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Redaktionsscrabble

Ent­we­der hat­te man bei der Schwe­ri­ner Volks­zei­tung kei­ne Muße, sich eine tref­fen­de Bild­un­ter­zei­le aus­zu­den­ken, oder die Redak­ti­ons­kat­ze hat­te mal wie­der Aus­lauf:

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Totes Pferd gefunden

Mil­lio­nen von Men­schen lesen jeden Tag die „Bild“-Zeitung, dar­un­ter vie­le Medi­en­schaf­fen­de und Jour­na­lis­ten. Man­che lachen sich danach ins Fäust­chen und wer­fen die Zei­tung weg – und ande­re set­zen sich danach hin und schrei­ben los.

Ich hab mich dar­an gewöhnt, dass die „Rhei­ni­sche Post“ bzw. „RP Online“ seit eini­ger Zeit wie schwarz-gel­be (die Zei­tungs­far­ben, nicht die Poli­tik) Aus­ga­ben von „Bild“ und „bild.de“ wir­ken – es könn­te damit zusam­men­hän­gen, dass Chef­re­dak­teur Sven Gös­mann und Online-Chef Oli­ver Eckert von der Elbe an den Rhein gewech­selt waren. Zuletzt sah man am Sams­tag, wie das geht: „ARD-Wet­ter­fee ras­tet im TV aus!“ vs. „Vor lau­fen­der Kame­ra: Wet­ter­fee Clau­dia Klei­nert ras­tet aus“.

Dass aber aus­ge­rech­net die von mir hoch­ge­schätz­te (und abon­nier­te) „Süd­deut­sche Zei­tung“ auf ihrer Inter­net­sei­te auch „Bild“-Inhalte recy­celt, ist für mich – mil­de aus­ge­drückt – ein Schock.

Zur Erin­ne­rung: Letz­te Woche hat­te „Bild“ eine angeb­li­che Ex-Freun­din des TV-Komi­kers Oli­ver Pocher samt Fotos aus­ge­gra­ben und kurz dar­auf Pochers aktu­el­le Freun­din samt Fotos vor­ge­stellt. Das ist ja schon unin­ter­es­sant genug, aber sueddeutsche.de nutzt die­se Geschich­te als Auf­hän­ger für etwas, was wir „Desas­ter“ „Offen­ba­rungs­eid“ „Bil­der­stre­cke“ nen­nen wol­len.

Auf elf Ein­zel­sei­ten han­gelt sich die Autorin Michae­la Förs­ter von Pocher und den Damen über Ste­fan Raab, Harald Schmidt und Her­bert Feu­er­stein wie­der zu Pocher zurück und dann noch ein­mal zu Schmidt. Der Text ist banal und dient nur der Betex­t­ung von Fotos, die haupt­säch­lich Oli­ver Pocher zei­gen. Dabei schreckt sie auch vor der neu­es­ten Unsit­te des Online­jour­na­lis­mus nicht zurück und lässt den Text ger­ne auch mal mit­ten im …

… Satz umbre­chen. Das ist in sprach­li­cher und ästhe­ti­scher Hin­sicht min­des­tens unschön und führt neben­bei auch noch schnell zu miss­lun­ge­nen Bild­un­ter­zei­len:

… und diese Riege handhabt die Trennung von Beruf und Privatleben anders.

(Screen­shot: sueddeutsche.de)

Wenn das die „hoch­wer­ti­gen Por­ta­le und Nach­rich­ten im Inter­net“ sei­en sol­len, gegen die Blogs angeb­lich kei­ne Chan­ce haben, dann möch­te ich unter kei­nen Umstän­den min­der­wer­ti­ge Por­ta­le zu Gesicht bekom­men.

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„Bleich wie Mozzarella-Käse“

Will­kom­men auf der Cof­fee-And-TV-Jour­na­lis­ten­schu­le. Heu­te ler­nen wir, wie man eine Gerichts­re­por­ta­ge schreibt.

Wich­tig für jede Repor­ta­ge ist, dass man dem Leser ein genau­es Bild von dem ver­mit­telt, wor­über man schreibt. Berich­ten Sie von Details und pro­bie­ren Sie ein­fach mal aus, wie vie­le Adjek­ti­ve man in einen Satz quet­schen kann:

Der Mann, der da ner­vös zit­ternd auf dem hoch­mo­der­nen, ergo­no­mi­schen Ankla­ge­stuhl sitzt, war mal der bekann­tes­te, erfolg­reichs­te Plat­ten­pro­du­zent der Welt.

Bit­te beach­ten Sie: eine Gerichts­re­por­ta­ge ist eigent­lich schon Lite­ra­tur. Brin­gen Sie ruhig auch mal Ver­glei­che, die auf den ers­ten Blick etwas absei­tig wir­ken, und schre­cken Sie auch vor eige­nen Inter­pre­ta­tio­nen nicht zurück.

Sei­ne Haut ist so bleich wie Moz­za­rel­la-Käse, im sel­ben Ton wie die schen­kel­lan­ge Frack­ja­cke, die er ab und zu trägt.

oder

Sei­ne Mie­ne, in der sich Angst, Ver­ach­tung und Bedro­hung spie­geln, gleicht der eines ver­lo­re­nen Kin­des.

sind tol­le Bei­spie­le dafür. Das letz­te zeigt dar­über hin­aus, dass man ruhig auch mal drei gewich­ti­ge Wor­te hin­ter­ein­an­der auf­rei­hen kann.
Wenn Sie fremd­sprach­li­che Begrif­fe ver­wen­den, scheu­en Sie sich nicht, die­sen über­ra­schen­de deut­sche Arti­kel zu ver­pas­sen:

(wobei er sich mit Paul McCart­ney über­warf, der den „Wall of Sound“ hass­te)

Gerichts­pro­zes­se sind in der Regel lang­wei­lig. Schrei­ben Sie ein paar Sät­ze ganz ohne Ver­ben, das sug­ge­riert Action und Span­nung:

Das „Cast­le Pyre­nées“, Spec­tors Burg­ver­schnitt auf einer Hügel­kup­pe. Eine Tür. Das kit­schi­ge Foy­er. Clark­sons Lei­che, in einen Stuhl gesackt.

Zie­hen Sie Par­al­le­lis­men über so vie­le Absät­ze, dass auch der geüb­te Leser den Zusam­men­hang ver­liert. Er wird Ihren Arti­kel mehr­mals lesen müs­sen und ihn so bes­ser in Erin­ne­rung behal­ten. Nie­mand ver­steht einen ein­zeln ste­hen­den Absatz wie

Oder selbst den Chef-Ermitt­ler Lil­li­en­feld, der die blut­ver­schmier­te Tat­waf­fe im Gerichts­saal vor­zeigt und berich­tet, im Stuhl neben der Toten habe eine Akten­ta­sche mit den Initia­len „PS“ gele­gen. Inhalt: diver­se Tablet­ten, dar­un­ter „Hallo-Wach“-Pillen und ein Via­gra.

auf Anhieb, aber das weckt die Neu­gier des Lesers.

Las­sen Sie dem Leser bei aller Detail­freu­de auch Raum für eige­ne Inter­pre­ta­tio­nen. For­mu­lie­ren Sie Sät­ze, deren Inhalt ver­schie­de­nes bedeu­ten kann:

Wei­ter rechts sitzt AP-Gerichts­re­por­te­rin Lin­da Deutsch, die Spec­tor jovi­al-schel­misch begrüßt: „Sie sehen heu­te so ele­gant aus.“

Bil­den Sie dar­über­hin­aus auch mal einen Satz, den man stun­den­lang dre­hen und wen­den kann, ohne ihn zu ver­ste­hen. Der Neid der Kol­le­gen ist Ihnen sicher:

Das Musik­ma­ga­zin „Rol­ling Stone“ zähl­te Spec­tor noch 2004 zu den „100 groß­ar­tigs­ten Künst­lern aller Zei­ten“.

Wenn Sie die­se ein­fa­chen Regeln befol­gen, wer­den Sie bald schon fan­tas­ti­sche Gerichts­re­por­ta­gen schrei­ben kön­nen, die dann auch bei Spie­gel Online ver­öf­fent­licht wer­den.

Nach­trag 11. Juni, 17:34 Uhr: Was mir erst gera­de auf­ge­fal­len ist: Moz­za­rel­la-Käse?

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M wie ‚Maren Gilzer‘

VISIONS.de möchte ein M kaufen

Screen­shots: visions.de, netvibes.com

Hmmm, lie­be Leu­te bei VISIONS.de, da ging wohl erst­mal eine feh­ler­haf­te Über­schrift in den RSS-Feed, was?

Nach­trag 20:03 Uhr: Jetzt lau­tet die Über­schrift im Feed­rea­der so:
Scherzhafte Absage

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Der doppelte Pfarrer

Eigent­lich woll­te ich nicht mehr so viel über Dins­la­ken blog­gen, aber die The­men lie­gen da im Moment echt auf der Stra­ße

Am Sonn­tag wur­de der Pfar­rer, bei dem ich mei­nen Zivil­dienst abge­leis­tet habe, in den Ruhe­stand ver­ab­schie­det. Ein wich­ti­ges Ereig­nis für sei­ne Gemein­de, ja: für die gan­ze Stadt. Die Bür­ger­meis­te­rin sprach ein Gruß­wort, eben­so die Ver­tre­ter ande­rer Kir­chen­ge­mein­den und diver­ser Ver­ei­ne. Ich war auch da und natür­lich durf­te auch die Lokal­pres­se nicht feh­len. Heu­te konn­te ich dann im Inter­net nach­le­sen (die Print-Ver­sio­nen lie­gen mir noch nicht vor), was ich erlebt hat­te.

Im Online-Ange­bot der NRZ stand:

Der Bet­saal Bruch platz­te am Pfingst­sonn­tag aus allen Näh­ten. So vie­le kamen, um ihren Pfar­rer Karl-Heinz Tacken­berg nach fast 25 Jah­ren in den Ruhe­stand zu ver­ab­schie­den. Got­tes­dienst und Abschieds­fei­er gerie­ten zu einem tages­fül­len­den Pro­gramm. Jugend­lei­te­rin und Mit­ar­bei­ter­pres­by­te­rin Sabi­ne Fischer-Bor­gardts, die mit Pres­by­ter Die­ter Tepel durchs Pro­gramm führ­te, brach­te es auf den Punkt. „Das Pro­gramm dau­ert solan­ge, weil wir uns nicht tren­nen kön­nen.“

Auch die direk­te Kon­kur­renz, die Rhei­ni­sche Post, nähert sich dem Ereig­nis atmo­sphä­risch:

Der Bet­saal Bruch platz­te am Pfingst­sonn­tag aus allen Näh­ten. So vie­le kamen, um ihren Pfar­rer Karl-Heinz Tacken­berg nach fast 25 Jah­ren in den Ruhe­stand zu ver­ab­schie­den. Got­tes­dienst und Abschieds­fei­er gerie­ten zu einem tages­fül­len­den Pro­gramm. Jugend­lei­te­rin und Mit­ar­bei­ter­pres­by­te­rin Sabi­ne Fischer-Bor­gardts, die mit Pres­by­ter Die­ter Tepel durchs Pro­gramm führ­te, brach­te es auf den Punkt. „Das Pro­gramm dau­ert solan­ge, weil wir uns nicht tren­nen kön­nen.“

Erst dach­te ich, ich wäre mög­li­cher­wei­se mit mei­nen zahl­rei­chen Fire­fox-Tabs durch­ein­an­der gekom­men. Dann dach­te ich, ich sei ges­tern ein­fach zu spät ins Bett gegan­gen. Schließ­lich erkann­te ich die unter­schied­li­chen Anfüh­rungs­zei­chen und las wei­ter:

NRZ RP
Super­in­ten­dent Mar­tin Duscha wür­dig­te den viel­fäl­ti­gen Dienst und wies in sei­ner offi­zi­el­len Ent­pflich­tung vom Dienst in der Pfarr­stel­le dar­auf hin, dass nicht alles aus dem Dienst eines Pfar­rers vor Augen liegt, son­dern viel­mehr vie­les im Ver­bor­ge­nen lie­ge. Super­in­ten­dent Mar­tin Duscha wür­dig­te den viel­fäl­ti­gen Dienst und wies in der offi­zi­el­len Ent­pflich­tung Tacken­bergs vom Dienst in der Pfarr­stel­le dar­auf hin, dass nicht alles aus dem Dienst eines Pfar­rers vor Augen, son­dern vie­les im Ver­bor­ge­nen lie­ge.
   
Bür­ger­meis­te­rin Sabi­ne Weiss dank­te Karl-Heinz Tacken­berg für sein Enga­ge­ment im kom­mu­na­len Bereich, beson­ders in der Agen­da­ar­beit. Der katho­li­sche Pas­tor von St. Jako­bus, Gre­gor Wol­ters, sprach Segens­wün­sche aus. Auch die Ver­tre­ter der Ver­ei­ne in der Feld­mark dank­ten für gute Zusam­men­ar­beit. Bür­ger­meis­te­rin Sabi­ne Weiss dank­te Karl-Heinz Tacken­berg für sein Enga­ge­ment im kom­mu­na­len Bereich, beson­ders in der Agen­da­ar­beit. Der katho­li­sche Pas­tor von Sankt Jako­bus, Gre­gor Wol­ters, sprach Segens­wün­sche aus. Auch die Ver­tre­ter der Ver­ei­ne in der Feld­mark dank­ten für die gute Zusam­men­ar­beit.
   

Natür­lich fie­len auch mir die Unter­schie­de gleich ins Auge: Im NRZ-Text könn­te auch der Super­in­ten­dent ent­pflich­tet wor­den sein, in der RP ist es ein­deu­tig der Pfar­rer. Außer­dem ist „Sankt“ bes­ser zu lesen als „St.“ und in der RP steht ein „die“ mehr. Im buch­stäb­lich letz­ten Satz war­tet die RP dann sogar noch mit einer, äh: Über­ra­schung auf:

Als er, beglei­tet von Toch­ter Bet­ti­na, in einem Abschieds­lied zurück und nach vor­ne blick­te, konn­te man­cher der Besu­cher eine weh­mü­ti­ge Trä­ne nicht ver­ber­gen. Als er dann zur Über­ra­schung aller, beglei­tet von Toch­ter Bet­ti­na, in einem Abschieds­lied zurück und nach vor­ne blick­te, konn­te man­cher der zahl­rei­chen Besu­cher eine weh­mü­ti­ge Trä­ne nicht ver­ber­gen.
   

Ich weiß nicht, wie vie­le Dins­la­ke­ner bei­de Lokal­zei­tun­gen (die zumin­dest frü­her auch mal die unter­schied­li­chen poli­ti­schen Lager reprä­sen­tier­ten) lesen – und wie vie­le von denen die­se etwas merk­wür­dig anmu­ten­de Dop­pe­lung bemerkt haben wer­den. Wie vie­le dann noch Lust dar­auf hat­ten, einen pol­tern­den Leser­brief (natür­lich zwei­mal den glei­chen!) an die Lokal­re­dak­tio­nen zu schi­cken, kann ich im Moment nur raten. Selt­sam fin­den kann ich es aber jetzt schon.

Der Autor des Tex­tes der Tex­te ist übri­gens selbst Dins­la­ke­ner Pfar­rer und hät­te des­halb durch­aus einen guten Grund, sei­nem lang­jäh­ri­gen Kol­le­gen und Weg­ge­fähr­ten gleich zwei­mal öffent­lich Tri­but zu zol­len. Die­se Tat­sa­che kann man in der NRZ, für die er des öfte­ren schreibt, aber allen­falls aus dem Autoren­kür­zel, in der Rhei­ni­schen Post (zumin­dest in der Online­aus­ga­be) gar nicht ent­neh­men. Außer­dem muss man sich in der Lokal­re­dak­ti­on der Rhei­ni­schen Post jetzt natür­lich die Fra­ge gefal­len las­sen, ob man kei­nen eige­nen Autor hat­te, der ähn­lich kom­pe­tent, aber viel­leicht aus einem ande­ren Blick­win­kel, über die Ver­ab­schie­dung hät­te berich­ten kön­nen.

Ich bin es inzwi­schen gewohnt, dass rei­ne Nach­rich­ten in den aller­meis­ten Tages­zei­tun­gen und auf Inter­net­sei­ten direkt aus Agen­tur­mel­dun­gen über­nom­men wer­den. Ich bin gewohnt, dass Ver­an­stal­tungs­an­kün­di­gun­gen in Lokal­zei­tun­gen oft genug iden­tisch sind – iden­tisch auch mit den Pres­se­mit­tei­lun­gen der Ver­an­stal­ter. Dass aber die Nach­be­richt­erstat­tung, also die Beschrei­bung eines Ereig­nis­ses, bei dem der Leser ent­we­der dabei war oder von dem er wis­sen will, wie es war; dass also die­se Nach­be­richt­erstat­tung auch nahe­zu iden­tisch ist, sehe ich mit sehr ungu­ten Gefüh­len. Denn gera­de im loka­len Bereich haben die Bürger/​Leser nicht vie­le Quel­len, um sich über Ereig­nis­se zu infor­mie­ren. Wenn in bei­den Zei­tun­gen (fast) das Glei­che steht, ver­lie­ren die­se ihre Unter­schei­dungs­merk­ma­le und über kurz oder lang droht min­des­tens eine von ihnen über­flüs­sig zu wer­den.

Nun ist ein dop­pel­ter Arti­kel über die Ver­ab­schie­dung eines Pfar­rers natür­lich noch nicht gleich der Unter­gang einer plu­ra­lis­ti­schen Pres­se. Jeder Jour­na­list, der dar­über hät­te berich­ten sol­len, hät­te über die ver­schie­de­nen Pro­gramm­punk­te geschrie­ben und die Ver­diens­te des Neu-Pen­sio­närs gewür­digt. Ich bin aber gera­de des­halb der Mei­nung, dass man zwei unter­schied­li­che Tex­te dar­über hät­te schrei­ben sol­len: Wie sieht das denn aus, wenn man mit einer Art Seri­en­brief in den Ruhe­stand ver­ab­schie­det wird?

Die dazu­ge­hö­ri­gen Fotos sind – das sei nicht uner­wähnt gelas­sen – von zwei ver­schie­de­nen Foto­gra­fen zu zwei ver­schie­de­nen Zeit­punk­ten geschos­sen wor­den. Dass die RP-Bild­un­ter­schrift nicht so direkt mit dem Motiv über­ein­stimmt, ist jetzt auch egal.

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Literatur Digital

Null-Blog-Generation (3)

Maik Söh­ler bespricht in der Net­zei­tung das Buch „Pop seit 1964“ von Kers­tin Gle­ba und Eck­hard Schu­ma­cher und ver­steigt sich dabei in die Behaup­tung, Blogs sei­en doch heut­zu­ta­ge Pop­li­te­ra­tur im eigent­li­chen Sin­ne:

«Lie­ber geil angrei­fen, kühn tota­li­tär roh kämp­fe­risch und lus­tig, so muss geschrie­ben wer­den», meint Rai­nald Goetz in sei­nem Text «Subi­to». Ja! Genau­so schreibt doch Don Alphon­so in sei­nen bes­ten Ein­trä­gen in der Blog­bar. Und noch­mal Goetz: «Gehe weg, du blö­der Saus­inn, ich will von dir Dum­mem Lang­wei­li­gen nie nichts wis­sen.» Das trifft auf vie­le Blogs zu – ob sie wie «Melan­cho­lie Mode­s­te» oder «Vigi­li­en» nun expli­zit lite­ra­risch sind oder wie Bov Bjergs oder Felix Schwen­zels Blog ein­fach nur hübsch ver­strahlt.

Kenn­zeich­net Died­rich Diede­rich­sens aus den acht­zi­ger Jah­ren stam­men­der Satz, Pop sei die «letz­te Instanz der Wahr­heit» nicht exakt das Bild­blog? Trifft Andre­as Neu­meis­ters Bestim­mung der «Gegen­wart als Alles» nicht das Grund­ver­ständ­nis tau­sen­der News­blogs? Spie­gelt Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­res Äuße­rung, «man ist schon woan­ders, wenn die noch die Mes­ser wet­zen», nicht genau das Ver­hält­nis von Blog­gern zu den eta­blier­ten Medi­en, wenn die­se sich mal wie­der ver­ständ­nis­los das Phä­no­men des Blog­gens vor­neh­men?

Super­ge­dan­ke, eigent­lich. Steht nicht auch der Umstand, dass sich die Blogo­sphä­re eher über tech­ni­sche denn über inhalt­li­che Gemein­sam­kei­ten defi­niert, in der Tra­di­ti­on eines Mar­shall McLuhan mit sei­ner The­se „The medi­um is the mes­sa­ge“? Okay, so ganz neu ist der Gedan­ke nicht, aber schon in gewis­ser Wei­se nach­voll­zieh­bar.

Allein: Wenn man im Inter­net (noch dazu in Deutsch­lands ein­zi­ger Inter­net­ta­ges­zei­tung) in einem Arti­kel über Blogs und Blog­ger schreibt, von denen man auch noch sechs nament­lich erwähnt, war­um in Drei­teu­fels­na­men ist dann auch hier KEIN EINZIGES Blog ver­linkt? Und war­um führt der ein­zi­ge Link im Fließ­text aus­ge­rech­net zu den „eta­blier­ten Medi­en“, näm­lich zu die­sem Arti­kel in der FAS?

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Musik

Don’t Dream It’s Over

Am Wochen­en­de fand in Kali­for­ni­en das Coa­chel­la statt, eines der größ­ten Musik­fes­ti­vals Nord­ame­ri­kas. Was die dies­jäh­ri­ge Aus­ga­be – neben dem ohne­hin span­nen­den Line-Up (Arca­de Fire, Tra­vis, Lily Allen, Kai­ser Chiefs, Björk, Red Hot Chi­li Pep­pers, Arc­tic Mon­keys, Hap­py Mon­days, Jack’s Mane­quin, Coco­Ro­sie, Mika, …) – beson­ders span­nend mach­te, waren die Reuni­on-Shows von Rage Against The Machi­ne und Crow­ded House, die für dort ange­kün­digt waren. Ehr­lich gesagt inter­es­sie­ren mich die gro­ßen älte­ren Her­ren des Pop deut­lich mehr als die auch nicht mehr ganz jun­gen Polit­ro­cker aus L.A., aber wenigs­tens bedeu­tet deren Reuni­on ja das Ende der schreck­li­chen Audio­slave.

Die ein­zi­ge Infor­ma­ti­on, die ich bis­her zum Auf­tritt von Crow­ded House fin­den konn­te, war die, dass Neil Finn von war­ten­den RATM-Fans mit einer Was­ser­fla­sche bewor­fen wur­de. Wobei der sicher auch über­rascht war, dass mal etwas ande­res als immer nur Finn-Cra­cker auf die Büh­ne flo­gen.

Und dann gibt es noch die­ses Foto aus einer Bil­der­ga­le­rie bei der net­zei­tung, wo man es geschafft hat, in zwölf Wor­ten Begleit­text gleich drei Feh­ler unter­zu­brin­gen:

Irgendeine Band mit C …
(Screen­shot: netzeitung.de, Her­vor­he­bung: Cof­fee And TV)

Das Come­back-Album nach über zehn Jah­ren soll übri­gens im Juli erschei­nen.

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Musik Digital

Mehr Abwechslung wagen

Ich will auf kei­nen Fall den Ein­druck erwe­cken, ich hät­te nichts bes­se­res zu tun, als renom­mier­ten Musik­ma­ga­zi­nen ver­gleichs­wei­se neben­säch­li­che Schreib­feh­ler nach­zu­wei­sen. Zum einen ist es bei den Kili­ans, die vor­her The Kili­ans hie­ßen, wirk­lich nicht ganz ein­fach mit dem Namen (bis auf die Tat­sa­che, dass da immer nur ein L im Band­na­men war); zum ande­ren habe ich erst letz­te Woche den Namen von Conor Oberst mal wie­der falsch geschrie­ben. Neh­men wir das nun fol­gen­de also lie­ber als Bei­spiel dafür, wie man durch ver­schie­dens­te Schreib­wei­sen läs­ti­ge Wie­der­ho­lun­gen ver­mei­det und die eige­ne Arbeit auf­lo­ckert.

Das Dort­mun­der Musik­ma­ga­zin VISIONS hat in sei­nem aktu­el­len E‑Paper u.a. einen Arti­kel über besag­te Dins­la­ke­ner Nach­wuchs­band. Die­ser wird auf visions.de so ange­kün­digt:

visions.de: “The Killians”

Im Inhalts­ver­zeich­nis des E‑Papers erfährt man dann, auf wel­cher „Sei­te“ man den Arti­kel fin­det:

visions-weekly.de: “Kilians”

Und der Arti­kel selbst wird dann so über­schrie­ben:

visions-weekly.de: The Kilians
(Alle Screen­shots: visions.de/visions-weekly.de, Her­vor­he­bun­gen: Cof­fee And TV)

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Bloody April

Ges­tern wur­den auf dem Cam­pus der Uni­ver­si­tät von Blacksburg, Va. mehr als 30 Men­schen von einem Amok­läu­fer erschos­sen. Das ist unglaub­lich schreck­lich, eine sehr, sehr trau­ri­ge Geschich­te. Vie­le Men­schen rund um die gan­ze Welt sind ent­setzt und sprach­los – und es wäre wirk­lich wün­schens­wert, wenn auch die Jour­na­lis­ten ange­denk eines sol­chen Ereig­nis­ses ein­fach mal sprach­los wären und die Schnau­ze hiel­ten. Die New York Times doku­men­tiert sehr ein­drucks­voll, wie die Fern­seh­re­por­ter auf dem Cam­pus ein­fie­len, und wie Augen­zeu­gen per Han­dy­ka­me­ra und Inter­net die Nach­rich­ten­sta­ti­on mit Bil­dern aus der Schuss­li­nie ver­sorg­ten. Der Arti­kel schließt mit einem Zitat, das zynisch zu nen­nen ich mich nicht scheue:

“Stay out of harm’s way,” the CNN anchor Don Lemon said, addres­sing stu­dents at Vir­gi­nia Tech. “But send us your pic­tures and video.”

Aber auch die deut­schen Medi­en schal­te­ten sofort auf Tur­bo und schrit­ten beherzt und enthirnt zur Tat. Dabei war die „Bild“-Schlagzeile, die etwas vom „größ­ten Blut­bad aller Zei­ten“ fasel­te, sogar noch das kleins­te Übel. Je nach­dem, wie man den Begriff „Blut­bad“ defi­niert und wie man den Super­la­tiv räum­lich ein­schrän­ken will, stimmt die Behaup­tung sogar: in den USA hat es nie einen Amok­lauf mit mehr Todes­op­fern gege­ben.
In fast jeder Zei­tungs- oder Fern­seh­re­dak­ti­on muss­te sich ein Mit­ar­bei­ter dar­an machen, eine Chro­nik der schlimms­ten Amok­läu­fer zu erstel­len. Auch das kann man kri­tisch sehen, aber es kann ja auch ganz hilf­reich sein, sich noch mal ein paar Fak­ten ins Gedächt­nis zu rufen.
Da schon wäh­rend des Amok­laufs reich­lich von Stu­den­ten der Vir­gi­nia Tech über die Ereig­nis­se gebloggt wur­de, kann man sich nun an die Web-Aus­le­se machen. Das ist sogar aus medi­en­theo­re­ti­scher Sicht hoch­in­ter­es­sant, da es bis­her kaum ver­gleich­ba­re Ereig­nis­se gibt, die der­art medi­al abge­deckt sind.

Was Spie­gel Online sich dann aber noch leis­tet, ist ent­we­der als Beschäf­ti­gungs­the­ra­pie für Prak­ti­kan­ten oder als end­gül­ti­ge Gleich­set­zung von SpOn mit „Bild“ anzu­se­hen:

Die Amok­läu­fe von Litt­le­ton, Erfurt und Blacksburg haben nicht nur das Leid und den Schre­cken gemein­sam, den weni­ge über vie­le gebracht haben. Sie tei­len auch den Monat, in dem die Schre­ckens­ta­ten ver­übt wur­den.

Und in deed: das ein­zi­ge, was dem Arti­kel noch fehlt, sind die Quer­sum­men der Tage, an denen die Amok­läu­fe statt­fan­den (34, 16, 20). Über den gest­ri­gen Täter schreibt jdl:

Waren Kle­bold und Har­ris auch sei­ne Vor­bil­der? Kann­te er die Wahn­sinns­tat des Robert Stein­häu­ser? War das Datum bewusst gewählt? Schon die Fra­gen sind beängs­ti­gend. Wie wer­den erst die Ant­wor­ten sein?

Beängs­ti­gend, für­wahr. Denn die „Bild“-gleiche Über­schrift

Monat der Mas­sa­ker: Blu­ti­ger April

bezieht sich ja gar nicht auf eine mög­li­che Nach­ah­mungs­tat (die man im Moment eben­so wenig aus­schlie­ßen wie bestä­ti­gen kann), son­dern auf einen ver­damm­ten Monat. Ein Blick in die SpOn-eige­ne Chro­nik hät­te gezeigt, dass von den 18 dort auf­ge­führ­ten Amok­läu­fen 15 in Nicht-April-Mona­ten statt­fan­den – dafür vier im März (!!!!1). Viel­leicht liegt es ja an den Ster­nen

Nach­trag, 19:17 Uhr: Ste­fan Nig­ge­mei­er schreibt dazu:

Im welt­wei­ten Ren­nen um den dümms­ten Bericht zum Amok­lauf in Blacksburg liegt Spie­gel Online mit die­sem Arti­kel fast unein­hol­bar in Füh­rung

War­ten wir’s ab …

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Musik Digital

Null-Blog-Generation

Wenn ich zu Spie­gel Online gehe, erwar­te ich natür­lich nicht pri­mär kom­pe­ten­te Betrach­tun­gen zum The­ma Musik. Dass die dor­ti­gen Plat­ten­kri­ti­ken unter ande­rem von Jan Wig­ger geschrie­ben wer­den, sorgt aber immer­hin für ein biss­chen Indie Cre­di­bi­li­ty und ein paar kurz­wei­li­ge Rezen­sio­nen.

Nun hat man Ende let­zen Jah­res bei SpOn fest­ge­stellt, dass es ja seit ein paar Jah­ren das sog. Inter­net und somit auch die­se hyper­mo­der­nen, völ­lig flip­pi­gen „Blogs“ gibt, von denen sich nicht weni­ge mit Musi­kern befas­sen, die noch nicht so bekannt sind. Auf der Suche nach hip­pem und preis­güns­ti­gem con­tent muss man also nur noch ein paar ein­schlä­gi­ge Blogs durch­le­sen oder sich auf der ein oder ande­ren Web­site her­um­trei­ben und *schwups* hat man ein Bün­del Neu­ent­de­ckun­gen unterm Arm, über die noch nie­mand sonst geschrie­ben hat man sich aus­las­sen kann.

Und in der Tat: Was Hei­ko Behr (Redak­ti­ons­mit­glied beim intro) bis­her zusam­men­ge­tra­gen hat, reicht von hei­mi­schen Geheim­tipps (Ich Jetzt Täg­lich, Gis­bert zu Knyphau­sen, Polar­kreis 18) über Soon-To-Be-Super­stars (Amy Wine­house und Mika), bis hin zu Künst­lern, die zwar schon län­ger bis lan­ge dabei sind, aber zumin­dest in Deutsch­land noch auf den gro­ßen Durch­bruch warte(te)n (Joseph Arthur, The Shins). Drum­her­um fin­den sich noch jede Men­ge ande­re Künst­ler und Bands, die ein mehr oder weni­ger genau­es Hin­hö­ren Wert sind.

Nur: Wenn man bei SpOn die Kate­go­rie „Top of the Blogs“ nennt und Zei­len wie

gleich meh­re­re Blogs begin­nen ihre Lobes­hym­nen über das Quin­tett mit iden­ti­schen Zei­len

ein­flie­ßen lässt, wenn man in jedem zwei­ten Satz die Vor­zü­ge der welt­wei­ten Ver­knüp­fung von Inhal­ten unter­ein­an­der anpreist, war­um in Drei­teu­fels­na­men ist dann KEIN EINZIGES Blog ver­linkt? Nir­gend­wo.

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Musik Digital

The Sellf Fullfilling Prophecies

Darf man sich eigent­lich selbst zitie­ren? Wenn es dar­um geht, selbst auf­ge­stell­te und in der Wirk­lich­keit beleg­te The­sen zu unter­mau­ern, wohl schon, oder?

Jeden­falls ist es vier Tage her, dass ich die fan­tas­ti­sche New­co­mer­band Kili­ans abfei­er­te. Neben diver­sem Lob für die Band hat­te ich in mei­nem Text auch eini­ge Sät­ze der Kri­tik an die Adres­se von Musik­jour­na­lis­ten und ‑kon­su­men­ten ver­steckt. Die­se waren nicht extra gekenn­zeich­net, lau­te­ten aber:

Wer den Kili­ans vor­wirft, sie mach­ten “Sound, Auf­tre­ten und Song­wri­ting” der Strokes nach, der macht sich ver­däch­tig, außer den Strokes nicht all­zu vie­le ande­re Bands zu ken­nen.

und

Was man den sym­pa­thi­schen und krea­ti­ven jun­gen Män­nern jetzt nur noch wün­schen kann ist […], dass die Leu­te ler­nen, den Band­na­men rich­tig zu schrei­ben: ohne “The” und mit einem L.

Nun gehe ich natür­lich nicht davon aus, dass man bei den Opi­ni­on Lea­dern von Eins Live und Visi­ons unser klei­nes Blog liest und sich dann auch noch an dem ori­en­tiert, was ich glau­be, der Mensch­heit so mit­zu­tei­len zu haben. Aber es hät­te ja sicher auch ande­re Grün­de (bei­spiels­wei­se ästhe­ti­sche oder gram­ma­ti­sche) gege­ben, einen Satz wie die­sen zu ver­hin­dern:

Dank pro­mi­nen­ten Befür­wor­tern wie Thees Uhl­mann und per­ma­nen­tem tou­ren – unter ande­rem mit Kett­car und The Coo­per Temp­le Clau­se – spricht es sich lang­sam rum, dass sich die Ant­wort des Nie­der­rheins auf die Strokes The Kili­ans nennt.

Jetzt ist natür­lich die Fra­ge, wel­che PR-Grund­re­gel man in die­sem Fall zückt: „Jede Pres­se ist gute Pres­se“ oder doch lie­ber „Call me m***erf***er but spell my name cor­rect­ly“?

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Digital Musik

„Die Kunst ist dazu da, beim Zuhörer Jammern und Schaudern zu erwecken.“

Manch­mal ist es schreck­lich, Musik­jour­na­list zu sein und Musi­ker zu inter­view­en: Sie sind aus irgend­wel­chen Grün­den schlecht gelaunt, ant­wor­ten nur sehr knapp oder gar nicht und am Ende hat man viel­leicht drei, vier Sät­ze, mit denen man etwas anfan­gen kann.

Manch­mal ist es schreck­lich, Musi­ker zu sein und von Musik­jour­na­lis­ten inter­viewt zu wer­den: Sie haben sich kul­tur­theo­re­tisch kom­ple­xe Fra­ge­blö­cke aus­ge­dacht, stel­len völ­lig ver­que­re Fra­gen oder schwei­gen plötz­lich ein­fach.

Sven Rege­ner von Ele­ment Of Crime, der sehr gute Sachen sagt, wenn man ihm die rich­ti­gen Fra­gen stellt, beweist in einem Inter­view mit der Net­zei­tung, dass er fast noch bes­se­re Sachen sagt, wenn man ihm die fal­schen Fra­gen stellt:

War­um heißt es in einem Song, «Wo Dei­ne Füße ste­hen, ist der Mit­tel­punkt der Welt»?

Ja, war­um denn nicht. Weil es rich­tig ist und weil es zu dem­je­ni­gen gehört, des­sen Rol­le er ein­nimmt.

Ste­pha­nie Weiß, die sich sicher irre vie­le Gedan­ken gemacht hat, was sie den von ihr hoch­ver­ehr­ten Musi­ker so fra­gen könn­te, fragt sich um Kopf und Kra­gen – bis sie schließ­lich gar nichts mehr sagt:

(Lan­ges Schwei­gen)

Ja, ich mei­ne, INTERVIEW, Frau Weiss! Haben Sie noch Fra­gen?

Das erstaun­li­che an die­sem Inter­view ist zum Einen, dass es offen­bar nicht „glatt­ge­bü­gelt“ wur­de, d.h. die Inter­viewe­rin ihre Fra­gen im fer­ti­gen Text nicht fre­cher oder intel­lek­tu­el­ler (bzw. in die­sem Fall: weni­ger intel­lek­tu­ell) for­mu­liert oder für sie unvor­teil­haf­te Stel­len und Ant­wor­ten ent­fernt hat. Ein sol­ches Doku­ment des eige­nen Schei­terns öffent­lich zu machen, erfor­dert Mut und ver­dient Respekt. Zum Ande­ren funk­tio­niert das Inter­view aber trotz sol­cher Sze­nen und diver­ser Wie­der­ho­lun­gen immer noch erstaun­lich gut. Es gibt Künst­ler, die wären irgend­wann ein­fach gegan­gen und hät­ten das Gespräch damit wohl auto­ma­tisch einer media­len Ver­wer­tung ent­ris­sen. Sven Rege­ner aber blieb und for­mu­lier­te zum drit­ten, vier­ten, fünf­ten Mal (als Ant­wort auf die drit­te, vier­te, fünf­te Fra­ge zum The­ma) sein Anlie­gen, den Hörern kei­ne Inter­pre­ta­ti­on sei­ner Tex­te vor­schrei­ben zu wol­len:

Kunst kennt kei­ne Bei­pack­zet­tel. Wenn man ein Kunst­werk schafft, dann kann man den Leu­ten nicht sagen, so oder so habt ihr es zu ver­ste­hen.

Nach der Lek­tü­re glaubt man zu wis­sen, war­um Sven Rege­ner so groß­ar­ti­ge Tex­te und auch so fan­tas­ti­sche Bücher („Herr Leh­mann“, „Neue Vahr Süd“) schreibt: Er hat ein­fach ein Gespür für Spra­che und denkt einen Moment län­ger als ande­re dar­über nach, wie er etwas for­mu­liert.

Netzeitung.de: Ein wei­te­rer Erklä­rungs­ver­such: Sie schaf­fen es, mit einer schwe­ren Leich­tig­keit oder leich­ten Schwe­re aktu­el­le Befind­lich­kei­ten zu tref­fen.

Rege­ner: Das Wort Befind­lich­keit fin­de ich gar nicht gut.

Netzeitung.de: Ist Zeit­geist bes­ser?

Rege­ner: Nein.

Netzeitung.de: Hm (Schwei­gen)