Hallo Endorphin

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 24. August 2011 21:52

Als ich auf dem Haldern-Pop-Festival stand, dachte ich so vor mich hin, dass ich im Moment kaum Interesse an melancholischer Musik habe und lieber den ganzen Tag Andrew W.K. höre, und dass mich selbst die großartigsten Konzerte und Platten nicht mehr so packen wie noch vor Jahren. (Immerhin habe ich in diesem Jahr verstanden, dass niemals ein Festival oder Konzert für mich so eine Bedeutung haben wird wie das Haldern 2001, weil niemals mehr eine Band so eine Bedeutung haben wird wie Travis für den 17-jährigen Lukas.)

Dann hörte ich auf WDR2 (einem Sender, den ich Tag für Tag demütig ertrage, weil er mich alle paar Wochen bis Monate mit einem grandiosen Song überrascht, den ich bis dahin gar nicht auf dem Schirm hatte) einen Song, den ich zunächst für einen Oldie hielt. Es handelte sich aber, so erfuhr ich alsbald, um die recht aktuelle Single eines Mannes namens Jonathan Jeremiah:

Ich habe keine Ahnung, was andere Medien über Jonathan Jeremiah schreiben und wie bekannt er inzwischen ist — und es interessiert mich auch nicht. Ich habe bei iTunes kurz in sein Debütalbum “A Solitary Man” hereingehört und es dann gekauft. Seitdem läuft es nahezu ununterbrochen und lässt mein Leben wirken wie eine sehr luftige romantische Komödie.

Der Klang dieses Albums ist phantastisch. Es klingt, als habe man aus Samples von 60er- und 70er-Jahre-Platten ein neues Album zusammengebaut. Vom Sound des Schlagzeugs über das Flügelhorn bis hin zu den Streichern ist es der Originalklang von Burt Bacharach und Bill Withers. Alles passt so gut zusammen und klingt so authentisch, dass ich mich ständig frage, ob das nicht zu perfekt ist, zu kalkuliert.

Doch nichts an diesem Album wirkt kalkuliert. Es hat den warmen Sound eines sehr sonnigen Herbstnachmittags (die tiefstehende Sonne auf dem Albumcover mag da in die Rezeption mit reinspielen) und die Stimme von Jonathan Jeremiah klingt sehr liebenswürdig und vertraut, wenn er über verlorene Liebe, Einsamkeit und das Zuhause (“where my people live”) singt. Das Album ist 37 Minuten kurz und ich bin jedes mal erstaunt, wenn es schon wieder durchgelaufen ist — obwohl ich die ganzen 37 Minuten mit Gänsehaut und völliger Verzückung zugehört habe.

Ich möchte mich mit Superlativen zurückhalten — zum einen, weil ich immer noch ein bisschen Angst habe, in ein paar Jahren diesen Blogeintrag wiederzufinden und mich in Grund und Boden zu schämen (aber diese Angst lässt minütlich nach), zum anderen, weil ich in den letzten Monaten und Jahren ja durchaus viele tolle Alben gehört habe, die mich durchaus berührt haben (das großartige neue Bon-Iver-Album ist hier im Blog sträflicherweise immer noch unerwähnt, aber das wurde ja sowieso überall abgefeiert). Aber “A Solitary Man” ist schon ein sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr tolles Album.

Bitte kaufen Sie sich das und schenken Sie es allen Menschen, die Sie gern haben!

18 Kommentare

  1. Haake
    24. August 2011, 22:55

    Ging mir mit dem Oldie-Gedanken heute genauso, als ich den Song im Radio gehört (motorfm – ich weiger mich, den neuen Namen zu schreiben). Feiner Song. Höre mir das Album dann mal an…

  2. Jonathan Jeremiah – Happiness | PopSuite
    24. August 2011, 23:31

    […] Lukas schreibt schöne Dinge über Jonathan Jeremiah‘s Debütalbum “A Solitary Man“, wie ich es niemals könnte. Daher bitte erst einmal dort weiterlesen. Kategorie: Musik Tags: jonathan jeremiah Tweet […]

  3. Hannah
    24. August 2011, 23:39

    Endlich sagt mir mal jemand, wie mein Dauer-Ohrwurm heißt… :)

  4. Steffi
    25. August 2011, 7:26

    Gefällt mir. Danke für den Tipp!

  5. SvenR
    25. August 2011, 9:20

    Wird gemacht.

  6. tyko
    25. August 2011, 9:50

    Ich mag’s auch. Gut ist, dass er immer die Kurve kriegt, bevor es zu schnulzig wird.

    Der “Oldi-Sound” kommt wohl von den Streichern und daher, dass seine Stimme schon irgendwie wie die von Cat Stevens klingt ;)

    Der Refrain erinnert mich auch an irgendwas, ich komm aber gerade nicht drauf.

  7. krusty20
    25. August 2011, 13:54

    “Bitte kaufen Sie sich das und schenken Sie es allen Menschen, die Sie gern haben!”

    Beides schon längst umgesetzt!

    Ich bin über “Happiness”, das ich im Radio auf einem Sender hörte, dem ich diese Art von Musik nicht im Ansatz zugetraut hätte, auf Jonathan Jeremiah gestoßen und finde die Musik einfach nur zauberhaft. Danach wurde sie nicht nur gleich gekauft, sondern auch verschenkt.

    Schön, dass es anderen auch so geht. :-) Und wenn Du Dich in ein paar Jahren doch für diesen Blogeintrag in Grund und Boden schämen solltest, dann warst Du zumindest nicht allein mit Deinem Geschmack. ;-)

  8. driftwood
    25. August 2011, 14:21

    Hach Travis! Ich war zwar damals erst 15 aber das the man who-Album eine seelische Offenbarung.

  9. MaxSonic
    26. August 2011, 8:43

    Vielen Dank für den bezaubernden Tipp. Kaufempfehleung wird in Kürze umgesetzt…

  10. CarmenR
    28. August 2011, 15:56

    Burt-Bachararesque.

  11. birgit
    29. August 2011, 16:03

    Habe mir das Album gerade vom Muttertags-iTunes-Geschenkgutschein meiner Kinder gekauft, danke für den Tipp!

  12. Tommy
    30. August 2011, 7:33

    Dachte auch das wär ein Oldie. Nicht die Stimme aber das Instrumental von Barry White. Hat man spontan Lust auf kitschigen Geschlechtsverkehr.

  13. SvenR
    2. September 2011, 12:30

    Ich weiß jetzt schon, dass ich diese Frage bereue: Was ist denn kitschiger Geschlechtsverkehr?

  14. Keks
    3. September 2011, 13:26

    Ich höre gerade in iTunes rein und bin bereits verliebt. Vielen Dank für den Hinweis. Ich gehe nun meine Kopfhörer suchen.

  15. Ralf
    5. September 2011, 9:38

    Ging mir kürzlich bei Einslive genauso (WDR App ;-). Da lief Boy mit ‘Little Numbers’. Jetzt hab ich die CD zu Hause (die erste seit längerer Zeit)

  16. tyko
    7. September 2011, 13:46

    Apropos 70er und apropos gute Musik verbreiten: Undbedingt Sister Bessie von Air (nich zu verwechseln mit der französischen Band) und das Album auschecken!

  17. Fräulein Wunder - von Keksen und Krümeln // fraeulein.patschpatsch.com
    10. September 2011, 16:22

    […] Hier gefunden und auf Grund der Rezension sofort auf iTunes erstanden. […]

  18. Coffee And TV: » Songs des Jahres 2011
    8. Januar 2012, 17:01

    […] Jonathan Jeremiah – Happiness Mein Jahr 2011 lässt sich in zwei Teile teilen: den vor Jonathan Jeremiah und den danach. Mit “Happiness” fühlt sich mein Leben an wie eine britische Komödie […]

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