The Class of ’99

Von Lukas Heinser, 2. Juni 2009 13:23

New Radicals hören im ICE (Szene nachgestellt)

Heute vor zehn Jahren saß ich in einem Zug nach Berlin, hörte „You Get What You Give“ von den New Radicals und damit begann dann meine Musikbegeisterung (nachzulesen hier).1

In der Folgezeit fing ich an, Gitarre zu lernen, in Bands zu spielen, Festivals zu besuchen, über Musik zu schreiben und irgendwann sogar Radiosendungen darüber zu moderieren. Am Jahr 1999 führt auch heute noch kein Weg dran vorbei: Ein großer Teil meiner Lieblingsalben und -songs erschien in eben diesem Jahr.

Mit ein wenig kulturwissenschaftlichem Übermut könnte man vielleicht sogar das Fin de siècle bemühen um zu erklären, warum ausgerechnet kurz vor dem Jahrhundertende plötzlich reihenweise große Kunst entstand. Denn selbst wenn man zugute hält, dass 15, 16 immer ein besonders prägendes Alter ist und Menschen, die heute in diesem Alter sind, vermutlich in zehn Jahren das Gleiche über 2009 sagen werden: Vor zehn Jahren war eine ganze Reihe von Bands und Künstlern auf dem Höhepunkt ihres Schaffens.

Da waren längst nicht nur die New Radicals mit ihrem einzigen Album: Ben Folds Five verausgabten sich mit ihrem Meisterwerk „The Unauthorized Biography Of Reinhold Messner“ derart, dass sie sich ein Jahr später auflösten; Travis haben viele gute Alben aufgenommen, aber so dicht wie „The Man Who“ klang keines mehr; Moby errichtete sich mit „Play“ sein eigenes Denkmal, von dessen Lizensierungen für Spielfilme und Werbespots er sich einen kleinen Staat kaufen könnte. Und selbst, wenn ich einige der ’99er Alben erst Jahre entdeckte: Das war schon ein ganz besonderer Jahrgang.

Und damit Sie wissen, wovon zum Henker ich eigentlich rede, hier eine unsortierte Liste von Alben aus besagtem Jahr:

Travis – The Man Who
Anspieltipp: Driftwood
Ben Folds Five – The Unauthorized Biography Of Reinhold Messner
Anspieltipp: Your Redneck Past
New Radicals – Maybe You’ve Been Brainwashed Too2
Anspieltipp: Flowers
Foo Fighters – There Is Nothing Left To Lose
Anspieltipp: Next Year
Jimmy Eat World – Clarity
Anspieltipp: Blister
Stereophonics – Performance And Cocktails
Anspieltipp: Just Looking
Moby – Play
Anspieltipp: Porcelain
Red Hot Chili Peppers – Californication
Anspieltipp: Scar Tissue
Tocotronic – K.O.O.K.
Anspieltipp: Jackpot
The Get Up Kids – Something To Write Home About
Anspieltipp: I’ll Catch You
Sigur Rós – Ágætis Byrjun
Anspieltipp: Svefn-G-Englar
Wilco – Summerteeth
Anspieltipp: Nothing’severgonnastandinmyway(again)
3 Colours Red – Revolt
Anspieltipp: Beautiful Day
Blink-182 – Enema Of The State
Anspieltipp: What’s My Age Again?
Blur – 13
Anspieltipp: Coffee And TV

Natürlich erschienen danach noch viele großartige Alben (ein Jahr später beispielsweise „Kid A“ von Radiohead und das Coldplay-Debüt „Parachutes“), aber ein Jahr wie 1999 habe ich seitdem nicht mehr erlebt.

  1. Mir fiel gerade erst auf, dass ich den Song vermutlich nur deshalb im Bordradio gehört habe, weil ich den ursprünglichen ICE verpasst hatte. Nach all diesen Jahren stelle ich fest, dass ausgerechnet eine Regionalbahn-Verspätung mein Leben verändert hat! []
  2. Dass das Album bereits im Oktober 1998 auf den Markt kam, ist ein Detail, durch das ich mir nicht meine Geschichte kaputt machen lasse. []

18 Kommentare

  1. elplato
    2. Juni 2009, 13:47

    Nicht vergessen werden sollte das Weakerthans Debut, Ideal Crash von dEUS und natürlich Keep It Like A Secret von Built to Spill

  2. Sebastian
    2. Juni 2009, 14:33

    Weakerthans – Fallow wollte ich auch gerade noch schreiben. Was ich mich aber frage ist: Warum halten eigentlich soviele Menschen die K.O.O.K. für die beste Tocotronic-Platte? Für mich neben der weißen das schlechteste, was die Band fabriziert hat.

  3. juliaL49
    2. Juni 2009, 15:02

    In der Tat ein sehr gutes Jahr, aber du hast wohl Recht mit dem biografischen :)

    Ich habe jedenfalls eine Spotify-Playliste aus deinen Songs gebastelt (von den Stereophonics gab es nur einen anderen Song des Albums von RHCP einen ganz anderen). Außerdem habe ich noch einige hinzugefügt, die mir spontan ins Auge fielen (die List enthält nur die 100 beliebtesten aus 1999). Interessanterweise ist „Porcelain“ bei Spotify der drittbeliebteste Song.

    Hier bitte:
    http://open.spotify.com/user/j.....Vs8bvkmO41

  4. Blacky
    2. Juni 2009, 15:14

    Ich bin gerade echt erstaunt, wie sehr sich dein Musikgeschmack mit meinen deckt.

  5. Muriel
    2. Juni 2009, 15:21

    Ich beneide ja so Leute ein bisschen, die so nachdenklich und fast analytisch mit Musik leben. Das ist so… bohème. Ich könnte aus dem Stand bei keinem einzigen mir bekannten Album sagen, wann es erschienen ist oder wann ich es zum ersten Mal gehört habe. Vielleicht liegt das an dem Thema mit dem prägenden Lebensabschnitt: Ich habe erst so mit 18 angefangen, mich überhaupt mit Musik zu beschäftigen. Das lag daran, dass ich autofahren durfte und das Radioprogramm mich langweilte/ärgerte…
    Naja, was ich eigentlich sagen wollte: Bin immer wieder beeindruckt.

  6. Christian
    2. Juni 2009, 16:35

    Ich schiebe das mal auf dein damaliges Alter, Lukas, denn kurioserweise ist das Jahr 1999/2000 immer genau jenes, welches ich hervorzerre, wenn ich anderen beweisen möchte, warum die Welt die Strokes gebraucht hat und warum die 5 New Yorker und alles, was mit in ihrer Bugwelle schwamm (von den Stripes zu den Libertines, von Yeah Yeah Yeahs zu Kings Of Leon) meine Begeisterung für Musik revitalisierte.

    und mal ganz ehrlich: 1994-96 hatte England Alben veröffentlicht wie seit den 60ern nicht mehr. und 2001/2002 war so wild, so gut, so groß, dass ich immer noch den damaligen NME-Titel mit Eigenblut unterzeichen möchte: „The Strokes – Why New Yorks Finest Will Change Your Life Foever“.

  7. Lukas
    2. Juni 2009, 16:44

    @Christian: Es kommt vielleicht auch ein bisschen auf den Anspruch und das Genre an. Die von mir aufgeführten Alben sind ja doch alle im weiteren Sinne Pop-Alben.

    Die Strokes haben mich 2001 übrigens kein bisschen interessiert und auch die Libertines hab ich erst mit dem zweiten Album entdeckt. Und wenn die Kings Of Leon eine Folge der Strokes sein sollen, müsste man letztere dafür ja geradezu zur Rechenschaft ziehen …

  8. FS
    2. Juni 2009, 17:04

    Ich würde noch Gettin‘ High on Your Own Supply von Apollo 440 anfügen, wobei man sich sicher streiten kann ob das noch Pop ist.

  9. Phil
    2. Juni 2009, 17:19

    Finde, in jedem Jahr danach gab es ähnlich viele ähnlich „wichtige“ Alben, für mich persönlich deutlich bahnbrechende als die genannten.. Relationship of Command von At the Drive-in direkt im Jahr danach, „Lifted“ von Bright Eyes, Interpol mit „Turn on The Bright Lights“, die „Left& Leaving“ von den Weakerthans, Thursday „Full Collapse“, das Debüt von The Mars Volta, „Worlds Apart“ von …Trail of Dead, etc. etc, etc., Sufjan Stevens „Illinois“, Arcade Fires „Funeral“, etc. etc. etc. (bin zu faul weiterzumachen)

    Bist du 1999 irgendwie auf der Musikautobahn falsch abgebogen, oder wieso sind die dir entgangen?

  10. gses
    2. Juni 2009, 17:28

    Musik ist ja immer sehr subjektiv, dennoch sage ich wurden die besten des Jahres vergessen bzw. möchte ich die Liste um Wichtige erweitern:

    Rage Against The Machine – Battle of LA
    Muse – Showbiz
    Therapy? – Suicide Pact, You First
    Everlast – Whitey Ford Sings The Blues
    Fu Manchu – King Of The Road
    Chemical Brothers – Surrender
    Eins, Zwo – Gefährliches Halbwissen
    The Roots – Things Fall Apart
    Gang Starr – Full Clip
    Eminem – The Slim Shady LP

  11. madcynic
    2. Juni 2009, 17:48

    Ich finde ja, sich die Releasedates von Alben anzusehen, macht depressiv. The Man Who is echt schon 10 Jahre alt? Und K.O.O.K. auch?

    Ich glaub, ich geh mich mal irgendwo einbuddeln…

  12. heinzkamke
    2. Juni 2009, 19:00

    Gute Alben, spannende Diskussion, aber ich geb’s zu: im Grunde mag ich diesen Text in allererster Linie wegen des Titels und des nunmehr seit Stunden in meinem Kopf umherschwirrenden Sunscreen-Ratschlags.

  13. Henrik W.
    2. Juni 2009, 20:27

    Das Jahr 1999 war auch bei mir das Jahr, in dem ich anfing, mich richtig für Musik zu interessieren. Was sehr wahrscheinlich damit zusammenhängt, dass seit dem 1. Januar 1999 MTV frei per Satellit zu empfangen war und MTV schlagartig zum Hauptbestandteil meines Fernsehkonsums wurde. Hach, war MTV damals noch großartig.

  14. Oliver Ding
    2. Juni 2009, 22:46

    Möchte gerne für das Jahr ’99 noch ein paar damalige Lieblingsalben fallen lassen, die bislang noch nicht erwähnt wurden:
    Beck – Midnite vultures
    Stone Temple Pilots – No. 4
    Chris Cornell – Euphoria morning
    Arid – Little things of venom
    Counting Crows – This desert life
    Shihad – The general electric

  15. The Soundtrack of our Lives | Blogboys
    3. Juni 2009, 12:07

    […] gefasst, dass ich derer nicht weitere verlieren möchte und einfach an den großartigen Blogbeitrag The Class of ‘99 auf coffeenandtv übergebe und aus tiefstem Herzen sagen […]

  16. Christian
    4. Juni 2009, 10:12

    „Die Strokes haben mich 2001 übrigens kein bisschen interessiert und auch die Libertines hab ich erst mit dem zweiten Album entdeckt.“

    ich bin ja immer noch der Meinung, dass die Strokes im Endeffekt der Nukleus für die Explosion des Indiegenres waren – mit all seinen negativen Nebenwirkungen. Aber die Linie Libertines->FranzFerdinand->Arctic Monkeys und auf der anderen Seite YYY/Stripes/KingsOfLeon wäre ohne die Strokes nicht denkbar gewesen (wobei die US-Linie weniger musikalische Verwandschaft aufweist). Das Prinzip der Reduktion und das Rekurrieren auf die Jahre 75-81, das haben die Strokes für dieses Jahrzehnt erst populär gemacht, sozusagen einen neuen Weg aufgezeigt – und in kleinem Maßstab dann ja doch wieder Punk kopiert: den (vor allem in UK) aufgeblasenen, prätentiösen Indierock auf Null gefahren und gezeigt, dass es auch anders geht. Eigentlich keine Neuigkeit, aber man hatte den Eindruck, dass diese Herangehensweise in Vergessenheit geraten war.

    „Und wenn die Kings Of Leon eine Folge der Strokes sein sollen, müsste man letztere dafür ja geradezu zur Rechenschaft ziehen …“

    als die Kings Of Leon damals angefangen haben, wurden sie schon zu recht als „southern strokes“ bezeichnet. Die erste EP, das erste Album, das war schon sehr extrem von den Strokes beeinflusst. Eigentlich erst bei Album Nummer 3 hat sich der Sound zu dem Stadion-Rock geändert, den die KoL heute spielen. und den spielen sie immerhin noch besser als alle anderen Bands dieser Richtung, auch wenn mir die ersten zwei, drei Jahre Kings Of Leon immer lieber wären.

  17. Dr. Borstel
    5. Juni 2009, 19:10

    Hm, man möge mich kreuzigen, aber der Name „New Radicals“ weckte in mir beim Lesen nicht die geringsten Erinnerungen – wird vermutlich daran liegen, dass mein Sinn für Musik ’99 noch irgendwo zwischen HIM und Linkin Park schwebte. Jaja, die „guten“ alten Zeiten …
    Nachdem ich Youtube kurz bemüht habe, kann ich allerdings mit Erleichterung sagen: Die kenne ich ja doch – immer noch nicht dem Namen nach, aber zumindest die Singles waren in den Untiefen meines Langzeitgedächtnisses irgendwo in der Nähe von „großartig“ abgelegt. Danke für’s Wieder-ans-Tageslicht-Zerren!

  18. matze
    6. Juni 2009, 16:35

    ohne jetzt deine aufzählung kaputt machen zu wollen, aber KOOK ist ja wohl das zweitschlechteste Tocotronic-Album überhaupt. Aber egal. Bei mir läge dies Jahr auch eher Richtung 5 Jahre später. Oder für mich existiert solch ein Jahr gar nicht.