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Mit Dir sind wir vier

Gar nicht mal so sel­ten (im Sin­ne von: „Wenn ich über­haupt mal etwas gefragt wer­de, dann …“) wer­de ich gefragt, wie man eigent­lich so ein „Medi­en­blog­ger“ wird.

Das ist eigent­lich ganz ein­fach: Eine Zeit lang muss man sehr auf­merk­sam durch die Welt gehen und allen Quatsch auf­schrei­ben, der einem in die Fin­ger kommt. Dann hat man irgend­wann sei­ne Leser, sei­nen Freun­des­kreis und sei­ne Fami­lie der­art für die klei­nen und gro­ßen Feh­ler der Medi­en sen­si­bi­li­siert, dass man mit Ein­sen­dun­gen über­häuft wird und sie nur noch auf­schrei­ben muss.

Ein­ge­sandt von mei­ner Mut­ter:

Ein anderer Trompeter begeisterte ebenfalls: Julian Wasserfuhr, der im Quartett mit seinem Bruder Roman am Piano auch Stücke aus dem gerade erschienenen, fantastischen gemeinsamen Album "Upgraded In Gothenburg" spielte. Die beiden noch jungen Musiker haben die Jazztradition begriffen und überführten sie behutsam in ihre eigene Musik, meist mit wundervollem Understatement.
(Neue Rhein/​Ruhr Zei­tung vom 22. Sep­tem­ber 2009)

Das erin­nert natür­lich fatal an die von Fritz Wal­ter d.J. über­lie­fer­te Sen­tenz:

Der Jür­gen Klins­mann und ich sind schon ein tol­les Trio, …äh Quar­tett.

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Wir haben uns für die Erbsensuppe entschieden

Die gelern­te Natur­wis­sen­schaft­le­rin Mer­kel wird die­se Art Beweis­füh­rung zulas­sen müs­sen: Um ein unbe­kann­tes Ele­ment zu erfor­schen, kann es hilf­reich sein, die Dar­an­hef­ten­den und Drum­her­um­schwir­ren­den zu defi­nie­ren. Wenn sie zum stets in ihrer Nähe schlei­chen­den Pofalla blickt, nickt er meist sofort. Oder schüt­telt den Kopf. Was halt gera­de gewünscht wird. Sei­ne Grö­ße ist allein durch Unter­wer­fung bedingt.

Der Typus Pofalla wird nicht abge­sto­ßen von Mer­kel, anders als wider­stän­di­ge­re Cha­rak­te­re.

Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re, das ver­gisst man ger­ne, hat ja nur einen Roman und eine Hand­voll fik­tio­na­ler Tex­te ver­öf­fent­licht. Den Groß­teil sei­nes Werks machen jour­na­lis­ti­sche Arbei­ten aus, beson­ders Repor­ta­gen.

Und die kann der Mann, der kürz­lich vom Maga­zin „Cice­ro“ sehr schön por­trä­tiert wur­de, auch immer noch schrei­ben – man kriegt davon nur nichts mit, weil sie in Zei­tun­gen wie der „Welt am Sonn­tag“ ver­öf­fent­licht wer­den.

Dass es über Mer­kel, je län­ger sie regiert, immer weni­ger Wit­ze gibt, ist auch merk­wür­dig. Wenn Oppo­si­ti­on, Her­aus­for­de­rer und Kom­men­ta­to­ren ihr man­geln­de Greif­bar­keit vor­hal­ten und queck­silb­ri­ge Posi­tio­nen, klingt das hilf­los. Wenn aber den Wit­ze­ma­chern zu ihr nichts mehr ein­fällt, müs­sen wir das viel­leicht ernst neh­men.

Sei­ne Repor­ta­ge über eine Zug­fahrt mit Ange­la Mer­kel kann ich Ihnen nur wärms­tens emp­feh­len, nicht zuletzt wegen des sagen­haf­ten Nicht-Inter­views, aus dem man mehr über die Kanz­le­rin erfährt als aus vier Jah­ren Regie­rungs­ver­ant­wor­tung:

Wenn Sie aus dem Zug schau­en, was für ein Land sehen Sie?

Ich sehe ein ziem­lich intak­tes Land, im Ver­gleich zu ande­ren Län­dern, in denen man schon so war.

(Man! Län­der, in denen man schon so war! Das ers­te, was einem ein Psy­cho­the­ra­peut bei­bringt: Sagen Sie nicht „man“, sagen Sie „ich“. Das ers­te, was man als Pro­fi­po­li­ti­ker wahr­schein­lich lernt: öfter mal „man“ sagen, dann kann nichts groß pas­sie­ren.)

„Wie war die Wurst?“ von Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re bei welt.de.

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Digital Politik

Eine schrecklich nette Familie

Es ist eine erstaun­li­che Nach­richt, die „Spie­gel Online“ da fast bei­läu­fig zwi­schen den Zei­len raus­haut: Ange­la Mer­kel und José Manu­el Bar­ro­so sind ver­wandt.

Glau­ben Sie nicht?

Aber hal­lo:

Barrosos Wiederwahl: Senhor Mutlos ist am Ziel

Bundestagswahl-Blog: Countdown für Madame Mutlos

Mit Dank an Mut­lu.

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Nächste Woche: Koli-Quiz

Ich bin ja auch der Mei­nung, dass man mit der intel­lek­tu­el­len För­de­rung von Kin­dern gar nicht früh genug anfan­gen kann. Aber muss man die­se ver­ant­wor­tungs­vol­le Auf­ga­be denn aus­ge­rech­net Bak­te­ri­en über­las­sen?

Salmonellen in Dinslakener Kitas geben Rätsel auf

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Digital

Es ist doch immer das Gleiche

Twit­ter ist ja nicht gera­de als das Medi­um bekannt, das den Sie­ges­zug der Auf­klä­rung end­lich abschlie­ßen könn­te: 140 Zei­chen kann man auch eben schnell tip­pen, ohne dass man das Gehirn zwi­schen Gal­le und Fin­ger schal­ten müss­te. Twit­tern ist oft genug der Sieg des Affekts über die Reflek­ti­on, Haupt­sa­che man ist der Schnells­te — beson­ders bei der Eska­la­ti­on.

Ent­schul­di­gung, was? Das hab ich schon mal geschrie­ben?! Oh ja, Ver­zei­hung!

Anders gesagt:

Es kann doch nicht sein, dass wir immer wie­der die Infor­ma­tio­nen loben, die im Inter­net für jeden über­all und frei ver­füg­bar sind, und dann nicht mal drei Minu­ten dar­auf ver­wen­den, bei einer sol­chen Geschich­te auch die Gegen­sei­te abzu­che­cken. Statt­des­sen wird der Link blind­lings bei Twit­ter wei­ter­ver­brei­tet.

Wie bit­te? Das hab ich auch schon geschrie­ben?! Ver­dammt, Sie haben Recht!

Was ich sagen will, ist Fol­gen­des:

Die Leu­te, die den Medi­en vor­wer­fen, unkri­tisch zu sein und nur auf­zu­schrei­ben, was ihnen in den Kram passt, waren unkri­tisch und schrie­ben genau das auf, was ihnen in den Kram pass­te: „fail“ eben.

Hä? Ach so.

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Leben Gesellschaft

Glühwürmchen

Ich muss Sie gera­de noch mal in mei­ner Eigen­schaft als gelern­ter Varie­tä­ten­lin­gu­ist behel­li­gen. Kim­ber­ly Hop­pe, „LEU­TE-Kolum­nis­tin“ der Mün­che­ner Abend­zei­tung und berühmt für ihre ein­fühl­sa­men Twit­ter-Repor­ta­gen, ist da bei ihren inves­ti­ga­ti­ven Recher­chen im Prä-Okto­ber­fest­li­chen Mün­chen auf ein ganz ein neu­es Wort gesto­ßen:

Es ist das Wort des Jah­res: VORGLÜHEN.

Frü­her gab’s das Phä­no­men auch schon, aller­dings kein so lus­ti­ges Wort dazu. Ja, ich als Nicht-Katho­li­kin geste­he und tue Buße: Ich habe frü­her Augus­ti­ner-Fla­schen im Ruck­sack (’tür­lich East­pack) auf die Wiesn ins Schot­ten­ha­mel-Zelt geschmug­gelt und nach der ers­ten Maß heim­lich in den Krug nach­ge­schenkt. Schließ­lich war das Bier zu DM-Prei­sen schon viel zu teu­er und ich war jung und brauch­te das Geld für was ande­res. Gut. Nein: schlecht. Auf jeden Fall lan­ge her.

Nun ist Frau Hop­pe knapp drei Jah­re älter als ich, was mir ers­tens die Mög­lich­keit ein­räumt, doch noch was aus mei­nem Leben zu machen, ihre „lan­ge her“-Prosa zwei­tens ein biss­chen bemüht erschei­nen lässt, und drit­tens die Fra­ge auf­wirft, war­um sie erst jetzt, im Jahr 2009, auf die­ses beknack­te, mir nie son­der­lich krea­tiv erschei­nen­de, Wort gesto­ßen ist. Mir ist defi­ni­tiv eine Situa­ti­on von vor sie­ben Jah­ren erin­ner­lich, in der das Wort „Vor­glü­hen“ fiel, aber es kann sich auch schon bedeu­tend län­ger in mei­nem pas­si­ven Wort­schatz befin­den.

Man muss ja nicht gleich einen Kübel Bier Hohn über einer „LEU­TE-Kolum­nis­tin“ aus­lee­ren, die offen­bar die letz­ten Jah­re hin­ter dem Mond gelebt hat, aber rein inter­es­se­hal­ber (und weil mei­ne Eltern sich immer freu­en, wenn ich irgend­wo andeu­ten kann, dass sich ihre Inves­ti­ti­on in mein Stu­di­um gelohnt hat) wüss­te ich jetzt ger­ne von Ihnen:

War Ihnen die Voka­bel „Vor­glü­hen“ als vor-par­ty­li­che Druck­be­tan­kung mit alko­ho­li­schen Geträn­ken schon vor der Lek­tü­re von Frau Hop­pes Lebens­beich­te bekannt? Wenn ja: Wie lan­ge?

(Klar, dass das eige­ne Alter und die Regi­on, in der man auf­ge­wach­sen ist, auch hier wie­der erheb­lich zu einem stim­mi­gen Gesamt­bild bei­tra­gen wür­den.)

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Politik

Plakatastrophentourismus

Ich will das hier weder zu einem Fach­ma­ga­zin für Wahl­pla­ka­tie­rung wer­den las­sen, noch will ich irgend­wie para­no­id klin­gen, aber: Das haben die doch extra gemacht, oder?

Mein Weg vom Wohn­heim zur U‑Bahn ist voll­ge­pflas­tert mit Frank-Wal­ter Stein­mei­ers:

Frank-Walter Steinmeier Anpacken. Für unser Land.

Frank-Walter Steinmeier Anpacken. Für unser Land.

Unser Land kann mehr.

Mal davon ab, dass ich Frank-Wal­ter Stein­mei­er jetzt nicht unbe­dingt „anpa­cken“ muss, dürf­te das letz­te Motiv natür­lich eines der ehr­lichs­ten Wahl­pla­ka­te der letz­ten 60 Jah­re sein: Neben ein Foto von Stein­mei­er und unter das Logo der SPD „Unser Land kann mehr“ zu schrei­ben, das ist schon erstaun­lich offen.

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Politik

Wie war noch mal die Frage?

Im Ren­nen um das aus­sa­ge­frei­es­te Wahl­pla­kat ist Bun­des­tags­prä­si­dent Nor­bert Lam­mert mög­li­cher­wei­se unein­hol­bar in Füh­rung gegan­gen:

Lammert! CDU

Es kann natür­lich auch sein, dass der Regen die gan­zen pro­gram­ma­ti­schen Aus­sa­gen alle aus­ge­wa­schen hat.

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Rundfunk Politik Fernsehen

14 Millionen Schläfer

Ges­tern Abend hat­ten sie mich so weit, da war ich plötz­lich einer der vie­len Mil­lio­nen Deut­schen, die sich Gün­ther Jauch als Bun­des­kanz­ler wünsch­ten.

Zuge­ge­ben: Nach dem „TV-Duell“, des­sen VHS-Auf­zeich­nun­gen seit heu­te früh in Apo­the­ken als Mit­tel gegen Schlaf­lo­sig­keit zu haben sind (aller­dings nur auf Rezept!), hät­te ich auch Rein­hold Beck­mann noch als sprit­zig und sym­pa­thisch emp­fun­den. Aber das hat­te schon was, wie Jauch sich da in sei­ner ehe­ma­li­gen Bei­na­he-Sen­dung – die jetzt „Anne Will“ heißt – im Ses­sel fläz­te, gut­ge­launt das eben Durch­lit­te­ne in Wor­te fass­te, die auch an jedem Stamm­tisch hät­ten fal­len kön­nen, und dann als Zuga­be noch das aus­sprach, was ich zuvor auch gedacht hat­te: Schwarz-Rot macht jetzt noch zwei, drei Jah­re wei­ter, dann kommt der gro­ße Knall und das gro­ße Expe­ri­ment und dann ist Klaus Wowe­reit mit Hil­fe der Links­par­tei Kanz­ler.

Mit­ten in die­ser The­ra­pie­sit­zung der Selbst­hil­fe­grup­pe „Gro­ße Koali­ti­on“ hat­te sich eine Erin­ne­rung in mein Bewusst­sein geschli­chen, die da zum wirk­lich fal­schen Zeit­punkt kam: Ich muss­te ein Jahr zurück­den­ken, an den Wahl­kampf in den USA, an die Fern­seh­de­bat­ten, die cha­ris­ma­ti­schen Kan­di­da­ten auf bei­den Sei­ten, an die „Schick­sals­wahl“ und den zum Heils­brin­ger dekla­rier­ten Barack Oba­ma. Nach dem Beam­ten­mi­ka­do zur Prime­time hät­te auch Rudolf Schar­ping noch einen glaub­wür­di­gen Heils­brin­ger abge­ge­ben.

Anders als bei der Bun­des­tags­wahl vor sie­ben Jah­ren, wo „Stoi­ber ver­hin­dern“ noch eine Art von Sys­tem­kampf aus­ge­strahlt hat­te, geht es die­ses Jahr um nichts. Die Regie­rungs­ko­ali­ti­on ist uner­heb­lich, das Volk wird aus uner­find­li­chen Grün­den sowie­so der Mei­nung sein, dass Ange­la Mer­kel eine gute „Arbeit“ mache. Das Signal des gest­ri­gen „Duells“ (wer eine Aus­sa­ge trifft, hat ver­lo­ren) war ganz klar: Deutsch­land ist ein Land, das jeder füh­ren kann, der sich irgend­wann mal für die geho­be­ne Beam­ten­lauf­bahn qua­li­fi­ziert hat. Man muss kei­ne Ideen haben, für Deut­sche ist es völ­lig aus­rei­chend, wenn sie ver­wal­tet wer­den.

Zu scha­de, dass Gün­ther Jauch nicht antritt.

Alles Wich­ti­ge zum TV-Duell hat Peer im FAZ.net-Fernsehblog noch mal zusam­men­ge­fasst.

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Digital

Klickbefehl (23)

Like most peo­p­le, I was initi­al­ly con­fu­sed by EMI’s decis­i­on to release remas­te­red ver­si­ons of all 13 albums by the Liver­pool pop group Beat­les, a 1960s band so obscu­re that their music is not even available on iTu­nes. The enti­re pro­po­si­ti­on seems like a boon­dogg­le. I mean, who is inte­res­ted in old music? And who would want to lis­ten to any­thing so incon­ve­ni­ent­ly deli­ver­ed on mas­si­ve four-inch metal discs with sharp, dan­ge­rous edges?

Das Stil­mit­tel der Iro­nie ist ein gefähr­li­ches – vor allem, wenn man es über einen kom­plet­ten Text hin­weg durch­hal­ten will. Chuck Klos­ter­man hat es aber geschafft, eine Rezen­si­on der Beat­les-Remas­ters zu schrei­ben, die gleich­zei­tig sen­sa­tio­nell schwach­sin­nig und trotz­dem gut und prä­zi­se ist. Beim A.V. Club.

* * *

Das Pro­blem war, schon damals, dass ich nicht begrif­fen habe, was sie eigent­lich woll­te. Ich habe nicht ein­mal ver­stan­den, ob sie links oder rechts ist. Bei Hel­ga Zepp hat man ein­fach nicht durch­ge­blickt. Seit­dem kan­di­diert sie für den Bun­des­tag – jedes Mal! Die­se Frau ist ein Ste­her.

Harald Mar­ten­stein for­dert im „Tages­spie­gel“, Hel­ga Zepp-LaRou­che zur Regie­ren­den Bür­ger­meis­te­rin zu machen.

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Rundfunk Digital Fernsehen Gesellschaft

Ottos Mob kotzt

Es ist das beherr­schen­de The­ma der Medi­en­sei­ten deutsch­spra­chi­ger Online­ma­ga­zi­ne am heu­ti­gen Tag: der unglaub­lich unsym­pa­thi­sche Kan­di­dat Hans-Mar­tin, der bei „Schlag den Raab“ eine hal­be Mil­lio­nen Euro gewon­nen hat. Weni­ger gegönnt hat das deut­sche TV-Publi­kum einen Sieg zuletzt der ita­lie­ni­schen Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft am 4. Juli 2006.

Falls Sie die Sen­dung ver­passt haben soll­ten und sich fra­gen, war­um ein ein­zel­ner Spiel­show-Kan­di­dat stär­ke­re Emo­tio­nen aus­löst als ein gan­zer Bun­des­tags­wahl­kampf, beant­wor­tet Ste­fan Nig­ge­mei­er Ihnen die ers­te Fra­ge im FAZ.net-Fernsehblog. Zur Beant­wor­tung der zwei­ten Fra­ge hof­fe ich noch einen Psy­cho­lo­gen zu gewin­nen.

Noch wäh­rend die Sen­dung lief, wur­den Hans-Mar­tin-Hass­grup­pen bei Stu­diVZ gegrün­det und T‑Shirt-Moti­ve ange­fer­tigt, die sich über den Kan­di­da­ten lus­tig mach­ten (das habe ich alles nur gele­sen – unter ande­rem in einem inzwi­schen wie­der gelösch­ten Arti­kel bei Opi­nio, dem Leser-schrei­ben-für-Leser-Por­tal von „RP Online“ und bei community-management.de).

Die deutsch­spra­chi­ge Netz­com­mu­ni­ty … Nee, anders: Die deutsch­spra­chi­ge Netz­com­mu­ni­ty gibt es natür­lich nicht, da kommt man ja in Teu­fels Küche, wenn man die irgend­wie zusam­men­fas­sen wür­de. Es sind eben immer Hun­der­te von Indi­vi­du­en, die fast wort­gleich das glei­che in den Äther schie­ßen (bei Twit­ter gut zu erken­nen am „RT:“, das in Sachen Aus­sa­ge­kraft noch weit unter dem „Me too!!!!1“ der AOL-Use­net-Ära und unter dem „Like“-Button bei Face­book liegt).

Hun­der­te Indi­vi­du­en gaben sich also jeder für sich die größ­te Mühe, alle Kli­schees vom digi­ta­len Mob zu bestä­ti­gen: „Hassmar­tin“ tauf­ten sie den Kan­di­da­ten und straf­ten damit gleich auch noch all jene Lügen, die gedacht hat­ten, hirn­freie­re Namens­wit­ze als „Zen­sur­su­la“ könn­ten nun wirk­lich kei­nem Men­schen über 13 mehr ein­fal­len. Für ein „#pira­ten+“ war in den Tweets dann lei­der kein Platz mehr, das hät­te man doch schön kom­bi­nie­ren kön­nen.

Twit­ter ist ja eh nicht gera­de als das Medi­um bekannt, das den Sie­ges­zug der Auf­klä­rung end­lich abschlie­ßen könn­te: 140 Zei­chen kann man auch eben schnell tip­pen, ohne dass man das Gehirn zwi­schen Gal­le und Fin­ger schal­ten müss­te. Twit­tern ist oft genug der Sieg des Affekts über die Reflek­ti­on, Haupt­sa­che man ist der Schnells­te – beson­ders bei der Eska­la­ti­on. Heu­te ste­hen die Web‑2.0er fas­sungs­los vor den rau­chen­den Trüm­mern ihres eige­nen „Pogroms“ (natür­lich auch nicht alle) und wir­ken dabei ein biss­chen wie die Schü­ler am Ende von „Die Wel­le“, als ihnen gesagt wird, dass sie alle gute Nazis abge­ge­ben hät­ten.

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Musik

Listenpanik 08/​09

Bevor mor­gen (hof­fent­lich) der Paket­bo­te klin­gelt und ich die nächs­ten zwei Mona­te mit mei­nem Beat­les-Box-Set ver­brin­ge, schrei­be ich mal lie­ber noch schnell auf, was ich in den letz­ten Wochen so gehört habe. Die­ses Mal wird es noch etwas kon­fu­ser als sonst, weil z.B. das Imo­gen-Heap-Album in den USA zwar schon erschie­nen, aber noch nicht bei mir ange­kom­men ist. Dafür gibt es mal wie­der Nach­trä­ge, bei denen Sie sich sicher­lich fra­gen wer­den, auf wel­chem Pla­ne­ten ich eigent­lich die letz­ten Mona­te ver­bracht haben. Aber sowas wird es bestimmt bei der nächs­ten Lis­ten­pa­nik auch wie­der geben.

Doch genug der Theo­rie! Das blieb hän­gen vom Monat August:

Alben
La Roux – La Roux (Nach­trag)
Das hei­ßes­te neue Frau-singt-über-Elek­tro­beats-Din­gen seit „Annie­mal“ von Annie vor vier Jah­ren. Dar­an erin­nern La Roux auch ein biss­chen, sind aber ein gan­zes Stück düs­te­rer. Name­drop­ping-Spe­zia­lis­ten set­zen eh lie­ber auf Yazoo, Human League, Visa­ge und ähn­lich gela­ger­te Künst­ler der 1980er Jah­re. Wenn das von Musik- und Mode­pos­til­len seit Jah­ren pos­tu­lier­te Acht­zi­ger-Revi­val jetzt also nicht lang­sam mal ein­kickt (s.a. Empire Of The Sun, Lady Gaga, sowie die Tode von Micha­el Jack­son und John Hug­hes), dann soll­ten wir uns lang­sam damit abfin­den, dass es in die­sem Jahr­zehnt nicht mehr kom­men wird. Unab­hän­gig davon ist es natür­lich eines der über-cools­ten Alben für Din­ner­par­ty und Club seit lan­gem. Und in dem Moment, wo ich es mir auch gekauft habe, wahr­schein­lich schon wie­der so durch wie die „DJ Kicks!“ von Kru­der & Dorf­meis­ter. (Next stop: Neun­zi­ger-Revi­val.)

The Low Anthem – Oh My God, Char­lie Dar­win
Hier hät­ten wir dann das Folk-Hype­the­ma der lau­fen­den Sai­son, min­des­tens Fleet Foxes und Bon Iver in einem. (Und Gre­at Lake Swim­mers, Neu­tral Milk Hotel, Neil Young und Tom Waits.) Zwi­schen schwel­gen­den Bal­la­den („Char­lie Dar­win“, „To Ohio“) und schep­pern­den Schun­kel-Num­mern („The Hori­zon Is A Belt­way“, „Home I’ll Never Be“ von Jack Kerouac und Tom Waits) ist so ziem­lich alles dabei, was man mit dem Über­be­griff „Folk“ ver­bin­den wür­de. Der Herbst kann kom­men, denn mit die­ser Musik im Ohr kann man den Blät­tern sicher­lich ent­spannt beim Ver­fär­ben zuse­hen.

Jay Rea­tard – Watch Me Fall
„Kin­der“, frag­te der Opa, „wann genau ist Punk­rock so pop­pig gewor­den?“
„Ach“, ant­wor­te­ten die Kin­der, „das war doch eigent­lich immer schon so. Hör Dir mal die Ramo­nes an oder die Under­to­nes!“
„Stimmt auch wie­der“, sag­te der Opa und gab sich den sym­pa­thisch-schlich­ten Songs von Jay Rea­tard hin, die auch in irgend­ei­nem ande­ren der ver­gan­ge­nen 34 Jah­re hät­ten erschei­nen kön­nen.

Franz Nico­lay – Major Gene­ral
Wenn die Posi­ti­on „Lieb­lings­band“ im Leben eines Man­nes nicht ähn­lich früh fest­be­to­niert wür­de wie „bes­ter Freund“ und „Fuß­ball­ver­ein“ (sowie – aus chro­no­lo­gi­schen Grün­den – „ers­te Lie­be“), wären The Hold Ste­ady inzwi­schen mei­ne Lieb­lings­band. Klar, dass man da auch Neben­pro­jek­ten wie dem Solo­de­büt des Key­boar­ders sei­ne Auf­merk­sam­keit schen­ken muss. „Major Gene­ral“ schwankt musi­ka­lisch zwi­schen Extre­men wie Punk­rock und Folk, Chan­son und Power­pop, was nicht nur die Bewer­tung, son­dern auch das Durch­hö­ren des Albums etwas schwie­rig gestal­tet. Tech­nisch ist Nico­lay sicher­lich der bes­se­re Sän­ger als sein Chef Craig Finn, aber dem fal­len die bes­se­ren Tex­te ein. Wenn man die 15 Songs auf zehn zusam­men­ge­stri­chen hät­te, wäre „Major Gene­ral“ viel­leicht nicht nur ein Fall für Kom­plet­tis­ten, so ist es doch ein biss­chen spe­zi­ell. Scha­de, denn Songs wie „Jeff Penal­ty“ oder „I’m Done Sin­ging“ hät­ten ein grö­ße­res Publi­kum ver­dient – oder, so unter­schied­lich wie sie sind: gleich zwei Publi­ka.

Mew – No More Sto­ries
Wenn ich ein Album anstren­gend fin­de, gibt es gene­rell zwei Mög­lich­kei­ten: Ent­we­der es liegt an mir (fal­sche Stim­mung, gene­rel­le Vor­be­hal­te, schlich­te Igno­ranz) oder an den Künst­lern. Schwer zu sagen, wer dies­mal Schuld ist, denn „No More Sto­ries /​ Are Told Today /​ I’m Sor­ry /​ They Washed Away /​ No More Sto­ries /​ The World Is Grey /​ I’m Tired /​ Let’s Wash Away“ (so der voll­stän­di­ge Name des Albums) ist eigent­lich schon ein schmu­ckes Album, mit dem man auch Pink-Floyd-Fans noch aus dem Schau­kel­stuhl schüt­teln könn­te. Ich mach’s jetzt wie so oft und den­ke mir: „Das muss ich noch mal in Ruhe hören, wenn ich die Muße dazu habe“, und wer­de es dann ver­mut­lich wie­der ver­ges­sen. Und das wird mut­maß­lich gro­ßer Fre­vel sein, weil ich im rich­ti­gen Moment wahr­schein­lich erken­nen wür­de, dass die Dänen von Mew damit ganz gro­ße Kunst geschaf­fen haben. Im Moment kann ich das lei­der nur anneh­men.

Songs
La Roux – Bul­let­pro­of (Nach­trag)
Wenn ich behaup­te­te, ich wür­de mei­ne Eltern nur noch besu­chen, um GoTV gucken zu kön­nen, wäre das sehr unfreund­lich. Aber die­ser klei­ne, fei­ne, öster­rei­chi­sche Musik­vi­deo­sen­der macht ein­fach alles rich­tig. Aus­beu­te des letz­ten Besuchs: eine Hand­voll Tracks, die noch vor dem Fern­se­her sit­zend direkt bei iTu­nes gekauft wur­den. Allen vor­an die­se hier jugend­sprach­li­ches Adjek­tiv ein­set­zen Club-Hym­ne: Genau in dem Moment, wo der schlich­te und ergrei­fen­de Refrain fast ein biss­chen lang­wei­lig wer­den könn­te, kommt der Break­down mit Hil­fe eines Voco­ders („It’s 2009, mother­fu­cker!“, sagt der Break­down, auch wenn es wei­ter­hin wie „This time I’ll be bul­let­pro­of“ klingt) und jeder Mensch mit ein biss­chen Rest­hirn im Tanz­bein merkt: „Argh, geil, Track des Jah­res!“ Nur ich hab natür­lich wie­der vier Mona­te und öster­rei­chi­sches Fern­se­hen gebraucht, um davon was mit­zu­krie­gen.

Gos­sip – Hea­vy Cross (Nach­trag)
Tal­kin‘ bout Track des Jah­res: Da hät­ten wir natür­lich gleich die schärfs­te Kon­kur­renz. Dass der Song auch auf WDR2 läuft, zeigt nur, in was für einer Post-alles-Ära wir hier über­haupt leben. Jeden­falls: Auch eine Mör­der-Num­mer, die man auch als „fett“ bezeich­nen könn­te, wenn das nicht irgend­wie sehr unwit­zig wäre.

Jay Rea­tard – It Ain’t Gon­na Save Me
Ich habe ver­ges­sen, wer der­zeit den Rekord für die häu­figs­te Wie­der­ho­lung des Song­ti­tels hält (mut­maß­lich irgend­was mit „Yeah“ aus den 1960er Jah­ren), aber der Ope­ner von Jay Rea­tards zwei­tem regu­lä­rem Solo­al­bum (und dem mut­maß­lich 42., auf dem er irgend­wie zu hören ist) hät­te gute Chan­cen, die­sen Rekord zu bre­chen. Und dann die­ses Kin­der­ge­burts­tags-Video!

The Low Anthem – Char­lie Dar­win
Nach dem gan­zen Gezap­pel und Gepo­ge möch­ten Sie viel­leicht kurz etwas run­ter­kom­men. Schlie­ßen Sie die Augen, lau­schen Sie den Klän­gen und wenn Sie vor Ihrem geis­ti­gen Auge nicht den Rauch aus dem Schorn­stein eines ver­schnei­ten Häus­chens in den unend­li­chen nord­ame­ri­ka­ni­schen Wei­ten auf­stei­gen sehen, dann … äh: dann haben Sie offen­sicht­lich eine ande­re Phan­ta­sie als ich. Aber trotz­dem schön, nech?

[Lis­ten­pa­nik, die Serie]