Ottos Mob kotzt

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 13. September 2009 20:00

Es ist das beherrschende Thema der Medienseiten deutschsprachiger Onlinemagazine am heutigen Tag: der unglaublich unsympathische Kandidat Hans-Martin, der bei “Schlag den Raab” eine halbe Millionen Euro gewonnen hat. Weniger gegönnt hat das deutsche TV-Publikum einen Sieg zuletzt der italienischen Fußballnationalmannschaft am 4. Juli 2006.

Falls Sie die Sendung verpasst haben sollten und sich fragen, warum ein einzelner Spielshow-Kandidat stärkere Emotionen auslöst als ein ganzer Bundestagswahlkampf, beantwortet Stefan Niggemeier Ihnen die erste Frage im FAZ.net-Fernsehblog. Zur Beantwortung der zweiten Frage hoffe ich noch einen Psychologen zu gewinnen.

Noch während die Sendung lief, wurden Hans-Martin-Hassgruppen bei StudiVZ gegründet und T-Shirt-Motive angefertigt, die sich über den Kandidaten lustig machten (das habe ich alles nur gelesen — unter anderem in einem inzwischen wieder gelöschten Artikel bei Opinio, dem Leser-schreiben-für-Leser-Portal von “RP Online” und bei community-management.de).

Die deutschsprachige Netzcommunity … Nee, anders: Die deutschsprachige Netzcommunity gibt es natürlich nicht, da kommt man ja in Teufels Küche, wenn man die irgendwie zusammenfassen würde. Es sind eben immer Hunderte von Individuen, die fast wortgleich das gleiche in den Äther schießen (bei Twitter gut zu erkennen am “RT:”, das in Sachen Aussagekraft noch weit unter dem “Me too!!!!1″ der AOL-Usenet-Ära und unter dem “Like”-Button bei Facebook liegt).

Hunderte Individuen gaben sich also jeder für sich die größte Mühe, alle Klischees vom digitalen Mob zu bestätigen: “Hassmartin” tauften sie den Kandidaten und straften damit gleich auch noch all jene Lügen, die gedacht hatten, hirnfreiere Namenswitze als “Zensursula” könnten nun wirklich keinem Menschen über 13 mehr einfallen. Für ein “#piraten+” war in den Tweets dann leider kein Platz mehr, das hätte man doch schön kombinieren können.

Twitter ist ja eh nicht gerade als das Medium bekannt, das den Siegeszug der Aufklärung endlich abschließen könnte: 140 Zeichen kann man auch eben schnell tippen, ohne dass man das Gehirn zwischen Galle und Finger schalten müsste. Twittern ist oft genug der Sieg des Affekts über die Reflektion, Hauptsache man ist der Schnellste — besonders bei der Eskalation. Heute stehen die Web-2.0er fassungslos vor den rauchenden Trümmern ihres eigenen “Pogroms” (natürlich auch nicht alle) und wirken dabei ein bisschen wie die Schüler am Ende von “Die Welle”, als ihnen gesagt wird, dass sie alle gute Nazis abgegeben hätten.

23 Kommentare

  1. nerdbert
    13. September 2009, 21:08

    Ohne jetzt den Psychologen spielen zu wollen: In der FAZ gab es vor einigen Jahren einen Artikel darüber, weshalb man in Deutschland bei Sportlern eher den Ulrich-Typ favorisiert, als verbissene Perfektionisten wie Armstrong. Ich sehe da Parallelen, auch wenn Schlag den Raab nicht gerade unter die Kategorie Leistungssport fällt.

    Warum Stefan Raab genau die Dinge darf, die man dem Gewinner übel nimmt ist einfach erklärt: Raab ist 43 und tritt gegen (sportliche) Menschen unter 30 an. Wenn er gewinnt hat er davon gar nichts. Trotzdem gibt er alles und siegt meistens auch noch. Das kompensiert so ziemlich für alle Sprüche, die er sich in so einer Sendung leistet.

  2. finzent
    13. September 2009, 22:09

    “Falls Sie die Sendung verpasst haben sollten und sich fragen, warum ein einzelner Spielshow-Kandidat stärkere Emotionen auslöst als ein ganzer Bundestagswahlkampf, beantwortet Stefan Niggemeier Ihnen die erste Frage im FAZ.net-Fernsehblog. Zur Beantwortung der zweiten Frage hoffe ich noch einen Psychologen zu gewinnen.”

    Ist das nicht nur eine Frage?

  3. Mathias
    13. September 2009, 22:13

    Ohne den FAZ-Artikel von vor einigen Jahren zu kennen: auch verbissene Perfektionisten werden in Deutschland hoch angesehen. Was sonst soll denn Michael Schumacher gewesen sein?

    Gruß
    Mathias

  4. Patrik
    13. September 2009, 22:13

    Ich hab die zweite Frage auch gesucht und nicht gefunden. Du sparst dir den Psychologen also? ;-)

  5. nerdbert
    13. September 2009, 22:15

    @Mathias: Gutes Gegenbeispiel. Andererseits gibt es bei Schumacher keinen wirklichen Gegenspieler.

  6. Iwemti
    13. September 2009, 23:30

    Was soll dieser saublöde Kommentar bitte?
    “Für ein “#piraten+” war in den Tweets dann leider kein Platz mehr”

  7. Julius
    14. September 2009, 1:32

    Aha, da sind bei SdR wohl alle Emotionen wieder mal in eine Richtung geflogen. Wie gesagt: Aha, ich war nicht da und hatte ausnahmsweise besseres zu tun als Glotzophon.
    “Die Masse” in bewegung an sich kenn man sich aber vorstellen, kein Problem. Wenns um dumpfe Unmutsbekundungen geht, hat man schnell einen Mob, bei Dingen, die differenzierte Meinungen fordern driftet es aueinander. Altes Problem.

  8. Muriel
    14. September 2009, 1:39

    @Iwemti: Ich fand den sehr lustig. Ist wahrscheinlich auch eine individuelle Sache.
    Mir hat der Niggemeier-Artikel, so gut er war, übrigens nicht verständlich gemacht, was da passiert ist. Ich bin gerade glücklich in meinem diesjährigen Urlaub weit weg, bekomme hier nichts mit, was nicht im Feedreader steht und lese fassungslos, dass ein unsympathischer Gameshow-Kandidat offenbar eine Art mediales Erdbeben ausgelöst hat. Wie jetzt? War das der erste? Ich habe lange keine Gameshow mehr gesehen, aber ich erinnere mich an reichlich unsympathische Leute im Fernsehen.
    Ansonsten darf ich mich Finzent und Patrik anschließen und um Aufklärung bitten, wo sich die zweite Frage versteckt. Das Desinteresse am Wahlkampf, vielleicht?

  9. René
    14. September 2009, 1:51

    “und wirken dabei ein bisschen wie die Schüler am Ende von “Die Welle”, als ihnen gesagt wird, dass sie alle gute Nazis abgegeben hätten.”

    Danke.

  10. Pot(t)pourri (105) » Pottblog
    14. September 2009, 7:56

    [...] dahingehend ein Massen-Mobbing – die hässliche Fratze von Social Media erblicken. Mit Ottos Mob kotzt hat Lukas von Coffee & TV einen schönen Beitrag zum Thema geschrieben, wo ich sogar an [...]

  11. freiwild
    14. September 2009, 9:18

    Die zweite Frage habe ich auch vermisst, dafür hätte ich auch eher einen Soziologen als einen Psychologen zur Beantwortung Deiner einzwei Frage(n) herangezogen; und den Naziabsatz am Ende hättest Du, wäre er von anderen geschrieben worden, zu anderen Zeiten wohl selbst unter “Nazi selber” verwurstet.

    Schade Lukas.

  12. Chrischii
    14. September 2009, 10:12

    Ehrlich gespannt bin ich heute über den Auftritt bei TV-Total. Stefan wird sich über die Quoten freuen, mal schauen, obs dann über Twitter wieder so “abgeht”.

  13. Lukas
    14. September 2009, 10:30

    Ja, ja, Ihr habt ja alle Recht: Irgendwie steht da nur eine Frage. Das passiert, wenn einem die eigenen Gedanken (1. “Was ist passiert?”, 2. “Warum erzeugt ein Gameshow-Kandidat mehr Emotionen als der Wahlkampf?”) enteilen.

    @freiwild: Vielleicht lesen Sie meinen letzten Satz einfach noch mal und achten diesmal darauf, worauf sich das Vergleichspartikel “wie” bezieht.

  14. Bernhard
    14. September 2009, 15:48

    Ich habe eine ganz andere Frage:
    Wer ist eigentlich Otto?

  15. freiwild
    14. September 2009, 15:53

    @Lukas: Das ändert aber nichts daran, dass der Vergleich, eine Meta-Ebene weiter oben, von Dir kam ;-)

    @Bernhard: http://www.mjucker.ch/ottosmops.html
    Ernst Jandl sollte eigentlich Pflichtlektüre in alles Deutsch-Grundschulklassen sein.

  16. Latze
    14. September 2009, 21:58

    @Mathias:

    Schlechtes Gegenbeispiel: Schumi ist sicher ein teils verbissener Perfektionist, aber nie beleidigend-arrogant gegenüber seinen Gegnern.

  17. Mathias
    14. September 2009, 22:40

    @Latze: mein Kommentar galt nur dem ersten Kommentar von nerdbert. Schumi war für mich nur das Beispiel des in Deutschland beliebten verbissenen Perfektionisten, was bestimmt auch daran liegt, dass er eben nicht beleidigend-arrogant seinen Gegnern gegenüber war (hmm, Lance Armstrong doch auch nicht, oder?).
    Den Kandidaten von Schlag den Raab hatte ich nicht im Sinn…was den anbelangt, da kann sich Herr Niggemeier besser und differenzierter ausdrücken als ich. Ich würde ein Sprichwort heranziehen:
    “Wie es in den Wald ruft, so schallt es heraus!” – wer sich so verhält, der darf sich nicht wundern, am Ende der Sendung ausgebuht zu werden!

  18. nerdbert
    15. September 2009, 9:12

    Heute morgen lief übrigens ein Interview mit ihm auf Sat1, in dem er erklärt hat, daß ihm diese Welle der Abneigung anfangs schon mitgenommen hat, daß er aber glaubt (oder hofft), daß er bald aus den Medien raus ist.

    Das wirkte schon wieder ganz sympathisch. Kann gut sein, daß er sich nur so seltsam verhält, wenn er gerade um eine halbe Million spielt ;)

  19. Hirnschrittmacher » Wahrheit des Tages
    15. September 2009, 9:41

    [...] geht um die schöne neue Welt, um Web 2.o und das, womit wir so unsere Zeit zubringen. Gestern gefunden bei Coffee and TV und geschrieben von Lukas, den man auch in der Wahlarena mit Steinmeier bewundern konnte: Twittern [...]

  20. Worte zum Wochenende « Real Virtuality
    18. September 2009, 15:03

    [...] Heinser , Coffee and TV // Ottos Mob kotzt Leute, kommt schon, macht’s dem Präsidenten nicht so schwer. Ich habe genug am [...]

  21. Coffee And TV: » Es ist doch immer das Gleiche
    18. September 2009, 15:17

    [...] was? Das hab ich schon mal geschrieben?! Oh ja, [...]

  22. Glatti
    24. September 2009, 3:01

    OMFG! Der Begriff “Zensursula” ist wirklich sooo schalimmm!

    Sehr “schön” finde ich sich darüber aufzuregen. M.E. ist das nichts, was sich ein Pubertierender hätte einfallen lassen. Zumal es nach meiner Meinung nur den Politikstil von Frau von der Leyen treffend charakterisiert. Und was ist eigentlich “schlimmer”: Das hier genannte Wort oder der Politikstil von UvdL?!

    Natürlich habe ich in diesem Blog diverse Statements von Herrn Heinser gelesen, dass das ja alles nicht so toll wäre und so. Aber mich beschleicht immer wieder das Gefühl, dass UvdL hier großzügiger dargestellt wird als Andersdenkende.

    Ich jedenfalls finde die Bezeichnung “Zensursula” treffend und gerechtfertigt. Unabhängig davon, selbst wenn man kein Freund solcher Wortschöpfungen ist, bleibt die Politik von “Zensursula” m.E. immer noch das höher zu bewertende Kriterium. Insofern möge Herr Heinser bitte eine treffendere Wortschöpfung vortragen. Was ist schließlich eine (im wahrsten Sinne des Wortes!) “Zensursula” gegen mit falschen Behauptungen real eingeführte Internetzensur?!

  23. Lukas
    24. September 2009, 10:14

    Insofern möge Herr Heinser bitte eine treffendere Wortschöpfung vortragen.

    Hö?

    Seit wann ist es denn meine Aufgabe, Menschen, die ja nun wirklich genug Namen und Berufsbezeichnungen haben, mit “lustigen” Neuen zu versehen?

    Eine ernsthafte Diskussion setzt meines Erachtens voraus, dass man sein Gegenüber ernst nimmt und nicht erst mal mit einem Spitznamen lächerlich zu machen versucht.

    Und was ist eigentlich “schlimmer”: Das hier genannte Wort oder der Politikstil von UvdL?!

    Ich war nie ein Freund des Wettrüstens und der Schwarz-Weiß-Malerei. Beides doof.

Diesen Beitrag kommentieren: