Wohlfaile Empörung

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 20. August 2009 20:27
Kategorie: Digital Ist Besser, Social Distortion

Ich hab mir heute nach fast sechs Jahren in Bochum zum ersten Mal eine “WAZ” gekauft — für einen Artikel im BILDblog über das Koma-Saufen, zu dem die Junge Union hier in der Stadt angeblich einlädt.

Ich weiß nicht, was ich von einer Party halten soll, bei der man für 10 Euro Eintritt 25 Euro vertrinken kann, so dass die rot-grünen Shots, die “weg müssen”, im Endeffekt weniger als einen Euro kosten. Aber ich würde auch noch viel weniger ins Playa gehen, als ich CDU wählen würde.

Was ich weiß, ist, dass die ganze Aufregung um diese Party irgendwie typisch war: Beim “Westen” steht, die Gutscheine müssten in anderthalb Stunden vertrunken werden, und kurz darauf steht es so in vielen Blogs und mehr als 300 Leute twitterten, dass die Junge Union …

Auch ich hatte den Link zum “Westen” für eine Minute in meinen delicious-Links, ehe mir bei den dortigen Trackbacks der Link zu Waynes Blog auffiel, in dem dieser der “WAZ” schlechten Journalismus vorwarf.

Ob die Junge Union möglicherweise erst nach Erscheinen des Artikels beim “Westen” auf ihrer Website klargestellt hat, “dass der Gutschein zwar bis 23:30 an der Kasse erworben werden muss aber die ganze Nacht genutzt werden darf”, ist eigentlich unerheblich — die Blogger, die sich auf die Story stürzten, hätten wenigstens den Versuch unternehmen müssen, bei der Jungen Union nach Informationen zu suchen. (Ich natürlich auch, bevor ich den Link gespeichert habe. Ganz besonders, wenn die Quelle “WAZ Bochum” heißt.)

Es kann doch nicht sein, dass wir immer wieder die Informationen loben, die im Internet für jeden überall und frei verfügbar sind, und dann nicht mal drei Minuten darauf verwenden, bei einer solchen Geschichte auch die Gegenseite abzuchecken. Stattdessen wird der Link blindlings bei Twitter weiterverbreitet — natürlich nicht, ohne ihn vorher nicht noch mit “#fail”, “#cdu-” und “#piraten+” (aus Prinzip!) versehen zu haben.

Natürlich traue auch ich den Parteien (und zwar allen) im Wahlkampf so ziemlich alles zu. Aber es spricht trotzdem nicht für die Medienkompetenz von Internet-Powerusern, wenn sie blind auf eine Geschichte anspringen, die ihnen zufälligerweise ins Weltbild passt. Im Gegenteil: In solchen Momenten sind wir keinen Deut aufgeklärter als der alte Mann, der seit 60 Jahren immer die gleiche Partei wählt.

Nachtrag, 22:50 Uhr: Wie hatte ich nur “BO-Alternativ”, das lokale “Indymedia”-Pendant vergessen können? Dort sorgte die Junge Union schon gestern Nachmittag “mal wieder für einen Skandal”.

Andererseits hatte man sich dort die Mühe gemacht, bei der CDU-Jugendorganisation selbst nachzufragen:

Der Pressesprecher der JU Torsten Bade hält das alles für ein Missverständnis: Die Gäste könnten länger trinken und für jugendliche Disko-BesucherInnen sei das ein ganz normales Angebot. Er räumte aber auch ein, dass es schon mehrere Anrufe wegen der Geschichte gegeben habe und einige Plakate auch wieder abgehängt worden seien.

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16 Kommentare

  1. 1

    Du sprichst ein Problem an, was es wirklich gibt. Ich war auch verwundert, als ich dann bei Carsten Dobschat wichtige Details dazu las. Inzwischen ist das ganze ja einigermaßen geklärt worden (und via twitter erfährt man noch so einiges dazu).

    Was mich bei der ganzen Angelegenheit am meisten wunderte (oder auch nicht…) war der Punkt, dass die WAZ Bochum von “irgendwelchen Internet-Aufrufen” (sinngemäß) sprach, wo es auch entsprechende Plakate mitten in der Innenstadt (gefühlte 150 m von der WAZ-Redaktion entfernt…) gab.

  2. 2

    Ach ja PS: Du hättest Dir die WAZ nicht kaufen müssen, ich hätte sie Dir auch leihen können. :)

  3. 3

    Erst bloggen, dann fragen, das scheint mir aber die Einstellung in sehr vielen Blogs zu sein.

    Das wird i.d.R. mit einem “dann poste ich halt ein Update” (dass dann vermutlich von den meisten gar nicht mehr gelesen wird) und einem “die Leser weisen mich und die anderen dann schon in den Kommentaren auf Fehler hin” (dito) als voll in Ordnung hingestellt.

    Hauptsache schneller als die anderen damit dann verlinkt wird.

  4. 4

    Entschuldigung, es tut mir sehr leid, dass ich einen Beitrag von einem Blog auf mein Twitteraccount gesetzt habe, ohne die Quellen des Blogbeitrages zu prüfen :-(

  5. 5

    @Armin: Wobei in dem Fall natürlich auch noch dazu kommt, dass die “WAZ” schon nach der Maxime “erst schreiben, dann fragen” gehandelt zu haben scheint.

    @Manuel: Da muss sich jetzt keiner entschuldigen. Wenn sich einer angesprochen fühlt, ist das schon mal ein guter Anfang.

    @Jens: Bei den Bochumer Coffee-And-TV-Autoren stehen demnächst einige Umzüge an. Ich denke, wir werden die “WAZ” schon wieder los.

  6. 6

    [...] Komasaufen: Wohlfaile Empörung…Coffee & TV [...]

  7. 7

    Schön, dass Du nachgelesen hast. Allerdings provoziert diese Aussage der JU wohl eher weitere Nachfragen:

    “dass der Gutschein zwar bis 23:30 an der Kasse erworben werden muss aber die ganze Nacht genutzt werden darf”

    Wenn das keine schlechte Ausrede für einen zuvor produzierten Fauxpas ist, dann frage ich mich, was es für einen Sinn macht, diese Gutscheine nur bis 23:30 Uhr zu verkaufen, wenn sie doch eh die ganze Nacht genutzt werden sollen.

    Mich wundert die ganze Sache aber nicht. Bin schließlich auf dem Dorf aufgewachsen. Und da waren solche Sachen bei den JU’lern bzw. Jungschützen wohl eher normal.
    Die Parties hießen da nur “10 Mark – frei Saufen” und hatten keinen schwachsinnigen, herbeigeholten und aufgesetzten “politischen Wahlkampfhintergrund”. Besoffen waren die Herren aber hinterher trotzdem alle.
    Ob Playa oder Schützenhalle, hauptsache, die Kundenbindung klappt, der Rest ist doch egal.
    Grüße,
    Elmar

  8. 8

    Welchen Sinn es macht, diese Gutscheine nur bis 23:30 Uhr zu verkaufen, müsste man die Leute im Playa fragen — die machen das offensichtlich immer so, mutmaßlich seit Jahren. Ich vermute einfach, dass man die Disco damit möglichst früh möglichst voll kriegen will.

    Die Idee an sich finde ich nach wie vor grenzwertig (die Kombination Alkohol und Politik ist eine höllische, das sieht man an jeder Familienfeier), aber kritisieren sollte man sie dann aufgrund korrekter Fakten.

  9. 9

    Ich habe schon drüben bei Jens entsprechend kommentiert. Mag ja sein, dass die JU es anders gemeint hat. Doch selbst wenn das stimmt, sind das doch semantischen Spitzfindigkeiten.
    Branntweinhaltige Getränke auf einer Party mehr oder weniger zu verschenken, die sich explizit an unter 18 Jährige richtet, ist an sich schon skandalös genug. Dass die JU dies im Wahlkampf macht, muss auf allerschärfsten Protest von Öffentlichkeit und CDU stoßen. Alles andere ist Verharmlosung exzessiven Alkoholkonsums.

  10. 10

    Besonders schön finde ich, dass das preiswerte Besäufnis laut JU dazu dient, die jungen Leute “dort abzuholen, wo sie stehen”. (Oder solang sie noch stehen?)
    Nur – warum am 22. August? Sollte man das nicht besser am 27. September machen, mit anschließender Mitfahrgelegenheit zum Wahllokal?

  11. 11

    Nur – warum am 22. August?

    Weil eine Woche später die Kommunalwahl ist.

    Deswegen ja auch “Rot-grün muss weg”.

  12. 12

    Achja … Nur mal nicht so rumweinen, JU.

    1) muss man das jetzt nicht glauben, vielleicht ist es auch Zurückgerudere im Wahlkampf. Dass die JU Saufpartys als Pfeiler ihrer Arbeit sieht, ist doch ein offenes Geheimnis.

    2) Ich erinnere an die große Empörung von rechtskonservativer Seite, als Mitglieder der Grünen Jugend Späße mit einer Deutschlandfahne machten. Ne, jetzt ist halt die JU mal in die Medien/Blogfalle gefallen. Hach, wie traurig.

    So ist die Welt.

  13. 13

    @julia seeliger: Muss man bei einem Parteieintritt eigentlich unterschreiben, dem politischen Gegner bei jeder sich bietenden Gelegenheit ein “Heul doch” mitzugeben?

    So ist die Welt.

    Und ich hatte immer angenommen, die Grünen wollten die Welt verbessern. Ich würd’ da ja beim Umgang mit Anderen anfangen.

  14. 14

    Lukas

    Ne. Das ist meine Art.

    Aber schön, dass mir auch weiterhin Parteisoldatentum unterstellt wird, wenn ich meine Meinung – die sich aus meinem Wissen und meinen Erfahrungen ergibt – kund tue.

  15. 15

    Der Eindruck hatte sich aufgedrängt.

  16. 16

    [...] Coffee And TV: Wohlfaile Empörung [...]

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