Kategorien
Print

Die schon wieder!

So sieht nächs­te Woche das Cover des „Spie­gel“ aus:

Hitler gegen Stalin - Bruder Todfeind

Und da dach­te ich: „Hä? Das hat­ten die doch schon mal. Im Som­mer­ur­laub, als ich ein Kind war.“

Mit Hil­fe der groß­ar­ti­gen Lis­te aller „Spiegel“-Hitler-Titel vom Umblät­te­rer wur­de ich sehr schnell fün­dig:

Hitler kontra Stalin - Rudolf Augstein über das "Unternehmen Barbarossa"

Aus­ga­be 24/​1991, exakt 20 Jahr­gän­ge her. Und das wahr­schein­lich ers­te „Spiegel“-Cover, an das ich mich bewusst erin­nern kann (wahr­schein­lich wegen die­ses komi­schen Wor­tes „kon­tra“). Womög­lich sogar das ein­zi­ge „Spiegel“-Cover, an das ich mich bewusst erin­nern kann.

Kategorien
Musik

Eigentlich sind sie als Punkband unterwegs

Sie wer­den es ver­mut­lich nicht mit­be­kom­men haben und auch die spe­zi­ells­ten Spe­cial-Inte­rest-Web­sei­ten schwei­gen sich zu dem The­ma aus, aber heu­te ist ein ganz beson­de­rer Tag: Der ers­te öffent­li­che Auf­tritt der Band Zucht­schau jährt sich zum zehn­ten Mal.

Sie wer­den über die­se Band nichts fin­den, denn damals war das Inter­net durch­aus noch ver­gess­lich, aber es ist ein guter Moment, aus dem Schat­ten der Anony­mi­tät her­aus zu tre­ten und zu sagen: Ich war Teil von Zucht­schau.

Die recht kur­ze und in wei­ten Tei­len ereig­nis­lo­se Geschich­te die­ser Band begann im Janu­ar 2000 auf dem Schul­hof eines Dins­la­ke­ner Gym­na­si­ums. Mat­thi­as, ein lang­jäh­ri­ger Schul­freund von mir, plan­te mit zwei Schü­lern aus der Stu­fe über uns, gemein­sam eine Band zu grün­den. Nur ein Schlag­zeu­ger fehl­te ihnen noch. Da ich von mei­nem sieb­ten bis zum drei­zehn­ten Lebens­jahr Schlag­zeug­un­ter­richt bekom­men hat­te und man sowas ja bestimmt nicht ver­lernt, bot ich mich an. Am dar­auf fol­gen­den Frei­tag fand die ers­te Pro­be im Kel­ler des legen­dä­ren ND-Jugend­zen­trums statt.

Ich woll­te ger­ne eine Band grün­den, die nach Ben Folds Five klang, aber danach sah es nicht aus: Wir hat­ten nicht nur kei­nen Pia­nis­ten, son­dern auch kei­nen Bas­ser. Mat­thi­as und Tho­mas wür­den Gitar­re spie­len, Sebas­ti­an sin­gen. Unser Saxo­pho­nist (!) war nur bei weni­gen Pro­ben dabei. Auch vom Gen­re her muss­te ich Kom­pro­mis­se ein­ge­hen, denn Tho­mas und Sebas­ti­an woll­ten eine Punk­band grün­den. Mei­ne eige­nen Erfah­run­gen mit dem The­ma beschränk­ten sich damals noch auf eini­ge Songs der Toten Hosen und der Ärz­te, die ich im Musik­fern­se­hen gese­hen hat­te, aber das war mir egal: Haupt­sa­che Musik machen, berühmt wer­den und Mäd­chen abgrei­fen.

Beim Band­na­men hat­te ich eben­so wenig zu sagen: Er stand fest, seit Tho­mas und Sebas­ti­an im Vor­jahr bei einer Teckel-Zucht­schau auf unse­rem Schul­hof ein Hin­weis­schild mit dem Schrift­zug „Zucht­schau“ ent­wen­det hat­ten, das seit­dem Tho­mas‘ Jugend­zim­mer schmück­te.

Tho­mas brach­te damals zu jeder Pro­be einen neu­en Song mit, die wir alle recht schnell drauf hat­ten. Ich spiel­te immer den glei­chen Beat, er spiel­te vier Akkor­de, Mat­thi­as gnie­del­te irgend­was dazu und von Sebas­ti­an ver­stand man kaum was, weil er über einen schwa­chen klei­nen Gitar­ren­ver­stär­ker sang. Was sich von der Her­an­ge­hens­wei­se schwer nach Punk anhört, klang im Ergeb­nis aber wie vier bra­ve Söh­ne aus der Mit­tel­schicht, die ver­su­chen, Punk zu spie­len.

Nach weni­gen Wochen wech­sel­ten wir vom Jugend­zen­trum in den Kel­ler mei­nes Eltern­hau­ses, wo ich mich jetzt an mei­nem eige­nen Schlag­zeug ver­aus­ga­ben konn­te. Stil­echt wur­den zu jeder Pro­be Dop­pel­kek­se und Eis­tee gereicht.

Zur Geburts­tags­fei­er mei­nes Vaters kam es zum ers­ten Auf­tritt vor Publi­kum, den man wohl­wol­lend als „avant­gar­dis­tisch“ bezeich­nen könn­te, musik­wis­sen­schaft­lich prä­zi­se als „schlecht“. Alles dröhn­te und schep­per­te, von Sebas­ti­ans Stim­me war so gut wie nichts zu hören. Unter­des­sen begann sich der dro­hen­de Abstieg der Band abzu­zeich­nen: Der Schlag­zeu­ger (also ich) hat­te sich selbst das Gitar­ren­spiel bei­gebracht und woll­te nun eige­ne Songs bei­steu­ern – das tod­si­che­re Ende jeder Band.

Von Din­gen wie MySpace konn­te man damals nur träu­men: Mit einem ein­zi­gen Mikro­fon nah­men wir das Geschep­per im Pro­be­raum am PC auf und über­spiel­ten es anschlie­ßend auf eine Musik­kas­set­te, die Tho­mas und Sebas­ti­an beim Besuch eines Wohl­stands­kin­der-Kon­zerts der Band mit­ge­ben woll­ten.

Einem Auf­tritt beim Nach­bar­schafts­fest soll­te im August end­lich der ers­te offi­zi­el­le Auf­tritt fol­gen: Wir waren im Nach­wuchs­pro­gramm des tra­di­ti­ons­rei­chen Stadt­fests „DIN-Tage“ vor­ge­se­hen. Das Kon­zert stand unter kei­nem guten Stern, denn zunächst muss­ten wir (um des Fami­li­en­frie­dens wil­len – sehr punk) auf unse­ren selbst­ge­bas­tel­ten Back­drop ver­zich­ten, den unser Band­lo­go zier­te:

Logo der Band Zuchtschau

Mein Groß­va­ter hat­te das Ban­ner zufäl­li­ger­wei­se zu Gesicht bekom­men und fühl­te sich beim Anblick unse­res Dackels offen­bar an eine Orga­ni­sa­ti­on erin­nert, die nach sei­nen Aus­sa­gen „Tau­send hin­ter­rücks erschos­sen und in die Luft gesprengt“ habe. Auf gar kei­nen Fall dürf­ten wir damit in die Öffent­lich­keit, sag­te er, und wir müss­ten auch mal an die Kar­rie­ren unse­rer Eltern den­ken. Wir hät­ten aber gar kein wei­te­res Bett­la­ken bema­len müs­sen, da das Kon­zert wegen einer Unwet­ter­war­nung sowie­so abge­sagt wur­de. Das ange­kün­dig­te Gewit­ter soll­te Dins­la­ken frei­lich nie errei­chen.

Im Dezem­ber 2000 soll­te dann aber wirk­lich der ers­te Auf­tritt statt­fin­den – beim tra­di­ti­ons­rei­chen „School’s Out“, bei dem nun wirk­lich jede Dins­la­ke­ner Band, die län­ger als ein paar Wochen exis­tier­te, irgend­wann mal gespielt hat. Für das Kon­zert hat­te sich das Kul­tur­amt der Stadt etwas ganz beson­de­res ein­fal­len las­sen: Es soll­te einen Sam­pler mit Songs von allen auf­tre­ten­den Bands drauf geben. Die Bands, die – wie wir – kei­ne ordent­li­chen Auf­nah­men vor­wei­sen konn­ten, beka­men einen hal­ben Tag im Ton­stu­dio spen­diert. In Zei­ten, wo ange­sichts lee­rer Kas­sen als ers­tes bei Kul­tur- und Jugend­ar­beit gespart wird, klingt die­se Anek­do­te wie eine Geschich­te aus einer längst ver­gan­ge­nen sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Epo­che, aber sie ist wirk­lich erst zehn Jah­re her.

Mit einem Demo unse­res Songs „Held im Traum­land“ fuh­ren wir in ein klei­nes Duis­bur­ger Stu­dio und ver­such­ten, das Lied irgend­wie auf Band zu ban­nen. Schlag­zeug und Rhyth­mus­gi­tar­re wur­den gleich­zei­tig ein­ge­spielt (ohne Klick­spur natür­lich, das hät­ten wir nie hin­be­kom­men), der Rest spä­ter drü­ber­ge­legt. „Ihr wisst schon, dass Ihr im Refrain schnel­ler wer­det?“, frag­te unser Pro­du­zent (kräf­tig gebaut, Ket­te rau­chend und schnauz­bär­tig) besorgt und wir ant­wor­te­ten – lei­der wahr­heits­ge­mäß – damit, dass das Absicht sei. Am Ende des Tages hat­ten wir tat­säch­lich einen fer­ti­gen Song, auf dem sogar ein Bass zu hören war – Mat­thi­as hat­te noch eben eine sehr schlich­te Bass­spur ein­ge­spielt.

Das „School’s Out“ kam und in Sachen Grö­ßen­wahn konn­te uns kaum jemand etwas vor­ma­chen: Wie die gro­ßen Rock­bands, die wir aus dem Fern­se­hen kann­ten, hat­ten auch wir Com­pu­ter­ge­schrie­be­ne Set­lis­ten, eige­ne Time­ta­bles („Dins­la­ken, GER: Sound­check 4pm, Doors 4.30pm, Din­ner 5pm, Zucht­schau 5.45pm“) und eine schrift­li­che Dreh­ge­neh­mi­gung für unse­ren Freund mit­ge­bracht, der das Kon­zert auf Video 8 ban­nen soll­te. Tat­säch­lich ver­folg­ten eini­ge Leu­te unse­ren Auf­tritt, sogar eini­ge „Fans“ waren ange­reist: dicke, pick­li­ge Jun­gen aus der Nach­bar­stadt, die noch uncoo­ler waren als wir.

Wir bret­ter­ten durch unser Set, wobei ich im Rück­blick anneh­men muss, dass wir nicht für fünf Cent Pfen­nig gerockt haben. Bei unse­rem Song „Win­ke, Win­ke“ (eine von Ramm­stein inspi­rier­te Hym­ne auf die Tele­tub­bies – I kid you not) zer­schmet­ter­te Sebas­ti­an das Kin­der­key­board, auf dem er das Intro gespielt hat­te, vor den Augen ver­wirr­ter Secu­ri­ty-Ange­stell­ter auf der Büh­ne. Am Ende waren wir so schnell gewe­sen, dass wir noch Zeit hat­ten, eine (weder geplan­te noch geprob­te) Zuga­be nach­zu­schie­ßen.

Head­li­ner (auch für so etwas gab es im Dins­la­ken des Jah­res 2000 noch Geld) des School’s Out war die Mag­de­bur­ger Band Scycs, deren Sin­gle „Radio­star“ wei­land ein klei­ner Hit war. Die Musi­ker gin­gen auf unse­ren Vor­schlag ein, gemein­sam mit allen Bands des Abends ein Weih­nachts­lied zu into­nie­ren, doch der Ver­such ende­te in einem rie­si­gen Cha­os, des­sen Aus­ma­ße ich womög­lich noch irgend­wo auf Video habe.

Im Jahr 2001 spiel­ten wir bei einem Band­wett­be­werb in Moers unse­ren ein­zi­gen Auf­tritt außer­halb Dins­la­kens, außer­dem bei einem Akti­ons­tag gegen Rechts, beim ein­zi­gen Dins­la­ke­ner Enten­ren­nen, beim hun­derts­ten Geburts­tag unse­rer Schu­le und tat­säch­lich (ganz ohne Back­drop) bei den DIN-Tagen.

An einem Frei­tag im Novem­ber ver­lie­ßen Mat­thi­as und ich die Band. Sebas­ti­an hat­te sich weni­ge Stun­den zuvor einen Bass gekauft.

Doch wie klang die­se Band, der es so ergan­gen ist wie Tau­sen­den Nach­wuchs-Spi­nal-Taps vor und nach ihnen? Unge­fähr so:

Hier kli­cken, um den Inhalt von You­Tube anzu­zei­gen.
Erfah­re mehr in der Daten­schutz­er­klä­rung von You­Tube.

Die Über­schrift die­ses Ein­trags ist bei Tom­my Fin­ke geklaut.

Kategorien
Print Sport

Ein Denkmal für Heiko Herrlich

Hei­ko Herr­lich war der Größ­te. Zumin­dest war er einer der ganz Gro­ßen in der gol­de­nen Bun­des­li­ga-Sai­son 94/​95, als Borus­sia Mön­chen­glad­bach nahe­zu alles gelang. Mit Mar­tin Dah­lin bil­de­te er den effek­tivs­ten Sturm der Liga und wur­de am Ende Tor­schüt­zen­kö­nig. Beim DFB-Pokal­fi­na­le gegen den VfL Wolfs­burg schos­sen die über­ra­gen­den Män­ner der Sai­son die Tore: Dah­lin, Ste­fan Effen­berg und natür­lich Hei­ko Herr­lich. Es war die Krö­nung einer groß­ar­ti­gen Sai­son und für einen elf­jäh­ri­gen Jun­gen im Ber­li­ner Olym­pia­sta­di­on war klar, dass es der Auf­takt einer neu­en Ära für die Borus­sen sein wür­de. Wir wür­den um die Meis­ter­schaft mit­spie­len und ich wür­de spä­ter so von den Spie­lern spre­chen, wie es mein Paten­on­kel von Net­zer, Vogts, Heyn­ckes und Kleff tat.

Hei­ko Herr­lich war ein Ver­rä­ter. Das Pokal­fi­na­le war sein letz­tes Spiel für Glad­bach. Er woll­te weg, aus­ge­rech­net zur ande­ren Borus­sia, nach Dort­mund. Für einen Elf­jäh­ri­gen, der gera­de sei­ne ers­te Sai­son als Fan hin­ter sich gebracht hat­te, war es unvor­stell­bar, war­um man Mön­chen­glad­bach über­haupt ver­las­sen wol­len wür­de – geschwei­ge denn nach Dort­mund und unter die­sen Umstän­den. Dass sich Herr­lich und die Ver­eins­füh­rung vor Gericht wie­der tra­fen, sprach damals ein­deu­tig gegen den Spie­ler, der bestimmt eh nur auf Koh­le aus war. Dann ver­schwand er aus mei­nem Focus.

Als ich wie­der von ihm hör­te, war Hei­ko Herr­lich krank. Die ver­fick­te Arsch­loch­krank­heit Krebs. Am Tag nach­dem er kahl­köp­fig eine Pres­se­kon­fe­renz gege­ben hat­te, frag­te mich mei­ne Mut­ter, ob ich die Bil­der in der Zei­tung gese­hen hat­te. Ich hat­te Mit­leid mit Hei­ko Herr­lich und Respekt vor sei­nem Über­le­bens­wil­len. Men­schen­le­ben zäh­len dann eben doch viel, viel mehr als Fuß­ball.

Was wei­ter mit Hei­ko Herr­lich pas­sier­te, habe ich kaum mit­be­kom­men. Musik war wich­ti­ger gewor­den als Fuß­ball und dass Herr­lich sich im Trai­ning Nasen- und Joch­bein gebro­chen hat­te, erfuhr ich erst Jah­re spä­ter aus einer sehr berüh­ren­den SWR-Doku über den Spie­ler, der sich immer wie­der zurück­ge­kämpft hat­te, bis ihm nach vie­len Rück­schlä­gen die Moti­va­ti­on aus­ging und er statt­des­sen Trai­ner wur­de.

Im ver­gan­ge­nen Win­ter über­nahm Hei­ko Herr­lich den Trai­ner­pos­ten beim VfL Bochum und ich freu­te mich sogar ein biss­chen, dass ich wie­der mehr von ihm mit­be­kam. Die ers­ten Spie­le lie­fen her­vor­ra­gend, dann ging es berg­ab. Als ich vor zwei Wochen beim Spiel gegen den HSV im Sta­di­on war, wur­de der Name des Trai­ners bei der Mann­schafts­vor­stel­lung vor­sichts­hal­ber gar nicht erst auf­ge­ru­fen. Bochum kämpf­te, war aber abschluss­schwach, als stün­den Klo­se und Gomez im Sturm, und ver­lor letzt­lich unglück­lich mit 1:2. Noch nie zuvor hat­te ein Ver­ein, des­sent­we­gen ich im Sta­di­on war, ver­lo­ren.

Und dann letz­ten Mitt­woch die­se Pres­se­kon­fe­renz beim VfL: Hei­ko Herr­lich, wie­der eine Spur zu selbst­be­wusst und rea­li­täts­fern, teil­te in alle Rich­tun­gen aus. Und als der „Bild“-Reporter, der Herr­lich so kon­se­quent anduz­te, dass sich selbst Wal­di Hart­mann geschämt hät­te, dem Trai­ner Selbst­zwei­fel ein­re­den woll­te, leg­te Herr­lich los – nicht laut wie Gio­van­ni Tra­pat­to­ni oder Tho­mas Doll, son­dern ganz ruhig. Und jeder, der Eltern hat oder mal auf eine Schu­le gegan­gen ist, weiß: Das knallt viel mehr.

Hei­ko Herr­lich hat­te bei „Bild“ eh nichts mehr zu ver­lie­ren und griff die Zei­tung des­halb fron­tal an. Er erklär­te, war­um ihn „Bild“ sei­nes Erach­tens run­ter­schreibt (weil er nicht mit der Zei­tung reden woll­te, vgl. Jür­gen Klins­mann), er nahm gleich den nächs­ten Schritt vor­weg („Und ich weiß auch, dass es da viel­leicht ’nen Bume­rang gibt, ne?“) und er sag­te, er wer­de „auf­rich­tig“ blei­ben. Und dann ließ er noch so ganz neben­bei den Namen Gün­ter Wall­raff fal­len, was natür­lich wie­der so gar nicht zum Kli­schee des doo­fen Fuß­bal­lers pass­te.

Herr­lichs Nach­satz zum The­ma ist in Mar­mor zu mei­ßeln:

Und drü­cken Sie auf Auf­nah­me, dass ich’s mei­nen Kin­dern irgend­wann zei­gen kann: Euch gegen­über, Ihnen gegen­über bleib‘ ich auf­rich­tig. Die wer­den stolz sein auf mich, irgend­wann.

Es sind Momen­te wie die­se, in denen sonst die Musik anschwillt und in denen Men­schen auf Tische stei­gen und „Oh Käp­t’n, mein Käp­t’n“ skan­die­ren. Und es sind Momen­te, die bit­te, bit­te blei­ben sol­len, in Zei­ten, in denen Leu­te wie Miri­am Piel­hau oder Mat­thi­as Stei­ner in „Bild“ intims­te Momen­te nach Schick­sals­schlä­gen aus­brei­ten, und sich selbst Sibel Kekil­li, die vor sechs Jah­ren im Zen­trum einer „Bild“-Kampagne von his­to­ri­schem Aus­maß stand, mit dem Blatt ver­söhnt zu haben scheint.

Sport­lich sieht es nicht gut aus für Hei­ko Herr­lich (wofür man sich heu­te auch noch beim deut­schen Meis­ter VfL Wolfs­burg bedan­ken kann, der aus­ge­rech­net gegen den Bochu­mer Kel­ler­kon­kur­ren­ten SC Frei­burg ver­lie­ren muss­te), aber mensch­lich war sein Auf­tritt beein­dru­ckend. Hei­ko Herr­lich ist einer der Gro­ßen.

Kategorien
Digital Gesellschaft Fernsehen

Auswärtsspiel: Einheitsbrei

Jah­re­lang war ich fest davon über­zeugt, dass mei­ne ältes­te Live-TV-Erin­ne­rung vom 9. Novem­ber 1989 stammt. Jeden­falls erin­ne­re ich mich dar­an, wie Men­schen mit Häm­mern auf eine bun­te Mau­er ein­schlu­gen. Im Ver­lauf des Erin­ne­rungs­over­kills in den ver­gan­ge­nen Wochen fiel mir aller­dings auf, dass ich als Kin­der­gar­ten­kind wohl kaum Abends nach 23 Uhr vor dem elter­li­chen Fern­se­her geses­sen haben dürf­te. (Genau genom­men möch­te ich ins Blaue hin­ein ein­fach mal bezwei­feln, dass es damals über­haupt Live­bil­der gab, denn um 23 Uhr stand doch sicher schon der Sen­de­schluss vor der Tür der drei Fern­seh­pro­gram­me.)

Jeden­falls war ich sehr ent­täuscht, als ich fest­stell­te, dass mei­ne ältes­te Live-TV-Erin­ne­rung dann wohl doch eher vom Sams­tag, 11. Novem­ber 1989 stammt und wahr­schein­lich noch nicht mal eine Live-TV-Erin­ne­rung ist.

JEDENFALLS: Der 6. Jahr­gangs der elec­tro­nic media school (ems) in Pots­dam hat zum gro­ßen Mau­er­fall-Jubi­lä­um die Inter­net­sei­te einheits-brei.de gestar­tet. Für die­ses Pro­jekt wur­den auch ein paar Blog­ger gefragt, wie ihnen die dies­jäh­ri­gen Fei­er­lich­kei­ten gefal­len hät­ten und was sie in fünf Jah­ren nicht wie­der sehen wol­len. Ich war einer der Befrag­ten und bin beim Ver­such, mich auf die gewünsch­ten „drei bis vier Sät­ze“ zu beschrän­ken, mal wie­der geschei­tert.

„So bit­te nicht mehr!“ auf einheits-brei.de

Kategorien
Digital

Auswärtsspiel: „Und, wie war das damals bei dir?“

Hol­ger Froh­loff betreibt das Blog 5minutenpause, in dem er gera­de die Serie „Und, wie war das damals bei dir?“ gestar­tet hat. Ja, ich hab anfangs auch gedacht, dass das was mit Dr.-Sommer-Themen zu tun hät­te, aber dar­um geht’s gar nicht.

Im ers­ten Teil erklärt Hol­ger selbst, wie sein ers­ter Kon­takt mit dem Inter­net war, im zwei­ten Teil darf ich ran.

Lesen Sie, wofür 12-Jäh­ri­ge im Jahr 1996 das Inter­net nut­zen, wie mei­ne Eltern mich jah­re­lang mit einem arschlang­sa­men Inter­net­zu­gang quäl­ten und war­um ich heu­te noch vor die Tür gehe.

Das alles exklu­siv auf 5minutenpause.com

Kategorien
Gesellschaft Musik

We don’t know why /​ But we know it’s not right

Ich muss Ihnen nicht sagen, wel­ches Datum heu­te ist. Wenn Sie in den letz­ten Tagen einen Fern­se­her ein­ge­schal­tet haben, wis­sen Sie eh, wor­um es geht.

Frank-Wal­ter Stein­mei­er woll­te mir ja erzäh­len (aus der Rei­he „Sel­te­ne Sät­ze deut­scher Spra­che“), dass „die Tage, Woche und Mona­te nach dem 11.9.“ in Deutsch­land „ein biss­chen außer Gedächt­nis gera­ten sei­en. Ich hal­te das für Quatsch. Ich weiß noch genau, dass ich mich gefragt habe, ob ich mei­nen 18. Geburts­tag zwei­ein­halb Wochen spä­ter noch erle­ben wür­de, oder ob wir bis dahin schon alle von Ter­ro­ris­ten oder ame­ri­ka­ni­schen Gegen­schlä­gen getö­tet sein wür­den (was man als 17-Jäh­ri­ger halt so denkt).

Es sind vie­le, vie­le Songs geschrie­ben wor­den über die­se Zeit (unter ande­rem das gan­ze „The Rising“-Album von Bruce Springsteen), aber am Bes­ten zusam­men­ge­fasst wird das alles in einem Song, der unwahr­schein­li­cher­wei­se von den Fun­punk­pop­pern Gold­fin­ger, Good Char­lot­te und Mest stammt und irgend­wann im Herbst 2001 im Inter­net ver­schenkt wur­de. Ver­lust, Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit und Angst (auch dar­über, was fremd aus­se­hen­den Men­schen plötz­lich blüht) sind auf eine so unmit­tel­ba­re, nai­ve Art Gegen­stand des Tex­tes, dass man acht Jah­re spä­ter fast ein biss­chen pikiert dar­über ist. Aber Pop­mu­sik ist nun mal ger­ne ein unre­flek­tier­tes Zeit­do­ku­ment und des­halb auch meis­tens per­sön­lich packen­der als ein Geschichts­buch:

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

Das Video ist ein biss­chen quat­schig, aber ich woll­te nicht schon wie­der bren­nen­de Tür­me zei­gen.

Kategorien
Musik Rundfunk

Something evil’s lurking in the dark.

Ange­la Mer­kel ist end­lich sicher über den Teich, immer­hin ein Grund, kurz erleich­tert auf­zu­at­men und sich eines vagen Gefühls lan­ge nicht mehr ver­spür­ter „Sturmfrei!“-Euphorie hin­zu­ge­ben. Im Zuge die­ses nicht klei­nen Anteils tages­po­li­ti­schen Gesche­hens in die­ser Woche dis­ku­tiert im Augen­blick das Radio­Eins vom Rund­funk Ber­lin-Bran­den­burg mit wahr­nehm­ba­rer Erstaunt­heit dar­über, wie vie­le US-Ame­ri­ka­ner Ange­la Mer­kel „tat­säch­lich nicht ken­nen“. Das ist, wenn schon nicht dem Wort­sinn nach inter­es­sant, immer­hin etwas, womit man meh­re­re Minu­ten lee­re Sen­de­zeit, über die man sich in der Pro­gramm­sit­zung sicher­lich den Kopf zer­bro­chen hat, eini­ger­ma­ßen ele­gant fül­len kann. Zumin­dest ohne, dass schon wie­der empör­te Kla­gen über die inne­re Zer­set­zung des mora­li­schen Gewe­bes und des kul­tu­rel­len Gehalts  in den audio­vi­su­el­len Medi­en laut wer­den. Außer­dem wäre es gewiss hap­pi­ger gewe­sen, eine Dis­kus­si­on dar­über vom Zaun zu bre­chen, wie vie­le US-Ame­ri­ka­ner Micha­el Jack­son „tat­säch­lich nicht ken­nen“. Ihn kann man jeden­falls unge­mein schwie­ri­ger mit der Spre­che­rin des US-Reprä­sen­tan­ten­hau­ses Nan­cy Pelo­si ver­wech­seln als Frau Mer­kel.

Radio hören ist eine ner­ven­zeh­ren­de, mur­mel­tier­haf­te Ange­le­gen­heit. Wird man, wie ich, am Arbeits­platz nach­ge­ra­de dazu genö­tigt, stun­den­lan­ge Berie­se­lun­gen eines haus­in­ter­nen Sen­ders hin­zu­neh­men oder mög­lichst zu igno­rie­ren, erge­ben sich zwei Fol­gen, die in der Kom­bi­na­ti­on einen, wie man so sagt, hoch­gra­dig explo­si­ven Cock­tail fürs Ner­ven­kos­tüm dar­stel­len. Ers­tens: Die unver­meid­li­chen unge­woll­ten Ohr­wür­mer. Eine ein­stün­di­ge Heim­fahrt in der S‑Bahn mit einem quiet­schen­den Mäd­chen im Gehör­gang, das in gera­dem Rhyth­mus abwech­selnd ent­we­der „ah“, „ah“, oder „dance!“ sagt, dau­ert für die inne­re Uhr ein hal­bes Leben und resul­tiert ger­ne in ver­früh­tem Haar­aus­fall auf der Stirn­par­tie. Glau­ben Sie mir.

Das ande­re Phä­no­men ist, dass die­se Göre im Ohr nach­hal­tig mei­ne Lust auf jed­we­de Art von Musik für den Rest des Tages ver­nich­tet, im schlimms­ten Fall ver­brin­ge ich also mein kärg­li­ches Abend­essen, das dar­auf­fol­gen­de Zäh­ner­ei­ni­gen und das nicht gar so fried­li­che Ein­schlum­mern mit einer schril­len Stim­me im Kopf, die rück­sichts­los und bestän­dig dar­auf insis­tiert, dass ich doch end­lich zu tan­zen anfan­gen möge.

Wor­auf ich hin­aus will: Vor etwa hun­dert­zwan­zig Jah­ren oder so, als ich noch jung war, also vier­zehn, fand ich im hei­mi­schen Video­schrank, in dem sich sonst Dis­ney-Klas­si­ker tum­mel­ten (auch etwas, über das der­einst ein­mal irgend­je­mand etwas Tade­li­ges sagen soll­te), eine ein­zel­ne unbe­schrif­te­te Kas­set­te mit einer dün­nen Staub­schicht oben­drauf. In der puber­tä­ren Hoff­nung, es möge sich dabei doch bit­te um irgend etwas Schmud­de­li­ges hal­ten, oder zumin­dest um einen alters­be­schränk­ten Action­film, zog ich das Band irgend­wann in Abwe­sen­heit mei­ner Eltern aus der Ver­sen­kung und leg­te es in den Play­er.

Lei­der befan­den sich dar­auf  weder Action noch Schmud­del, son­dern die gesam­mel­ten Musik­vi­de­os von Micha­el Jack­son, von mei­nem Vater in müh­sa­mer Klein­ar­beit irgend­wann in den Neun­zi­ger Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts kom­pi­liert.  Ver­mut­lich in einer Trotz­re­ak­ti­on auf das ent­täu­schen­de Feh­len von auf­re­gen­de­ren Inhal­ten, und um viel­leicht doch noch irgend­ei­nen posi­ti­ven Effekt aus mei­nem Fund zu zie­hen, schau­te ich mir das gan­ze Band nicht nur ein­mal an, son­dern geschätz­te drei­ßig Mal, über eine Woche ver­teilt. Am häu­figs­ten von allen Clips sah ich mich gezwun­gen, das knapp 15-minü­ti­ge „Thril­ler“ wie­der und wie­der auf mich wir­ken zu las­sen.

Der buch­stäb­lich ein­zi­ge Effekt die­ser schlim­men, schlim­men Idee war nicht etwa, dass ich ein Jack­son-Fan wur­de, son­dern viel­mehr ein fürch­ter­lich hart­nä­cki­ger und genau­so nerv­tö­ten­der Ohr­wurm einer von Vin­cent Pri­ce vor­ge­tra­ge­nen Text­zei­le aus dem Rap-Teil die­ses so unheil­vol­len Lie­des: „Crea­tures crawl in search of blood /​ To ter­ro­ri­ze y’alls‘ neigh­bor­hood“. Was auf dem Papier so aus­sieht, als wür­de es sich rei­men, ist in Wahr­heit eine schreck­li­che pho­ne­ti­sche Ent­täu­schung, da lässt sich ja die etwas expres­sio­nis­ti­sche Anwen­dung der zwei­ten Per­son Plu­ral fast unbe­se­hen hin­neh­men.

Jeden­falls muss es an die­ser text­li­chen Unfein­heit gele­gen haben, dass ich von den Oster­fe­ri­en bis zu den dar­auf­fol­gen­den Pfingst­fe­ri­en des Jah­res 1999 brauch­te, um die­sen ver­ma­le­dei­ten Ohr­wurm wie­der los zu wer­den.

Und jetzt, zehn Jah­re spä­ter? Was wür­de ich dafür geben, mir sicher sein zu kön­nen, heu­te Nacht von „ah“, „ah“ oder „dance!“ in den Schlaf gesun­gen zu wer­den, anstatt wie­der für die nächs­ten sechs Wochen von Jacko und Pri­ce geplagt zu wer­den? Ich wür­de sogar öffent­lich zuge­ben, zu den US-Ame­ri­ka­nern zu gehö­ren, die Vin­cent Pri­ce tat­säch­lich nicht ken­nen!

Kategorien
Musik

Another day the music died

Bud­dy Hol­ly, Elvis Pres­ley und John Len­non waren schon tot, als ich gebo­ren wur­de. Mar­vin Gaye starb, als ich ein hal­bes Jahr alt war.

Bei Miles Davis und Fred­die Mer­cu­ry habe ich erst sehr spät fest­ge­stellt, wer die eigent­lich waren und was sie gemacht haben.

Am 9. April 1994 saß ich bei mei­nen Groß­el­tern vor dem Fern­se­her, um „Elf 99“ oder „Satur­day“ (oder wie auch immer das Vox-Jugend­ma­ga­zin damals hieß) zu sehen, als in den Nach­rich­ten zu grie­se­li­gen Bil­dern aus Seat­tle ver­kün­det wur­de, dass Kurt Cobain sich erschos­sen habe. Ich war immer etwas zu jung für Nir­va­na, aber da war ich zum ers­ten Mal sowas wie ent­setzt, dass ein Musi­ker gestor­ben war.

Dass Tupac Shakur und Big­gie Smalls erschos­sen wur­den, krieg­te ich völ­lig am Ran­de mit, ohne jemals ihre Musik gehört zu haben.

Der Tod von Geor­ge Har­ri­son war zu erwar­ten gewe­sen, trotz­dem war ich trau­rig, als ich im Novem­ber 2001 beim Ein­rich­ten des Video­re­cor­ders mei­ner Groß­mutter zufäl­lig die Nach­rich­ten sah.

Obwohl ich mich erst nach sei­nem Tod mit John­ny Cash und sei­ner Musik beschäf­tigt habe, war ich betrof­fen, als ich (wie­der­um bei mei­nen Groß­el­tern im Fern­se­hen) davon erfuhr.

Ich wuss­te zu wenig über Elliott Smith, aber die Umstän­de sei­nes Todes, die­se zwei Mes­ser­sti­che ins Herz, waren für mich immer ein gewal­ti­ges State­ment.

Ges­tern Abend guck­te ich ganz harm­los durchs Inter­net, als ich las, dass Micha­el Jack­son gestor­ben sei. Als kri­ti­scher Medi­en­be­ob­ach­ter woll­te ich das lan­ge nicht gel­ten las­sen, aber als CNN (die ja schon den US-Prä­si­den­ten aus­ge­ru­fen hat­ten) Jack­son für tot erklär­te, wuss­te ich, dass auch die­ses Kapi­tel geschlos­sen war.

Wie­der war es ein Künst­ler, von dem ich zu Leb­zei­ten kein beson­de­rer Anhän­ger gewe­sen war, aber weder Jack­sons – hier passt der Begriff aus­nahms­wei­se mal – tra­gi­sches Leben noch sein Ein­fluss auf die Pop­mu­sik und ‑kul­tur meh­re­rer Gene­ra­tio­nen kön­nen einen kalt las­sen. Ohne Micha­el Jack­son klän­gen Jus­tin Tim­ber­la­ke und Rihan­na, ja ver­mut­lich sogar vie­le Rock­bands, heu­te anders – oder es gäbe sie schlicht gar nicht.

Komisch, dass ich jetzt gera­de sei­ne Musik hören muss.

Kategorien
Musik

The Class of ’99

New Radicals hören im ICE (Szene nachgestellt)

Heu­te vor zehn Jah­ren saß ich in einem Zug nach Ber­lin, hör­te „You Get What You Give“ von den New Radi­cals und damit begann dann mei­ne Musik­be­geis­te­rung (nach­zu­le­sen hier). 1

In der Fol­ge­zeit fing ich an, Gitar­re zu ler­nen, in Bands zu spie­len, Fes­ti­vals zu besu­chen, über Musik zu schrei­ben und irgend­wann sogar Radio­sen­dun­gen dar­über zu mode­rie­ren. Am Jahr 1999 führt auch heu­te noch kein Weg dran vor­bei: Ein gro­ßer Teil mei­ner Lieb­lings­al­ben und ‑songs erschien in eben die­sem Jahr.

Mit ein wenig kul­tur­wis­sen­schaft­li­chem Über­mut könn­te man viel­leicht sogar das Fin de siè­cle bemü­hen um zu erklä­ren, war­um aus­ge­rech­net kurz vor dem Jahr­hun­dert­ende plötz­lich rei­hen­wei­se gro­ße Kunst ent­stand. Denn selbst wenn man zugu­te hält, dass 15, 16 immer ein beson­ders prä­gen­des Alter ist und Men­schen, die heu­te in die­sem Alter sind, ver­mut­lich in zehn Jah­ren das Glei­che über 2009 sagen wer­den: Vor zehn Jah­ren war eine gan­ze Rei­he von Bands und Künst­lern auf dem Höhe­punkt ihres Schaf­fens.

Da waren längst nicht nur die New Radi­cals mit ihrem ein­zi­gen Album: Ben Folds Five ver­aus­gab­ten sich mit ihrem Meis­ter­werk „The Unaut­ho­ri­zed Bio­gra­phy Of Rein­hold Mess­ner“ der­art, dass sie sich ein Jahr spä­ter auf­lös­ten; Tra­vis haben vie­le gute Alben auf­ge­nom­men, aber so dicht wie „The Man Who“ klang kei­nes mehr; Moby errich­te­te sich mit „Play“ sein eige­nes Denk­mal, von des­sen Lizen­sie­run­gen für Spiel­fil­me und Wer­be­spots er sich einen klei­nen Staat kau­fen könn­te. Und selbst, wenn ich eini­ge der ’99er Alben erst Jah­re ent­deck­te: Das war schon ein ganz beson­de­rer Jahr­gang.

Und damit Sie wis­sen, wovon zum Hen­ker ich eigent­lich rede, hier eine unsor­tier­te Lis­te von Alben aus besag­tem Jahr:

Tra­vis – The Man Who
Anspiel­tipp: Drift­wood
Ben Folds Five – The Unaut­ho­ri­zed Bio­gra­phy Of Rein­hold Mess­ner
Anspiel­tipp: Your Red­neck Past
New Radi­cals – May­be You’­ve Been Brain­wa­shed Too 2
Anspiel­tipp: Flowers
Foo Figh­ters – The­re Is Not­hing Left To Lose
Anspiel­tipp: Next Year
Jim­my Eat World – Cla­ri­ty
Anspiel­tipp: Blis­ter
Ste­reo­pho­nics – Per­for­mance And Cock­tails
Anspiel­tipp: Just Loo­king
Moby – Play
Anspiel­tipp: Por­ce­lain
Red Hot Chi­li Pep­pers – Cali­for­ni­ca­ti­on
Anspiel­tipp: Scar Tis­sue
Toco­tro­nic – K.O.O.K.
Anspiel­tipp: Jack­pot
The Get Up Kids – Some­thing To Wri­te Home About
Anspiel­tipp: I’ll Catch You
Sigur Rós – Ágæ­tis Byr­jun
Anspiel­tipp: Svefn-G-Eng­lar
Wil­co – Sum­mer­tee­th
Anspiel­tipp: Nothing’severgonnastandinmyway(again)
3 Colours Red – Revolt
Anspiel­tipp: Beau­tiful Day
Blink-182 – Ene­ma Of The Sta­te
Anspiel­tipp: What’s My Age Again?
Blur – 13
Anspiel­tipp: Cof­fee And TV

Natür­lich erschie­nen danach noch vie­le groß­ar­ti­ge Alben (ein Jahr spä­ter bei­spiels­wei­se „Kid A“ von Radio­head und das Cold­play-Debüt „Parach­u­tes“), aber ein Jahr wie 1999 habe ich seit­dem nicht mehr erlebt.

  1. Mir fiel gera­de erst auf, dass ich den Song ver­mut­lich nur des­halb im Bord­ra­dio gehört habe, weil ich den ursprüng­li­chen ICE ver­passt hat­te. Nach all die­sen Jah­ren stel­le ich fest, dass aus­ge­rech­net eine Regio­nal­bahn-Ver­spä­tung mein Leben ver­än­dert hat![]
  2. Dass das Album bereits im Okto­ber 1998 auf den Markt kam, ist ein Detail, durch das ich mir nicht mei­ne Geschich­te kaputt machen las­se.[]
Kategorien
Fernsehen Rundfunk

Akte Z

Edu­ard Zim­mer­mann hat mir immer Angst gemacht.

Also weni­ger er selbst, als viel mehr sein „Akten­zei­chen XY… unge­löst“, dass immer dann lief wenn ich Frei­tag­abends allein zuhau­se war. „Der­rick“ und „Der Alte“ haben mir nie etwas aus­ge­macht, aber beim „Akten­zei­chen“ wuss­te man ja, dass es um ech­te Fäl­le geht, dass man theo­re­tisch selbst ein­mal von einem klei­nen Jun­gen, der einem grob ähn­lich sieht, gespielt wer­den könn­te. Und der wür­de dann mit ver­dreh­ten Augen in einem Ent­wäs­se­rungs­gra­ben neben einem nie­der­rhei­ni­schen Kar­tof­fel­acker (die Fäl­le wer­den aus­nahms­los in Mün­chen gedreht, das für alles her­hal­ten muss) liegt.

Nach eini­gen Schil­de­run­gen älte­rer (aber nicht nur älte­rer) Mit­men­schen fra­ge ich mich auch, war­um Edu­ard Zim­mer­mann in all den Jah­ren „Vor­sicht, Fal­le!“ (sei­ner ande­ren gro­ßen Fern­seh­sen­dung) eigent­lich nie an der offen­sicht­li­chen Dumm­heit sei­ner Zuschau­er ver­zwei­felt ist, war­um man von ihm nie ein böses Wort gehört hat über die­se unfass­bar däm­li­chen Men­schen, die sich da an der Woh­nungs­tür über­töl­peln las­sen.

Und viel­leicht ist es kein Zufall, dass mich Bru­no Ganz als BKA-Chef Horst Herold im „Baa­der Mein­hof Kom­plex“ immer ein biss­chen an Edu­ard Zim­mer­mann erin­nert hat.

War­um erzäh­le ich Ihnen das alles?

Nun, Edu­ard Zim­mer­mann wird heu­te 80 Jah­re alt und im Fern­seh­le­xi­kon wird ihm höf­lichst gra­tu­liert.

Kategorien
Print

Der schwarze Gürtel im Nervensägen

Als ich noch ein klei­ner Jun­ge war und mit mei­ner Fami­lie in der Innen­stadt von Dins­la­ken wohn­te, fuhr die Stra­ßen­bahn­li­nie 903 direkt hin­ter unse­rem Haus ent­lang. Mit mei­nem bes­ten Freund habe ich oft an den Glei­sen gespielt (was man natür­lich, lie­be Kin­der an den Bild­schir­men zuhau­se, nie tun soll­te) und ein, zwei Mal bin ich auch (natür­lich in Beglei­tung Erwach­se­ner) mit der Stra­ßen­bahn nach Duis­burg und von da aus wei­ter in den Zoo gefah­ren.

War­um erzäh­le ich Ihnen das? Ralf Birk­han hat für die „NRZ“ eine Repor­ta­ge über die Linie 903, mit der man durch halb Duis­burg juckeln kann, geschrie­ben. Es ist eine sehr atmo­sphä­ri­sche Schil­de­rung gewor­den, die sprach­li­chen Bil­der sind manch­mal etwas zu bemüht, aber man­che Sät­ze sind auch ganz groß­ar­tig in ihrer Schlicht­heit:

An der Hal­te­stel­le „Fischer­stra­ße” in Hoch­feld ist der Mit­tag gekom­men, sonst nie­mand.

Und weil hier ja viel zu oft über schlech­ten Jour­na­lis­mus geme­ckert und guter viel zu sel­ten gelobt wird, möch­te ich Ihnen die Repor­ta­ge mit dem lei­der fürch­ter­lich ver­un­glück­ten Titel „Stra­ßen­bahn-Linie 903: mit­tags beim „Kua­för” – abends das Arbei­ter-Bier“ hier­mit ans Herz legen – auch, wenn Sie noch nie in Duis­burg waren.

Kategorien
Politik Gesellschaft

„Mit größter Präzision“

Mahnmal in Dinslaken, geschaffen von Alfred Grimm

Zu den ganz gro­ßen Rät­seln der Mensch­heits­ge­schich­te, die einem den Glau­ben an Zufäl­le eini­ger­ma­ßen madig machen, zählt der 9. Novem­ber. Zu dem Umstand, dass so vie­le wich­ti­ge Ereig­nis­se an jenem 9.11., dem „Schick­sals­tag der Deut­schen“, statt­fan­den (wobei die Ereig­nis­se von 1923 und 1938 natür­lich auf die von 1918 auf­bau­ten), kommt auch noch hin­zu, dass die ame­ri­ka­ni­sche Schreib­wei­se des 11. Sep­tem­bers „9/​11“ lau­tet. Dar­über haben sich über­haupt noch nicht genug Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker Gedan­ken gemacht.

Anläss­lich des sieb­zigs­ten Jah­res­tags der Novem­ber­po­gro­me von 1938 möch­te ich Sie heu­te auf einen Text auf­merk­sam machen, den ich vor eini­ger Zeit im Inter­net gefun­den habe. Yitz­hak Sopho­ni Herz, der zu die­ser Zeit Direk­tor des jüdi­schen Wai­sen­hau­ses in Dins­la­ken war, hat ihn geschrie­ben.

At 9:30 A.M. the bell at the main gate rang per­sis­t­ent­ly. I ope­ned the door: about 50 men stor­med into the house, many of them with their coat- or jacket-col­lars tur­ned up. At first they rus­hed into the dining room, which for­t­u­na­te­ly was emp­ty, and the­re they began their work of des­truc­tion, which was car­ri­ed out with the utmost pre­cis­i­on.

Hier errichteten 1885 die Juden unserer Stadt ein Waisenhaus. Bis zur Zerstörung durch die Naziverbrecher wurden hier jüdische Vollwaisen betreut.

Herz beschreibt dar­in mit erstaun­li­cher Sach­lich­keit die Zer­stö­rung des jüdi­schen Wai­sen­hau­ses und der Syn­ago­ge, also von zwei Gebäu­den, von denen ich nicht viel mehr weiß als dass sie dort stan­den, „wo jetzt die Boh­len-Pas­sa­ge ist“ und „da, wo jetzt die Spiel­hal­le ist“. Und er schreibt über Leu­te, mit denen ich noch im glei­chen Super­markt ein­ge­kauft oder in der glei­chen Kir­che geses­sen haben kann, ohne von ihrer Geschich­te zu wis­sen:

[T]he seni­or poli­ce offi­cer, Frei­hahn, shou­ted at us: „Jews do not get pro­tec­tion from us! Vaca­te the area tog­e­ther with your child­ren as quick­ly as pos­si­ble!“ Frei­hahn then cha­sed us back to a side street in the direc­tion of the back­yard of the orpha­na­ge. As I was unable to hand over the key of the back gate, the poli­ce­man drew his bayo­net and forced open the door. I then said to Frei­hahn: „The best thing is to kill me and the child­ren, then our ordeal will be over quick­ly!“ The offi­cer respon­ded to my „sug­ges­ti­on“ mere­ly with cyni­cal laugh­ter.

Der frühere Standort der Synagoge in DinslakenIch hal­te sol­che Schil­de­run­gen aus der eige­nen Hei­mat­stadt für aus­sa­ge­kräf­ti­ger als jede Tabel­le mit abs­trak­ten Zah­len. Man beginnt zu begrei­fen, was da in der Stadt los war, in der man sel­ber 45 Jah­re spä­ter leb­te.

Aber auch wenn Sie noch nie in Dins­la­ken waren, sei Ihnen „Descrip­ti­on of the Riot at Dins­la­ken“ von Yitz­hak Sopho­ni Herz drin­gend zur Lek­tü­re emp­foh­len.

Eine gekürz­te deut­sche Über­set­zung des Tex­tes und wei­te­re Augen­zeu­gen­be­rich­te aus jener Nacht in Dins­la­ken fin­den Sie auf der Web­site der Städ­te­part­ner­schaft von Dins­la­ken mit dem israe­li­schen Arad.

Wei­te­re Fak­ten zur jüdi­schen Gemein­de in Dins­la­ken gibt es hier, einen Aus­zug aus einem Buch des Dins­la­ke­ner Holo­caust-Über­le­ben­den Fred Spie­gel kön­nen Sie hier lesen.

Das Foto ganz oben zeigt das Mahn­mal für die Opfer der Pogrom­nacht in Dins­la­ken, geschaf­fen von Alfred Grimm.