Wann weiß man, dass in diesem Land etwas falsch läuft?
Wenn sich Google lautstark für Privatsphäre und Datenschutz einsetzt.
Wann weiß man, dass in diesem Land etwas falsch läuft?
Wenn sich Google lautstark für Privatsphäre und Datenschutz einsetzt.
Da das Wort „Zensur“ im Zuge der Yahoo/Flickr-Diskussion derzeit immer wieder fällt, habe ich doch noch mal kurz dessen Bedeutung nachgeschlagen:
3) Publizistik: staatliche Überwachung und Unterdrückung von Veröffentlichungen in Print- und audiovisuellen Medien (Vorzensur und Nachzensur), um die Publizistik im Sinn der Staatsführung oder der herrschenden Partei oder Klasse zu beeinflussen. Eine Zensur gab es insbesondere im Absolutismus. In freiheitlich-demokratischen Staaten ist die Zensur abgeschafft; autoritäre und totalitäre Staaten dagegen arbeiten mit einem Zensurapparat oder mit lizenzierten beziehungsweise verstaatlichten Kommunikationssystemen.
(Quelle: Meyers Lexikon Online, Hervorhebungen von mir)
Zensur (censura) ist ein Verfahren eines Staates, einer einflussreichen Organisation oder eines Systemträgers, um durch Medien vermittelte Inhalte zu kontrollieren, unerwünschte Aussagen zu unterdrücken bzw. dafür zu sorgen, dass nur erwünschte Aussagen in Umlauf kommen.
(Quelle: Wikipedia, Hervorhebung von mir)
Das, was Yahoo bei Flickr gemacht hat, ist also keine Zensur, sondern wohl „nur“ eine Mischung aus Angst, Ahnungslosigkeit und völliger Unterschätzung der eigenen Kunden, die vielleicht noch am ehesten unter dem Begriff „Bevormundung“ einsortiert werden kann.
Das, was Yahoo (aber auch Google und Microsoft) in China veranstaltet, dürfte hingegen zweifelsohne Beihilfe zur Zensur sein. Und in meinen Augen schwächt man diese Vergehen ab, wenn man bei der (zugegeben unerfreulichen und dummen) Sperrung von Fotos gleich „Zensur!“ brüllt.
(Und das soll auch wirklich mein einziger Beitrag zu dem Thema sein. Es geht mir um Sprache und nicht um das Unternehmen, dessen Name schon viel zu oft gefallen ist. Und schon gar nicht geht es mir darum, was Dritte davon halten, wenn Vierte diesem Unternehmen Werbeflächen verkaufen – da empfehle ich schlichtweg Adblock Plus.)

Bei dem Wetter und dem mich nicht unbedingt ansprechenden heutigen Programm bin ich dann doch lieber zuhause geblieben. Morgen dann Sugarplum Fairy und Tocotronic.
Bisher habe ich beim Bochum Total immer nur gutes Wetter erlebt, es muss demnach damit zusammenhängen, dass zeitgleich Hurricane und Glastonbury stattfinden – und bei denen gibt es ja eine Unwettergarantie aufs Ticket.
In die Bochumer Innenstadt sollte man derzeit besser nicht mit dem Auto fahren wollen (wobei: sollte man eigentlich besser eh nie), denn es ist Bochum Total, das größte Umsonst-und-draußen-Festival-Europas (Gerüchten zufolge dankt man in Bochum immer noch alljährlich der Popkomm für ihren Umzug nach Berlin und das daraus resultierende Ende des Kölner Ringfests). Ich tu mir das als guter Lokalpatriot natürlich mit Freuden an, zumal das Line-Up in diesem Jahr besonders gut ist.
Kilians (Eins-Live-Bühne)
Ach, die schon wieder. Zwei Konzerte einer Band innerhalb von 19 Stunden – das hatte ich auch noch nicht. Das Wetter meinte es nicht gut mit der Band, über die ich schon beinahe alles geschrieben habe. Aber sie waren wieder sehr, sehr gut. Der Vollständigkeit halber (und um „Schiebung!“-Rufe entweder zu unterbinden oder erst anzustacheln) sei noch erwähnt, dass sie mir ein Lied gewidmet haben. Die Süßen!
Karpatenhund (Eins-Live-Bühne)
Bei plötzlicher Trockenheit und aufkommendem Sonnenschein gab es das deutschsprachige Indie-Ding dieses Jahres mit tatkräftiger Unterstützung und okayer Single. Nicht mein Ding, aber in der Runde, in der ich den Auftritt mehr an mir vorbeiströmen ließ, als ihn wirklich zu verfolgen, war auch eher das Aussehen der Frontfrau das beherrschende Thema. (Zwischenruf: „Das war jetzt aber ein saudummer Chauvi-Spruch!“ Antwort: „Schon, aber leider auch der Wahrheit. Heute ist aber eigentlich eh ohne Zwischenrufe.“)
Jupiter Jones (Ring-Bühne)
Hallo, liebe Emo-Kinder, jetzt beschüttet Euch doch mal nicht gegenseitig mit Bier, sondern konzentriert Euch auf die Band da vorne! Die schreiben Texte, die Euch sicher sehr entgegenkommen, und rocken wie Schmitz‘ Katze. Wie, „Life goes on und irgendwie schaff ich das schon“ ist kein Text für Euch? Na, dann eben nicht.
Da fällt mir ein: ich brauche dringend noch das neue Album mit dem fantastischen Titel „Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich“.
Virginia Jetzt! (Eins-Live-Bühne)
Ich mag die ja. Zum einen, weil ihr sehr charmantes Debüt-Album 2003 ein treuer Begleiter war, zum anderen, weil Gitarrist/Keyboarder/Songschreiber Thomas Dörschel und ich uns irgendwann noch um den Titel „Größter Ben-Folds-Fan Deutschlands“ prügeln müssen (wobei ich mir sicher bin, das keiner von beiden ernsthaft kämpfen würde). Virginia Jetzt! sind aber auch einfach eine verdammt gute Liveband, die sehr schöne Songs haben und eine ungeheure Spielfreude an den Tag legen. Folgende Songs wurden daher im Laufe des Sets angespielt: „The Sweet Escape“ von Gwen Stefani, „Eye Of The Tiger“ von Survivor, „No Limits“ von 2Unlimited, „Jump“ von Van Halen und „Seven Nation Army“ von den White Stripes.
Nach dem Opener „Mein sein“ gab es als zweiten Song „Liebeslieder“ und mir dämmerte, dass die große Diskussion, die dieses Lied vor drei Jahren über „deutschtümelige Liedzeilen“ („Das ist mein Land, meine Menschen, das ist die Welt, die ich versteh“) ausgelöst hatte, noch alberner war als so manch aktuelle Diskussion in der Blogosphäre. Meinen aus diesem Gedanken entsprungenen Essay „Wer sich worüber aufregt, ist eigentlich egal, Hauptsache, es hört irgendjemand zu“ hoffe ich zu einem späteren Zeitpunkt in der Wochenzeitung „Freitag“ präsentieren zu können – sonst erscheint er als Book on demand.
Im Laufe des Sets kam so ziemlich alles an neuen und älteren Songs vor, was man sich wünschen konnte, und als der Tag Schlag 22 Uhr („die Nachbarn, die Nachbarn …“) endete, war ich froh, dass ich mich nicht von dem bisschen Wolkenbruch am Nachmittag hatte aufhalten lassen. So lief ich zwar vier Stunden in einer Regenhose durch die Gegend (das nur als Antwort auf die Frage, was das uncoolste Kleidungsstück ist, was ich mir spontan vorstellen könnte), aber erstens hatte die mich zuvor weitgehend trocken gehalten und zweitens shall the geek ja bekanntlich inherit the earth.
Das verwendete Foto stammt von Kathrin. Hier hat sie noch mehr vom Bochum Total.
Manchmal ist es erstaunlich, Freunde nach einiger Zeit wiederzusehen: Man fühlt sich dann wie die eigenen Großtanten, die einem als Kind immer in die Backe kniffen und „Du bist aber groß geworden!“ riefen. Denn gestern habe ich meine Freunde von den Kilians nach fast einem Jahr zum ersten Mal wieder live auf der Bühne gesehen. Und wäre ich nicht ein Fan der allerersten Stunde, ich wäre gestern einer geworden.
Doch der Reihe nach: Im Rahmen der sympathischen Veranstaltungsreihe Fantastival, die sich seit vielen Jahren erfolgreich bemüht, einmal im Jahr Kultur in meine Heimatstadt zu holen, fand in diesem Jahr ein „School’s Out“-Festival statt, für das die Veranstalter neben den Lokalmatadoren Kilians auch Rearview und Massendefekt gebucht hatten – zwei Bands, von denen ich offen gestanden vorher noch nie etwas gehört hatte. Nachdem der Kartenpreis von 16 auf taschengeldfreundlichere fünf Euro gesenkt worden war, lief auch der Vorverkauf ganz ordentlich und da Jugendliche in ihrer eigenen Stadt lieber an die Abendkasse gehen, war das historische Burgtheater dann auch ganz gut gefüllt.
Eröffnet wurde der Reigen von Without Wax aus Wesel, die diesen Auftritt bei einer Art Talentwettbewerb im Vorfeld gewonnen hatte. Deren Gig habe ich leider prompt verpasst, weil ich grundsätzlich immer zu spät loskomme, aber Erzählungen glaubhafter Quellen zufolge war die Band „jünger als Tokio Hotel“ und musikalisch sehr gut.
Dann ging es weiter mit Rearview, einer Band aus VerdammtichfindekeineStadtinderPresseinfo, die anfangs ein bisschen klangen, als sei Diana Ross mit Rage Against The Machine als Backing Band auf Tour (doch, das geht!) und sich danach irgendwo zwischen Krezip und Skunk Anansie einsortierten. Gar nicht mal so schlecht, aber als deutsche Band Ansagen auf Englisch machen und das Publikum beleidigen gibt Abzüge in der B‑Note.
Es folgten nicht Massendefekt (wg. Krankheit, wie man hörte), weswegen ich immer noch nicht weiß, wie diese Band klingt. Wobei ich es mir aufgrund des Bandnamens irgendwie vorstellen kann. Ich hatte unterdessen meine Position als Biertrinkender Konzertbesucher gegen die der Biertrinkenden Aushilfe am Kilians-Merch-Stand eingetauscht und verkaufte kleinen Kindern (wirklich kleinen Kindern) Band-T-Shirts in Größe S und ihre vermutlich erste CD ever (welche sich später in Kneipengesprächen und Musikzeitschrift-Fragebögen natürlich ungleich besser macht als, sagen wir mal: die Lighthouse Family). Zu absolut Schulkinderfreundlicher Zeit (und das am letzten Schultag!) enterten die Kilians deshalb schon gegen halb neun die Bühne und das Publikum, das Rearview noch so brutal teilnahmslos gegen eine Wand aus Sitzbänken hatte anrocken lassen, geriet in Wallung.
Nun muss man zwei Dinge wissen: Erstens steht die Bühne im Dinslakener Burgtheater auf einer Empore, zu der einige sehr hohe Stufen hinaufführen, und zweitens ist die örtliche Dorfjugend dafür bekannt, sich auch bei lieblichen Indiekonzerten aufzuführen, als sei man gerade auf einem jener Hardcore-Konzerte, zu denen einen Mami und Papi nie hinfahren lassen. Ich halte Moshen bei Rockkonzerten eh für überaus unhöflich gegenüber den Konzertbesuchern, die sich das Konzert genussvoll und ohne körperliche Beeinträchtigung ansehen wollen, – wildes Herumgeschubse auf den Treppenstufen und eine Wall Of Death (na ja: eher ein Mäuerchen of Unwohlsein) bei einem Kilians-Konzert sind aber auch bei verständnisvollster Auslegung von Spaß fehl am Platze.
Nach nur wenigen Liedern hatten die überraschten Veranstalter auch schon bemerkt, was da vor sich ging (wer sonst Götz Alsmann, die Neue Philharmonie Westfalen und Musicalstars auftreten lässt, mag vom Verhalten der lokalen Jugend in der Tat auf dem falschen Fuß erwischt worden sein) und trieb die kritische Masse mit Flatterband die Treppe hinunter. Ein Jugendlicher wurde, nachdem er trotzdem vor der Bühne weitergetanzt und sich gegen die Ordner zur Wehr gesetzt hatte, von zwei Securitykräften aus dem Burgtheater geschleift und es ist alles in allem beinahe beruhigend, dass nur ein Konzertbesucher mit einer blutigen Nase ins Krankenhaus (wie es hieß) musste. Für Sekundenbruchteile schossen mir nämlich auch – sicher völlig übertrieben – Bilder vom Waldbühnenkonzert der Rolling Stones 1965 durch den Kopf.
Aber reden wir nicht von dummen Kindern und unvorbereiteten Veranstaltern, reden wir von der Band, der ich aus tiefster Überzeugung zutraue, neben den Beatsteaks eine der wichtigsten englischsprachigen Indie-Bands Deutschlands zu werden: den Kilians. (Zwischenruf: „Welche englischsprachigen Indie-Bands gibt es denn in Deutschland überhaupt noch neben den Beatsteaks?“ Antwort: „Slut, Pale, The Robocop Kraus und bestimmt noch ein paar weitere, die mir gerade partout nicht einfallen wollen. Danke!“) Die Kilians jedenfalls haben im letzten Jahr derart viel Live-Erfahrung gesammelt, dass sie fast nicht wiederzuerkennen waren: Waren sie Anfangs eine sehr gute, aber mitunter etwas unbeholfen wirkende Liveband, sind sie inzwischen richtige Profis. Auch ohne meine persönliche Beziehung zu der Band würde ich sie für eine der besten des Landes halten.
<mode=„lokalzeitung“>Und so folgte ein Hit dem nächsten und wenn die Band gerade nicht rockte, unterhielt Sänger Simon den Hartog, der gerade sein Abitur gemacht hat, das Publikum mit launigen Ansagen.</mode=„lokalzeitung“>
Im Ernst: Das macht er inzwischen ganz toll und das einzige, was man ihm dabei vorwerfen könnte ist, dass er vielleicht einmal zu oft mit dem Band-Ziehpapa Thees Uhlmann von Tomte rumgehangen und sich einen Tacken zu viel von dessen Bühnenpräsenz abgeschaut hat – wobei es da sicher auch bedeutend schlimmere Vorbilder gäbe. Sie haben einige neue Songs gespielt, die ich noch gar nicht kannte, und die (neben den stets zu erwähnenden Strokes) unter anderem nach The Cooper Temple Clause, The Smiths und Radiohead klangen. Und dazu natürlich die ganzen schon bekannten Übersongs wie „Jealous Lover“, „Inside Outside“, „Dizzy“, „Take A Look“ und die Single „Fight The Start“. Wenn man ein Kilians-Konzert beschreiben will, will man sich fast an den ekligen Rockjournalistenvokabeln „tight“ und „erdig“ vergreifen, aber man kann sich ja in die weniger schrecklichen Gefilde der Fansprache flüchten und das ganze einfach „toll“ nennen.
Wer die Kilians in diesem Sommer noch live erleben will, hat dazu zahlreiche Gelegenheiten, die man alle auf der Bandseite nachlesen kann. In knapp einer Stunde werde ich sie schon auf dem Bochum Total wiedersehen – im strömenden Regen, wie es im Moment aussieht.
Nachtrag 22. Juni: Jetzt ist das mit der Lokalzeitungs-Vorhersage schon wieder schiefgegangen. Dafür erfahren wir aus der NRZ, dass der Verletzte mehrere Zähne verloren hat, und es gibt ein kleines Logikrätsel um die Konjunktion „denn“:

Heute Abend zeigt das ZDF „Keine Lieder über Liebe“. Wenn ich die Handlung noch richtig erinnere, geht es um einen Dokumentarfilmer (der großartige Florian Lukas), der die Band seines Bruders (Jürgen Vogel) auf Tour begleiten will – und irgendwie entspinnt sich dann eine Dreiecksgeschichte mit Heike Makatsch.
Warum ich mir einen Film, der ausschließlich mit Handkamera gedreht ist, der eine verworrene und pessimistische Handlung hat und in dem nicht viel mehr passiert, als das Menschen miteinander reden (oder besser noch: sich anschweigen), kurz: warum ich mir einen jungen deutschen Film überhaupt angesehen habe, liegt an der Band, der Jürgen Vogel vorsteht: Es handelt sich um die Grand-Hotel-van-Cleef-Allstar-Kapelle Hansen Band mit Marcus Wiebusch (kettcar) und Thees Uhlmann (Tomte) an den Gitarren, Felix Gebhardt (Home Of The Lame) am Bass und Max Martin Schröder (Tomte, Olli Schulz & der Hund Marie, Der Hund Marie) am Schlagzeug. Jürgen Vogel singt (sehr schön, das muss man ihm lassen) die Lieder, die ihm seine Backing Band geschrieben hat, und das Album der Hansen Band ist nach wie vor zu empfehlen.
Leider ist „Keine Lieder über Liebe“ weder „This Is Spinal Tap“ noch „Almost Famous“ und so dienen Musik und Band allenfalls als Hintergrund für eine melodramatische Liebesgeschichte, die von den Beteiligten zwar gut vorgetragen wird (der ganze Film ist improvisiert), aber trotzdem nicht so recht über 101 Minuten tragen will.
Wer also „Keine Lieder über Liebe“ noch nie gesehen hat, kann ihn sich heute Abend um 22:45 Uhr im ZDF ansehen. Ich bin ganz froh, dass ich schon was besseres vorhab.
Es ist natürlich reiner Zufall, dass am gleichen Tag, an dem auf ProSieben eine Serie startet, die eine C‑Prominente und ihren Verlobten auf dem Wege zur Hochzeitsvorbereitungen zeigen (und die in der ersten Live-Hochzeit im deutschen Fernsehen münden soll), der Bundesgerichtshof entscheidet, dass die „Bunte“ kein Recht hat, Fotos der Lebensgefährtin von Herbert Grönemeyer abzudrucken. Aber es sind diese kleinen Zufälle, die das Leben so unterhaltsam machen.
Während also Gülcan Karahanci und Sebastian Kamps die Menschheit aus freien Stücken und gegen gutes Geld an ihrem Privatleben teilhaben lassen wollen, bekommt die Grönemeyer-Freundin höchstrichterlich bestätigt, dass sie es nicht hinnehmen muss, dass fremde Menschen (die natürlich auch nur ihren Job machen und ihre Familien ernähren müssen) Fotos von ihr und ihrem zufälligerweise prominenten Partner bei nicht-offiziellen Terminen machen und diese dann abgedruckt werden.
Es folgt mein Lieblings-Satzanfang: Ich bin zwar kein Jurist, aber es erscheint mir vollkommen nahe liegend, dass so entschieden wurde. Ich habe nie verstanden, mit welcher Begründung sog. Personen der Zeitgeschichte auf Schritt und Tritt von Paparazzi verfolgt werden sollten. Mich interessiert nicht, wie Britney Spears beim Einkaufen aussieht, und es hat eigentlich auch niemanden sonst zu interessieren.
Nun ist es natürlich so, dass viele Stars die Presse für die eigene Karriereplanung nutzen. Bitte: Wer so dämlich ist, sich und seine unbeteiligte Familie für sog. Home Stories zur Verfügung zu stellen, ist selbst schuld und soll von mir aus an ungeraden Wochentagen zwischen 11:30 Uhr und 19:00 Uhr (Zeiten verhandelbar) beim Verzehr von Mettbrötchen, beim Erwerb von Fußbettsandalen oder bei sonstirgendetwas uninteressantem fotografiert werden, das in keinem Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit und der Prominenz des Fotografierten steht.
Herbert Grönemeyer aber hat sein Privatleben (bis auf einige Sätze in Interviews) sehr bewusst von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Spiegel Online ist da offenbar anderer Meinung und dreht mal wieder an der Logikschraube:
Der Fall Grönemeyer ist für die Presse gravierend. Der wohl berühmteste Sänger Deutschlands hatte die Trauer über den Tod seiner Frau im Jahr 1998 immer wieder öffentlich verarbeitet: in seinem Bestseller-Album „Mensch“, aber auch in zahlreichen Interviews, und noch im SPIEGEL-Gespräch im Februar 2003 hatte er freimütig bekannt: „Ich war immer eine nichtöffentliche Person. Durch den Tod meiner Frau bin ich jetzt genau das Gegenteil.“
Ja, was hat er denn da „freimütig bekannt“? Dass er eine öffentliche Person ist? Ja. Dass die Öffentlichkeit Anteil genommen hat am Schicksal seiner Familie? Gut möglich. Wenn Grönemeyer aber aus dieser Position permanente Kameraüberwachung für sich und sein Umfeld eingefordert haben sollte, so geht das aus dem Zitat (das betreffende Interview ist natürlich nicht frei verfügbar) aber in keiner Weise hervor. Außer, man interpretiert es herein, weil es einem gerade in den Kram passt.
Ein Spiegel-Online-Artikel kommt bekanntlich nur schwer ohne den Abgesang aufs Abendland auf den Qualitätsjournalismus aus, deshalb folgt dieser auf dem Fuße:
Künftig dürften auch Medien wie der SPIEGEL oder die „Süddeutsche Zeitung“ etwa in einem Feature über Tod und Trauer-Verarbeitung zwar über die ergreifenden Lieder von Grönemeyer berichten, aber nicht mit Bildern illustrieren, dass Trauer-Vorbild Grönemeyer seinen Schmerz offenbar überwunden hat.
Ja, Himmel, warum sollten sie denn auch? Erst einmal möchte ich denjenigen Leser sehen, der in einem Feature über Tod und Trauer-Verarbeitung Bilder von Herbert Grönemeyer und dessen Freundin erwartet. Er würde sich doch hoffentlich einen gut recherchierten und geschriebenen Text wünschen, wenn Betroffene oder Experten zu Wort kommen, sollten diese vielleicht mit einem Porträtfoto vorgestellt werden, damit man sich beim Lesen ein besseres Bild machen kann, und von mir aus kann man das „Feature“ (es könnte „Artikel“ oder „Text“ heißen, aber who cares?) noch mit Symbolbildern von Kreuzen, Sonnenuntergängen und Auen im Winter aufhübschen, wenn es denn unbedingt eye candy braucht. Ein Foto eines verwitweten Popmusikers mit seiner neuen Lebensgefährtin ist aber auch bei gewagtester Konstruktion sicher nicht das, was dem Feature noch zum Pulitzer-Preis gefehlt hätte.
Das perfideste ist aber nicht, dass Spiegel Online so einen Blödsinn einfordert. Das perfideste ist, wie die Leser auf die eigene Seite geholt und gegen die Betroffenen aufgebracht werden sollen:
Aber kann sich die Freundin oder Lebensgefährtin einer nationalen Berühmtheit wie Herbert Grönemeyer auch dagegen wehren, in eigentlich unverfänglichen Situationen abgebildet zu werden? Zumal wenn die Fotos in aller Öffentlichkeit aufgenommen wurden, einmal auf der Straße, das andere mal zwar im Café, aber gewissermaßen auf dem Präsentierteller sitzend hinter Glastüren, die zu einer Straße oder Passage weit geöffnet sind?
Was soll denn diese Wortwahl? „In eigentlich unverfänglichen Situationen“ – sollten es wenigstens abartige, kompromittierende Bilder sein, wenn diese lästigen Prominenten und ihre Partner, die ihr sog. Privatleben partout vor Spiegel Online und den anderen Klatschblätter geheimhalten wollen, schon dagegen vorgehen müssen? Soll jeder, in dessen Umfeld es jemanden gibt, der aufgrund seines Berufes in der Öffentlichkeit steht, in Zukunft zuhause bleiben, wenn er nicht in der „Bunten“ abgedruckt oder von Spiegel Online bloßgestellt werden will?
Ich bin kein Jurist, aber aufregen könnte ich mich da schon.

(Screenshot: tagesschau.de am 30. Juni 2006)
Eigentlich wollte ich das Bild ja erst am ersten Jahrestag des „Bitteren Viertelfinal-Aus“ posten, aber es scheint mir gerade so passend. Manchmal ist das aber auch wirklich eine Seuche mit den vorbereiteten Online-Inhalten, die sich selber ins Netz stellen und dann auch noch gesehen werden …
Wenn man sich selber zwei Mitbewohner aussuchen darf, deren einzige Voraussetzung man mit „Nichtraucher“ festlegt, sollte man sich nicht wundern, wenn man nach wenigen Wochen feststellt, dass man vor lauter Fokussierung auf das Nichtrauchen so Ausschlusskriterien wie „Einzelkinder“ („räumen nie auf und können nicht putzen“) übersehen hatte.
Wenn diese Mitbewohner aber zwei Jahre später ständig rauchend auf dem Balkon vor dem eigenen Zimmer stehen und einen so auch bei sommerlichem Wetter zum Geschlossenhalten der Fenster zwingen, dann hat entweder die Zigarettenindustrie erhebliche Erfolge bei der Akquirierung neuer Kundenschichten erzielt („Was für eine brillante Idee: unsere neue Zielgruppe sind die Nichtraucher!“) oder man muss sich vorwerfen lassen, in Sachen Menschenkenntnis irgendwie noch Nachholbedarf zu haben …
Liebes ZDF,
da macht Ihr schon mal eine neue Talkshow mit zwei Moderatoren, die ich nicht nur ertrage, sondern wirklich gut finde, und dann erfahre ich erst am Morgen nach der Ausstrahlung bei Spiegel Online davon, dass es diese Sendung überhaupt gegeben hat.
Wenn Ihr „Roche & Scobel“ jetzt wegen schlechter Quote einstellt, komme ich persönlich in Mainz vorbei und erklär Euch das mit der Werbung noch mal. So lange könntet Ihr mal überlegen, ob Ihr eine Talkshow, die live im Internet übertragen und erst danach im Fernsehen gezeigt wurde, nicht vielleicht auch anschließend in Eurer „ZDF-Mediathek“ zur Verfügung stellen solltet …
Ich beglückwünsche Euch zu diesem offensichtlich interessanten Sendekonzept und bitte um Benachrichtigung vor der zweiten Ausgabe.
Viele Grüße,
Lukas
Nachtrag 18. Juni, 13:05 Uhr: Wie uns das ZDF höchstselbst in den Kommentaren mitgeteilt hat, kann man die Sendung nun online schauen. Und zwar hier.
Uni-Seminare über Massenkultur haben den Vorteil, dass man sich „im Auftrag der Wissenschaft“ Fernsehserien anschauen kann, deren Kenntnis man ansonsten vehement abstreiten würde. Ich habe also die erste Folge von „Das Model und der Freak“ gesehen und geriet darüber in eine schwere Grübelei.
Das Konzept der Serie lautet: Zwei mir völlig unbekannte Models (Gottseidank, es ist ProSieben, da können es keine „Topmodels“ sein, denn das sind die Sieger von Heidi Klums Casting Show) sollen zwei „Freaks“ in „Topmänner“ verwandeln. „Freaks“, das sind in der Welt von ProSieben Leute, die Tennissocken, alte Sweatshirts und unmodische Frisuren tragen, an Computern herumschrauben und vielleicht auch noch bei ihrer Mutti wohnen. Vor wenigen Jahren, vor dem Siegeszug der Metrosexualität, hätte man sie schlicht „Männer“ genannt.
Diese Männer, die der Off-Sprecher mit ekelerregender Penetranz als „Freaks“ bezeichnet, werden zunächst ein bisschen öffentlich vorgeführt, dann machen die Models mit ihnen ein „Selbstbewusstseinstraining“, das jeder Heizungsmonteur glaubwürdiger hinbekommen hätte, und schließlich werden sie „umgestylt“.
Zugegeben: Nach ihren Friseurbesuchen sahen die beiden Kandidaten wirklich deutlich ansprechender aus und wirkten auch gleich ganz anders – eine Szene, die mich doch darüber nachdenken ließ, mein Gestrubbel auch mal wieder von denen richten zu lassen, die das können, was nur Friseure können. Möglicherweise war das, was man bei Tobias (21) und Thomas (27) sah, sogar echte Selbstsicherheit, die da plötzlich aufkeimte. Ich würde es ihnen wünschen, denn die beiden wirkten sehr sympathisch (und auch am Ende noch recht natürlich).
Zuvor hatten die beiden aber mehrfach meinen Beschützerinstinkt geweckt und in mir das Bedürfnis aufkommen lassen, den Zynismus dieser bunten Fernsehwelt zu geißeln. Was für eine „Moral“ soll das denn bitteschön sein, wenn junge Fernsehzuschauer, die gesellschaftlich aus was für Gründen auch immer außen stehen und die wir „Nerds“, „Geeks“ oder „Informatiker“ nennen wollen (ProSieben nennt sie bekanntlich „Freaks“), vermittelt bekommen, man müsse sich nur auf Kosten eines Fernsehsenders ein bisschen herausputzen lassen und schon lernt man die Frau fürs Leben kennen oder kann endlich von Mutti wegziehen?
Da mache ich gerne mal einen auf Evangelische Landeskirche, oder wie hauptberufliche Bedenkenträger sonst heißen, und stelle ein paar Vokabeln zur Selbstmontage einer lautstarken Empörung zur Verfügung: „zynisch“, „menschenverachtend“, „oberflächlich“, „innere Werte“, „materialistische Gesellschaft“, „geschmacklos“, „Gleichschaltung“, „öffentliche Zurschaustellung“, …
Im Ernst: Ich weiß nicht, was ich von dieser Sendung halten soll. Wenn sich die Kandidaten am Ende wirklich wohl in ihrer Haut und den fremden Klamotten fühlen, war es für sie vielleicht ein Erfolg. Andererseits besteht die Gefahr, dass man auch auf die optisch gerelaunchten Männer zeigen wird, wenn man sie in der Stadt erblickt, und sagen wird: „Mutti, sieh mal: Da ist der Freak aus dem Fernsehen!“ Die Aufmachung der Sendung ist mit „grenzwertig“ ganz gut charakterisiert und das (nicht mal neue) Konzept dahinter viel zu schwarz/weiß.
Ich bin jetzt Wir-Sind-Helden-Hören: „The geek shall inherit the earth“.
Das Misstrauen, das ich gegen jegliche Form von Generationenbezeichnung hege, wird nur noch von dem Misstrauen überboten, das ich Leuten entgegenbringe, die von der „Jugend von heute“ reden. Personen, die mir launig erzählen wollen, alle Menschen meiner Altersstufe seien beispielsweise gemeinschaftlich unhöflich, kann man natürlich nur schwer mit Argumenten kommen. Man kann aber (trotz heftigen Widerwillens) freundlich zu ihnen sein, was sie im Idealfall ihren verallgemeinernden Kulturpessimismus überdenken lässt.
Ich neige dazu, nicht anwesende Kinder und Jugendliche gegenüber älteren Menschen zu verteidigen – weil sie es gerade selbst nicht können und weil ich Jugendlichen durchaus noch eine gewisse Unreife zugestehe, die sich in unser beider Interesse am Tage ihres achtzehnten Geburtstags in Wohlgefallen auflösen möge. Und auch wenn ich es natürlich in keiner Weise gutheißen möchte, dass sich Minderjährige in der Öffentlichkeit bis zur Bewusstlosigkeit betrinken und die Flaschen, aus denen sie ihren billigen Rausch gesogen haben, danach auf Radwegen und Wiesen zertrümmern, bin ich doch zumindest milde überrascht über Kommunen, die Pressemeldungen wie diese veröffentlichen:

Nicht nur, dass das Wort „Alkohohl“ so ziemlich zum peinlichsten gehören dürfte, was einer Pressestelle passieren kann: Der ganze Beschluss wird natürlich auch nur dafür sorgen, dass die Jugendlichen ihrem Hobby nun nicht mehr im Stadtpark, sondern an anderen Orten frönen. Und im angetrunkenen Zustand von der Innenstadt-Kneipe nach hause zu kommen, ohne die zentrale Parkanlage zu betreten, dürfte viele auch vor logistische Schwierigkeiten stellen. Ich möchte darüberhinaus zu einem Ideenwettbewerb „Die schönsten Unarten, die Rücksicht auf Mitbürger vermissen lassen“ aufrufen.
Aber bei allem (möglicherweise reichlich naivem) Vertrauen in die Jugend und bei aller Ablehnung gegenüber den apokalyptischen Phantasien von Menschen, die Jugendkultur nur vom Wegdrücken im Fernsehen kennen: Die letzten Tage haben mich nachdenklich zurückgelassen.
Und jetzt fragt der aufmerksame Leser: „Wieso haben Sie denn das unschuldige Mädchen, das nur eine Verschönerung der hässlichen U‑Bahn vornehmen wollte, so denkbar schroff behandelt, nicht aber die beiden Gruppen zukünftiger Rauschgiftabhängiger?“
„Tja“, werde ich antworten, „Sachbeschädigung gehört für mich nicht zu den Dingen, die man als Jugendlicher mal ausprobiert haben sollte, um seinen Körper besser kennen zu lernen. Und was mit den Lebern und Lungen der anderen ist, kann uns in dem Moment doch reichlich egal sein.“
„Na, das ist aber eine ziemlich egoistische Einstellung.“
Stimmt.