Kategorien
Digital Gesellschaft

Shut Down Volume 2

Ich habe Men­schen, die beruf­lich so etwas wie „Social-Media-Opti­mie­rung“ betrei­ben, schon immer für die Wun­der­hei­ler des 21. Jahr­hun­derts gehal­ten: Da sit­zen sie, in ihren Loft-Büros mit Kicker­tisch und Fixie an der Wand, spre­chen (oder noch schlim­mer: schrei­ben in Slack) über „orga­ni­sche Reich­wei­ten“ wie ande­re Schar­la­ta­ne über „hei­len­de Stei­ne“, und erklä­ren auf Face­book unge­fragt jedem, wie Face­book funk­tio­nie­re und wie nicht.

Seit die­ser Woche wis­sen wir: Wenn sie sich nur genug Mühe geben und ein biss­chen kri­mi­nel­le Ener­gie mit­brin­gen, kann ihr Hokus­po­kus funk­tio­nie­ren. Und plötz­lich wol­len alle ande­ren ihre Face­book-Accounts löschen.

Facebook (Symbolbild).

Face­book und Mark Zucker­berg eig­nen sich dabei natür­lich wun­der­bar als James-Bond-Schur­ken, weil wir alle unse­re Ängs­te auf das Unter­neh­men pro­ji­zie­ren kön­nen. Nie­mand ver­steht so recht, wie das eigent­lich funk­tio­niert, was man da täg­lich nutzt. Das gilt auch für Flug­zeu­ge und Kern­kraft­wer­ke, aber da gibt es Men­schen, die was Ordent­li­ches stu­diert haben und wis­sen, was sie da tun – und meis­tens geht ja auch alles gut. Bei Face­book bin ich mir inzwi­schen sehr unsi­cher, ob Mark Zucker­berg selbst weiß, was da eigent­lich pas­siert. Und wenn dann wei­te­re Schur­ken­ro­man-Moti­ve wie rus­si­sche Hacker, noch dubio­se­re Unter­neh­men mit so geil seri­ös-unse­riö­sen Namen wie „Cam­bridge Ana­ly­ti­ca“ und die Wahl von Donald Trump ins Spiel kom­men, ist die Sci­ence-Fic­tion-Dys­to­pie kom­plett.

Dabei geht es bei Face­book eigent­lich immer um zwei Fra­gen: die daten­schutz­recht­li­chen Beden­ken, die es immer schon gab, bis­her aber ger­ne von den Anwender*innen igno­riert wur­den, und „Was bringt mir das noch außer schlech­ter Lau­ne und täg­li­cher Volks­ver­het­zung?“ Jetzt kommt aber bei­des auf unheil­vol­le Wei­se zusam­men.

In mei­nem Face­book-Feed sind eigent­lich fast nur noch Kolleg*innen, die „was mit Medi­en“ machen und ihre aktu­ells­ten Arbei­ten anprei­sen, und ent­fern­te Ver­wand­te oder frü­he­re Mitschüler*innen, die fröh­lich die Per­sön­lich­keits­rech­te ihrer Klein­kin­der ver­letz­ten, indem sie Fotos von denen online stel­len. Freund*innen und Ver­wand­te, die seriö­se Beru­fe ergrif­fen haben, gucken da immer noch rein, was man an deren Reak­tio­nen auf eige­ne Posts sehen kann, pos­ten aber selbst nichts mehr. Das war mal anders.

Wenn man Face­book jetzt mit dem gro­ßen, roten Knopf abschal­ten wür­de, den ich mir manch­mal wün­sche, wür­den die Leu­te, die mit den Früh­for­men des Inter­nets auf­ge­wach­sen sind, wie­der in ihre IRC-Chan­nels und zu jetzt.de zurück­keh­ren. Die gan­zen Extre­mis­ten ver­schie­dens­ter Coleur, die sich dort rum­trei­ben, wür­den sicher­lich auch schnell eine neue Platt­form fin­den. Aber die­se gan­zen Leu­te zwi­schen 45 und 60, die sich dort ange­mel­det haben, um mit ihren groß gewor­de­nen Kin­dern in Kon­takt zu blei­ben, die Pro­fil­fo­tos vol­ler Rosen oder Motor­rä­der und deut­lich zu viel Tages­frei­zeit haben und des­halb unter jedem Zei­tungs­ar­ti­kel oder Fern­seh­bei­trag kom­men­tie­ren und die Schuld für alles Elend die­ser Welt bei Ange­la Mer­kel und ihrer Flücht­lings­po­li­tik suchen und fin­den, die wür­den dann viel­leicht ein­fach nur noch „Can­dy Crush“ auf ihren Smart­phones spie­len.

Nun ist es sicher­lich so, dass man in man­chen Beru­fen, vor allem in den Medi­en, auf Face­book sein muss – auch, wenn man kein Scha­ma­ne mit Breit­band-Anschluss in der Agen­tur ist. Weil man den Face­book-Auf­tritt des Unter­neh­mens oder der Behör­de befüllt, weil man mit Kun­den oder Bür­gern in Kon­takt tre­ten soll, oder mal schau­en kön­nen muss, „was das Netz so sagt“. Eigent­lich müss­te der Arbeit­ge­ber da zusätz­li­ches Schmer­zens­geld zah­len.

Aber auch pri­vat kann man dem Elend gar nicht so leicht ent­kom­men: Ver­su­chen Sie mal, ohne Face­book und/​oder Whats­App mit einer grö­ße­ren Grup­pe Men­schen (Eltern­rat in der Kita, Ein­la­dung zum Oster­früh­stück, Orga­ni­sa­ti­on von Geburts­tags­ge­schen­ken oder – ger­ne nicht – Jung­ge­sel­len­ab­schie­den) zu kom­mu­ni­zie­ren! Das geht viel­leicht, wenn alle ein iPho­ne haben und iMes­sa­ge nut­zen kön­nen, oder wenn man aus­schließ­lich Nerd-Freun­de hat, die Diens­te wie Three­ma oder Tele­gram nut­zen.

Und Whats­App gehört ja genau­so zu Face­book wie Insta­gram und Face­book selbst. Wenn man da ein­mal einen Haken falsch gesetzt hat, hat man der Fir­ma die Daten all sei­ner Kon­tak­te über­mit­telt. Whats­App funk­tio­niert sowie­so nur noch, nach­dem man das getan hat – und sich damit nach Ansicht vie­ler Daten­schüt­zer und Juris­ten straf­bar gemacht hat, weil man die­se Daten nie­mals hät­te wei­ter­ge­ben dür­fen.

Wel­cher Flucht­punkt bleibt uns noch? Vor drei Wochen war Vero – iro­nisch gebro­chen – das gro­ße Ding. Dahin­ter ste­cken ein liba­ne­si­scher Mil­li­ar­där, der vor­her als Bau­un­ter­neh­mer erfolg­reich wur­de, indem er sei­ne Arbei­ter nicht bezahl­te, und jede Men­ge rus­si­sche Ent­wick­ler, was für vie­le gleich ein Alarm­si­gnal war wegen der rus­si­schen Umtrie­be bei Face­book und Twit­ter. Ande­rer­seits könn­te man sagen: Bei Vero steht wenigs­tens schon „schön dubi­os“ dran.

Wenn Leu­te (ger­ne natür­lich: Journalist*innen) jetzt auf Face­book schrei­ben, man kön­ne Face­book doch nicht ein­fach so hin­ter sich las­sen – die vie­len Lese-Emp­feh­lun­gen, die net­ten Kon­tak­te -, schei­nen sie ver­ges­sen zu haben, dass es mal eine Zeit gab im Inter­net, als wir alle noch nicht bei Face­book unter­wegs waren. Son­dern z.B. in Blogs.

Die­ser Text besteht aus Gedan­ken, die ich mir gemacht habe, bevor ich mit Bre­men Zwei über Face­book gespro­chen habe, die aber nicht alle im Gespräch Platz fan­den.

Außer­dem habe ich heu­te (hof­fent­lich) sämt­li­che Face­book-Inter­ak­ti­ons-Tools aus dem Blog gewor­fen.

Kategorien
Digital Gesellschaft

Straßenbahn des Todes

Dies ist kein Abschied, denn ich war nie will­kom­men
Will auf und davon und nie wie­der­kom­men
Kein Lebe­wohl, will euch nicht ken­nen
Die Stadt muss bren­nen

(Cas­per – Im Asche­re­gen)

Ich hab in die­sem Jahr schon mehr­fach Social-Media-Pau­sen gemacht, die „digi­tal detox“ zu nen­nen ich mich scheue: Als mein Sohn Kita-Feri­en hat­te, wenn wir mal übers Wochen­en­de oder etwas län­ger weg­ge­fah­ren sind, hab ich Face­book und Twit­ter ein­fach aus­ge­las­sen. Zum einen, weil die iPho­nes-Apps im Ver­gleich zur rich­ti­gen Nut­zung (ich bin ver­mut­lich der ein­zi­ge Mensch Mit­te Drei­ßig, für den ein Com­pu­ter mit Bild­schirm, Tas­ta­tur und Brow­ser die „rich­ti­ge“ Anwen­dung ist und ein Smart­phone maxi­mal eine hilf­rei­che Krü­cke für unter­wegs, aber das ist mir – wie so vie­les – egal) ein­fach noch unprak­ti­scher sind (und das will schon was hei­ßen), zum ande­ren, weil ich gemerkt habe, dass Social Media mir schlecht Lau­ne macht.

Jetzt war ich übers Wochen­en­de am Meer, hab gera­de wie­der den Lap­top auf­ge­klappt, kurz in Face­book rein­ge­guckt und schon wäre die gan­ze wun­der­ba­re Erho­lung (Strah­lend blau­er Him­mel, knal­len­de Son­ne und 24 Grad Mit­te Okto­ber! 17 Grad Was­ser­tem­pe­ra­tur! In der Nord­see!) fast wie­der weg gewe­sen.

Und dann traf mich die Erkennt­nis und ich hat­te end­lich einen Ver­gleich bzw. eine Meta­pher für das gefun­den, was mich an Social Media so sehr nervt, dass ich gera­de­zu von „krank machen“ spre­chen wür­de: Es ist, als säße man in der Stra­ßen­bahn und könn­te die Gedan­ken jedes ein­zel­nen Men­schen mit­hö­ren. Da sitzt ein Mann, der gera­de sei­nen Job ver­lo­ren hat und nicht weiß, wie es wei­ter­ge­hen soll. Dort ist eine Frau, die gera­de auf dem Weg in die Kli­nik ist: Ihre Mut­ter hat Krebs im End­sta­di­um. Hier sitzt ein 16-jäh­ri­ges Mäd­chen, des­sen Freund, ihre ers­te gro­ße Lie­be, gera­de Schluss gemacht hat und schon mit einer ande­ren zusam­men ist. Und da drü­ben ein klei­ner Jun­ge, des­sen Hams­ter ges­tern gestor­ben ist.

Natür­lich sit­zen da auch wel­che, denen es gut geht: Eine Fami­lie auf dem Weg in den Zoo. Ein alter Mann, der gera­de sei­nen neu­ge­bo­re­nen Uren­kel besucht hat und sich gleich eine Dose Lin­sen­sup­pe warm­ma­chen wird, sein Leib­ge­richt. Eine jun­ge Frau auf dem Weg zum ers­ten Date – sie weiß es noch nicht, aber sie wird den Mann spä­ter hei­ra­ten und eine glück­li­che Fami­lie mit ihm grün­den. Doch ihre Gedan­ken sind nicht so laut, weil sie nicht immer nur um das eine schlech­te Ding krei­sen, son­dern sie ent­spannt und glück­lich in sich ruhen. Eher das Schnur­ren einer zufrie­de­nen Kat­ze – und damit unhör­bar im Ver­gleich zu dem Geschrei einer Metall­stan­ge, die sich in einem sehr gro­ßen Getrie­be ver­kan­tet hat.

Aber mehr noch: Nicht nur ich kann all die­se Gedan­ken hören – alle kön­nen ein­an­der hören. Und die, die selbst schon völ­lig durch sind, schrei­en dann die ande­ren an: „Sie sind eh unfä­hig, völ­lig klar, dass Sie ent­las­sen wur­den!“, „Inter­es­siert mich nicht mit Dei­ner Mut­ter, jeder muss mal ster­ben!“, „Dum­me Schlam­pe! Was lässt Du Dich auch mit so einem Typen ein? Schlech­ter Män­ner­ge­schmack und kei­ner­lei Men­schen­kennt­nis!“, „Hams­ter sind eh häss­lich und dumm!“

Das ist kein Ort, an dem ich ger­ne wäre. Da möch­te ich nicht mal feh­len.

Und doch set­ze ich mich dem regel­mä­ßig frei­wil­lig aus – oder glau­be, es tun zu müs­sen. Weil ich beruf­lich wis­sen muss, „was das Netz so sagt“. Bei Face­book sieht die Wahr­heit eher so aus: Jour­na­lis­ten­kol­le­gen berich­ten Jour­na­lis­ten­kol­le­gen, was in der Welt so Schlech­tes los ist. „Nor­ma­le“ Men­schen aus mei­nem Umfeld pos­ten schon kaum noch bei Face­book. Und, klar: Es ist die Auf­ga­be von Jour­na­lis­ten, zu berich­ten – auch und vor allem über Schlech­tes. Aber dann doch viel­leicht in einem Medi­um? Face­book war mal als digi­ta­les Wohn­zim­mer gestar­tet, inzwi­schen weiß nie­mand mehr, was es genau sein soll/​will, nur, dass es so gefähr­lich ist, dass es mut­maß­lich durch exter­ne Mani­pu­la­ti­on die US-Wahl mit ent­schie­den haben könn­te. Die wenigs­ten Din­ge star­ten als leicht schram­me­li­ge Wohn­zim­mer-Couch und lan­den als Atom­bom­be.

Und natür­lich: Es sind extre­me Zei­ten. Der Brexit, die US-Wahl, der Auf­stieg der AfD, jetzt die Wahl in Öster­reich – wenn die Offen­ba­rung von der Redak­ti­on des „Eco­no­mist“ geschrie­ben wor­den wäre, kämen dar­in ver­mut­lich weni­ger Scha­fe und Sie­gel vor und mehr von sol­chen Schlag­zei­len. Die letz­ten Tage waren geprägt von immer neu­en Ent­hül­lun­gen über den ehe­ma­li­gen Film­pro­du­zen­ten und hof­fent­lich ange­hen­den Straf­ge­fan­ge­nen Har­vey Wein­stein, des­sen Umgangs­for­men gegen­über Frau­en allen­falls mit denen des amtie­ren­den US-Prä­si­den­ten zu ver­glei­chen sind. Nach zahl­rei­chen Frau­en, die von Wein­stein beläs­tigt oder gar ver­ge­wal­tigt wur­den, mel­den sich jetzt auch vie­le zu Wort, die in ande­ren Situa­tio­nen Opfer von beschis­se­nem Ver­hal­ten wider­li­cher Män­ner gewor­den sind. Und, Spoi­ler-Alert: Es sind vie­le. Ver­dammt vie­le. Mut­maß­lich ein­fach alle.

Auf­tritt wei­te­re Arsch­lö­cher: „PR-Akti­on!“, „Dich wür­de doch eh nie­mand anpa­cken!“, „Habt Ihr doch vor vier Jah­ren schon gepos­tet, #auf­schrei!“ Und wäh­rend man sich mit der Hoff­nung ret­ten kann, dass sich dies­mal viel­leicht wirk­lich etwas ändern könn­te (eini­ges deu­tet dar­auf hin, dass Har­vey Wein­stein tat­säch­lich von jener Hol­ly­wood-Gesell­schaft aus­ge­schlos­sen wer­den könn­te, die sich all­zu­lang in sei­nem Licht gesonnt hat­te), kom­men die nächs­ten Kom­men­ta­re rein und man zwei­felt dar­an, ob da über­haupt noch irgend­wo irgend­was zu ret­ten ist.

Nimm einen ganz nor­ma­len Typen, so wie er im Buche steht
Gib die­sem Typen Anony­mi­tät
Gib ihm Publi­kum, das nicht weiß, wer er ist
Du kriegst das dümms­te Arsch­loch, das man nicht ver­gisst

(Mar­cus Wie­busch – Haters Gon­na Hate)

Es gibt ver­dien­te Kol­le­gen wie Sebas­ti­an Dal­kow­ski, die sich wirk­lich die Mühe machen, denen, die sich nicht für Fak­ten inter­es­sie­ren, wei­ter­hin Fak­ten ent­ge­gen­zu­set­zen. Die all den klei­nen und gro­ßen Scheiß, den die so apo­stro­phier­ten Besorg­ten Bür­ger und ihre media­len Für­spre­cher so von sich geben, gegen­che­cken – und dafür wie­der nur Hass und Spott ern­ten. Für Men­schen wie ihn haben kett­car „Den Revol­ver ent­si­chern“ geschrie­ben, den klu­gen Schluss­song des gran­dio­sen neu­en Albums „Ich vs. Wir“, in dem sie auch die viel­leicht zen­trals­te Fra­ge unse­rer Zeit stel­len: „What’s so fun­ny about peace, love, and under­stan­ding?“

Aber selbst, wenn Sebas­ti­an ein oder zwei Men­schen über­zeu­gen soll­te (was ich, so viel Opti­mis­mus ist durch­aus noch da, ein­fach mal hof­fe), muss ich jeden Mor­gen bei ihm lesen, wel­che Sau jene Leu­te, die Voka­beln wie „Gut­men­schen“ und „Ban­hofs­klat­scher“ ver­wen­den, um damit Men­schen zu bezeich­nen, die noch nicht ganz so viel Welt­hass, Pes­si­mis­mus und Mis­an­thro­pen­tum in ihren Her­zen tra­gen wie sie selbst, jetzt wie­der durchs Dorf getrie­ben haben. Und ich weiß, dass man es als „igno­rant“ und „unpro­fes­sio­nell“ abtun kann, wenn ich all das nicht mehr hören und lesen will, aber: krank und ver­bit­tert nüt­ze ich der Welt noch weni­ger. Ich hab sechs Jah­re BILD­blog gemacht – wenn ich heu­te wis­sen will, was in Juli­an Rei­chelts Kopf wie­der schief gelau­fen ist, kann ich das bei den Kol­le­gen nach­le­sen, die unse­re Arbeit dan­kens­wer­ter­wei­se immer noch wei­ter­füh­ren. Ich muss das nicht zwi­schen den ver­ein­zel­ten Kin­der­fo­tos ent­fern­ter Bekann­ter in mei­nem Face­book-Feed haben. Das gute Leben fin­det inzwi­schen eh bei Insta­gram statt.

Ich woll­te nie gro­ße Ansa­gen machen wie „Ich hab mich jetzt bei Twit­ter abge­mel­det“ – muss ja jeder selbst wis­sen, kann ja jeder hal­ten, wie er/​sie will, wirkt auch immer ein biss­chen eitel. Nur: Face­book und Twit­ter haben mitt­ler­wei­le eine Macht, die ihren Erfin­dern kaum klar ist. Sie kom­men nicht mehr klar mit dem Irr­sinn, der dort abgeht. Und dazu kommt noch der gan­ze Quatsch, dass rich­ti­ge Medi­en ihre Inhal­te dort abkip­pen, um wenigs­tens ein paar Krü­mel abzu­be­kom­men. Natür­lich inter­es­siert es Face­book und Twit­ter kein biss­chen, wenn ihnen ein unbe­deu­ten­der Blog­ger aus Bochum alle ver­füg­ba­ren Mit­tel­fin­ger zeigt, aber: Hey, immer­hin bin ich Blog­ger! Immer­hin hab ich hier ein Zuhau­se im Inter­net. Und wenn mir einer auf den Tep­pich pisst, kann ich ihn acht­kan­tig raus­wer­fen.

Ich weiß, dass Tei­le der Welt immer schlecht waren, sind und sein wer­den – ich brau­che nicht die täg­li­che Bestä­ti­gung. Wie kön­nen es uns hier so gemüt­lich machen, wie es in die­ser Welt (die übri­gens auch ganz vie­le wun­der­vol­le Tei­le hat) eben geht. Und dann hab ich ja auch noch mei­nen News­let­ter.

Ich hab ein Kind zu erzieh’n,
Dir einen Brief zu schrei­ben
Und ein Fuß­ball Team zu sup­port­en.

(Thees Uhl­mann – 17 Wor­te)

PS: Am Meer war es übri­gens wirk­lich wun­der­schön, das kriegt kein Social Media die­ser Welt kaputt!

Gestern am Strand von Scheveningen

Kategorien
Leben

In memoriam Renate Erichsen

Ich schrei­be jetzt seit über 25 Jah­ren: Schul­auf­sät­ze, Lied­tex­te, Dreh­bü­cher, Rezen­sio­nen, Arti­kel, Semi­nar­ar­bei­ten, Blog­ein­trä­ge, Vor­trä­ge, Wit­ze, Mode­ra­tio­nen, News­let­ter, Tweets, … 

Letz­te Woche gab es eine Pre­mie­re, auf die ich auch noch ein paar Jah­re hät­te ver­zich­ten kön­nen: Ich habe mei­ne ers­te Trau­er­re­de geschrie­ben und gehal­ten – auf mei­ne Oma, die heu­te vor einem Monat im Alter von 84 Jah­ren gestor­ben ist.

Ich habe lan­ge dar­über nach­ge­dacht, ob ich dar­über etwas schrei­ben soll, weil es ja nicht nur um mein Pri­vat­le­ben geht, son­dern auch um das mei­ner Oma und mei­ner Fami­lie, des­we­gen will ich nicht ins Detail gehen, aber ande­rer­seits war mei­ne Oma medi­al bis zuletzt fit, hat mein Blog (und ande­re) gele­sen, „Lucky & Fred“ gehört (wes­we­gen ich ihren Tod auch in der letz­ten Fol­ge the­ma­ti­siert habe) und mit uns Enkeln per Tele­gram kom­mu­ni­ziert (Whats­App lief nicht auf ihrem iPad). Außer­dem gab es ja sonst kei­ne Nach­ru­fe auf sie und mut­maß­lich wird man auch kei­ne Stra­ßen nach ihr benen­nen oder ihr Sta­tu­en errich­ten.

Rena­te Erich­sen, die für uns nur Omi Nate war, wur­de 1932 in Ber­lin gebo­ren, wäh­rend des Krie­ges floh ihre Fami­lie nach Feh­marn und ließ sich dann spä­ter in Dins­la­ken (of all places) nie­der. Sie war, wohl auch des­halb, poli­tisch und gesell­schaft­lich sehr inter­es­siert und woll­te von ihren Enke­lin­nen und Enkeln immer wis­sen, wie wir über bestimm­te Din­ge den­ken. 

Die Rena­tio­na­li­sie­run­gen, die in der EU – aber nicht nur dort – in den letz­ten Jah­ren zu beob­ach­ten waren, berei­te­ten ihr gro­ße Sor­gen, poli­ti­sche Strö­mun­gen wie AfD und Donald Trump auch. „Das habe ich alles schon mal erlebt“, sag­te sie dann und es gab kei­ne Zwei­fel dar­an, dass sie das nicht noch mal haben muss­te — und auch nie­man­dem sonst wünsch­te.

Bei einem unse­rer Tele­fon­ge­sprä­che nach dem Brexit-Refe­ren­dum im ver­gan­ge­nen Jahr beklag­te sie sich dar­über, dass so weni­ge jun­ge Men­schen zur Wahl gegan­gen waren — aber auch und vor allem, dass so vie­le alte Men­schen über die Zukunft der Jun­gen abge­stimmt und ihnen damit die Zukunft ver­baut hät­ten. Obwohl sie, wie sie oft erwähn­te, eine klei­ne Ren­te hat­te, stimm­te sie bei Wah­len lie­ber so ab, wie sie es für „die jun­gen Leu­te“ (also: uns) für rich­tig hielt.

All das und eini­ge ande­re Din­ge habe ich ver­sucht, in mei­ne Rede ein­zu­bau­en und dabei fest­ge­stellt, dass das auf ein paar Sei­ten Text gar nicht so ein­fach ist. Klar: Auch in mei­nen jour­na­lis­ti­schen Arbei­ten ist nie Platz für alles, aber die füh­len sich nicht an, als müss­ten sie ein The­ma (oder in die­sem Fall: ein Leben) qua­si „abschlie­ßend“ ver­han­deln.

Vor der Trau­er­fei­er war es auch so, dass ich haupt­säch­lich an mei­ne Rede gedacht habe, was sich einer­seits total ego­is­tisch und fehl am Plat­ze anfühl­te, ande­rer­seits aber eine ganz gute emo­tio­na­le Ablen­kung war — und ich woll­te ja auch, dass die Rede eini­ger­ma­ßen gut und vor allem ange­mes­sen wird.

Ich habe des­halb auch noch mal die Rede gegoo­gelt, die Thees Uhl­mann von Tom­te im Febru­ar 2004 (Wahn­sinn, wie lang das schon wie­der her ist!) auf der Beer­di­gung von Roc­co Clein gehal­ten hat — für mei­ne Zwe­cke nur bedingt hilf­reich, aber auch all die Jah­re spä­ter immer noch groß, gewal­tig und trös­tend. Und bei der Suche bin ich auch auf ein Dop­pel­in­ter­view mit Thees und Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re gesto­ßen, das letz­tes Jahr im „Musik­ex­press“ erschie­nen ist. Die bei­den lie­gen mir ja eh sehr am Her­zen (im Sin­ne von: ich wür­de ohne die bei­den ver­mut­lich gar nicht schrei­ben — oder zumin­dest nicht so, wie ich es jetzt – auch hier, gera­de in die­sem Moment – tue), aber es ist auch so ein schö­nes Gespräch, in dem es auch um beson­de­re Men­schen geht.

Und so erschien mir der Rück­weg aus Dins­la­ken nach Trau­er­fei­er, Urnen­bei­set­zung, Kaf­fee­trin­ken und sehr engem fami­liä­ren Bei­sam­men­sein dann auch der rich­tig Zeit­punkt, um nach Jah­ren mal wie­der „Hin­ter all die­sen Fens­tern“ zu hören, das Album mit dem Tom­te damals in mein Leben gekracht waren und das ich damals ganz oft im Zug von Dins­la­ken nach Bochum und zurück gehört hat­te.

Es war sicher­lich auch den beson­de­ren Umstän­den geschul­det, dass mich das Album noch ein­mal mit­ten ins Herz traf: „Schreit den Namen mei­ner Mut­ter, die mich hielt“, „Das war ich, der den weg­brach­te, den Du am längs­ten kennst“, „Es könn­te Trost geben, den es gilt zu sehen, zu erken­nen, zu buch­sta­bie­ren“, „Von den Men­schen berührt, die an dem Fried­hof stan­den, am Ende eines Lebens“ — ich hät­te mir sofort das gesam­te Album täto­wie­ren las­sen kön­nen.

Die­ses Gefühl, dass da jemand vor inzwi­schen 15 Jah­ren ein paar Tex­te geschrie­ben hat, die etwas mit sei­nem dama­li­gen Leben zu tun hat­ten, und dass die­se Tex­te dann zu ver­schie­de­nen Zeit­punk­ten im eige­nen Leben in einem genau die wun­den Stel­len tref­fen und gleich­zei­tig weh­tun und beim Hei­len hel­fen: Wahn­sinn! Immer wie­der aufs Neue!

Und dann noch mal die liner notes zum Album lesen und immer wie­der nicken und sich ver­stan­den füh­len. Mei­ne Oma hat Zeit ihres Lebens alle Lite­ra­tur ver­schlun­gen, derer sie hab­haft wer­den konn­te — „ich habe mehr durch Musik gelernt, als durch Biblio­the­ken“, sang wie­der­um Thees Uhl­mann auf der fina­len Tom­te-Plat­te.

Im Übri­gen hat sich her­aus­ge­stellt, dass so ein Tod (zumin­dest, wenn er nach einem lan­gen und erfüll­ten Leben kam und die Ver­stor­be­ne sich ange­mes­sen ver­ab­schie­den konn­te) ein viel­leicht etwas absei­ti­ger, aber zuver­läs­si­ger Gesprächs­mo­tor ist. Ich habe jeden­falls in den letz­ten Wochen vie­le sehr gute Gesprä­che mit engen Freun­den, aber auch ganz ande­ren Men­schen geführt.

Die­ser Text erschien ursprüng­lich in mei­nem News­let­ter „Post vom Ein­hein­ser“, für den man sich hier anmel­den kann.

Kategorien
Musik

The District Sleeps Alone Tonight

Guten Mor­gen,

mein Name ist Lukas und ich soll­te eigent­lich längst schla­fen. Aber dann hab ich bei You­Tube ein Video ent­deckt:

Hier kli­cken, um den Inhalt von You­Tube anzu­zei­gen.
Erfah­re mehr in der Daten­schutz­er­klä­rung von You­Tube.

Einer mei­ner Lieb­lings­mu­si­ker covert einen mei­ner Lieb­lings­songs von einer mei­ner Lieb­lings­bands! Das muss ich natür­lich noch gucken und dann …

Hier kli­cken, um den Inhalt von You­Tube anzu­zei­gen.
Erfah­re mehr in der Daten­schutz­er­klä­rung von You­Tube.

Okay: Frank Tur­ner covert noch einen Song von The Hold Ste­ady, aber dies­mal mit einem Band­mit­glied von The Hold Ste­ady! Aber danach kann ich ja …

Hier kli­cken, um den Inhalt von You­Tube anzu­zei­gen.
Erfah­re mehr in der Daten­schutz­er­klä­rung von You­Tube.

Okay: „Con­s­truc­ti­ve Sum­mer“ mag ich aus per­sön­li­chen Grün­den noch ein biss­chen mehr, aber danach soll­te ich …

Hier kli­cken, um den Inhalt von You­Tube anzu­zei­gen.
Erfah­re mehr in der Daten­schutz­er­klä­rung von You­Tube.

What the … ? Frank Tur­ner covert einen Song einer mei­ner ande­ren Lieb­lings­bands!

Hier kli­cken, um den Inhalt von You­Tube anzu­zei­gen.
Erfah­re mehr in der Daten­schutz­er­klä­rung von You­Tube.

Und noch einen! („Plea From A Cat Named Virt­ute“ hal­te ich per­sön­lich ja für einen der bes­ten Tex­te, der je geschrie­ben wur­de – was um so bemer­kens­wer­ter ist, wenn man bedenkt, was mit ande­ren Men­schen pas­siert ist, die Tex­te aus der Sicht einer Kat­ze geschrie­ben haben.)

Hier kli­cken, um den Inhalt von You­Tube anzu­zei­gen.
Erfah­re mehr in der Daten­schutz­er­klä­rung von You­Tube.

ARGH! Gibt es irgend­ei­nen mei­ner Lieb­lings­songs, den Frank Tur­ner nicht geco­vert hat?

Ich muss jetzt wirk­lich aus­ma­chen, aber weil sich der Kreis hier so wun­der­bar schließt:

Hier kli­cken, um den Inhalt von You­Tube anzu­zei­gen.
Erfah­re mehr in der Daten­schutz­er­klä­rung von You­Tube.

Noch ein Song von The Pos­tal Ser­vice, geco­vert von einem noch abso­lut­e­ren Lieb­lings­mu­si­ker.

Gute Nacht!

Kategorien
Musik

One More Night

Es ist jetzt fast auf den Tag genau 15 Jah­re her, dass ich mein Abi-Zeug­nis aus­ge­hän­digt bekam und ins soge­nann­te Erwach­se­nen­le­ben ent­las­sen wur­de. Ein Abi­tref­fen ist nicht ange­setzt (zumin­dest weiß ich nichts davon) und so wer­de ich auch wei­ter nicht wis­sen, was die frü­he­ren Klas­sen­clowns, Ska­ter, Traum­frau­en und Ner­ven­sä­gen heu­te machen – zumin­dest die­je­ni­gen, deren Eltern mei­ne Mut­ter nicht regel­mä­ßig in Dins­la­ken auf dem Wochen­markt trifft. Das ist aber auch okay, denn Nost­al­gie ist ein Gefühl, das ich (wie die meis­ten ande­ren Gefüh­le auch) am Liebs­ten in den eige­nen vier Wän­den aus­le­be.

Oder eben in der aus­ver­kauf­ten Köln­are­na, wo Phil Coll­ins die­se Woche nicht ein, nicht zwei, nicht drei, nicht vier, son­dern fünf Kon­zer­te spielt. Coll­ins ist, wie ich schon ein­mal in einem eher unge­len­ken Blog-Ein­trag zu beschrei­ben ver­sucht habe, der auch erst kna­cki­ge zehn Jah­re alt ist, ein Held mei­ner Kind­heit. Jah­re­lang ging ich als eif­ri­ger, aber fremd­sprach­lich unter­ent­wi­ckel­ter Schlag­zeug-Schü­ler davon aus, der drum fill, also jene Akzen­tu­ie­rung, die einen Über­gang von einem Song­teil (z.B. Stro­phe) zum nächs­ten (z.B. Refrain) mar­kiert, sei nach Phil Coll­ins benannt.

Als Coll­ins die Kon­zer­te (zunächst waren für Köln zwei geplant) im ver­gan­ge­nen Jahr ankün­dig­te, habe ich den Gedan­ken nach kur­zer Über­le­gung ver­wor­fen – hat­te ich mir doch geschwo­ren, dass die 80,40 Euro, die ich im Jahr 2011 für Paul McCart­ney gezahlt hat­te, mei­ne teu­ers­te Kon­zert­kar­te jemals blei­ben soll­ten. Dann saß ich letz­te Woche mit einer Freun­din zusam­men, wir spra­chen über die Kon­zer­te, guck­ten nach wie­der ver­füg­ba­ren Kar­ten und sag­ten uns mit grö­ßen­wahn­sin­ni­ger Selbst­ver­ständ­lich­keit: „Klar, 100 Euro, war­um auch nicht?!“

Erst als wir auf der Auto­bahn Rich­tung Köln sind und die größ­ten Phil-Coll­ins-Hits (also: die, die in eine sieb­zig­mi­nü­ti­ge Auto­fahrt pas­sen) aus den Boxen schal­len, wird mir rich­tig klar, wor­auf wir uns hier ein­ge­las­sen haben: eine pop­kul­tu­rel­le Rück­füh­rung in ein frü­he­res Leben – eines, wo man Kind war, auf dem Wohn­zim­mer­tep­pich lie­gend das hör­te, was die Eltern hör­ten, und Musik noch nicht dem Distink­ti­ons­ge­winn dien­te, son­dern aus­schließ­lich der Unter­hal­tung.

Bereich Arena ab ca. 18 Uhr hohes Verkehrsaufkommen - PHIL COLLINS -

Rund um die Köln­are­na herrscht schon um 18 Uhr gro­ßer Andrang: In lan­gen Schlan­gen ste­hen die Men­schen, um recht­zei­tig … äh, ja: auf ihren num­me­rier­ten Plät­zen sit­zen zu kön­nen. Die größ­te Über­ra­schung ist die, dass wir nicht die Jüngs­ten sind. Ticket­über­ga­be, dann in der angren­zen­den Sys­tem­gas­tro­no­mie essen. Ich füh­le mich wie­der wie 16, als man frei­tags­abends mit Freun­den ins Mul­ti­plex­ki­no am Ein­kaufs­zen­trum der nächs­ten grö­ße­ren Stadt gehen durf­te. (Das kos­tet ja inzwi­schen bestimmt auch genau­so viel.)

Unse­re Plät­ze lie­gen so, dass sie den Ein­druck, hun­dert Euro wert zu sein, ziem­lich gut erwe­cken kön­nen. Auf den LED-Wän­den links und rechts der Büh­ne und auf der Gaze vor der Büh­ne lau­fen Fotos aus allen Lebens- und Schaf­fens­pe­ri­oden des Künst­lers und ich den­ke zum wie­der­hol­ten Male, dass die Ähn­lich­keit zwi­schen ihm und Fran Hea­ly zu jeder Zeit gege­ben war.

Schlag Acht geht die Wer­bung auf dem Video­wür­fel unter der Hal­len­de­cke aus, kurz dar­auf auch die Saal­be­leuch­tung und schließ­lich schlurft der leib­haf­ti­ge, 66-jäh­ri­ge Phil Coll­ins mit einem Krück­stock auf die Büh­ne und setzt sich, wäh­rend sich wei­te Tei­le des Publi­kums erho­ben haben, auf einen Stuhl am Büh­nen­rand. An der Stirn hat er ein gro­ßes Pflas­ter, nach­dem er letz­te Woche in Lon­don im Hotel­zim­mer gestürzt war und zwei Kon­zer­te ver­schie­ben muss­te. „My back hurts, my leg is fucked“, erklärt er, und eigent­lich habe er das alles nicht mehr machen wol­len: „But I missed you so much!“ Das könn­te man jetzt unter klas­si­schem Kon­zert­ge­schmei­chel abtun, aber dann denkt man dar­an, dass der Mann nach sei­ner „Pen­sio­nie­rung“ in sei­nem Schwei­zer Domi­zil vor lau­ter Lan­ge­wei­le ein Alko­hol­pro­blem ent­wi­ckelt hat­te, und man will, nein: muss ihm ein­fach glau­ben!

In die­sen Aus­tausch von Herz­lich­kei­ten hin­ein per­len die ers­ten Kla­vier­tö­ne und es wird direkt klar: Hier wer­den heu­te Abend kei­ne Gefan­ge­nen gemacht, hier wird gleich mal mit dem Rie­sen­hit „Against All Odds“ eröff­net. Die Band steht, für das Publi­kum immer noch unsicht­bar, hin­ter der Gaze und als das Schlag­zeug ein­setzt, wird der Drum­mer von hin­ten so ange­strahlt, dass sein Schat­ten rie­sen­groß über dem sit­zen­den Phil Coll­ins erscheint – was als irgend­wie ver­dreh­te Meta­pher ganz, ganz wun­der­voll ist, denn der Drum­mer ist des­sen 16-jäh­ri­ger Sohn Nicho­las.

Dann geht der Vor­hang hoch, man sieht die Band und die Mess­lat­te wird mit „Ano­ther Day In Para­di­se“ noch mal ein biss­chen höher gelegt. Die­ser Song ist – neben Tina Tur­ners „The Best“ und Miles Davis‘ „Human Nature“-Cover – für mich der Klang elter­li­cher Geburts­ta­ge, an denen wir lan­ge auf­blei­ben und den Erwach­se­nen mit unse­rer Anwe­sen­heit auf die Ner­ven gehen durf­ten. Ja, ich habe Paul McCart­ney „Hey Jude“ sin­gen gese­hen, Rob­bie Wil­liams „Angels“ und a‑ha „Take On Me“, aber das war alles höchs­tens das Warm-Up für die emo­tio­na­le Über­for­de­rung, die nun ein­setzt, und der ich nur zu begeg­nen weiß, indem ich schnell den Refrain auf dem iPho­ne mit­fil­me und an mei­ne gan­ze Fami­lie schi­cke.

Die Stim­mung wird ein wenig run­ter­ge­kühlt mit „One More Night“ und „Wake Up Call“, einem Song aus dem Spät­werk „Testi­fy“, das, wie eine Akkla­ma­ti­on in der Hal­le ergibt, fünf oder sechs Men­schen gekauft haben – „but don’t worry: I did­n’t buy your records, eit­her!“ Und dann: „Fol­low You Fol­low Me“, der gro­ße Gene­sis-Hit. Auf den LED-Wän­den sind Sze­nen aus allen Epo­chen der Band (inkl. Peter Gabri­el) zu sehen und es fühlt sich ein biss­chen beru­hi­gend an, dass ich nicht zur Mehr­heit der Men­schen hier in der Hal­le gehö­re, die die­ser Song jetzt an die damals so genann­ten „Feten“ in den Kel­lern ihrer Eltern­häu­ser erin­nert, son­dern ich ihn schon auf einem Oldie-Sam­pler ken­nen­ge­lernt habe.

Die nächs­ten Minu­ten ver­brin­ge ich damit, mir eine Mei­nung über das zu bil­den, was bei einem Kon­zert in gewis­ser Wei­se das Wich­tigs­te sein könn­te: die Musik. Man­che Songs klin­gen tight und per­fekt ein­ge­spielt (wei­te Tei­le der Band spie­len schon min­des­tens dop­pelt so lan­ge mit Phil Coll­ins, wie Drum­mer Nicho­las auf der Welt ist), ande­re schlep­pen und zer­fa­sern so, dass sie fast aus­ein­an­der zu fal­len dro­hen. Akus­tisch macht die Köln­are­na ihrem schlech­ten Ruf wie­der alle Ehre: kennt man den Text eines Songs, geht’s, kennt man ihn nicht, ver­steht man kein Wort.

Aus mir per­sön­lich nicht ver­ständ­li­chen Grün­den singt Coll­ins auch „Sepa­ra­te Lives“, einen Song, der sei­nen Ruf als pop cul­tu­re pun­ching bag mit­be­grün­det haben dürf­te: chee­sy, auf das aus­ge­legt, was unse­re Eltern „Klam­mer­blues“ nann­ten, und bei aller Lie­be einer sei­ner schlimms­ten Songs – und das, obwohl er ihn gar nicht selbst geschrie­ben hat. Nach „Only You Know And I Know“ geht’s in die zwan­zig­mi­nü­ti­ge Pau­se: „You might need to go the bath­rooms and we will do the same!“

Mei­ne Beglei­tung nutzt die Zeit, um das Mer­chan­di­se zu inspi­zie­ren: T‑Shirts für 30 und Pull­over für 50 Euro erschei­nen einem für ein Are­na-Kon­zert bei­na­he ange­mes­sen.
„Kei­ne Drum­sticks?“, fra­ge ich ent­täuscht. „Für Phil Coll­ins signa­tu­re drum­sticks wür­de ich heu­te Abend jeden Preis bezah­len!“
Schnitt: Zwei jun­ge Frau­en keh­ren in unse­ren Block zurück, in ihren Hän­den jeweils ein Paar Drum­sticks.

Ich fra­ge mich, ob Nicho­las Coll­ins auch mit den Stö­cken trom­meln muss, auf denen die Unter­schrift sei­nes Vaters prangt. Nach der Pau­se darf er in einem aus­führ­li­chen Duett mit Per­cus­sio­nist Luis Con­te jeden­falls noch mal ohne jedes Bei­werk zei­gen, was er so drauf hat. Das hät­te ich ver­mut­lich auch nicht hin­be­kom­men, wenn ich mei­nen Schlag­zeug­un­ter­richt damals ernst genom­men hät­te. Aber wenn ich mei­nen Bio­lo­gie­un­ter­richt ernst genom­men hät­te, könn­te ich jetzt etwas über „Ver­er­bungs­leh­re“ schrei­ben.

Bei „You Know What I Mean“ beweist Nicho­las, dass ein Coll­ins natür­lich mehr als nur ein Instru­ment beherrscht: er spielt die Bal­la­de am Kla­vier, sein Vater, der ver­mut­lich nie mehr irgend­ein Instru­ment wird spie­len kön­nen, sitzt dane­ben und singt und als Nic Phil danach im tosen­den Applaus umarmt und auf die Glat­ze küsst, muss ich mich weg­dre­hen und zu den Wor­ten „Ent­schul­di­gung, ich hab auch einen Sohn“ hek­tisch vor mei­nem Gesicht her­um­we­deln.

Über­haupt kann man sich an die­sem Abend ja kein Stück frei­ma­chen von der gan­zen sto­ry, die hier per­ma­nent mit­schwingt: dass das hier eben Come­back und Abschied zugleich ist, weil es – zumin­dest Stand heu­te Abend – eher unwahr­schein­lich erscheint, dass Phil Coll­ins sich das alles noch mal antun wird. Er ist zwar „Not Dead Yet“, wie Tour und Auto­bio­gra­phie hei­ßen, aber eben auch eher das Gegen­teil eines Mick Jag­ger, der mit 182 Jah­ren immer noch über die Büh­ne gockelt. Man ver­zeiht ihm des­halb, wenn die Stim­me mal nicht mehr ganz so frisch klingt (was aber sel­ten pas­siert), wenn die Band einen tau­send Mal gehör­ten Hit eine Spur zu lang­sam anstimmt, und auch, dass sich die Pro­du­zen­ten der Show in der zwei­ten Hälf­te dafür ent­schie­den haben, auf der Büh­ne eine Art „Wet­ten, dass..?“-Atmosphäre (aus den Frank-Elst­ner-Jah­ren) zu simu­lie­ren: Hin­ter der Büh­ne weht ein ocker­ner Vor­hang, der so ver­mut­lich immer noch in der Stadt­hal­le Böb­lin­gen hängt, die Lich­ter strah­len in Oran­ge und Gelb.

Und dann, nach all den Hits, end­lich der Hit: ange­schlos­sen an ein gefühlt acht­mi­nü­ti­ges Intro beginnt der Roland CR-78 zu zir­pen und der Saal atmet tief durch. „In The Air Tonight“. Alle sin­gen mit, fast alle ste­hen und natür­lich war­ten alle nur auf die­sen einen Moment, der auf der Album­ver­si­on nach 3:41 Minu­ten kommt – der ver­mut­lich berühm­tes­te drum break aller Zei­ten. Es ist dann letzt­lich: ein Takt, zehn Schlä­ge, wahn­sin­nig viel Licht – und es geht wei­ter. Manch­mal kommt es in der Pop­mu­sik, wie im Leben, aber auf die­sen einen Moment an.

Danach bewegt sich – um mal eine beson­ders schie­fe Meta­pher zu ver­wen­den – das Hit-Feu­er­werk auf die Ziel­ge­ra­de: „You Can’t Hur­ry Love“, „Dance Into The Light“, „Invi­si­ble Touch“, „Easy Lover“ und „Sus­su­dio“, dem man an die­sem Abend ein­fach mal ver­zeiht, dass es ein ziem­lich dum­mer Song ist; im Wesent­li­chen ein schlecht umla­ckier­tes „1999“ von Prin­ce, des­sen Fahr­ge­stell­num­mer nur not­dürf­tig raus­ge­feilt wur­de. Dafür gibt es bun­tes Kon­fet­ti und alle tan­zen!

Zur ers­ten Zuga­be, dem Vera-Lynn-Cover „If You Love (Real­ly Love Me)“ steht Coll­ins ange­lehnt ans Kla­vier, danach schließt der Abend mit einem aus­gie­bi­gen „Take Me Home“. Als die Hal­len­be­leuch­tung angeht, ist es 22.47 Uhr. Die Drum­sticks kos­ten 20 Euro – ein nicht völ­lig absur­der Preis, den ich hier und jetzt natür­lich ger­ne zah­le. Wir brau­chen ewig, um zu unse­rem Auto zu kom­men, und noch län­ger, um damit das Park­haus zu ver­las­sen. Heu­te waren wir fünf Jah­re alt. Und 16. Und erwach­sen.

Kategorien
Musik

Nah dran

Ich bin jetzt in einem Alter, in dem die meis­ten Men­schen neue Musik nur noch über das Radio wahr­neh­men. Beruf und Fami­lie ver­hin­dern eine nähe­re Aus­ein­an­der­set­zung und man muss auch erken­nen, dass das bei vie­len Leu­ten eigent­lich nie anders war: Die haben halt immer schon gehört, was in den Charts war oder was die Peer Group gehört hat – und das ist ja auch total okay, denn wenn sich alle Leu­te der­art in Musik und Pop­kul­tur ver­lie­ren wür­den, käme ja nie­mand mehr zum Arbei­ten und Kin­der erzie­hen.

Obwohl ich mich bemü­he, mit den allen aktu­el­len Ver­öf­fent­li­chun­gen mit­zu­hal­ten, höre ich dann doch meis­tens nur die neu­en Alben der Künst­ler, die mich schon lan­ge beglei­ten: Mei­ne meist­ge­hör­ten CDs im letz­ten Jahr waren die neu­en von Weezer und Jim­my Eat World. Die­ses Jahr habe ich mit Sam­pha und Storm­zy immer­hin schon zwei Debüt­al­ben gehört, aber aktu­ell auf hoher Rota­ti­on ist ein Künst­ler, der mich seit fast 15 Jah­ren beglei­tet: Andrew McMa­hon.

Andrew McMahon In The Wilderness - Zombies On Broadway (Albumcover)Ich habe schon ange­sichts des ers­ten Andrew-McMa­hon-In-The-Wil­der­ness-Albums ver­sucht, das beson­de­re Ver­hält­nis zu beschrei­ben, dass ich zu ihm und sei­ner Musik – zuvor in den Bands Some­thing Cor­po­ra­te und Jack’s Man­ne­quin – habe. Andrew McMa­hon könn­te auch ein Album vol­ler Wea­ther-Chan­nel-Jin­gles ver­öf­fent­li­chen und ich wür­de es rauf und run­ter hören – was ganz prak­tisch ist, denn „Zom­bies On Broad­way“ ist bei­na­he ein Album vol­ler Wea­ther-Chan­nel-Jin­gles gewor­den.

Offen­bar hat er viel mit sei­nen Kum­pels von fun. rum­ge­han­gen, denn „Zom­bies“ setzt noch mehr auf gro­ßen, gro­ßen Pop als die Ver­öf­fent­li­chun­gen davor: Key­board­flä­chen, Chö­re, pro­gram­mier­te Beats, vie­le Pau­ken (aber weni­ge Trom­pe­ten). Unge­fähr jeder der zehn Songs auf dem Album klingt, als wol­le sich Andrew McMa­hon als ESC-Kom­po­nist bewer­ben – im Posi­ti­ven, wie im Nega­ti­ven. Nur wenig erin­nert noch an Some­thing-Cor­po­ra­te-Kra­cher wie „Only Ashes“ oder „If You C Jor­dan“ oder einen Jack’s‑Mannequin-Song wie „The Mixed Tape“ (gut: da hat auch Tom­my Lee getrom­melt) – außer natür­lich Andys Stim­me (die über die Jah­re deut­lich siche­rer und vol­ler gewor­den ist), die unwi­der­steh­li­chen Melo­dien und die sanf­te Melan­cho­lie, die in jedem Song irgend­wo durch­scheint.

Der Sprech­ge­sang des Ope­ners „Brook­lyn, You’­re Kil­ling Me“ klopft bei Twen­ty One Pilots an, ohne deren Ori­gi­na­li­tät und Viel­sei­tig­keit zu errei­chen. „Don’t Speak For Me“, des­sen Intro gar an die schreck­li­chen Chains­mo­kers erin­nert, war laut Andys Aus­sa­ge ursprüng­lich für eine/​n andere/​n Künstler/​In gedacht – und es ist ange­sichts des Sounds nicht ganz abwe­gig, dass das jemand wie Tay­lor Swift oder Sele­na Gomez hät­ten sein sol­len (ohne jetzt irgend­was gegen die bei­den sagen zu wol­len). „Love And Gre­at Buil­dings“ klingt nicht nur im Intro wie Owl City, son­dern ver­läuft sich auch genau­so zwi­schen den Bild­spen­dern sei­ner Meta­phern: „Love and gre­at buil­dings will sur­vi­ve /​ Strong hearts and con­cre­te stay ali­ve /​ Through the gre­at depres­si­ons /​ Yeah, the best things are desi­gned to stand the test of time“. Ja, schon klar: das kann man unglaub­lich chee­sy, schreck­lich und schlimm fin­den, aber ich mag’s – aber ich moch­te ja auch „Fire­f­lies“.

Hier kli­cken, um den Inhalt von You­Tube anzu­zei­gen.
Erfah­re mehr in der Daten­schutz­er­klä­rung von You­Tube.

Mein High­light „So Clo­se“ ist ein groß­ar­ti­ges Lie­bes­lied, das in den Stro­phen noch am ehes­ten an die alten Band-Sachen erin­nert, um im Refrain dann irgend­wo zwi­schen „Hap­py“ und „Can’t Stop The Fee­ling“ her­um­zu­tan­zen, und die Vor­ab­sin­gle „Fire Escape“ macht akus­tisch das gro­ße Fass der Chö­re und Trom­meln auf, das auf dem Album fast zum Über­lau­fen kommt.

Wie beim letz­ten Album gilt: Ich kann total ver­ste­hen, wenn man zu die­sem Radio­pop – der in den USA jetzt tat­säch­lich mal im Radio läuft – kei­nen Zugang fin­det und lie­ber zu Twen­ty One Pilots, Tay­lor Swift oder Owl City greift (die Chains­mo­kers blei­ben natür­lich indis­ku­ta­bel). Und wenn man mit dem Alter­na­ti­ve Rock von Some­thing Cor­po­ra­te auf­ge­wach­sen ist, kos­tet es schon etwas Über­win­dung, die­sen musi­ka­li­schen Weg mit­ge­hen zu wol­len.

Andrew McMa­hon fin­det dazu wie immer die pas­sen­den Wor­te: „And the­se could be the best or dar­kest days /​ The lines we walk are paper thin /​ And we could pull this off or push away /​ Cau­se you and me have always been“ – um dann ganz oft die Wor­te „so clo­se“ zu wie­der­ho­len.

Kategorien
Politik Gesellschaft

Sonst ist der bitt’re Frost mein Tod

Als ich noch kein Kind hat­te, fand ich die Fra­ge „Haben Sie selbst Kin­der?“ in einer Dis­kus­si­on immer etwas unver­schämt – so, als ob einem das Schick­sal der Welt und der Men­schen weni­ger wich­tig wäre, nur weil man sich noch nicht erfolg­reich fort­ge­pflanzt hat. Stellt sich raus: Es ändert sich tat­säch­lich wahn­sin­nig viel und plötz­lich steht man am Mor­gen nach einer US-Prä­si­dent­schafts­wahl wei­nend unter der Dusche, weil man lang­sam echt Angst bekommt, in was für einer kran­ken Welt das Kind und sei­ne Freun­de eigent­lich auf­wach­sen sol­len.

Die neue Sicht auf die Welt ist aber nicht aus­schließ­lich apo­ka­lyp­tisch – im Gegen­teil: Die Geschich­te von St. Mar­tin hat mich als Kind nie ernst­haft beschäf­tigt. Klar: Bett­ler, Man­tel, Hei­li­ger. Jedes Jahr gab es in Dins­la­ken einen Gro­ßen Mar­tins­zug mit Pferd und Feu­er, danach gab es Stu­ten­kerle, aber das alles war nur das Vor­pro­gramm für die Mar­ti­ni­kir­mes, über die wir anschlie­ßend mit Omas Kir­mes­geld in der Tasche zie­hen durf­ten – und deren Name uns auch erst sehr viel spä­ter irgend­wie mehr­deu­tig und lus­tig erschien. Letz­tes Jahr aber, als wir das ers­te Mal mit dem Kind beim Mar­tins­zug waren und die Flücht­lings­kri­se gera­de auf dem Höhe­punkt war, da erschien mir die Geschich­te des römi­schen Sol­da­ten, der sich um einen Obdach­lo­sen vor den Stadt­to­ren küm­mert, plötz­lich wahn­sin­nig wich­tig und aktu­ell. Da hät­te der Pfar­rer bei sei­ner Rezi­ta­ti­on der Mar­tins­ge­schich­te gar nicht mehr den Bogen in die Gegen­wart schla­gen müs­sen.

Je län­ger ich dar­über nach­den­ke, des­to mehr habe ich das Gefühl, dass das Mar­tins­fest der viel­leicht wich­tigs­te – sicher­lich aber: greif­bars­te – christ­li­che Fei­er­tag sein könn­te. Geburt oder Auf­er­ste­hung eines Hei­lands, Hei­li­ger Geist und Was­ge­nauf­ei­ert­man­noch­mal­an­Fron­leich­nam? sind von der Lebens­wirk­lich­keit der Men­schen dann doch eher weit ent­fernt, Hilfs­be­reit­schaft und Nächs­ten­lie­be ver­ste­hen die meis­ten noch. Da braucht es dann auch gar nicht unbe­dingt noch die Schluss­poin­te und die fünf­te Stro­phe des Mar­tins­lieds, wo Jesus Chris­tus auf­taucht und erklärt, dass der gute Mar­tin jetzt für ihn, Chris­tus, den Man­tel gege­ben hät­te.

Nach­dem Ange­la Mer­kel mit ihrem Auf­ruf, Lie­der­zet­tel zu kopie­ren und Block­flö­tis­ten zu Rate zu zie­hen, mal wie­der für gro­ßes Hal­lo auf dem Gebiet gesorgt hat­te, das die meis­ten Deut­schen immer noch für Sati­re hal­ten, ver­öf­fent­lich­te der WDR in sei­ner Sen­dung „WDR aktu­ell“ einen Bei­trag aus dem WDR-Lehr­buch „WDR-Bei­trä­ge, die wie WDR-Bei­trä­ge aus­se­hen“: Erst san­gen nor­ma­le Men­schen auf der Stra­ße Weih­nachts­lie­der in Kame­ra und Mikro­fon, dann gab es Schnitt­bil­der von der Kanz­le­rin, schließ­lich kamen ein paar ein­ord­nen­de O‑Ton-Geber zu Wort. Der stell­ver­tre­ten­de CDU-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de im Düs­sel­dor­fer Stadt­rat, Andre­as Hart­nigk, erklärt:

Wir sind hier in einer christ­lich-abend­län­di­schen Kul­tur groß gewor­den, wir leben die­se Kul­tur auch, und da sin­gen wir kei­ne Son­ne-Mond-und-Ster­ne-Lie­der, son­dern wir sin­gen St.-Martins-Lieder und das Ding heißt auch St.-Martins-Umzug. Und das muss auch so blei­ben und jeder, der das nicht will, kann sich einen andern Lebens­raum suchen, wenn er das nicht akzep­tiert, oder er hält sich vor­nehm zurück.

Ich habe ein paar Stun­den gebraucht, bis mir die­ser O‑Ton rich­tig übel auf­stieß. Mal davon ab, dass „Later­ne, Later­ne, Son­ne, Mond und Ster­ne“ nun seit Jahr­zehn­ten zum Reper­toire eines Mar­tins­zugs gehö­ren dürf­te, klopft hier ein ganz ande­res Pro­blem an: Wäre es nicht irgend­wie sinn­vol­ler, sich dafür zu inter­es­sie­ren, was die Bot­schaft hin­ter dem Fest und dem Umzug ist, und nicht, wie ande­re Leu­te das Ding nen­nen?

Die Panik, dass unse­re schö­nen christ­li­chen Fes­te umbe­nannt wer­den, treibt Kon­ser­va­ti­ve und Neu­rech­te seit Jah­ren um und sorgt immer wie­der für besorg­te Falsch­mel­dun­gen. (Klar: Nichts trans­por­tiert die Weih­nachts­bot­schaft bes­ser als ein soge­nann­ter Weih­nachts­markt, auf dem sich erwach­se­ne Men­schen nach Fei­er­abend mit min­der­wer­ti­ger Plör­re betrin­ken. Den soll­te man auf kei­nen Fall in „Win­ter­markt“ umbe­nen­nen!) In denen meis­ten Fäl­len geht es ihnen dabei gar nicht um den Anlass eines sol­chen Fei­er­tags, son­dern um die rei­ne Exis­tenz die­ses Fei­er­tags, abge­kop­pelt von sei­ner Geschich­te. Der Ursprung des Zitats, Tra­di­ti­on sei nicht das Bewah­ren der Asche, son­dern die Wei­ter­ga­be des Feu­ers, ist eini­ger­ma­ßen unklar, aber man soll­te die­se Wor­te mal ein biss­chen in Hirn und Herz bewe­gen.

Als Alex­an­der Gau­land von der AfD im Gespräch mit FAZ-Repor­tern sei­nen berüch­tig­ten Jérô­me-Boat­eng-Nach­barn-Satz äußer­te, sag­te er auch, unter den Anhän­gern sei­ner Par­tei gebe es die Sor­ge, „dass eine uns frem­de Reli­gi­on sehr viel prä­gen­der ist als unse­re abend­län­di­sche Tra­di­ti­on“. Die Wort­wahl war auf­fäl­lig, weil er nicht wie ande­re Kon­ser­va­ti­ve von einer „christ­lich-abend­län­di­schen“ Kul­tur oder Tra­di­ti­on sprach – die christ­li­chen Kir­chen hat­ten zu die­sem Zeit­punkt die AfD näm­lich schon mit­un­ter deut­lich kri­ti­siert. Wenn es ernst­haft um christ­li­che Wer­te gin­ge, hät­te ja auch die CSU ein völ­lig ande­res Par­tei­pro­gramm.

Der musi­ka­li­sche Lei­ter des Schau­spiel­hau­ses Dort­mund, Tom­my Fin­ke, ein guter Freund von mir, sagt dann auch den ent­schei­den­den Satz in die­sem WDR-Bei­trag:

Vie­le unse­rer christ­li­chen Wer­te sind ja eigent­lich huma­nis­ti­sche Wer­te, das heißt, sie sind nicht unbe­dingt der christ­li­chen Reli­gi­on allein zuzu­schrei­ben.

Ich bin Kind einer Misch­ehe, evan­ge­lisch getauft, habe aber von mei­ner Oma die vol­le Palet­te der katho­li­schen Schutz­hei­li­gen mit­be­kom­men. Wenn sie in ihrem Haus­halt etwas nicht wie­der­fin­det, zün­det sie eine Ker­ze für den Hei­li­gen Anto­ni­us an, in der Hoff­nung, dass der „Klün­gel­tün­nes“ ihr hilft. (Mei­ne Oma sagt aber auch immer: „Ein Haus ver­liert nichts“, was die Ver­ant­wor­tung ein biss­chen von den Schul­tern des Hei­li­gen nimmt.) Das ist harm­lo­se, lebens­na­he Reli­gi­ons­aus­übung, das Gegen­teil von Kreuz­zü­gen und Hei­li­gem Krieg. Ich selbst habe mir das Got­tes­bild aus dem Kin­der­got­tes­dienst bewahrt und sehe es prag­ma­tisch: Da man die Nicht­exis­tenz eines höhe­ren Wesens nicht bewei­sen kann, kann man auch dran glau­ben, wenn es einem selbst wei­ter­hilft und man ande­ren damit nicht zur Last fällt. Ich find’s aber auch total in Ord­nung, wenn jemand sagt, er glau­be nicht an Gott – das ist ja das Wesen von „Glau­ben“. (Wenn jemand behaup­tet, er wis­se, dass Gott exis­tie­re – oder, dass der nicht exis­tie­re – wird’s schwie­rig: Bei­des. Ist. Wis­sen­schaft­lich. Nicht. Beweis­bar.)

Nächs­ten­lie­be und Hilfs­be­reit­schaft fin­de ich gut, unab­hän­gig davon, ob man jetzt aus reli­giö­sen oder huma­nis­ti­schen Grün­den han­delt. Aber man kann ja schlecht immer den Unter­gang der „christ­li­chen Wer­te“ bewei­nen, wenn man sie sel­ber nicht lebt. Und das mein­te die Kanz­le­rin ja auch mit ihren Aus­füh­run­gen zu Block­flö­te und Weih­nachts­lie­dern: Eine Reli­gi­on geht ja nicht dadurch unter, dass plötz­lich (im Sin­ne von: seit über fünf­zig Jah­ren) Men­schen einer ande­ren Reli­gi­on in einem Land leben, son­dern dadurch, dass sie nicht mehr bzw. nur als see­len­lo­se Tra­di­ti­on prak­ti­ziert wird. Und ein sprich­wört­li­cher fuß­ball­spie­len­der Sene­ga­le­se wird vom Gene­ral­se­kre­tär einer soge­nann­ten christ­li­chen Par­tei auch noch dafür geschol­ten, dass er minis­triert, weil man ihn dann nicht mehr abschie­ben kön­ne. Da hat sich die Logik ja schon auf hal­ber Stre­cke selbst ans Kreuz gena­gelt.

Wie war ich da jetzt hin­ge­kom­men und wie krie­ge ich die­sen Text zu Ende, ohne auch noch Schlen­ker über Donald Trump, die Geschich­te der römisch-katho­li­schen Kir­che und die Songs des ges­tern ver­stor­be­nen Leo­nard Cohen zu neh­men?

Ich wün­sche Ihnen und vor allem Ihren Kin­dern einen schö­nen St.-Martins-Tag und schau­en Sie heu­te viel­leicht mal ein biss­chen genau­er hin, ob jemand in Ihrer Umge­bung Hil­fe gebrau­chen könn­te!

Nach­trag, 16.28 Uhr: Nach Ver­öf­fent­li­chung die­ses Arti­kels habe ich gele­sen, dass der St.-Martins-Umzug eines Kin­der­gar­tens in Fürth abge­sagt bzw. ver­legt wer­den muss­te, weil zur glei­chen Zeit am glei­chen Ort Pegi­da unter dem Mot­to „Sankt Mar­tin und sei­ne heu­ti­ge Bedeu­tung“ demons­triert.

Kategorien
Digital Gesellschaft

Schwarm, wir müssen reden!

Vor ziem­lich genau zehn Jah­ren habe ich mit dem Blog­gen ange­fan­gen. Erst drü­ben in unse­rem dama­li­gen Aus­lands­se­mes­ter-Blog und spä­ter dann hier. Mit einer klei­nen Trup­pe von AutorIn­nen woll­ten wir „die Zei­tung machen, die wir sel­ber ger­ne lesen wür­den“ – was bei Licht bese­hen auch damals schon etwas ver­mes­sen war, aber wir woll­ten ein­fach mal gucken, was so pas­siert.

Es wur­de sehr schnell ein Blog, in dem ich mich vor allem über Medi­en und Jour­na­lis­ten aus­ließ – was dar­an lag, dass ich damals vor allem das Blog von Ste­fan Nig­ge­mei­er und das BILD­blog gele­sen habe. Es wäre aber falsch, Ste­fan und Chris­toph Schult­heis die Schuld an mei­nem alt­klu­gen, übel­lau­ni­gen Geblog­ge zu geben – ich dach­te, glau­be ich, wirk­lich, dass sie bei „RP Online“ irgend­wann mit ihren Klick­stre­cken auf­hö­ren wür­den, wenn ich mich nur oft genug dar­über auf­re­ge. Inzwi­schen gibt es BuzzFeed und Social Media und ich sehe ein, dass „RP Online“ allen­falls einen vor­läu­fi­gen Tief­punkt dar­ge­stellt hat.

Blogs waren damals noch etwas ande­res, näm­lich die mut­maß­li­che Zukunft. Wir lasen gegen­sei­tig unse­re Blogs, ver­link­ten unse­re Ein­trä­ge unter­ein­an­der, führ­ten Debat­ten wei­ter und mach­ten uns gegen­sei­tig auf ner­vi­ge, aber auch auf tol­le Din­ge auf­merk­sam. Dann kamen Face­book und Twit­ter und inzwi­schen redet unge­fähr nie­mand mehr über Blogs, wenn es um die Zukunft des Jour­na­lis­mus geht. 1 You­Tube ist der neue hei­ße Scheiß und die glei­chen Medi­en, die ein Leis­tungs­schutz­recht ein­füh­ren woll­ten, weil Goog­le News Tei­le ihrer Tex­te zitiert, ent­sor­gen ihren Con­tent heu­te direkt bei Face­book, in der Hoff­nung, wenigs­tens noch ein paar Krü­mel abzu­be­kom­men.

Wäh­rend Face­book frü­her noch das digi­ta­le Wohn­zim­mer war, wo man Freun­de und Bekann­te um sich sam­mel­te und lus­ti­ge Vide­os mit ihnen teil­te, sind inzwi­schen alle Sei­ten­wän­de abge­baut wor­den wie wei­land im „Torn“-Video und wir kön­nen sehen, dass neben­an der Stamm­tisch tobt, den man frü­her nie wahr- oder gar ernst­ge­nom­men hät­te, und ein merk­wür­di­ger Mob jede Nach­richt kom­men­tiert, so dass man anschlie­ßend glaubt, die Welt sei vol­ler recht­schreib­schwa­cher Men­schen­has­ser, die wie­der­um glau­ben, die Welt sei vol­ler Ter­ro­ris­ten und „links­grün-ver­siff­ter Gut­men­schen“. Men­schen mit aus­ge­dach­ten Berufs­be­zeich­nun­gen sind der­weil damit beschäf­tigt, jede Woche eine neue App zu fin­den, die angeb­lich „das neue Face­book“ sei.

Kurz­um: Ich bekom­me rich­tig schlech­te Lau­ne, wor­auf­hin ich rich­tig übel­lau­ni­ge Sachen bei Face­book und Twit­ter pos­te, wo es dar­auf­hin aus­sieht, als sei ich ein rich­tig übel­lau­ni­ger Mensch. Zum Blog­gen kom­me ich nicht, weil ich die gan­ze Zeit mit Social Media beschäf­tigt bin und des­halb lei­der nicht mehr auf­schrei­ben kann, was mir eigent­lich gute Lau­ne macht und was ich gera­de toll fin­de.

Die­ses Dilem­ma hat­te ich vor zwei Jah­ren schon ein­mal zu behe­ben ver­sucht, indem ich jeden Tag einen „Song des Tages“ pos­ten woll­te. Klei­ner Haken: Durch die Fest­le­gung auf die­ses For­mat wur­de die schö­ne Idee bald zur läs­ti­gen Auf­ga­be, die mir – kor­rekt! – schlech­te Lau­ne mach­te.

Sue Reind­ke, deren Blog ich frü­her sehr ger­ne gele­sen habe und die ich heu­te (s.o.) eigent­lich nur noch über Social Media mit­be­kom­me, hat letz­te Woche ein Expe­ri­ment gestar­tet: Sie will unge­fähr jede Woche einen News­let­ter ver­schi­cken mit Din­gen, die sie beschäf­ti­gen. Ich hat­te frü­her schon öfter über das Medi­um News­let­ter nach­ge­dacht und fin­de die Idee rich­tig gut: Statt die Inhal­te alle bei Face­book zu ver­bal­lern, wo Face­book damit auch noch Geld macht und wo sie – vor allem außer­halb eines Web­brow­sers – auf tech­nisch grau­en­haf­tes­te und unbrauch­bars­te Art irgend­wo ins Nir­wa­na dif­fun­die­ren, kann man sie auch per E‑Mail schi­cken, dem unge­fähr ein­zig brauch­ba­ren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­weg, den das Inter­net jemals her­vor­ge­bracht hat. Die Pro­duk­ti­on geht nicht so schnell und impul­siv von­stat­ten wie die eines Tweets und man kann die E‑Mail in Ruhe lesen, wenn man mal Zeit hat. Das will ich direkt auch mal pro­bie­ren!

Ich wer­de mein Pri­vat­le­ben wei­ter weit­ge­hend aus dem Inter­net raus­hal­ten, aber statt wei­ter bun­te Papier­schmet­ter­lin­ge in Pin­kel­rin­nen zu wer­fen, will ich ver­su­chen, posi­ti­ve oder zumin­dest inter­es­san­te Din­ge an einem Ort zu ver­sam­meln: Musik, Trai­ler, emp­feh­lens­wer­te Tex­te, Pod­casts oder Vide­os und ein paar eige­ne Gedan­ken. Gleich­zei­tig will ich ver­su­chen, wie­der mehr in die­sem Blog zu machen (immer­hin fei­ert das im Febru­ar sei­nen zehn­ten Geburts­tag), aber das alles ohne Zwang.

Jetzt abon­nie­ren!

So lan­ge schon mal: mein aktu­el­les Lieb­lings­lied!

  1. Okay: So rich­tig redet nie­mand mehr über die Zukunft des Jour­na­lis­mus.[]
Kategorien
Rundfunk Digital Gesellschaft

Katastrophenjournalismus-Mäander

Ich war ein etwas merk­wür­di­ges Kind und leg­te schon früh eine gewis­se Obses­si­on für Jour­na­lis­mus an den Tag, beson­ders in Kata­stro­phen­si­tua­tio­nen: als in mei­nem Hei­mat­dorf ein Gast­haus abbrann­te, schnitt mein sie­ben­jäh­ri­ges Ich in den nächs­ten Tagen alle Arti­kel dar­über aus der Zei­tung aus und edi­tier­te sie neu zusam­men, um sie in einer von mir selbst mode­rier­ten Nach­rich­ten­sen­dung (Zuschau­er: mei­ne Stoff­tie­re) zu ver­le­sen.

Mit acht sam­mel­te ich in Zei­tun­gen und Radio alle Infor­ma­tio­nen über einen Flug­zeug­ab­sturz in Ams­ter­dam, derer ich hab­haft wer­den konn­te. Nach dem Absturz eines Bun­des­wehr­hub­schrau­bers 1 bei der Jugend­mes­se „YOU“ in Dort­mund, nach dem Unfall­tod von Prin­zes­sin Dia­na, nach dem ICE-Unfall von Esche­de schal­te­te ich Fern­se­her und Video­text ein und wech­sel­te jede hal­be Stun­de zum Radio, um aus den dor­ti­gen Nach­rich­ten mög­li­che neue Ent­wick­lun­gen zu ent­neh­men und – ich wünsch­te wirk­lich, ich däch­te mir das aus – zu notie­ren: Sound­so vie­le Tote, Ursa­che noch unklar, drück­te den Hin­ter­blie­be­nen an der Unfall­stel­le sein Mit­ge­fühl aus. Den 11. Sep­tem­ber 2001 ver­brach­te ich kniend auf dem Wohn­zim­mer­tep­pich mei­ner Eltern vor dem Fern­se­her, am 7. Juli 2005 ver­ließ ich mein Wohn­heims­zim­mer nicht.

Dann wur­den im August 2006 in Groß­bri­tan­ni­en zahl­rei­che Ver­däch­ti­ge fest­ge­nom­men, die Anschlä­ge auf Pas­sa­gier­ma­schi­nen geplant haben soll­ten, und nach etwa einer hal­ben Stun­de CNN und BBC schal­te­te ich den Fern­se­her aus, ging raus und dach­te „Was’n Scheiß!“

Ziem­lich exakt seit es mir tech­nisch mög­lich wäre, mich in Echt­zeit selbst über Ereig­nis­se zu infor­mie­ren, noch wäh­rend sie pas­sie­ren, wün­sche ich mir, dar­über im Geschichts­buch lesen zu kön­nen. Mit allen Erkennt­nis­sen, die im Lau­fe der Jah­re gewach­sen sind, mit his­to­ri­scher Ein­ord­nung und in genau dem Umfang, der ihnen ange­mes­sen ist: Dop­pel­sei­te, hal­be Sei­te, klei­ner Kas­ten, Fuß­no­te.

***

Als ich am ver­gan­ge­nen Frei­tag die ers­te Mel­dung bekam, dass sich in Mün­chen irgend­was schlim­mes ereig­net habe, 2 guck­te ich kurz bei Face­book Live und Peri­scope rein, weil ich ja manch­mal auch für aktu­el­le Infor­ma­ti­ons­sen­dun­gen arbei­te und mir die­se Tech­nik mal aus einer pro­fes­sio­nel­len Per­spek­ti­ve anse­hen woll­te. Ich sah also ver­wa­ckel­te Video­bil­der, auf denen Men­schen mit erho­be­nen Hän­den in Rich­tung von Poli­zei­au­tos rann­ten, und die von einem Mann mit bay­ri­schen Akzent mit anhal­ten­dem „krass, krass“ kom­men­tiert wur­den. Die Wör­ter „Mün­chen“, „Olym­pia“, „Schüs­se“ und „Kame­ra“ bil­de­ten in mei­nem Kopf eine Linie und ich dach­te, dass man so Schei­ße wie 1972, als die Gei­sel­neh­mer dank Live-Fern­se­hen per­ma­nent über die Aktio­nen der Poli­zei infor­miert waren, ja ruhig 44 Jah­re spä­ter mit Mit­teln für den Heim­an­wen­der noch mal wie­der­ho­len kann. Ich erbrach mich kurz bei Twit­ter und tat dann das Ein­zi­ge, was mir an einem sol­chen Tag noch sinn­voll und sach­dien­lich erschien: ich ging in die Küche und mach­te Mar­mor­ku­chen und Nudel­sa­lat für einen Kin­der­ge­burts­tag.

***

Der Begriff des „Zeu­gen“ ist in ers­ter Linie ein juris­ti­scher. Zeu­gen haben von den Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den (und dort von mög­lichst geschul­tem Per­so­nal) gehört zu wer­den und soll­ten nach Mög­lich­keit nicht vor lau­fen­de Kame­ras gezerrt wer­den. Schon bei einem harm­lo­sen Ver­kehrs­un­fall kann man die wider­sprüch­lichs­ten Infor­ma­tio­nen zusam­men­sam­meln, bei einer unüber­sicht­li­chen Gefähr­dungs­la­ge dürf­te die Chan­ce, tat­säch­li­chen Mehr­wert zu gene­rie­ren (der sich anschlie­ßend inhalt­lich auch noch als zutref­fend erweist), genau­so groß sein wie wenn der Mode­ra­tor im Stu­dio ein­fach mal rät, was pas­siert sein könn­te.

Zu den Leu­ten, die nach bes­tem Wis­sen und Gewis­sen aus­plau­dern, was sie gese­hen und gehört zu glau­ben haben, kom­men natür­lich noch die Idio­ten hin­zu, die sich irgend­was aus­den­ken, um auf Twit­ter oder Face­book geteilt zu wer­den – oder weil es sich ja zufäl­lig als tref­fend erwei­sen könn­te.

Auf einem der Peri­scope-Vide­os aus Mün­chen sah ich Dut­zen­de Men­schen, die alle ihre Han­dys in Rich­tung eines nicht näher ein­zu­ord­nen­den Ortes rich­te­ten, den ich jetzt ein­fach mal als „poten­ti­el­le Gefah­ren­quel­le“ bezeich­nen wür­de. Die Gei­sel­neh­mer von Glad­beck müss­ten heu­te nicht mal mehr war­ten, dass „Hans Mei­ser, deut­sches Fern­se­hen“ bei ihnen anruft oder der spä­te­re „Bild“-Chefredakteur Udo Röbel zu ihnen ins Auto steigt.

Neben all dem fin­det man in den Sozia­len Netz­wer­ken natür­lich auch die Bes­ser­wis­ser: 3 das Fern­se­hen soll mehr berich­ten, das Fern­se­hen soll weni­ger berich­ten, die Poli­ti­ker sol­len sich gefäl­ligst jetzt äußern. Fast wür­de man die­sen Leu­ten ein „Macht’s bes­ser!“, ent­ge­gen schrei­en wol­len, wenn man nicht davon aus­ge­hen müss­te, dass sie schon im Glau­ben sind, auf ihren Pro­fi­len genau das zu tun.

***

Wäh­rend etwas geschieht, ist man in aller Regel nicht in der Lage, die Dimen­si­on die­ses Ereig­nis­ses auch ein­zu­schät­zen. Das gilt für die ers­te Begeg­nung mit der spä­te­ren gro­ßen Lie­be genau­so wie für Nach­rich­ten. Es hat sich mir förm­lich ins Hirn gebrannt, wie ich mit fünf Jah­ren ver­se­hent­lich eine Aus­ga­be der „Aktu­el­len Stun­de“ mit­krieg­te, die vom Absturz eines US-Kampf­flug­zeugs in einer Stadt namens Rem­scheid berich­te­te. 4 Die Wor­te „Flug­zeug­ab­sturz“ und „Rem­scheid“ sind für mich seit­dem untrenn­bar seman­tisch mit­ein­an­der ver­bun­den, obwohl ich bis heu­te nicht sagen könn­te, wo Rem­scheid liegt. 5 Die aller­meis­ten Men­schen, die die­se Nach­richt damals zur Kennt­nis genom­men haben und nicht direkt von dem Absturz betrof­fen waren, dürf­ten sie kom­plett ver­ges­sen haben – die dama­li­gen Mode­ra­to­ren der „Aktu­el­len Stun­de“ inklu­si­ve. Für die Stadt Rem­scheid dürf­te der Tag eine deut­lich grö­ße­re Bedeu­tung haben als für die US Air Force. Und allein die Tat­sa­che, dass ich die Fak­ten dazu jetzt ganz schnell nach­schla­gen konn­te, gibt dem Unglück ja eine gewis­se Wer­tung: Es ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass am glei­chen Tag auf den Stra­ßen in NRW mehr Todes­op­fer bei Auto­un­fäl­len zu bekla­gen waren – Anfang Dezem­ber, viel­leicht Blitz­eis? – als die sie­ben beim Flug­zeug­ab­sturz, aber dazu gibt es halt kei­nen Wiki­pe­dia-Ein­trag.

***

Als ich noch rela­tiv klein war, lief ein psy­chisch kran­ker Mann mit einer Schuss­waf­fe durch die Dins­la­ke­ner Innen­stadt, schoss auf Poli­zis­ten und erschoss sich am Ende in einer Gara­ge. Jeden­falls ist es das, wor­an ich mich sehr dun­kel – und aus­schließ­lich auf Erzäh­lun­gen mei­ner Mut­ter an jenem Tag basie­rend – erin­ne­re. Ich bil­de mir ein, dass es im Herbst 1991 gewe­sen sein müss­te, aber ich habe ehr­lich gesagt kei­ne Ahnung – um das gan­ze irgend­wie veri­fi­zie­ren zu kön­nen, müss­te ich nach Dins­la­ken fah­ren und in den Archi­ven der Lokal­re­dak­tio­nen von „NRZ“ und „Rhei­ni­scher Post“ meter­wei­se Mikro­film sich­ten. Angeb­lich war auch das Fern­se­hen vor Ort, viel­leicht fän­de ich etwas im Kel­ler von RTL West.

Nur zehn Jah­re spä­ter hät­te die­ses Ereig­nis zumin­dest ein paar Arti­kel in Online-Medi­en nach sich gezo­gen, die ich jetzt ergoo­geln könn­te. Zwan­zig Jah­re spä­ter hät­te es ver­mut­lich schon so viel Social-Media-Buzz erzeugt, dass man die Ent­wick­lun­gen auch in einer fer­nen Zukunft noch minu­ten­ge­nau nach­voll­zie­hen könn­te – oder halt beim Nach­le­sen genau­so ahnungs­los ist, als wäre man selbst dabei. Und in die­ser Woche wäre es nicht unter einem „Brenn­punkt“ und einer Soli­da­ri­täts­adres­se min­des­tens eines aus­län­di­schen Spit­zen­po­li­ti­kers auf Twit­ter pas­siert. Der ört­li­che Poli­zei­pres­se­spre­cher hät­te sich auch ande­re Fra­gen anhö­ren müs­sen.

***

Schon seit eini­gen Jah­ren erwähnt Barack Oba­ma, wenn er wie­der mal mit zit­tern­der Unter­lip­pe ein State­ment zu einer Mas­sen­schie­ße­rei in den USA abge­ben muss, dass er bereits zu vie­le State­ments zu einer Mas­sen­schie­ße­rei in den USA abge­ge­ben habe.

Nun bin ich – Gott sei Dank – nicht der US-Prä­si­dent und glau­be auch nicht, dass es irgend­wel­che grö­ße­ren Aus­wir­kun­gen hat, wenn ich hier mei­ne Mei­nun­gen zu Medi­en­be­rich­ten nach schreck­li­chen Ereig­nis­sen ver­öf­fent­li­che, aber auch ich habe schon viel zu oft mei­ne Mei­nung zu Medi­en­be­rich­ten nach schreck­li­chen Ereig­nis­sen ver­öf­fent­licht:

  1. Die Typen­be­zeich­nung Bell UH-1D könn­te ich Ihnen ohne nach­zu­den­ken nen­nen, wenn Sie mich nachts um vier aus dem Bett klin­gel­ten – was Sie aber bit­te in unser bei­der Inter­es­se unter­las­sen![]
  2. Bizar­rer­wei­se per Push-Benach­rich­ti­gung der BBC-App.[]
  3. Zu denen ich in der Blü­te der Arro­ganz von Jugend und Inter­net­glau­ben auch gehört habe.[]
  4. Note to self: Nie­mals Nach­rich­ten gucken, wenn das Kind in der Nähe ist.[]
  5. An der A1 zwi­schen Wup­per­tal und Köln, aber was weiß ich, wo die A1 lang führt – und wo zum Hen­ker liegt über­haupt Wup­per­tal, außer halt süd­lich des Ruhr­ge­biets?[]
Kategorien
Leben

Sven

Sven war, wie die meis­ten ande­ren in mei­ner Klas­se, ein Jahr älter als ich und das, was man als Außen­sei­ter bezeich­nen wür­de: schu­lisch im unte­ren Mit­tel­feld, nicht unbe­dingt das sozi­al aktivs­te Kind. Sei­ne Eltern waren sehr alt, das Haus in dem sie leb­ten (und in dem ich nur ein ein­zi­ges Mal war), sehr klein und dun­kel und weil die Eltern viel rauch­ten, roch auch Svens Klei­dung immer nach Ziga­ret­ten­qualm. Er hat­te einen ohne­hin schon zu Wort­spie­len ein­la­den­den Nach­na­men, den wir im Bezug auf sei­nen Geruch noch wei­ter abwan­del­ten.

Obwohl wir min­des­tens vier Jah­re in der glei­chen Klas­se waren, hat­te ich nie so rich­tig viel mit ihm zu tun – aber doch mehr als mit manch ande­ren Kin­dern. Wir waren bei­de in der Unter­stu­fen-Thea­ter-AG und es ist im Nach­hin­ein ver­lo­ckend zu sagen, dass Sven dort auf­blüh­te, dass er aus sich hin­aus­ging und dort den Ein­druck erweck­te, sich end­lich mal wohl zu füh­len. Da wird womög­lich was dran sein, es kann aber auch tota­le Über­in­ter­pre­ta­ti­on in der Rück­schau sein.

Sein ande­res Hob­by war Eis­ho­ckey und ein­mal zeig­te er mir einen Zei­tungs­aus­schnitt von einem Spiel sei­ner Mann­schaft. Sei­ne natür­li­che Rol­le wäre die des Klas­sen­clowns gewe­sen, aber das ging immer schief, weil sei­ne Wit­ze nicht ver­fin­gen. Ein­mal hat­te er mei­nen bes­ten Freund und mich zu sei­ner Geburts­tags­fei­er ein­ge­la­den, aber wir dach­ten uns bei­de irgend­wel­che Grün­de aus, war­um wir lei­der nicht kom­men konn­ten.

Spä­ter hat­ten es zwei Mit­schü­ler rich­tig auf Sven abge­se­hen. Ich kann mich nicht mehr an die Details erin­nern, aber es gab eine Klas­sen­kon­fe­renz und heu­te wür­de die Schu­le da ver­mut­lich ein viel grö­ße­res Fass auf­ma­chen wegen Mob­bing und so. Hof­fent­lich. Die bei­den Mob­ber durf­ten in der Klas­se blei­ben, muss­ten irgend­wie den Schul­hof sau­ber machen und einer der bei­den wur­de spä­ter Kreis­vor­sit­zen­der der NPD. Sven blieb am Ende des Schul­jah­res sit­zen.

Am ers­ten Sams­tag der Som­mer­fe­ri­en 1999 rief bei uns zuhau­se eine Freun­din mei­ner Eltern an. Ob ich schon gehört hät­te, dass der Sven gestor­ben sei. Nein. Dann wüss­te ich es jetzt. (So fand der Dia­log wirk­lich statt!) Sven war bei ihrem Sohn in der Klas­se gewe­sen, am Ende des Schul­jah­res wie­der sit­zen geblie­ben und dann am Tag zuvor in der Nach­bar­stadt auf dem Fahr­rad von einem Bus erwischt wor­den und in den Mor­gen­stun­den gestor­ben. Ich glau­be, er war auf dem Weg zum oder vom Eis­ho­ckey-Trai­ning.

Ich rief mei­ne Freun­de an, um ihnen die Nach­richt zu über­brin­gen und ich weiß noch, dass ich mir dabei sehr wich­tig und erwach­sen vor­kam. Die meis­ten hat­ten mit Sven noch weni­ger zu tun gehabt als ich und fan­den ihn doof und ich sag­te fei­er­lich, so etwas dürf­ten wir jetzt nicht mehr sagen. Einer hat­te frü­her mit Sven Eis­ho­ckey gespielt und war wirk­lich betrof­fen.

Ein paar Tage spä­ter saßen wir zusam­men in der Kir­che beim Trau­er­got­tes­dienst, es war mein ers­ter. Der Pfar­rer erklär­te, die Eltern hät­ten Sven damals „bei sich auf­ge­nom­men“, was irgend­wie die Sache mit dem Alter erklär­te. Anschlie­ßend saßen wir auf der Mau­er an der Kir­che in der Son­ne und unter­hiel­ten uns über den gera­de auf­kom­men­den Trend von LAN-Par­ties und noch am glei­chen Tag fuhr ich los, um mir eine Netz­werk­kar­te zu holen.

Svens Eltern leben nicht mehr in dem klei­nen, dunk­len Haus. Ich glau­be, sie leben gar nicht mehr. Ich habe immer mal wie­der an Sven gedacht, meis­tens, wenn ich in der Nach­bar­stadt an der Kreu­zung vor­bei­kam, an der er ver­un­glückt sein muss. Über ihn gespro­chen haben wir glau­be ich gar nicht mehr. In unse­rer Abizei­tung ist er in der Lis­te der Abgän­ge mit Geburts- und Todes­da­tum mar­kiert. Ich glau­be, wir hat­ten bei­de Daten falsch.

Sven ist jetzt län­ger tot als er je gelebt hat, was bei jedem Men­schen zwangs­läu­fig irgend­wann pas­siert. Aber es ist trotz­dem ein ver­stö­ren­der Gedan­ke.

Kategorien
Digital Gesellschaft

Die Geräusche meiner Kindheit

Aus­ge­löst durch eine Kolum­ne von Caro­lin Emcke schrei­ben die Men­schen auf Twit­ter heu­te unter dem Hash­tag #geräu­sche­der­kind­heit Geräu­sche auf, die sie an ihre Kind­heit erin­nern. Das ist sehr toll, aber weil ich kei­nen Bock mehr habe, mei­ne Gedan­ken immer­zu in den Sphä­ren der Social Media zu ver­bal­lern, und weil 140 Zei­chen nun wirk­lich zu wenig sind, nut­ze ich die­ses Blog für das, wozu es mal gedacht war, und blog­ge:

  • Fuß­ball­re­por­ta­gen aus dem Nach­bar­gar­ten. Als mei­ne Geschwis­ter und ich noch sehr klein waren, hat­ten mei­ne Eltern einen Schre­ber­gar­ten, der sich seit Gene­ra­tio­nen im Fami­li­en­be­sitz befand. Wenn das Wet­ter gut war (aber auch, wenn es nicht so gut war), waren wir gefühlt das gan­ze Wochen­en­de dort. Unse­re Eltern schnit­ten Sträu­cher, zupf­ten Unkraut, mäh­ten den Rasen und bau­ten an der Gar­ten­lau­be her­um (kein Strom­an­schluss, ein Torf­klo hin­term Haus), wäh­rend wir Kin­der auf dem Klet­ter­ge­rüst schau­kel­ten, fri­sches Obst aßen (das natur­ge­mäß wohl eher sai­so­nal begrenzt und nicht, wie mei­ne Erin­ne­rung mir weis­ma­chen will, immer) oder irgend­wo her­um­lie­fen (ande­re Kin­der gab es in der Kolo­nie, soweit ich mich erin­nern kann, kaum). Fes­ter Bestand­teil eines sol­chen Wochen­en­des waren schrei­en­de Män­ner, unter­legt von einem viel­stim­mi­gen Rau­schen, die aus den Radi­os der umlie­gen­den Gär­ten schall­ten. Mein Inter­es­se für Fuß­ball außer­halb der gro­ßen inter­na­tio­na­len Tur­nie­re begann erst mit der Bun­des­li­ga­sai­son 1994/​95 (5. Platz, Pokal­sieg, Ste­fan Effen­berg, Hei­ko Herr­lich, Mar­tin Dah­lin), des­we­gen hat­te ich nur eine unge­fäh­re Ahnung, was die­se Geräu­sche zu bedeu­ten hat­ten. Sie durch­misch­ten sich auch, gera­de am Sonn­tag, ger­ne mit den tat­säch­li­chen Durch­sa­gen, die von der nahe­ge­le­ge­nen Bezirks­sport­an­la­ge her­über weh­ten, wo der SuS Dins­la­ken 09 sei­ne Spie­le absol­vier­te. Noch heu­te ist Fuß­ball für mich eher ein akus­ti­sches als ein visu­el­les Erleb­nis (das Geräusch eines ordent­lich getre­te­nen Leder­balls lässt mich auch heu­te immer noch sofort zusam­men­zucken, weil ich damit rech­ne, das Teil Sekun­den­bruch­tei­le spä­ter an den Hin­ter­kopf, gegen die Nase oder in den Unter­leib zu bekom­men) und vor allem Bun­des­li­ga­nach­mit­ta­ge ver­brin­ge ich lie­ber am Radio als vor dem Fern­se­her.
  • Die Feu­er­wehr­si­re­ne. In den 1980er und 1990er Jah­ren wur­den Brän­de und ähn­li­che Kata­stro­phen noch von einem anschwil­len­den Sire­nen­ge­heul beglei­tet, das angeb­lich die Feu­er­wehr­leu­te zum Dienst rufen soll­te. Für mich war das ein schreck­li­ches Geräusch mit dunk­lem Hin­ter­grund: nach eini­gen Brän­den in umlie­gen­den Indus­trie­ge­bie­ten, nach denen die Bevöl­ke­rung ange­hal­ten wor­den war, Türen und Fens­ter geschlos­sen zu hal­ten, war das Geräusch für mich gleich­be­deu­tend mit einem nahen­den, bei unver­schlos­se­nen Fens­tern unaus­weich­li­chen Ersti­ckungs­tod. Wenn die Sire­ne los­ging, wäh­rend wir nicht zuhau­se waren, kam eine zwei­te, min­des­tens genau­so schlim­me Mög­lich­keit in Betracht: der Alarm galt unse­rem Haus, das gera­de in Flam­men stand – und mit ihm mei­ne Spiel­sa­chen und Kuschel­tie­re. Erst im Nach­hin­ein däm­mert mir, dass das Geräusch bei mei­ner Oma, die die Bom­bar­die­rung gleich meh­re­rer deut­scher Groß­städ­te er- und über­lebt hat­te, und ihren Alters­ge­nos­sen mög­li­cher­wei­se noch ein klein biss­chen beschis­se­ne­re Asso­zia­tio­nen aus­ge­löst haben muss. Ein­mal im Monat wur­den die­se ver­damm­ten Sire­nen, die in der gan­zen Stadt auf höhe­ren Häu­sern (dar­un­ter auch auf unse­rer Schu­le) mon­tiert waren, getes­tet – und es war für mich immer eine Schreck­se­kun­de, bis ich mich ver­ge­wis­sert hat­te: „Ja, ers­ter Sams­tag im Monat, 11.30 Uhr – dies­mal haben wir noch mal Glück gehabt.“ Aller­dings habe ich bis heu­te kei­ne Ahnung, was eigent­lich pas­siert wäre, wenn es aus­ge­rech­net zu die­ser Zeit tat­säch­lich mal gebrannt hät­te.
  • Das Fie­pen einer Bild­röh­re. Wir waren jung, wir durf­ten eine hal­be Stun­de am Nach­mit­tag fern­se­hen und wir hat­ten Rock’n’Roll, Walk­man und Kon­zer­te noch nicht für uns ent­deckt: natür­lich konn­ten wir hören, wenn irgend­wo in der Woh­nung ein Fern­se­her ein­ge­schal­tet war – selbst ohne Ton. Noch heu­te sind Bild­röh­ren für mich die ein­zig waren Fern­seh­ge­rä­te – auch, weil die so schö­ne Din­ge mit den eige­nen Haa­ren machen, wenn man direkt davor steht. Inzwi­schen bin ich 32 Jah­re alt, höre Musik über­wie­gend über Kopf­hö­rer, habe bei gro­ßen Ver­an­stal­tun­gen vor, hin­ter und auf der Büh­ne gear­bei­tet – und krie­ge regel­mä­ßig einen Rap­pel, wenn ich so etwas wie Lap­top-Netz­tei­le, Akku­la­de­ge­rä­te oder Tra­fos von Halo­gen­lam­pen immer noch fie­pen hören kann. Wozu die gan­ze Mühe?!
  • Der Anlas­ser­zug eines Zweitakt-Rasen­mäh­rer­mo­tors. Nach sei­ner Pen­sio­nie­rung hat­te mein Groß­va­ter drei gro­ße Hob­bies: Rei­sen, Golf spie­len und sei­nen Rasen. Die ers­ten bei­den lie­ßen sich ganz gut kom­bi­nie­ren, die letz­ten bei­den hät­ten immer noch eine Teil­zeit-Beschäf­ti­gung als Green­kee­per zuge­las­sen. So aber pfleg­te er den hei­mi­schen Rasen mit jähr­li­chem Ver­ti­ku­tie­ren, aus­gie­bi­gem Ein­satz von Dün­ge- und Unkraut­ver­nich­tungs­mit­teln und regel­mä­ßi­gem Rasen­mä­hen. Der Rasen­mä­her ist min­des­tens so alt wie ich und auch heu­te noch im Ein­satz, was – neben Autos der Mar­ke Opel – stark zu mei­nem unbe­irr­ten Glau­ben an die deut­sche Inge­nieurs­kunst bei­getra­gen hat. Gestar­tet wird das Teil mit einem Seil­zug­star­ter (die­ses Wort habe ich gera­de natür­lich ergoo­gelt), wobei der Motor fast laut ist wie der einer klei­nen Pro­pel­ler­ma­schi­ne, der Mäher aber bei rich­ti­ger Bedie­nung auch ähn­li­che Geschwin­dig­kei­ten erreicht – nur halt auf der Erde. Als ich alt genug war, um die Auf­ga­be des Rasen­mä­hens über­neh­men zu kön­nen, griff ich auf eine alt­be­währ­te Tak­tik zurück: ich ließ das selbst­fah­ren­de Unge­tüm ein­mal ins Blu­men­beet bret­tern und muss­te danach nie wie­der ran.
  • Der Rasen­spren­ger mei­nes Groß­va­ters. Glei­cher Rasen, ande­res Werk­zeug: Ein Kreis­ra­sen­spren­ger (auch gera­de ergoo­gelt – toll, dass die­se Din­ge alle auch einen rich­ti­gen Namen haben!), der ver­mut­lich schon zu Vor­kriegs­zei­ten in den Krupp’schen Stahl­wer­ken gefer­tigt wor­den war, des­sen Geräusch­ku­lis­se jeden­falls etwas mecha­nisch-mar­tia­li­sches an sich hat­te. Schnap­pend dreh­te sich der Kopf zunächst ruck­wei­se in die eine Rich­tung und spie gro­ße Was­ser­fon­tä­nen auf den zu benet­zen­den Grund, nach einer Dre­hung von schät­zungs­wei­se 320 Grad schnell­te er mit einem Mal zurück in die Aus­gangs­po­si­ti­on und begann die nächs­te Run­de. Als Kin­der konn­te man sich einen Spaß dar­aus machen, genau vor dem Was­ser­strahl her­zu­ren­nen und sich dann im toten Win­kel in Sicher­heit zu brin­gen. Ich glau­be, das Gerät ist irgend­wann kaputt­ge­gan­gen (mut­maß­lich zer­ros­tet) – oder es wur­de gewinn­brin­gend an Steam-Punk-Fans ver­kauft.
  • Zuge­schla­ge­ne Auto­tü­ren. Als Kind habe ich gefühlt sehr viel Zeit mit War­ten ver­bracht: Dar­auf, dass mei­ne Freun­de end­lich von ihren Eltern zum Spie­len vor­bei­ge­bracht wür­den, oder dar­auf, dass Tan­ten, Onkels oder ähn­li­cher Besuch kam. Die­ses War­ten ging ein­her mit der auf­merk­sa­men Beob­ach­tung der Park­plät­ze unter unse­rer dama­li­gen Miet­woh­nung, wobei ich jetzt nicht die gan­ze Zeit auf der Fens­ter­bank saß und nach drau­ßen starr­te – ich konn­te ja auch auf die Geräu­sche ach­ten. Jede zuge­schla­ge­ne Auto­tür konn­te bedeu­ten, dass es gleich end­lich an der Tür klin­geln wür­de und mein zwangs­wei­se auf Pau­se gesetz­ter Tages­ab­lauf (gut: ich hät­te auch lesen, Kas­set­ten hören oder irgend­et­was spie­len kön­nen) wei­ter­ge­hen konn­te. Was die Rück­kehr mei­nes Vaters von der Arbeit angeht, so bin ich mir sicher, auch heu­te noch einen Kadett E Cara­van, Bau­jahr 1988, aus einer belie­big gro­ßen Men­ge ande­rer Fahr­zeu­ge her­aus­hö­ren zu kön­nen.
  • Die Schwimm­hal­le mei­ner Groß­el­tern. Bevor im Pri­vat­fern­se­hen jeder Hinz und Kunz einen Pool oder einen Schwimm­teich vor lau­fen­der Kame­ra in Eigen­ar­beit zusam­men­bau­te, hat­ten mei­ne Groß­el­tern schon Anfang der 1970er Jah­re eine der ers­ten pri­va­ten Schwimm­hal­len der Stadt. Die­ser Stand­ort­vor­teil half mir zwar weder dabei, beson­ders früh Schwim­men zu ler­nen, noch dabei, als Teen­ager Mit­schü­le­rin­nen in den Feri­en zum Besuch im Biki­ni zu bewe­gen, aber Schwim­men ist heu­te immer noch mei­ne liebs­te Art sport­li­cher Betä­ti­gung. Das Becken ist mit fünf mal zehn Metern gar nicht mal so klein und ermög­licht es auch einem unge­üb­ten Sport­ler, bei­na­he Welt­re­kord­zei­ten zu schwim­men – weil man ja stän­dig umkeh­ren muss und sich dabei ordent­lich absto­ßen kann. Aus Grün­den der Ener­gie­ef­fi­zi­enz ist das Becken bei Nicht­be­nut­zung mit einer 50 Qua­drat­me­ter gro­ßen Pla­ne bedeckt, die auf eine gro­ße elek­trisch betrie­be­ne Rol­le am Ende auf­ge­wi­ckelt wer­den kann. Das Geräusch der sich öff­nen­den Pla­ne war stets Teil der Vor­freu­de auf den zu erwar­ten­den Bade­spaß. Die­ser ging dann anschlie­ßen­den meist mit lau­tem Plat­schen (im Gegen­satz zu öffent­li­chen Schwimm­bä­dern durf­te man hier vom Becken­rand sprin­gen – man muss­te nur anschlie­ßend wie­der tro­cken machen) und Gekrei­sche ein­her, das von den geka­chel­ten Wän­den und der gro­ßen Fens­ter­front wider­hall­te und sich gera­de bei geöff­ne­ter Front im Som­mer auch weit über den angren­zen­den Gar­ten ver­teil­te. Stil­echt abge­schlos­sen ist ein sol­cher Schwimm­bad­be­such bis heu­te übri­gens erst mit einem anschlie­ßend auf einem Bade­hand­tuch in der Son­ne kon­su­mier­ten „Däumling“-Eis der Fir­ma Bofrost.

Damit wären wir vor­erst am Ende mei­nes klei­nen Aus­flugs die Erin­ne­rungs­gas­se hin­un­ter. Ich bin sicher, dass mir schon bis heu­te Abend noch fünf ande­re Geräu­sche ein­ge­fal­len sein wer­den, die hier unbe­dingt hät­ten erwähnt wer­den müs­sen. Und in der nächs­ten Aus­ga­be machen wir es dann wie Mar­cel Proust und las­sen uns von Gebäck­stü­cken und ähn­li­chen Geschmä­ckern in der Zeit zurück­wer­fen.

Kategorien
Musik

In memoriam Prince

Jetzt also Prin­ce.

Ich wür­de lügen, wenn ich jetzt behaup­te­te, dass der Mann und sei­ne Musik eine gro­ße Rol­le in mei­nem Leben gespielt hät­ten. Mein iTu­nes zeigt exakt zwei sei­ner Songs („Pur­ple Rain“, natür­lich, und „Cin­na­mon Girl“), aber wäh­rend ich die Son­der­sen­dung auf Radio Eins höre, stel­le ich fest, dass da doch eini­ge sehr fei­ne Songs in sei­nem Œuvre vor­kom­men – und eini­ge völ­lig aus­ufern­de, über­pro­du­zier­te, mit­hin selbst­ver­lieb­te und damit für mich eher unhör­ba­re.

Mei­ne Ver­bin­dung zu Prin­ce ist eher zwei­ter Hand: Ein Bekann­ter mei­ner Eltern arbei­te­te im War­ner-Press­werk in Als­dorf, was ich im Alter von etwa acht Jah­ren wahn­sin­nig auf­re­gend fand, denn: „Manch­mal kom­men auch die Musi­ker vor­bei, um sich das Werk anzu­se­hen. Mari­us Mül­ler-Wes­tern­ha­gen war mal da und Phil Coll­ins auch.“ Die­ser Mann nun erzähl­te am Kaf­fee­tisch mei­ner Eltern die Geschich­te, dass Prin­ce ein Album habe ver­öf­fent­li­chen wol­len, des­sen kom­plett schwar­ze Hül­le mit schwar­zem Text bedruckt wer­den soll­te – eigent­lich soll­te nicht mal ein Bar­code drauf zu sehen sein. Am Frei­tag vor der geplan­ten Ver­öf­fent­li­chung habe es einen Anruf gege­ben, dass Prin­ce das Album nicht mehr ver­öf­fent­li­chen wol­le und so hät­ten die Ange­stell­ten an einem Sams­tag auf dem Werks­hof gestan­den und die Ton­trä­ger unter eine Pla­nier­rau­pe (oder ein ähn­li­ches Gerät) gewor­fen. Aller­dings sei­en bei die­ser Akti­on nicht alle Exem­pla­re (ich kann mich wirk­lich nicht erin­nern, ob in der Geschich­te von LPs oder CDs die Rede war oder der Bekann­te die­ses Detail aus­ließ) ver­nich­tet wor­den: Ein paar sei­en auch in den Schreib­tisch­schub­la­den der Mit­ar­bei­ter ver­schwun­den und andern­orts wie­der auf­ge­taucht.

Die­se Geschich­te kann man heu­te – mit leicht abwei­chen­den Fak­ten – in der Wiki­pe­dia nach­le­sen. Im Jahr 1991 aber war es bei­na­he exklu­si­ves Spe­zi­al­wis­sen, das für einen Jun­gen, der gera­de in die Welt der Pop­kul­tur hin­ein­stol­pert, einen unschätz­ba­ren Wert hat­te – und des­halb bis zum heu­ti­gen Tag von mir nie wei­ter­ge­ge­ben wur­de. Bit­te­schön!

Mei­ne zwei­te zen­tra­le Prin­ce-Erin­ne­rung ist die, wie Sascha Lobo eines Tages ins BILD­blog-Büro kam, im Tür­rah­men die Zei­le „My name is Prin­ce“ sang und sag­te, er müs­se die­ses Album jetzt sofort hören. Wie noch­mal unser W‑Lan-Pass­wort sei.

Na ja – und dann natür­lich das hier:

Hier kli­cken, um den Inhalt von Vimeo anzu­zei­gen.
Erfah­re mehr in der Daten­schutz­er­klä­rung von Vimeo.

08.Prince.-.1999 from Mau­ricio Ona­te on Vimeo.