Sweetness Follows

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 22. September 2011 18:40

Mit siebzehn Jahren litt ich an wiederkehrenden Kopfschmerzen, so dass mich mein Hausarzt irgendwann zu einem Spezialisten schickte, der eine Computertomographie vornehmen sollte. Im Wartezimmer sah ich das ganze Elend der Welt: Kahle Männer, Frauen und ich glaube sogar Kinder, und mir wurde klar, dass sich mein ganzes Leben gleich innerhalb von einer Sekunde ändern könnte. Doch in meinem Kopf fand sich nichts, was dort nicht hingehört hätte, mein Papa fuhr mich wieder nach hause, die Sonne schien und im Radio lief “Imitation Of Life” von R.E.M.

Ein paar Wochen später spielte die Band ein kostenloses Konzert in Köln und obwohl ich sehr gern hingegangen wäre, entschied ich mich mit meinem besten Freund doch dagegen und sah mir das Konzert (oder das, was MTV davon zu übertragen beliebte) im Fernsehen an. Dass der Abend insgesamt doch noch legendär wurde, lag nicht ausschließlich an diesem Konzert, aber zu einem guten Teil.

R.E.M. sind tatsächlich eine dieser Bands, die immer da waren, deren Musik ich aus dem Radio kannte, lange bevor ich wusste, von wem sie ist. Für ihre Hochphase bin ich eigentlich zu jung (“Automatic For The People” erschien, als ich neun Jahre alt war), aber man kann ja auch später einsteigen und sich dann im Backkatalog zurück arbeiten — und dann als Teenager Abend um Abend in seinem Zimmer sitzen, “Everybody Hurts” und “Nightswimming” hören und sich soooo verstanden fühlen.

Gestern nun haben Michael Stipe, Mike Mills und Peter Buck bekanntgegeben, ihre Band aufzulösen. Genauer: Die Band ist schon aufgelöst, so ein Elend wie eine Abschiedstour wird es nicht geben. Das kommt einerseits ein bisschen unvermittelt, ist dann aber andererseits auch schlüssig, wenn auch nicht zwingend notwendig. Es gäbe andere Bands, die sich dringender auflösen sollten (U2, Stereophonics), oder besser nie gegründet hätten (Sunrise Avenue, Revolverheld).

R.E.M. haben nie ein schlechtes Album aufgenommen (obwohl “Up” verdammt nah dran war), zuletzt sogar wieder zwei gute. Nur: Was will man mit “Collapse Into Now”, wenn man “Automatic For The People” hat, eines der vielleicht perfektesten Alben des 20. Jahrhunderts? Neun bis zehn der insgesamt 12 Titel dieses Albums sind mindestens phantastisch und “Everybody Hurts” ist dabei fast noch das schlechteste, weil viel zu offensichtlichste, unter ihnen.

Sasha Frere-Jones schreibt dazu beim “New Yorker”:

There is an admirable mission at play: reassuring those who cry, who hurt, who need sustenance. That would be all of us, and we all turn to music when we need reassurance. But saying, “It’s all going to be O.K.” is your friend’s job, not your band’s. All of R.E.M.’s luminous oddness and nested beauty is turned into penny taffy.

(Bei dem Teil, es sei nicht Aufgabe einer Band, einem Trost zu geben, muss ich ihm allerdings entschieden widersprechen.)

Wenn Frere-Jones schreibt, R.E.M.s Trennung käme zehn Jahre zu spät (eine Meinung, die von vielen geteilt wird), ist mir das ein bisschen zu pointiert, hätten wir doch “Bad Day”, “Leaving New York”, “Supernatural Superserious” oder “ÜBerlin” verpasst — Songs, die bei vielen anderen Bands zu den Höhepunkten ihres Schaffens zählen würden. Aber nach 31 Jahren darf es dann ruhig auch mal gut sein, wenn es nicht sowieso irgendwann zur unvermeidlichen Reunion kommen sollte.

Was bleibt ist, neben der Musik, natürlich vor allem Michael Stipe. Einer der charismatischsten Menschen im weltweiten Mediencircus. Einer der gezeigt hat, wie wunderschön ungelenkes Rumhampeln wirken kann. Einer, den ich immer nennen würde, wenn man mich nach Prominenten fragte, die mich beeinflusst haben.

Peter Flore schreibt bei intro.de, mit R.E.M. trete die “größte Indieband der Welt” ab, und das stimmt, denn trotz gut gefüllter Stadien waren R.E.M. eigentlich immer eine Spur zu eckig und zu verschroben.

Noch mal Sasha Frere-Jones:

Their good stuff is durable and gorgeous, and they pulled off a trick that indie rock has struggled with ever since: How do you stay weird if you also like singable songs? How do you get the pretty without joining Club Obvious? R.E.M. never let their live show slip, and they gave a huge number of people an option that still works.

Keine “Imitation Of Life”, sondern das Leben selbst.

Mein Lieblingssong von R.E.M. ist übrigens inzwischen dieser hier:

12 Kommentare

  1. tux.
    22. September 2011, 19:24

    Ich finde die Überleitung von Kopfschmerzen zu R.E.M. sehr gelungen.

  2. Julia
    22. September 2011, 19:43

    Ja, die Überleitung ist gelungen.
    Bin 27, begleitet haben sie mich auch.
    Dank deines Beitrags schaue ich sie mir nun zum ersten Mal an. Kenne bis jetzt nur die Stimme ohne Gesicht.

  3. bastian
    22. September 2011, 19:59

    würdiger nachruf, aber war wohl in der tat an der zeit. es bleibt die hoffnung auf kommende solo-alben mit weiteren bewegenden melodien.

  4. Chris
    22. September 2011, 21:03

    The photograph reflects
    every streetlight a reminder
    Nightswimming – deserves a quiet night

    :(

  5. Pottblog
    23. September 2011, 6:52

    Links anne Ruhr (23.09.2011)…

    Duisburg (Loveparade 2010): Stadtverwaltung wehrt sich gegen Vorwurf der Trickserei bei Abwahlverfahren (DerWesten) – Duisburg (Loveparade 2010): Entschädigung der Loveparade-Opfer: Minister dementiert Absprachen mit Versicherung wegen Lovep…

  6. tyko
    23. September 2011, 17:55

    Weltgrößte Indieband? Eckig und verschroben?

    Ich finde, dass das auf die Musik von R.E.M. nicht zutrifft, und nur auf ihre Musik kommt es ja letztlich an (mir egal wieviel Schminke sich Michael Stipe auf die Augen haut). Ich persönlich habe die Musik von R.E.M. immer eher als seichten PopRock empfunden. Das hat auch nichts mit “singable songs” oder so zu tun. Das ist ihr Sound.

    Ist ja auch alles ziemlich wurst, hauptsache man mag R.E.M., ich halt eher nicht, die Texte finde ich allerdings zum Teil wirklich großartig.

    (Lustigerweise mag ich auch “Nevermind” von Nirvana nicht, obwohl ich mich an “In Utero” seit Jahren nicht satt hören kann, siehe Artikel von Frere-Jones)

    Bin unwissend und offen für Belehrungen!

  7. netz/leben
    24. September 2011, 22:51

    32. Mit REM gross geworden.
    Schoener Song zum Abschied. Vergess ihn immer wieder und freu mich immer wieder wenn Automatic… läuft.

  8. janar
    25. September 2011, 21:33

    R.E.M. war für mich und wird immer bleiben der ältere Junge mit dem “Monster”-T-Shirt beim Volleyball im Schwimmbad, der mir leise “Losing my Religion” in mein Ohr flüsterte.

    Ach ja, Lukas, besten Dank für die Erinnerung daran!

    janar

  9. FG
    26. September 2011, 9:06

    Im Dezember 1992 musste ich mich einer alles andere als risikolosen OP unterziehen, wobei die Alternative der sichere Exitus war. Das erste woran ich mich danach erinnere ist, dass im Radio in der Pflegestation neben dem Aufwachraum “Drive” lief. Ich habe die Musik von R.E.M. immer ganz gern gemocht, wegen dieser Erinnerung waren sie immer etwas ganz besonderes für mich.

  10. Bernhard
    30. September 2011, 19:13

    Schade.
    Ich hatte so gehofft, dass ich sie mal live sehen kann.
    Fuck.

  11. Matthias
    6. Oktober 2011, 12:12

    Verrückt, dass die “Up” oft so schlecht wegkommt.
    “You’re In The Air” halte ich für einen der schönsten Songs, die R.E.M. je geschrieben haben, da kriege ich jedes Mal Gänsehaut. So ein sehnsüchtiges Lied.
    “At My Most Beautiful” ein echt schönes Liebeslied.
    “Walk Unafraid”, das immer vorm Refrain den Spannungsbogen so herrlich aufbaut.
    “The Apologist” als letzten Anspieltipp…

    Aber gut, ich weiß ja, es ist immer alles höchst subjektiv in der Musik, ich hab die “Up” damals nunmal oft gehört, mich da sehr reingehört, mich in manchem wiedergefunden. Und zugegeben, das Album ist nicht durchgehend sehr gut…

  12. You were the fighter, I was the kid against the world – Coffee And TV
    12. September 2012, 16:45

    […] es war natürlich nicht die letzte: es folgten unter anderem Vega 4, muff potter., Oasis, a-ha und R.E.M. Und doch hat mich die Auflösung von Ben Folds Five damals schwer traumatisiert — wohl auch, […]

Diesen Beitrag kommentieren: