Der größte Fehler des Christian Wulff

Von Lukas Heinser, 5. Januar 2012 17:00

Ich habe ein bisschen Angst, einen Blogeintrag über Christian Wulff anzufangen, weil es bei der aktuellen Gemengelage denkbar ist, dass der Mann schon nicht mehr Bundespräsident ist, bevor ich den Text das erste Mal Korrektur lesen kann.

Natürlich kann Wulff seinen Versuch fortsetzen, gegen die gesamte deutsche Presse, aber mit dem deutschen Volk im Amt zu bleiben. Das hat zwar schon bei Karl-Theodor zu Guttenberg nicht funktioniert (und der hatte immerhin bis zum Schluss die „Bild“ auf seiner Seite), aber Wunder gibt es immer wieder.

Zwar war Wulffs Rückhalt in der Bevölkerung vor dem gestrigen TV-Interview schon merklich gesunken (am Mittwoch waren nur noch 47 Prozent dafür, dass Wulff im Amt bleiben sollte, am Montag waren es noch 63 Prozent), aber vielleicht hat Wulff das sogenannte einfache Volk mit seinem merkwürdigen Auftritt bei ARD und ZDF besser überzeugen können als die Journalisten. Wahrscheinlich ist dies allerdings auch nicht.

Wie dem auch sei: So lange die Affäre Wulff die Titelseiten füllt und weite Teile der Nachrichtensendungen ausfüllt, so lange geht natürlich unter, dass sich Europa immer noch in einer großen Krise befindet, dass sich die Stimmung zwischen dem Iran und dem Rest der Welt täglich verschlechtert. Und ich meine das nicht in dem Sinn, mit dem Online-Kommentatoren „Habt Ihr denn sonst keine Sorgen?“ fragen.

Als Richard Nixon im Zuge der Watergate-Affäre seinen Rücktritt als US-Präsident erklärte, tat er dies mit den unsterblichen Worten:

I have never been a quitter.

To leave office before my term is completed is abhorrent to every instinct in my body. But as President, I must put the interests of America first.

America needs a full-time President and a full-time Congress, particularly at this time with problems we face at home and abroad.

Nun unterscheiden sich die Befugnisse von US- und Bundespräsident fundamental: Vermutlich würde es niemandem auffallen, wenn Christian Wulff die letzten dreieinhalb Jahre seiner Amtszeit tatsächlich ausschließlich mit der Beantwortung der vielen, vielen Journalistenanfragen verbrächte. Einen Vollzeitpräsidenten hatte und brauchte Deutschland nie — weswegen ich übrigens den Vorschlag von Friedrich Küppersbusch aufs Heftigste begrüße, das Amt des hauptberuflichen Grüßaugusts abzuschaffen und den Bundestagspräsidenten zum Staatsoberhaupt zu machen.

Wulff lähmt vielleicht noch nicht einmal die Politik — Politiker von Koalition und Opposition, die sich wortgewaltig vor TV-Kameras um das Ansehen des höchsten Amts im Staate sorgen, können in dieser Zeit keinen anderen Schaden anrichten. Aber Wulff lähmt das öffentliche Leben in Deutschland: Die Medien beschäftigen sich seit Tagen mit kaum etwas anderem und wissen vermutlich längst, was sie als nächstes noch alles aufdecken werden — als Fortsetzungsroman verkauft sich jeder Skandal besser denn als abgeschlossene Erzählung und wer hat denn gesagt, dass Salamitaktiken nur etwas für Politiker sind? Der volkswirtschaftliche Schaden, der seit Tagen durch die vielen Wulff-Witze (seit gestern auch noch: Schausten-Witze) auf Facebook und Twitter entsteht, die alle während der Arbeitszeit gelesen und geteilt werden müssen, ist sicher auch nicht zu verachten.

Christian Wulff hat in dem gestrigen Interview viel davon gesprochen, dass er Freunde und Familie habe schützen wollen und sich deshalb mit Informationen zurückgehalten habe. Es steht außer Frage, dass die Redaktionen noch genug Munition haben, um den waidwunden Präsidenten abzuschießen (um mal eine martialische Phrase zu vermeiden). Die Chancen stehen gut, dass es dabei um weitere Details aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis geht. Auch wenn ich nicht glaube, dass die in den vergangenen Tagen mehr oder weniger offen kolportierten Gerüchte zutreffen, so wäre Christian Wulff doch gut beraten, sein Umfeld aus der Schusslinie zu bringen.

Andererseits könnte es sein, dass das nun auch nichts mehr bringt: Wulff hat gestern im Fernsehen erzählt, er habe „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann auf dessen Mailbox gebeten, „um einen Tag die Veröffentlichung zu verschieben, damit man darüber reden kann, damit sie sachgemäß ausfallen kann“. Diekmann hielt heute dagegen und bat Wulff öffentlich um die Genehmigung, den Wortlaut des Anrufs veröffentlichen zu dürfen. Allein für diese Gelegenheit, dass sich Kai Diekmann als moralische Instanz und flauschiges Unschuldslamm präsentieren kann, muss man Wulff verachten. Jetzt hat Wulff abgelehnt und damit mutmaßlich die Pforten zur Hölle aufgestoßen.

Der präsidiale Ausraster auf seiner Mailbox dürfte kaum Diekmanns letzter Trumpf gewesen sein. Wahrscheinlich ging er fest davon aus, dass Wulff seine Bitte zur Veröffentlichung negativ bescheiden würde, und hat die Anfrage deshalb gleich öffentlich gemacht. Diekmann konnte zwei Mal „im Sinne der von Ihnen angesprochenen Transparenz“ argumentieren und hat den Präsidenten damit faktisch schachmatt gesetzt: Setzt man voraus, dass Diekmanns Version der Geschichte stimmt, wäre Wulff der Lüge überführt gewesen und damit endgültig untragbar. Setzt man voraus, dass Wulffs Version stimmt, hat er jetzt immer noch das Problem, nicht „im Sinne der Transparenz“ gehandelt zu haben. Er konnte nur noch verlieren.

Es ist leicht, auf einen Abzockvollprofi wie Kai Diekmann reinzufallen, aber einem Spitzenpolitiker (auch wenn er „ohne Karenzzeit, ohne Vorbereitungszeit“ in sein aktuelles Amt gekommen ist) sollte das nicht passieren. Ich fände es deprimierend, sagen zu müssen, dass man sich mit „Bild“ nicht anlegen sollte, und glaube das auch nicht. Aber man muss schon wissen, wie man es macht — und dabei in einer etwas glücklicheren Ausgangsposition sein, als Wulff es war.

Kaum jemand stolpert, privat oder beruflich, über einen einzelnen großen Fehler. Meist ist es eine unglückselige Verkettung vieler kleiner und mittlerer Fehler. Egal, was jetzt noch rauskommt: Der größte Fehler, den Christian Wulff in meinen Augen gemacht hat, war der, „Bild“ und Kai Diekmann die Gelegenheit zu geben, sich als seriöse, moralische Journalisten inszenieren zu können, was ihnen die Menschen vielleicht mehr abkaufen als Wulff seine Rolle als reuiger Sünder. Wulff hat „Bild“ die Macht zurückgegeben, die die Zeitung eigentlich nicht mehr hatte.

27 Kommentare

  1. jensen
    5. Januar 2012, 17:10

    In bin mal voll prollig und sage: „WORD!“

  2. dermax
    5. Januar 2012, 17:25

    Yo, der letzte Satz ist die Kernaussage, alleine dieses Scharmützel macht ihn untragbar. Aber wenn man sich vor Jahren mit diesen Leuten gemein gemacht hat, muss man auch langfristig die Konsequenzen tragen. Das kann auch Lothar „warum darf ich nirgends trainieren“ Matthäus bestätigen…

  3. Kunar
    5. Januar 2012, 17:37

    „um einen Tag die Veröffentlichung zu verschieden“

    Kein „[sic!]“ hinter dem „verschieden“? Oder müsste das „verschieben“ heißen?

  4. Lukas Heinser
    5. Januar 2012, 17:42

    Man sollte sich nie auf Transkribtionen verlassen, auch nicht auf die von anderen …

    Muss natürlich „verschieben“ heißen und ist korrigiert. Danke!

  5. Der Hashtag-Countdown. « 3Toastbrot
    5. Januar 2012, 18:04

    […] Der größte Fehler des Christian Wulff […]

  6. abc
    5. Januar 2012, 18:28

    Ich glaube nicht, dass Wulff sobald geht, einfach aus dem Grund, dass er einfach bleiben kann, wenn er will: Ein Minister kann vom Regierungschef entlassen werden, ein Regierungschef abgewählt. Natürlich passiert das normalerweise nicht, aber es führt dazu, dass ein Rücktritt üblicherweise erfolgt, sobald die entsprechende Partei der Meinung ist, er sei notwendig. Bei Wulff gibt es überhaupt keine Art von Druck und so kann er einfach bleiben. Wenn Guttenberg diese Möglichkeit gehabt hätte, wäre er wahrscheinlich auch noch im Amt.

  7. DW
    5. Januar 2012, 18:54

    Das Problem dürfte sicher auch sein, dass Wulff nicht weiß, was Dieckmann noch in der Hinterhand hat. Einiges ist ihm vielleicht gar nicht mehr bewusst, so dass er es auch nicht gestehen kann, und anderes ist womöglich schlicht erfunden – aber wer würde ihm noch glauben, wenn er Lügen der BILD widersprechen würde?

    Ansonsten sehe ich das gleiche Problem wie Du: in den letzten Jahren wurde der BILD ja wiederholt gezeigt, dass sie bei weitem nicht mehr so mächtig ist wie einst (siehe Stoiber, Guttenberg, und in Berlin den Tempelhof- und den ProReli-Entscheid). Leider ist dies noch nicht bei allen Politikern angekommen, so dass sie immer noch vor der BILD kuschen. Und in dieser Hinsicht trägt der Fall Wulff(s) sicher nicht dazu bei, den Stern der BILD weiter sinken zu lassen.

    Und sollte Wulff doch zurücktreten: Ich war eh schon immer für Gesine Schwan. :)

  8. Mr. Truth
    5. Januar 2012, 20:25

    Ich denke schon, dass Wulff ganz genau weiß was die Bild noch alles gegen ihn in der Hinterhand hat. Die spielen ihr Spiel jetzt einfach weiter eiskalt weiter – wie beim Schach und der arme Wulff denkt er könnte noch gewinnen obwohl die Bild ihm schon alle Figuren abgeknöpft hat und ihn nur noch übers Feld jagt….

  9. QuerBlog › Auch ein sehr guter Kommentar, der allerdings auch nur eine Stoßrichtung kennt. › Von Horst › gbl, Google
    5. Januar 2012, 20:39

    […] Coffee And TV: » Der größte Fehler des Christian Wulff Der größte Fehler des Christian Wulff. Von Lukas Heinser am Donnerstag, 5. Januar 2012 17:00 Kategorie: Living In A Magazine, Political Science, Social Distortion. Ich habe ein bisschen Angst, einen B… […]

  10. Löwe.Ross
    5. Januar 2012, 22:06

    Ich finde es einfach nur ärgerlich, dass mal wieder ein Politiker seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird. Und wer sich mit Bild anlegt, sollte einfach wissen, was er tut. Dass Bild dadurch wieder an Glaubwürdigkeit gewinnt, ist zum Ko…Was will man machen? Solche Geschichten führen dann zu Politikverdrosseheit in jedem Alter!

  11. Matthias Schumacher
    5. Januar 2012, 23:22

    Falls er doch noch über diese Sache nahe dem Nichts stürzen sollte, so wird man lange streiten, ob es Wulff selbst oder BILD war, die ihn zu Fall brachte. BILD hat noch keinen Bundespräsidenten gestürzt und es scheint, sie hat es sich fest vorgenommen. Aus Gnatz, aus Spaß, aus Rache. Es ist schwer, dieser Tage dem Sturm der Entrüstung zu widerstehen. Der Gleichklang in den Medien ist erschreckend und erschreckend fern des Volkes. Laut Umfragen will die Mehrheit der Deutschen nicht, dass Wulff zurücktritt. Was BILD ärgern dürfte. Vielleicht ist ihre Macht ja doch nicht so groß.

  12. Felix
    6. Januar 2012, 1:07

    Wenn Wulff ein besserer Bundespräsident wäre, würde diese „Sache nahe dem Nichts“ denke ich auch weit weniger Wirkung haben.
    Die Arche Rau ging ja auch nicht unter als man ein kleines Leck fand.
    Das Wulff’sche Schlauchboot hingegen..

  13. DW
    6. Januar 2012, 9:52

    Ich habe gerade mit Befremden gesehen, dass die ersten vier Artikel auf tagesspiegel.de/politik nur von Wulff handeln. Angesichts der Ereignisse z.B. in Syrien nimmt die Berichterstattung dazu inzwischen bedenkliche Ausmaße an, zumal es ja auch nichts wirklich Neues gibt außer vielleicht einiger O-Töne von Hinterbänklern.

    Nebenbei könnte dadurch das Gegenteil des offensichtlichen Ziels erreicht werden: Dadurch, dass nun wirklich ALLE Medien sich gegen Wulff gestellt haben (bei Guttenberg war es immerhin ausgeglichen), könnte in der öffentlichen Wahrnehmung bald das Mitleid mit Wulff überhand gewinnen.

    Auf jeden Fall schafft es Deutschland, sich seit Jahresbeginn nur mit sich selbst zu beschäftigen, und zwar mit einem eher unwichtigen Thema. Andererseits: Solange sich die BILD darüber erregt, lässt sie wenigstens „die Griechen“ in Ruhe. So hat die Sache wenigstens doch etwas Gutes.

    Da ich ja zurzeit in Polen lebe, fand ich es interessant zu erfahren, ob und wie polnische Medien eigentlich über den Fall berichten – und habe die Ergebnisse meiner Kurzrecherche hier zusammengefasst:

    http://przygodapolska.wordpres.....en-medien/

  14. Timo
    6. Januar 2012, 11:03

    Erschreckend, wie diese einst als um ihre Macht geglaubte Zeitung nun plötzlich wieder ins reale Politikgeschehen eingreifen kann! Und sich selbst sogar als moralischer Dampfhammer stilisiert…
    Miese Erpresser sind das.

  15. Matthias Schumacher
    6. Januar 2012, 11:16

    DW: Da ist viel Wahres dran.
    Aber sobald man mit Sätzen ankommt wie „Haben wir keinen anderen Sorgen?“ wird man als Beschwichtiger und Verharmloser abstempelt. Das hat hierzulande den gleichen Effekt wie wenn man sagt „Und weltweit verhungern täglich 10.000 Kinder“.
    Als Deutscher bilde ich mir ein, die Deutschen und ihre Mentalität ganz gut zu kennen. Hohn und Spott, Neid und Missgunst sind bei uns eben besonders verbreitet. Bigotterie ist allzu menschlich. Lange habe ich übrigens versucht, einer japanischen Freundin, das Phänomen der Schadenfreude zu erklären. Kennt der Japaner an sich nicht.

    Erstaunlicherweise sehe ich grad, wie sich die Stimmen pro Wulff mehren, und wenn schon nicht pro Wulff, dann zumindest die, die ein vernünftiges Bewerten dieser Angelegenheit fordern. Es gibt halt auch noch andere Dinge.

    Ich bin allerdings auch der Versuchung erlegen, mich (wenn auch glossenhaft) zu äußern. Habe aber (bis auf zwei, drei Nebensätze und Sticheleien zwischen den Zeilen) nichts über Häuser, Kredite usw. geschrieben. Ändert sich ja minütlich (hat Lukas am Anfang sinngemäß auch geschrieben).

    Ich lese recht viele ausländische Medien und da ist Wulff oft nur eine Randnotiz, wenn er überhaupt stattfindet. Ist eben ein innenpolitisches Thema, nur politisch, weil ein Politiker beteiligt ist. Und eine Machtfrage ist es auch. Und interessengesteuert. Und im Grunde stinklangweilig.

  16. DW
    6. Januar 2012, 11:53

    @ Matthias Schumacher:

    „Haben wir keine anderen Sorgen?“ Der Fall Wulff ist gerade mal die Spitze des Eisbers, es geht auch noch irrelevanter: Die Berliner Verkehrsbetriebe experimentieren an einem neuen U-Bahngong, und das war der Abendschau gleich mal einen Bericht wert. Unangefochten auf Platz 1 der irrelevanten Nachrichten sind aber die „Heute gab es Wetter – wie haben die Deutschen/Berliner/Münchener/Eichhörnchen darauf reagiert?“-Berichte in vielen „Nachrichten“-Sendungen.

    Ich muss zugeben, dass ich gar nicht mehr genau weiß, worum es in der Wulff-Affäre eigentlich ursprünglich ging. Er hat von irgendwem vergünstigste Kredite bekommen und bei irgendwelchen Freunden übernachtet. Da ich aber schon seit Jahren aufgegeben habe, konservative Politiker an ihren eigenen Ansprüchen zu messen, hat mich das nur am Rande interessiert.

    „Hohn und Spott sind weit verbreitet“: Dem kann ich mich nur anschließen, auch wenn ich mich davon nicht immer ausnehme. Das mit dem Neid finde ich schon schwieriger, weil berechtigte Kritik von den Anhängern Kritisierter oft schlicht mit dem Argument „Neid“ zurückgewiesen wird – zuletzt besonders gut bei Guttenberg sichtbar.

    „Ausländische Medien“: Irgendwie scheint in Deutschland die Ansicht verbreitet zu sein, dass die ganze Welt ständig gespannt darauf guckt, was eigentlich in Deutschland passiert – und dann ist die Enttäuschung groß, wenn dem nicht so ist. In Großbritannien kommt Deutschland wohl vor allem in Form von Dokumentationen über das „Dritte Reich“ (oder überhaupt Nazi-Vergleichen und Großmachtsfantasien) vor – was natürlich ziemlich ärgerlich ist. Andererseits: Frankreich taucht doch in deutschen Medien auch allenfalls in Zusammenhang mit Sarkozys Eskapaden auf, und Polen eigentlich nur, wenn es um Autodiebstähle, Hooligans, Deutschenfeindlichkeit oder (die) Kaczyński(s) geht.

  17. DW
    6. Januar 2012, 13:03

    Ganz interessant finde ich diese Aussage:

    http://www.tagesschau.de/multi.....sStructure

    Spannend ist dabei weniger die Zahl derer, die Wulff beim Interview überzeugend fanden oder auch nicht, sondern dass sich 91 % der Befragten in der Lage sehen, die Frage nach der Überzeugungskraft Wulffs zu beantworten. Davon ausgehend, dass der ARD-Deutschlandtrend repräsentativ ist, heißt das also, dass 91 % der Deutschen das Interview gesehen haben müssen (wie sonst sollte man sich eine Meinung zu Wulffs Überzeugungskraft bilden?). Selbst, wenn man vielleicht die Zuschauer in den Mediatheken oder auf anderen Videoplattformen noch dazu rechnet – ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass sich 91 % der Deutschen das Interview angesehen haben.

    Kurz: Das Ergebnis kann doch nur auf die Begleitberichterstattung und -analyse zurückzuführen sein, und die war ja nun wahrlich nicht wulfffreundlich.

    Oder habe ich irgendwo einen Denkfehler drin?

    An sich erinnert mich das ein wenig an Cherno Jobatey, der ja auch pauschal schlecht gefunden wird – und ich habe mich auch schon dabei ertappt, ihn schlecht zu finden, obwohl ich seine Sendungen eigentlich nie sehe.

  18. Christoph
    6. Januar 2012, 16:43

    http://www.spiegel.de/politik/.....02,00.html

    also wenn das die weitere „Munition“ sein soll, dann find ich das schon ziemlich langweilig.

  19. PoshSpice
    6. Januar 2012, 18:33

    Ne, Wulff lähmt nicht das öffentliche Leben, wie Herr Heinser beschreibt. Das machen eigentlich nur die Journalisten, die aus nem Anruf bei einem Tittenblatt (der sicherlich extremst ungeschickt war und unpassend für einen Präsidenten ist) einen Angriff auf die Pressefreiheit zaubern. Wie kann man nur dem Blatt eine derartige Relevanz einräumen? Wäre das ein Anruf bei SPIEGEL, der Süddeutschen, der FAZ, der Zeit, etc. gewesen: Ja, gerne! Aber BILD…???
    Ich bin Doktorand und zitiere selbst manchmal aus Zeitungsliteratur. Würde ich die BILD als Quelle nehmen: Mein Prof. würde mich einfach auslachen.

    Wir wollen mal ehrlich sein: Wäre das mit Wulff jetzt nicht, würden wir in sämtlichen Medien jetzt mal wieder etwas über den Bau eines Bahnhofs in einer Stadt in Baden-Württemberg lesen und warum das jetzt gut oder schlecht für Deutschland ist.
    Herr Heinser hat insoweit recht: Relevanter wäre die Eurokrise. Relevanter wäre auch der Reaktorunfall in Japan. Relevanter wäre auch die Hungersnot in Haiti, die seit dem Tsunami vor ein paar Jahren dort immer noch nicht beendet ist. Relevanter wäre auch die Hungersnot in Ostafrika, die ja weiterhin vorherrscht.
    Würden wir von den letzten genannten Themen irgendwas in der seriösen Presse lesen, wenn die Causa Wulff nicht wäre? Fakt: NEIN!

    Wie können ernsthafte deutsche Journalisten einem derart unwichtigen Blatt wie der BILD nur eine derartige Relevanz einräumen? Stürzt demnächst unser Verkehrsminister, falls er mal mit 120 km/h in einer Autobahnbaustelle geblitzt wird und er daher nicht mehr als Vorbild taugt?

  20. Felix
    6. Januar 2012, 19:23

    Zumindest in Bayern kann man durchaus Verkehrsminister sein, wenn man vorher (in Folge von Trunkenheit am Steuer) ein Jahr auf Bewährung für grob fahrlässige Tötung bekommen hat..

  21. Coffee And TV: » Christian Wulff schockt Redakteure
    7. Januar 2012, 17:48

    […] langsam wird es wirklich eng für Christian Wulff. “Spiegel Online” kann heute mit einer weiteren Enthüllung aufwarten, die den […]

  22. Howie Munson
    7. Januar 2012, 19:20

    Spannend ist dabei weniger die Zahl derer, die Wulff beim Interview überzeugend fanden oder auch nicht, sondern dass sich 91 % der Befragten in der Lage sehen, die Frage nach der Überzeugungskraft Wulffs zu beantworten. Davon ausgehend, dass der ARD-Deutschlandtrend repräsentativ ist, heißt das also, dass 91 % der Deutschen das Interview gesehen haben müssen (wie sonst sollte man sich eine Meinung zu Wulffs Überzeugungskraft bilden?).

    „Befragte“ sind immer nur die, die sich auch befragen lassen…. steht da ja nie wieviele einfach „keine Zeit“ gesagt haben als sie die erste Frage hörten…

    und da findet eindeutig eine Vorselektion statt, da die Fragestellung ja oft genug auch Dinge miteinander verbindet die nicht zwingend kausal zusammnenhängen. Hab einmal eine Telefonumfrage mitgemacht (wurde zufällig angerufen), würde ich nicht wieder machen, dauerte zu lang und die vorgegebenen Antworten waren doch sehr limitiert.

    bei der „überzeugend“ / „nicht überzeugend“ Frage kann man aber auch davon ausgehen das viele gesagt haben:“das was ich davon mitbekommen hab fand ich eher (nicht) überzeugend“ anstatt „weiß nicht/keine Angabe“.

  23. Christoph
    8. Januar 2012, 17:08

    Ich finde nicht, dass Wulff der Bild-Zeitung damit Bild die Macht zurückgegeben hat, die sie eigentlich nicht mehr hatte. Vergleicht man die Causa Guttenberg und die Causa Wulff miteinander, so fallen doch erhebliche Unterschiede auf. Bei Wulff ist es die gesamte Medienlandschaft, die versucht, ihn mit ihrer Meinungsmacht aus dem Amt zu drängen. Darunter befindet sich auch die Bild-Zeitung, die das ganze angestoßen hat und sich jetzt leider als die Speerspitze der Pressefreiheit inszenieren darf.
    Bei zu Guttenberg aber hat die Bild-Zeitung sich übernommen und versucht, ihn trotz massiver und berechtigter Vorwürfe ihm Amt zu halten, entgegen der in der in anderen ernstzunehmenderen Presseerzeugnissen postulierten Meinung, er müsse zurücktreten.
    Dass die Bild-Zeitung diese Macht nicht mehr hat, ist gut. Zu glauben, sie hätte überhaupt keine Macht mehr, ist lediglich Augenwischerei.

  24. DW
    8. Januar 2012, 17:28

    @ Christoph, #23

    „Wulff hat BILD die Macht zurückgegeben, die sie nicht mehr hatte“ und „BILD hat immer noch Macht“ sind nicht zwangsläufig Gegensätze. Die Alternativen sind ja nicht unbedingt „Macht haben“ und „keine Macht haben“, es gibt ja auch Abstufungen.

  25. Was ich loswerden will (63) « Düstere-Grenze
    8. Januar 2012, 23:37

    […] Der größte Fehler des Christian Wulff […]

  26. Christoph
    9. Januar 2012, 8:08

    @DW

    das „eigentlich“ in dem Satz, der über die Macht spricht, die Bild jetzt anscheinend doch wieder hat, verlinkt aber auf einen Artikel mit zu Guttenberg. Damit hab ich es auch verglichen. Sicherlich gibt es Abstufungen. Nur taugt eben der Guttenberg-Vergleich nicht wirklich in dieser Diskussion, weil es sich um eine andere Art von Machtprobe handelt.

  27. PoshSpice
    31. Januar 2012, 0:06

    Ergänzend zu meinem Beitrag vom 6. Januar.:
    Zur Qualität des deutschen Journalismus:
    SpiegelOnline hat Herrn Wulff jetzt noch abschließend vorgeworfen, auf dem Oktoberfest zwei Maß Bier und ein Brathähnchen entgegengenommen zu haben. Weiterhin hat er sich noch durch ein BobbyCar bereichert, welches jetzt im Bundespräsidialbüro steht (Man muss sich das mal vorstellen: Ein Präsident, der ein Bobbycar angenommen hat! Dramatik pur!).
    Mittlerweile ist ein Kreuzfahrtschiff im Mittelmeer gekentert und der deutsche „Qualitätsjournalismus“ schrieb augenblicklich nichts mehr über die Causa Wulff.

    SpiegelOnline ist die „Costa Concordia“ anscheinend heute auch schon leid, man rotzt gerade mal wieder über die Pharmaindustrie her (ein echter Dauerbrenner: Pharmaindustrie ist böse und Ärzte sind alle korrupt).

    War da irgendwas noch mit dem Euro? Ich finde da gerade nichts mehr darüber, weder auf SpON, auf FAZ.net, noch auf Sueddeutsche.de.
    Ist das echt Journalismus, was ich da lese?

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