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It’s My Lifestyle

Als Blog­ger erhält man erfah­rungs­ge­mäß viel unauf­ge­for­der­te Post. Manch­mal tat­säch­lich per Post, meis­tens per E‑Mail.

Häu­fig wer­den wir hier von Fir­men ange­schrie­ben, die irgend­was mit Kaf­fee machen oder ver­kau­fen wol­len – passt ja zum Namen. Beim BILD­blog sind wir inzwi­schen im Ver­tei­ler von min­des­tens drei Prom­o­agen­tu­ren aus dem Musik­be­reich, was ange­sichts der inhalt­li­chen Aus­rich­tung dort auch eher gewagt ist.

Ges­tern nun bekam ich wie­der eine sol­che Spam-Mail an die Cof­fee-And-TV-Adres­se:

Hal­lo Lukas,

bei mei­ner Suche nach tol­len Blogs bin ich auf Dei­nen Blog „Cof­fee and TV“ auf­merk­sam gewor­den und mir gefal­len Dei­ne Life­style & TV Bil­der sehr.

Das fand ich allei­ne schon steil genug – immer­hin sind wir hier gra­phisch unge­fähr so abwechs­lungs­reich wie die Titel­sei­te der „FAZ“ vor ihrem Relaunch.

Aber die E‑Mail war so ähn­lich auch an mei­ne BILD­blog-Adres­se gegan­gen:

Hal­lo Lukas,

bei mei­ner Suche nach tol­len Blogs bin ich auf Dei­nen Blog „Bild­blog“ auf­merk­sam gewor­den und mir gefal­len Dei­ne News & Life­style Bil­der sehr.

Zur Erin­ne­rung: Hier eines unse­rer aktu­el­len „News & Life­style Bil­der“:

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Jeden Tag ein bisschen besser

Im ver­gan­ge­nen Jahr habe ich für BILD­blog über Mona­te die Nen­nung des Pro­dukt­na­mens Ape­rol in deutsch­spra­chi­gen Medi­en doku­men­tiert. Unge­fähr ab Sep­tem­ber wur­de ich nachts wach, weil ich dach­te, jemand hät­te „Ape­rol“ gesagt. Die Ant­wor­ten der Kol­le­gen auf mei­ne Bit­te, sie mögen mir doch sagen, wenn sie das Gefühl hät­ten, ich wür­de mich da in etwas ver­ren­nen, wur­den immer aus­wei­chen­der. Am 24. Dezem­ber erschien dann end­lich der Arti­kel und ich konn­te den Goog­le Alert auf „Ape­rol“ end­lich abstel­len.

Doch das viel­leicht bizarrs­te Pro­duct Pla­ce­ment der Jour­na­lis­mus­ge­schich­te habe ich erst jetzt ent­deckt. Der Frank­fur­ter „Bild“-Gerichtsreporter Kol­ja Gärt­ner hat es im ver­gan­ge­nen Okto­ber in sei­nem Arti­kel „150-Kilo-Metz­ger-Sohn erstickt Nach­barn“ unter­ge­bracht:

Ver­tei­di­ge­rin Danie­la Pal­mer: „Der Getö­te­te stand vor mei­nem Man­dan­ten, schrie und fuch­tel­te mit den Armen. Mein Man­dant ver­pass­te ihm einen Faust­schlag, zog ihm eine Rewe-Plas­tik­tü­te über den Kopf. Er woll­te ihn nicht töten, son­dern ihm eine Lek­ti­on ertei­len. (…)“

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Musik

Das gefühlvolle Lied

In den letz­ten Tagen sind zwei Din­ge pas­siert: Ich habe den viel dis­ku­tier­ten Arti­kel „Die Schmer­zens­män­ner“ aus der „Zeit“ gele­sen, in dem die Autorin Nina Pau­er die Ver­weich­li­chung der (also offen­sicht­lich: aller) Män­ner beklagt, und ich habe zum ers­ten Mal Max Pro­sa gehört, den gera­de auf­ge­hen­den Stern am deutsch­spra­chi­gen Sin­ger/­Song­wri­ter-Him­mel, der von „Flü­geln aus Beton“ singt.

Dann guck­te mich mei­ne Gitar­re an und sag­te: „Typ, dat kann­ze auch!“, und ich sag­te: „Die Wet­te gilt!“ Zwan­zig Minu­ten spä­ter …

Nun ja: Ladies and Gen­tle­men, I pre­sent you the gefühl­vol­le Lied to end all gefühl­vol­le Lie­der.

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Rundfunk

Not Following

Seit Tagen wur­de ich von Freun­den dar­auf hin­ge­wie­sen, dass am gest­ri­gen Sams­tag auf arte die end­gül­ti­ge Demas­kie­rung von Lena Mey­er-Land­rut zu bestau­nen sei. Die sei näm­lich doof, zickig und wahn­sin­nig anstren­gend, so war es vor­ab in den Medi­en zu lesen.

Die „Spex“ ver­kün­de­te:

Dabei knüpft Lena an die frag­wür­di­gen Dau­er­inter­views rund um ihre geschei­ter­ten Titel­ver­tei­di­gung in die­sem Jahr an, als das Bild vom ganz natür­li­chen Lieb­ling der Nati­on ers­te Ris­se bekam.

Und die „Visi­ons“ nutz­te die Gele­gen­heit, auf dem doo­fen, doo­fen Main­stream-Publi­kum rum­zu­ha­cken:

Bleibt nur zu hof­fen, dass die Epi­so­de von „Durch die Nacht mit“ das Bild von Lena als süßes, keckes Mäd­chen in den Köp­fen der tum­ben Mas­se rela­ti­viert.

Bei­des sind kei­ne Medi­en, in denen Lena sonst groß statt­fin­det, und viel­leicht hat­ten bei­de das Bedürf­nis, den ande­ren Teil­neh­mer von „Durch die Nacht mit“ beschüt­zen zu müs­sen: den Indie-Lieb­ling Cas­per, mit des­sen Musik ich nach wie vor nicht viel anfan­gen kann, den ich in Inter­views aber oft sehr sym­pa­thisch fin­de.

Ich hat­te es vor­her schon geahnt und tat­säch­lich bestä­tig­te die fer­ti­ge Sen­dung, dass alles so schlimm nicht wer­den wür­de. Im Gegen­teil: Es war eine hoch­ver­gnüg­li­che Tour durch Ber­lin, die (im Gegen­satz zu ande­ren im Vor­feld hoch­ge­jazz­ten Sen­dun­gen) durch­aus das Zeug zum Klas­si­ker hat – nur halt ganz anders als gedacht.

Der Start ist tat­säch­lich kein guter: Lena kommt in Cas­pers Woh­nung, bei­de ste­hen ein biss­chen kramp­fig rum und Lena sagt: „Ja, schön. Schön ein­ge­rich­tet, schön dre­ckig auch!“ Damit bricht sie erst mal so ziem­lich alle zwi­schen­mensch­li­chen Kon­ven­tio­nen, die so in den ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten zum The­ma Höf­lich­keit ent­wi­ckelt wur­den. Viel­leicht wür­de man den Pri­vat­be­such, der einem so etwas sagt, auf der Stel­le acht­kan­tig wie­der raus­schmei­ßen – aber zu Beginn einer Fern­seh­sen­dung ist das doch ein span­nen­der Auf­takt, der das Gegen­über aus der Reser­ve holen könn­te. Könn­te, denn hier klappt es nicht.

Nach dem miss­glück­ten Auf­takt sieht es erst mal nicht gut aus: Lena und Cas­per haben nicht den glei­chen Geschmack bei Tat­too­mo­ti­ven (kön­nen sich aber dar­auf eini­gen, dass Leu­te, die dem Tät­to­wie­rer ihre Lebens­ge­schich­te erzäh­len, bestimmt super-anstren­gend sind), bei Musik, bei der Abend­pla­nung. Cas­per sitzt erst mal ziem­lich ner­vös neben ihr, was aber auch sehr sym­pa­thisch wirkt. Lenas „Du malst jetzt echt ’ne Kat­ze und so’n Kack, ne?“ liest sich tran­skri­biert nach gro­ßer Bos­haf­tig­keit, kommt im O‑Ton in der Situa­ti­on dann aber doch deut­lich kum­pe­lig-flap­si­ger rüber.

Tat­säch­lich gibt es zahl­rei­che har­mo­ni­sche Momen­te, zum Bei­spiel die Sze­ne, in der bei­de erzäh­len, dass sie nicht in einem Raum blei­ben könn­ten, in dem ihre eige­ne Musik läuft, und Lena dann kurz zu Höchst­leis­tun­gen auf­läuft:

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Das hier ist dann wie­der nicht so gut:

Gran­di­os aber auch die Sze­ne, wo die bei­den in einem futu­ris­ti­schen Wohn­raum­kon­zept vol­ler rie­si­ger auf­ge­bla­se­ner Plas­tik­ku­geln sit­zen und Cas­per anfängt: „Wenn man sich das jetzt als Woh­nung der Zukunft vor­stellt …“, bevor Lena das gan­ze intel­lek­tu­el­le Künst­ler-Kon­zept mit einem „… isses schei­ße!“ kurz und knapp hin­rich­tet. So jeman­den wie Lena braucht man in den Gale­rien, Kon­zert­sä­len und bei Poet­ry Slams, die von Leu­ten besucht wer­den, die mal gehört haben, dass sie dort Kunst erwar­te.

Wirk­lich men­scheln kann’s dann zum Bei­spiel in dem Moment, wo Lena „pin­keln“ ist und Cas­per sich nett und unge­zwun­gen mit zwei Muse­ums­be­diens­te­ten unter­hal­ten kann: „Wir hal­ten doch die Men­schen von ihrem Fei­er­abend ab!“ Lena wird ihm anschlie­ßend auf ver­stö­rend abge­klär­te Art erklä­ren, die bei­den Mäd­chen sei­en total ver­liebt in ihn gewe­sen, was Cas­per über­rascht zurück­weist und ich weiß, das hört sich jetzt nicht spek­ta­ku­lär an, aber ich saß davor und rief ent­zückt „ist das toll!“ in den sonst men­schen­lee­ren Raum.

Irgend­wann haben die bei­den dann eine Ebe­ne gefun­den, auf der sie sich durch­aus humor­voll gegen­sei­tig ange­hen kön­nen: „Ich würd‘ Dir noch ’n Als­ter aus­tun, wenn Du magst!“ – „Aus­tun?!“, „Ist das Dei­ne ech­te Schrift?!“, „Na, das ist ja jetzt schei­ße!“ – „Wie­so ist das schei­ße? Du bist schei­ße!“ – „Du bist schei­ße!“. Man muss das natür­lich sehen und hören, denn in Schrift­form taugt es tat­säch­lich zu der Skan­da­li­sie­rung, die die Medi­en im Vor­feld ver­sucht hat­ten. Besorg­nis­er­re­gen­der­wei­se klan­gen aus­ge­rech­net die Redak­teu­re der Musik­zeit­schrif­ten dabei wie ihre eige­nen Groß­el­tern, aber viel­leicht sind das halt so Vega­ner, die zum Lachen in den Kel­ler gehen und bei You­Tube immer ver­zwei­felt nach dem einen gei­len Indie-Song suchen müs­sen, der noch nicht mehr als 34 Views hat. Lena und Cas­per zuzu­se­hen ist jeden­falls, wie mit mei­nen Freun­den unter­wegs zu sein: hart, aber doch durch­aus herz­lich.

Nach­dem die bei­den Nachts durch die lee­ren Flu­re der Deut­schen Pop­aka­de­mie (gähn!) gelau­fen sind und in ein Zim­mer mit Instru­men­ten gesperrt wur­den, spie­len sie Gal­gen­männ­chen. Das allein ist ja schon groß­ar­tig abwe­gig, aber dann wird Frau Mey­er-Land­rut wie­der gehäs­sig, Herr Cas­per zickt zurück und her­ein platzt der wahn­sin­nig umtrie­bi­ge Mann von der Pop­aka­de­mie, der von der „Lounge“ erzählt, die „das Herz­stück der Aka­de­mie“ sei. Eigent­lich ist es ein Wun­der, dass in die­sem Moment nie­mand vier­hun­dert Aro­sa schlitz­ver­stärkt mit kur­zem Arm bestel­len will, aber dann sit­zen sie halt in die­ser „Lounge“, trin­ken Mine­ral­was­ser und füh­ren ein (wie Cas­per und Lena hin­ter­her offen zuge­ben) eher zähes Gespräch mit Stu­den­ten. Jeder Ver­such des Aka­de­mie-Manns, sich und sei­ne tol­le Insti­tu­ti­on irgend­wie ins Gespräch ein­zu­brin­gen, prallt gran­di­os ab und das geschieht ihm in die­sem Moment ehr­lich gesagt ganz recht.

Dass eine Frau eine ande­re beim ers­ten Hän­de­druck vor allen Leu­ten fragt, ob die Wim­pern echt oder ange­klebt sei­en, ver­stößt mal wie­der gegen so ziem­lich alle zwi­schen­mensch­li­chen Kon­ven­tio­nen – aber es ist eben auch genau die­se Authen­ti­zi­tät, für die Lena mal eine kur­ze Zeit von den Medi­en geliebt wur­de. Lena lie­fert nicht das, was die Medi­en bei ihr bestel­len. Der Beob­ach­ter­ef­fekt, der eigent­lich zwangs­läu­fig alle Natür­lich­keit zer­stört, sobald eine Fern­seh­ka­me­ra dabei ist, bleibt aus, statt­des­sen fragt man sich stän­dig, ob sie das jetzt grad wirk­lich wie­der gesagt hat. Doch, hat sie: Der Frau mit den „natür­lich ech­ten“ Wim­pern sagt sie zum Abschied: „Ich fin­de, Du könn­test mir ’n biss­chen was von Dei­nen Brüs­ten abge­ben!“

Was die Medi­en vor­ab nicht für erwäh­nens­wert hiel­ten, ist etwa die Sze­ne, in der die bei­den im Auto vol­ler Hin­ga­be „Son Of A Pre­a­cher Man“ oder „Big In Japan“ sin­gen, wobei sie die Tex­te von einem iPho­ne-Dis­play able­sen müs­sen, oder die, wo sie sich Pom­mes essend über Fans bekla­gen, die Pro­mis in pri­va­ten Situa­tio­nen behel­li­gen, und Lena dann unver­mit­telt und mit ver­klär­tem Blick über Turn­schu­he zu spre­chen beginnt.

Das heißt: „Welt Online“ hat das erwähnt, fass­te es aber als Unpro­fes­sio­na­li­tät auf und bölk­te:

Offen­sicht­lich wird an die­sem Abend, dass die bei­den mit ihrer Rol­le als Pro­mi­nen­te noch über­for­dert sind.

Natür­lich war „Durch die Nacht mit Liza Min­nel­li und Fritz Wep­per“ schön, weil da zwei Voll­pro­fis, die sich ewig ken­nen, form­voll­endet mit­ein­an­der umgin­gen, aber das ande­re Ende des Spek­trums kann ja genau­so span­nend sein, wenn man sich denn drauf ein­las­sen will.

Man kann sich doch nicht einer­seits über die gan­zen strom­li­ni­en­för­mi­gen Pop­s­tern­chen, Fuß­bal­ler und Poli­ti­ker der Gegen­wart bekla­gen und dann ande­rer­seits sofort Zeter und Mor­deo schrei­en, wenn mal jemand vor­bei­kommt, der unkon­ven­tio­nell und anders ist. Man muss das ja noch nicht mal als Natür­lich­keit prei­sen und sich dar­über freu­en, man muss Lena oder Cas­per nicht mal mögen, aber man könn­te doch zumin­dest mal aner­ken­nen, wenn da plötz­lich „Stars“ auf­tau­chen, die anders sind. Die müs­sen dann natür­lich nicht „Lieb­ling der Nati­on“ sein, aber wer wür­de das auch wol­len?

Ich hab in letz­ter Zeit von meh­re­ren Kol­le­gen gehört, dass Lena anstren­gen­der und weni­ger locker gewor­den sei. Von Cas­per heißt es, dass er sich nach dem Abend regel­recht aus­ge­heult bzw. aus­ge­kotzt haben soll. Das mag alles sein, nur die dabei ent­stan­de­ne Sen­dung taugt nicht zum Beleg. Ja: Lena hat offen­sicht­lich kei­ne gro­ße Lust auf die gan­ze Sache, sie zickt rum und Cas­per zickt zurück – aber das kann doch nie­mand, der in den letz­ten zwan­zig Jah­ren mal mit jun­gen Men­schen zu tun hat­te, ernst neh­men! Man muss sich doch als Musik­ma­ga­zin nicht dem Skan­da­li­sie­rungs­wahn der ande­ren Medi­en anschlie­ßen und wie die „Spex“ „fast die Eska­la­ti­on“ her­bei­schrei­ben!

Selbst der Abschied der bei­den von­ein­an­der oszil­liert viel­far­big zwi­schen Neid, Gehäs­sig­keit und schlich­ter Freu­de an exakt die­ser Situa­ti­on. Natür­lich gibt es Sze­nen, in denen man ahnt, wel­che Leis­tung Cut­ter Mar­tin Eber­le erbracht haben muss, um aus vie­len schwie­ri­gen Situa­tio­nen einen erträg­li­chen Film zu schnei­den, aber es ist ihm gelun­gen.

„Durch die Nacht mit Lena und Cas­per“ ist noch bis nächs­ten Sams­tag in der arte-Media­thek ver­füg­bar.

Offen­le­gung: Ich bin Frau Mey­er-Land­rut ein paar Mal begeg­net und fin­de sie recht sym­pa­thisch.

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Musik

Songs des Jahres 2011

Bevor 2012 rich­tig Fahrt auf­nimmt oder ich mei­ne Lis­te kom­plett ver­wor­fen habe, hier noch schnell mei­ne Songs des Jah­res 2011 (die Alben gibt’s hier):

25. Andre­as Bou­ra­ni – Nur in mei­nem Kopf
Na, da über­rasch ich mich doch mal selbst und fang mit einem deutsch­spra­chi­gen Singer/​Songwriter an! „Nur in mei­nem Kopf“ hab ich geliebt, als ich es das ers­te Mal im Radio gehört habe, und auch mas­si­ve Rota­tio­nen konn­ten dem Lied nicht viel anha­ben. Es wirkt aber zuge­ge­be­ner­ma­ßen auch wie für mich am Reiß­brett ent­wor­fen: Pia­no­in­tro, Four-To-The-Flo­or-Beat, galop­pie­ren­de Beats, gera­de so viel U2-Anlei­hen, wie ich ertra­ge, und dann noch die groß­ar­ti­ge Zei­le von wegen „alles kaputt­hau­en“. Schö­ne Stim­me übri­gens und sehr schö­nes Video, auch!

24. Death Cab For Cutie – You Are A Tou­rist
„Codes And Keys“, das letzt­jäh­ri­ge Album von Death Cab For Cutie, hat mich nie so rich­tig packen kön­nen. Kein schlech­tes Album, gewiss, aber die Band hat­te schon bes­se­re und mein Indie-Müdig­keit macht sich ein­mal mehr bemerk­bar. Die spek­ta­ku­lärs­te Mel­dung im Bezug auf die Band im ver­gan­ge­nen Jahr war die Nach­richt, dass sich Sän­ger Ben Gib­bard und Zooey Descha­nel schei­den las­sen (und ich mich nicht ent­schei­den kann, wen von bei­den ich lie­ber hei­ra­ten wür­de). ANYWAY: „You Are A Tou­rist“ ist ein schö­ner Song mit einem sehr span­nen­den Groo­ve, der auf der Tanz­flä­che noch bedeu­tend mit­rei­ßen­der ist, als vor dem hei­mi­schen Plat­ten­spie­ler.

23. Lady GaGa – The Edge Of Glo­ry
Wenn man in ein‑, zwei­hun­dert Jah­ren ein Buch über die Geschich­te des Pop schrei­ben wird, wird man an Lady Gaga nicht vor­bei­kom­men. Die Frau schafft es meis­ter­haft, sowohl den intel­lek­tu­el­len Hin­ter­grund des Begriffs „Pop“ aus­zu­fül­len, als auch Songs am Fließ­band raus­zu­hau­en, die genau das sind: Pop. Wenn „Spex“-Leser und Schüt­zen­fest­be­su­cher zur glei­chen Musik tan­zen kön­nen, ist das eine Leis­tung, die zumin­dest die Nomi­nie­rung für den Frie­dens­no­bel­preis nach sich zie­hen soll­te. Wei­te­res Argu­ment für „The Edge Of Glo­ry“: Es ist die letz­te ver­öf­fent­lich­te Auf­nah­me von E‑S­treet-Band-Saxo­pho­nist Cla­rence Cle­mons vor des­sen Tod. Gera­de noch recht­zei­tig, damit eine ganz neue Gene­ra­ti­on von Musik­fans den „Big Man“ ins Herz schlie­ßen konn­te.

22. James Bla­ke – The Wil­helm Scream
„Songs“ sind die wenigs­ten Tracks auf James Blakes phan­tas­ti­schem Debüt­al­bum, Radio-Sin­gles gibt es eigent­lich kei­ne. Aber wenn über­haupt, dann ist „The Wil­helm Scream“ das pop­pigs­te und zugäng­lichs­te Stück. Am aus­schließ­lich in musik­jour­na­lis­ti­schen Tex­ten ver­wen­de­ten Verb „plu­ckern“ führt kaum ein Weg vor­bei, aber es dröhnt, rauscht, zirpt und echot auch ganz gewal­tig unter und über Blakes Fal­sett­ge­sang. Musik wie ein ver­stö­ren­der, aber doch sehr erhol­sa­mer Traum.

21. Jupi­ter Jones – Still
Das Ein­mal-zu-oft-gehört-Phä­no­men im neu­en Gewand: Wenn „Still“ im Radio anfängt, bin ich ein biss­chen genervt. Wenn ich den Song sel­ber auf­le­ge ist es aber immer noch wie im ers­ten Moment: Wow! Allein die­se Bass­li­ne, die glei­cher­ma­ßen Schlag in die Magen­gru­be wie Schul­ter­klop­fen ist! Jupi­ter Jones hat­ten viel­leicht schon bes­se­re, wüten­de­re oder ver­zwei­fel­te­re Tren­nungs­lie­der, aber „Still“ ist auf sei­ne Art schon sehr beson­ders – und beson­ders wahr. Die schöns­te Ver­si­on ist natür­lich die mit Ina Mül­ler.

20. Rihan­na feat. Cal­vin Har­ris – We Found Love
Für Rihan­na gilt ähn­li­ches wie das, was ich gera­de über Lady GaGa geschrie­ben habe. Sie arbei­tet zwar nicht so aktiv selbst an ihrem Gesamt­kunst­werk mit, aber sie ist einer der bestim­men­den Super­stars unse­rer Zeit. Allein die Lis­te ihrer Kol­la­bo­ra­tio­nen deckt die gegen­wär­ti­ge Pop­mu­sik sehr gut ab: Jay‑Z, Kanye West, David Guet­ta, Emi­nem, will.i.am, Jus­tin Tim­ber­la­ke, Ne-Yo und Cold­play ste­hen da zum Bei­spiel drauf. Dies­mal also mit Cal­vin Har­ris, der ein House-Feu­er­werk abbrennt, wäh­rend Rihan­na einen Song von erha­be­ner Schön­heit singt. Ja: „We Found Love“ ist nicht nur cool/​geil/​whatever, son­dern auch schön und soll­te jedem ein­sa­men Men­schen „in a hope­l­ess place“ zwi­schen Dins­la­ken und Bit­ter­feld Hoff­nung machen.

19. Noah And The Wha­le – Tonight’s The Kind Of Night
„Last Night On Earth“, das aktu­el­le Album von Noah And The Wha­le, hat­te ich schon bei den Alben gelobt. „Tonight’s The Kind Of Night“ ist ein per­fek­tes Bei­spiel für die­sen Tech­ni­co­lor-Pop mit sei­nen trei­ben­den Rhyth­men und eupho­ri­sie­ren­den Chö­ren. Und sagt man sich nicht jeden Abend „Tonight’s the kind of night whe­re ever­y­thing could chan­ge“? Eben! Muss ja nicht, aber könn­te!

18. Fos­ter The Peo­p­le – Pum­ped Up Kicks
Ein­mal Indiepop-Som­mer­hit zum Mit­neh­men, bit­te! „Pum­ped Up Kicks“ hat einen schlich­ten Sog, dem man sich nur schwer ent­zie­hen kann. Der Song lief merk­wür­di­ger­wei­se nie in der Wer­bung eines Mobil­funk­an­bie­ters (was eigent­lich sein natür­li­cher Lebens­raum gewe­sen wäre), hat eine Sai­son län­ger zum Hit gebraucht als ange­nom­men und hat dar­über hin­aus noch einen mil­de gewalt­ver­herr­li­chen­den Text, der dem ame­ri­ka­ni­schen MTV zu viel war – aber davon ab ist es auch ein­fach ein sehr schö­ner Song.

17. Jack’s Man­ne­quin – My Racing Thoughts
Hat­te ich schon mal erwähnt, dass kei­ne Band in den letz­ten fünf Jah­ren eine so gro­ße Bedeu­tung für mich hat­te wie Jack’s Man­ne­quin? Gut. So rich­tig genau kann ich näm­lich auch nicht erklä­ren, war­um mir „My Racing Thoughts“ so gut gefällt, beim ers­ten Hören fand ich es näm­lich regel­recht chee­sy. Jetzt aber mag ich es, weil es ein harm­lo­ser, erbau­li­cher Pop­song ist. Und die­ser „she can read my, she can read my“-Part ist toll!

16. Rival Schools – Wring It Out
Nein, ein zwei­tes „Used For Glue“ ist auf dem zwei­ten Rival-Schools-Album nicht ent­hal­ten. Aber fast. „I wan­na wring it out /​ Every oun­ce /​ I wan­na do the right thing, when the right thing counts“ sind doch genau die Zei­len, die man zum Beginn eines Jah­res hören möch­te. Und dann ein­fach rein ins Leben, die rich­ti­gen Din­ge tun, die fal­schen Din­ge tun, aber in jedem Fall jede Unze raus­quet­schen. Was für eine Hym­ne!

15. Mari­ti­me – Parapher­na­lia
Das vier­te Mari­ti­me-Album „Human Hearts“ ist irgend­wie kom­plett an mir vor­bei­ge­gan­gen, aber die Vor­ab-Sin­gle, die hat mich das gan­ze Jahr über beglei­tet. Indie­rock, der nicht nervt, weil er nicht ach so cool sein will, son­dern beschwingt unter­hält. So ein­fach ist das manch­mal.

14. Ade­le – Rol­ling In The Deep
Die Geschich­te mit der Echo-Ver­lei­hung hab ich ja blö­der­wei­se schon bei den Alben erzählt. Muss ich mir jetzt was neu­es aus­den­ken? Ach was! Gro­ßer Song, bleibt groß! Punkt.

13. Exam­p­le – Stay Awa­ke
Auf „Play­ing In The Shadows“ sind fünf, sechs Songs, die alle in die­ser Lis­te hät­ten auf­tau­chen kön­nen. „Stay Awa­ke“ ist es letzt­lich gewor­den, weil die stamp­fen­den House-Ele­men­te (man­che wür­den auch sagen: „die Kir­mes-Ele­men­te“) sonst ein wenig unter­re­prä­sen­tiert gewe­sen wären. Und dann die­ser Refrain: „If we don’t kill our­sel­ves we’ll be the lea­ders of a mes­sed-up gene­ra­ti­on /​ If we don’t kid our­sel­ves will they belie­ve us if we tell them the reasons why“ und der Kon­trast zwi­schen dem Four-To-The-Flo­or-Refrain und den zit­tern­den Dub­step-Stro­phen! Hach, jetzt ’n Auto­scoo­ter …

12. The Naked And Famous – Young Blood
Viel­leicht hab ich mich ver­tan und es war gar nicht „Pum­ped Up Kicks“ der Indiepop-Som­mer­hit, son­dern „Young Blood“. Immer­hin war der Song Jing­le-Musik bei Viva und WDR 2 (!) und lief in gefühlt jeder TV-Sen­dung. Egal, sie können’s ja auch bei­de gewe­sen sein, wobei „Young Blood“ ganz klar über­dreh­ter und char­man­ter und … äh: lau­ter ist. Wegen maxi­ma­ler Pene­tra­ti­on kurz vor ner­vig, aber eben nur vor.

11. Twin Atlan­tic – Make A Beast Of Mys­elf
Die­ser Break nach zwei Sekun­den! Die­ses Brett von Gitar­ren­ge­schram­mel! Die­se ent­spannt vor sich hin groo­ven­den Stro­phen, die sich in die­sen Orkan von Refrain ent­la­den! Und, vor allem: Die­ser nied­li­che schot­ti­sche Akzent, vor allem beim Wort „uni­ver­se“! Mein Punk­rock-Song des Jah­res!

10. Patrick Wolf – The City
Die­ser Song hät­te unter Umstän­den der bri­ti­sche Bei­trag zum Euro­vi­si­on Song Con­test sein kön­nen – und wäre damit einer der bes­ten in der Geschich­te des Wett­be­werbs gewe­sen. Nun ist es „nur“ ein dezent über­dreh­ter Indiepop-Song mit Hand­claps, Saxo­phon, ver­zerr­ten Stim­men und hyp­no­ti­schen Beats.

9. Cold­play – Every Teardrop Is A Water­fall
Sie haben’s schon bemerkt: Wir sind in dem Teil der Lis­te ange­kom­men, wo ich die vor­geb­lich ratio­na­len Argu­men­te weg­ge­packt habe und mehr mit hilf­lo­sen Emo­tio­na­li­tä­ten und „Hach„s um mich wer­fe. Hier toll: Das absur­de Sam­ple, die Rhyth­mus­gi­tar­re, die Lead­gi­tar­re, die gran­dio­se Schlag­zeug­ar­beit von Will Cham­pi­on, der Text und der Moment nach drei Minu­ten, wenn sich alles auf­ein­an­der türmt. Hüp­fen! Tan­zen! Hach!

8. Jona­than Jere­mi­ah – Hap­pi­ness
Mein Jahr 2011 lässt sich in zwei Tei­le tei­len: den vor Jona­than Jere­mi­ah und den danach. Mit „Hap­pi­ness“ fühlt sich mein Leben an wie eine bri­ti­sche Komö­die mit Hugh Grant. I’m going home whe­re my peo­p­le live.

7. Ima­gi­na­ry Cities – Hum­ming­bird
Der Wea­k­erthans-Live­gi­tar­rist Rus­ty Matyas hat mit Sän­ge­rin Mar­ti Sar­bit die Band Ima­gi­na­ry Cities gegrün­det, deren Debüt­al­bum „Tem­po­ra­ry Resi­dent“ im letz­ten Jahr auf Grand Hotel van Cleef erschie­nen ist. So viel zur Theo­rie. Die Pra­xis … ach, hören Sie ein­fach selbst! Was für ein Song!

6. Cold War Kids – Final­ly Begin
Frü­her, als ich noch mit dem Fahr­rad durch die Stadt mei­ner Jugend gefah­ren bin, hab ich manch­mal auf dem Heim­weg die Arme aus­ge­brei­tet, die Augen zuge­macht und bin zur Musik aus mei­nem Walk­man qua­si durch die Nacht geflo­gen. Glück­li­cher­wei­se nie auf die Fres­se, aber das ist schon recht gefähr­lich, Kin­der. Jeden­falls: „Final­ly Begin“ wäre ein Song für genau sol­che Flug­ma­nö­ver. Die­se Gitar­ren! Die­se Har­mo­nien, die offen­bar direkt die Endor­phin­aus­schüt­tung im Hirn anwer­fen kön­nen! Und die­ser Text über über­wun­de­ne Bin­dungs­angst! Für eine Nacht noch mal 16 sein in Dins­la­ken, bit­te!

5. The Moun­tain Goats – Never Quite Free
Wie gesagt: „Never Quite Free“ wur­de Anfang Dezem­ber inner­halb von 48 Stun­den zu einem der meist gehör­ten Songs des Jah­res. Wer braucht schon das Stro­phe/­Re­frain-Sche­ma? Wenn ich Ihre Auf­merk­sam­keit auf die­se Stel­le nach ziem­lich exakt zwei Minu­ten len­ken darf, wo das Schlag­zeug rich­tig los­schep­pert und der Schel­len­kranz ein­setzt: für sol­che Momen­te wird Musik gemacht und für sol­che Momen­te höre ich Musik.

4. The Pains Of Being Pure At Heart – Heart In Your Heart­break
Gera­de beim Tip­pen fest­ge­stellt: Wenn man für jedes „heart“ in Band­na­men und Song­ti­tel einen Schnaps trin­ken wür­de, wäre das ein schö­ner Start in den Abend. Schö­ner wür­de der natür­lich, wenn der Song auch lie­fe, denn es ist ein herr­li­cher Song, der übri­gens auch in der (ansons­ten etwas freud­lo­sen) fünf­ten Staf­fel von „Skins“ zu hören war. (Radio-)DJs has­sen die beun­ru­hi­gend lan­ge Pau­se nach 2:42 Minu­ten, aber ansons­ten kann man die­sen Song natür­lich nur lie­ben.

3. Ed Sheeran – The A Team
„+“, das groß­ar­ti­ge Debüt-Album von Ed Sheeran, das Sie bald auch in Deutsch­land kau­fen kön­nen (und soll­ten!), habe ich mir im Sep­tem­ber im Schott­land-Urlaub gekauft, weil Plat­ten­fir­ma und HMV mich mit ihrer Plat­zie­rungs­po­li­tik gera­de­zu gewalt­sam dazu gedrängt haben. Auf dem Weg zum Flug­ha­fen habe ich es zum ers­ten Mal gehört und ich war nicht direkt ver­zau­bert, was aber auch an dem schot­ti­schen Land­re­gen gele­gen haben mag, mit dem ich auf mei­nem Fuß­marsch noch zu kämp­fen hat­te. Beim zwei­ten Mal jedoch: Was für ein Album! Und was für ein Ope­ner! Zärt­lich, ohne wei­ner­lich zu sein! Schmu­sig, ohne zu lang­wei­len. Ver­glei­che mit deut­schen Singer/​Songwritern ver­bie­ten sich, aber viel­leicht kommt ja auch mal ein Ed-Sheeran-Äqui­va­lent daher.

2. Bon Iver – Cal­ga­ry
Zuge­ge­ben: Das war beim ers­ten Hören schon etwas ver­wir­rend mit die­sen gan­zen Key­board­flä­chen. Aber nur kurz! Jus­tin Ver­non könn­te auch das Tele­fon­buch von Mil­wau­kee sin­gen (und manch­mal habe ich ehr­lich gesagt den Ver­dacht, er wür­de es zwi­schen­durch zumin­dest mal ver­su­chen) und ich wür­de immer noch eine Gän­se­haut bekom­men.

1. Bright Eyes – Shell Games
Anfang April schrieb ich, dass der Pop­song des Jah­res, wenn in den ver­blei­ben­den neun Mona­ten nicht noch ein Wun­der gesche­he, „Shell Games“ sein wür­de, und ich soll­te Recht behal­ten. Es wirkt ein biss­chen, als habe sich Conor Oberst die Pop-Blau­pau­se eines Gregg Alex­an­der vor­ge­nom­men und nur noch ein paar per­sön­li­che Son­der­hei­ten rein­ge­wor­fen. Zur Bil­der-des-Jah­res-Mon­ta­ge in mei­nem Kopf läuft die­ser Song, der auch das Lied­zi­tat 2011 bereit hält: „My pri­va­te life is an insi­de joke /​ No one will explain it to me“.

Hin­weis: Bit­te beach­ten Sie auch dies­mal beim Kom­men­tie­ren wie­der die Regeln.

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Something That I Didn’t Want To Know

Das Inter­net sorgt mit sei­ner stän­di­gen Ver­füg­bar­keit von unter­schied­lichs­ten Musi­ken bekannt­lich für eine immer stär­ke­re Indi­vi­dua­li­sie­rung des Musik­ge­schmacks. Der Ein­fluss der gro­ßen Plat­ten­fir­men geht zurück, jeder hört nur noch das, was ihm gefällt und was er irgend­wo ent­deckt hat. So weit die Theo­rie.

Wenn sich die Men­schen im Inter­net aber mal auf einen gemein­sa­men Song eini­gen kön­nen, dann rich­tig: Seit Wochen pos­ten mei­ne Face­book-Kon­tak­te jed­we­den Alters, Musik­ge­schmacks und jed­we­der sexu­el­ler Ori­en­tie­rung immer wie­der ein Musik­vi­deo. Gefühlt müs­sen alle aktu­ell 255 Freun­de den Clip min­des­tens zwei Mal „geteilt“ haben.

Da ich nicht jedes Video anschaue und jeden Song anhö­re, den irgend­je­mand bei Face­book gepos­tet hat, ging der Song anfangs an mir vor­bei. Gehört hab ich ihn tat­säch­lich das ers­te Mal im Radio, als alle ande­ren schon mit­sin­gen konn­ten, auch wenn ich Song und Video-Posts erst anschlie­ßend in Ver­bin­dung zuein­an­der set­zen konn­te:

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Ich mag „Some­bo­dy That I Used To Know“ von Gotye nicht beson­ders. 1 Den Refrain fin­de ich sehr anstren­gend und der ech­te Peter Gabri­el hät­te das schö­ner hin­be­kom­men. Aber ich will nicht aus­schlie­ßen, dass mei­ne Ableh­nung nicht allein auf dem Song selbst beruht, son­dern auch auf dem merk­wür­di­gen Hype, der ihn beglei­tet.

Ich habe näm­lich fest­ge­stellt, dass, wenn nur genug Men­schen in einem kur­zen Zeit­raum ein Video, einen Arti­kel oder ähn­li­ches, das ich noch nicht ken­ne, auf Face­book geteilt haben, ich kein Inter­es­se mehr dar­an habe, es über­haupt ken­nen­zu­ler­nen. Es ist qua­si ein inne­rer Back­lash, der eigent­lich ein Prelash ist. Ich nen­ne es: das „Videogames“-Paradox.

Denn auch Lana Del Reys Debüt­sin­gle hat einen der­ar­ti­gen Marsch durch alle Insti­tu­tio­nen hin­ter sich, dass mich Nach­fol­ge­sin­gles und Album gar nicht mehr inter­es­sie­ren – dabei moch­te ich den Song anfangs sogar.

Ich kann gar nicht erklä­ren, war­um sich man­che Lie­der so schnell „abnut­zen“, ande­re schon vor dem Hören ner­ven und wie­der ande­re mit jedem Mal bes­ser wer­den. „We Found Love“ von Rihan­na und Cal­vin Har­ris lie­be ich zum Bei­spiel umso mehr, je öfter ich es höre (und ich fand’s von Anfang an spit­zen­mä­ßig).

Bemer­kens­wert ist aber noch etwas: Auch wenn ich glau­be, dass sich Hits nicht mit letz­ter Gewiss­heit pla­nen las­sen, wenn ich zuge­be, dass „Some­bo­dy That I Used To Know“ und „Video­ga­mes“ bei­des sehr unwahr­schein­li­che Hits (Num­mer-Eins-Hits in Deutsch­land gar) sind, und ich aner­ken­ne, dass bei­de Songs in über­ra­schen­dem Maße alle Alters­grup­pen und sozia­len Schich­ten errei­chen – bei­de erschei­nen beim bei­na­he letz­ten exis­tie­ren­den Major­la­bel Uni­ver­sal.

  1. Das Video habe ich gera­de für die­sen Arti­kel tat­säch­lich zum ers­ten Mal gese­hen und ich mag es noch viel, viel weni­ger. Das sieht ja aus, als sei es von den ält­li­chen Haus­frau­en gedreht wor­den, die sonst Stepp­de­cken für die Wän­de von Pfarr­ge­mein­de­häu­sern und Arzt­pra­xen­war­te­zim­mern quil­ten![]
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Christian Wulff schockt Redakteure

So lang­sam wird es wirk­lich eng für Chris­ti­an Wulff. „Spie­gel Online“ kann heu­te mit einer wei­te­ren Ent­hül­lung auf­war­ten, die den Rück­halt des Bun­des­prä­si­den­ten wei­ter schmä­lern dürf­te.

Für wie bri­sant die Redak­teu­re die neu­es­te Geschich­te hal­ten, zeigt schon ihre Plat­zie­rung: Auf der Start­sei­te, direkt unter dem Auf­ma­cher.

Wulffs Verhältnis zu den Medien: "Manchmal schock ich Redakteure". Der Bundespräsident hat ein schwieriges Verhältnis zu den Medien, nicht erst seit dem Anruf beim "Bild"-Chef. Schon als Ministerpräsident wetterte Christian Wulff gegen kritische Berichterstattung. Selbst bei einem Auftritt mit Kindern gab es Schelte vom damaligen Landesvater.

Mei­ne Güte, der Mann schreckt aber auch vor nichts zurück:

Selbst bei einem Auf­tritt mit Kin­dern gab es Schel­te vom dama­li­gen Lan­des­va­ter.

Das klingt, als habe der ehe­ma­li­ge Traum-Schwie­ger­sohn Kin­der vor den Augen von Jour­na­lis­ten ver­dro­schen – und ist völ­li­ger Unsinn.

Zuge­tra­gen hat­te sich bei der „Kin­der-Pres­se­kon­fe­renz“ der „Braun­schwei­ger Zei­tung“ im Jahr 2008 laut „Spie­gel Online“ fol­gen­des:

Er sagt zwar, er kön­ne mit Kri­tik gut umge­hen, aber nur, wenn er sie für berech­tigt hal­te. „Wenn Kri­tik unbe­rech­tigt ist, bin ich genau­so ärger­lich wie jeder, der sich kri­ti­siert fühlt, das aber nicht ein­se­hen will.“ Und dann wen­det er sich an sein Publi­kum, die fra­ge­stel­len­den Kin­der, damit die ver­ste­hen, dass es beim Berufs­po­li­ti­ker Wulff und der Pres­se genau­so ist wie bei ihnen, wenn sie von ihren Eltern einen Rüf­fel bekom­men. Schließ­lich wür­den die Kin­der auch schmol­len und sich zurück­zie­hen, wenn die Eltern meckern. „Inso­fern bin ich bei Kri­tik, wenn sie unbe­rech­tigt ist, manch­mal sehr grim­mig“, so Wulff.

Noch 20 Jah­re spä­ter kön­ne er sich an unlieb­sa­me Bericht­erstat­tung erin­nern, prahlt Wulff, und erzählt dann, wie er Jour­na­lis­ten direkt ange­he: „Manch­mal schock‘ ich Redak­teu­re, die was geschrie­ben haben, und sage: Damals, ’81, lin­ke Spal­te, drit­te Sei­te – und das neh­men die mir manch­mal übel!“ Denn Wulff weiß: „Wenn Jour­na­lis­ten mal kri­ti­siert wer­den, dann kann ich euch sagen, dann ist was los.“ Das könn­ten die Jour­na­lis­ten näm­lich über­haupt nicht aus­hal­ten.

(Wenn Wulff „ich bin ärger­lich“ sagt, meint er damit, dass er ver­är­gert sei. So viel zum Gerücht, die Nie­der­sach­sen hät­ten kei­ne merk­wür­di­ge Spra­che.)

Die Behaup­tung, dass (eini­ge) Jour­na­lis­ten kei­ne Kri­tik ver­trü­gen, ist – ver­gli­chen mit Wulffs stra­te­gi­schem Ver­hält­nis zur Wahr­heit und sei­nen bemer­kens­wer­ten Inter­pre­ta­ti­on von Begrif­fen wie „markt­üb­lich“ – ein beto­nier­tes Fakt. Nicht häu­fig, aber häu­fi­ger als nie, bekom­men wir beim BILD­blog E‑Mails von Jour­na­lis­ten, denen wir Feh­lern nach­ge­wie­sen oder deren Arbeit wir kri­ti­siert haben, und nicht immer sind die­se Zuschrif­ten sach­lich. In sel­te­nen Fäl­len beschimp­fen uns Chef­re­dak­teu­re in viel­far­bi­gen Tira­den, wes­we­gen ich ganz froh bin, dass ich nicht weiß, wie man die Mail­box an mei­nem Han­dy ein­schal­ten kann.

Dass Wulff vor Kin­dern damit koket­tiert, wie nach­tra­gend er angeb­lich sein kön­ne, ist natür­lich etwas besorg­nis­er­re­gend, aber es spricht doch für sich. Dass Wulff gegen kri­ti­sche Bericht­erstat­tung „wet­ter­te“, wie „Spie­gel Online“ im Vor­spann voll­mun­dig ver­spricht, lässt sich aus die­sen Zita­ten nicht ein­mal mit viel schlech­tem Wil­len her­aus­le­sen.

Im Gegen­teil: Wulff hat es sogar men­scheln las­sen.

„Wir Poli­ti­ker wer­den ja stän­dig kri­ti­siert“, sagt Wulff, „wir haben ein ganz dickes Fell.“ Er wol­le aber auch, dass Men­schen mit dün­nem Fell in der Poli­tik sein kön­nen. Das jedoch sei schwie­rig, man lese ja jeden Tag was über sich in der Zei­tung. „Das ist nicht alles nur posi­tiv.“

Nun hat sich in den letz­ten Wochen der Ein­druck auf­ge­drängt, dass Wulffs Fell in etwa so dick ist wie das eines Nackt­mulls in der Mau­ser. Inso­fern kann der Rück­blick auf die­se harm­lo­se Ver­an­stal­tung – natür­lich beglei­tet von einem 37-sekün­di­gen Video mit Wer­bung – durch­aus loh­nens­wert sein.

Aber doch bit­te nicht der­art bemüht:

Doch selbst bei die­ser harm­lo­sen Ver­an­stal­tung, fast vier Jah­re vor sei­nem umstrit­te­nen Anruf beim „Bild“-Chefredakteur, zeig­te Wulff, wie sehr ihm Jour­na­lis­ten auf die Ner­ven gehen – und wie nach­tra­gend er bei kri­ti­scher Bericht­erstat­tung ist.

Im Übri­gen schafft es der Arti­kel, Wulffs Image zumin­dest bei mir wie­der ein biss­chen auf­zu­po­lie­ren: Ein Mann, der angibt, Tapi­re und Mana­tis zu mögen, kann kein ganz schlech­ter Mensch sein.

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Der größte Fehler des Christian Wulff

Ich habe ein biss­chen Angst, einen Blog­ein­trag über Chris­ti­an Wulff anzu­fan­gen, weil es bei der aktu­el­len Gemenge­la­ge denk­bar ist, dass der Mann schon nicht mehr Bun­des­prä­si­dent ist, bevor ich den Text das ers­te Mal Kor­rek­tur lesen kann.

Natür­lich kann Wulff sei­nen Ver­such fort­set­zen, gegen die gesam­te deut­sche Pres­se, aber mit dem deut­schen Volk im Amt zu blei­ben. Das hat zwar schon bei Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg nicht funk­tio­niert (und der hat­te immer­hin bis zum Schluss die „Bild“ auf sei­ner Sei­te), aber Wun­der gibt es immer wie­der.

Zwar war Wulffs Rück­halt in der Bevöl­ke­rung vor dem gest­ri­gen TV-Inter­view schon merk­lich gesun­ken (am Mitt­woch waren nur noch 47 Pro­zent dafür, dass Wulff im Amt blei­ben soll­te, am Mon­tag waren es noch 63 Pro­zent), aber viel­leicht hat Wulff das soge­nann­te ein­fa­che Volk mit sei­nem merk­wür­di­gen Auf­tritt bei ARD und ZDF bes­ser über­zeu­gen kön­nen als die Jour­na­lis­ten. Wahr­schein­lich ist dies aller­dings auch nicht.

Wie dem auch sei: So lan­ge die Affä­re Wulff die Titel­sei­ten füllt und wei­te Tei­le der Nach­rich­ten­sen­dun­gen aus­füllt, so lan­ge geht natür­lich unter, dass sich Euro­pa immer noch in einer gro­ßen Kri­se befin­det, dass sich die Stim­mung zwi­schen dem Iran und dem Rest der Welt täg­lich ver­schlech­tert. Und ich mei­ne das nicht in dem Sinn, mit dem Online-Kom­men­ta­to­ren „Habt Ihr denn sonst kei­ne Sor­gen?“ fra­gen.

Als Richard Nixon im Zuge der Water­ga­te-Affä­re sei­nen Rück­tritt als US-Prä­si­dent erklär­te, tat er dies mit den unsterb­li­chen Wor­ten:

I have never been a quit­ter.

To lea­ve office befo­re my term is com­ple­ted is abhor­rent to every instinct in my body. But as Pre­si­dent, I must put the inte­rests of Ame­ri­ca first.

Ame­ri­ca needs a full-time Pre­si­dent and a full-time Con­gress, par­ti­cu­lar­ly at this time with pro­blems we face at home and abroad.

Nun unter­schei­den sich die Befug­nis­se von US- und Bun­des­prä­si­dent fun­da­men­tal: Ver­mut­lich wür­de es nie­man­dem auf­fal­len, wenn Chris­ti­an Wulff die letz­ten drei­ein­halb Jah­re sei­ner Amts­zeit tat­säch­lich aus­schließ­lich mit der Beant­wor­tung der vie­len, vie­len Jour­na­lis­ten­an­fra­gen ver­bräch­te. Einen Voll­zeit­prä­si­den­ten hat­te und brauch­te Deutsch­land nie – wes­we­gen ich übri­gens den Vor­schlag von Fried­rich Küp­pers­busch aufs Hef­tigs­te begrü­ße, das Amt des haupt­be­ruf­li­chen Grüß­au­gusts abzu­schaf­fen und den Bun­des­tags­prä­si­den­ten zum Staats­ober­haupt zu machen.

Wulff lähmt viel­leicht noch nicht ein­mal die Poli­tik – Poli­ti­ker von Koali­ti­on und Oppo­si­ti­on, die sich wort­ge­wal­tig vor TV-Kame­ras um das Anse­hen des höchs­ten Amts im Staa­te sor­gen, kön­nen in die­ser Zeit kei­nen ande­ren Scha­den anrich­ten. Aber Wulff lähmt das öffent­li­che Leben in Deutsch­land: Die Medi­en beschäf­ti­gen sich seit Tagen mit kaum etwas ande­rem und wis­sen ver­mut­lich längst, was sie als nächs­tes noch alles auf­de­cken wer­den – als Fort­set­zungs­ro­man ver­kauft sich jeder Skan­dal bes­ser denn als abge­schlos­se­ne Erzäh­lung und wer hat denn gesagt, dass Sala­mi­tak­ti­ken nur etwas für Poli­ti­ker sind? Der volks­wirt­schaft­li­che Scha­den, der seit Tagen durch die vie­len Wulff-Wit­ze (seit ges­tern auch noch: Schaus­ten-Wit­ze) auf Face­book und Twit­ter ent­steht, die alle wäh­rend der Arbeits­zeit gele­sen und geteilt wer­den müs­sen, ist sicher auch nicht zu ver­ach­ten.

Chris­ti­an Wulff hat in dem gest­ri­gen Inter­view viel davon gespro­chen, dass er Freun­de und Fami­lie habe schüt­zen wol­len und sich des­halb mit Infor­ma­tio­nen zurück­ge­hal­ten habe. Es steht außer Fra­ge, dass die Redak­tio­nen noch genug Muni­ti­on haben, um den waid­wun­den Prä­si­den­ten abzu­schie­ßen (um mal eine mar­tia­li­sche Phra­se zu ver­mei­den). Die Chan­cen ste­hen gut, dass es dabei um wei­te­re Details aus sei­nem Freun­des- und Bekann­ten­kreis geht. Auch wenn ich nicht glau­be, dass die in den ver­gan­ge­nen Tagen mehr oder weni­ger offen kol­por­tier­ten Gerüch­te zutref­fen, so wäre Chris­ti­an Wulff doch gut bera­ten, sein Umfeld aus der Schuss­li­nie zu brin­gen.

Ande­rer­seits könn­te es sein, dass das nun auch nichts mehr bringt: Wulff hat ges­tern im Fern­se­hen erzählt, er habe „Bild“-Chefredakteur Kai Diek­mann auf des­sen Mail­box gebe­ten, „um einen Tag die Ver­öf­fent­li­chung zu ver­schie­ben, damit man dar­über reden kann, damit sie sach­ge­mäß aus­fal­len kann“. Diek­mann hielt heu­te dage­gen und bat Wulff öffent­lich um die Geneh­mi­gung, den Wort­laut des Anrufs ver­öf­fent­li­chen zu dür­fen. Allein für die­se Gele­gen­heit, dass sich Kai Diek­mann als mora­li­sche Instanz und flau­schi­ges Unschulds­lamm prä­sen­tie­ren kann, muss man Wulff ver­ach­ten. Jetzt hat Wulff abge­lehnt und damit mut­maß­lich die Pfor­ten zur Höl­le auf­ge­sto­ßen.

Der prä­si­dia­le Aus­ras­ter auf sei­ner Mail­box dürf­te kaum Diek­manns letz­ter Trumpf gewe­sen sein. Wahr­schein­lich ging er fest davon aus, dass Wulff sei­ne Bit­te zur Ver­öf­fent­li­chung nega­tiv beschei­den wür­de, und hat die Anfra­ge des­halb gleich öffent­lich gemacht. Diek­mann konn­te zwei Mal „im Sin­ne der von Ihnen ange­spro­che­nen Trans­pa­renz“ argu­men­tie­ren und hat den Prä­si­den­ten damit fak­tisch schach­matt gesetzt: Setzt man vor­aus, dass Diek­manns Ver­si­on der Geschich­te stimmt, wäre Wulff der Lüge über­führt gewe­sen und damit end­gül­tig untrag­bar. Setzt man vor­aus, dass Wulffs Ver­si­on stimmt, hat er jetzt immer noch das Pro­blem, nicht „im Sin­ne der Trans­pa­renz“ gehan­delt zu haben. Er konn­te nur noch ver­lie­ren.

Es ist leicht, auf einen Abzock­voll­pro­fi wie Kai Diek­mann rein­zu­fal­len, aber einem Spit­zen­po­li­ti­ker (auch wenn er „ohne Karenz­zeit, ohne Vor­be­rei­tungs­zeit“ in sein aktu­el­les Amt gekom­men ist) soll­te das nicht pas­sie­ren. Ich fän­de es depri­mie­rend, sagen zu müs­sen, dass man sich mit „Bild“ nicht anle­gen soll­te, und glau­be das auch nicht. Aber man muss schon wis­sen, wie man es macht – und dabei in einer etwas glück­li­che­ren Aus­gangs­po­si­ti­on sein, als Wulff es war.

Kaum jemand stol­pert, pri­vat oder beruf­lich, über einen ein­zel­nen gro­ßen Feh­ler. Meist ist es eine unglück­se­li­ge Ver­ket­tung vie­ler klei­ner und mitt­le­rer Feh­ler. Egal, was jetzt noch raus­kommt: Der größ­te Feh­ler, den Chris­ti­an Wulff in mei­nen Augen gemacht hat, war der, „Bild“ und Kai Diek­mann die Gele­gen­heit zu geben, sich als seriö­se, mora­li­sche Jour­na­lis­ten insze­nie­ren zu kön­nen, was ihnen die Men­schen viel­leicht mehr abkau­fen als Wulff sei­ne Rol­le als reu­iger Sün­der. Wulff hat „Bild“ die Macht zurück­ge­ge­ben, die die Zei­tung eigent­lich nicht mehr hat­te.

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Film Politik

Christian Wulff im Wortlaut

Sie kön­nen es heu­te über­all lesen: Bun­des­prä­si­dent Chris­ti­an Wulff hat „Bild“-Chefredakteur Kai Diek­mann mit dem „end­gül­ti­gen Bruch“ gedroht, falls die Zei­tung über sei­nen Pri­vat­kre­dit berich­te.

Eini­ge Zita­te vom Über­schrei­ten des „Rubi­kons“ und „Krieg füh­ren“ sind schon bekannt gewor­den, aber der genaue Wort­laut ist bis­her nicht kol­por­tiert.

Bis­her, denn Cof­fee And TV hat den Mit­schnitt von Kai Diek­manns Mail­box exklu­siv:

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Alben des Jahres 2011

Schnell auf „Pau­se“ gedrückt, noch ein­mal kurz zurück­ge­guckt und dann beschlos­sen, dass ich jetzt die defi­ni­ti­ve Lis­te mei­ner Lieb­lings­al­ben 2011 (Stand: 23. Dezem­ber, 13.59.42 Uhr) habe. Die Plät­ze 25 bis 8 sind heiß umkämpft und könn­ten auch eine ganz ande­re Rei­hen­fol­ge haben, die Plät­ze 5 bis 2 auch.

Aber jetzt ist es halt so:

25. Rival Schools – Pedals
Gera­de als der Ein­druck ent­stand, dass Wal­ter Schrei­fels end­gül­tig den Über­blick ver­lie­ren könn­te über all sei­ne Bands und Pro­jek­te, besann sich das Hard­core-Urge­stein auf sei­ne Band Rival Schools, mit der er vor immer­hin zehn Jah­ren mal ein Album auf­ge­nom­men hat­te. „Pedals“ reicht nicht an „United By Fate“ her­an, ist aber ein erfri­schend leben­di­ges Rock­al­bum für Men­schen, die sich unter „Rock“ dann doch noch etwas ande­res vor­stel­len als Nickel­back oder Sun­ri­se Ave­nue.

24. Foo Figh­ters – Was­ting Light
Leu­te, irgend­was stimmt da nicht: Dave Grohl ist (wie Wal­ter Schrei­fels auch) 42 Jah­re alt, was im Rock­busi­ness frü­her mal 90 Jah­ren im Schla­ger­ge­schäft ent­sprach. Und doch müs­sen die­se ver­dien­ten „alten“ Her­ren der Jugend zei­gen, wie man ordent­li­che Rock­mu­sik macht? Den Foo Figh­ters kann man jeden­falls nichts vor­wer­fen, außer, dass sie sich ein biss­chen aufs busi­ness as usu­al ver­legt haben. Aber dann hau­en die so Din­ger wie „Rope“, „White Limo“ und ganz am Ende „Walk“ raus und der Nach­wuchs steht irgend­wo in der Gegend rum und guckt betre­ten zu Boden. Das ist ja, als ob man sich in der ers­ten eige­nen Woh­nung von den Eltern die Ikea-Rega­le auf­bau­en las­sen muss!

23. Oh, Napo­le­on – Year­book
Was habe ich auf die­ses Album gewar­tet! Vor zwei Jah­ren. Doch bis Uni­ver­sal das Debüt end­lich auf den Markt gebracht hat­te, war der Span­nungs­bo­gen in sich zusam­men­ge­fal­len, und dann waren die bes­ten Songs aus­ge­rech­net die, die schon vor zwei Jah­ren auf der selbst­be­ti­tel­ten EP ent­hal­ten waren. Doch von die­sen (klei­nen) Ent­täu­schun­gen ab ist „Year­book“ ein wun­der­ba­res Pop­al­bum gewor­den. „To Have /​ To Lose“ und „A Book Ending“ haben nichts von ihrer erha­be­nen Schön­heit ein­ge­büßt und mit „Save Me“, „I Don’t Mind“ oder „Pick Some Roses“ sind auch genug Per­len unter den „neu­en“ Songs (die die Band seit Jah­ren live spielt). Deutsch­lands bes­te Nach­wuchs­bands kom­men halt nach wie vor vom Nie­der­rhein, aber eine Fra­ge hät­te ich noch: War­um läuft so schö­ne Musik nicht im Radio?

22. The Wom­bats – This Modern Glitch
„Tokyo (Vam­pi­res & Wol­ves)“, die (Weit-)Vorab-Single zum Zweit­werk der Wom­bats, war eine ver­dammt gro­ße Ansa­ge und mein Song des Jah­res 2010. „This Modern Glitch“ löst das Ver­spre­chen der Sin­gle weit­ge­hend ein: Cle­ve­rer Indie­rock mit viel Gele­gen­heit zum Mit­sin­gen und ‑tan­zen, der sich dank aus­ufern­dem Syn­thie-Ein­satz vom schlich­ten Jungs-mit-wil­den-Haa­ren-schau­keln-ihre-Gitar­ren-im-Ach­tel­takt-Gedöns abhebt.

21. The Decem­be­rists – The King Is Dead
Autos, die auf end­lo­sen stau­bi­gen ame­ri­ka­ni­schen High­ways Rich­tung Son­nen­un­ter­gang brau­sen. Jetzt haben Sie zumin­dest ein Bild von den Bil­dern, die „The King Is Dead“ in mir beim Hören aus­löst. Recht coun­try­las­tig ist es gewor­den, das sechs­te Album der Band um Colin Meloy, aber fern­ab des schreck­li­chen Kom­merz-Radio-Coun­try und fern­ab von Truck Stop. Wenn Sie mich jetzt ent­schul­di­gen, ich geh grad mei­nen LKW-Füh­rer­schein machen.

20. Yuck – Yuck
Die Neun­zi­ger sind zurück und mit ihnen die Shoe­ga­ze-Bands mit unschein­ba­ren Front­män­nern und Jeans­hem­den. „Yuck“ ent­hält zwölf char­man­te Pop­songs, die sich ein biss­chen hin­ter ver­zerr­ten Gitar­ren ver­ste­cken, und sich des­halb viel­leicht nicht immer sofort ent­fal­ten.

19. Fink – Per­fect Dark­ness
Ich habe nie eine Lis­te im Kopf gehabt, was wohl die bes­ten Kon­zer­te gewe­sen sein könn­ten, die ich in mei­nem Leben besucht habe. Dann habe ich Fink im Okto­ber in der Bochu­mer Zeche gese­hen und war mir sicher, dass er es gera­de min­des­tens in die bis­her nicht vor­han­de­ne Top 5 geschafft hat­te. Was für ein kla­rer Sound, was für gran­dio­se Songs, wie per­fekt dar­ge­bo­ten von Fin Green­all und sei­ner Band. Ich habe „Per­fect Dark­ness“ viel zu sel­ten gehört, weil es mir von der Stim­mung her meis­tens nicht pass­te, aber es ist ein sehr, sehr gutes Album, so viel ist klar.

18. Jack’s Man­ne­quin – Peo­p­le And Things
„The Glass Pas­sen­ger“, das zwei­te Album von Jack’s Man­ne­quin, war für mich per­sön­lich das wich­tigs­te Album der letz­ten fünf Jah­re, viel­leicht habe ich in mei­nem gan­zen Leben kein Album so oft gehört wie die­ses. Der Nach­fol­ger muss­te also gegen schier über­mensch­li­che Erwar­tun­gen ankämp­fen und konn­te nur ver­lie­ren. Tat­säch­lich waren die ers­ten fünf, sechs Durch­gän­ge eine Ent­täu­schung, ich war schon kurz davor, „Peo­p­le And Things“ ein­fach im Regal ver­schwin­den zu las­sen. Aber so lang­sam habe ich mich dann doch in die Songs rein­ge­hört. Sie sind zwar ins­ge­samt schon arg glatt gera­ten, aber ich kann Andrew McMa­hon ein­fach nicht wider­ste­hen, wenn er von den Her­aus­for­de­run­gen und Rück­schlä­gen des Lebens singt, die es zu meis­tern und zu über­win­den gilt. Das kann man alles ganz, ganz schreck­lich fin­den, aber ich fin­de es wun­der­bar.

17. Delay Trees – Delay Trees
„Kun­den, denen Band Of Hor­ses gefiel, kauf­ten auch Delay Trees“. Steht da merk­wür­di­ger­wei­se nicht, wür­de aber stim­men. Ich ken­ne das Debüt der fin­ni­schen Indie­band erst seit weni­gen Wochen, des­we­gen bin ich womög­lich ein biss­chen zu vor­sich­tig mit mei­nem Lob, aber allein der Ope­ner „Gold“ ist mit sei­ner ste­ti­gen Stei­ge­rung ein wah­res Meis­ter­werk. Die­se Mischung aus Melan­cho­lie und Eupho­rie hält an und lässt das gan­ze Album klin­gen wie den Sound­track zu dem Moment, in dem man sich nach einer durch­fei­er­ten Nacht und nach Son­nen­auf­gang ins Bett fal­len lässt.

16. Cold War Kids – Mine Is Yours
Manch­mal ist die Musik­welt schon rät­sel­haft: Wäh­rend die Kings Of Leon inzwi­schen rie­si­ge Are­nen fül­len, tre­ten die Cold War Kids nach wie vor in klei­nen Clubs auf. Dafür haben sie kei­nen Song über sexu­ell über­trag­ba­re Krank­hei­ten, der dank Dau­er­pe­ne­tra­ti­on in Clubs, Radi­os und Fuß­ball­sta­di­en inzwi­schen unhör­bar gewor­den ist, son­dern leicht ange­schmutz­te Rock­hym­nen wie den Titel­song oder „Lou­der Than Ever“.

15. R.E.M. – Col­lap­se Into Now
Das war es dann also, das letz­te Album die­ser leben­den Legen­den aus Athens, GA. Und alle kamen noch mal vor­bei, um ihre Auf­war­tung zu machen: Pat­ti Smith und Len­ny Kaye, Eddie Ved­der, Pea­ches und Joel Gibb von den Hid­den Came­ras. Es war ein wür­de­vol­ler Abschied, der nur einen Nach­teil hat­te: „Col­lap­se Into Now“ war bereits das fünf­zehn­te Album einer Band, die so vie­le Klas­si­ker geschaf­fen hat­te, dass jeder neue Song ein biss­chen sinn­los und unnö­tig wirk­te. Aber, mein Gott: Das ist Jam­mern auf aller­höchs­tem Niveau.

14. Jupi­ter Jones – Jupi­ter Jones
Kei­ner Band der Welt hab ich ihren spä­ten Erfolg so sehr gegönnt wie Jupi­ter Jones: Jah­re­lang hat sich die Trup­pe den Arsch abge­spielt, jetzt dür­fen sie end­lich den Lohn der Arbeit ein­fah­ren. Dass nach „Still“, im Früh­jahr die meist­ge­spiel­te deutsch­spra­chi­ge Sin­gle im Radio, jetzt auch Revol­ver­held-Hörer zu Hun­der­ten in die Kon­zer­te strö­men, ist völ­lig okay: Ers­tens ist das ein­fach ein groß­ar­ti­ger Song und zwei­tens ent­schä­digt die Fas­sungs­lo­sig­keit, die sich ein­stellt, wenn Jupi­ter Jones Songs aus ihrem Punk-Früh­werk aus­pa­cken, für alles. Den höhe­ren Preis eines erfolg­rei­chen Major-Acts muss die Band im Janu­ar zah­len, wenn „Jupi­ter Jones“ als „Delu­xe Edi­ti­on“ erneut auf den Markt geschmis­sen wird.

13. Dra­ke – Take Care
Es ist ein biss­chen trau­rig, dass in Rezen­sio­nen immer wie­der dar­auf hin­ge­wie­sen wer­den muss, dass es auch intel­li­gen­ten Hip-Hop gibt – zumal das dann gleich an den lang­wei­li­gen deut­schen „Stu­den­ten­rap“ erin­nert. Las­sen Sie es mich also so sagen: „Take Care“ ist ein sehr lan­ges, sehr zurück­ge­lehn­tes Album, das so unge­fähr das Gegen­teil von all dem Protz- und Blingbling-Rap dar­stellt, den man sonst (mut­maß­lich) im Musik­fern­se­hen sieht. Wenn Dra­ke über „bit­ches“ und sex („four times this week“) rappt, dann selbst­re­fle­xiv und ‑kri­tisch. Das Album ist ein acht­zig­mi­nü­ti­ger Emo-Kater, nach dem man alles wer­den möch­te, nur nicht erfolg­rei­cher Rap­per. Ande­rer­seits: Wenn dabei so gran­dio­se Musik her­um­kommt …

12. The Low Anthem – Smart Fle­sh
Beim Hald­ern 2010 stand ich mit offe­nem Mund im Spie­gel­zelt und konn­te mich nicht ent­schei­den, ob ich jetzt Gän­se­haut krie­gen, los­heu­len oder vor lau­ter Schön­heit ein­fach tot umfal­len soll­te. 2011 spiel­ten The Low Anthem dann auf der gro­ßen Büh­ne, aber das Publi­kum war fast stil­ler als im letz­ten Jahr. Was für ein berüh­ren­des, groß­ar­ti­ges Folk-Album!

11. The Moun­tain Goats – All Eter­nals Deck
Über Jah­re waren die Moun­tain Goats immer nur via Rock­ma­ga­zin-Sam­pler am Ran­de mei­ner Wahr­neh­mung auf­ge­taucht, bis mir eine Freun­din die­ses Jahr (genau genom­men: vor zwei Wochen) „Never Quite Free“ vor­spiel­te. Nach­dem ich den Song etwa zwei Dut­zend Mal auf You­Tube gehört hat­te, woll­te ich mehr und „All Eter­nals Deck“ hält viel davon bereit: Vom hin­ge­rotz­ten „Estate Sale Sign“ bis zu dunk­len Bal­la­den wie „The Age Of Kings“. Und natür­lich immer wie­der „Never Quite Free“.

10. Ade­le – 21
Über Wochen hat­te ich „Rol­ling In The Deep“ im Radio gehört und für „ganz gut“ befun­den, dann stand ich wäh­rend der Pro­ben zur Echo-Ver­lei­hung irgend­wo hin­ter der Büh­ne, guck­te auf einen der Kon­troll­mo­ni­to­re und dach­te „Wow!“ Trotz­dem brauch­te es noch acht Mona­te und gefühl­te zwan­zig Sin­gle­aus­kopp­lun­gen, bis ich mir „21“ end­lich gekauft habe. Was für ein tol­les Album das ist und wie unka­putt­bar die Songs selbst bei maxi­ma­ler Radio­ro­ta­ti­on sind! Mit Unter­stüt­zung von unter ande­rem Rick Rubin und Dan Wil­son (Semiso­nic) hat Frau Adkins hier ein Album geschaf­fen, das sicher in eini­gen Jah­ren als Klas­si­ker gel­ten wird. Und wer „Someone Like You“ unge­rührt über­steht, soll­te viel­leicht mal beim Arzt fest­stel­len las­sen, ob er nicht viel­leicht einen Eis­klotz im Brust­korb spa­zie­ren trägt.

9. Noah And The Wha­le – Last Night On Earth
Noah And The Wha­le waren für mich so eine typi­sche Hald­ern-Band: Hun­dert­mal auf Pla­ka­ten und im Pro­gramm­heft gele­sen, aber nie bewusst gese­hen. Dann habe ich „L.I.F.E.G.O.E.S.O.N.“ gehört, die­ses eben­so dreis­te wie gelun­ge­ne Bei­na­he-Kinks-Cover. Und was soll ich sagen? Auch das Album lohnt sich: Makel­lo­ser Indiepop mit schö­nen Melo­dien und durch­dach­ten Arran­ge­ments, der irgend­wie direkt in die Eupho­rie­steue­rung mei­nes Gehirns ein­greift.

8. Exam­p­le – Play­ing In The Shadows
Hip-Hop, House, Grime, Dub­step, Indie – alles, was heut­zu­ta­ge mehr oder weni­ger ange­sagt ist, ist in der Musik von Elli­ot Glea­ve ali­as Exam­p­le ent­hal­ten. Vom stamp­fen­den „Chan­ged The Way You Kissed Me“, das jedem Auto­scoo­ter gut zu Gesicht stün­de, über das fast brit­pop­pi­ge „Micro­pho­ne“ bis hin zum dra­ma­ti­schen „Lying To Yours­elf“: Exam­p­le rappt und singt sich durch die ver­schie­dens­ten Sti­le und schafft damit ein abwechs­lungs­rei­ches, aber in sich völ­lig schlüs­si­ges Album, das irgend­wie all das abdeckt, was ich im Moment gern hören möch­te.

7. Cold­play – Mylo Xylo­to
Es scheint unter Jour­na­lis­ten und ande­ren Indi­en­a­zis inzwi­schen zum guten Ton zu gehö­ren, Cold­play schei­ße zu fin­den. „Iiiih, sie sind erfolg­reich, ihre Kon­zer­te machen Band und Publi­kum Spaß und über­haupt: Ist das nicht U2?“, lau­tet der Tenor und tat­säch­lich kann ich vie­le Kri­tik­punk­te ver­ste­hen, aber nicht nach­voll­zie­hen. Auf „Mylo Xylo­to“ sind Cold­play so unge­stüm unter­wegs wie noch nie, ihre Songs sind über­dreht und uplif­ting und zwi­schen­durch schlie­ßen sie mit ruhi­gen Akus­tik­num­mern den Kreis zu ihrem ers­ten Album „Parach­u­tes“ aus dem Jahr 2000. Seit „A Rush Of Blood To The Head“ hat mich kein Album von Cold­play mehr so begeis­tert und womög­lich sind die vier Eng­län­der tat­säch­lich die letz­te gro­ße Band. Kaum eine ande­re Band schafft es, ihren Sound mit jedem Album so zu ver­än­dern und sich doch immer treu zu blei­ben. Wenn sie jetzt auf einem Album Alex Chris­ten­sen und Sigur Rós samplen und ein Duett mit Rihan­na sin­gen, dann ist das so kon­se­quent zu Ende gedach­te Pop­mu­sik, wie sie außer Lady Gaga kaum jemand hin­be­kommt. Und wenn das jetzt alle hören, soll­te man das fei­ern – es gibt ja nun wirk­lich Schlim­me­res.

6. Bright Eyes – The People’s Key
So rich­tig hohe Erwar­tun­gen hat­te wohl nie­mand mehr an die Bright Eyes. Zu egal waren Con­nor Obersts letz­te Lebens­zei­chen gewe­sen. Und dann kommt er ein­fach und haut ein Indierock­al­bum raus, zu dem man sogar tan­zen kann. Gut: Die Pas­sa­gen mit gespro­che­nem Text und Welt­raums­ounds muss man natür­lich aus­hal­ten, aber dafür bekommt man ein merk­wür­dig opti­mis­ti­sches Gesamt­werk und mit „Shell Games“ einen fast per­fek­ten Pop­song.

5. James Bla­ke – James Bla­ke
Nie in mei­nem Leben habe ich hef­ti­ge­re Bäs­se in mei­nem Kör­per vibrie­ren spü­ren als bei James Blakes Auf­tritt auf dem Hald­ern Pop. Es reg­ne­te leicht und die­se Sin­ger/­Song­wri­ter-Post-Dub­step-Songs zogen über das Publi­kum wie sehr gefähr­li­che Gewit­ter­wol­ken. Die­se düs­te­re und anstren­gen­de Musik ist nicht für die Beschal­lung von Din­ner­par­tys geeig­net, aber sie ist ver­dammt bril­lant.

4. The Pains Of Being Pure At Heart – Belong
Die Neun­zi­ger sind, wie gesagt, zurück und The Pains Of Being Pure At Heart haben ihr Shoe­ga­ze-Erfolgs­re­zept von vor zwei Jah­ren um mini­ma­le Grunge-Ein­spreng­sel erwei­tert. Das ist auf Plat­te eben­so schön wie live und beglei­tet mich jetzt seit Mai.

3. Jona­than Jere­mi­ah – A Soli­ta­ry Man
Auf dem Hald­ern Pop Fes­ti­val war ich so weit, dass ich dem nächs­ten Jun­gen mit Akus­tik­gi­tar­re sel­bi­ge über den Schä­del zie­hen woll­te. Dann hör­te ich „Hap­pi­ness“ von Jona­than Jere­mi­ah im Radio und war begeis­tert. Der Mann packt die See­le zurück in Soul – und alles Ande­re hab ich ja schon im August geschrie­ben.

2. Ed Sheeran – +
Na so was: Noch ein Jun­ge mit Gitar­re! Ed Sheeran war wäh­rend mei­nes Schott­land-Urlaubs im Sep­tem­ber das Hype-The­ma auf der Insel und er ist so etwas wie das feh­len­de Bin­de­glied zwi­schen Dami­en Rice und Jason Mraz, zwi­schen Get Cape. Wear Cape. Fly und Niz­lo­pi. Die ruhi­gen Songs sind erschre­ckend anrüh­rend, ohne jemals Gefahr zu lau­fen, kit­schig zu wer­den, und bei den schnel­le­ren Stü­cken kann der 21-Jäh­ri­ge (fuck it, I’m old) bewei­sen, dass er genau­so gut rap­pen wie sin­gen kann. „+“ ist ein phan­tas­ti­sches Album, das ich gar nicht oft genug hören kann. In Deutsch­land kommt es im neu­en Jahr raus.

1. Bon Iver – Bon Iver
Noch ein Jun­ge mit Gitar­re. Und noch zwei Gitar­ren. Und ein Bass. Syn­the­si­zer. Eine Blä­ser­sek­ti­on. Und nicht einer, son­dern gleich zwei Schlag­zeu­ger. Jus­tin Ver­non hat gut dar­an getan, sei­ne als Ein-Mann-Pro­jekt gestar­te­te Band zur Big­band aus­zu­bau­en, und einen deut­lich opu­len­te­ren Sound zu wäh­len als bei „For Emma, Fore­ver Ago“. So las­sen sich Debüt und Zweit­werk kaum ver­glei­chen und „Bon Iver“ kann ganz für sich selbst ste­hen mit sei­nen Tracks, die teil­wei­se eher Klang­räu­me sind als Songs, und die trotz­dem ganz natür­lich und kein Stück kal­ku­liert wir­ken. Vom anfäng­li­chen Zir­pen des Ope­ners „Perth“ bis zu den letz­ten Echos des viel dis­ku­tier­ten Schluss­songs „Beth/​Rest“ ist „Bon Iver“ ein Meis­ter­werk, an dem 2011 nichts und nie­mand vor­bei­kam.

Hin­weis: Bit­te hal­ten Sie sich beim Kom­men­tie­ren an die Regeln.

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Digital

Hut, Schweiß und Tränen

Ich kann schlecht beur­tei­len, ob sie jetzt kom­plett ver­rückt gewor­den sind bei „Spie­gel Online“, aber es wäre die nahe­lie­gends­te (und ehr­lich gesagt auch beru­hi­gends­te) Erklä­rung:

Gebot für Hemd: Scarlett Johansson schweiß, was sie will. Ein echter Entertainer macht selbst noch Ausdünstungen zu Geld: Hugh Jackman hat am Ende einer Show sein verschwitztes Unterhemd versteigert. Unter den Bietern war auch Scarlett Johansson - doch die hatte starke Konkurrenz.

Ja, ich weiß: Das tut sehr weh, wenn der Kopf nach der Lek­tü­re der Über­schrift auf die Tisch­plat­te trifft. Und ich arbei­te schon für zwei Blogs, die sich bei Über­schrif­ten für fast nichts zu scha­de sind.

Aber damit geht es erst los:

Er sang, unter­stützt von einem 18-köp­fi­gen Orches­ter. Er erzähl­te Anek­do­ten aus sei­nem Leben. Er grüß­te sei­ne Bekann­ten im Publi­kum. Und am Ende ver­stei­ger­te er sein ver­schwitz­tes Unter­hemd für einen guten Zweck: Hugh Jack­man hat mit einer unge­wöhn­li­chen Akti­on Geld für wohl­tä­ti­ge Zwe­cke gesam­melt. 30.000 Dol­lar brach­te der nas­se Fet­zen ein.

Gut, das recht­fer­tigt bis­her weder Über­schrift, noch Foto, aber macht mal wei­ter:

Der aus­tra­li­sche Schau­spie­ler („X‑Men“) nutz­te sei­ne Show am Broad­way für die unge­wöhn­li­che Akti­on. Mit dem letz­ten Gebot über­traf der glück­li­che Erstei­ge­rer eine Berühmt­heit: 30.000 Dol­lar waren zehn­mal so viel, wie Scar­lett Johans­son für Jack­mans Klei­dungs­stück gebo­ten hat­te. Am Ende des Abends soll die 27-Jäh­ri­ge laut einem Bericht der „New York Post“ auf die Büh­ne gegan­gen und 3000 Dol­lar für das Unter­hemd gebo­ten haben.

Okay: Scar­lett Johans­son „schweiß“, was sie will, aber sie kriegt es trotz­dem nicht. Trau­ri­ge Geschich­te, aber auch Hol­ly­wood­stars müs­sen hin und wie­der Ent­täu­schun­gen hin­neh­men.

Wer 30.000 Dol­lar dafür aus­gab, Jack­man wenigs­tens ein­mal indi­rekt haut­nah zu sein, ist nicht bekannt.

Das macht die Geschich­te jetzt auch nicht span­nen­der, aber: pfffft.

Johans­son dürf­te ihre Auk­ti­ons­nie­der­la­ge ver­schmer­zen. Laut „New York Post“ mach­te die 27-Jäh­ri­ge zwar nicht bei der Ver­stei­ge­rung, dafür aber ander­wei­tig eine gute Figur. Mit einem dicken Woll­pull­over, einem Hut und Bril­le habe die Schau­spie­le­rin sehr läs­sig aus­ge­se­hen, schrieb die Zei­tung.

Gut, an die­ser Stel­le wäre es aus­nahms­wei­se sogar mal sinn­voll, eine Bil­der­ga­le­rie ein­zu­set­zen, auf dass sich der geneig­te Leser (wer auch immer das sein mag) selbst ein Bild von der Läs­sig­keit Johans­sons machen kann. Scha­de, wenn es die­se Fotos nicht gibt und auch die „New York Post“ sich mit Schil­de­run­gen aus zwei­ter Hand begnü­gen muss:

(…) Johans­son, who spies said loo­ked stun­ning dres­sed down in a chun­ky swea­ter, wool­ly hat and glas­ses.

Über­haupt hat der Ori­gi­nal­ar­ti­kel etwa ein Drit­tel des Umfangs der Ver­si­on von „Spie­gel Online“ und ist nur eine von vie­len bun­ten Mel­dun­gen auf Sei­te 6, wäh­rend „Spie­gel Online“ – Sie ahn­ten es bereits – als Top-Mel­dung des „Panorama“-Ressorts auf der Start­sei­te ver­linkt hat.

Trotz­dem hat es die „New York Post“ geschafft, in die­ser Kür­ze noch eine wich­ti­ge Infor­ma­ti­on unter­zu­brin­gen, die „Spie­gel Online“ natür­lich auch noch irgend­wie wie­der­käu­en muss.

Und des­halb lau­tet der letz­te Satz des Arti­kels:

Im Publi­kum war auch Johans­sons Kol­le­gin Uma Thur­man („Kill Bill“).

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Musik

Nur noch kurz die Welt vernichten

Wie jeder geis­tig etwas spe­zi­ell gela­ger­te Musik­lieb­ha­ber ver­brin­ge ich gera­de mei­ne Tage damit, Bes­ten­lis­ten der Songs und Alben des Jah­res zu ersin­nen, zu ver­wer­fen und völ­lig neu zu bau­en. Es wird noch ein paar Tage dau­ern, bis ich hier mei­ne für exakt drei Mil­li­se­kun­den gül­ti­gen High­lights des Musik­jah­res 2011 depo­nie­ren wer­de.

Vor­her möch­te ich schon ein­mal die Gele­gen­heit nut­zen und mir den Unmut aus dem Leib schwäm­men, den eini­ge Songs die­ses Jahr bei mir ver­ur­sacht haben. Es ist gut mög­lich, dass ich das Schlimms­te über­hört habe, aber das, womit ich via Radio beläs­tigt wur­de, ist schlimm genug.

Fol­gen Sie mir also an den Ort, wo mini­ma­le Qua­li­tät auf maxi­ma­len Erfolg stößt:

5. Alex­an­dra Stan – Mr. Saxo­beat
Kla­mot­ten­lä­den und Radio ver­brei­ten die fro­he Kun­de: Das Neun­zi­ger-Revi­val gerät immer mehr in Fahrt. Eine Rück­kehr des Euro­dance hät­te es dafür nicht zwin­gend gebraucht, wobei „Mr. Saxo­beat“ vor allem dadurch zu ner­ven wuss­te, dass man dem Song schlicht nicht ent­ge­hen konn­te. Wenn die Ver­wer­tungs­ket­te bestehen bleibt, wird uns nächs­tes Jahr ein „Mr. Saxobeat“-Sample aus einem ame­ri­ka­ni­schen Hip-Hop-Song ansprin­gen, der dann über­ra­schend cool sein wird (vgl. O‑Zone -> T.I. und Had­da­way -> Emi­nem).

4. Nickel­back – When We Stand Tog­e­ther
Nun ja: Nickel­back halt. Der ein­fäl­ti­ge Rock­schla­ger über böse Regie­run­gen, Hun­ger und Armut auf der einen und das auf­rich­ti­ge, ein­fa­che Volk (inkl. kana­di­scher Rock-Mil­lio­nä­re) auf der ande­ren Sei­te hät­te zum Mot­to­lied von Ara­bi­schem Früh­ling und Occu­py-Bewe­gung wer­den können/​sollen, was er offen­sicht­lich nie gewor­den ist. Die­se Welt ist also viel­leicht doch gar nicht so schlecht.

3. Maroon 5 feat. Chris­ti­na Agui­lera – Moves Like Jag­ger
Eine Paa­rung, wie sie nur von den Mar­ke­ting­ab­tei­lun­gen gro­ßer Plat­ten­fir­men erdacht wer­den kann – wer sonst käme auf die Idee, eine bie­de­re Poprock­band, die ihre bes­ten Zei­ten hin­ter sich hat, mit einer Sän­ge­rin zu ver­ei­nen, die eben­falls den Zenit ihrer Kar­rie­re durch­schrit­ten hat? Die Span­nung zwi­schen den Inter­pre­ten knis­tert in etwa wie die Ero­tik zwi­schen Ange­la Mer­kel und David Came­ron, Beat und Hook­li­ne erin­nern in ihrer Schlicht­heit an das bereits ver­ris­se­ne „Mr. Saxo­beat“ und über­haupt hat der 68-jäh­ri­ge Mick Jag­ger ja wohl mal im klei­nen Zeh mehr Talent, Cha­ris­ma und Schwung als die­se ver­zwei­fel­te Reiß­brett-Num­mer, deren Erfolg die Ver­ant­wort­li­chen hof­fent­lich wenigs­tens ein biss­chen über­rascht und beschämt hat.

2. Sun­ri­se Ave­nue – Hol­ly­wood Hills
Eigent­lich fin­de ich ja, dass jede Band ihre Berech­ti­gung hat, wenn sie nur einen Hörer fin­det, dem die Musik etwas bedeu­tet. Sun­ri­se Ave­nue schaf­fen es immer wie­der, mei­ne libe­ra­le Welt­sicht in die­sem Punkt in Fra­ge zu stel­len. Ich mei­ne: Was soll das? Wie lang­wei­lig kann man einen „Rock­song“ spie­len? Und sind mit den „Hol­ly­wood Hills“ wirk­lich die chir­ur­gisch opti­mier­ten sekun­dä­ren Geschlechts­merk­ma­le jun­ger Ame­ri­ka­ne­rin­nen gemeint? Halt: Bit­te ant­wor­ten Sie der Hand, der Kopf will’s nicht hören.

1. Tim Bendz­ko – Nur noch kurz die Welt ret­ten
Vor­der­grün­dig hat hier jemand die Selbst­wahr­neh­mung der deut­schen Bun­des­kanz­le­rin ver­tont, tat­säch­lich ist die Debüt­sin­gle von Tim Bendz­ko die Sum­me all des­sen, was bei Singer/​Songwritern schief gehen kann: Über­af­fek­tier­ter Gesang, pein­li­cher, selbst­ver­lieb­ter Text und maxi­ma­le Mat­thi­as-Schweig­hö­fer-Gedenk-Wasch­lap­pen­haf­tig­keit in Vide­os und Inter­views. Bendz­ko sorgt dafür, dass ich Ele­fan­ten eigen­hän­dig auf das Dach des Burj Kha­li­fa schlep­pen und ihn damit von oben abwer­fen möch­te. Zumin­dest aber möch­te ich ihm ins Gesicht schrei­en: „Geh doch end­lich die ver­kack­te Welt ret­ten und hör ver­dammt noch mal auf zu sin­gen!“

Hach, das tat gut!