuss-Gymnasium Dinslaken again!) anfühlte und einer durchgängigen Party glich, füllte sich ganz schleichend mit der zunächst geleugneten Gewissheit, dass sich bald alles ändern würde: Die Mädchen würden zum Studium in andere Städte ziehen, die Jungs ihren Zivildienst beginnen und danach vermutlich auch die Stadt verlassen. Kinderzimmer würden verstauben und umgeräumt werden, Großeltern und Eltern sterben, Leben jetzt erst richtig beginnen. So jung kommen wir nicht mehr zusammen.
„There Is Nothing Left To Lose“ (der Titel schon!) war der perfekte Soundtrack zu dieser Zeit. Dave Grohl wusste, wie sich Abschiede und Umbrüche im Leben anfühlen, er konnte Melancholie in Wut verwandeln und umgekehrt. Es schien, als habe sich das Album extra zweieinhalb Jahre in meinem Blickfeld versteckt, um jetzt ganz und gar für mich da zu sein. Es war das dritte Album unter dem bescheuerten Projektnamen Foo Fighters, aber eigentlich das erste dieser Band als Band: Auf dem Debüt hatte Dave Grohl noch alle Instrumente selbst gespielt, die von ihm für das zweite Album zusammengestellte Band war schnell wieder zerbrochen (es hatte womöglich nicht geholfen, dass Grohl nahezu alle Spuren von Schlagzeuger William Goldsmith neu eingespielt hatte) und jetzt hatte er den Keller seines Hauses in Alexandria, Virginia zum Studio ausgebaut und mit seinem verbliebenen Bassisten Nate Mendel und Taylor Hawkins, dem Schlagzeuger aus der Band von Alanis Morissette, noch einmal ganz neu angefangen.
Wenn Du Schlagzeug lernen willst, hör Dir an, was Taylor Hawkins bei „Generator“, „Aurora“ oder „Next Year“ macht; wie seine Hände wirbeln und gleichzeitig überall zu sein scheinen; wie er Songs voran peitscht, ihnen, den anderen Instrumenten und vor allem Dave Grohls Stimme aber auch immer genug Raum zum Atmen lässt; wie er, nachdem er zwölf Takte einfach nur gerade einen tighten Beat geklopft hat, plötzlich für einen Sekundenbruchteil eine drum roll einflicht, die klingt wie ein auf der Stelle tänzelnder Boxer — und wie der nächste Schlag dann tatsächlich wie ein upper cut kommt, der Dich Sterne sehen lässt.
In Interviews und in seinem phantastischen Memoir „The Storyteller“ erzählt Dave Grohl immer wieder, dass „There Is Nothing Left To Lose“ sein persönliches Lieblingsalbum der Band ist; das, auf das er am stolzesten ist. Es ist eines der wenigen Alben, die ich mir zum Hundertsten Mal anhören kann und die ersten Takte sind immer noch so aufregend wie beim allerersten Hören: Der Opener „Stacked Actors“, der mit trocken knarzenden Gitarren und einem treibenden Schlagzeug beginnt, in den Strophen aber eher wie ein eleganter Steely-Dan-Song vor sich hin wippt. Das schwelgende „Aurora“, nach Ansicht der Band einer der besten Songs, den sie je aufgenommen haben. Das traurig schunkelnde „Ain’t It The Life“, der sich langsam aufrichtende Abschlusssong „M.I.A.“ und natürlich „Learn To Fly“, „Break Out“ und immer wieder „Next Year“.
Der Song ist so untypisch für die Foo Fighters, dass er auf dem ersten „Best Of“ nicht enthalten ist, obwohl er als Single veröffentlicht wurde. Musikjournalisten haben ihn mal als den einen Britpop-Song im Gesamtwerk der Band beschrieben und tatsächlich hat er eine gewisse Ähnlichkeit mit „Whatever“ von Oasis. Noch heute hüpft mein Herz jedes Mal, wenn der Song auf dem Album bei 3:48 Minuten eigentlich schon zu Ende ist, aber mit dem zweitgrößten Drum-Break nach „In The Air Tonight“ zur Ehrenrunde ansetzt.
Als in den Morgenstunden des 26. März 2022 die Nachricht kam, dass Taylor Hawkins im Alter von nur 50 Jahren gestorben war, fühlte es sich an, als wäre jemand aus meinem Umfeld gestorben – nicht unbedingt ein Freund, aber jemand, den ich vom Sehen kannte, den ich von Anfang an mochte und mit dem ich immer mal ein Bier hätte trinken wollen. Natürlich ging ich als erstes ins Wohnzimmer und drehte die Anlage laut auf. Und natürlich war das Album, das ich hörte, „There Is Nothing Left To Lose“.
Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Services erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. VerstandenMehr erfahren
Privacy & Cookies Policy
Privacy Overview
This website uses cookies to improve your experience while you navigate through the website. Out of these, the cookies that are categorized as necessary are stored on your browser as they are essential for the working of basic functionalities of the website. We also use third-party cookies that help us analyze and understand how you use this website. These cookies will be stored in your browser only with your consent. You also have the option to opt-out of these cookies. But opting out of some of these cookies may affect your browsing experience.
Necessary cookies are absolutely essential for the website to function properly. This category only includes cookies that ensures basic functionalities and security features of the website. These cookies do not store any personal information.
Any cookies that may not be particularly necessary for the website to function and is used specifically to collect user personal data via analytics, ads, other embedded contents are termed as non-necessary cookies. It is mandatory to procure user consent prior to running these cookies on your website.