Wenn es passiert

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 15. August 2011 3:20

Ja, das mit den Podcasts hat nicht geklappt. Das Mikrofon lief nur am HTC-Smartphone, aber da funktionierte die zugehörige App plötzlich nicht mehr. Das tat sie zwar auf dem iPod touch, aber der weigerte sich, das Mikro anzuerkennen. Die Zukunft liegt im CB-Funk, sag ich Ihnen. Egal …

Jedenfalls hab ich jetzt von jedem Act, den ich gesehen hab, ein einminütiges Video gedreht, das Sie hier zu sehen bekommen.

Festivals sind wie “Lethal Weapon”-Filme: Das Personal ist weitgehend gleich, die einzelnen Versatzstücke sind bekannt und alle paar Minuten sagt jemand, er sei zu alt für diesen Scheiß. Es fliegen nur weniger Dinge in die Luft und es werden weniger Leute von Surfbrettern enthauptet.

Die wichtigste Nachricht noch zu Beginn: Das Tragen von Jeanshemden ist in Deutschland offenbar wieder straffrei möglich. Vermutlich hat die Bundesregierung verschlafen, das entsprechende Gesetz zu verlängern und jetzt haben wir alle den Salat. Schön ist das nicht!

Und nun: Musik!

Yuck

In Haldern steht ein Spiegelzelt und ich hasse es — wenn ich nicht reinkomme. Vor dessen Einlass hat sich eine mehrere hundert Meter lange Schlange gebildet, in denen die Menschen friedlich und in Zweierreihen darauf warten, noch hineingelassen zu werden. Einigermaßen vergeblich, wie ihnen selbst klar sein muss. Aber die Konzerte von drinnen werden nach draußen in den Biergarten übertragen und so können wir alle Yuck aus London sehen und hören, die neue Shoegaze-Sensation. Der angenehm schrammelige Sound ihres selbstbetitelten Debütalbums kommt auch live schön rüber und das Jeanshemd darf der Sänger (der in jedem Bob-Dylan-Biopic die Idealbesetzung wäre) ja wieder tragen.

Julia Marcell

Mit ihrer durchsichtigen Bluse bringt Julia Marcell ein bisschen ESC-Atmosphäre aufs Haldern. Vielleicht ist es aber auch nur ein Regencape, sowas tragen hier draußen grad alle. Musikalisch wäre das stellenweise auch beim Songcontest denkbar, aber mit diesen Björk-Anleihen käme Polen vermutlich nicht ins Finale. Julia Marcells neues Album erscheint auf Haldern Pop Recordings, das Programmheft spricht von “Opulenz”, was es wohl ganz gut trifft.

The Avett Brothers

Das könnten vom Publikumszuspruch her die nächsten Mumford & Sons werden — nur, dass die Avett Brothers schon viel länger dabei sind und (zumindest zum Teil) wirklich Brüder sind. Bei den diesjährigen Grammys haben sie gemeinsam mit Mumford & Sons und Bob Dylan performt und damit ist ja wohl alles gesagt. Ihr folkiger Rock mit Bluegrass- und Punkeinflüssen kommt super an, die Menschen tanzen auch draußen im Nieselregen, nur der Sound ist leider sehr schlecht.

206

In Haldern steht ein Spiegelzelt und ich liebe es — wenn ich reinkomme. Der Freitag beginnt daher mit Punk aus deutschen Landen. Spannungsbögen sind eher selten, die meiste Zeit wird durchgeknüppelt — das aber virtuos. Genau das Richtige zum Einstieg in einen langen Festivaltag, die Texte schwanken (und das ist ja immer der Nachteil von deutschen Texten, dass man sie auch im größten Lärm noch versteht) zwischen Schüler- und Studentenband. Ob mir das jetzt auf Platte gefiele, müsste ich erst mal testen, aber live macht es großen Spaß, wie man an den strahlenden Gesichter der hüpfenden Menschen (in Haldern wird nicht gepogt!) ablesen kann.

Johnny Flynn

Diesen jungen Briten (na gut, er ist älter als ich) hatte mir eine Freundin ans Herz gelegt und ich muss sagen: Ja, gut, Mädchenmusik halt. Ich habe gerade keine Männer-mit-Gitarre-Phase in meinem Leben, ansonsten ist es nicht völlig undenkbar, dass mir das gefallen könnte.

The Antlers

Das neue Antlers-Album “Burst Apart” läuft bei mir in der Rubrik “schön, aber naja”. Vielleicht habe ich einfach noch nicht die Zeit gefunden, mich in die Songs reinzuhören. Auch live haut mich das zunächst nicht aus den Gummistiefeln, aber es steigert sich mit jedem Lied. Zum Abschluss gibt es dann ein ordentliches Dröhnen und ich nehme mir vor, das Album noch mal in Ruhe zu hören.

Wild Beasts

Ich weiß ehrlich gesagt nichts über diese Band und habe auch nicht viel mehr von ihnen gehört als diese eine Minute im Vorbeigehen. Aber die hat mir außerordentlich gut gefallen. Kommt auf meinen Merkzettel.

Socalled

Von Socalled hatte ich vor dem Haldern noch nie etwas gehört, aber die Worte “Hip-Hop”, “Kanada” und “Klezmer” waren Grund genug, neugierig ins Spiegelzelt zu gehen. Was für eine grandiose Idee, denn Socalled ist definitiv die Entdeckung, wenn nicht gar das Highlight des Festivals. Eine wüste Mischung aus Why?, Darwin Deez und den Beastie Boys (oder so), die auch beim Song Contest gute Chancen hätte. Das Zelt feiert den Mann aus Montreal und seine Band, wie ich es selten erlebt habe. Bitte kaufen Sie alle seine Platten, gerne auch mehrfach! (Die neue erscheint im September auf Haldern Pop Recordings.)

Miss Li

Das Programmheft erzählt etwas von “Chanson” und “flockigem Pop”, was mich jetzt eher nicht so anspricht — und vor allem nicht vorbereitet auf das, was da auf der Bühne passiert: Der Auftritt der Schwedin ist druckvoll, sie hat das Publikum voll im Griff, woran auch zwei rausgeflogene Sicherungen nichts ändern können. Musikalisch würde ich sagen: ein bisschen Amy Winehouse, ein bisschen Dresden Dolls. Sehr charmant, jedenfalls.

Alexi Murdoch

Wer bisher nicht an Wiedergeburt geglaubt hat, könnte bei Alexi Murdoch plötzlich seine Meinung ändern, denn wer, wenn nicht Nick Drake, sollte hier zurückgekommen sein? Murdoch ist vor allem bekannt durch diverse Soundtrackbeiträge (“Orange Sky” in “Garden State” und “O.C., California”, der komplette Soundtrack zu “Away We Go” von Sam Mendes), wobei “bekannt” hier vielleicht relativ ist. Der Ton im Spiegelzelt ist viel zu leise, zumal parallel Okkervil River auf der Hauptbühne spielen (dass die so laut sind kam zumindest für mich überraschend). Im Biergarten ist Murdoch selbst dann zwar lauter, aber die richtig optimale Konzertsituation ist das immer noch nicht. Egal: Wunderschön, ich habe Gänsehaut, obwohl ich gerade wie gesagt keine besondere Männer-mit-Gitarre-Phase habe. Es ist ein bisschen wie letztes Jahr bei The Low Anthem. Als jemand “Orange Sky” einfordert, sagt Murdoch, das werde er heute nicht spielen. Auch egal. Definitiv einer der Höhepunkte des diesjährigen Festivals.

The Wombats

So langsam müssen die Wombats auch mit dem Schicksal hadern: Erst das phantastische “Tokyo (Vampires & Wolves)”, das seit dem 11. März einen gewissen Beigeschmack hat, jetzt die Zeilen “East London’s not a bomb site / It is a treasure chest” aus “Techno Fan”, die Sänger Matt Murphy als “entweder sehr prophetisch oder sehr dämlich” bezeichnet. Aber was soll man machen? Die Wombats spielen einfach ihre Songs runter und das ist genau das Richtige nach Alexi Murdoch, so wie Sekt nach einem guten Glas Rotwein. Das Konzert macht noch mehr Spaß als im April in der Live Music Hall, aber da war das tolle neue Album “This Modern Glitch” auch noch nicht draußen. Die Band hat ihren Spaß, der Platz ist gut gefüllt und die Menschen tanzen, hüpfen und singen mit. Wer da die Nase rümpft, weil die Band vielleicht schon zu groß fürs Haldern sei, hat doofe Ohren.

Moss

Vor ein paar Jahren hätte ich die erste Band des Samstags mit “typische Haldern-Musik” beschrieben, aber der Schwerpunkt in Haldern hat sich ein bisschen wegverlagert von Indierock aus Skandinavien oder Benelux (hier: Niederlande), hin zu Folk. Um so schöner, mal wieder ganz normalen Indierock zu hören, irgendwo zwischen We Are Scientists und Kashmir.

The Black Atlantic

Die rund viertausend Bands mit “Black” im Namen (The Black Keys, The Black Angels, The Black Ghosts, Black Eyed Peas, …) sind kaum noch auseinander zu halten, The Black Atlantic hatte mir ein Kumpel empfohlen, also bin ich hingegangen: charmanter Folkpop, mal leise, mal ein bisschen lauter.

Alex Winston

Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet, ich wusste nicht mal, dass Alex Winston eine Frau ist und kein Mann. Was soll ich sagen? Diese Frau hat Kraft, Energie und einen Rucksack voller Melodien dabei. Manches klingt ein wenig orchestraler, manches rockiger und am Ende klettert die Frau auf den Wellenbrecher um mit dem Publikum zu singen. Ein Erlebnis!

Destroyer

Es hat seinen Grund, dass Saxophone außerhalb von Bruce-Springsteen- und Bon-Iver-Alben musikalisch kaum noch eine Rolle spielen: sobald sie in der Popmusik auftauchen, versprühen sie den Staub angegrauten Achtziger-Jahre-Ältere-Herren-Pops — und genau das passiert hier bei Destroyer, deren Bandname leider auch noch völlig in die Irre führt. Was ich höre ist von einer solchen Chris-Rea- und Sting-Haftigkeit, dass ich schnell das Weite suche.

James Blake

Darauf hatte ich mich ganz besonders gefreut — und mich gefragt, wie zur Hölle James Blake (22, man kann das gar nicht oft genug betonen) den Sound seines phantastischen Debütalbums wohl live hinbekommen würde. Nun, zum Beispiel mit Hilfe von Synthesizern, Vocodern, Loops und mit einem schlicht unfassbaren Drummer, der diese ganzen Breakbeats und Multirhythmen einfach mal so live in sein (teils elektronisches) Schlagzeug hämmert. Unglaublich — genauso wie die Bässe, die man nicht nur im Magen, sondern auch im Kehlkopf spürt. Ich glaube, das würde im Dunkeln noch sehr viel besser wirken (wie auch Delphic letztes Jahr), aber das ist schon sehr, sehr gut.

Wir Sind Helden

Vor diesem Auftritt hatte ich den meisten Bammel: Als ich 19 war, fand ich Wir Sind Helden unglaublich toll, aber als ich zur Vorbereitung noch mal in ihre Musik gehört habe, fiel mir nicht nur auf, dass ich ihr aktuelles Album immer noch schrecklich finde, sondern sich auch das Frühwerk eher mittelprächtig über die Jahre gerettet hat. Wie also würde es sein, die Band nach achteinhalb Jahren mal wieder live zu sehen? Erstaunlich unpeinlich, ja, nachgerade schön. Der Schwerpunkt liegt deutlich auf den ersten beiden Alben und Hits wie “Ist das so?”, “Wenn es passiert”, “Nur ein Wort”, “Guten Tag” oder – natürlich – “Denkmal” werden abgefeiert, wie sich das gehört. Im Nachhinein hätte die Band dann auch tatsächlich gerne länger spielen und Headliner sein dürfen, dann hätte ich vielleicht auch noch “Die Zeit heilt alle Wunder” zu Gehör bekommen.

The Low Anthem

Ihr Auftritt im Spiegelzelt im vergangenen Jahr zählt zu den großartigsten und schönsten Konzerterlebnissen meines Lebens. Und auch da klopfte natürlich die Frage an, wie das in diesem Jahr auf der großen Bühne werden würde. Es wurde nasser, weil wegen niederrheinischem Sommer, aber ansonsten stand das Konzert dem letztjährigen in nichts nach. Was diese vier Musiker aus Rhode Island da aus ihren vielen verschiedenen, oft uralten Instrumenten herausholen, ist schlicht unglaublich. Gibt es eigentlich in Deutschland – unter dieser Schicht von volkstümelndem Schlager – auch eine traditionelle Musik von solcher Schönheit?

Fleet Foxes

Was ist da los? Vor drei Jahren im Spiegelzelt und beim Rockpalast haben mich die Fleet Foxes sprachlos zurückgelassen, diesmal nur schulterzuckend. So wirklich angefreundet hab ich mich mit ihrem Zweitwerk “Helplessness Blues” auch noch nicht, aber irgendwie lässt mich das hier alles kalt. Das sollte man sich und der Musik nicht antun und so stampfe ich zum Auto und mache mich auf den Heimweg. Stunden, bevor noch ein richtiger Wolkenbruch einsetzt.

Es gibt ja im Wesentlichen zwei Arten, ein Festival zu begehen: Als Camping mit vielen Menschen, viel Alkohol und ein paar Konzerten, oder als einigermaßen intensive musikalische Beschäftigungstherapie. Dieses Jahr war Haldern für mich letzteres, aber es hat sich (wie immer) gelohnt. Das Programm war so eklektisch wie glaube ich noch nie und ich habe einige Künstler gesehen, die ich sehen wollte, aber auch vieles Neue entdeckt.

Definitiv in Erinnerung bleiben werden mir die Auftritte von Socalled (Alter, war das ein geisteskranker Spaß!), The Low Anthem, James Blake und Alexi Murdoch. Näher beschäftigen muss ich mich mit Alex Winston, Miss Li, 206, The Avett Brothers und Wild Beasts. Und dann muss mir noch jemand erklären, was an Destroyer, Timber Timbre und Warpaint so toll sein soll. Gerne im nächsten August auf einem Reitplatz am schönen Niederrhein.

7 Kommentare

  1. SvenR
    15. August 2011, 10:42

    Also ich brauche keinen Podcast…

  2. linne
    15. August 2011, 11:51

    doch du brauchst ihn: http://incendiarymag.com/pod/

    hier ist er. kenn nichts besseres. linne.

  3. SvenR
    15. August 2011, 14:33

    Zur Klarstellung: Wer so schöne Texte schreibt und Videos macht, der muss keinen Podcast machen, der begeistert seine geneigten Leser auch so.

  4. linne
    15. August 2011, 17:03

    schon gut… aber der media-mix aus vielen quellen hat halt seinen charme – vor allem für die, die nicht dabei oder überall sein konnten.

  5. Julia
    15. August 2011, 21:38

    Ich lese sonst nie ganze Musik(festival)berichte.
    Diesen habe ich vollständig gelesen. Gerne. Danke.

  6. Katja
    16. August 2011, 0:12

    Danke für die Videos. Bei Socalled stand ich auch in der Nähe und dachte, einen skeptischen Lukas Heinser gesehen zu haben. Es freut mich umso mehr, dass dieser Auftritt zum Highlight erhoben wird. Die Erklärung, warum Timber Timbre toll sind, übernehme ich gern im kommenden Jahr.

  7. Coffee And TV: » Hallo Endorphin
    24. August 2011, 21:53

    […] ich auf dem Haldern-Pop-Festival stand, dachte ich so vor mich hin, dass ich im Moment kaum Interesse an melancholischer Musik habe […]

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