Kostenfreiheit: 17,98 Euro

Von Lukas Heinser, 26. August 2011 15:41

Ich halte offene Briefe für weitgehend albern. Aber mein Blutdruck war zu hoch, um die E-Mail-Adresse von Christian Nienhaus zu erraten. Dann eben so:

Sehr geehrter Herr Nienhaus,

ich hätte gern das Interview gelesen, dass Sie der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in Ihrer Eigenschaft als Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe („Harz Kurier“, „Die Aktuelle“, „Echo der Frau“, „Der Westen“) gegeben haben. Gerne hätte ich mich weiter über die dünne Argumentationskette der Verleger informiert, die gegen die sogenannte iPhone-App der „Tagesschau“ (ein Programm, das die Inhalte von tagesschau.de für moderne Mobiltelefone aufbereitet) klagen. Doch es ging nicht.

Hängen geblieben (bzw. in die Luft gegangen) bin ich schon bei Ihrer ersten Antwort, genauer bei einem kurzen Satz:

Wir halten zudem die Kostenfreiheit der Apps für nicht korrekt.

Herr Nienhaus, ich weiß nicht, wie das bei Ihnen zuhause aussieht, aber ich habe für die Inhalte der „Tagesschau“, ja: für alle Inhalte der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, bereits bezahlt. 17,98 Euro jeden Monat, das ist mehr, als ich in meinem Leben für die langweiligen Lokalzeitungen Ihres Verlags ausgegeben habe. Deswegen finde ich es auch unerträglich, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten die Inhalte, die ich (mit-)bezahlt habe, wieder aus dem Internet entfernen müssen, weil die Zeitungsverleger und Privatsender (was teilweise aufs Selbe rauskommt) das so wollten.

Ich hätte gerne die Empörung in Ihrer Reihen gesehen, wenn die „Tagesschau“-App Geld kosten würde. Dann, da bin ich mir sicher, würden Sie sich nämlich meiner Argumentation anschließen, dass die Inhalte von den Zuschauern bereits bezahlt worden sind.

Ihr Interessenverband eiert seit Jahren ziellos umher und beleidigt jeden denkenden Menschen mit seinem unerträglichen Gejammer. Sie haben den Wandel vom Print- zum Internetzeitalter verpennt, jetzt sind Sie dabei, den Wandel zum App-Zeitalter ebenfalls zu verpennen. Das allein ist tragisch genug. Tun Sie sich einen Gefallen und erwägen Sie weniger durchsichtige Argumente!

Mit freundlichen Grüßen,
Lukas Heinser

Stefan Niggemeier hat seinen Blutdruck schneller unter Kontrolle gekriegt und zerlegt Nienhaus‘ weitere „Argumente“ bei sich im Blog.

8 Kommentare

  1. Horatiorama
    26. August 2011, 18:05

    Herzlichen Dank! Ich habe lachen müssen. Gut. Aber das „App-Zeitalter“ im Sinne von iPhone-Apps auszurufen, finde ich wenig übereifrig. Und zu „unerträglich, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten die Inhalte, die ich (mit-)bezahlt habe, wieder aus dem Internet entfernen müssen“, fällt mir spontan ein, dass diese wohl die Zeit der offeneren Nutzungslizenzen (fast) verpennt haben. Ich finde unerträglich, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten die Inhalte, die ich (mit-)bezahlt habe, mir nicht zur Weiterverwendung und Verbreitung überlassen wollen…

  2. Uli
    26. August 2011, 19:06

    „Ihr Interessenverband eiert seit Jahren ziellos umher und beleidigt jeden denkenden Menschen mit seinem unerträglichen Gejammer.“
    Du triffst es auf den Punkt.

  3. flowzilla
    26. August 2011, 19:56

    Den Wandel zum App-Zeitalter hoffe ich aber auch zu verpennen. Ansonsten stimme ich dir aber zu. Es wäre wirklich wunderbar, wenn ich für meine Gebühren zugriff auf das Video-Archiv der Öffentlichen hätte.

  4. Christian Nienhaus (WAZ) im verunglückten PR-Interview der FAZ (oder: Verleger gegen ARD und ZDF) » Pottblog
    26. August 2011, 21:24

    […] Lukas Heinser hingegen war so entsetzt von diesem Interview, dass er einen offenen Brief an Christian Nienhaus geschrieben hat: Kostenfreiheit: 17,98 Euro. […]

  5. Nummer Neun
    27. August 2011, 12:50

    Jaja und dann wieder heulen, wenn die GEZ auch Gebühren haben möchte für internetfäige Computer.

  6. Frankfurter Argumentative Zerrung « Alarmknopf
    27. August 2011, 19:36

    […] Coffee and TV: Offener Brief an Christian Nienhaus. Bewerten: Blindheit […]

  7. tim
    28. August 2011, 10:03

    Zeitungen im Internetzeitalter… Wie war das noch damals mit ‚onruhr‘? EIne 24-stündlich aktualisierte Onlinezeitung als PDF zum Ausdrucken. Das war doch die zündende Idee vom Ex-WAZ-Mann Knüpfer, oder?

  8. Ky
    29. August 2011, 10:16

    DITO!