“Bleich wie Mozzarella-Käse”
Von Lukas Heinser am Freitag, 8. Juni 2007 20:23
Kategorie: Living In A Magazine
Willkommen auf der Coffee-And-TV-Journalistenschule. Heute lernen wir, wie man eine Gerichtsreportage schreibt.
Wichtig für jede Reportage ist, dass man dem Leser ein genaues Bild von dem vermittelt, worüber man schreibt. Berichten Sie von Details und probieren Sie einfach mal aus, wie viele Adjektive man in einen Satz quetschen kann:
Der Mann, der da nervös zitternd auf dem hochmodernen, ergonomischen Anklagestuhl sitzt, war mal der bekannteste, erfolgreichste Plattenproduzent der Welt.
Bitte beachten Sie: eine Gerichtsreportage ist eigentlich schon Literatur. Bringen Sie ruhig auch mal Vergleiche, die auf den ersten Blick etwas abseitig wirken, und schrecken Sie auch vor eigenen Interpretationen nicht zurück.
Seine Haut ist so bleich wie Mozzarella-Käse, im selben Ton wie die schenkellange Frackjacke, die er ab und zu trägt.
oder
Seine Miene, in der sich Angst, Verachtung und Bedrohung spiegeln, gleicht der eines verlorenen Kindes.
sind tolle Beispiele dafür. Das letzte zeigt darüber hinaus, dass man ruhig auch mal drei gewichtige Worte hintereinander aufreihen kann.
Wenn Sie fremdsprachliche Begriffe verwenden, scheuen Sie sich nicht, diesen überraschende deutsche Artikel zu verpassen:
(wobei er sich mit Paul McCartney überwarf, der den “Wall of Sound” hasste)
Gerichtsprozesse sind in der Regel langweilig. Schreiben Sie ein paar Sätze ganz ohne Verben, das suggeriert Action und Spannung:
Das “Castle Pyrenées”, Spectors Burgverschnitt auf einer Hügelkuppe. Eine Tür. Das kitschige Foyer. Clarksons Leiche, in einen Stuhl gesackt.
Ziehen Sie Parallelismen über so viele Absätze, dass auch der geübte Leser den Zusammenhang verliert. Er wird Ihren Artikel mehrmals lesen müssen und ihn so besser in Erinnerung behalten. Niemand versteht einen einzeln stehenden Absatz wie
Oder selbst den Chef-Ermittler Lillienfeld, der die blutverschmierte Tatwaffe im Gerichtssaal vorzeigt und berichtet, im Stuhl neben der Toten habe eine Aktentasche mit den Initialen “PS” gelegen. Inhalt: diverse Tabletten, darunter “Hallo-Wach”-Pillen und ein Viagra.
auf Anhieb, aber das weckt die Neugier des Lesers.
Lassen Sie dem Leser bei aller Detailfreude auch Raum für eigene Interpretationen. Formulieren Sie Sätze, deren Inhalt verschiedenes bedeuten kann:
Weiter rechts sitzt AP-Gerichtsreporterin Linda Deutsch, die Spector jovial-schelmisch begrüßt: “Sie sehen heute so elegant aus.”
Bilden Sie darüberhinaus auch mal einen Satz, den man stundenlang drehen und wenden kann, ohne ihn zu verstehen. Der Neid der Kollegen ist Ihnen sicher:
Das Musikmagazin “Rolling Stone” zählte Spector noch 2004 zu den “100 großartigsten Künstlern aller Zeiten”.
Wenn Sie diese einfachen Regeln befolgen, werden Sie bald schon fantastische Gerichtsreportagen schreiben können, die dann auch bei Spiegel Online veröffentlicht werden.
Nachtrag 11. Juni, 17:34 Uhr: Was mir erst gerade aufgefallen ist: Mozzarella-Käse?
Sonntag, 10. Juni 2007 23:25
Genaugenommen war Spector in den Jahren 1998, 1999 und 2004 einer der großartigsten Künstler aller Zeiten. In den Jahren 2000 bis 2003 war er nur einer der großartigsten Künstler des frühen Vorabends, vor 1997 allerdings bereits einer der großartigsten Künstler der Zeit zwischen dem Aufstehen und dem Duschen.
Sonntag, 10. Juni 2007 23:50
Und um noch einen draufzusetzen, gab es einen (dann hastig korrigierten) Rechtschreibfehler, der tief blicken lässt: http://wortvogel.de/?p=281
Montag, 11. Juni 2007 0:29
“John McCartney” macht den Kohl eigentlich auch nicht mehr fett. Aber es ist natürlich ein schönes Sahnehäubchen, um auch noch mal im Garten der Essens-Metaphern zu wildern.
Montag, 11. Juni 2007 18:02
Bei aller backfischhaften Vorfreude
auf den heutigen Abend mit Apples neuestem Technokram, muss noch kurz für etwas anderes Zeit sein: Lukas nimmt auf Coffee And TV sehr gekonnt den SpOn Artikel über Phil Spector auseinander. Wobei ich noch anmerken muss, daß mir die &Uum…
Montag, 11. Juni 2007 19:06
Der “Mozzarella-Käse”, der dem SPIEGEL-Schreiber vermutlich das ist, was meiner Oma selig die “Jeanshose” war, ist noch nicht alles: “Seine Haut ist . . . im selben Ton (bleich) wie seine Frackjacke.” Wie, bitte, spiegelt sich “Bedrohung” (also die Ankündigung bzw. Androhung “von Unheil und Gewalt”, um den Wahrig zu zitieren) in der Miene eines Menschen? Daß Clarksons Leiche “in einen Stuhl gesackt” ist, möchte man sich erstens lieber nicht vorstellen und beruht zweitens auf einem anfängerhaften Übersetzungsfehler: “in a chair” heißt “in einem Sessel”; “on a chair” hieße “auf einem Stuhl”. “Im Stuhl neben der Toten” lag eine Aktentasche? Igitt. “John McCartney” ist da nur noch das Tüpfelchen auf dem I. Aber wenn Du damit anfängst, SPON sprachlich, stilistisch etc. auseinanderzunehmen, wirst Du bald keine Zeit mehr für was anderes haben. Diese grottige, fehlerstrotzende Halbalphabetenschreibe ist bei denen inzwischen an der Tagesordnung, um nicht zu sagen: der Normalfall.
Dienstag, 12. Juni 2007 13:49
Herrlich!
Ich kann der scream-queen nur beipflichten, Spiegel online ist häufig unerträglich zu lesen.
Mittwoch, 20. Juni 2007 2:41
Keine seriöse Presse ohne kaffeetrinkende Rockstar-Freundinnen
Es ist natürlich reiner Zufall, dass am gleichen Tag, an dem auf ProSieben eine Serie startet, die eine C-Prominente und ihren Verlobten auf dem Wege zur Hochzeitsvorbereitungen zeigen (und die in der ersten Live-Hochzeit im deutschen Fernsehen münde…