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Sport

Eine neue Liga ist wie ein neues Leben

Das war nicht schön, am Sams­tag in der Stamm­knei­pe zu ste­hen und den VfL Bochum mit hän­gen­den Fah­nen unter­ge­hen zu sehen. Als Fan von Borus­sia Mön­chen­glad­bach ist man zwar Kum­mer gewohnt (und nach dem 1:6 in Han­no­ver, das die Bochu­mer in die unglück­li­che Aus­gangs­la­ge vor dem letz­ten Spiel­tag brach­te, auch nicht frei von schlech­tem Gewis­sen), aber die­ses kampf- und lieb­lo­se Geki­cke da tat schon weh.

Noch wäh­rend sich die Stadt von die­sem Tief­schlag zu erho­len ver­such­te (was bei die­sem grau­en Wet­ter noch ein wenig län­ger dau­ert), hat Frank Goo­sen, Kaba­ret­tist, Schrift­stel­ler und treu­er VfL-Fan eine Brand­re­de … äh: geschrie­ben, die „Der Wes­ten“ ges­tern ver­öf­fent­licht hat.

Es ist eine bit­te­re Abrech­nung, die den Tau­sen­den Fans aus der See­le spre­chen dürf­te, die immer zu ihrem Ver­ein gehal­ten haben, nur um irgend­wann fest­zu­stel­len, dass ihr Ver­ein eini­ge struk­tu­rel­le Pro­ble­me hat:

Die­ser Ver­ein ist mitt­ler­wei­le durch­sup­pt von einem Ges­tus der Mit­tel­mä­ßig­keit, einer Hal­tung, die kein Ziel, kei­ne Visi­on kennt, nur Lan­ge­wei­le. Wer ein­mal das Glück hat­te, den Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den auf einer Sai­son­ab­schluss­fei­er spre­chen zu hören, weiß, wo das her­kommt: Nicht der VfL Wolfs­burg sei deut­scher Meis­ter gewor­den, hieß es da, son­dern VW. Auf dem zwei­ten Platz sei­en Alli­anz und Tele­kom gelan­det. Und so wei­ter. So rich­tet man sich in einer Opfer­rol­le ein, die im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes un-sport­lich ist. Kein Rhön­rad­fah­rer kann sei­nen Sport mit die­sem Habi­tus betrei­ben

Trotz all der (sicher­lich berech­tig­ten) Vor­hal­tun­gen ist Goo­sens Text nicht durch­weg nega­tiv. Er zeigt sogar neue Mög­lich­kei­ten auf:

Wie gesagt, der Ver­ein braucht eine Iden­ti­tät und eine Idee von sich selbst. Er braucht auf allen Ebe­nen Per­so­nal, das die­se Idee ver­kör­pert und dafür kämpft. Wir wol­len wie­der Lust auf unse­ren Ver­ein haben. Wenn es dafür nötig ist, ihn umzu­bau­en, soll­ten wir sofort damit anfan­gen

Für mich klingt das, als habe da jemand sei­nen Hut in den Ring gewor­fen.

„Gebt uns unse­ren Ver­ein zurück“ bei „Der Wes­ten“

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Leben Gesellschaft

Möbeltransport im ÖPNV – Eine Fallstudie

Men­schen mit ent­spre­chen­den Erfah­run­gen erklä­ren ger­ne, ein Kind zu bekom­men wür­de die Sicht­wei­se auf die Welt völ­lig ver­än­dern. Ich bin weit davon ent­fernt, dem wider­spre­chen zu wol­len (oder zu kön­nen), aber ich kann die­sen Men­schen zuru­fen: “Für einen Per­spek­tiv­wech­sel braucht’s kei­nen unge­schütz­ten Geschlechts­ver­kehr. Es reicht auch, mit vier Alu­mi­ni­um­stüh­len unterm Arm U‑Bahn zu fah­ren.“

Und das kam so:

Ich hat­te kurz vor mei­nem Umzug in einem Geschäft in der Bochu­mer Innen­stadt mei­ne Traum­sitz­mö­bel ent­deckt: Nach­bau­ten des Design­klas­si­kers „Navy Chair“, her­ab­ge­setzt auf einen Preis, der nahe­zu unan­stän­dig nied­rig war. Als mein Vater mei­ner neu­en Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de ansich­tig wur­de (und den dazu­ge­hö­ri­gen Preis erfuhr), rief er aus: „Sohn, gehe hin und hole mir davon, so viel Du tra­gen kannst!“

Das gan­ze Pro­ze­de­re dau­er­te etwas län­ger, die Stüh­le muss­ten erst bestellt wer­den, aber dann waren sie da: Schön, sta­bil, leicht und unfass­bar bil­lig. Pro­blem: Mei­ne Fuh­re hat­te ich bequem mit einem Auto abho­len kön­nen, das zum Zwe­cke der Umzugs­vor­be­rei­tun­gen gera­de bei mir auf dem Park­platz rum­ge­stan­den hat­te. Aber das war jetzt weg.

Da zu den oben auf­ge­führ­ten her­vor­ste­chen­den Eigen­schaf­ten der Möbel auch das gerin­ge Gewicht zählt, war ich aber unbe­sorgt, die Situa­ti­on trotz­dem meis­tern zu kön­nen. Kurz bevor Bochum zum sie­ben­und­neun­zigs­ten Mal in die­ser Sai­son unter einer geschlos­se­nen Schnee­de­cke ver­sank, mach­te ich mich also auf den Weg, kauf­te die bestell­ten Stüh­le und klemm­te sie mir unter dem angst­er­füll­ten Blick der Mit­ar­bei­ter unter den Arm. Wür­de ich es schaf­fen, das Geschäft zu ver­las­sen, ohne ande­re Tei­le der Pro­dukt­pa­let­te in Mit­lei­den­schaft zu zie­hen? Ich schaff­te es. Eine freund­li­che Kun­din hielt mir sogar die Tür auf.

Der Weg hin­ab in die U‑Bahn-Sta­ti­on war kurz und soweit kein Pro­blem. Zwar nahm ich auf der Roll­trep­pe eini­gen Platz ein, aber die weni­gen Men­schen, die vor­bei woll­ten, beschie­den mir gera­de­zu aus­ufernd, dass das schon pas­se.

Die U35 stell­te kein Pro­blem dar: Die Wagen sind groß und geräu­mig, und da ich eh nur eine Hal­te­stel­le fah­ren und auf der gegen­über­lie­gen­den Sei­te aus­stei­gen muss­te, konn­te ich mich direkt vor die Tür stel­len. Hei­kel wur­de es, als sich eine Kon­trol­leu­rin näher­te und die Fahr­aus­wei­se sehen woll­te. Auf kei­nen Fall woll­te ich die genau aus­ba­lan­cier­ten Sitz­ele­men­te abstel­len müs­sen, um mein Porte­mon­naie zu zücken. Es war wie bei Hitch­cock: Sie kam immer näher, wäh­rend die Bahn schon für den Halt am Haupt­bahn­hof abbrems­te. Glück­li­cher­wei­se schaff­te ich es, den Zug zu ver­las­sen, bevor ich mein Ticket vor­zei­gen muss­te.

Im Bahn­hof kämpf­te ich mich – etwas in Wen­dig­keit und Tem­po gehemmt – zur unter­ir­di­schen Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­le vor. Dort traf mich die Erkennt­nis mit der Wucht einer auf dem Büh­nen­bo­den des New Yor­ker Pal­la­di­ums zer­trüm­mer­ten Bass­gi­tar­re: Die Rush Hour ist nicht der idea­le Zeit­punkt, um den öffent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehr als Möbel­trans­por­ter zu miss­brau­chen.

Meh­re­re Hun­dert­tau­send Men­schen (Schät­zung von mir) stan­den am Gleis und scharr­ten mit den Füßen, auf dass sie sich in eben jene Stra­ßen­bahn des Todes zwän­gen kön­nen wür­den, um mög­lichst schnell bei Fami­lie, Abend­brot und/​oder TV-Unter­hal­tung zu sein. Das wür­de ein har­ter, bru­ta­ler Kampf wer­den.

Inner­lich berei­te­te ich mich schon dar­auf vor, Gal­le gei­fern­de Tex­te über zu klei­ne Ver­kehrs­mit­tel, dumm glot­zen­de Mit­men­schen und die gene­rel­le Schlech­tig­keit der Welt ins Inter­net zu kot­zen. Dann kam die Bahn, eine stark gegen unend­lich ten­die­ren­de Anzahl Men­schen stieg aus und eine eben­sol­che ein. Ich auch.

Es war mir etwas unan­ge­nehm und ich hat­te auch Angst, Men­schen mit den Leicht­me­tall­mö­beln zu ver­let­zen. Aber zum Glück ist ja immer noch Polar­win­ter und alle Men­schen sind gut ver­packt. Ent­schul­di­gend mur­mel­te ich in die Run­de, ich hät­te halt kein Auto und die Stoß­zei­ten außer acht gelas­sen. „Ach, Sie haben sich dazu ent­schie­den, jetzt und hier mit der Bahn zu fah­ren und damit ist es gut“, erklär­te mir eine Frau mitt­le­ren Alters zu mei­ner eige­nen Ver­wun­de­rung mei­ne momen­ta­ne Situa­ti­on.

Erstaun­li­cher­wei­se waren alle Men­schen in einem Maße hilfs­be­reit, dass mich sofort das schlech­te Gewis­sen über­kam, vor­her jemals etwas ande­res erwar­tet zu haben: Soll ich Ihnen das mal abneh­men? Wo müs­sen Sie denn raus? Wis­sen Sie, auf wel­cher Sei­te der Aus­stieg ist?

An mei­ner Hal­te­stel­le trug mir ein jun­ger Mann zwei zwi­schen­zeit­lich doch mal abge­stell­te Stüh­le auf den Bahn­steig und frag­te, ob er mir tra­gen hel­fen sol­le, er woh­ne hier ja auch in der Gegend. Vie­len Dank, sag­te ich, geht schon.

Auf der Roll­trep­pe nach oben starr­te mich eine jun­ge Frau mit einer Mischung aus Mit­leid und Ent­set­zen an und frag­te, ob ich Hil­fe brau­che. Nein, sagt ich, kein Pro­blem, wiegt ja nix.

Drei Minu­ten spä­ter war ich zuhau­se. Ich hat­te nicht nur mei­ne Hei­mat­stadt mit ganz neu­en Augen gese­hen, son­dern auch die Men­schen dort.

Nächs­te Woche brin­ge ich mei­ne alte Leder­couch mit der Bahn von Dins­la­ken nach Bochum.

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Musik Literatur

„Das ist keine Reisegruppe“
Ein Interview mit Sven Regener

Musik­jour­na­lis­ten erzäh­len häu­fi­ger, dass sie rela­tiv wenig Ambi­tio­nen hät­ten, ihre per­sön­li­chen Hel­den zu tref­fen. Zu groß ist die Angst, dass sich der über lan­ge Jah­re Bewun­der­te als lang­wei­lig oder – schlim­mer noch – unsym­pa­thisch her­aus­stellt, dass einem kei­ne guten Fra­gen ein­fal­len oder man ver­se­hent­lich die eige­nen Freun­de mit rein­zieht.

Vor Sven Rege­ner habe ich einen Hei­den­re­spekt: Die Musik sei­ner Band Ele­ment Of Crime beglei­tet mich schon län­ger, die letz­ten bei­den Alben habe ich rauf und run­ter gehört und sei­ne Roman­tri­lo­gie über Frank Leh­mann habe ich mit gro­ßem Gewinn gele­sen. Außer­dem muss ich immer an jenes legen­dä­re Inter­view mit der (inzwi­schen fast schon wie­der völ­lig ver­ges­se­nen) „Net­zei­tung“ den­ken.

Es hät­te also gute Grün­de gege­ben, sich nicht um ein Inter­view mit dem Mann zu bemü­hen, obwohl er mit Ele­ment Of Crime in Bochum war. Aber ein kur­ze Begeg­nung beim letzt­jäh­ri­gen Fest van Cleef hat­te mich so weit beru­higt, dass ich gewillt war, mich auf das Expe­ri­ment ein­zu­las­sen.

Element Of Crime (Archivfoto vom Fest van Cleef 2009)

Kurz bevor es los­ging sag­te er: „So, wir duzen uns. Ich bin Sven.“ Gut, dass das vor­ab geklärt ist, Respekts­per­so­nen wür­de man ja sonst auch sie­zen.

Wie das Gespräch dann lief, kön­nen Sie jetzt sel­ber hören und beur­tei­len. Zu den The­men zäh­len Sven Rege­ners Tour­blog, klei­ne­re Städ­te, „Romeo und Julia“, Cover­ver­sio­nen und Vor­bands.

Inter­view mit Sven Rege­ner
(Zum Her­un­ter­la­den rechts kli­cken und „Ziel spei­chern unter …“ wäh­len.)

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Leben

Feels Like Home

Men­schen mit ent­spre­chen­den Erfah­run­gen erklä­ren ger­ne, ein Kind zu bekom­men wür­de die Sicht­wei­se auf die Welt völ­lig ver­än­dern. Ich bin weit davon ent­fernt, dem wider­spre­chen zu wol­len (oder zu kön­nen), aber ich kann die­sen Men­schen zuru­fen: „Für einen Per­spek­tiv­wech­sel braucht’s kei­nen unge­schütz­ten Geschlechts­ver­kehr. Ein Umzug tut’s auch.“

In den letz­ten Wochen und Mona­ten habe ich mich mit Fra­gen zu Boden­be­lä­gen, Wand­far­ben, Tele­fon­an­bie­tern und Möbeln her­um­ge­schla­gen. Ich habe ange­fan­gen, Wer­be­pro­spek­te auf Kühl­schrän­ke, Wasch­ma­schi­nen und Dusch­köp­fe abzu­su­chen. Ich bin in eine Welt abge­taucht, in der man sich freut, dass die Far­be, die man gera­de gleich­mä­ßig auf Zim­mer­de­cke und eige­nem Haupt­haar ver­teilt hat, was­ser­lös­lich ist (was der Lack für Heiz­kör­per und Fuß­leis­ten übri­gens nicht ist). Gesprä­che im Freun­des- und Fami­li­en­kreis dre­hen sich plötz­lich um Küchen­fron­ten und die rich­ti­ge Metho­de, gera­de Lini­en abzu­kle­ben.

Bei der Reno­vie­rung ist mir auf­ge­fal­len, wie egal einem die­ses Inter­net wer­den kann: Für die wirk­lich bedeut­sa­men Nach­rich­ten hat man ja WDR 2, alles wei­te­re kann man abends in zwan­zig Minu­ten über­flie­gen. Und falls sich jemand Sor­gen macht, weil man seit der Fra­ge „Wel­cher die­ser bei­den Dräh­te gehört wo hin?“ kein Sta­tus­up­date mehr bei Face­book durch­ge­führt hat, wird er schon anru­fen oder eine SMS schi­cken.

Am Wochen­en­de bin ich end­lich umge­zo­gen. Das zeit­li­che Ver­hält­nis von Vor­be­rei­tung und Durch­füh­rung ent­sprach dabei in etwa dem Ver­hält­nis zwi­schen WM-Qua­li­fi­ka­ti­on und Im-rich­ti­gen-Moment-den-Fuß-Hin­hal­ten im Fina­le.

Jetzt ste­he ich vor neu­en Her­aus­for­de­run­gen: Wie sor­tie­re ich mei­ne Bücher neu? Wie krie­ge ich mei­ne Woh­nung rich­tig beheizt? In wel­chem der vie­len Zim­mer könn­te ich jetzt schon wie­der Schlüs­sel und Porte­mon­naie lie­gen gelas­sen haben? Zumin­dest bei der ers­ten Fra­ge kön­nen Freun­de mit Fach­wis­sen wei­ter­hel­fen.

Statt über mei­ne Mit­be­woh­ner kann ich mich jetzt über die Selbst­mon­ta­ge­mö­bel schwe­di­scher Prä­gung auf­re­gen, die jeder ander Mensch (oder zumin­dest: jede mir bekann­te Frau) in die­sem Uni­ver­sum in einer hal­ben Stun­de auf­ge­baut bekommt, wäh­rend ich nach vier Stun­den mit hei­se­rer Stim­me krei­sche: „Ach, als ob die­se eine Schrau­be für die Sta­tik des gan­zen Regals ent­schei­dend wäre …“

Schwe­rer noch wird es, mich an die Super­märk­te im neu­en Stadt­teil zu gewöh­nen. Ver­gan­ge­ne Woche bin ich zehn Minu­ten durch den Aldi geirrt, ohne die ver­damm­ten Nudeln zu fin­den. Und ohne Nudeln fehlt mir schon mal ein Drit­tel mei­nes Spei­se­plans. Außer­dem muss ich eine neue „Bild“-Verkaufsstelle fin­den – oder bes­ser: meh­re­re.

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Gesellschaft Kultur

Alles ist Material

Der Künst­ler Nasan Tur hat eines der außer­ge­wöhn­lichs­ten Bücher erstellt, das ich über Street Art im wei­tes­ten Sin­ne ken­ne: Für „Stutt­gart says…“ hat er Graf­fi­ti nicht abfo­to­gra­fiert, son­dern abge­schrie­ben. Der Medi­en­wech­sel wirkt Wun­der und ver­leiht den mut­maß­lich eher häss­li­chen Spraye­rei­en plötz­lich den Anschein von abso­lu­ter Poe­sie.

Hier eini­ge Bei­spie­le:

Dein ICH muss dei­nem Selbst wei­chen,
Chris­tus ist immer noch im wer­den!

Geist­krank

I LIKE!

lie­be RAF,
ihr habt euch vie­le neue Freun­de gemacht!

Mama ficker

Lan was geht?

Erstaun­lich, wie bedeu­tungs­schwer sol­che Zita­te wir­ken, wenn man sie völ­lig aus ihrem Kon­text her­aus­löst.

An Turs Buch muss­te ich den­ken, als ich heu­te an einem Haus in mei­ner Noch-Nach­bar­schaft vor­bei­kam. Schon vor Jah­ren hat­te dort jemand, der mut­maß­lich noch rela­tiv jung und sehr unge­übt im Umgang mit Spray­do­sen war, einen … nun ja: Satz an die Wand gesprayt, dem der Lin­gu­ist in mir stets mit gro­ßer Begeis­te­rung begeg­net war:

ANNA IST HURE

Die­ses Zitat wirft die berech­tig­te Fra­ge auf, war­um wir uns in der deut­schen Spra­che über­haupt mit Arti­keln auf­hal­ten, die schon vie­le Mut­ter­sprach­ler vor Her­aus­for­de­run­gen stel­len und das Erler­nen des Deut­schen für Aus­län­der unnö­tig erschwe­ren. Man könn­te doch eini­ger­ma­ßen gut auf den Gebrauch von Arti­keln ver­zich­ten, so wie sich jun­ge Men­schen schon seit län­ge­rem Prä­po­si­tio­nen spa­ren – auch bei „Bin Engel­bert­brun­nen“ oder „Gehst Du Uni-Cen­ter?“ weiß jeder, was gemeint ist.

Seit eini­gen Wochen jeden­falls ist das Haus, an dem der oben genann­te Spruch steht, um eini­ge schlech­te Graf­fi­ti rei­cher. Dar­un­ter eines, das die Geschwin­dig­keit des Sprach­wan­dels und den Fort­schritt der Gleich­be­rech­ti­gung glei­cher­ma­ßen doku­men­tiert:

PAUL IS HURE

Und jetzt sagen Sie bit­te nicht: „So ein Quatsch – Paul is dead, wenn über­haupt!“

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Gesellschaft

Narrenhände

Bildungsstreik

Bildung für alle!

Irgend­wie habe ich das Gefühl, dass das Semes­ter­ti­cket nächs­tes Jahr schon wie­der teu­rer wird …

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Musik Rundfunk Radio

Über Kronen

Im Dezem­ber wird die WDR-„Jugendwelle“ (die sich glaub ich schon län­ger nicht mehr selbst mit die­sem Acht­zi­ger-Jah­re-Wort­kon­strukt bezeich­net) 1Live zum zehn­ten Mal die „1Live Kro­ne“ ver­lei­hen. Wie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auch fin­det die Ver­lei­hung des „größ­ten deut­schen Radio Awards“ (WDR-Pres­se­info) in der Bochu­mer Jahr­hun­dert­hal­le statt.

Neben Jan Delay, Sil­ber­mond, Ste­fa­nie Heinz­mann und Jen­ni­fer Ros­tock befin­den sich unter den Nomi­nier­ten auch die …

*Trom­mel­wir­bel*

Kili­ans!

In der sehr ehren­haf­ten Kate­go­rie „Bes­ter Live-Act“ gehen sie gegen Phil­ipp Poisel,die Toten Hosen, Peter Fox und Ramm­stein ins Ren­nen. Das wird sicher nicht ganz leicht, aber da es sich um einen Publi­kums­preis han­delt, ist alles mög­lich.

Abstim­men kann man jeden­falls ab sofort auf einslive.de

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Politik

Plakatastrophentourismus

Ich will das hier weder zu einem Fach­ma­ga­zin für Wahl­pla­ka­tie­rung wer­den las­sen, noch will ich irgend­wie para­no­id klin­gen, aber: Das haben die doch extra gemacht, oder?

Mein Weg vom Wohn­heim zur U‑Bahn ist voll­ge­pflas­tert mit Frank-Wal­ter Stein­mei­ers:

Frank-Walter Steinmeier Anpacken. Für unser Land.

Frank-Walter Steinmeier Anpacken. Für unser Land.

Unser Land kann mehr.

Mal davon ab, dass ich Frank-Wal­ter Stein­mei­er jetzt nicht unbe­dingt „anpa­cken“ muss, dürf­te das letz­te Motiv natür­lich eines der ehr­lichs­ten Wahl­pla­ka­te der letz­ten 60 Jah­re sein: Neben ein Foto von Stein­mei­er und unter das Logo der SPD „Unser Land kann mehr“ zu schrei­ben, das ist schon erstaun­lich offen.

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Politik

Wie war noch mal die Frage?

Im Ren­nen um das aus­sa­ge­frei­es­te Wahl­pla­kat ist Bun­des­tags­prä­si­dent Nor­bert Lam­mert mög­li­cher­wei­se unein­hol­bar in Füh­rung gegan­gen:

Lammert! CDU

Es kann natür­lich auch sein, dass der Regen die gan­zen pro­gram­ma­ti­schen Aus­sa­gen alle aus­ge­wa­schen hat.

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Musik

Uhr-Instinkt

Den Bochu­mer Lie­der­ma­cher 1 Tom­my Fin­ke hat­te ich hier ja schon mehr­fach lobend am Ran­de erwähnt.

Dem­nächst erscheint sein neu­es Album „Poet der Affen/​Poet of the Apes“ und ent­spre­chend gibt es vor­her eine Sin­gle:

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[„Halt‘ alle Uhren an“]

Ich mag beson­ders die losen Oasis-Refe­ren­zen im Refrain und die­sen komi­schen Flö­ten­sound 2 vor den Stro­phen. Als Wasch­zet­tel­tex­ter wür­de ich jetzt sowas schrei­ben wie: „Jugend­li­cher als Kett­car, zugäng­li­cher als Gis­bert zu Knyphau­sen und – natür­lich sowie­so – bes­ser als Revol­ver­held.“ Es erin­nert aber auch ein biss­chen an Ath­le­te, fin­de ich.

Jeden­falls ken­ne ich nicht vie­le deutsch­spra­chi­ge Musi­ker, die so knie­tief im Pop ste­hen und dabei so weit von jedem Schla­ger­vor­wurf ent­fernt sind. Spä­tes­tens beim drit­ten Hören nis­tet sich der Song in den Gehör­gän­gen ein, aber kau­fen kann man ihn lei­der erst im Okto­ber.

Und wenn Sie par­tout kei­ne deutsch­spra­chi­ge Musik mögen, hören Sie sich eben die eng­li­sche Ver­si­on des Songs an.

Dis­clo­sure: Ich habe mit Tom­my Fin­ke mal ein Bier getrun­ken getrun­ken, es aber selbst bezahlt.

  1. Falls sich jemand fin­det, der ein zeit­ge­mä­ßes Syn­onym zur Hand hat, das nicht so sehr nach Leder­wes­te und selbst­ge­dreh­ten Ziga­ret­ten klingt, möge er es bit­te in den Kom­men­ta­ren abstel­len.[]
  2. Der mut­maß­lich alles, nur kein Flö­ten­sound ist.[]
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Digital Gesellschaft

Wohlfaile Empörung

Ich hab mir heu­te nach fast sechs Jah­ren in Bochum zum ers­ten Mal eine „WAZ“ gekauft – für einen Arti­kel im BILD­blog über das Koma-Sau­fen, zu dem die Jun­ge Uni­on hier in der Stadt angeb­lich ein­lädt.

Ich weiß nicht, was ich von einer Par­ty hal­ten soll, bei der man für 10 Euro Ein­tritt 25 Euro ver­trin­ken kann, so dass die rot-grü­nen Shots, die „weg müs­sen“, im End­ef­fekt weni­ger als einen Euro kos­ten. Aber ich wür­de auch noch viel weni­ger ins Playa gehen, als ich CDU wäh­len wür­de.

Was ich weiß, ist, dass die gan­ze Auf­re­gung um die­se Par­ty irgend­wie typisch war: Beim „Wes­ten“ steht, die Gut­schei­ne müss­ten in andert­halb Stun­den ver­trun­ken wer­den, und kurz dar­auf steht es so in vie­len Blogs und mehr als 300 Leu­te twit­ter­ten, dass die Jun­ge Uni­on …

Auch ich hat­te den Link zum „Wes­ten“ für eine Minu­te in mei­nen deli­cious-Links, ehe mir bei den dor­ti­gen Track­backs der Link zu Way­nes Blog auf­fiel, in dem die­ser der „WAZ“ schlech­ten Jour­na­lis­mus vor­warf.

Ob die Jun­ge Uni­on mög­li­cher­wei­se erst nach Erschei­nen des Arti­kels beim „Wes­ten“ auf ihrer Web­site klar­ge­stellt hat, „dass der Gut­schein zwar bis 23:30 an der Kas­se erwor­ben wer­den muss aber die gan­ze Nacht genutzt wer­den darf“, ist eigent­lich uner­heb­lich – die Blog­ger, die sich auf die Sto­ry stürz­ten, hät­ten wenigs­tens den Ver­such unter­neh­men müs­sen, bei der Jun­gen Uni­on nach Infor­ma­tio­nen zu suchen. (Ich natür­lich auch, bevor ich den Link gespei­chert habe. Ganz beson­ders, wenn die Quel­le „WAZ Bochum“ heißt.)

Es kann doch nicht sein, dass wir immer wie­der die Infor­ma­tio­nen loben, die im Inter­net für jeden über­all und frei ver­füg­bar sind, und dann nicht mal drei Minu­ten dar­auf ver­wen­den, bei einer sol­chen Geschich­te auch die Gegen­sei­te abzu­che­cken. Statt­des­sen wird der Link blind­lings bei Twit­ter wei­ter­ver­brei­tet – natür­lich nicht, ohne ihn vor­her nicht noch mit „#fail“, „#cdu-“ und „#pira­ten+“ (aus Prin­zip!) ver­se­hen zu haben.

Natür­lich traue auch ich den Par­tei­en (und zwar allen) im Wahl­kampf so ziem­lich alles zu. Aber es spricht trotz­dem nicht für die Medi­en­kom­pe­tenz von Inter­net-Power­usern, wenn sie blind auf eine Geschich­te ansprin­gen, die ihnen zufäl­li­ger­wei­se ins Welt­bild passt. Im Gegen­teil: In sol­chen Momen­ten sind wir kei­nen Deut auf­ge­klär­ter als der alte Mann, der seit 60 Jah­ren immer die glei­che Par­tei wählt.

Nach­trag, 22:50 Uhr: Wie hat­te ich nur „BO-Alter­na­tiv“, das loka­le „Indymedia“-Pendant ver­ges­sen kön­nen? Dort sorg­te die Jun­ge Uni­on schon ges­tern Nach­mit­tag „mal wie­der für einen Skan­dal“.

Ande­rer­seits hat­te man sich dort die Mühe gemacht, bei der CDU-Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on selbst nach­zu­fra­gen:

Der Pres­se­spre­cher der JU Tors­ten Bade hält das alles für ein Miss­ver­ständ­nis: Die Gäs­te könn­ten län­ger trin­ken und für jugend­li­che Dis­ko-Besu­che­rIn­nen sei das ein ganz nor­ma­les Ange­bot. Er räum­te aber auch ein, dass es schon meh­re­re Anru­fe wegen der Geschich­te gege­ben habe und eini­ge Pla­ka­te auch wie­der abge­hängt wor­den sei­en.

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Politik

Smile Like You Mean It

Einer der schlimms­ten Irr­tü­mer unse­rer Zeit ist ja der, dass Wahl­kampf im Inter­net statt­fin­den müs­se. Er kann, wenn man sich mit dem Medi­um aus­kennt, gute Ideen hat oder Barack Oba­ma heißt. Mir per­sön­lich wäre es ange­sichts von Face­book-Pro­fi­len von Poli­ti­kern, iPho­ne-Apps von Par­tei­en und sechs Mil­li­ar­den „#piraten+“-Nachrichten auf Twit­ter täg­lich sogar lieb, wenn das Inter­net ein poli­tik­frei­er Raum wäre, aber man kann nicht alles haben.

Rich­tig bizarr wird es aber, wenn der Kom­mu­nal­wahl­kampf im Inter­net statt­fin­det. Völ­lig ohne Grund geben sich Men­schen, die bestimmt tol­le Ideen für ihre Hei­mat­stadt haben, aber nicht über Know­how und Mit­tel für einen pro­fes­sio­nel­len (und völ­lig über­flüs­si­gen) Online-Wahl­kampf ver­fü­gen, online der Welt­öf­fent­lich­keit preis – und damit zumeist dem Spott.

Die Ruhr­ba­ro­ne stel­len heu­te schlech­te und nicht ganz so schlech­te Bei­spie­le von Inter­net-Vide­os als Mit­tel im Kom­mu­nal­wahl­kampf vor. Von den Bochu­mer Ober­bür­ger­meis­ter-Kan­di­da­ten habe ich nichts gefun­den, aber in Dins­la­ken haben gleich zwei der sechs Bür­ger­meis­ter­kan­di­da­ten Wer­be­spots in Auf­trag gege­ben.

Den Anfang macht Heinz Wan­sing von der CDU (wir erin­nern uns: „Da. Echt. Nah.“), der sich vom Dins­la­ke­ner Star-Regis­seur Adnan Köse („Lauf um dein Leben – Vom Jun­kie zum Iron­man“) in Sze­ne set­zen ließ. Nach­dem Barack Oba­ma uns letz­tes Jahr die Mut­ter aller Wahl­wer­be­spots vor­ge­stellt hat, ler­nen wir mit „Wan­sing – Der Film“ jetzt deren Groß­cou­si­ne müt­ter­li­cher­seits ken­nen:

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Sagen Sie bit­te nicht, ich sei der Ein­zi­ge, der bei der Musik die gan­ze Zeit damit rech­ne, dass gleich Dino­sau­ri­er aus dem Rot­b­ach­see auf­tau­chen. (Und Dins­la­ken wirkt übri­gens nicht ganz so trost­los, wenn man es im Som­mer besucht und filmt.)

Sein Gegen­kan­di­dat von der SPD, Dr. Micha­el Hei­din­ger, ori­en­tiert sich mit „Micha­el Hei­din­ger (SPD) – Der Film“ optisch stär­ker an Fil­men wie „A Scan­ner Dark­ly“ oder „Waltz With Bas­hir“, ver­zich­tet dafür aber völ­lig auf das Able­sen vom Blatt:

Link: Michael Heidinger (SPD) - Der Film (2009)

Die­se Spots wir­ken auf mich ein wenig wie die Auf­trit­te unbe­hol­fe­ner Kan­di­da­ten in Cas­ting­shows: Einer­seits sucht da jemand ganz bewusst die Öffent­lich­keit, ande­rer­seits hat man als Zuschau­er das Gefühl, sie genau davor beschüt­zen zu wol­len.

Nach­trag, 31. August: Die Comic­fi­gur hat übri­gens gewon­nen