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Leben

Gebt den Kindern das Kommando

Man kennt das aus vie­len, vie­len Hol­ly­wood-Komö­di­en: es klin­gelt an der Tür und – Zack! – hat ein Mann ein Kind am Hacken, von des­sen Exis­tenz er nichts geahnt hat und mit dem er sich erst gar nicht und dann super gut ver­steht. Mir ist ges­tern auch ein Kind zuge­lau­fen – aller­dings konn­te ich sicher sein, dass es nicht mein eige­nes war.

Ich ging gera­de auf die Roll­trep­pen in Bochums größ­tem Elek­tronik­kauf­haus zu, als ich ein klei­nes Mäd­chen erblick­te, das ein­sam zwi­schen Dampf­bü­gel­eisen und die­sen komi­schen auf­blas­ba­ren Hem­den­glatt­ma­chern stand, von denen nie­mand weiß, wie sie funk­tio­nie­ren und wer sie kauft.

„Ich muss da rauf“, sag­te das Mäd­chen mit einer Stim­me, die kei­nen Wider­spruch zuließ. „Mei­ne Mama ist da oben und muss noch was bezah­len!“
„Und dann bist Du allei­ne hier unten?“, frag­te ich ungläu­big.
„Ja, aber ich muss da wie­der rauf!“
„Und Dei­ne Mama ist oben?“
„Ja“, wie­der­hol­te die Klei­ne und nag­te ner­vös am Ohr ihrer Stoff­en­te her­um.
„Willst Du mit mir hoch­fah­ren?“, frag­te ich und – Zack! – hat­te ich ein Kind am Hacken.

Erstaun­lich selb­stän­dig fuhr das Mäd­chen mit mir die Roll­trep­pen hin­auf in den zwei­ten Stock. Blitz­schnell ver­schwand sie 1 laut „Mama! Mama, bist Du hier?“ rufend zwi­schen den Rei­hen von CD-Rega­len. Ich woll­te mich gera­de den aktu­el­len Ange­bo­ten zuwen­den, als ihr Gesicht wie­der auf Höhe mei­ner Knie auf­tauch­te und mich ver­wirrt anschau­te. Mir fiel auf, dass die Stoff­en­te nur noch ein Ohr hat­te.

„Nicht da?“, frag­te ich das Offen­sicht­li­che.
„Die muss hier sein, aber ich fin­de sie nicht“, ent­geg­ne­te das Kind, nur mini­mal beun­ru­higt. Es ist das Pri­vi­leg von Kin­dern und Para­no­iden, sich die eige­ne Theo­rie nicht durch Fak­ten zer­stö­ren zu las­sen.

Weil ich als Kind mal bei einem Stadt­fest mei­ne Eltern ver­lo­ren hat­te 2 und mit dem Gedan­ken, für den Rest mei­nes Lebens unter der Rot­bach­brü­cke an der katho­li­schen Kir­che schla­fen zu müs­sen, durch die Gegend getau­melt war, dach­te ich, dass es in die­ser Situa­ti­on doch sinn­vol­ler wäre, aktiv zu wer­den.
„Sol­len wir mal Dei­ne Mama aus­ru­fen las­sen?“, frag­te ich das Kind und mich einen Augen­blick spä­ter, ob „aus­ru­fen las­sen“ nicht viel­leicht doch eine etwas zu kom­ple­xe For­mu­lie­rung war. Über­haupt „aus­ru­fen“, was soll denn das Wort hei­ßen?

Die ers­te Infor­ma­ti­on war geschlos­sen, an der zwei­ten muss­ten wir eini­ge Zeit war­ten 3, ehe wir die Auf­merk­sam­keit der Bediens­te­ten erre­gen konn­ten.
„Sie sucht ihre Mama“, erklär­te ich und unter­strich das eben Gesag­te mit einem Blick, von dem ich hoff­te, er wür­de „Seid so freund­lich und tut um Him­mels Wil­len irgend­was!“ aus­drü­cken.
Mit jeder Minu­te, die ver­strich, wur­den näm­lich die Bil­der eines Mobs von „Bild“-Lesern, die mit Mist­for­ken und Fackeln die­sen wahn­sin­ni­gen Stu­den­ten von der Ent­füh­rung des unschul­di­gen Kin­des abhal­ten woll­ten, vor mei­nem geis­ti­gen Auge schär­fer. Ich über­leg­te, ob ich die Num­mer mei­nes Anwalts im Han­dy ein­ge­spei­chert hat­te, und war aus­ge­spro­chen froh, nicht auch noch irgend­wie süd­län­disch aus­zu­schau­en. Sie hät­ten mich sonst sofort erschos­sen.

„Äh“, sag­te der Ver­käu­fer, was jetzt nicht ganz mei­nen in ihn gesetz­ten Hoff­nun­gen ent­sprach. „Am Bes­ten geht Ihr ins Erd­ge­schoss. An der Infor­ma­ti­on kön­nen die auch aus­ru­fen!“
„Ah, okay. Vie­len Dank“, sag­te ich und freu­te mich auf eine wei­ter Tour durchs hal­be Kauf­haus.

Ich wand­te mich wie­der der Klei­nen zu: „Wir müs­sen wie­der run­ter. Da kön­nen die dann Dei­ner Mama über Laut­spre­cher Bescheid sagen.“
Das Kind nick­te begeis­tert und wirk­te immer noch nicht son­der­lich beun­ru­higt. Gemein­sam gin­gen wir wie­der durch die kom­plet­te CD-Abtei­lung, wo sie noch ein­mal in jeden Gang guck­te, ob sich ihre Mut­ter dort auch nicht ver­steckt hät­te.

„Wol­len wir Fahr­stuhl fah­ren?“, frag­te ich, weil mir das irgend­wie unge­fähr­li­cher erschien als noch mal die Roll­trep­pe zu neh­men. Das Mäd­chen nick­te und lang­sam mach­te ich mir Sor­gen um das zwei­te Ohr der Ente.

Im Auf­zug nach unten frag­te ich sie, wie alt sie eigent­lich sei.
„Ich bin vier!“, ver­kün­de­te sie stolz und bejah­te auch mei­ne anschlie­ßen­de Fra­ge, ob sie denn mit vier auch schon allei­ne durchs Kauf­haus zie­hen dür­fe.

Die glä­ser­ne Kabi­ne schweb­te ins Erd­ge­schoss ein und ich wapp­ne­te mich gera­de für die Begeg­nung mit dem Lynch­mob, als das Kind erfreut „Ich kann mei­ne Mama sehen!“ aus­rief.
Die Türen öff­ne­ten sich und die Klei­ne stürm­te mit gut­ge­laun­tem „Mama, Mama!“-Gebrüll einer Frau in die Arme, die offen­sicht­lich bis zu die­sem Augen­blick in gro­ßer Sor­ge gewe­sen war.

Nun pas­sier­ten meh­re­re Din­ge gleich­zei­tig: Die Mut­ter schloss ihr Kind in ihre Arme, begann zu wei­nen, frag­te „Wo warst Du denn?“ und sag­te „Mach das nie wie­der!“
Ich stand unschlüs­sig dane­ben und kam mir so fehl am Plat­ze vor, wie es Redak­teu­re von Rea­li­ty-For­ma­ten tun soll­ten, wenn sie ein biss­chen Anstand und Scham­ge­fühl hät­ten. Ein­fach gehen hät­te ich aber auch doof gefun­den, also sag­te ich „Sie hat Sie gesucht, wir woll­ten Sie gera­de aus­ru­fen las­sen!“ in den offe­nen Raum hin­ein, womit es mir immer­hin gelang, die Auf­merk­sam­keit der Mut­ter zu erre­gen, die sich mit feuch­ten Augen bedank­te.

„Okay, alles geklärt“, dach­te ich und ver­ließ auf dem schnells­ten Wege den Laden. „Wäre ich Pfad­fin­der gewe­sen, hät­te ich heu­te einen beson­ders gro­ßen Haken in mei­nen Kalen­der machen kön­nen.“

Von dem klei­nen Mäd­chen hat­te ich mich gar nicht mehr ver­ab­schie­det. Von der Stoff­en­te auch nicht.

  1. Ich schrei­be immer „das Mäd­chen“ und „sie“ – bio­lo­gi­sches Geschlecht geht mir vor gram­ma­ti­ka­li­schem.[]
  2. Also, kei­ne Angst: Die Bei­den leben noch und erfreu­en sich bes­ter Gesund­heit, sie waren mir damals nur abhan­den gekom­men.[]
  3. Im Nach­hin­ein muss ich zuge­ben, dass es tak­tisch unklug war, das Kind direkt vor einer ein Meter hohen The­ke und damit außer­halb der Sicht­wei­te der Ver­käu­fer abzu­stel­len.[]
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Politik Gesellschaft

Random Facts

Heu­te vor 15 Jah­ren ging ein Poli­zei­ein­satz gründ­lich schief. Es war der GSG-9-Ein­satz in Bad Klei­nen und der GSG-9-Beam­te Micha­el Newr­zel­la, der an die­sem Tag vom RAF-Ter­ro­ris­ten Wolf­gang Grams erschos­sen wur­de, ist das letz­te Todes­op­fer durch Ter­ro­ris­mus auf deut­schem Boden.

Die Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung zählt in den letz­ten 15 Jah­ren 85 Todes­op­fer rech­ter Gewalt in Deutsch­land.

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Musik

Everybody in the house of love

Lei­der habe ich heu­te Abend schon eine Ver­ab­re­dung mit der Hoch­kul­tur, sonst könn­te ich mir in mei­ner Hei­mat­stadt doch glatt das Come­back des Jah­res anse­hen. In einem mir unbe­kann­ten Bochu­mer Tanz­schup­pen wird die Band auf der Büh­ne ste­hen, die in mei­ner Musik­so­zia­li­sa­ti­on den Zeit­raum zwi­schen der Mün­che­ner Frei­heit und den New Radi­cals bestimmt hat: East 17.

Mit­te der Neun­zi­ger bestimm­te die Fra­ge „Oasis oder Blur?“ die bri­ti­sche Musik­sze­ne. Die ande­re zen­tra­le Fra­ge für die etwas jün­ge­ren und/​oder ahnungs­lo­se­ren lau­te­te: „Take That oder East 17?“. Und wäh­rend es heut­zu­ta­ge völ­lig okay ist, Take That gut gefun­den zu haben (ihr Come­back-Album muss man ja gar lie­ben), „gehen“ East 17 rück­bli­ckend „gar nicht“ – sagen zumin­dest alle.

Ich moch­te die Band damals und die Erin­ne­rung an die­se Zeit lässt es auch heu­te noch nicht zu, ihre Musik schei­ße zu fin­den. Ich war im Besitz einer die­ser aus der „Bra­vo“ zusam­men­ge­klaub­ten und hin­ge­schlu­der­ten (heu­te wür­de man die Wiki­pe­dia neh­men) Band­bio­gra­phien und wäh­rend ich lan­ge Jah­re dach­te, „Post­cards From Hea­ven“ der Light­house Fami­ly wäre mein ers­tes selbst­ge­kauf­tes Album gewe­sen, muss ich die­se Infor­ma­ti­on nach wei­te­rer Inau­gen­schein­nah­me mei­ner CD-Samm­lung kor­ri­gie­ren: es war „Up All Night“ von East 17.

Ich habe East 17, die schließlch nur noch E‑17 hie­ßen (was sie, wie der Ken­ner weiß, natür­lich schon getan hat­ten, bevor sie East 17 hie­ßen) und nur noch zu dritt waren, irgend­wann aus den Augen ver­lo­ren. Von 1996 bis 1998 war mein Inter­es­se an Kino­fil­men und deren Scores grö­ßer als das an Pop­mu­sik. Was ich noch mit­be­kam war, dass das Trio noch ein Album ver­öf­fent­lich­te und sich dann auf­lös­te. Sän­ger Bri­an Har­vey war vor eini­gen Jah­ren Kan­di­dat bei „I’m a Cele­bri­ty … Get Me Out of Here!“ und schaff­te es, von sei­nem eige­nen Mer­ce­des über­fah­ren zu wer­den, wäh­rend er am Steu­er saß. In einem Plat­ten­la­den hat­te ich neu­lich ein Best Of der Band in der Hand, das etli­che Jahr jün­ger war als ihr Best Of bei mir im Regal, aber die glei­chen Songs ent­hielt.

Heu­te Abend ste­hen East 17 also als East 17, aber wei­ter­hin ohne Tony Mor­ti­mer, den coo­len Rap­per, auf der Büh­ne des „Rombach’s“ in Bochum. Ich bin ganz froh, dass ich was ande­res vor­ha­be.

PS: East 17s größ­ter Hit war natür­lich „Stay Ano­ther Day“, den ich auch heu­te noch kom­plett mit­sin­gen kann. Ein wenig kre­di­bi­ler ist das natür­lich bei der Cover­ver­si­on von Maps, die man sich hier her­un­ter­la­den kann.

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Musik

Burn & Fade

Nach­dem es in den letz­ten Jah­ren erstaun­lich ruhig zuging, hat sich end­lich mal wie­der eine mei­ner Lieb­lings­bands getrennt. Die­ses Mal: Vega4.

Das konn­te ja auch nicht gut gehen: Schon im Jahr 2001 behäng­te die Musik­pres­se das Quar­tett mit Vor­schuss­lor­bee­ren, die Ver­öf­fent­li­chung der ers­ten EP „Bet­ter Life“ wur­de eini­ger­ma­ßen groß ange­gan­gen. Inter­es­siert hat die Musik zwi­schen U2, Embrace und den frü­hen Radio­head dann aber die wenigs­ten. Mich schon: „Satel­li­tes“ fiel in die extrem prä­gen­de Zeit zwi­schen Abitur und Zivil­dienst, „Radio Song“ war eines die­ser Lie­der, bei denen man schon beim ers­ten Hören weiß, dass sie einen lan­ge beglei­ten wer­den. Dann war lan­ge Stil­le.

2006 kamen Vega4 dann plötz­lich wie­der. Auf ihrer MySpace-Sei­te, wo sie jetzt ihre Auf­lö­sung ver­kün­det haben, stand damals der neue Song „You And Me“. Jack­ni­fe Lee, einer der bes­ten Pro­du­zen­ten die­ser Tage, hat­te der Band den grad­li­ni­gen Rock bei­gebracht und als das Album „You And Others“ end­lich in Eng­land erschien, muss­te ich es natür­lich sofort als Import haben. Es war ein gutes Album, das sich eigent­lich ähn­lich gut hät­te ver­kau­fen müs­sen wie das sehr ähn­li­che „Eyes Open“ von Snow Pat­rol. Aber irgend­wie klapp­te es nicht, trotz des Ein­sat­zes von „Life Is Beau­tiful“ bei „Grey’s Ana­to­my“. Die Band kam auf Tour und spiel­te vor 120 Leu­ten mit einer Inbrunst, als wür­den sie gera­de ein Sta­di­on rocken.

Wie auch immer die eigent­li­chen Beweg­grün­de aus­ge­se­hen haben mögen (die Band hält sich in ihrem … nun ja: pathe­ti­schen State­ment mit Andeu­tun­gen zurück), irgend­wie schie­nen Vega4 immer zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort zu sein. Und mal ehr­lich – im Nach­hin­ein spra­chen die Song­ti­tel doch schon immer Bän­de: So Long Fore­ver, Drif­ting Away Vio­lent­ly, Love Breaks Down, The Love You Had, Burn & Fade, Not­hing Ever Comes Wit­hout A Pri­ce, Tearing Me Apart, Let Go, If This Is It, Boo­me­rang, Time Of Our Lives …

Was bleibt, sind wie­der mal die Songs und Erin­ne­run­gen. Und neu­er­dings auch die You­Tube-Vide­os von den Kon­zer­ten, auf denen man war:

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Musik

Won’t you help to sing

John­ny Haeus­ler erin­nert drü­ben im Spree­blick an den heu­ti­gen fünf­ten Todes­tag von Joe Strum­mer, den ich ohne die­se Erin­ne­rung glatt über­se­hen hät­te. Und weil John­ny das mit einem Video zu „Lon­don Cal­ling“ macht, hab ich mir was was ande­res raus­ge­sucht: „Redemp­ti­on Song“, auch ohne John­ny Cash mit Gän­se­haut­ga­ran­tie.

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Leben Unterwegs

Die lustigste Geschichte

Unter allen Men­schen, die ich mal per­sön­lich getrof­fen habe, dürf­te es etwa drei bis vier geben, denen ich die­se Geschich­te noch nicht erzählt habe. Da mein bes­ter Freund kürz­lich mein­te, man müs­se sich mit mir ja gar nicht mehr unter­hal­ten, wenn man die­ses Blog nur auf­merk­sam genug lese, gehe ich also davon aus, die­se Geschich­te nun zum letz­ten Mal erzäh­len zu müs­sen:

Vor sie­ben Jah­ren, als ich noch in Dins­la­ken zur Schu­le ging, fuh­ren mein ande­rer bes­ter Freund und ich zu einem Kon­zert von Tom Liwa im Bahn­hof Lan­gen­d­re­er. Die­se Infor­ma­ti­on ist eigent­lich nur von min­de­rer Bedeu­tung für den wei­te­ren Ver­lauf der Geschich­te, könn­te ande­rer­seits auch eine wich­ti­ge Erklä­rung für ihre Poin­te sein.

Wenn ich es mir recht über­le­ge, wird die Geschich­te die Erwar­tungs­hal­tun­gen an sie, die ich bis­her auf­ge­baut habe, ver­mut­lich nicht erfül­len kön­nen, aber ich fah­re ein­fach mal fort: Nach dem Kon­zert muss­ten wir, damals bei­de noch min­der­jäh­rig und ohne Füh­rer­schein, also mit der S‑Bahn zurück­fah­ren. Wir stie­gen in Lan­gen­d­re­er ein, die S‑Bahn ruckel­te los in die Dun­kel­heit, als plötz­lich ein Mann mitt­le­ren Alters ent­setzt auf­sprang.

„Ist das hier die S‑Bahn Rich­tung Düs­sel­dorf?“, rief er panisch in die Bahn.
„Ja, ja“, bestä­tig­ten wir.
„Oh, dann ist gut“, ant­wor­te­te er und atme­te tief durch. „Dann hab‘ ich mich nur fal­schrum hin­ge­setzt!“

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Musik Leben

Was geht

Am Sams­tag schloss der Tra­di­ti­ons­plat­ten­la­den „Elpi“ in Bochum für immer sei­ne Pfor­ten. Nach lan­ger Zeit (ich hab ver­ges­sen, noch mal nach­zu­fra­gen, mei­ne aber, mich an die Zahl von 28 Jah­ren erin­nern zu kön­nen) zieht sich damit ein tra­di­ti­ons­rei­cher Ein­zel­händ­ler zurück, ein fast schon pro­to­ty­pi­scher Plat­ten­la­den wie in „High Fide­li­ty“.

Ich war das ers­te Mal vor grob vier Jah­ren bei „Elpi“, an mei­nem ers­ten Tag in Bochum, dem Tag mei­ner Ein­schrei­bung. Ich kauf­te mir damals „Sea Chan­ge“ von Beck im Ange­bot, pack­te die CD in mei­nen Disc­man und weil sie so unend­lich trau­rig ist, ich vom ers­ten Ein­druck Bochums ziem­lich depri­miert war und es auch noch anfing zu reg­nen, mach­te ich sie wie­der aus und habe sie die­ses Jahr am Abend vor mei­ner Examens­fei­er zum ers­ten Mal an einem Stück gehört.

Ich war ger­ne bei „Elpi“ und habe vie­le CDs gekauft, aber ehr­lich gesagt nur weni­ge neue. Da konn­te der Laden, der zu kei­ner gro­ßen Ket­te gehör­te, nicht mit den Prei­sen der Elek­tronik­kauf­häu­ser und Inter­net-Ver­sand­hä­suer mit­hal­ten. Und nicht nur ich zuck­te bei Prei­sen von sieb­zehn, acht­zehn Euro immer wie­der zusam­men, auch vie­le ande­re kauf­ten nicht mehr in dem klei­nen Laden in der Fuß­gän­ger­zo­ne.

Des­halb war jetzt Schluss. Nicht wegen „Saturn“, wie mir die Mit­ar­bei­ter erzähl­ten, aber die Per­spek­ti­ve eines rie­si­gen CD-Ange­bots zu Kampf­prei­sen in der Nach­bar­schaft beschleu­nig­te die Ent­schei­dung wohl. So war immer­hin noch ein wür­de­vol­ler Abschied mög­lich und der Laden muss­te nicht leer blei­ben, wäh­rend die alten Kun­den mit schlech­tem Gewis­sen zur Kon­kur­renz schli­chen. Der Name und die Mit­ar­bei­ter blei­ben immer­hin im „Elpi-Ticket­shop“ erhal­ten, der im neu­en „Saturn“ neben der CD-Abtei­lung im zwei­ten Stock liegt.

Die letz­ten Wochen waren natür­lich die übli­che Lei­chen­fled­de­rei mit Aus­ver­kauf und Rabat­ten von 25 bis 50 Pro­zent. „Soll man da über­haupt noch mal hin­ge­hen?“, frag­te ich mich und mein ima­gi­na­ry fri­end sag­te: „Doch, klar. Ers­tens hast Du ja schon frü­her da gekauft und zwei­tens neh­men die so wenigs­tens noch was Geld ein.“ Und so kauf­te ich noch mal CDs: The Clash, Suga­ba­bes und Ran­dy New­man, als aller­letz­tes „Neon Gol­den“ von The Notwist.

Und auf der heißt es ja:

Fail with con­se­quence, lose with elo­quence and smi­le.

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Musik

Lieder für die Ewigkeit: U2 – Beautiful Day

See the bird (with no leaf in her mouth)

Es gibt unge­fähr gleich vie­le Grün­de, U2 zu lie­ben, wie sie zu has­sen. Man muss das Pathos mögen, das sie fast unent­wegt ver­brei­ten, sonst hat man kei­ne Chan­ce. Man muss damit klar kom­men, dass Sän­ger Bono sich mit­un­ter auf­führt wie der unehe­li­che Sohn von Mut­ter The­re­sa und Al Gore, aber immer­hin schö­ner sin­gen kann. Aber man muss nur mal das lang­ge­zo­ge­ne Intro von „Whe­re The Streets Have No Name“ hören, um das Prin­zip Sta­di­on­rock zu ver­ste­hen.

U2 hat­ten in mei­ner musi­ka­li­schen Früh­erzie­hung nur eine Neben­rol­le gespielt, im Plat­ten­schrank mei­ner Eltern fin­det sich bis heu­te kein ein­zi­ges Album der Iren. 1998 wünsch­te ich mir das „Best Of 1980–1990“ zu Weih­nach­ten und hör­te die nächs­ten Wochen und Mona­te „I Still Haven’t Found What I’m Loo­king For“, „Sun­day Bloo­dy Sun­day“ und „With Or Wit­hout You“. U2 waren die ers­te Rock­band in mei­nem Regal.

Im Herbst 2000 erschien dann „All That You Can’t Lea­ve Behind“, der von den Fans heiß erwar­te­te „Pop“-Nachfolger. Da mir die Expe­ri­men­te der Neun­zi­ger Jah­re qua­si kom­plett unbe­kannt waren, war der Über­gang vom Acht­zi­ger-Best-Of flie­ßend. Es war die Zeit, wo man CDs am Don­ners­tag nach Erschei­nen kauf­te (weil der ört­li­che Elek­tronik­händ­ler dann sei­ne Ange­bo­te raus­brach­te) und erst­mal fünf- bis zwan­zig­mal hin­ter­ein­an­der hör­te.

Auf „All That You Can’t Lea­ve Behind“ ist mit „Stuck In A Moment You Can’t Get Out Of“ der viel­leicht bes­te Song der gan­zen Band­ge­schich­te ent­hal­ten, aber nach­hal­ti­ger hat mich das eupho­ri­sche „Beau­tiful Day“ beein­druckt. Der Rhyth­mus, den Lar­ry Mullen dort klopft, war damals noch neu – heu­te kommt er in jedem zwei­ten Song von Cold­play, Snow Pat­rol oder Jim­my Eat World vor. Das Gitar­ren­spiel von The Edge hat mich damals tage­lang in mei­nem Zim­mer fest­ge­hal­ten, wo ich ver­such­te, die­se neben­säch­li­che Ele­ganz auf der Kon­zert­gi­tar­re mei­ner Schwes­ter nach­zu­emp­fin­den. Der Text grub sich durch das unzäh­li­ge Noch­mal-Hören tief in mei­ne Gehirn­win­dun­gen ein, obwohl ich bis heu­te nicht genau weiß, was er eigent­lich aus­sa­gen soll. Und dann war da noch die­ses Video von Meis­ter­re­gis­seur Jonas Åker­lund:

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Wann immer ich danach in einem Flug­zeug saß und mir kurz vor dem Start doch ein wenig mul­mig wur­de, summ­te ich die­sen Song vor mich hin und stell­te mir vor, wir wür­den jetzt direkt über die auf der Start­bahn rocken­de Band flie­gen.

Ich wür­de mich bis heu­te nicht als U2-Fan bezeich­nen. Ich kau­fe mir die Alben, ich mag fast alles, was die Band macht, aber es fehlt trotz­dem noch etwas bis zu der kul­ti­schen Ver­eh­rung, die ich bei­spiels­wei­se R.E.M. oder Tra­vis ent­ge­gen­brin­ge. Trotz­dem: Als „Beau­tiful Day“ auf mei­ner Fahrt nach Ber­lin im ICE-Bord­ra­dio lief, wur­de ich plötz­lich so ent­spannt und gut gelaunt, dass mir das gan­ze Thea­ter drum­her­um egal wur­de. Da wuss­te ich: das Lied ist ein Fall für die­se Rubrik.

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Musik

Eurotrash Revisited

Ich glaub, ich muss drin­gend zum Neu­ro­lo­gen. Ich habe gera­de einen Aus­flug in die Musik­ge­schich­te unter­nom­men, die zum Teil auch mei­ne eige­ne ist. Ich bin zurück­ge­reist auf Geburts­tags­fei­ern mit Cola und Chip­se (bei uns sag­te man tat­säch­lich „Chip­se“ als Plu­ral für Kar­tof­fel­chips – eini­ge Leu­te zumin­dest) in elter­li­chen Par­ty­kel­lern, zurück zu Tee­nie­dis­cos im Jugend­zen­trum, bei denen jeder sei­ne eige­nen „Bra­vo Hits“-CDs mit­brin­gen durf­te. Wie es zu die­sem Flash­back kam, weiß ich auch nicht mehr – nur, dass das nicht gesund sein kann.

Und weil man sich Dank You­Tube ja jetzt alles unge­fil­tert rein­zie­hen kann, neh­me ich Sie ein­fach mit auf die­se Rei­se. Gemein­sam ste­hen wir das schon durch:

Char­ly Low­noi­se & Men­tal Theo – Won­derful Days
Dune – Hard­core Vibes
3‑O-Matic – Hand In Hand
Mark Oh – Tears Don’t Lie
Maru­sha – Some­whe­re Over The Rain­bow
Tech­no­head – I Wan­na Be A Hip­py
Snap – Rhythm Is A Dancer
E‑Rotic – Max Don’t Have Sex With Your Ex
U96 – Club Bizar­re
Robert Miles – Child­ren

Kenns­te einen kenns­te alle: Music Ins­truc­tor – Hymn

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Unterwegs Gesellschaft

Niemand ist ein Berliner

Ich bin zurück in Bochum. Fast wäre das schief gegan­gen, da der ICE aus Ber­lin Rich­tung Ruhr­ge­biet aus zwei Zügen besteht, die in Hamm getrennt wer­den, und ich natür­lich zunächst im fal­schen Zug­teil saß. Ich war aber nicht der Ein­zi­ge, den der Gleis­wech­sel und die ver­än­der­te Abfahrt­zeit am Ber­li­ner Haupt­bahn­hof irri­tiert hat­te: In Span­dau rann­ten gleich drei Leu­te aus dem hin­te­ren Teil nach vor­ne und zwei aus dem vor­de­ren nach hin­ten. Obwohl ich Ber­lin als Stadt eigent­lich nicht so mag, war es doch ein sehr schö­ner Auf­ent­halt. Ich habe lau­ter net­te Leu­te getrof­fen und Kreuz­berg ist nach vier dort ver­brach­ten Aben­den tief in mei­nem Her­zen.

Irri­tiert hat mich der Umstand, dass es in Ber­lin Schu­len und Spiel­plät­ze gibt, habe ich doch bis heu­te aus­schließ­lich Men­schen ken­nen­ge­lernt, die frü­hes­tens zum Stu­di­um nach Ber­lin gekom­men sind. Die Vor­stel­lung, es könn­te Per­so­nen geben, die in Ber­lin gebo­ren wur­den, erscheint mir des­halb hoch­gra­dig abwe­gig. Ande­rer­seits fie­le mir spon­tan auch nie­mand aus mei­nem Umfeld ein, der gebür­ti­ger Bochu­mer wäre.

Was auch mal wie­der über­deut­lich wur­de: Egal, wohin man kommt, man trifft immer jeman­den, der eine per­sön­li­che Dins­la­ken-Geschich­te hat. Chris­toph Schult­heis war als Kind sogar schon mal da und erin­ner­te mich gleich an ein schon lan­ge ver­dräng­tes Dins­la­ken-Detail: Im zen­tra­len Kreis­ver­kehr zwi­schen Stadt­hal­le und Super­markt stand lan­ge Jah­re ein gro­ßer gel­ber Weg­wei­ser, wie man ihn von Land- und Bun­des­stra­ßen kennt, der die Rich­tung und Ent­fer­nung nach Ber­lin angab. In Dins­la­ken, das damals noch nicht mal einen eige­nen Auto­bahn­an­schluss hat­te. Es soll­te wohl ein Sym­bol sein, auf dass man die sei­ner­zeit noch vor­herr­schen­de deut­sche Tei­lung im All­tag nicht ver­ges­se. Das Schild gewor­de­ne Weih­nachts­pa­ket an die Ver­wand­ten „drü­ben“.

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Rundfunk Leben

Nach dem Ende des Tunnels

Jetzt isse also auch schon zehn Jah­re tot, die Prin­zes­sin. Noch immer wol­len vie­le Lese­rin­nen von War­te­zim­mer­aus­le­ge­wa­re nicht glau­ben, dass das gla­mou­rö­se Leben von „et Dai­än­na“ ende­te, weil ihr betrun­ke­ner Fah­rer einen Mer­ce­des mit über­höh­ter Geschwin­dig­keit gegen einen Beton­pfei­ler jag­te.

Wie spä­ter bei den Anschlä­gen des 11. Sep­tem­ber oder vor­her bei der Ermor­dung John F. Ken­ne­dys (die deut­lich Älte­ren wer­den sich erin­nern …) weiß heut noch jeder, wo er an die­sem schö­nen Sonn­tag­mor­gen war, als er „davon“ erfuhr. Alter­na­tiv hat sich das Unter­be­wusst­sein aus der Wirk­lich­keit und den Mil­li­ar­den Berich­ten, die man seit­dem über die­se Ereig­nis­se gese­hen hat, eine eige­ne, viel­leicht span­nen­de­re Ver­si­on die­ses Moments zurecht­ge­bo­gen.

Ich taper­te an die­sem 31. August 1997 – von einer ein paar Tage zurück­lie­gen­den Ope­ra­ti­on noch leicht geh­be­hin­dert – durch die elter­li­che Woh­nung und ver­nahm auf WDR2 (es ist immer WDR2, wenn irgend­was schlim­mes pas­siert) einen Nach­rich­ten­spre­cher, der fol­gen­den Satz vor­las: „Bun­des­prä­si­dent Her­zog hat in einem Tele­gramm den Prin­zen Wil­liam und Har­ry sein Mit­ge­fühl aus­ge­drückt.“

„Was ist da los?“, dach­te ich, frag­te ich und bekam ich berich­tet. Und obwohl mir Prin­zes­sin Dia­na bis zu dies­me Moment nun wirk­lich sowas von egal gewe­sen war, war ich doch … Nein, nicht geschockt oder berührt oder so: ver­wirrt. Ich nahm die Nach­richt zur Kennt­nis und wid­me­te mich dem, was ich schon seit Ewig­kei­ten mache, wenn irgend­et­was schlim­mes pas­siert ist: Ich ver­such­te, alle Infor­ma­tio­nen über das Ereig­nis auf­zu­sau­gen.

Ich erin­ne­re mich dar­an, dass ich es irgen­wie unpas­send fand, dass WDR2 „Mmmm, Mmmm, Mmmm, Mmmm“ von den Crash Test Dum­mies spiel­te („Once the­re was this kid who got into an acci­dent and could­n’t come to school“), dass wir am Nach­mit­tag in „Mr. Bean – Der Film“ waren, und dass am Abend nichts ande­res im Fern­se­hen kam als die tote Prin­zes­sin. Alle Men­schen spra­chen nur noch davon, Mil­li­ar­den sahen die Beer­di­gung im Fern­se­hen und ich schnitt mir den neu­en Text von Elton Johns „Cand­le In The Wind“ aus der Zei­tung aus und ver­such­te, das Lied auf dem Kla­vier nach­zu­spie­len. Nach andert­halb Wochen war mir das eng­li­sche Königs­haus wie­der völ­lig egal.

Und wenn die­ser Tage wie­der über­all über die Prin­zes­sin berich­tet wird und der Satz „Sie wird nie ver­ges­sen wer­den“ fällt, dann ist das eine self-ful­fil­ling pro­phe­cy.

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Leben Unterwegs

Urlaub machen, wo andere leben

Jesus auch in Bochum

Besucht man irgend­wen irgend­wo und drängt die­se Per­son mit mil­der Gewalt dazu, am eige­nen tou­ris­ti­schen Pro­gramm mit­zu­ma­chen, wird man mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit am Ende einen Satz wie die­sen hören: „Also, das fand ich jetzt wirk­lich inter­es­sant. Wenn man hier wohnt, guckt man sich das ja nor­ma­ler­wei­se gar nicht an.“

Mich kommt in Bochum lei­der nie­mand besu­chen, wes­we­gen Kath­rin und ich uns am Wochen­en­de ein­fach mal auf eige­ne Faust als Tou­ris­ten in der eige­nen Hei­mat ver­sucht haben. Einen beson­de­ren Grund dazu gab es eigent­lich nicht, außer dass wir mal recht drin­gend Urlaub brauch­ten.

Gute Grün­de, dass die Innen­stadt voll ist, gibt es hin­ge­gen schon: Die Son­ne scheint in all ihrer som­mer­li­chen Pracht vom Him­mel hin­ab, der VfL spielt zur Sai­son­er­öff­nung gegen Wer­der Bre­men und auf dem Dr.-Ruer-Platz fin­det „Bochum kuli­na­risch“ statt, eine Art Weih­nachts­markt ohne Geschen­ke­stän­de und mit bes­se­rem Essen im Som­mer. Es herrscht das, was in Fern­seh­do­ku­men­ta­tio­nen mit dem Satz „Es herrscht Volks­fest­stim­mung“ beschrie­ben wird, bevor dann irgend­ein Unglück pas­siert (Explo­sio­nen, ein­stür­zen­de Tri­bü­nen, nie­der­ge­schla­ge­ne Volks­auf­stän­de).

Ein Unglück soll­te uns am Sams­tag aber nicht pas­sie­ren, denn Jesus liebt uns. Das behaup­ten zumin­dest die jun­gen Men­schen, die uns hun­dert Meter wei­ter Flug­blät­ter in die Hand drü­cken wol­len. Wir bedan­ken uns für so viel Unter­stüt­zung, gehen aber lie­ber wei­ter, bevor wir noch beim gro­ßen gemein­sa­men Sin­gen mit­ma­chen müs­sen. Kath­rin möch­te ihren Tele­fon­an­schluss kün­di­gen, was aber im Tele­kom-Laden natür­lich nicht geht. Des­halb gehen wir direkt wei­ter „Kla­mot­ten gucken“, also serious shop­ping betrei­ben. Zwan­zig Minu­ten spä­ter habe ich bei C&A ein Paar Jeans in mei­ner Grö­ße für 9 Euro erstan­den (alle ande­ren Grö­ßen kos­ten 15 Euro, der Ursprungs­preis ist dem Eti­kett lei­der nicht mehr zu ent­neh­men) und ver­schwand erst mal in den Tie­fen einer Buch­hand­lung.

Um das Gefühl von Groß­stadt und Urlaub noch ein biss­chen aus­zu­kos­ten, gehen wir zu Star­bucks – davon hat Bochum inzwi­schen zwei Stück im New-York-ver­däch­ti­gen Abstand von 250 Metern. Star­bucks ist zwar eigent­lich ein Super-Feind­bild für alles und A haben mit „Don’t want your job in Star­bucks“ eine wun­der­bar tref­fen­de Lied­zei­le zum The­ma, aber wie sonst soll man Welt­läu­fig­keit simu­lie­ren, wenn nicht mit einer ame­ri­ka­ni­schen Kaf­fee­ket­te? Ganz uname­ri­ka­nisch set­zen wir uns aller­dings hin1 – wenn auch drau­ßen vor den Laden, wo wir die Men­schen in der Fuß­gän­ger­zo­ne wie Qual­len an uns vor­bei­trei­ben las­sen. Die Bochu­mer Innen­stadt ist teil­wei­se der­art reno­viert wor­den in den letz­ten Jah­ren, dass ich nur auf den Tag war­te, an dem die Stadt das ers­te Mal in einem Fern­seh­film Ber­lin dou­beln muss, weil sich die Kame­ra­teams in Ber­lin ja sowie­so immer gegen­sei­tig auf den Füßen rum­ste­hen.

Der shop­ping spree soll bei H&M wei­ter­ge­hen, dort haben sie schwar­ze Cord­sackos, deren Erwerb ich seit eini­gen Jah­ren ernst­haft in Erwä­gung zie­he. Ein­mal hat­te ich bereits eines gekauft, aber mei­ne per­sön­li­che Stil­be­ra­te­rin, die lan­ge als Mar­ke­ting-Direk­tor in der New Yor­ker Mode­bran­che gear­bei­tet hat­te, schick­te mich mit harr­schem Ton zum Umtausch. Die Ärmel sei­en defi­ni­tiv zu kurz, so ihr ver­nich­ten­des Urteil. Die Ärmel sind auch dies­mal zu kurz, was den Ver­dacht nahe­legt, dass mei­ne Arme in Wahr­heit zu lang sind. Dafür sind mei­ne Bei­ne zu kurz, was das Ein­stel­len des Fah­rer­sit­zes im Auto immer zu einer län­ge­ren Ange­le­gen­heit wer­den lässt.

Nach etwa einer Stun­de schwe­di­scher Mas­sen­mo­de (ich hat­te die eben­falls shop­pen­de Dame ja erwähnt) bin ich gegen Fünf lang­sam doch mal reif für Mit­tag­essen. Also gehen wir zur Fisch­bra­te­rei von Gül­cans Schwie­ger­va­ter und ich ent­schei­de mich zwecks Urlaubs­fee­ling für ein Krab­ben­bröt­chen mit Nord­see­krab­ben. Das erin­nert mich immer an die unge­zähl­ten Fami­li­en­ur­lau­be an der hol­län­di­schen Nord­see­küs­te (war­um ein Bröt­chen mit Nord­see­krab­ben in Bochum knapp die Hälf­te von dem kos­tet, was man in Hol­land hin­term Deich bezahlt, kann mir sicher irgend­ein VWL-Stu­dent erklä­ren, falls ich mal einen ken­nen­ler­ne).

Für den Sams­tag reicht uns das, außer­dem will ich ja die „Sport­schau“ sehen. Hät­te ich geahnt, dass in der ers­ten Stun­de sowie­so nichts inter­es­san­tes läuft, hät­te ich mir die Tier­schüt­zer, die in der Fuß­gän­ger­zo­ne Vide­os von lei­den­dem Schlacht­vieh zei­gen, viel­leicht noch mal genau­er ange­guckt.

Nach die­sem groß­städ­ti­schen Sams­tag hät­ten wir es am Sonn­tag­abend gern ein paar Num­mern klei­ner. Das ist kein Pro­blem, denn in fuß­läu­fi­ger Ent­fer­nung befin­det sich das „Kirch­vier­tel“ mit alten Berg­ar­bei­ter­häu­sern; diver­sen Bäcke­rei­en, Apo­the­ken und Super­märk­ten; zwei Piz­za­bu­den und tat­säch­lich einer Kir­che. Uns inter­es­siert aber beson­ders die Eis­die­le: Die Aus­wahl ist noch grö­ßer als am Tag zuvor bei Star­bucks und ich wün­sche mir für einen Moment, irgend­je­mand wür­de ein­fach mal für mich ent­schei­den. Dann wäre ich aber ver­mut­lich bei Bana­ne-Moc­ca aus­ge­kom­men und nicht bei Ana­nas-Tira­mi­su wie jetzt. Vor uns ist ein Mann dran, der mit etwas eigen­tüm­li­chen Wün­schen zu über­ra­schen weiß: Fünf Kugeln Moc­ca mit Sah­ne und zwei Kugeln Eis für den Hund (ohne Sah­ne).2

Eis schle­ckend und trop­fend spa­zie­ren wir durch den Orts­teil, der so wun­der­bar dörf­lich wirkt, dass man kaum glau­ben kann, mit­ten im Ruhr­ge­biet zu sein. Die Bewoh­ner des nahe­ge­le­ge­nen Senio­ren­heims (das erklärt die vie­len Apo­the­ken) schlur­fen durch die Stra­ßen und mei­ne Hän­de kle­ben von der zer­lau­fe­nen Eis­creme. Als wir wie­der Rich­tung Uni­ver­si­täts­stra­ße gehen, fra­gen wir uns, ob Bochum nicht viel­leicht doch ein ganz guter Wohn­ort ist, auch län­ger­fris­tig, und war­um man sich sowas nor­ma­ler­wei­se nicht anguckt.

1 Fol­gen­der Dia­log wur­de mir mal aus einer kali­for­ni­schen High School über­lie­fert:
Deutsch­leh­re­rin (Deut­sche): „In Euro­pe, espe­ci­al­ly in Ger­ma­ny, the peo­p­le usual­ly sit down in a cafe. I don’t get why Ame­ri­cans always have to walk around with their bever­a­ges.“
Schü­ler (Ame­ri­ka­ner): „It’s becau­se they have jobs – which 4.5 mil­li­on Ger­mans don’t do, as I recall.“
Der Schü­ler wur­de dar­auf­hin des Unter­richts ver­wie­sen.

2 Das ist aller­dings nichts ver­gli­chen mit dem Mann, der in Dins­la­ken mal „Ama­re­na­ta durchs Spa­ghet­ti-Eis-Sieb gepresst im Hörn­chen“ haben woll­te. Ama­re­na­ta ist Eis mit gan­zen Kir­schen drin.