Aaaah, Glückauf

Von Lukas Heinser, 24. April 2009 14:10

Bochum im Frühling

Als BILDblogger muss man regelmäßig „Bild“ lesen. Um nicht als Vorzeige-Leser zu gelten und irgendwann namentlich begrüßt zu werden, versuche ich, meine Zeitung immer woanders zu kaufen. Bei uns im Viertel gibt es eine Tankstelle, einen Aldi, eine Lottoannahmestelle und ein Büdchen, die „Bild“ im Sortiment haben. Ich versuche mich an einem rotierenden System, gehe aber trotzdem am liebsten zum Büdchen.

Das liegt nicht nur am nächsten, es hat auch die schönste Atmosphäre: Neben Boulevardzeitungen werden dort auch Eis und gemischte Tüten verkauft. Da ich nicht weiß, ob letzteres außerhalb des Ruhrgebiets überhaupt bekannt ist, hier eine kurze Erklärung: In zahlreichen Glas- oder Plastikgefäßen lagern verschiedene Süßigkeiten, die einem der Büdchen-Besitzer dann nach Wunsch („Drei Frösche, vier Salami-Brezeln und drei Cola-Kracher“) oder nach Pauschale („Eine gemischte Tüte für einen Euro, bitte“) zusammenstellt. Das ist zwar teurer als im Supermarkt, fühlt sich aber besser an.

Schon die knapp 200 Meter zum Büdchen sind wunderbar. An manchen Computer-intensiven Tagen sind sie das einzige, was ich von der Außenwelt sehe. Im Moment zeigt sich der Frühling von seiner knalligsten Seite (Büsche in pink und gelb leuchten am Wegesrand) und die Menschen bringen ihre Balkone und Vorgärten in Ordnung. Da werden Fenster geputzt, Rasen gemäht und Treppen geschrubbt.

Vorhin sah ich eine alte Frau in Kittelschürze, die sich mit einem Leder, dessen Oberfläche zu mehr als 50% aus Löchern bestand, und einem Schrubber abmühte. Kinder gingen von der nahen Grundschule nach hause, sagten so kluge Kindersätze wie „Die größte Winterzeit war mal in Norwegen. Da waren Minus neunenneunzich Grad!“ und ein Mädchen erinnerte mich unfreiwillig an eines meiner größten Kindheitstraumata: Mit dem Tornister auf dem Rücken hinfallen und dann hilflos wie ein Maikäfer liegen bleiben.

18 Kommentare

  1. Catty146
    24. April 2009, 14:33

    Hmmm… muss mir unbedingt mal wieder Salmiak-Kugeln für nen Euro gönnen. In Hiesfeld an der Sterkrader Straße Ecke Hügelstraße… Ach ja…

  2. Bernie
    24. April 2009, 14:58

    Bei uns in Gladbach gabs die gemischten Tütchen auch, da kamen aber meistens die alten, staubigen Gummiteile rein, die sonst keiner haben wollte.

  3. Sebastian S.
    24. April 2009, 15:38

    Mein Kindheitstrauma gegenüber einem Schwarm: Schuhe zubinden wollen und dann von Schwung des über den Kopf fallenden Tornisters umgeworfen werden.

  4. Mareike
    24. April 2009, 17:47

    In Schweden sind die gemischten Tüten scheinbar „handelsüblich“: in jedem Supermarkt und in (fast) jeder Tanke, in der ich bisher war, kann man sich aus einem ziemlich umfangreichen Sortiment selbst bedienen und seine Wunschtüte zusammenstellen. Macht sehr viel Spaß und süchtig.

  5. Petra
    24. April 2009, 19:03

    Im Südwesten gibt’s die gemischten Tüten auch, ich verbinde mit ihnen tolle Kindheitserinnerungen und sie waren auch meine Lieblingsnikolausgeschenke. Saure Apfelringe mussten in jeder Tüte drin sein!
    Beim letzten Satz musste ich mich sehr beherrschen in der Uni-Bib nicht laut loszulachen.

  6. Nummer Neun
    24. April 2009, 19:46

    In München gibt es solche stummen Zeitungsverkäufer… Kästen, aus denen man sich die Zeitungen fischen kann und Münzen einwerfen muss. Sehr praktisch, wenn man möglichst anonym sich die Bild kaufen möchte. Gibt nur keine seltsamen Tütchen dort.

  7. latze
    24. April 2009, 22:00

    In Schleswig-Holstein kennt (oder kannte?) man gemischte Tütchen auch. Was ich von damals nicht kenne, ist das Wort „Tornister“ – bei uns hieß das ausschließlich Schulranzen.

  8. Seastian Krü...
    25. April 2009, 9:13

    im osten – vor der wende. ja auch da hatten wir sie, die gemischte tüte. ein systemunabhängiges phänomen ;)

  9. Alberto Green
    25. April 2009, 10:45

    Mein Kindheitstrauma: Dass alle Verwandten meinen coolen (ok, damals hieß es noch schick, toll oder sonst was) „Scout“ immer Tornister nennen mussten.

  10. Lukas
    25. April 2009, 13:58

    Je länger ich jetzt darüber nachdenke, desto unwahrscheinlicher scheint es mir, dass wir den Scout (der schwarze mit den neonfarbenen Grafikelementen) „Tornister“ genannt haben. Es wird wohl doch „Ranzen“ gewesen sein.

  11. iolanthe
    25. April 2009, 14:26

    Ihr habt tatsächlich „Ranzen“ gesagt? Das war bei uns der uncoole Erwachsenen-Ausdruck. Der richtige Name war Tonni.
    Und mein Kindheitstrauma war, dass ich eben jenen Tonni zuhause vergessen habe, einfach ohne zur Schule gegangen bin und es erst Mitte der ersten Stunde, vor allen anderen Kindern, gemerkt habe.

  12. FS
    25. April 2009, 15:41

    In Hannover, wo ich normalerweise bin, gibt es auch bunte Tueten (ich bin ein grosser Fan). Leider bin ich zur Zeit in Connecticut unterwegs und muss darauf verzichten. Die Bedienung im Supermarkt hat mich nur gross angeschaut als ich gefragt habe.

  13. sonja
    28. April 2009, 19:04

    ich hab grad Tornister erstmal gegoogelt, das kannte ich überhaupt nicht?! Dafür gibts bei uns auch Tütchen, auch wenn wir keine Büdchen haben!

  14. henker
    29. April 2009, 21:56

    am besten waren die tütchen vom Safti, dem Kiosk neben der Schule, da habe ich tausende dmarks/euros versenkt und ab dem 5 Besuch wurdest du mit vornamen bedient

  15. Julia
    15. Mai 2009, 17:11

    Gemischte Tüten… Kindheitserinnerungen werden wach!

    Für die größeren, die sich nach der Schule nur schnell ne Cola kaufen wollten, konnte das ziemlich nervig werden:

    „Ich nehm für zehn Pfennig von den roten Schnüren, für fünf von den grünen, für zehn von den Apfelringen, ach nee, doch nur für fünf…“ ;)

  16. Lenni
    26. Januar 2010, 20:00

    Flensburg ist DIE Kiosk-Stadt in Deutschland! Gemischte Tüten gibt es hier überall!

  17. HAL9000
    26. Januar 2010, 20:01

    „Bunte Tüten“ scheint man hier westlich des Rheins nicht zu kennen. Fragte schon bei mehreren „Buden“ nach und wurde erst nach geleisteter Aufklärungsarbeit in meinem Kaufwunsche befriedigt.

    Freiheit für die „bunten Tüten“!*g*

  18. Christina
    26. Januar 2010, 21:32

    Irgendwie erinnert mich das an mein Kindheitstrauma:
    Bei uns wurden „Ranzen“ auch immer Toni genannt. Dann bin ich irgendann mal umgezogen, 100 km weiter in eine andere Stadt, bzw. meine Eltern zogen um und wir Kinder mußten mit. Die neue Schule in der neuen Stadt schickte uns einmal wöchentlich zur Schulmesse in die Kirche. Und genau dort ließ ich dann meinen Toni liegen.

    Kurz vor der Schultüre, bemerkte ich meinen Verlust und tat dies mit „ich hab meinen Toni vergessen“ kund. Meine Mitschülerinnen lagen erstmal am Boden vor Lachen, und wollten dann wissen, wer Toni ist. Nachdem ich sie aufklärte, daß ein Toni ein Tornister ist, wurde ich nur groß angeschaut, das Wort kannten sie nicht. Mir fiel das Wort Schultasche nicht ein, das war ja nicht in meinem aktiven Sprachgebrauch. Also mußte ich mich in meiner Muttersprache auf Zeichensprache verlassen und so den Mädchen klarmachen, was ich meinte.

    Später kam das noch einige Male vor und auch jetzt, zwei Bundesländer/Dialekte später, komme ich noch in die Situation. Aber dieses erste Mal war erschreckend für mich. Und die Mitschülerinnen haben mich natürlich auch noch lang mit meinem vermeintlichen Schwarm geneckt.

    Und Büdchen gab es da natürlich auch nicht :(